„Ein wenig; ich glaube, er vertrug sich nicht mit seinem Bruder Esau.“

Martha erzählte von Jakob; seinen Ausgang aus dem Vaterhause; seine

Angst vor seinem Bruder, den er um sein Erstgeburtsrecht gebracht; wie

er sich am Abend niederlegte auf einen Stein mit seinem Kopf, und ihm

dann im Traume die Himmelsleiter erschien, an der die Engel hinauf- und

herabstiegen.

„O, das muß schön gewesen sein!“ sagte Fanny. „Giebt’s jetzt auch noch

Engel?“

„Freilich! Christus sagt von den Kindern: ‚Ihre Engel sehen allezeit

das Angesicht meines himmlischen Vaters.‘“

„Hab’ ich auch einen?“

„Gewiß, Fanny, hast du deinen Engel, der an deinem Bette wacht, wenn du

schläfst, und dich behütet, wenn du in deinem Rollstuhl liegst.“

„Kann er mich auch gesund machen?“

„Er wohl nicht; aber der Vater im Himmel, der den Engel sendet, und

wenn es dir gut ist, thut er es gewiß; wir dürfen ihn alle Tage darum

bitten.“

„Ach, das wollen wir thun!“

Das Gespräch wurde jetzt unterbrochen; von unten herauf drang nicht

mehr das Gemurmel sprechender Stimmen, sondern silberklare Töne eines

sehr schönen Flügels; es ertönte eine Sonate von Beethoven, dies konnte

man deutlich unterscheiden, obgleich von den feineren Tönen natürlich

viel verschwand.

„Sie hören gern Musik?“ fragte Fanny.

„Sehr gern!“

„Ich sah es Ihnen an; Sie verstehen auch, was die Töne miteinander

sprechen.“

„Verstehst du das auch, Fanny?“

„Natürlich; es ist eine andere Sprache als die, in der wir uns

unterhalten; aber man fühlt ganz deutlich im Herzen, wie es gemeint

ist.“

Jetzt wurde präludiert; eine sehr frische, jugendliche Stimme sang

reizende Lieder von Franz und Schumann; beide Zuhörerinnen lauschten.

„O, das ist schön!“ rief Martha.

„Geben Sie acht, wenn Judith singt, ist es noch schöner; das war

Lucie!“

Ja! Jetzt ertönte es unten: „Leise, leise, fromme Weise, Schwing dich

auf zum Sternenkreise etc.“ Welche edlen, vollen, weichen Töne, welche

vollendete Auffassung! Sie hätte kaum der stolz erscheinenden Judith

solchen Gesang zugetraut; das kam aus dem Innersten -- daran war nicht

zu zweifeln! Es war eine solche Wärme im Vortrag, daß Martha mit

Entzücken zuhörte. Es war ihr sonderbar zumute; sie war zu lange und zu

gern in der großen Geselligkeit zuhause gewesen, um nicht das Gefühl

zu haben, daß sie dort unten ganz an ihrem Platze sein würde und ihre

frische Singstimme wohl auch zur allgemeinen Freude erschallen lassen

könne.

„Wären Sie gern unten?“ fragte Fanny.

Martha fuhr aus ihrem Traume empor, dem sie einige Minuten nachgehangen

hatte: „Ich bin auch gern hier bei dir, Fanny!“

„Ja, und Sie sind auch noch viel besser dran als ich; Sie haben doch

Beine und könnten hinuntergehen, und würde Ihnen auch nicht gleich

schlecht von all dem Lärm.“

Man hörte jetzt unten vermehrte Bewegung.

„Jetzt geht es zu Tische“, sagte die Kleine; „nun dauert es nicht mehr

sehr lange, bis Lucie kommt mit dem Eis.“

Nach einer kleinen Stunde erschien diese auch wirklich mit einem

ganzen Präsentierteller voll der süßen Herrlichkeiten.

„Ihr müßt jetzt beide schmausen; das sind ganz unschädliche Sachen, und

ich bleibe so lange hier und sehe euch zu.“

Martha sah mit großer Sorge die großen, süßen Vorräte: „Wird es auch

Fanny nicht schaden, wenn Sie dies alles heute Abend verzehrt?“

„O, was soll ihr das schaden?“ rief Lucie; „sie ist ja doch nur von

Erkältung krank!“

„Aber wir könnten ein wenig aufheben auf morgen“, begann Martha aufs

neue.

