Martha schwärmte für schöne Natur; sie wäre gern noch tiefer

hineingekommen in die Wunderwelt der Schweiz; dennoch sah sie der Reise

mit Spannung und großen Erwartungen entgegen. Sobald der Mai erschienen

war, brach man auf. Frau v. Märzfeld hatte ein ganzes Coupé genommen,

um es Fanny bequem zu machen. Am ersten Tage fuhr man bis Frankfurt am

Main bei rieselndem Regen; die Leidende klagte viel über Schmerzen;

Martha bemühte sich, ihre Gedanken davon abzuziehen, indem sie ihr von

den Orten, an welchen sie vorüberfuhren, mancherlei erzählte. Aber so

leise dies geschah, störte es doch Lucie in ihrer Reiselektüre, und sie

äußerte dies sehr vernehmlich durch verwunderte Blicke und ungeduldige

Bewegungen; Judith versuchte anfangs Martha beizustehen, aber das

eintönige Grau rings umher, das Anschlagen der Tropfen an die Fenster

ermüdete sie, und sie schlief bald fest in der einen Ecke, während

in der anderen die Mutter ihre Stirn unaufhörlich mit wohlriechendem

Wasser wusch. In Frankfurt hatte man versäumt, sich Wohnung zu

bestellen, Westendhall war besetzt; man mußte noch am späten Abend von

einem Gasthaus zum anderen fahren, bis man endlich gegen Mitternacht

ein wenig befriedigendes Unterkommen fand.

Am anderen Morgen ward es heller. Judith und Lucie baten die

Mutter, sich einige Stunden in Heidelberg aufzuhalten und dann in

Ulm Nachtquartier zu nehmen; aber Frau v. Märzfeld wollte lieber

Friedrichshafen erreichen. Alle jungen Köpfe bemühten sich, möglichst

viel aus dem Fenster zu sehen, als der Zug in Heidelberg hielt. Scharen

von Studenten mit ihren großen Hunden konnte man bewundern, wenn man

wollte; aber von der schönen Lage und Umgebung des berühmten Ortes war

vom Coupé aus wenig zu bemerken. Der Tag wurde schwül, die Glieder

schmerzten von der langen Fahrt; die ganze Gesellschaft hatte nur

noch wenig Kraft, die Umgebungen zu betrachten: Fanny weinte, Lucie

stieß ungeduldige Ausrufe aus, Judith seufzte und Frau v. Märzfeld lag

abgespannt in ihrer Ecke. Wie eine Himmelsbotschaft klang endlich spät

am Abend die Stimme des Schaffners: „Friedrichshafen, aussteigen!“

Sie waren bald in dem geräumigen, sauberen Gasthofe untergebracht,

und Fanny streckte sich recht mit Wohlbehagen in ihrem Bette aus, als

Martha ihr sagte: „Morgen fahren wir nur noch mit dem Dampfschiff

über den See, da sehen wir den Säntis und die Appenzeller Berge alle

vor uns, dann geht es eine kleine Stunde mit der Zahnradbahn den Berg

hinauf nach Heyden.“ Martha wachte noch lange und seufzte: „Ach; wenn

nur morgen, nur morgen schönes Wetter ist!“

Sie lauschte; lauschte: es klang wie ein leises Rauschen; war das der

See? Mit dem ersten Tageslichte erhob sie sich und zog leise die

Gardine vom Fenster. Grauer Nebel wogte draußen, die Fenster gingen

nach einem Rasenplatze, vom See war nichts zu sehen. „Es muß noch sehr

früh sein“, dachte sie, legte sich wieder nieder und schlief ermüdet

ein. Als das Hausmädchen, wie es versprochen, um 6 Uhr anklopfte, war

das Wetter noch ebenso. Martha war sehr betrübt darüber: sie hätte so

gern den Säntis gesehen. Fanny freute sich auf das Dampfschiff; sie war

ruhiger.

Als man nach einer Stunde aufs Schiff kam, hatte der Regen, der sich

die ganze Nacht über ergossen, nachgelassen, und der See wurde nach und

nach nebelfrei; seine Wellen kräuselten sich im frischen Morgenwinde.

