Mein Kind ist nun schon wochenlang hier und hat noch keinen Blick aufs
Gebirge gehabt. Ich möchte ihr so gern den Spaziergang heute gönnen,
aber sie nicht allein mit den fremden Gästen gehen lassen. Ihr kleiner
Zögling brennt ebenfalls vor Verlangen, Ihnen den Genuß der Bergfahrt
zu verschaffen; und so haben wir uns zusammen ausgedacht, wir wollten
diesen Nachmittag tauschen: Sie nehmen meine Wilde unter Ihren Schutz
bei der Bergbesteigung, und Fanny kommt als meine Tochter zu mir, bis
Sie wieder da sind.“
Dies war verlockend. Es stiegen wohl Bedenken in Martha auf: „Wenn ich
nur hätte Frau v. Märzfeld fragen können!“ Aber das ging ja nicht.
Fanny und Friedericke baten und drängten; sie selbst war überzeugt,
daß Frau v. B.s Aufsicht die ihrige überreich ersetzte. Ach, und sie
war so glücklich in Erwartung der Gebirgsaussicht -- sie gab nach und
ging mit. Der Wirt führte so an der Berglehne hinauf, daß man unterwegs
keine andere Fernsicht hatte als den Rückblick auf Heyden; der Pfad
war meistens sehr steil und oft schattenlos; die Sonne brannte, aber
die Aussicht winkte und die Gesellschaft überstand die Strapazen mit
fröhlichem Mute. Jetzt noch durch dies Buschwerk, jetzt diesen Rand
hinauf! und Martha stand oben und legte die Hände zusammen und ihre
Augen füllten sich mit Thränen, denn sie umfaßten in ihrem engen Rahmen
ein Bild, wie es die Phantasie nicht schöner hätte malen können.
Da lagen sie ihr gegenüber, die Schneefelder des Säntis; da ragten die
riesigen Nachbarn desselben, der Kamor, Hohekasten, Altemann, Tödi in
die blaue Luft; weiter östlich die Vorarlberger und Lichtensteiner
Gebirge; in der Ferne die weiße Kette des Rhätikon mit der Sasaplana.
Auf der anderen Seite dehnte sich am weiten, blauen See der Thurgau
aus mit Trogen, Vöggeliseck, Speicher; darüber weit in der Ferne der
Pilatus und der Rigi.
„O, hätt’ ich Flügel, hätt’ ich Flügel!“
Friedericke neben ihr sprang hoch in die Luft und stieß einen Juchzer
aus, als habe sie denselben vom Senn erlernt; Martha konnte nicht
sprechen. O, dieses eine Bild, war’s nicht genug, um lebenslang manche
einsame Stunde mit seinem Lichte zu erhellen? Sie sah und sah; sie
hätte nichts davon verlieren mögen, auch nicht das Kleinste.
„Komme Sie doch hier hinter den Stein und nehme Sie a Schöppeli
Markgräfler!“ rief der Wirt wieder und wieder.
Der Rat war gut, aber es dauerte lange, ehe unsere jungen Gefährtinnen
den Entschluß faßten, sich von der herrlichen Aussicht loszureißen
und Ruhe und Erquickung zu suchen. Dann war es behaglich, nach
der Anstrengung im Schatten zu sitzen, sich an den mitgebrachten
Erfrischungen zu laben und mit den Reisegenossen heitere Gespräche
zu führen. Die Gesellschaft wurde sehr vergnügt und niemand merkte,
daß sich der Himmel umzogen hatte, bis die Stimme aus den Wolken
vernehmlich zu reden anfing. Da sprang denn freilich alles auf die
Füße; noch einmal ward die Rundschau genossen, aber nur sehr flüchtig.