Lucie lachte: „Sie wissen nicht, was dies für ein kleiner Naschvogel

ist!“

Martha wurde überstimmt; erst, als alles aufgezehrt und Lucie zu ihrer

Gesellschaft zurückgekehrt war, machte Fanny Anstalt, einzuschlafen.

Martha sprach über sie mit gefalteten Händen den Vers:

Breit aus die Flügel beide,

O Jesu, meine Freude,

und nimm dein Küchlein ein.

Will Satan mich verschlingen,

So laß die Englein singen:

Dies Kind soll unverletzet sein!

Fanny sah sie anfangs verwundert an, dann legte es sich wie Frieden

über ihre unruhigen Züge.

„Ja“, sagte sie beim Schluß, „jetzt will ich schlafen; ich sehe sie

hinauf- und heruntersteigen, und sie singen schon.“

Martha ging nun in ihr Stübchen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.

Es war ihr noch nicht klar, wie es hier weiter gehen würde; sie sah

manches Schwierigkeit, manche Demütigung für ihre stolze Natur auf

ihrem Wege liegen; aber sie empfand es als ein großes Glück, daß Fanny

sichtlich ihr vertraute; und des Kindes Herz mehr und mehr zu gewinnen,

ihr hartes Los zu erleichtern, ihr eine Freundin zu werden, das war

eine Aufgabe, die wohl geeignet war, sie mit ihrer Lage auszusöhnen,

und als sie endlich ermüdet ihr Lager suchte, war ihre Zuversicht so

stark, daß Gottes Schutz und Obhut über ihrem Haupte sei, daß sie mit

dem Kinde hätte sagen mögen: „Ich höre es, die Engel singen schon!“

Am anderen Morgen brachte denn nun freilich das neue Tagewerk

Schwierigkeiten genug. Zuerst wurde sie von ihrer Morgenandacht

aufgeschreckt durch Fannys Jammergeschrei, die sich vom Mädchen

ankleiden lassen sollte. Sie schien große Schmerzen dabei zu haben, und

Martha eilte hinüber, um zu sehen, ob sie ihr nicht eine Erleichterung

gewähren könne. Sie versuchte dem Mädchen Anleitung zu geben, die

schmerzenden Glieder nach Möglichkeit zu schonen; diese gab sich auch

die erdenklichste Mühe, aber vergebens; Fanny schrie weiter. Sobald

Martha Hand anlegte, beruhigte sie sich sofort, und obwohl es unschwer

zu durchschauen war, daß neben den Schmerzen ein nicht geringes Maß

von Eigensinn der Grund des Jammers sei, blieb doch für Martha keine

Wahl: sie schickte das Mädchen fort und suchte allein fertig zu werden.

„Heute muß ich den Eigensinn ignorieren“, dachte sie; „bleibt es so,

dann muß er natürlich bekämpft werden; aber wie?“

Sie war jetzt erst 21 Jahre alt. So wechselvoll und zum Teil so schwer

ihr Leben bis dahin gewesen war, so hatte sie doch bis gestern stets

unter der liebevollsten Obhut gestanden; jetzt sollte sie auf eigenen

Füßen stehen unter recht schwierigen Verhältnissen. Hätte Frau v.

Märzfeld sie an sich herangezogen, hätte sie ihr mit Rat und That

beigestanden, so wäre ihre Aufgabe leichter zu lösen gewesen; wie die

Sachen jetzt lagen, konnte sie sich nur auf Gottes Hilfe verlassen.

Gleich nach dem Frühstück kam Judith in sehr sauberem, elegantem

Morgenanzuge, um zu fragen, wie ihr Schwesterlein geschlafen habe, und

brachte einen sehr fein gebundenen Blumenstrauß mit. Fanny klagte, sie

habe viel geträumt, Martha mußte bestätigen, daß sie recht unruhig

gelegen und oft im Traume geseufzt habe.