An der östlichen Ecke des weiten Wasserbeckens tauchte Bregenz auf,

aber die Vorarlberge, an deren Fuße es liegt, waren noch verhüllt, und

vom Schweizer Ufer konnte man nur dämmernde Umrisse erkennen. Erst

als man sich Rorschach näherte, zerriß die Wolkenhülle, aber nun war

man den Bergen zu nahe, um mehr als die Vorhügel zu überblicken. Das

weite, jetzt blaue Wasserbecken übte dennoch einen großen Reiz aus,

und besonders Fanny war glücklich, mitten auf dem Verdeck in ihrem

Rollstuhl ruhend, so sanft hinüberzugleiten ans andere Ufer. Der Weg

nach Heyden hinauf war lieblich und kurz. Wie blau erschien der See

bei dem Dorfe Wynachten! In Heyden war ihnen durch den dortigen Arzt

Wohnung bestellt, eine der älteren Pensionen nahm unsere Reisenden auf.

Martha teilte ihr Zimmer mit Fanny; es hatte die lieblichste Aussicht

von der Welt. Dicht unter dem Fenster begannen die grünen Matten,

die in der schönsten Frühlingsüppigkeit standen, hin und wieder von

bewaldeten Hügeln, Gesträuch und Obstbäumen unterbrochen, aus deren

Mitte die hellen Wände niedlicher Häuser hervorglänzten; tief unten

und doch so nahe erscheinend, als könne man ihn mit wenigen Schritten

erreichen, lag wie ein aufgeschlagenes, schimmerndes, blaues Auge der

See, an seinem gegenüberliegenden Ufer Lindau und Friedrichshafen,

so deutlich, daß man jedes Fenster unterscheiden konnte; rechts die

Vorarlberge und Bregenz, links schweifte der Blick übers Württemberger

Land. Die beiden Mädchen konnten sich nicht satt sehen; sie öffneten

das Fenster und sogen die unbeschreiblich milde Luft mit Wohlbehagen

ein. Sie sollten heute noch auf ihrem Zimmer speisen; zum Vesperbrot

wollte dann Fanny versuchen, die wenigen Schritte bis zum Speisesaal zu

gehen.

Ein freundliches, älteres Mädchen in einfacher Kleidung brachte gute

Suppe, Rindfleisch mit einem Gemüse von getrockneten Äpfeln und

gerösteter Semmel, und Braten, den sie im ersten Augenblicke seiner

hohen Fettkruste wegen für Schweinebraten hielten, der sich aber dann

als der Rücken eines gut gemästeten Kalbes auswies. Es schmeckte

den beiden Gereisten trefflich, und selbst die Zusammenstellung von

Rindfleisch und Äpfeln, die ihnen neu war, fanden sie ganz schmackhaft,

als sie davon gekostet.

Während Frau v. Märzfeld schlief, erschienen Judith und Lucie.

„Nun, das muß man sagen“, rief die erstere entrüstet, „in eine feine

Pension hat uns der Doktor K. gebracht! Nicht ’mal ein Kellner! Der

Wirt wartet selbst auf; ein Mädchen mit einer dicken, rotgestreiften

Schürze bringt die Speisen herein, -- und dieser Küchenzettel! Nein, --

und Lucie, sieh hier dieses Möbel!“

Lucie mußte auch lachen, als sie sich im Zimmer umsah; es war

weißgestrichen mit einer grauen Kante und kleinen, grünen Blumen. In

der Ecke desselben stand ein mächtig großer, zweithüriger Schrank,

himmelblau angestrichen, an der Seite mit den schönsten Blumen-

und Fruchtstücken in den leuchtendsten Farben verziert, vorn die

Schöpfungsgeschichte und der Sündenfall deutlich abgebildet. Ein Sofa

hatte das Zimmer nicht, aber zwei Betten mit guten Matratzen und einen

alten, bequemen Lehnstuhl, mit buntem Kattun überzogen, in dem Fanny

behaglich saß.

„Ich weiß nicht, Judith, mir gefällt alles sehr; es ist einmal anders

wie sonst, und es schmeckt mir viel besser, als jemals zuhause!“

Martha hatte Ähnliches gedacht; die Aufwärterin mit ihrem guten,

teilnehmenden Gesichte erschien ihr viel gemütlicher als ein befrackter

Kellner, und ein Blick aus dem Fenster ließ die Dekorationen im Inneren

des Zimmers nur wenig vermissen.

Am Nachmittag ging Fanny mit in den Speisesaal; sie waren heute noch

allein darin, weil die anderen Gäste ausgeflogen waren. Frau v.

