Lieblich gelegen zwischen waldigen Bergen sprudelten die stärkenden

Quellen, köstlicher Tannenduft durchwehte den frischen Grund; das

Wetter war herrlich, und die beiden Mädchen erblühten wie die Rosen

und waren sehr vergnügt. Das männliche Geschlecht war in dem kleinen

Bade nur spärlich vertreten; meistens sah man nur Mütter und Töchter

hier wandern, und die schlank aufgeschossenen, jugendlichen Gestalten

mit blassen Lippen waren weitaus in der Überzahl. Unser Kleeblatt

hatte kein Verlangen nach weiterem Anschluß; es fühlte sich im Genusse

der Natur und gegenseitiger Gesellschaft befriedigt. Die beiden

Mädchen hatten die größte Freude daran, auf den kleinen Felspartieen

umherzuklettern, Spireen und lilienartige Blüten zu sammeln, die

dort in reicher Fülle wuchsen, um ihr Stübchen mit den zierlichen

Waldkindern zu schmücken. Dann brachte ein leichter, zuweilen etwas

gewagter Sprung sie wieder auf den Weg, und Frau Rösner sah ihren

anmutigen, geschickten Bewegungen mit Wohlgefallen zu, bis eines

Abends, da es etwas geregnet hatte, Martha an einer glatten Steinkante

abglitt und sich den Fuß so verstauchte, daß der Arzt ihr für die erste

Nacht Arnika-Umschläge und für einige Tage völlige Ruhe verordnete. So

kam es, daß sie am nächsten Nachmittage, als fast alle Gäste des Hauses

ausgeflogen waren, einsam mit ihrer Arbeit unter der Veranda saß,

während ihr kranker Fuß wohl umwickelt auf einem weichen Schemel ruhte.

Nicht weit von ihr hatten sich zwei kleine Mädchen auf der Schwelle

der Veranda niedergelassen, eifrig lesend über ein Buch gebeugt, und

noch etwas entfernter lag ein leichenblasses Kind von etwa zehn Jahren

in einem Fahrstuhl, neben einem Tischchen, auf dem Bilder, Bücher,

Spielzeug aufgehäuft waren.

Die Kleine schien sich nicht darum zu kümmern; mit einem unendlich

verdrießlichen Ausdrucke auf dem elenden Gesichte blickte sie nach

einer älteren Person, die wie eine Bonne oder Wärterin aussah und sich

nicht weit von ihr in ein abgegriffenes Bibliothekbuch vertieft hatte.

„Sie sollen jetzt herkommen, Katharine, und mit mir spielen!“

„Ach, ich habe es heute satt; ich habe zwei Stunden mit Ihnen gespielt,

und Sie wollen doch alle Viertelstunden etwas anderes.“

Das kleine Ding sah sie wütend an: „Ich sage es Mama, wenn Sie mich

nicht unterhalten!“

„Das können Sie immerhin thun; ich habe ihr schon gesagt, daß ich nur

bis Michaelis bleibe, weil ich das Gequäle nicht aushalten kann.“

Auf der Schwelle ging es auch eben nicht sehr friedlich zu: „Elli, du

reißest mir ja das Buch fort!“

„Ja, es gehört mir, Sophiechen, und ich will’s haben; ich kann sonst

nichts sehen!“

Bevor es sich Martha versah, entspann sich ein Streit, der an

Heftigkeit zunahm und den begehrten Gegenstand aufs äußerste bedrohte.

„Lest euch doch vor!“ riet Martha.

„Das sollen wir nicht, weil wir öfter Halsschmerzen haben!“

„Wenn ich euch aber nun vorlese?“

Der Vorschlag fand Beifall.

Martha öffnete das Buch von Johanna Spyri: ‚Was aus Gritlis Kindern

geworden ist.‘ Sie begann, fühlte sich angezogen und las mit wachsendem

Vergnügen.

„Ach, Fräulein, Fräulein!“ rief die kleine Elende, „kommen Sie doch

hierher!“

„Das kann ich nicht, meines Fußes wegen; aber vielleicht ist deine

Wärterin so freundlich, deinen Fahrstuhl zu uns zu bringen.“

Es geschah. Die Kinder lauschten gespannt; nur zuweilen entspann sich

eine ergötzliche Unterhaltung über die Abenteuer der Doktorskinder,

und nicht nur die Zuhörer bedauerten es, sondern auch Martha, als

die Erscheinung einer sehr vornehm aussehenden Dame die Unterhaltung

unterbrach.