„Das haben Sie durch die Thür hören können, Fräulein Feldwart?“

„O nein“, antwortete Martha, „ich ließ dieselbe ein wenig zwischen uns

offen.“

„Hast du das gewünscht, Fanny?“

Fanny nickte.

Judith dachte ein wenig nach: „Das geht durchaus nicht; wenn Fräulein

Feldwart den ganzen Tag über bei dir sein soll, muß sie in der Nacht

völlige Ruhe haben; hörst du, Fanny?“

Martha bat: „Ich bin jung und gesund und würde doch nach Fanny

hinhören, wenn auch die Thür zwischen uns geschlossen wäre! Vielleicht

schläft auch mein armer, kleiner Zögling ruhiger, wenn sie diesen Abend

nicht so viel Zuckerwerk und Eis bekömmt.“

„Also doch wieder!“ sagte Judith nachdenklich und ging nach einer

kleinen Weile.

Fanny war verdrießlich: „Sie sind gerade so streng wie Judith, die will

mir auch immer kein Zuckerwerk geben!“

„Ja, Fanny, weil wir beide wünschen, du mögest bald gesund werden; da

möchten wir dir nichts geben, was dir schaden kann.“

Zunächst kam es nun für Martha darauf an, zu ergründen, wie weit

Fanny auf den verschiedenen Gebieten des Wissens gekommen war; sie

machte natürlich sehr unbefriedigende Entdeckungen. Lesen konnte sie,

schreiben wegen ihrer schmerzenden Glieder nur sehr mangelhaft. Das

Rechnen schien ihr ganz fremd und obendrein sehr zuwider zu sein;

auch vor der Geographie mit ihren vielen Namen und Zahlen empfand sie

große Scheu, und sowohl aus der weltlichen als biblischen Geschichte

hatte sie nur einzelne Episoden behalten, welche das Gefühl und die

Phantasie in besonderer Weise in Anspruch nahmen. Diese faßte sie, wie

neulich die Geschichte von der Jakobsleiter, mit großer Lebendigkeit

und Innigkeit auf; aber alles, was sich nur an den Verstand wendete

und eigentliche Arbeit und Anstrengung erforderte, wies sie beharrlich

zurück. Wäre ihr Leiden von der Art gewesen, daß man ein frühes Ende

hätte befürchten müssen, so würde Martha gedacht haben: „Fliege du,

fliege du bis in den Himmel hinein!“ denn Martha flog selbst gern. Aber

abgesehen davon, daß ihr eigenes Herz nur schwer den Gedanken hätte

fassen können, die junge Blüte unrettbar dahinwelken zu sehen, sprach

auch der Arzt die sichere Hoffnung aus, sie werde das Leiden in einigen

Jahren überwinden. „Dann“, sagte Martha, „darf sie nicht nur fliegen,

dann muß sie auch gehen lernen“, und sie versuchte auf jede mögliche

Weise, sie nach und nach an eine geregelte Thätigkeit zu gewöhnen.

Methodisch, wie sie es gelernt und wie es in vollen Schulklassen

meist so trefflich fördert, durfte sie hier nicht vorgehen. Hatte sie

Fanny mit unsagbarer Mühe dahin gebracht, aufmerksam zuzuhören und

vier bis sechs Fragen zu beantworten, so erklärte dieselbe dann aufs

bestimmteste: „Ich kann nicht mehr, mein Kopf thut mir weh“, und war

weder mit Güte noch mit Ernst auch nur einen Schritt weiterzubringen.

Martha mußte förmlich auf neue Wege studieren. Sie fing an, Fanny im

Gespräch für einen Gegenstand zu interessieren und suchte auf diese

Weise die Begierde in ihr zu wecken, mehr von demselben zu erfahren.

Sie benutzte ihre Ausgänge, um in den Buchhandlungen nach Reise-

oder Lebensbeschreibungen zu suchen, welche für das kindliche Alter

geeignet waren, aber auch hier ermüdete die schwache und verwöhnte

Schülerin schnell. Martha fand bald, daß es besser ging, wenn sie

sich über ein Land, ein Volk, eine Episode aus der Geschichte so viel

als möglich Kenntnisse aneignete oder vergegenwärtigte und dieselben

ihrer Schülerin dann frei und in möglichst angenehmer Form vortrug.