Märzfeld betrachtete mit sehr unzufriedenen Blicken die Tischdecke aus

braungeblümtem Kattun, aber was darauf stand: Kaffee, Milch, Weißbrot,

Butter und Honig, das war unübertrefflich. Noch bevor es ans Auspacken

ging, erschien der Arzt.

„Mein bester Doktor“, sagte Frau v. Märzfeld, nachdem man sich ins

gemeinsame Wohnzimmer zurückgezogen hatte, „in was für eine Pension

haben Sie uns gebracht! Sollte es in dem großen Heyden keine elegantere

und anständigere geben?“

„Gewiß haben wir elegantere, gnädige Frau; für anständig halte ich

aber diese sehr, und ich weiß keine, die ihre Patienten gewissenhafter

und besser versorgt; überdem ist hier gerade die Luft und die Aussicht

besonders schön; ich dachte, es würde unserer jungen Patientin hier

wohl sein. Wie steht es damit, Fräulein?“ fragte er, zu Fanny gewendet.

„O, mir gefällt’s ganz gut!“ sagte diese; „ich möchte gar nicht fort

von hier!“

„Glauben Sie, daß ich meine Tochter mit ihrer Erzieherin bei diesen

Leuten allein zurücklassen kann?“

„Gewiß, es sind ganz zuverlässige Wirte, und das Dienstmädchen, die

Anna aus Oberösterreich, die ist ein wahrer Schatz; je kränker einer

ist, desto lieber hat sie ihn.“

„Dann werde ich mich nur wenige Tage hier aufhalten; ich bin in der

That ganz andere Umgebungen gewohnt!“

Es blieb dabei! Am zweiten Morgen nahm die Mama mit den beiden ältesten

Töchtern Abschied, um eine größere Reise anzutreten nach den schönsten

Punkten der Schweiz. Fanny winkte ihnen mit ihrem Taschentuche

Grüße zu, die sie freundlich erwiderten; Martha sah ihnen nach mit

sonderbaren Gedanken und Gefühlen: sie war noch in den Jahren, wo

man sich gern Illusionen macht! Nach der Schweiz, nach der Schweiz

hatte ihr Sinn gestanden, so lange sie lebte; und nun war sie hier,

festgebunden an diesen zwar lieblichen, aber wenig großartigen Fleck.

Da Fanny jetzt kein Mädchen hatte, wagte sie auch nicht auf Stunden

dieselbe zu verlassen. Sie war gefesselt an den Rollstuhl ihrer

Schülerin, den ein dazu gemieteter Diener jeden Morgen zum Trinkplatz,

jeden Nachmittag zu dem kleinen Gehölze hinausschob, in welchem man zur

Bequemlichkeit der Sommergäste Wege und Bänke angelegt hatte. Es war

dies fast der einzige Ort, wo man im Schatten wandeln konnte! Es ist

schwerer als man denkt, mit voller Gesundheit und rüstiger Kraft mitten

hinein gesetzt zu sein in eine so schöne Natur, zu wissen: dürftest du

jetzt eine Stunde oder zwei steigen, so hättest du alle Herrlichkeit

der Alpenwelt vor Augen, nach der du dich lebenslang gesehnt; und dann

all dies Verlangen zügeln zu müssen, ja, es verbergen vor den Augen

eines geliebten Kranken!

Martha strebte hiernach mit dem besten Willen; aber ungerufen tauchten

wieder und wieder Gedanken in ihr auf, deren sie sich schämte.

„Warum muß ich nur hier sitzen bei der kleinen Kranken? würde ich

nicht mehr Genuß haben an den Bergen, Gletschern und Seen als Frau

v. Märzfeld und Lucie, die schließlich doch nur nach den Außendingen

fragen?“

Es sitzt in jedem natürlichen Menschen, wenn auch noch so verborgen,

ein kleiner Sozialdemokrat. Man mag nur auf sich achten! Man ist

darum noch nicht zufrieden und genügsam, wenn man prächtige Kleider,

feine Speisen, eine bequeme Lebensweise gern entbehrt; dies ist für

manche Naturen gar nicht schwer; aber fast für jeden giebt es einen

Punkt, nach welchem seine Wünsche besonders lebhaft gehen, nach dem

seine innerste Neigung gerichtet ist; gewöhnlich faßt der liebe Gott

in der Lebensschule seine Kinder bei diesem Punkte an, und nur wenn

es gelingt, sich zu unterwerfen und den innern Rebellen zu besiegen,

giebt es vollen Frieden in der Brust. Martha hatte an Fanny ein gutes

Vorbild. Seitdem ihre Sehnsucht nach genügender Teilnahme, Unterhaltung

und Beschäftigung gestillt war, konnte man nicht zufriedener sein als

sie. Heyden brachte ihr überdies eine Menge neuer Eindrücke, die sie

fortwährend anregten und erheiterten.