„Wie kommst du hierher, Fanny?“

„Ach, Mama, es wurde hier so schön vorgelesen!“

Die Dame sah Martha sehr scharf beobachtend an: „Darf ich vielleicht

fragen, mit wem ich die Ehre habe?“

Martha nannte ihren Namen und sagte, daß sie als Gast von Frau

Amtsrätin Rösner und zu ihrer Erholung hier sei.

Zwei Fräulein, wie Martha schon bei Tisch bemerkt, die Töchter der

Dame, traten jetzt herzu; die eine in sehr gerader, vornehmer Haltung,

die andere anmutig grüßend und dann liebevoll über ihr krankes

Schwesterchen gebeugt, mit demselben plaudernd und kosend.

Frau v. Märzfeld, der Name war Martha aus der Badeliste bekannt, ließ

sich das Buch reichen; da sie sich zu überzeugen schien, daß es keinen

gefahrdrohenden Inhalt hatte, gab sie es huldvoll zurück und verschwand

mit einem Wink an die Töchter, sie zu begleiten.

Am anderen Nachmittage waren Elli und Sophiechen mit ihren Eltern

ausgefahren und Martha mit Fanny und ihrer Wärterin allein. Erstere

konnte sich schon ein wenig mehr bewegen und nahm absichtlich ihren

Platz ganz dicht beim Fahrstuhl der Kleinen.

„Wie schlecht“, sagte Fanny, „das Buch mitzunehmen!“

„Aber Fanny, das ist doch nicht schlecht, das Buch gehört den Kindern!“

„Sie können aber im Walde ohne Buch vergnügt sein, und ich langweile

mich hier.“

„Hast du denn schon all’ diese Bücher und Bilder besehen?“

„Ach, die mag ich nicht!“

„Vielleicht interessieren sie dich mehr, wenn du sie mir zeigst.“

Es lag ein ganzes Heft mit Bildern aus B. obenauf. Martha kannte

jedes Gebäude, wußte von jedem einzelnen etwas zu erzählen, was ihrer

kleinen Zuhörerin Freude machte, bis diese ihr Leid vergaß und der

unliebenswürdige Zug in ihrem Gesichtchen dem Ausdruck von Spannung,

Interesse und Fröhlichkeit wich.

Frau v. Märzfeld trat mit Frau Amtsrätin Rösner zugleich später in die

Veranda; es erfolgte die gegenseitige Vorstellung und dann begann ein

Gespräch, aus dem Frau v. Märzfeld Marthas Lebenslage und ihre Pläne

erfuhr.

Am anderen Morgen nach dem Bade bat sie Martha um eine Unterredung

und schlug ihr vor, im Herbst als Lehrerin bei Fanny einzutreten:

„Der Arzt sagt mir heute, daß ich das Kind nach dem Süden bringen muß;

ich denke mit ihr im Winter nach der Schweiz zu gehen und möchte eine

Deutsche mitnehmen, die sie unterrichtet und sich ihrer Pflege widmet;

und da Fanny Vertrauen zu Ihnen zu haben scheint, wäre es mir lieb,

wenn Sie die Stelle annähmen. Sie müßten dann natürlich die leibliche

Pflege des Kindes ganz mit übernehmen, denn zwei Personen kann ich

nicht für sie halten!“

Wie umfangreich die Pflichten sein würden, die sie hierdurch übernahm,

konnte Martha natürlich jetzt noch nicht übersehen, aber es erschien

ihr natürlich als eine Erleichterung, die unangenehme Wärterin los zu

werden. Der Gedanke, die Schweiz zu besuchen, vielleicht den Genfer See

mit seinen großartigen Umgebungen zu sehen, hatte für ihre jugendliche

Phantasie viel Verlockendes; Fanny selbst schien große Freude an der

Aussicht zu haben, und so versprach Martha, gleich nach der Heimkehr

mit Werners zu reden und mit ihnen zu überlegen, ob es geraten sei, den

Vorschlag anzunehmen.

Suschen war betrübt: „Ich hoffte, du solltest bei uns bleiben bis zu

meiner Hochzeit!“ Aber ihre Eltern, so gern sie Martha noch behalten

hätten, fanden es doch verständig, auf die Sache einzugehen, die so

ungesucht sich bot, natürlich unter der Bedingung, daß erst das Examen

gut vollendet sei.

