„Sehen Sie, Fräulein Judith,“ begann er, und auf der sonst so frischen

Stimme lag es wie ein Schleier, „seitdem ich hier bin, habe ich das

wärmste Interesse für Sie gehabt; ich betrübte mich, wenn Sie so steif

dasaßen, und freute mich, wenn Sie lachten, und dachte schon am ersten

Abend: ‚Was müßte das eine Freude sein, Sie so vergnügt zu machen, wie

andere junge Mädchen sind. Sie glauben es nicht, wie ich glücklich

war, als Sie nach und nach freier, frischer und unbefangener wurden; es

reizte mich, immer mehr dazu zu helfen. Als ich Sie gestern Abend zu

dem Tanz überredet hatte, glaubte ich über jede Schwierigkeit hinweg

zu sein; ich dachte mir, ich wollte Sie durchs Leben führen und lauter

Sonnenschein um Sie verbreiten, und ich sah Sie schon vor meinen

Augen, Sie, die ich liebe wie niemand sonst, so schön, so fröhlich, so

glücklich und beglückend, wie es Gott ursprünglich in Ihre Natur gelegt

hat; o Judith, ich dachte, wir wären schon so weit! Da faßte mich ein

innerer Sturm vor Freude; ich mußte jauchzen; ich mußte Sie in die Luft

schwingen. O Judith, liebe Judith, können Sie mir jetzt verzeihen?“

Sie ging neben ihm, der große Mousselinhut beschattete ihr Gesicht,

doch sah Georg, daß sie sich mit dem Tuche einen Tropfen von den

Wimpern wischte; aber er wußte nicht, was ihm derselbe bedeutete,

nicht, daß es die Worte waren: „Sie, die ich liebe wie niemand sonst“,

welche ihr das Herz so bewegten.

„Judith, sagen Sie mir nur ein Wort, nur, daß Sie nicht mehr böse sind,

nur, daß ich ein klein wenig hoffen darf! Sehen Sie“, fuhr er auf

einmal, mehr in seinem alten, heiteren Tone fort, „ich hab’ so nötig

jemanden, der mich zieht, denn ich bin ein Wildfang, Sie aber sind so

verständig! Reizt Sie die Aufgabe nicht, liebe Judith, mich zu bessern?“

Sie schwieg noch immer; er fuhr fort: „Ich weiß, ich müßte diese

Dinge ernster sagen, aber Gott allein weiß, wie ernst sie mir sind;

er weiß auch, daß ich mich auf seinen Beistand verlasse, wenn ich

Ihnen verspreche: Ich will Ihnen ein treuer Gefährte sein! Jetzt,

Judith, wenn Sie nicht sprechen wollen, geben Sie mir Ihren kleinen

Blumenstrauß!“

Zagend reichte sie ihm denselben; sie schlug die Augen auf dabei; es

waren Thränen darin, aber ein Strahl von Glück verklärte sie.

Sie sahen jetzt die anderen sich entgegenkommen. Georg umarmte seine

Tante: „Sie ist wieder gut; ach, Tante!“

„Na, Junge, erdrück’ mich nicht; ich bin zu alt, um durch die Luft

geschwungen zu werden!“

Es ging nun alles seinen natürlichen Gang. Während Judith und Martha

eine sehr bewegte Unterhaltung hatten, schüttete Georg seinem Vater

sein Herz aus und erstaunte sehr, daß dieser über seine Mitteilungen so

wenig überrascht war; dann eilte er nach Ragatz zu Frau v. Märzfeld,

und als diese am Nachmittag mit ihrem Brautpaar herüberkam, wurden die

neuen Verlobten der erstaunten Badegesellschaft vorgestellt, zugleich

aber auch bestimmt, daß Judith, Martha und Fanny anderen Morgens

mit nach Ragatz übersiedeln sollten, was der Mutter mit Recht nun

angemessen zu sein schien.

„Ich dacht’ halt schon gestern“, sagte der Bayer, „’s ist schad’, daß

sie nit seine Braut ist; wir meinen, es bringt Glück, wenn einer die

Seinige recht hoch schwingt.“

Der Abschied von Pfäffers wurde allen schwer, aber doch sehr

erleichtert durch die Aussicht, daß der General mit seinem Sohne,

die Präsidentin mit ihrer Friedericke in den nächsten Tagen ihnen

nachfolgen wollten.

