Martha ging noch einmal ins Wohnzimmer zurück, ihre Arbeit zu

holen, und fand da Judith noch, die mitten im Zimmer stand und sich

gedankenvoll auf den großen Eichentisch stützte. Jetzt blickte sie auf

und sagte fast weich: „Wenn Sie mit Fanny lesen, schließen Sie die Thür

nicht, oder lassen Sie mich dabei sein!“

„O, wie sehr gern!“ rief Martha aus vollem Herzen; sie wollte Judith

die Hand geben, diese war aber schon in ihrem Schlafzimmer verschwunden.

Ja, Judith fühlte, daß ihrem Dasein die rechte Erquickung mangelte;

sie hatte auch in der letzten Zeit durch die Beobachtung ihres kranken

Schwesterchens eine Ahnung bekommen, wo dieselbe zu finden sei, und sie

war keine oberflächliche Natur; was sie einmal erfaßte, pflegte sie mit

Ernst zu ergreifen.

Am anderen Morgen nahm Fanny das erste Bad, und sowohl Martha als

Judith freuten sich über die schönen, weißen Fließen, in welche die

Bäder gefaßt waren, über die ganze wohlthuende und elegante Einrichtung

in dieser scheinbaren Weltabgeschiedenheit, und da Fanny die angenehme

Einwirkung des Wassers dankbar empfand, beschlossen ihre beiden

Hüterinnen, sich diese Erquickung und Auffrischung der Nerven, so viel

es thunlich sei, ebenfalls zu verschaffen.

Gegen Mittag erschienen die Präsidentin und Friedericke, herzlich

empfangen von dem lieben, alten Bruder und Onkel, jubelnd von Fanny.

Gleich nach Tische kamen, wie sie es versprochen, Frau v. Märzfeld

und ihr Brautpaar, und man beschloß, noch vor dem Kaffee den Weg in

die Schlucht zu unternehmen, der so glatt, sicher und nahe ist, daß

selbst Fanny, abwechselnd auf Friedericke und Martha gestützt, ohne

Bedenken daran teilnehmen konnte. Diese Schlucht, in welcher die heißen

Quellen entspringen, gewährt in der That einen ebenso großartigen als

schauerlichen Anblick. Die Felsen treten hier so nahe zusammen, daß

unten nur die schäumende, brausende Tamina zwischen ihnen Platz hat,

und über ihr ein auf sicheren Stützen ruhender Weg, oder vielmehr

eine lange Brücke, welche bis zu den heißen Quellen hinführt, die

sich schon von ferne durch ihren weißen Dampf ankündigen, der in dem

wunderbaren Unterweltslichte die sonderbarsten Gestalten anzunehmen

scheint. Die Felsen schließen sich nämlich an ihrem oberen Ende

so nahe zusammen, daß nur ein kleiner Spalt offen bleibt, um das

Himmelslicht einzulassen, ja an einer Stelle führt sogar der Weg nach

Dorf Pfäffers über diesen Spalt hin. Wenn man die Einschnitte, Ecken

und Kanten an beiden Seiten aufmerksam miteinander vergleicht, ist

leicht wahrzunehmen, daß sie genau ineinander passen, und es macht ganz

den Eindruck, als habe ein gewaltiger Finger diese Wände ein wenig

auseinander gerückt, um dem brausenden Bergwasser Platz zu schaffen.

Friedericke und Fanny hielten sich fest umfaßt, als der Führer sie

darauf aufmerksam machte.

„Muß das gekracht haben“, sagte Friedericke, „da hätte ich nicht dabei

sein mögen!“

Als man bei der heißen Quelle ankam, zeigte sich die Thür zu einem

Stollen, der in den Felsen getrieben ist, um mehr Wasser zu gewinnen.

Da es aber darin natürlich heiß und dunkel war, verzichtete man darauf,

ihn zu besuchen. Im Felsen an beiden Seiten bemerkte man Vertiefungen,

wie zu einer Balkenlage.

„Hier“, sagte der Führer, „hat früher ein kleines Haus schwebend über

der Quelle gestanden, bevor noch ein Weg in die Schlucht hereinführte;

die Kranken sind von oben, versehen mit Lebensmitteln, an Stricken

heruntergelassen worden, und erst wieder heraufgezogen, wenn die Kur

beendet war.“

„Die sind dann ganz bei den Erdgeisterchen gewesen“, sagte Friedericke.