Das Wetter zog vom Rheinthal herauf, und der Wirt meinte, es könne „a
rechts“ Wetter werden; von da könnt’ es oft nicht über den See: „Wir
müssen auf die Sennhütten zu halten!“
Dies geschah ohne Besinnen; sie lagen nicht allzu weit unterhalb der
Berghöhe, und mit den ersten schweren Tropfen wurde man eingelassen
in den zwar nicht mit Bequemlichkeiten ausgestatteten, aber immerhin
trockenen und geschützten Raum. Es war sehr gut, ein Dach über sich
zu haben; der Regen fiel in Strömen nieder und prasselte auf das
Schindeldach und gegen die kleinen Fenster; der Sturm brüllte, als
wollte er das Häuschen mit sich entführen; ein leuchtender, greller
Blitz jagte den anderen und der Donner rollte majestätisch durch den
Aufruhr hin, seine Stimme pausierte höchstens minutenlang, wie um Atem
zu schöpfen. Die Gesellschaft lauschte still der großartigen Musik;
selbst Friedericke, die so gern lachte, schmiegte sich ernsthaft an
Martha an. Diese, äußerlich gefaßt und ruhig, wurde innerlich sehr
gequält durch die Sorge um Fannys Angst und infolge davon um ihre
Gesundheit. Sie sah mit Sehnsucht nach dem kleinen Streifchen Himmel,
welches zu sehen war, ob es noch nicht heller werden wollte, --
vergebens! Wenn der Sturm eine Minute geschwiegen, brüllte er in der
nächsten mit vermehrter Gewalt; wenn die Stimme des Donners ferner zu
klingen schien, grollte sie gleich danach aus einer anderen Ecke um so
näher. Stunde auf Stunde verrann: zur Finsternis des Himmels gesellte
sich bald das Dunkel des hereinbrechenden Abends und endlich die
Finsternis der Nacht.
Da endlich wurde es stiller; der Donner rollte ferner und ferner,
blasser und blasser leuchteten die Blitze, einzeln nur noch fielen die
Tropfen aufs Dach, dann hörte man keinen mehr.
Man öffnete die Thür der Hütte; durch die zerrissenen Wolken blickten
einzelne Sterne, die Luft war unbeschreiblich schön und frisch, aber
der ganze Berg nur ein einziger großer Wasserfall. Der Wirt und die
Sennerin erklärten es für völlig unmöglich, hinabzugehen, bevor man
Tageslicht habe. Letztere holte frische Milch herbei, erbot sich auch,
Schmarren zu backen, wenn man es wollte. Es wurde dankend angenommen
und fröhlich verzehrt, nur Martha lag es wie ein Alb auf der Brust und
sie stieß mehrmals hervor: „Ach, wie sie sich zuhause ängstigen werden!“
„Ich glaube nicht so sehr“, sagte Friedericke. „Mama weiß, daß wir in
Gottes Schutz sind und bei verständigen Menschen; Anna wird ihr gewiß
von den Sennhütten erzählen, und sie werden es sich denken, daß wir
hier sind. Geben Sie acht, sie tröstet auch Fanny und läßt sie nicht
von sich.“
Das klang alles ganz wahrscheinlich, aber es war ihr Gewissen, das ihr
die Zuversicht raubte; das ganze Erlebnis kam ihr vor wie eine Strafe
ihrer Untreue und sie konnte sich die Folgen desselben nicht schwarz
genug ausmalen. Die Vorbereitungen zur Nachtruhe waren etwas schwierig;
die Gesellschaft bestand aus etwa zehn Personen. Die Herren mußten sich
mit ihren Plaids in der Nähe des Herdes einrichten, die Frauen wurden
oben im Heu untergebracht; dort war es sehr warm, und eine dicke,
nicht mehr junge Dame, der noch dazu die Sennerin ihr eigenes Lager
abgetreten hatte, stöhnte unaufhörlich, während zwei junge Französinnen
durchaus nicht aus dem Lachen kommen konnten. Friedericke war bald
eingeschlafen; Martha saß, sorgte, bat den lieben Gott um Vergebung und
rief ihn um Hilfe für ihren Zögling an, und erst, als der Morgenschein
durch die Ritzen des Daches drang, fielen ihr mitten in dem Gedanken:
„Jetzt können wir bald hinunter!“ die müden Augen zu, und sie erwachte
erst, als sie das muntere Gespräch ihrer Reisegefährten vernahm, die an
der offenen Thür der Hütte den Heimweg berieten. Es war ein frischer,
schöner Morgen. Zerrissene Wolkenschichten flogen, vom Winde getrieben,
am Himmel dahin; in den Thälern zog hier und da noch ein Nebelschleier
hin und her; die Berghäupter, so viel man deren hier sehen konnte,
waren frei, und das Stücklein See, das sich zeigte, strahlte im
frischesten Blau. Aus allen Klüften rieselte und rauschte es, auf allen
Halmen perlte und glänzte es; die Kühe, die eben gemolken wurden,
brüllten der Freiheit entgegen: es war ein lachendes Morgenbild; nur
der Pfad, welcher hinabführte, sah noch sehr schlüpfrig und wenig
einladend aus.