Am Morgen zwischen sechs und sieben Uhr kam der „Schottenfranzerl“

-- Schotten nennt man dort die Molken -- mit seiner heißen Butte von

der Ebenalp herunter, doppelte wollene Decken zwischen der Butte und

dem Rücken, damit er sich nicht verbrenne. Zwischen zwei und drei Uhr

morgens ging er vom Säntis weg, um sechs Uhr erschien er in Heyden --

welch eine beschwerliche Tour! nur die stärksten Männer konnten dazu

verwendet werden. Der Franz sah gar schön aus, wenn er mit seiner

Last so leicht auftrat, als ginge es zum Tanze; den spitzigen Hut mit

der Auerhahnfeder auf dem Kopfe, unter der roten Weste den breiten

Ledergurt, auf dem das liebe Hornvieh sich im blanksten Messing

getrieben präsentierte, ein Abzeichen seines Standes. Die Molke war

beim Ausschenken noch zu heiß, um sie sogleich zu trinken, und Fanny,

die so viel Sinn für Humor hatte, belustigte sich im stillen über

die verschiedenen Auffassungen und Anstrengungen der Gäste bei ihrem

Genusse. Einige schluckten verdrießlich und widerwillig, andere,

als besorgten sie die wichtigste Arbeit ihres Lebens; noch andere

scherzten und lachten dabei; und je besser Luft und Kur ihr bekamen,

je größer die Strecken wurden, welche sie jetzt an Marthas Arme

zurücklegen konnte, desto mehr Lust bekam sie, sich dem heiteren Teile

der Gesellschaft zuzugesellen. Das Frühstücksnäpfchen mit der braunen

Mehlsuppe darin hatten beide Mädchen zuerst sehr bedenklich angesehen,

doch redete die Anna aus Oberösterreich zu: „Esse Sie nur, ’s ischt

gut, ’s ischt sehr gut!“ Sie aßen und es bekam ihnen wohl.

Bei ihren kleinen Reisen durch den Ort zogen die Gardinenweberinnen,

die man durch die niedrigen Fenster arbeiten sehen konnte, meist

noch junge Mädchen, ihre Aufmerksamkeit auf sich; auch die alten,

ungemein sauber gekleideten Weiblein, die Gardinen stickten, und

die geschickten Stickerinnen, welche die superfeinen Taschentücher

und Kragen lieferten, die „beim Sturzenegger“ auslagen. Manche

Regenstunde wurde dort in dem anziehenden Geschäfte zugebracht, manches

Geldstück wanderte aus Fannys Sparbüchse, indem sie sich hier mit

Geburtstagsgeschenken für Mutter und Schwestern versorgte.

Eine neue Freude war ihr der Sonntag; sie hatte in M. nicht mit zur

Kirche gehen können; hier in Heyden kam der Wirt am Sonntagmorgen,

brachte jedem seiner Gäste ein Gesangbuch und teilte mit, um neun

Uhr werde man zur Kirche gehen. Nun wurde ihm von manchem Gaste das

Gesangbuch dankend zurückgegeben; das nahm er freundlich und ruhig hin;

er hatte nun seine Schuldigkeit gethan.

Martha und Fanny, letztere in ihrem Rollstuhle, schlossen sich gern dem

Zug der Kirchgänger an, den der Wirt anführte. Obgleich die ziemlich

neue Kirche nur Stahlglocken hatte, erschien es doch beiden Mädchen,

als hätten sie nie so etwas Schönes gehört als dies Geläute, wie es in

der frischen Morgenluft über den blauen See hinüber klang; so recht

volle Sonntagsfreude zog in ihre Herzen ein, und sie lernten bald

sich zurechtfinden in dem vollen vierstimmigen Gemeindegesang. Auch

der Pastor verstand es wohl, die Herzen auf das Eine hinzuweisen, was

notthut, und so meinte Fanny, der Sonntag könne wohl in der ganzen Welt

nicht so schön sein, wie hier oben in Heyden.