Martha freute sich von ganzem Herzen über Judiths wie über Luciens

Glück, wenn auch Stunden kamen, wo sie sehr die Sehnsuchtsgedanken nach

Siegfried bekämpfen mußte. Glücklicherweise blieb ihr nicht viel Zeit

dazu; denn da jetzt Fannys Leitung und Beaufsichtigung wieder allein

in ihrer Hand lag und Frau v. Märzfeld für die vielen Überlegungen und

Besorgungen, welche diese Doppelverlobung mit sich brachte, nur an

ihr eine Stütze fand, waren ihre Kraft und Zeit reichlich in Anspruch

genommen. Ihre Stellung in der Familie war eine ganz andere geworden;

die Liebe ihrer Töchter zu der jungen Erzieherin, die freieren und

billigen Ansichten der Schwiegersöhne über die Stellung derselben, das

Beispiel des Generals und der Präsidentin wirkten mildernd auf Frau v.

Märzfelds Benehmen, und obwohl Martha mit richtigem Takte die äußere

respektvolle Form festhielt, war doch ihre Stellung zur ganzen Familie

mehr die einer lieben, nahen Verwandten, als einer Untergebenen. In den

wenigen Wochen, welche für den Aufenthalt in der Schweiz noch bestimmt

waren, wurden nun noch fleißig hübsche Ausflüge gemacht, teils zu

Wagen, teils per Bahn; da jetzt Fanny nicht mehr zu schwach dazu war,

nahmen alle daran Teil, und so bekam Martha nach und nach ein schönes

Stückchen Schweiz zu sehen; ja, auf der Heimreise rastete man auch in

Heidelberg einige Tage, welches von Kind auf das Ziel ihrer Sehnsucht

gewesen war.

* * * * *

Nach der Heimkehr oder vielmehr schon auf der Heimreise gab es

ernstliche Beratungen darüber, was mit Fanny, die jetzt fast als

genesen anzusehen war, weiter werden sollte. Graf T. und der General,

die sie am unbefangensten beobachtet hatten, rieten sehr dazu, sie bald

in eine Erziehungsanstalt zu bringen mit anderen Kindern zusammen; sie

müsse das Glück gemeinsamer Arbeit und gemeinsamer Erholung kennen

lernen und dürfe nicht mehr, wie bisher, der Mittelpunkt des Hauses

sein.

Die Frau Präsidentin schlug vor, sie in dieselbe Pension in der Nähe

von Dresden zu bringen, in welcher Friedericke schon einige Jahre

war. Dies schien allen vernünftig und gut zu sein und man beschloß,

Martha solle sie den Winter über durch gründlicheren Unterricht auf den

Eintritt in dieselbe vorbereiten.

Frau v. Märzfeld bot dieser an, dann als Gesellschafterin bei ihr zu

bleiben, aber Martha schlug das freundlich dankend ab. Sie hatte schon

jetzt immer gefürchtet, sich ihrem speziellen Berufe durch die freiere

Behandlung Fannys zu entfremden; verließ sie diese, so war es ihr klar,

daß sie sich umsehen mußte nach einer Schulstelle.

Während sie mit Fanny fleißig arbeitete und an den kleineren

Geselligkeiten des Hauses jetzt gern Anteil nahm, wurden allerlei

Briefe und Zeitungsannoncen ausgesandt, und schon vor dem neuen Jahre

wurde ihr die Stelle, auf der wir sie im Anfange unserer Erzählung

fanden, zugesagt.

Sie konnte nur mit warmer Dankbarkeit aus dem Hause der Frau v.

Märzfeld scheiden. Wie schwer war es zuerst, wie leicht wurde es dann!

Wie schien erst alles so kalt, und nun fühlte sie sich so warm von

Freundschaft und Liebe umgeben!

Ihre Thränen flossen, auch die Thränen der anderen, als sie Abschied

nahm; aber sie traute fest darauf in ihrem Herzen, daß Gott sie auch

in der neuen Lebenslage an seiner Hand führen werde, und sagte leise

und getrost, als sie einsam dahinfuhr und die lieben Gesichter, die sie

zum Bahnhof begleitet, ihren Augen entschwanden: „In Gottes Namen!“

11.

Auf eigenen Füßen.