Martha und Friedericke trugen tüchtige Bergschuhe, aber einige der
älteren Herrschaften seufzten schwer und blickten mit Grauen die
abschüssige Bahn hinunter. Nachdem man sich mit frischer Milch erquickt
hatte, ging es hinab unter manchem „Ach“ und „Weh“, unter manchem
Fallen und Wiederaufstehen; nur unsere jungen Freundinnen blieben fest
auf den Füßen und konnten zuweilen noch verzagten Seelen die Hand
reichen, um ihnen über bedenkliche Stellen fortzuhelfen. Der Senn war
soeben mit seinem Mundschenkenamte fertig, da bogen die Wanderer in die
Straßen von Heyden ein.
Die Wirtin kam ihnen in der Thür entgegen; sie schien das Ausbleiben
des Mannes und der Gäste mit großem Gleichmut ertragen zu haben; es
mochte wohl schon öfter vorgekommen sein.
Martha flog an ihr vorüber die Treppe hinauf und öffnete leise ihr
Zimmer.
Mit lautem, glücklichem Aufschrei streckte ihr Fanny die Arme
entgegen, während die Präsidentin vom Lehnstuhl am Bett sich erhob und
unbeschreiblich überwacht und elend aussah.
„Siehst du, mein liebes Kind“, sagte sie, „Gott hat die Unserigen
behütet.“
Friedericke, welche ihre Mutter auf ihrem Zimmer nicht gefunden hatte,
war auch hereingekommen und hing jetzt an ihrem Halse.
„Sie haben gewiß eine recht schlimme Nacht gehabt“, rief Martha beim
Anblick der Frau v. B. „O, wie viel Vorwürfe habe ich mir gemacht, daß
wir gegangen sind.“
„Ja, meine kleine Pflegebefohlene war gar nicht zur Ruhe zu bringen“,
erwiderte diese, „da mußte ich mich schon entschließen, an ihrem Bette
zu bleiben; aber daß wir uns Vorwürfe machen, finde ich überflüssig;
die Sache war ja ganz verständig überlegt; wir konnten nicht wissen,
daß das Gewitter kam. Komm, kleiner Wildfang ziehe deine feuchten
Sachen aus, dann versuchen wir beide noch ein wenig nachzuschlafen.
Thun Sie das auch, Fräulein Feldwart!“
Martha hätte diesen Rat nur zu gern befolgt, aber Fanny war noch zu
aufgeregt: „Sie müssen mir erst alles, alles erzählen!“
Martha that es und versuchte dabei ein Mittel, das ihr in der Pflege
des reizbaren Kindes schon manchmal geholfen hatte: indem sie Fannys
Hand in der ihrigen festhielt, erzählte sie mit ganz eintöniger Stimme
immer breiter, immer langsamer und leiser; das wirkte wie Schlafmusik,
stimmte die überreizten Nerven des Kindes herab, und nach einer halben
Stunde schlief es so fest, daß nun auch Martha die ersehnte Ruhe fand.
Einige Stunden ruhigen Schlafes hatten sie völlig erfrischt; sie
erhob sich leise, um das Kind nicht zu stören, sah aber mit großer
Sorge, daß Fannys Gesicht geröteter war als sonst und die Brust sich
hob in ungewöhnlich raschen Atemzügen. Es fand sich in der That, als
sie erwachte, daß sie nicht fieberfrei war; der herbeigerufene Arzt
riet, sie heute im Bette zu lassen und vollständige Ruhe um sie her zu
erhalten. Mit Bangen empfing Martha gegen Mittag das Telegramm, welches
die Ankunft der Frau v. Märzfeld für diesen Nachmittag meldete. Fanny
wollte durchaus aufstehen zu ihrem Empfange, fühlte aber freilich
gleich, daß es eine Unmöglichkeit sei. Martha war sehr betrübt darüber.
