aber sein Aufenthalt war nur kurz gewesen -- „und“, sagte Martha, „die
Urgroßmutter hat uns gewiß selbst wieder zusammenführen wollen durch
ihr Weihnachtslied.“
„Wie wird sich Suschen, mein liebes Suschen freuen, wenn ich dort
einziehe! Aber eine Bitte habe ich noch, Siegfried, eine recht große.
Nicht wahr, wir haben ein Stübchen übrig für meine alte, liebe Freundin
Klug?“
Und als der glückliche Bräutigam vernommen, was diese seiner Braut
gewesen war, da stimmte er mit Freuden zu; sie sollte sogleich zum
Abendbrot gerufen werden und ihr Glück vernehmen.
„Aber erst will ich alles festlich herrichten!“ sagte Martha.
Sie steckte neue Lichter an das Weihnachtsbäumchen, sie deckte den
Tisch mit einem reinen, weißen Tuch und besetzte ihn mit Judiths guten
Gaben, denen „mein Georg“ einige Flaschen Rotwein beigefügt. Dann stand
das Brautpaar vor der alten Freundin, die sehr überrascht und bewegt,
aber voll Liebe und treuer Wünsche war.
„Und nun müssen Sie mit uns essen“, drängte Martha, „ich muß ja doch
eine Brautmutter haben!“
Und an der fröhlichen Abendtafel da trug man ihr die schönen
Zukunftspläne vor. Es war ihr zuerst zu neu und wunderbar, dann faltete
sie ihre Hände wie zu einem stillen Gebete: „Ja, Kinder, wenn mir nicht
der liebe Gott ein anderes Altenstübchen anweist, so gehe ich mit; ich
will euch, so er hilft, nicht zur Last sein!“
„Was werden meine Kinder, meine lieben Kinder sagen?“ ging wehmütig
durch Marthas Seele; aber sie tröstete sich: „Bis Ostern bin ich
noch bei ihnen, und Agnes, Helene und Eva müssen jedenfalls meine
Brautjungfern sein!“
Das Abendbrot war verzehrt, die Uhr zeigte auf zehn.
„Und nun, Martha“, sagte Siegfried, „bevor ich gehe --“
Sie fiel ihm ins Wort: „Nun, Siegfried, singen wir noch einmal zusammen
Urgroßmutters Weihnachtslied!“
„Ja, Martha, und mit mehr Verständnis als vor fünf Jahren.“
Die Lichter am Baume strahlten, die Augen glänzten noch heller und die
Herzen schlugen in heiliger Weihnachtsfreude, als sie sangen:
Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht,
Die uns das höchste Gut gebracht,
Dich Gottessohn, dich Königskind,
Das man im Stall und Kripplein find’t.
Daß ich empfinge Kindesrecht,
Wohnst du wie ein geringer Knecht;
Drum will ich gern veracht’t und klein,
Herr, Dir zu Lieb’ und Ehren sein.
Dein war des Himmels Herrlichkeit,
Aller Welt Schätze weit und breit;
Du wurdest arm, daß ich würd’ reich,
Nun gilt mir arm und reich sein gleich.
Du kamst aus lichtem Himmelssaal
Und gingst für mich durchs dunkle Thal;
Ich bin zum Leid nun auch bereit,
Da du es durch dein Leid geweiht.
Für mich, mein Lebensfürst und Gott,
Gabst du dich hin in Todesnot;
Daß ich dem Tod verfall’nes Kind
Durch dich das ew’ge Leben find’.
Ich kniee an dein Kripplein hin
Und fasse nicht das Wunder drin,
Und bitte dich: O Herr, verleih,
Daß dies mein Bitten ernstlich sei!
Du giebst dich mir, Herr Christ, ich hab’
Nur mich als arme Gegengab’.
O nimm mich hin, Rat, Kraft und Held,
Und mach aus mir, was dir gefällt.
Ja, jetzt war ihr Bitten ernstlich; sie wußten, der Herr mußte noch
viel an ihnen thun und viel mit seiner Liebe zudecken, wenn sie ihm
gefallen sollten; sie wußten auch, daß er sie zu diesem Ende noch auf
manchen sauern Weg und manche rauhe Bahn führen werde; aber sie waren
getrost. Sie verließen sich nicht mehr auf sich selbst oder andere
menschliche Stützen, sondern auf den, der sie mit seinen Augen geleitet
durch alle die schweren Jahre, und:
Herr Gott Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verläßt!
[Illustration]
Druck von Friedr. Andr. Perthes in Gotha.