Es war nicht zu leugnen, daß die junge Lehrerin auf diese Weise

eine höhere Stufe erstieg; es kostete aber viel Zeit und Kraft, und

inbezug auf Fannys eigene Anstrengungen war wenig gewonnen. Oft

dachte Martha: „Wenn man doch nur die Grenze genau sehen könnte, wo

das ‚Ich kann nicht!‘ in das ‚Ich will nicht!‘ übergeht!“ Der treue

Hausarzt selbst war in dieser Beziehung unsicher; es ist schon bei

erwachsenen Nervenkranken nicht leicht, die Grenze zu finden, wo man

ihnen nachgeben und wo man ihnen widerstehen oder sie zu kräftigen und

zu stärken suchen muß. Martha kam darin zu keiner rechten Klarheit; daß

sie selbst jung, gesund und lebhaft war, riß die Kleine mitunter zu

Anstrengungen fort, die ihr wohl bekamen, aber eine gründlichere Hilfe

kam zuletzt auf eine andere Weise.

Fanny hatte für religiöse Eindrücke, wie schon gesagt, ein

empfängliches Gemüt; aber als ihre Lehrerin in der Religionsstunde

den gewöhnlichen Weg einschlagen wollte, zuerst die zehn Gebote mit

allen Erklärungen durchzunehmen, stieß sie wieder auf entschiedenen

Widerstand: „Das kann ich nicht! das ist zu schwer!“ Die nahe

Adventszeit richtete von selbst den Blick auf das Kommen des Heilandes;

Martha nahm in den Frühstunden alle Verheißungen auf Christi

Erscheinung, seine Geburt, sein Leben, seine Wunder, sein Leiden,

Sterben und Auferstehen durch; und hier war nichts, was Fanny nicht

mit ganzem Herzen erfaßt hätte; von hier aus war es leicht, Licht auf

alle bis dahin dunklen Gebiete fallen zu lassen; eine neue Welt ging

für Fanny auf, eine Welt der Liebe und des Friedens, die ihr bisher

verborgen geblieben war, die ihr liebliches Licht hineinsandte in ihr

Leiden und in ihr Herz und alle Bitterkeit daraus vertrieb. Mit ihrer

Liebe zu dem Quell aller Liebe wuchs auch ihre Liebe für Martha, die

ihr das neue Leben erschlossen hatte, und an die Stelle des bisherigen

Widerstrebens trat das Verlangen, in allen Stücken zu thun, was diese

wünschte, und obgleich leibliche Schwäche und große Verwöhnung ihr dies

schwer machten, war es doch deutlich zu sehen, daß sie allmählich etwas

vorwärts kam. Martha freute sich innig, daß ihre Thätigkeit sichtlich

mit Erfolg gekrönt wurde; aber dieselbe forderte ein Aufbieten all

ihrer Kräfte, und sie sehnte sich oft nach einer Ausspannung und

Erquickung für ihr eigenes Herz.

Die beiden älteren Töchter des Hauses fingen je mehr und mehr an,

ihr Interesse zu erregen. Lucie war stets anmutig und freundlich,

wenn sie ins Krankenzimmer kam; ja sie hatte anfangs ganz herzliche

Anwandlungen! aber wenn ihr Martha mit sanfter Bitte entgegentrat, so

oft sie das Schwesterchen mit Leckereien überschütten wollte, wurde

sie verstimmt und verstimmte Fanny mit. Erst als einmal der Hausarzt

sich ganz streng gegen solche Diät ausgesprochen hatte, unterblieben

die Versuche dazu, und Martha wußte, daß sein Verbot durch Judith

veranlaßt war, die ihre Sorge teilte. Judith behielt ihr ernstes,

zurückhaltendes Wesen, sowohl dem Schwesterchen als Martha gegenüber,

lange Zeit unverändert bei; aber wenn Martha es wagte, ihr Vorschläge

zu machen, wie Fannys Lage in Wahrheit zu erleichtern sei, war dies nie

vergebens; Judith dachte darüber nach und suchte zustande zu bringen,

was Martha wünschte.