Wie sollte sie der Mutter gegenübertreten, wenn Fanny kränker wurde,
wie sich jemals wieder beruhigen? Ihr Herz schlug heftig, als die
Erwarteten eintraten. Es erschien ihr als die einzige Sühne, der Mutter
sofort den Hergang zu erzählen. Sie that es, aber sie that es nicht
völlig; sie verschwieg, wie sie von der Präsidentin und Fanny dazu
überredet worden war.
Frau v. Märzfeld sah sie sehr befremdet von oben herab an: „Das hätte
ich Ihnen nicht zugetraut, Fräulein Feldwart! Sie sehen, was von Ihrem
Leichtsinn kommt; möglicherweise steht Fannys ganze Genesung auf dem
Spiel.“
Martha weinte: „Ja, gnädige Frau, es soll mir eine sehr bittere Lehre
sein; ich werde niemals, niemals mehr von Fanny fortgehen!“
„Das will ich sehr hoffen; ich könnte Sie auch sonst niemals mehr mit
dem Kinde allein lassen.“
Wahrscheinlich wäre aus diesem Auftritte bei Frau v. Märzfeld dauernde
Erkältung erwachsen, wenn sich nicht gegen Abend die Präsidentin ihr
hätte vorstellen lassen, um ihr den richtigen Verlauf der Sache zu
erklären. Sie nahm alle Schuld bereitwillig auf ihre Schultern und
unterließ es nicht, sich offen darüber auszusprechen, daß es wohl
eigentlich Schuldigkeit sei, einem so aufopfernden Wesen wie Martha
mitunter ein Aufatmen und eine Erholung zu gönnen. Die Präsidentin
verkehrte in den höchsten Kreisen; sie war eine sehr angesehene, auch
äußerlich vornehm erscheinende Persönlichkeit; deshalb verfehlten ihre
Worte nicht, den beabsichtigten Eindruck zu machen, um so mehr, als
Fanny am anderen Morgen nach einer ruhigen Nacht so ziemlich wieder die
Alte war.
Mit Erstaunen sahen ihre Mutter und Schwestern ihre Beweglichkeit, mit
noch größerem ihre Heiterkeit, ihren Humor, die Lebhaftigkeit, mit der
sie sich für jedes Gesprächsthema interessierte, und dies mußte wohl
ein freundliches Licht auf Marthas Pflege und Erziehung werfen.
„Und nun“, sagte Frau von Märzfeld, „will ich euch auch eine große
Neuigkeit mitteilen: Wir haben eine Braut hier im Zimmer; ratet: wer?“
Fannys Augen hatten schon mit Staunen den Goldreif an Luciens Hand
gesehen; sie rief: „Lucie, Lucie! aber mit wem?“
Sie war mit Graf T. verlobt; er war mit ihnen am Genfer See
zusammengetroffen, hatte dort nach einigen Tagen um Lucie angehalten,
und diese freudig und überrascht aus warmem Herzen „Ja“ gesagt.
Martha war auch überrascht; sie hatte Graf T. oft in der Familie
gesehen. Er hatte ihr stets einen ernsten und Vertrauen erweckenden
Eindruck gemacht, er teilte aber seine Aufmerksamkeiten stets
gleichmäßig zwischen beiden Schwestern, und man glaubte in M.
allgemein, er werde sich mit Judith verloben, welche die ältere und
bedeutendere von beiden war. Martha begriff es, daß er sich dies warme
und anmutige Wesen gewählt hatte, das jetzt eine strahlend glückliche
Braut zu sein schien.
Judith sah sehr ernst aus und war fast unnahbarer als sonst. Die Mama
erzählte, der Bräutigam sei jetzt nach Ragatz gereist, um eine Wohnung
dort zu besorgen.