Ja, was hätte das arme, junge Mädchen wohl anfangen sollen, wenn sie

nicht ihre Zuversicht auf ihren Vater im Himmel gesetzt hätte? Sie

machte sich jetzt keine Illusionen mehr, sie wußte, daß die neue Lage

große Schwierigkeiten mit sich brachte. Zum erstenmale trat sie nicht

in eine fremde Häuslichkeit als Mitglied ein, zum erstenmale sollte sie

des unmittelbaren Schutzes entbehren!

Das Leben im Märzfeldschen Hause war in den Außendingen dem sehr

ähnlich gewesen, das sie im elterlichen Hause geführt hatte; da war

nie ein Mangel an Speise und Trank; da war sie so gestellt, daß sie

sich ohne Sorgen anständige Kleidung und nebenbei manch gutes Buch

anschaffen konnte; die ganze Umgebung war fein und nett; ja, sie war

jetzt wieder verwöhnt, recht sehr verwöhnt! Würde sie es lernen, mit

ihrem kleinen Gehalte anständig auszukommen?

Ihr erster Weg war zum Direktor der Schule; er empfing sie ernst und

würdevoll, aber teilnehmend. Als sie ihn um seinen Rat wegen ihrer

künftigen Wohnung bat, hatte er sie an Fräulein Klug gewiesen, und

obgleich dieselbe ihr zuerst mehr schroff als herzlich entgegengekommen

war, hatte doch das Bedürfnis nach irgendeinem Anschlusse gesiegt: sie

war mit der alten Kollegin in eine Etage gezogen, und wir haben schon

gesehen, wie sehr dies zum Besten der beiden Beteiligten war.

Auch in der Schule gab es anfangs große Schwierigkeiten. Sie hatte

sich gewöhnt, auf die Eigentümlichkeit ihrer Schülerin die größte

Rücksicht zu nehmen, und hätte dies gern fortgesetzt; wenn aber so

viele verschieden angelegte Kinder ein Klassenziel erreichen sollten,

war dies nur in beschränktem Maße möglich; der Direktor mußte sich

einmischen und sie auf geordnetere Bahnen weisen, und der Martha

erschien es, wenn sie ihm folgen mußte, als gäbe sie ihr Allerbestes

auf! Sie machte auch gern im Unterrichte Exkursionen, zog das

Interessante und Anregende dem unbedingt Nötigen vor und kam dann ins

Gedränge mit ihrem Lehrstoff. Da gab es manche Reibung, manches innere

und äußere Unglück, bis ein unausgesprochenes Übereinkommen zustande

kam, indem Martha einsah, daß in einem so großen, gut organisierten

Ganzen der einzelne sich unterordnen muß, wenn es auch mit manchem

Opfer geschieht, und der Direktor dagegen, als er Marthas beglückenden,

erziehenden Einfluß auf ihre jungen Schülerinnen sah, ihr so viel

Freiheit gewährte, als es sich mit seiner Schulordnung irgendwie

vertrug.

All’ diese Erfahrungen ihres jungen und doch so wechselvollen Lebens

gingen an ihrem Geistesauge vorüber, als sie am Weihnachtsabend dem

Verglimmen der Lichte am Tannenbaume zusah. Wie viel hatte sie erlebt,

seitdem sie mit Siegfried im Hause der Eltern das Weihnachtslied der

Urgroßmutter gesungen! Oft, oft hatte sie dies Lied seitdem gelesen,

gesungen hatte sie es nie mehr; es war ihr immer gewesen, als ginge

das nicht ohne ihn. Ja, sie hatte hindurch gemußt durch Armut, durch

Leid, durch Niedrigkeit; sie hatte an des Todes Pforten gestanden, als

ihre Lieben hindurchgegangen waren; aber überall hatte Gottes Hand sie

gehalten und zärtlich wie eine Mutter sie durch die schwersten Stunden

geführt. Aus jeder schweren Lebenslage war ihr ein Gewinn geblieben,

viel Liebe und Freundschaft, das hatte sie in diesen Tagen erfahren.