Des Abends, wenn die anderen Hausgenossen teils noch promenierten,

teils nach dem Kurhause gegangen waren, um in größerer Gesellschaft zu

sein, saßen unsere beiden Mädchen mit dem Wirt, der Wirtin und der Anna

aus Oberösterreich vor der Thür oder im Zimmer; der Wirt hatte dann

eine blaue Schürze um und rüstete mit seiner Frau zusammen das Gemüse

oder Obst für den anderen Tag, wobei Martha gern half; eine Köchin

gab’s in der Pension nicht. Dann erzählte der Wirt aus seinem bewegten

Leben. Er stammte aus Vorarlberg, war schon als Knabe hinausgezogen

ins Land mit Quirlen und Löffeln, hatte Menschen, Gegenden und

Verhältnisse kennen gelernt, und seitdem er die Margaret in St. Gallen

zuerst gesehen, da war er sehr sparsam geworden und hatte es zuletzt

so weit gebracht, sich in Heyden ein Häuschen zu kaufen, in das er

diese Margaret geführt; aus dem Häuschen war ein Haus geworden und eine

bekannte und angesehene Pension. Beide Mädchen hörten ihm gern zu;

Martha machte die Bemerkung, daß man mit offenen Augen und gesundem

Sinne auch ohne Bücher recht viel lernen kann.

Die Pension hatte sich indessen mehr und mehr mit Fremden gefüllt;

mittags erschienen außerdem noch Gäste aus dem Ort, und da sie aus

aller Herren Ländern zusammenkamen, wurde die Unterhaltung abwechselnd

französisch, englisch und deutsch geführt.

Marthas Nachbar war ein Amerikaner, der sich englisch mit ihr

unterhielt. Fanny hatte zwar einige englische Stunden gehabt, es aber

nicht so weit gebracht, den Fremden zu verstehen, und da er sehr

interessant zu erzählen pflegte, so übersetzte es Martha gewöhnlich

ihrem Zögling.

Eines Mittags bemerkte es der Fremde: „O, ich kann es der kleinen Dame

gleich deutsch erzählen.“

„Sie sprechen nicht wie ein Ausländer“, sagte Martha.

„O, ich stamme aus Deutschland, bin freilich schon in der Jugend nach

den Vereinigten Staaten gegangen, und hätte gewiß meine Muttersprache

verlernt, wenn ich mich nicht mit meinen Nachbarn Eichhorn und Kraus in

St. Joseph grundsätzlich nur deutsch unterhielte.“

Kraus! St. Joseph! Ach, das mußte Siegfrieds Onkel sein!

„Stammt Ihr Nachbar Kraus aus Sachsen?“

„Ja wohl, aus der Nähe von Leipzig.“

Marthas Herz klopfte, sie konnte kaum sprechen.

„Ich kenne einige Glieder seiner Familie; geht es ihm wohl?“

„Sehr wohl“, sagte der Nachbar. „Er hat vor etwa fünf Jahren in seinem

Alter noch geheiratet und hat jetzt zwei prächtige Buben.“

Es wurde Martha schwer, weiter zu fragen; aber die Qual der Ungewißheit

war zu groß.