„Aber Mama!“ rief Fanny sehr unglücklich, „ich will ja nach Pfäffers!“
Friedericke stand dabei: „Ach ja, bitte, nach Pfäffers, da gehen wir
auch hin, und da wohnen wir ganz und gar bei den Erdgeisterchen, die
machen dann Fanny wieder gesund!“
Frau v. Märzfeld lachte: „Fragen wir den Arzt!“
Der meinte, Ragatz thäte vielleicht dieselbe Wirkung; aber es gäbe
viele Kranke, welche die Bäder so nahe an der Quelle für heilkräftiger
hielten. Die Einrichtungen wären in Pfäffers sehr gut, und er riete der
Frau v. Märzfeld, ihre kleine Patientin dort anfangen zu lassen; sollte
es sich zeigen, daß Luft und Sonne ihr zu sehr fehlten, könne sie ja
jeden Tag nach Ragatz übersiedeln.
Als für Martha und Fanny Wohnung in Pfäffers bestellt werden sollte,
erklärte zu aller, am meisten zu Marthas Erstaunen Judith, sie möchte
mit nach Pfäffers gehen, sie habe sich dies lange gewünscht, und fügte
sehr entschieden hinzu: „Wir können uns dann ablösen in Fannys Pflege
und jede von uns kann mitunter spazieren gehen.“
Wäre ein Stückchen Himmel eingefallen, so hätte Martha nicht
verwunderter aussehen können. Von Judiths Gerechtigkeitssinne hatte sie
schon mehrmals Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, auch von ihrer
Fürsorge für Fanny; aber Freundlichkeit und Rücksicht für sie -- dies
war Martha ganz neu. Sie kam wohl der Wahrheit ziemlich nahe, wenn sie
vermutete, daß es für Judith vielleicht jetzt nicht leicht sei, in der
unmittelbaren Nähe des Brautpaares zu leben. Aber die Sache hatte noch
einen anderen Grund. Judith liebte Graf T. nicht; ihr Herz war nicht
getroffen durch seine Verlobung, ihr Stolz um so härter; sie fühlte
sich zurückgesetzt und gedemütigt und fing an, ein wenig mit anderen
zu fühlen, denen dasselbe begegnete. Marthas Einwirkung auf Fanny und
besonders ihre Heiterkeit und Geduld in der Pflege derselben erfüllte
sie mit Achtung; Frau v. B.s offene Herzensergießung hatte ihr vollends
die Augen geöffnet; sie kam entschieden zu der Einsicht, daß sie Martha
nicht behandelt hatte wie es billig und freundlich war, und ihre Ehre
schien es zu fordern, dies so viel als möglich wieder gut zu machen.
Martha und Fanny wären lieber mit der Präsidentin und ihrer Tochter
allein gewesen; aber Fanny erkannte die freundliche Absicht, und
Martha wußte, daß Gott uns die Menschen zuweist, mit denen wir leben
sollen, und daß wir es vor ihm zu verantworten haben, wenn wir sie mit
Kälte und Gleichgültigleit von uns stoßen; so kamen sie beide Judiths
Wünschen freundlich entgegen.
Die Reise durch das schöne Rheinthal machte allen, besonders den
beiden, die noch nicht gereist waren, die größte Freude. Da sieht man
die Bergriesen auf beiden Seiten ragen: Säntis, Kamor, Hohekasten,
Altemann grüßen herunter; an der anderen Seite des Thales erheben
sich, steil ansteigend, die österreichischen Berge, während die grünen
Matten des Thals das Auge erfreuen und im Hintergrunde die Kalande die
Aussicht abschließt.
Fanny blieb in einem Jauchzen, bis der Zug in Ragatz hielt und der neue
Schwager sie liebevoll aus dem Wagen hob, um sie als sein Schwesterchen
zu begrüßen. Als man sich ein wenig erquickt hatte, sollten die Gäste
für Pfäffers erst an Ort und Stelle gebracht werden. Es wurden zwei
Wagen genommen; in dem einen saß die Mama mit dem Brautpaar, im anderen
Judith, Martha und Fanny.
Welch wunderbarer Weg, stellenweise fast schauerlich! Die Straße
ist dem Felsen abgewonnen; sie führt dicht am Ufer der Tamina hin.