„Und ich fürchte, sie hatten nicht so schönen Honig und keine

Traubenrosinen zum Dessert, wie wir heute Mittag“, setzte Fanny hinzu.

Beides, Honig und Rosinen, ist nicht nur kurgemäß in Pfäffers, sondern

wird von den Ärzten aufs wärmste empfohlen und ist deshalb stets in

Fülle und ungewöhnlicher Güte vorhanden, was Fannys vollen Beifall

hatte. Sie war jetzt, wo Friedericke bei ihr war, ganz befriedigt; sie

spielten, lasen und lernten zusammen, so viel oder vielmehr so wenig

es Martha bei der Kur ratsam fand; Fanny machte an Friederickens Arm

die kleinen Spaziergänge, welche sie ausführen konnte und welche

der Arzt zu ihrer Stärkung dringend wünschte. Sie bauten sich eine

ganze Märchenwelt in ihrer Phantasie auf, jeder Felsvorsprung, jede

Vertiefung hatte für sie ihre Bedeutung.

„Dort oben, wo niemand hinkommen kann, bei den vorgeschobenen Spitzen

und Kanten, da ist das Zwergenschloß, da sehen sie heraus und sonnen

sich. Dort, wo das tiefe Loch in den Felsen hineingeht, wohnt die

Erdgeistermutter; die ist verdrießlich, man hört sie brummen, wenn der

Wind weht. Im weißen Dampf über der Quelle tanzen die Tamina-Elfen; sie

sind so fein, daß man nur ihre Schleier wehen sieht.“

Oder sie dachten sich ganze Geschichten aus von solchen Kranken, die an

Stricken heruntergelassen waren, wie sie sich fürchteten und graulten,

und wie die lieben Zwerge aus dem Felsen kamen, sie zu trösten.

Martha sorgte, ob solche Phantasieen nicht Fannys Nerven aufregen

würden; aber sie schlief sanft und fest; sie brauchte zum Essen nicht

mehr genötigt zu werden und ihre Spaziergänge konnte sie mit jedem Tage

weiter ausdehnen. Der Annahme entgegen, daß eine Rose nur in der Sonne

ihre schöne Farbe erhalten kann, kam auf die bleichen Kinderwangen

mehr und mehr ein rosiger Schimmer, in die matten Augen ein Strahl

von Jugendfreude und Mutwillen, der Martha entzückte. Sie selbst

fühlte sich ebenfalls gekräftigt und vollkommen in Frieden. Seit den

trüben Erfahrungen in Heyden hatte sie alle ungestümen Wünsche nach

großartigen Ausflügen aufgegeben und war für die kleinen Spaziergänge,

die ihr durch Judiths Freundlichkeit möglich wurden, dankbar.

Das Verhältnis mit Judith erregte in hohem Grade ihr Interesse; sie

kamen sich sehr langsam ein wenig näher, und nach dem, was sich da

offenbarte, schien es gewiß, daß in dieser Seele noch viele verborgene

Schätze schlummerten, die nur der richtigen Wünschelrute bedurften, um

ans Tageslicht zu kommen.

Eine nach der Eigentümlichkeit der Gäste größere oder kleinere

Prüfung brachte ein Regentag; gottlob! gab es in diesem Sommer nicht

viele. Wenn die Wolken wie dunkelgraue Gardinen zwischen den Felsen

niederhingen, die Lampen in Korridor und Gesellschaftszimmer den ganzen

Tag nicht ausgehen durften, die Badegäste entweder auf ihr Zimmer

angewiesen oder in den Gesellschaftssaal gebannt waren, da gab es große

Versuchungen zum Grillenfangen. Solch ein Tag kam in der zweiten Woche.

Judith war eben mit ihrer Garderobe beschäftigt gewesen, jetzt folgte

sie Martha und Fanny, die ihre Stunden beendet hatten, nach dem

Versammlungszimmer. Dort saß beim Lampenlicht der General und spielte

mit der Präsidentin eine Partie Schach; dort hatten sich Frauen aus

allen Ständen und Ländern mit ihren weiblichen Handarbeiten um einen

langen Tisch gruppiert; dort saß ein Kreis bäuerlicher Besitzer und

unterhielt sich über Verkehrsverhältnisse, Fruchtpreise und Politik.