Der Gärtner hatte bis jetzt jede Woche andere blühende Gewächse

gebracht und die abgeblühten mit zurückgenommen, und Martha hatte

mit Betrübnis gesehen, daß Fanny von ihrem reizenden Blumenfenster

nur sehr wenig Freude hatte. Judith war eine große Blumenliebhaberin

und betrübte sich über Fannys Gleichgültigleit ebenfalls. Als sie

dies eines Morgens aussprach, sagte Martha: „Ich glaube, Fräulein

Judith, Fanny würde viel größere Freude haben, wenn sie die Pflanzen

pflegen und gedeihen sehen könnte und wenn sie selbst etwas zur Blüte

brächte!“ Gleich am anderen Morgen erschien Judith in Gesellschaft

eines Gärtnerburschen und brachte die verschiedensten jungen Pflänzchen

mit; sie hatte sich beim Gärtner sehr sorgsam erkundigt, wie jedes

zu behandeln sei, und weihte das Schwesterchen in das Geheimnis ein,

indem sie ihr anschaulich schilderte, wie die Blüte und die weitere

Entwickelung sein werde. Nun gab es jeden Morgen eine halbe Stunde

der Thätigkeit und gespannten Aufmerksamkeit; die Pflänzchen wuchsen

natürlich dem ungeduldigen Kinde lange nicht schnell genug; aber jedes

neu hervorsprießende Blatt, jede Knospe und aufbrechende Blüte erregte

Jubel.

Martha sah Lucie fast nur in Gegenwart ihrer Mutter, und wenn sie

heruntergeholt wurde, den Gesang der Schwestern zu begleiten; Frau v.

Märzfeld wußte sie dann aber unter irgendeinem Vorwande sofort wieder

zu entfernen. Auf Fannys Bitte hatte Martha dieser das Mozartsche

„Veilchen“ und einige von den reizenden Taubertschen Kinderliedern

vorgesungen, als Frau v. Märzfeld in das Zimmer trat.

„Ich wußte nicht, daß Sie singen!“ sagte sie.

„Ich sprach nicht davon, weil ich nur ein einziges Jahr Stunden hatte

und abbrechen mußte, bevor der Unterricht irgendwie beendet war.“

„Ich höre wenigstens, daß Sie sicher sind, und Sie sollen uns heute

Abend aus einer großen Verlegenheit helfen. Judith ist leider heiser

geworden; wir hatten für sie auf ein Duett und die erste Stimme eines

Quartetts gerechnet; ich bitte, daß Sie ihre Stelle vertreten.“

„Das thue ich gern“, sagte Martha; „nur möchte ich beides noch einmal

durchsingen, und dann“ -- setzte sie fast verlegen hinzu -- „habe ich

kaum ein Kleid, in solcher Gesellschaft zu erscheinen.“

„Das wird niemand von Ihnen verlangen, indem Sie ja nicht als Glied der

Gesellschaft kommen, sondern als die Lehrerin meines Kindes, die uns

eine Gefälligkeit erweist.“

Martha fühlte wieder den Sturz kalten Wassers, aber sie beherrschte

sich. Sie hatte mit Lucie das Lied zu singen: „O, säh’ ich auf der

Heide dort im Sturme dich etc.“ Beide durften es bei Fanny probieren

und diese war entzückt davon: „Ich möchte sehen, wie sich alle über

euch freuen.“

Erst als sie gerufen wurde, und zwar sehr sauber, aber sehr einfach

gekleidet, trat Martha in die Gesellschaft ein. Frau v. Märzfeld

stellte sie vor: „Die Gouvernante meiner Fanny!“ Ihr wurde niemand

vorgestellt. Ein junger Mann saß am Flügel, bereit, sie zu begleiten.