Dies brausende, weißschäumende Gebirgswasser strömt daher über
schwarzbraunes Felsgestein; an einigen Stellen so tief unter der
schmalen Fahrstraße, daß es den darauf Fahrenden wohl ein wenig
schwindelig werden kann. Zu beiden Seiten steigen hohe, fast senkrechte
Felswände empor, so coulissenartig in- und voreinander geschoben,
daß man stets glaubt, in einen engen Kessel eingeschlossen zu sein.
Staubbäche, in Millionen kleine, feine, leuchtende Tröpfchen geteilt,
ergießen sich von ihrer Höhe in die Tamina, mit so graziösem, kühnem
Schwunge, daß sie über der Fahrstraße einen glänzenden Bogen bilden,
unter welchem dieselbe völlig trocken bleibt. Oben an den Felsen
glühte und zitterte noch das Sonnenlicht und tauchte die wallenden
Wasserschleier in Regenbogenfarben, während über der Tamina die
bläulichen Schatten des späteren Nachmittags lagen, denn nur von zehn
bis vier Uhr vermag in den längsten Tagen die Sonne die Thalsohle zu
erreichen.
Fanny schmiegte sich an Martha mit glühenden Wangen; es war ihr ein
wenig bange zwischen dem schäumenden Abgrund und dem starren Fels.
„O, wie groß und schön!“ sagte Martha.
„Ja, groß ist dies wirtlich“, erwiderte Judith, „schauerlich groß! Ich
graule mich ein wenig hier; Sie auch, Martha?“
„Nein!“ rief diese ernst und zuversichtlich. „Ich weiß, der diese Erde
gründete und diese Felsschlucht auseinanderriß, der diesem Wasser rief
und es herniederbrausen läßt, der ist mein Vater, hält mich in seiner
liebevollen, starken Hand und hat die Haare auf meinem Haupte alle
gezählet. Das ist so tröstlich zu denken, man wird so still dabei und
möchte doch Psalmen singen tief aus dem Herzen heraus.“
Judith sah sie ernst und wehmütig an: „Mir ist anders, ich habe das
Gefühl: dieselbe Gewalt, die vor Jahrtausenden diese Spalten entstehen
ließ, kann jederzeit wieder daran rütteln; mir ist, als könnten Himmel
und Erde in Stücke gehen, und ich fühle gleichsam schon ihr Beben.“
„Das werden sie ja auch einmal“, sagte Martha freundlich, „aber dann
kommt der neue Himmel und die neue Erde, wo alles nur Friede und Freude
ist.“
Sie sprachen nun nicht mehr, aber Fanny hatte sich fest in Marthas Arm
geschmiegt; sie schaute und schaute, auf ihren Wangen blühte zartes
Rot auf und ihre Augen leuchteten. Auch Judiths Augen wurden immer
größer und ernster und zuweilen senkten sich die Lider darüber, um
aufsteigende Thränen zu verhüllen. Es war allen befremdlich, wenn
einmal der vorausfahrende Wagen in einen solchen Winkel zu dem ihrigen
kam, daß man heiteres Gespräch und fröhliches Lachen daraus vernahm;
und doch ging dies natürlich zu: das bräutliche Glück überstrahlte
selbst diese großartige Scenerie. Es kommt ja bei der Wirkung äußerer
Eindrücke alles darauf an, wie es in dem kleinen Herzensspiegel
aussieht, in dem sie sich abbilden.
Als man vor den Gebäuden von Bad Pfäffers ausstieg, die, eingeklemmt
zwischen die Felswände und jetzt vom letzten Sonnenstrahl in ihrer
oberen Hälfte eben noch erreicht, auf den ersten Anblick einen mehr
düsteren als angenehmen Eindruck machten, sahen sich die Insassen
beider Wagen fragend an; das Ganze glich sehr einem natürlichen
Gefängnis. Aber sie wurden freundlich hereingeführt, zunächst in die
für die neuen Badegäste bestimmten Zimmer. In der Mitte lag eine
größere gemeinsame Wohnstube, rechts ein Schlafzimmer für Judith,
links eins für Martha und Fanny. Die Zimmer waren bequem und sauber
eingerichtet und die künftigen Bewohnerinnen erklärten sich damit
zufrieden.