Dort lagen unterm Spiegel die Briefe ihrer Lieben; dort im Wandschranke

waren die Schätze aufgespeichert, die Judith ihr aus ihrer Wirtschaft

geschickt; dort in dem kleinen Kasten lagen Fannys und Luciens feine

Arbeiten; dort sah sie auch auf Suschens letzten glücklichen Brief

nach der Geburt ihres ersten Kindchens; und so reich und schön dies

alles war, der innere Gewinn war doch noch größer. Die Sehnsucht kam

wohl nach ihrem Siegfried, die Sorge: „Werde ich durchkommen? Wie wird

es mir gehen, wenn ich alt und gebrechlich werde wie Fräulein Klug?“

Aber nein! sie wollte nicht zittern und zagen, sie wollte sich und

Siegfried fest in die Vaterhand legen, die den eingebornen Sohn aus

Liebe uns geschenkt. Ja, heute, heute konnte sie, heute wollte sie das

Lied der Urgroßmutter wieder singen; sie öffnete das Instrument und

sang mit voller, klarer Stimme:

Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht,

Die uns das höchste Gut gebracht:

Dich, Gottessohn, dich, Königskind,

Das man im Stall und Kripplein find’t.

Schluß.

Einige Stunden früher schleppte sich der Kurierzug nach B. durch die

verschneite Landschaft. Er machte seinem Namen heute wenig Ehre; zu

gewaltig fielen die Schneemassen, zu heftig jagte sie der Wind in die

Hohlwege, welche der Zug passieren mußte. So lange man durchs offene

Land fuhr, konnten Kolonnen von Arbeitern die Schienen leidlich vom

Schnee befreien, und wenn es auch viel langsamer ging als sonst und

die Stationszeiten nirgends eingehalten werden konnten -- es ging doch

vorwärts!

In einem Coupé zweiter Klasse saß ein Herr mit noch jungem aber

ernstem und gebräuntem Angesichte, das fast traurig in den Schneesturm

hinausblickte, der seine kleinen, feinen Krystallsternchen so gegen das

Fenster warf, daß man nur in einzelnen, seltenen Pausen einen Ausblick

auf die Umgebung bekam; er zeigte auch nichts weiter, als ein großes

weiß-graues Tuch, welches Häuser, Bäume, Felder und jede Ungleichheit

des Terrains verhüllte und verdeckte. Die Wagen waren geheizt, aber

man merkte nichts davon; der eisige Sturm drang durch alle Ritzen, und

zwei Jünglinge, dem Pelzumhüllten gegenüber, schlugen mit den Armen

übereinander, um sich zu erwärmen.

„Ob wir heute noch nachhause kommen, Alfred?“

„Wollen’s hoffen“, entgegnete der Gefragte; „es wäre ungemütlich, den

Abend im Schnee zu verbringen statt unter dem Weihnachtsbaum.“

Der Ältere sah nach seiner Uhr: „Es ist schon fast zwei Stunden über

die Zeit, auf dem Bahnhofe kann wohl niemand mehr sein.“

Da ertönte ein schriller Pfiff -- Stationslichter -- der Schaffner

öffnet die Thür: „N., Aussteigen!“

Mit einem Satz, die bunten Studentenmützen fröhlich lüftend, waren die

beiden Jünglinge draußen; man sah zwei vermummte Mädchengestalten und

einen etwa zehnjährigen Knaben.

„Fritz, Elisabeth, Julchen, ihr alle hier? Na, kommt nur schnell

nachhause! Da ist auch Heinrich mit dem Schlitten!“ Die Thür flog zu,

der Zug dampfte weiter.

Der Reisende in der Ecke seufzte schwer: „Nachhause! Die Glücklichen

gehen nachhause! O, wo ist mein Zuhause auf der ganzen weiten Welt?“

Heute vor fünf Jahren da hatte er zum letztenmal ein Zuhause gehabt;

nicht bei Vater und Mutter, die lagen schon lange unterm Rasen, aber

bei ihr; sie hatten zusammen unter dem brennenden Baum gestanden,

sie hatten geträumt von einer süßen, gemeinsamen Heimat -- und schon

am anderen Morgen war alles zusammengebrochen! Als sich seine heißen

Wünsche nicht gleich erfüllt hatten, da war er fortgestürmt in die

Ferne ohne Abschied, Zorn und Stolz im Herzen und hochfliegende

Hoffnungen und Erwartungen auf Glück und Reichtum. Übers Weltmeer war

er gezogen, dort in Missouri wußte er eine Thür, daran durfte er nur

klopfen, damit Fortuna ihr Füllhorn über ihn ausgoß; dort lebte der

einsame Oheim, der sich nach seiner Hilfe und Gesellschaft sehnte und

den er beerben sollte.