Dies geschah; es wurde trefflich bestanden. Vierzehn Tage hatte Martha

danach noch in dem gastlichen Wernerschen Hause verlebt; morgen sollte

sie nach M. reisen, um die neue Stelle anzutreten. Sie saß noch einmal

mit allen Wernerschen Geschwistern nach Tische in der Hinterstube in

wehmütigen Abschiedsgesprächen.

„Den Ajax lasse ich Ihnen, Wilhelm! Sie haben ihn immer gern

gehabt; du, Suschen, bekommst meine Vögel.“ Für die anderen hatte

sie Blumenstöcke, Bücher, Bildchen. Die Nußbaumkommode kam in die

Dachkammer zu den anderen Möbeln, um dort geborgen zu werden, bis ihre

Besitzerin sie wieder gebrauchen konnte.

Gegen Abend wanderte Martha an Suschens Arme hinaus zum Grabe der

Mutter und weinte dort heiß und lange; beim Abschied von Berlin hatte

sie die Mutter noch zur Seite gehabt; beim Abschied von dieser hatten

Werners sie in ihre Arme genommen; zum erstenmale zog sie jetzt allein

hinaus in eine unbekannte Fremde; das war sehr schwer, und es währte

lange, bis durch die dunklen Wolken ihrer Trübsal das Verheißungswort

wie ein klarer Stern schimmerte: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der

Welt Ende.“

Die Kinder hielten indessen zuhause große Beratung: „Wir müssen doch

heute Abend eine Abschiedsfeier halten. Es ist schade, daß Suse ganz

bei Martha ist, die wüßte schon was!“

„Wenn wir was sängen?“ sagte Luischen.

„Ja, aber was?“

Arthur stimmte an: „Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.“

„Das geht nicht“, sagte Wilhelm, „wir werden schwerlich welchen

bekommen heute Abend.“

„So leb’ denn wohl, du altes Haus!“ riet Anna.

„Na, dies noch“, rief Hans, „da könnte sie ja denken, sie wäre mit dem

alten Hause gemeint.“

„Morgen muß ich fort von hier und muß Abschied nehmen.“

„Nein, das ist zu traurig. Hört“, sagte Wilhelm wichtig, „wir machen

ein Lied! Ich fange jetzt an und jeder liefert eine Strophe:

Will sich Martha ewig von uns wenden --

„Nein, Wilhelm, das geht nicht! Das ist viel zu traurig; da weinen

wir.“ Arthur begann:

Weil unsre Martha scheiden will,

„Will? Still?“

So stehet uns der Atem still.

„Na, dir scheint der Verstand still zu stehen“, sagte Wilhelm

brüderlich galant.

„Nein“, rief Annchen:

Weil unsre Martha scheiden will,

Ich sie mit Blumen kränzen will.

„Ach, da ist zweimal ‚will‘, und du willst es ja auch nicht allein, wir

wollen’s ja alle; das geht nicht!“

„Nein, jetzt hab’ ich’s!“ rief Luischen; gleich ganz viel auf einmal.“

Wir wollen dich gerne feiern

Mit Liedern und mit Leyern,

Und wissen doch nicht wie?

Arthur fuhr fort:

Wir hatten dich so gerne,

Nun ziehst du in die Ferne,

Und kehrest wieder nie --

„Na, Arthur, sie wird doch ’mal wiederkommen?“

Dieser zählte an den Fingern: „nie! sieh! Poesie! flieh! zieh! sie!

hie! Das geht:

Und wir, wir bleiben hie!

„Schön ist’s eigentlich nicht“, sagte Hans; „wir wollen’s aber stehen

lassen, wir sind sonst nicht fertig, bis sie kommen.“

„Nun muß aber noch was von Blumen hinein“, sagte Luischen; „wir müssen

sie zum Schlusse doch bekränzen.“

Wir kränzen dich mit Blumen --

„Blumen? Blüten? Es will wieder nicht!“

Komm, laß dich jetzt bekränzen

Mit Blumen, die da glänzen.

„Ach was, das ist langweilig; jetzt so!“ rief Hans.

Drum suchten wir im Garten

Blumen von allen Arten

Zu einem schönen Kranz.