Die jungen Damen nahmen am Frauentische Platz, da Fanny und Friedericke

ein kleines, besonderes Tischchen für sich in Anspruch nahmen, um mit

ihren Modepuppen die wunderlichsten Geschichten aufzuführen. Martha kam

bald mit ihren Nachbarn in eine lebhafte Unterhaltung.

Das Thema nach der ersten Bekanntschaft in Badeorten ist stets das

gleiche: die Gebrechen und Krankheiten, für welche jeder hier Hilfe

und Heilung sucht, und dieses Thema wird zwar von verschiedenen

Persönlichkeiten in ebenso verschiedenen Variationen vorgetragen, aber

es berührt doch die gleichen Grundaccorde in den Herzen und führt zu

Mitleid, Mitfreude und leichter Verständigung.

Martha fand neben den verschiedensten Leiden und einzelner Bitterkeit

und Verzagtheit auch viel Demut, Geduld und Gottvertrauen, und hörte

gern und hoffnungsvoll erzählen von manchen Erfolgen, die mit Gottes

Hilfe durch den Gebrauch dieser Quellen erreicht worden waren.

Als das Schachspiel beendet war, kam auch Frau v. B. in den

Frauenkreis, und Martha staunte, wie sie es verstand, mit den

einfachsten Frauen zu reden, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie zu trösten

und zu beraten. Der General war zu den Männern gegangen; hier entspann

sich eine höchst lebhafte Unterhaltung über Wiesen- und Forstkultur,

Ackerbestellung u. dergl.; je nachdem die Redenden aus verschiedenen

Gegenden und Verhältnissen kamen, waren auch die Ansichten verschieden,

und die Gefahr lag oft nahe, daß aus der Unterhaltung ein Streit werden

könne. Dann hörte man stets des Generals ruhige, sichere Stimme, welche

erklärte, vermittelte, und der sie alle sich unterzuordnen schienen.

Judith langweilte sich aufs äußerste. Das Licht fiel schlecht auf ihre

feine Arbeit; sie hatte dieselbe sinken lassen, lehnte sich nachlässig

zurück, gähnte mehrmals, ohne es zu merken, und Verdruß und Müdigkeit

spiegelten sich dergestalt auf ihrem sonst so schönen Gesichte, daß ein

alter Oberbayer, der sie eine ganze Weile unbemerkt beobachtet hatte,

zu ihr trat: „Sind Sie bös, Fräule, daß unser Herrgott schütten läßt?

Hilft Ihnen doch nichts; er laßt’s deshalb nit; ’s macht ihm nichts,

wenn ein jung Mädel die Stirn kraus zieht!“

Judith sah ihn groß an und sehr von oben herab; sie antwortete nicht,

verließ aber gleich danach die Halle, und als ihr Martha und Fanny

später folgten, fanden sie sie in der schlimmsten Laune oben noch im

Finsteren.

Fanny war jetzt immer sehr müde und schlief bald ein; als Martha leise

in das Wohnzimmer trat, ging Judith dort mit großen Schritten auf und

ab. Martha setzte sich mit ihrer Arbeit ruhig an den Tisch zur Lampe

und wartete das Weitere ab.

Endlich blieb Judith vor ihr stehen: „Jetzt sagen Sie mir, Martha, wie

es zugeht, daß sich die Leute solche Dinge gegen mich herausnehmen?“

„Aber, liebes Fräulein, wie kann ich das wissen?“

„Warum passiert dem General und der Präsidentin nie etwas Ähnliches?

Sie sagten neulich, er habe so etwas Vornehmes; ich finde das gar

nicht; er spricht mit allen Bauern wie mit seinesgleichen. Wenn Sie es

wissen, wo seine Vornehmheit steckt, so sagen Sie es mir!“

Martha dachte ein wenig nach: „Darf ich mich ganz offen aussprechen,

Fräulein Judith?“

„Ja, ich bitte sehr; und sagen +Sie+ nur nicht immer ‚Fräulein‘;

von Ihnen ist mir das sehr langweilig, wissen Sie!“

„Es ist eine schwierige Frage; lassen Sie mich ein wenig nachdenken.