„Ich hörte, er habe sich seinen Neffen nachkommen lassen!“

„Dies muß ein Irrtum sein; ich habe ihn vor meiner Abreise noch

besucht; er hatte niemand bei sich als seine Frau und Kinder, hat auch

nie von einem Neffen gesprochen. Doch -- warten Sie! Ja, vor langer

Zeit, ehe er heiratete, sagte er mir, er habe einen Neffen gebeten, zu

ihm zu kommen, aber der Schlingel wollte nicht.“

Arme Martha! Für das, was man nun noch sprach, war sie taub und gab dem

Nachbar einige recht verkehrte Antworten. Was war das? War Siegfried

unterwegs verunglückt? Hatte er von der Verheiratung des Onkels gehört

und sich wo anders hingewendet? Bis jetzt hatte sie wenigstens für

ihre Gedanken einen Zielpunkt gehabt, die Gegend, in welcher sein

Onkel sich niedergelassen; nun war auch dies vorüber. Ach, so oft

hatte sie versucht, sich innerlich gefaßt zu machen auf ein Leben ohne

ihn; jetzt merkte sie, wie die Hoffnung im Hintergrunde ihres Herzens

immer noch gewohnt und ihre Zauberfäden gesponnen hatte. Sie sehnte

sich ganz unaussprechlich nach einem Wesen, dem sie sich mitteilen,

bei dem sie sich ausweinen könnte. Sie ergriff die Feder, um Suschen

alles zu erzählen; da kam der Briefträger und brachte ihr einen Brief

der Freundin. Sie zeigte den Tag ihrer Hochzeit an und bat, daß Martha

ihrer fürbittend gedenken möge, da sie doch leider, leider nicht

dabei sein könne. Auf diesen Brief konnte sie keine klagende Antwort

schicken; er war so glücklich, so strahlend glücklich bei allem Ernst.

Fanny ruhte auf ihrem Lager, wie gewöhnlich nach Tische, Martha schlich

sich ins grüne Hausgärtchen; nicht weit vom Bienenstand war eine Laube,

da konnte sie sich ausweinen.

Ach, ihre Thränen flossen unaufhaltsam! All’ die zurückgedrängte

Sehnsucht der letzten Jahre wollte zu ihrem Rechte kommen. Sie

schluchzte wie ein Kind und erschrak sehr, als der Eingang der Laube

durch einen Schatten verdunkelt wurde. Es war nur die Anna.

„Haben das Fräulein Kummer?“

„Ja, Anna, den hab’ ich!“

„Ist Euch was Liebes tot, oder sollt Ihr Euer Schatzerl nit haben?

Sagt’s den lieben Heiligen, die hab’n schon oft geholfen. Jetzt hab’ i

halt kai Zeit zum Bete; aber wenn i na Haus komm’, will ich’s wohl der

heiligen Anna sagen; die ist sehr gut und hilft schon!“

Martha hätte sagen können, daß sie lieber Gott anrufen solle; aber Anna

hatte eine so kindliche Zuversicht auf die heilige Schutzpatronin, daß

sie es nicht übers Herz brachte, sie darin irre zu machen; sie dachte:

wenn sie so warm und gläubig zur heiligen Anna spricht, sieht es

vielleicht der himmlische Vater an, als sei es ihm gesagt, und so sagte

sie: „Ich danke Ihnen, Anna, thun Sie das!“

Als aber Anna fort war, kam es doch wie eine stille Freude über sie,

daß sie ja keine heilige Fürsprecherin brauchte, daß sie konnte und

durfte gerade zu ihrem Vater gehen und ihr Herz vor ihm ausschütten;

sie that es, und das hilft jedesmal. Wenn auch ihr Herz nicht leicht

danach wurde, es wurde doch stille und ergeben, und sie konnte mit dem

warmen, aufrichtigen Vorsatze zu ihrer Pflegebefohlenen zurückkehren,

die Wolken und das Weh für sich zu behalten und so viel Sonnenschein

als möglich auf Fannys Lebensweg auszugießen. Wenn sich der Sturm im

Innern gelegt hat, tritt auch die Besinnung und verständige Überlegung

wieder in ihr Recht und entkleidet das Erlebte von allen Übertreibungen

der Phantasie. Was hatte sie denn so Schlimmes vernommen? Nur, daß

Siegfried nicht bei seinem Onkel war; konnte er nicht an irgendeinem

anderen Orte sich eine Existenz gegründet haben? War es denn unmöglich,

daß er dennoch zu ihr zurückkehrte?

Um vieles beruhigt holte Martha ihre Schülerin ab zum Kaffee in dem

kleinen Saal. Sie fanden neue Ankömmlinge: eine sehr durchsichtig und

zart aussehende Mutter und ein rosiges Töchterchen von etwa dreizehn

Jahren; Frau Präsidentin v. B. und ihre Tochter Friedericke.

Die beiden Kinder betrachteten sich schüchtern, aber mit sehr

vergnügten Gesichtern. Frau v. B. sah mit mütterlicher Teilnahme

auf das zarte, hilfsbedürftige Mädchen, und nachdem es Martha ihrem

Zöglinge so bequem als möglich gemacht, veranlaßte sie die gegenseitige

Vorstellung.