Die ersten Töne, welche Martha sang, zitterten ein wenig; aber dann

riß die Musik sie mit sich fort, und ihre weiche, biegsame Stimme

entfaltete all’ ihre Fülle und Macht. Beifall erklang von allen Seiten,

und als auch das Quartett zur höchsten Zufriedenheit beendet war, trat

ein vornehm aussehender junger Herr zu Martha und fragte: „Wo hatten

Sie Singstunde, mein Fräulein?“

„In B., aber nur kurze Zeit.“

„Man merkt das nicht; Sie singen allerdings mit mehr Freiheit, als eine

junge Dame, die sich noch mitten im Lernen befindet, aber durchaus

nicht, als wären Sie mit der Schule nicht fertig geworden.“

Der Herr schien einiges von der Musik zu verstehen; sie kamen auf ihre

Lieblingskomponisten, und da er ernst und gehaltvoll sprach, antwortete

ihm Martha gern und freute sich der lebhaften Unterhaltung.

Frau v. Märzfeld rauschte heran: „Graf T., vielleicht helfen Sie mir

etwas, die Plätze zu arrangieren. Fräulein Feldwart, Ihre Schülerin

wird nach Ihnen verlangen.“

Martha verneigte sich und ging; es wurde ihr aber heute Abend schwer,

sich mit Fanny zu unterhalten; immer wieder trat der wenig angenehme

Auftritt vor ihr inneres Auge; sie schämte sich so sehr, daß sie nach

dem Gesange auch nur eine Minute unten geblieben war. Sie ertappte

sich einigemal dabei, daß eine Thräne auf ihre Arbeit fiel, und doch

mußte sie sich eingestehen, daß ihr eigentlich nichts Schlimmes

widerfahren sei -- sie war ja die Gouvernante; Frau v. Märzfeld hatte

das Recht, zu wünschen, daß sie bei ihrem Kinde bleibe. Sie hatte

sich auch vollkommen davon überzeugt, daß dieser nichts ferner lag,

als sie kränken zu wollen, denn sie war zu anderen Zeiten aufrichtig

dankbar für Marthas Bemühungen um das Wohl ihres Kindes. Sie hielt

es offenbar für ihre heilige gesellschaftliche Pflicht, die Lehrerin

auf der Stufe zu erhalten, die sie für angemessen hielt; aber fast

nichts war dieser so schwer geworden, als dies ruhige, geflissentliche

Hinausgetrieben-werden aus der Stellung, welche sie bisher im Leben

eingenommen hatte. Sie mußte hart kämpfen, dies zu überwinden; es wurde

ihr nicht erleichtert durch Luciens Entrüstung darüber und sie dachte

lebhaft an Pastor Wohlgemuths Worte: „Sie werden klein und niedrig sein

müssen, und das wird gerade für Ihre Natur sehr schwer sein!“ „Darum

schickt es mir der liebe Gott“, dachte sie; „ich will es aus seiner

Hand nehmen und desto mehr für Fanny sein, die es mir sichtlich dankt.“

Frau v. Märzfeld liebte ihr kleines Mädchen wirklich und sorgte für

dasselbe, so viel es möglich war, ohne in dem gestört zu werden, was

sie als ihre Lebensaufgabe ansah, nämlich ihrer geselligen Stellung

zu genügen und für ihre erwachsenen Töchter gute Partieen zustande zu

bringen. Keine Ausgabe war ihr zu groß, wenn Martha Vorschläge machte,

Fannys Lage zu verbessern und ihr Dasein auszuschmücken. Sie erkannte

auch Marthas Thätigkeit und ihre Erfolge völlig an und sprach dies

sogar zuweilen recht freundlich aus; nur die Kluft zu überbrücken, die

nach ihrer Meinung zwischen ihrer Familie und Martha bestand, das fiel

ihr niemals ein.

Eines Tages, als Margaretchen im Nebenzimmer nähte, kam diese auf eine

arme Familie zu sprechen, die den Vater plötzlich verloren hatte und

nun in der größten Not war. Fannys weiches Herz war gerührt; sie hätte

gern ihre reich ausgestattete Sparbüchse bis zum letzten Heller den

Armen gegeben. Martha machte ihr begreiflich, daß es nicht richtig und

schön sei, unüberlegt zu verfahren; sie versprach, sich morgen früh

selbst nach den dringendsten Bedürfnissen der Leute zu erkundigen. „Und

dann“, sagte sie, „müssen wir rechnen, ordentlich rechnen; denn wir

müssen etwas behalten für die Geburtstage von Mutter und Schwestern,

für die Missionskasse, für das Rettungshaus u. s. w.“ Und Fanny

rechnete; sie rechnete hier, wo sie einen Zweck vor Augen hatte, mit

Vergnügen, und Martha schöpfte Hoffnung, sie auch in dieser ihr bisher

sehr widerwärtigen Kunst nach und nach weiter zu bringen. Da ihre

kranken Fingerchen nicht imstande waren, Strümpfe für die verwaisten

Kinder zu stricken, lernte sie wenigstens das leichtere Häkeln, um die

Knaben mit Shawls zu versorgen.