Einesteils ist es wohl wirklich das Übergewicht der Erfahrung, des

Wissens, der Bildung, was die Leute empfinden, ohne es sich klar zu

machen; aber ich glaube, der Grund der allgemeinen Achtung ist vor

allem der, daß die beiden alten Herrschaften sich selbst vollständig

in der Gewalt haben; daß sie sehr weit vorgeschritten sind in der

Selbstbeherrschung und Selbstlosigkeit; ich denke mir, dies muß stets

vorausgehen, ehe man anderen imponieren oder sie beherrschen will. Sie

geben sich keine Blöße den Leuten gegenüber und, liebe Fräulein Judith,

sie geben sich niemals das Ansehen, Respekt erzwingen zu wollen; das

reizt in solchen Lagen, wie die unserige hier in dem kleinen Bade ist,

gar so leicht zum Widerspruche!“

„Ach Gott“, seufzte Judith, „wenn nur nicht das Leben mit diesen

Menschen gar so langweilig wäre, und nicht nur mit ihnen, auch mit

meinen Bekannten in M.; ich beneide jeden Menschen, der sich amüsieren

kann, aber ich begreife es nicht!“

„Ich wollte“, sagte Martha warm, „Sie begriffen es; gerade Sie, liebe

Judith, würden so glücklich sein und andere so glücklich machen können,

wenn Sie einmal anfingen, sich mit warmem Herzen für Ihre Mitmenschen,

ihre Leiden und Freuden, ihre Ideen und Gedanken zu interessieren.

Sie lesen so gern Schilderungen fremder Völker und Länder, und doch

sind diese oft wunderbar gefärbt durch die eigentümliche Brille des

Verfassers. Ich lese noch viel lieber in einem so lebendigen Buche,

wie wir es jetzt vor uns haben; daraus kann man viel, sehr viel lernen!

Versuchen Sie es nur; ich hoffe, die Befriedigung findet sich!“

Judith stand eine Weile in tiefem Nachdenken, dann sagte sie

freundlich: „Gute Nacht, lieber Herr Professor! ich werde über die

Vorlesung nachdenken“, und verschwand in ihrem Zimmer.

* * * * *

Am anderen Morgen ward ein ähnliches Thema durchgesprochen zwischen dem

General und der Präsidentin.

„Ich verkehre gern mit allerlei Volk“, sagte der erstere, „man lernt

eine Menge Dinge kennen, mit denen man sonst nicht in Berührung kommt.

Ich verstehe es aber noch lange nicht so gut wie mein Georg, den Leuten

nahe zu kommen; wenn der Junge kommt, sollst du dein Wunder sehen!“

„Wenn mein Georg kommt!“ Dieses Wort hatten die Mädchen aus seinem

Munde nachgerade so oft gehört, daß sie sich mit leichtem Lächeln

ansahen, wenn es wiederkam. Es war dadurch allmählich „mein Georg“ eine

Person geworden, der man mit einiger Spannung entgegen sah.

Eines Abends, da es besonders schön und warm war, wanderten sie im

Taminathal, die Kinder voran, Judith und Martha, wie es in der letzten

Zeit öfter der Fall war, Arm in Arm.

Da bog ein junger Wanderer um die Felsenecke; eine große, kräftige

und doch bewegliche Gestalt, den leichten Sommerrock aufgeknöpft, das

Halstuch gelockert, den Strohhut in den Nacken geschoben, daß eine

Fülle lichtbrauner Locken frei wurde und ein heiteres, lebensvolles

Gesicht mit blitzenden, braunen Augen, gesunder, etwas gebräunter

Farbe, fröhlich lachendem Munde und einem Grübchen in jeder Wange,

einrahmte; ein noch nicht eben sehr voller Bart umgab das gerundete

Kinn.

Judith sah ihn staunend an und ärgerte sich über sich selbst, daß ihr

unwillkürlich ein Wort in den Sinn kam, das sie aus dem Munde ihrer

Bekannten immer sehr albern gefunden hatte: „Ein junger Gott!“

Der „junge Gott“ ließ ihr Zeit, ihn zu betrachten, denn er war mehrere

Schritte vor ihnen bei Fanny und Friedericke stehen geblieben, hatte

letztere ohne Umstände emporgehoben und geküßt, was mit dem Jubelruf:

„Vetter Georg! lieber Vetter Georg!“ erwidert wurde.