Nach mancherlei Fährlichkeiten zu Wasser und zu Lande stand er vor dem

stattlichen Hause; der Oheim war ausgegangen; ein frisches, junges

Weib, mit einem lustigen, kleinen Buben auf dem Arm, empfing ihn.

Sie war nicht herzlos, nicht unfreundlich, auch der Oheim, als er

heimkehrte, war es nicht; aber daß sich seine Aussichten hier völlig

verändert hatten, das brauchte ihm ja niemand zu sagen.

Der Onkel hatte ihm unter die Arme greifen, ihm die Wege ebnen wollen

zum Vorwärtskommen; er hatte alles in seinem Hochmut abgelehnt und

sich auf seine eigene Kraft verlassen. Er wurde bald inne, daß er etwas

Schweres unternommen hatte; er suchte eine Stelle als Landwirt --

man bot ihm Knechtsarbeit; er wollte als Kaufmann auf einem Comptoir

arbeiten -- und fand keine Stelle.

Da kam die Not. Sein kleines väterliches Vermögen war ihm im Vaterlande

sichergestellt, daran konnte und wollte er nicht rühren; an seinen

väterlichen Freund zu schreiben, konnte er sich nicht entschließen; da

ging es tief hinunter mit seinen hohen Gedanken.

Monatelang hatte er als Arbeitsmann sein Brot verdient, dann war er

Sprachlehrer gewesen; er hatte sein Leben kärglich gefristet; aber

erworben, irgendetwas erworben, das er ihr bieten konnte, das hatte er

nicht.

Darum schrieb er ihr nicht; was sollte er ihr schreiben? In einer

elenden Nacht, da sein ganzes Geschick sehr dunkel vor ihm lag, und

ihres auch, da wurde es ihm klar: „Mit Sorgen und mit Grämen und mit

selbst eig’ner Pein läßt Gott ihm gar nichts nehmen, es muß erbeten

sein!“

Und er lernte wieder beten; das verirrte Kind klopfte an des rechten

Vaters Thür und der Vater that ihm auf und tröstete ihn.

Er war mit einem Deutschen zusammengekommen, der hatte ein herrliches

Grundstück für ein industrielles Unternehmen und ein großes Kapital

zum Anfang; aber ihm fehlte, was Siegfried besaß: Intelligenz,

Kenntnisse, Thatkraft. Er bot eine namhafte Summe, wenn dieser ihm sein

Geschäft in Gang bringen wolle, und fortdauernden Anteil am Gewinn.

Das Unternehmen gelang; sowie dies sich zeigte, hatte Siegfried an sie

geschrieben, an seine Martha; er erhielt keine Antwort.

„Sie wollen ihr den Brief nicht zeigen“, dachte er, und als nach einem

Vierteljahre keine Antwort kam, schrieb er noch einmal, diesmal an den

Vater; wieder lange, lange keine Antwort. Endlich kam der Brief zurück:

„Adressat seit Jahren tot, Angehörige verzogen.“

O Gott, wie wurde nun sein Herz so schwer! Sobald sich’s thun ließ,

ging er nach Newyork, um dort womöglich Landsleute zu treffen; es

gelang ihm; sie brachten die Schreckenskunde vom Konkurs und dem gleich

darauf erfolgten Tode des Kommerzienrats; aber niemand, niemand wußte,

wo die Seinigen geblieben waren.

Welche Qual! Er schrieb an den Onkel Konsul und erfuhr auch dessen Tod.

Wie lang, wie endlos lang wurde ihm das Jahr, das er durchaus noch in

Amerika verleben mußte, wenn das Unternehmen in sicheren Gang kommen

sollte!

Nun war er in der Heimat, bei ungünstiger Jahreszeit in Sturm und

Wetter herübergefahren, und schon wochenlang irrte er umher und suchte

sie, ohne eine Spur von ihr entdeckt zu haben. Auf der Post wußte

man nichts mehr von ihrer Adresse; die Angehörigen des Onkel Konsul

waren nach dem Süden gezogen; entferntere Bekannte erinnerten sich, in

irgendeiner Zeitung die Todesnachricht der Frau Feldwart gelesen zu

haben; sie wußten nicht mehr, wann und woher, und die Zeitung fand sich

nicht. Das war ihm gewiß: er mußte in der Heimat bleiben, mußte seine

Nachforschungen fortsetzen; es mußte ja möglich sein, sie zu finden;

wenn es gar nicht anders ging, durchs Einrücken in die Blätter.