Die Badeeinrichtungen fand man ganz besonders blank und nett, und als
man in eines der Versammlungszimmer trat, um den Kaffee da zu genießen,
erhob sich am oberen Ende des Tisches ein vornehm aussehender Herr
mit weißen Haaren und stellte sich als General E. aus Württemberg
vor, zugleich als Bruder der lieben Präsidentin, die jährlich mit ihm
hier zusammentreffe und die er morgen gegen Mittag mit ihrer Tochter
Friedericke erwartete. Da war die Bekanntschaft schnell gemacht,
und als Frau v. Märzfeld mit ihrem Brautpaar abfuhr, saßen die drei
Zurückbleibenden zutraulich neben ihrem neuen Beschützer, erzählend und
hörend, als wären sie schon längst miteinander bekannt. Selbst Judith
gab der süddeutschen Treuherzigkeit gegenüber ihr steifes Wesen auf.
Der Gang in die Schlucht, in welcher die Heilquellen entspringen, wurde
bis morgen verschoben, da man ihn nicht ohne Fanny, die von der Reise
angegriffen war, ja, womöglich auch nicht ohne Friedericke thun wollte,
welche sich schon in Heyden darauf gefreut hatte, ihrer Freundin diese
Wunder zu zeigen.
Als die Dunkelheit völlig hereinbrach, erschienen sehr
verschiedenartige Gestalten im Gesellschaftszimmer; nur die wenigsten
schienen den höheren Ständen anzugehören; der vermögende Teil
der bäuerlichen Bevölkerung aus der Schweiz und Oberösterreich
war reichlich vertreten, und Judith sah sich mit nicht eben sehr
wohlgefälligen Blicken um unter dieser Umgebung. Ihr Staunen stieg,
als sie den ungenierten, vertrauten, heiteren Ton gewahrte, in welchem
sich der General mit den Leuten unterhielt und auf all’ ihre Interessen
einging.
„Hier“, dachte sie, „wird es schwer sein, seine Stellung zu wahren“,
und als ein behäbiger, freundlicher Österreicher sie fragte: „Wird es
den schönen jungen Damen nicht zu einödig hier sein?“ erhielt er eine
so kurze, ablehnende Antwort, daß Martha froh war, als Fannys Müdigkeit
sie sämtlich nötigte, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen.
Als Fanny ruhte, saßen Judith und Martha noch eine halbe Stunde im
Wohnzimmer beisammen.
„Ist das nicht schrecklich hier?“ rief Judith; „nimmt sich so ein
Mensch heraus, mich anzureden, ohne daß ich es ihm erlaubt habe! Und
dieser General! Gehört zu den ersten Kreisen in Württemberg und spricht
mit diesen Menschen, als wären sie seinesgleichen!“
„Ich glaube, Fräulein Judith, das Badeleben bringt auf ganz natürliche
Weise den freieren Ton mit; alle sind hier um ihrer Leiden und
Gebrechen willen, alle suchen Hilfe aus derselben Vaterhand und an
derselben Quelle, alle sind eingeschränkt auf kleinen, engen Raum.
Aber wenn Sie eingehend beobachten wollen, werden Sie finden, daß sich
niemand gegen den Herrn General etwas Zudringliches oder Ungeschicktes
erlaubt; er ist bei all’ seiner Leutseligkeit eine so wahrhaft vornehme
Erscheinung, daß dies keiner ihm gegenüber vergessen oder verkennen
kann!“
Judith seufzte; sie hatte doch auch gedacht, eine vornehme Erscheinung
zu sein und war sehr unbefriedigt von dem ersten Abend.
Martha fand ihren Pflegling noch mit großen, offenen Augen.
„Hören Sie nur, wie die Tamina rauscht!“ flüsterte Fanny. „Ach, bitte,
lesen Sie noch einen Psalm oder ein Lied zur ‚Gute Nacht!‘“
Martha griff nach der Bibel und las den 121. Psalm: „Ich hebe meine
Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt; meine Hilfe kommt
von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“ -- bis zum Schluß: „Der
Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele; der Herr behüte
deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“ Dann betete sie
den Vers:
Wenn der Wellen Macht
In der trüben Nacht
Will des Herzens Schifflein decken,
Wollst du deine Hand ausstrecken;
Habe auf mich acht,
Hüter in der Nacht!