Dann beugte er sich zu Fanny: „Und hier ist ein kleines Fräulein,

das geht ein wenig lahm. Sind Sie ein bißchen zu weit gegangen,

Waldnymphchen!“

„Ich glaube“, sagte Fanny mit weinerlicher Stimme.

„Darf ich Sie tragen?“

Fanny sah ihn zweifelnd an; aber er hob sie leicht auf seinen Arm, als

sei sie eine Feder, und ging stolz mit ihr den beiden Damen entgegen.

„Jetzt bin ich Ihr Ritter und Sie sind meine Dame!“

„Ein Ritter! ein Ritter!“ jauchzte Friedericke. „Erdgeister haben wir,

Zwerge, Elfen; nun haben wir auch einen Ritter -- und einen Ritter

Georg; es ist nur schade, daß kein Drache da ist!“

Friedericke stellte ihn den beiden jungen Damen vor; er hatte für jede

ein heiteres, freundliches Wort, und da sie schon um der Kinder willen

mit umwenden mußten, zogen sie wie im Triumphe mit dem Erwarteten im

Bade Pfäffers ein.

Natürlich wurde er von Vater und Tante sehr herzlich begrüßt, aber er

war noch keine Stunde da, so war es, als sei ein frischer Wind in die

ganze Gesellschaft gefahren; er plauderte mit den Alten, lachte mit den

Kindern, verabredete gleich für den anderen Morgen einen Spaziergang

nach der Kalandaschau und Dorf Pfäffers, für übermorgen eine Tour

nach Ragatz und Chur; die erste sollte nach Judiths Bestimmung Martha

mitmachen, der zweiten wollte sie selbst sich anschließen, und man

hoffte, daß auch Frau v. Märzfeld mit dem Brautpaar von Ragatz aus

daran teilnehmen werde.

Es wurde nun alles Leben und Bewegung. „Mein Georg“ war Besitzer und

Verwalter des Familiengutes, das in Süddeutschland lag; seine Gespräche

mit den Landleuten waren viel eingehender als die seines Vaters; den

Frauen machte er sich angenehm durch freundliche Besorgungen, kleine

Erfindungen, die zur Annehmlichkeit des Lebens beitrugen; mit Martha

und Judith unterhielt er sich gern über Bücher, Bilder, über das Leben

in der Residenz u. s. w.

Die letztere erschien ihm wohl zuweilen etwas unergründlich, aber es

reizte ihn sichtlich, ihr Wesen zu erforschen und dies schöne, stolze

Gesicht aus seiner Ruhe und Feierlichkeit herauszusetzen. Dies gelang

um so öfter, da Judith wirklich anfing, sich ihres Hochmuts zu schämen

und mit Teilnahme auf die Gesellschaft zu blicken, die sie umgab. Wie

sehr sie dadurch an Lieblichkeit und Anmut gewann, das merkte sie

selbst nicht, andere desto mehr.

Als der nächste Regentag die Gesellschaft ans Haus fesselte, kam

„mein Georg“ mit einem jungen Oberbayer, der seine Mutter besuchte,

aufs „Schuhplatteln“ zu sprechen; es fand sich, daß beide diesen

oberbayerischen Nationaltanz kannten und konnten, und als der Abend

herankam, wurden Judith und Martha bestürmt, denselben mit ihnen

auszuführen. Ein älterer Badegast erbot sich, auf dem Flügel zu

begleiten. Die Mädchen wollten nicht; sie hatten es ja noch nie

gesehen.

„Ach, Sie haben gar nichts dabei zu thun, als sich so graziös wie

möglich immer im Kreise herumzudrehen, während wir schuhplatteln;

dazwischen drehen wir Sie schon um, wie es sich gehört.“

„Ja, aber bescheiden!“ bestimmte Judith.