So verging der Winter unter vielerlei Anstrengungen, aber nicht

fruchtlos und nicht freudenlos. Die angefangene Kur hatte die kleine

Patientin so gekräftigt, daß sie nicht mehr gehoben und getragen werden

mußte, sondern sich einige Schritte weit selbständig fortbewegen

konnte. Die Tage wurden, sonnig, die Wege trocken; Fanny ward vom

Diener jeden Tag ausgefahren, und Martha ging dann neben ihr, um sie

aufmerksam zu machen auf Blumen, Bäume, Menschen, schöne Gegenstände in

den Schaufenstern, und all’ die tausend Fragen zu beantworten, welche

das Kind, angeregt durch so viel neue Eindrücke, an sie stellte. Sie

that dies sehr gern, aber sie fühlte doch, daß ihr auf diese Weise die

einzige Zeit zum Ausruhen, zur stillen Sammlung und zum Nachdenken

über ihren nicht leichten Beruf genommen wurde. Der März befreite sie

von diesen Wegen, aber nicht zu ihrer Freude. Fanny bekam den Husten,

und dieser wollte keiner Arzenei oder sonstigen Verordnung des Arztes

weichen; sie war wiederum aufs Zimmer angewiesen und war jetzt, an

mehr Abwechselung gewöhnt, ein eigensinniger Patient. Am ersten April

ging das Hausmädchen ab, um sich zu verheiraten, und Fanny war so

unglücklich bei dem Gedanken, sich einer anderen Hand anzuvertrauen,

daß Martha versprach, sie fortan allein zu pflegen. Das Glück des

Kindes war ein großer Lohn; aber die Nerven, selbst Marthas kräftige

Nerven ließen sich solche Überanstrengung nicht gutwillig gefallen;

sie war zum erstenmal im Leben matt und reizbar, mußte gegen trübe

Gedanken kämpfen und sehnte sich herzlich nach der versprochenen

Übersiedelung nach dem Süden. Sie gehörte nicht zu denen, die viel

über ihr leibliches Befinden zu grübeln pflegen und sich selbst große

Wichtigkeit beilegen; aber sie empfand es mehr, als sie es sich

eingestand, wie schwer es war, daß keiner mehr mit zarter, liebevoller

Fürsorge sie beobachtete und ihr zu helfen suchte, wenn sich in ihren

Gesichtszügen Abspannung, Müdigkeit, Kränklichkeit abmalte. Es wird den

Eheleuten am Altar gesagt, daß ihr Stand „nicht ohne Kreuz“ ist; ach,

ebenso gewiß und fast gewisser kann man vom Stand einer jungen Lehrerin

sagen, daß er „Dornen in die Menge und manches Kreuz trägt“. Ist der

innere Beruf und die volle Fähigkeit dafür vorhanden, dann werden

solche Leidensstunden und Schwierigkeiten überwunden; hat nur Verlangen

nach Freiheit und Selbständigkeit auf diese Bahn gedrängt, so entstehen

daraus schwere Kämpfe, denen oftmals Leib und Seele unterliegen.

Gegen Ostern kam der Hausarzt, um die Sommerkur mit Frau v. Märzfeld zu

besprechen; seine Entscheidung lautete: „O, Sie brauchen gar nicht so

sehr weit fortzugehen; gehen Sie Mitte Mai mit dem Kinde zur Molkenkur

nach Heyden an den Bodensee, und ist dann etwa nach sechs Wochen der

Husten ganz fort, so bringen Sie Fanny nach Ragatz oder noch lieber

nach Pfäffers in der Taminaschlucht; da wird sie wahrscheinlich bald

erstarken und beweglich werden.“

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 10 / 15 段