Ach, wenn er doch damals in seinem Hochmut nicht fortgegangen wäre!

Wie viel hätte er der Verlassenen sein können! Es konnte aber länger

dauern, bis er sie fand, und er wollte sich einen Wirkungskreis

schaffen, um nicht müßig zu sein, und hatte sich hier und da ein

Besitztum angesehen, das seinen Mitteln und Ansprüchen entsprach.

So verlassen, so betrübt, so voll Sehnsucht hatte er sich noch nie

gefühlt wie heute; zum erstenmale kam ihm der Gedanke, sie könne

gestorben sein oder -- was war schlimmer? verheiratet. Er dachte daran:

„Es ist ja Weihnachten!“ Es fiel ihm der Engelgruß ein: „Siehe, ich

verkündige euch große Freude!“ Ach, in seinem Herzen da war nur Leid;

er bat den lieben Gott um einen Brosamen von der Freudenfülle, die

sich heute über die ganze Welt ergoß, und sein Herz wurde stiller und

ergebener, wenn es auch eben noch nicht fröhlich wurde.

Der Bahnzug fuhr jetzt langsam an einer kleinen Station vorüber; hier

hielten die Kurierzüge nicht an, es ging weiter in die Nacht hinein.

Da auf einmal ging es langsam, immer, immer langsamer; man sah an

den Seiten schwarze, vermummte Gestalten mit Laternen und Schaufeln

arbeiten; man hörte durch den Sturm hindurch die Unterhaltung der

Schaffner mit den Leuten. Aber alle Anstrengungen waren vergeblich;

immer höher baute sich die Mauer im Hohlwege, die der Zug nicht

durchbrechen konnte; sollte er nicht ganz darunter begraben werden,

mußte man zurückkehren zu der kleinen Station; es geschah.

Frierend stieg der Reisende aus und wollte eben in die Restauration

treten, da klang es durch den Sturm wie Glockengeläute und durch das

Schneetreiben schimmerte es auf einem nahen Hügel wie erleuchtete

Fenster.

„Ist hier Christvesper?“ fragte er.

„Ja wohl, unsere Kinder wollen eben hin.“

Der Reisende fror, er hätte sich gern erst gewärmt, aber eine deutsche

Christvesper -- die heimelte ihn gar zu sehr an. Ach ja, es ward

ihm auch innerlich warm und wohl, als er mitsingen durfte: „Dies

ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit!“

Er schmeckte den süßen Trost für alles Weh, der in der himmlischen

Freudenbotschaft lag; aber er betete, betete aus vollem Herzen,

Gott wolle ihm die wiederschenken, die vor fünf Jahren die letzte

Christvesper neben ihm gefeiert.

Siegfried, siehst du sie nicht, die schlanke Gestalt, die gar nicht

weit von dir neben dem Pfeiler sich über ihr Gesangbuch beugt? Nein,

er sah sie nicht; sie kehrte ihm den Rücken, und ihre weiße Capote

verhüllte den jugendlichen Kopf.

Als die Christvesper zu Ende war, trat er in ein Gasthaus, um sich zu

erwärmen und etwas Speise zu sich zu nehmen; wenige Reisende fand er

hier -- sie waren heute alle zuhause!

Eine Stunde verging in gleichgültiger Unterhaltung; Siegfried trat ans

Fenster: es hatte sich schon während des Gottesdienstes aufgehellt,

jetzt war es völlig still. Er wollte nach dem Bahnhofe und sich

erkundigen nach der Weiterreise. Ein schriller Pfiff der Lokomotive

machte es ihm wahrscheinlich, daß es die höchste Zeit sei.

„Ist hier der nächste Weg nach dem Bahnhofe?“ fragte er eine

vorübereilende Frau.