Es wurde versprochen und machte anfangs allen großes Vergnügen. Die

beiden Tänzer waren gewandt, geübt und kräftig; es wurde ihnen gar

nicht schwer, beim Sprung nach oben die Fußsohlen mit der flachen

Hand zu schlagen und all’ die wunderlichen Bewegungen auszuführen,

die der Tanz erfordert. Einen gehörigen Lärm giebt es dabei; einige

nervenschwache Damen entflohen, alle anderen Gäste aber bildeten einen

Kreis und sahen vergnügt und mit Spannung den Kautschukmännern zu. Der

Bayer tanzte mit Martha, „mein Georg“ mit Judith. Sie hielten sich

anfangs in ganz bescheidenen Grenzen und drehten ihre Damen sanft im

Kreise herum, aber als der Georg ins Feuer kam, hatte er da vergessen,

wen er vor sich hatte? daß Judith kein oberbayerisch Landmädel war?

Mit raschem Griffe faßte er seine Dame fest um die Mitte, schwang sie

mit einem lauten Juchzer hoch in die Luft und war vor Verwunderung und

Entsetzen starr, als sie, wieder auf dem Erdboden angekommen, sich

nicht weiter drehte, sondern mit heftigen, stolzen Schritten den Saal

verließ und die Thür hinter sich schloß.

Da stand er nun, wühlte in seinen Haaren und sah ganz verdonnert und

unglücklich aus. Die Präsidentin war böse, der General klopfte ihm

auf die Schulter: „Ist dir schon recht, das kommt vom Ungestüm!“ und

Martha lief eilends der Judith nach. Sie zürnten zweistimmig, in bester

Harmonie.

„Nein, das ist nicht zu dulden! Das ist über alle Beschreibung

unschicklich! So viel muß doch ein Edelmann sich in der Gewalt haben,

daß er nicht vergißt, mit wem er zu thun hat! Dafür muß Strafe sein,

das ist sicher!“

Judiths erster Gedanke war, ganz und gar nach Ragatz zu entfliehen.

Aber nein! daraus würde er sich am Ende nichts machen, oder er merkte

es kaum, oder er könnte sich wunder was drauf einbilden, sie vertrieben

zu haben! Nein, sie wollten ganz kalt und ganz fremd zu ihm sein, damit

er es merkte, was er für ein schrecklicher Mensch war. Heute Abend

wollten sie nicht mehr hinuntergehen, aber morgen früh, beim Frühstück,

da sollte er es erleben!

Martha war nur darüber verwundert, daß Judith plötzlich in Thränen

schwamm; dies war bei ihr ganz ungewöhnlich.

„Aber, Fräulein Judith“, tröstete sie, „so was entsetzlich Schlimmes

ist es doch am Ende nicht; jeder sah ja, daß Sie nicht dafür konnten!“

„Ja aber, daß Er! gerade Er!“

„Das ist nun eigentlich so verwunderlich nicht“, sagte Martha ruhig;

„so eine kleine Unbesonnenheit ist ihm schon zuzutrauen; kränken wollte

er Sie sicher nicht.“

Aber Judith war nicht zu trösten; sogar das Gotteswort und das

liebliche Abendlied: „Der Tag ist nun vergangen“, das ihr in der

letzten Zeit stets lieb und wert gewesen war, wollte heute nicht fassen.

Am anderen Morgen ging sie mit sehr hocherhobenem Haupte zum

Kaffeetische.

„Mein Georg“ war schon da; er grüßte ein wenig verlegen, aber

ehrfurchtsvoll und freundlich, und erhielt zum Dank eine stolze, steife

Verbeugung. Er sprach heiter vom aufgehellten Himmel -- und erhielt

keine Antwort! Er schlug einen Morgenspaziergang vor -- Judith und

Martha versicherten, sie hätten Briefe zu schreiben. Er trat nach dem

Kaffee näher, als wollte er um Verzeihung bitten -- sowie es Judith

bemerkte, ging sie hinaus und Martha folgte ihr.

„Das ist ja heute unausstehlich!“ sagte der alte General; „siehst du,

Georg, das kommt von deinen Dummheiten! Ach, Agnes, sieh, ob du es

wieder ins gleiche bringen kannst.“

Die Präsidentin als freundliche Tante ging wirklich und klopfte am

Märzfeldschen Wohnzimmer an, während Fanny und Friedericke, fröhlich

plaudernd, am Kaffeetische blieben.