„Siehst du, Friedericke, da ist ja ein junges Mädchen, wie du es dir

gewünscht hast.“

Friedericke nickte.

„Ich kann freilich noch nicht mit herumspringen“, sagte Fanny, „aber

ich lerne es bald; ich kann jetzt schon vom Freihof bis zur Kegelbahn

laufen.“ Dabei sah sie sehr stolz und glücklich aus.

Frau v. B. erkundigte sich sehr teilnehmend nach dem Leiden der Kleinen

und erfuhr, daß sie von hier nach Ragatz oder Pfäffers gebracht werden

sollte.

„Ach, wenn es doch Pfäffers wäre“, rief Friedericke; „dort badet Mama

einige Wochen, und dort ist es so -- ach so -- ich weiß gar nicht, wie

ich sagen soll -- so geheimnisvoll und schauerlich und doch so schön!

Man wohnt eigentlich bei den Erdgeisterchen selber. Ach, Fanny, bitte

immer zu, daß ihr nach Pfäffers kommt; es wird so sehr hübsch sein,

dort Gesellschaft zu haben.“

Friederickens lebhafte Schilderungen waren ganz dazu gemacht, Fannys

Verlangen nach dieser Wunderwelt zu steigern, und sie hoffte ihre

Mutter zu überreden, auf ihre Wünsche einzugehen.

Es war sehr ergötzlich, zu sehen, wie die beiden Kinder sich mit

jedem Tage näher kamen. Friedericke kannte bald keine größere Lust,

als ihrer schwachen Gefährtin all’ die kleinen Dienste zu leisten,

deren sie bedurfte, sie an ihrem Arm auf ihr Zimmer zu führen oder

aus demselben abzuholen. Fanny ließ sich das sehr gern gefallen,

aber der Wunsch erwachte in ihr, es vergelten zu können, und als die

Präsidentin eines Tages sehnend nach ihrer Handarbeit ausschaute,

welche auf einem fernen Tische lag, stand sie leise und unbemerkt auf

und fühlte mit innerlichem Frohlocken, daß es nicht mehr zu schwer für

sie war, dieselbe zu holen und der Eigentümerin zu bringen. Diese sah

sie überrascht und sehr erfreut an, aber das Kind erglühte förmlich

in Wonne; es war das erste Mal, daß sie jemandem einen Dienst hatte

leisten können.

Die Unterrichtsstunden mußten natürlich hier in freierer Gestalt

gegeben werden wie zuhause, aber Martha hatte sie nie ganz fallen

lassen. Jetzt fragte Frau v. B., ob Friedericke nicht daran teilnehmen

dürfe; sie war natürlich viel weiter, aber immerhin ließen sich

Gegenstände auffinden, die beide Kinder gleichmäßig interessierten, und

Martha fand, daß die Gemeinschaft ein herrlicher Sporn für Fanny war.

Frau v. Märzfeld und ihre Töchter hatten häufig Nachricht gegeben; sie

hatten den Züricher See besucht, den Vierwaldstädter See mit seinen

herrlichen Umgebungen, auf dem Rigi mehrere Tage zugebracht, und waren

jetzt seit einigen Wochen in Montreux am Genfer See.

„Aber nun“, schrieb Lucie, „kommen wir auf dem nächsten Wege. Wir

sehnen uns nach dem Kinde und etwas mehr Ruhe, und werden im Laufe

der nächsten Woche eintreffen, um mit Euch nach Ragatz oder Pfäffers

überzusiedeln.“

Fanny jubelte, und auch Martha, obgleich sie sich sagen mußte, daß ihr

Leben ferner nicht in so angenehmer Ruhe verlaufen werde, wie es jetzt

der Fall war, freute sich doch mit aufrichtigem Herzen darauf, der

Mutter und den Schwestern die Fortschritte zu zeigen, welche des Kindes

Genesung inzwischen gemacht hatte.

Ein wunderbar schöner Tag stieg nach mehreren recht unfreundlichen

über Heyden auf; die sämtlichen beweglichen Pensionsgäste beschlossen

eine Tour auf den Kaien zu machen, unter Führung ihres Wirtes; da oben

sollte eine herrliche Aussicht auf das Gebirge sein. Marthas Herz

schlug in großem Verlangen. Eine Stunde vor Tische ließ Frau v. B. sie

rufen.

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 11 / 15 段