„Nein, gehen Sie hier durch die Schustergasse, das ist näher!“

Er ging weiter, aber er ging wie im Traum; er war mit seinen Gedanken

bei dem Weihnachtsabend vor fünf Jahren; er dachte an Urgroßmutters

Weihnachtslied: „Du wurdest arm, daß ich würd’ reich; nun gilt mir arm

und reich sein gleich.“ Das wußte er noch, denn daran hatte er damals

seinen Antrag geknüpft. O, wie wünschte er, das ganze Lied noch zu

können, jetzt könnte er’s mit anderem Sinne singen!

Was war das? War es eine Geisterstimme? Hoch über ihm klang’s herab,

und ach, mit welcher Stimme: „Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht, die uns

das höchste Gut gebracht; dich Gottessohn, dich Königskind, das man im

Stall und Kripplein find’t.“

Einen Augenblick stand er wie in einen Traum versunken, dann kam

Bewußtsein und Bewegung.

„Wer singt da?“ fragte er einen Schusterjungen, der eilends

vorüberlief, um noch Schuhe wegzutragen, die beschert werden sollten.

„Es wird die neue Lehrerin, die Fräulein Feldwart, sein!“

Ach, da war im Nu der Fremde im Hause verschwunden; unten im Flur

brannte ein trübes Lämpchen, das ihm die Treppe zeigte. Er wollte

sehr leise hinaufgehen, aber oben war kein Licht; er trat fehl und die

Stufen knarrten. Martha brach mitten im zweiten Vers ab und öffnete die

Thür.

Fast erschrocken stand sie dem Manne im Reisepelz gegenüber; vorsichtig

und schüchtern trat er näher.

„Erschrecken Sie nicht, Martha, es ist ein alter, treuer Freund!“

Ach, jetzt wußte sie, wer es war, jetzt hielt er sie umschlungen und

mußte sie halten, damit sie nicht umsank, und dann hörte man lange,

lange nichts anderes als leises Schluchzen; ja, dies Weihnachtsgeschenk

war so groß, daß es das schwache Herz nicht gleich fassen konnte.

Aber dann tauschten sie ihre Erlebnisse aus, erst abgerissen und dann

zusammenhängender, und sahen sich dabei an und fanden, daß wohl etwas

von der Rundung und dem Schmelz der ersten Jugend aus den Zügen fort

war, aber dafür etwas darin, was viel, viel schöner war; und die alte

Liebe und Treue, die war geblieben, und daran hatten sie beide niemals

gezweifelt.

„Und wo kommst du heute her, Siegfried?“

„Aus einem kleinen Orte, den du wohl kaum kennst, aus Weißfeld. Der

Amtmann dort hat sich in Schlesien ein größeres Gut gekauft und will

Weißfeld verkaufen; ich habe Lust, den Kauf abzuschließen; es gefiel

mir dort gar manches.“

„Was gefiel dir, Siegfried?“ fragte Martha mit strahlenden Augen.

„Ach, es führte mich eine alte, krumme Frau herum; das war ein

prächtiges altes Geschöpf; ich dachte mir’s so schön, die bis zum Tode

zu pflegen. Und dann, Martha -- ach, es ist fast ein bißchen sonderbar

-- aber du wirst es verstehen; es war da ein kleiner eiserner Tisch

und eine Bibel darauf, und die Alte sagte, es rühre von einer früheren

Besitzerin her, die habe gewünscht, daß es so bleiben möchte, das

brächte dem Gute Segen. Das gefiel mir auch!“

Er wunderte sich, als er ihr Gesicht von Thränen überströmt sah.

„O Urgroßmutter! Urgroßmutter!“ rief sie aus.

Da war denn Siegfried voll Erstaunen, als er den Zusammenhang erfuhr.

„Ja“, sagte Martha, „‚denen, die mich lieben und meine Gebote halten,

thue ich wohl bis ins tausendste Glied!‘ Das ist gewißlich wahr!

O Siegfried! Siegfried! Es ist ein Zusammenhang da zwischen dem

Betschemel der Urgroßmutter und dem Glück ihrer Urenkelin!“

Siegfried war auch bewegt.

„Das ist ein schöner Gedanke, aber auch ein ernster und

verantwortungsvoller“, sagte er, „wenn man sich als ein Glied in einer

so großen Kette betrachtet, beeinflußt von der Vergangenheit und weiter

wirkend in die Zukunft hinein.“

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 14 / 15 段