Martha und Judith saßen sich sehr ernsthaft gegenüber; jede hatte einen

großen Briefbogen vor sich und die eingetauchte Feder in der Hand, aber

keine war aufgelegt zum Schreiben; der blaue Himmel sah so lockend

herein; das Bedauern, durchaus Zorn halten zu müssen, wurde immer

größer und die Frau v. B. wurde mit großer Zärtlichkeit und Ehrfurcht

von ihnen empfangen, indem sie neben ihrer sonst schon geliebten Person

die Hoffnung einer Veränderung dieses unerquicklichen Zustandes mit

sich brachte.

„Lieben Kinder!“ sagte sie, „ich komme nicht, um meinen unartigen

Neffen zu verteidigen, sondern um Sie zu bitten, liebe Judith: nehmen

Sie es hier in der Freiheit der Bergwildnis nicht so sehr schwer

und verderben Sie uns allen nicht die paar freundlichen Tage des

Zusammenseins! Ein todeswürdiges Verbrechen war’s doch am Ende nicht,

und ich glaube, er ist schon recht gestraft; ich habe seine guten Augen

heute noch gar nicht lachen sehen; gönnen Sie ihm wenigstens, daß er

Ihnen selbst ein Wort der Abbitte sagt. Kommen Sie nun mit herunter und

begleiten Sie uns auf dem Spaziergange. Sehen Sie, wie freundlich die

Sonne lacht; da dürfen wir nicht Grillen fangen!“

Ja, die Sonne lockte sehr; sie vergoldete die Ränder der Felsen

gegenüber, und Frau v. B.s Stimme galt viel in der kleinen

Gesellschaft. Da nun Judith vom Fenster aus den Verbrecher das

Thal hinab wandern sah, glaubte sie, er wünschte ebenso wenig ihre

Gesellschaft, als sie die seine, und setzte schweigend ihren Hut auf.

Sie gingen langsam im eifrigen Gespräch der Gesellschaft nach, bis

Martha bemerkte, daß Fanny und Friedericke sich dicht am Rande der

Tamina vergnügten, und voll Sorge zu ihnen eilte. Nun schloß sich

Judith der Präsidentin an, sah aber mit Schrecken, daß Georg und der

Bayer an der nächsten Felsenecke ihrer warteten, und blieb zurück,

scheinbar, um einen kleinen Strauß zu binden aus den feinen Halmen,

Moosen und Kräutern, welche in den Felsenspalten wuchsen.

Wie es dann gekommen, daß auf einmal Frau v. B. mit dem Bayer zehn

Schritte vorausging und sie allein und verlassen dem gefürchteten Georg

gegenüberstand, das ist ihr niemals klar geworden.

Er sah sie weniger verlegen als ernst und traurig an: „Fräulein Judith,

wollen Sie mir denn nicht erlauben, Sie für gestern Abend um Verzeihung

zu bitten? Es thut mir so sehr leid, daß ich mich so vergessen und Sie

so gekränkt habe, aber --“

„Herr v. E., hier giebt es kein Aber! Ein Edelmann muß sich so viel in

der Gewalt haben, daß er sich bewußt bleibt, mit wem er es zu thun

hat; ich hätte Ihnen nicht zugetraut, daß Sie das vergessen könnten!“

„Ach, Fräulein, das habe ich keine Minute vergessen; das war’s ja eben!“

„Wie? Sie wußten, mit wem Sie tanzten, und wagten es, mich so zu

beleidigen?“ rief Judith, indem sie die Farbe wechselte.

„Immer mehr Mißverständnisse!“ rief er; „jetzt, Fräulein, muß ich

es Ihnen ordentlich erklären. Bitte, bleiben Sie und hören Sie mich

geduldig an!“

Sie hatte eben Miene gemacht, zu entfliehen. Ein Umblick überzeugte

sie, daß dies nicht wohl möglich war; vor ihr gingen die Freunde, in

einiger Entfernung hinter ihr der fremdere Teil der Gesellschaft.

Sie trug also mit Anstand, was sich nicht ändern ließ, und ging mit

gesenktem Kopfe neben ihm, mit der Spitze ihres Sonnenschirmes Figuren

in den feuchten Sand zeichnend.

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 13 / 15 段