„Na, was reimt sich denn nun? Glanz -- ganz -- Schwanz?“

„Nein, behüte! Schwanz!! Es geht ganz gut mit ganz.“

Wir nehmen dich in die Mitten,

Bekränzen dich und bitten:

Vergiß uns nur nicht ganz!

Sie waren sehr stolz auf ihr Machwerk, nur der Primaner schüttelte

seinen Kopf; aber Arthur entschied: „Mitunter ist eine Silbe zu lang

oder zu kurz, aber im ganzen ist es sehr schön. Das müssen wir singen!

Wonach geht es denn?“

„Ein bißchen nach ‚Ich hatt’ einen Kameraden‘, aber nicht ganz.“

Wilhelm überlegte: „Wir singen es nach der zweiten Hälfte von ‚Ich

hatt’ einen Kameraden‘ und wiederholen das immerzu; da paßt es

vorzüglich.“

Als die Freundinnen nachhause kamen, war der Kranz gewunden, die

Musikanten aufgestellt und die Musik begann; aber so wenig die Scene

auf Rührung angelegt war, sie erinnerte Martha an die Empfangsmusik

vor zwei und einem halben Jahre; sie konnte dem nicht wehren, daß ihre

Augen feucht wurden, und dies steckte an.

Der Direktor trat herein.

„Na, Kinder, macht euch das Herz nicht schwer; mir thut es auch leid,

daß meine Pflegetochter fortgeht; aber hoffentlich denkt sie daran, daß

sie hier stets ein Elternhaus und Elternherzen finden kann, so lange

wir leben, und da giebt es ja doch wohl manches Wiedersehen. Heute

Abend gebe ich eine Flasche Wein zum besten, da trinken wir Marthas

Gesundheit!“

Großer Jubel!

„Dann können wir wirklich singen: ‚Wohlauf noch getrunken den

funkelnden Wein!‘“

„Ja, das könnt ihr!“ versicherte der Vater.

Martha fühlte in dem allen die Liebe, die ihr hier eine Heimat

bereitet, und das machte ihr das Scheiden so schwer.

Als sie mit Suschen abends allein in dem trauten Stübchen war, das so

viele Herzensergüsse belauscht hatte, da flossen freilich reichliche

Thränen; aber Martha konnte nicht anders als danken, immer wieder

danken für allen Segen, der ihr unter diesem Dache widerfahren war.

10.

Noch eine neue Schule.

Als der nächste Abend dämmerte, bemerkte Martha, die still und einsam

in der Ecke eines Damencoupés saß, in der Ferne die Türme von M. So

sehr sie des Fahrens durch die einförmige Gegend unter dem grauen

Herbsthimmel müde war, fing doch ihr Herz jetzt an, sehr ängstlich zu

klopfen, und sie hätte gern den Flug der Lokomotive aufgehalten. Wußte

sie denn, was dort unter den Türmen ihr begegnen würde? Wußte sie, in

welches Verhältnis sie treten sollte zu den ihr so wenig bekannten

Menschen? Eine Ängstlichkeit, die ihr bis dahin fremd war, kam über

sie; jetzt wurde gehemmt, die Lokomotive gab das Signal, der Zug hielt.

Zögernd und zitternd stieg sie aus; dichtes Menschengewühl umwogte sie

-- und kein bekanntes Angesicht darunter!

Frau v. Märzfeld hatte ihr geschrieben, in welchen Hotelwagen sie

einsteigen sollte. Als sie sich demselben näherte, trat ihr ein feiner

Diener entgegen, fragte nach ihrem Namen und besorgte ihr Gepäck.

In einer breiten, aber wenig lebhaften Straße hielt der Wagen vor

einem großen, eleganten Hause. Der Bediente führte sie hinein und die

erleuchtete Treppe hinauf in ein sehr sauber und nett eingerichtetes

Stübchen.

„Gnädige Frau lassen bitten, daß Sie es sich hier bequem machen.“

Eine Dienerin kam und brachte Kaffee und feines Weißbrot. Martha war

erquickungsbedürftig und nahm etwas weniges; aber es wurde ihr schwer,

das wenige zu verzehren; sie fühlte sich gar so einsam und elend.

Nach einer halben Stunde erschien der Diener aufs neue: „Gnädige Frau

befehlen jetzt!“

Martha folgte ihm. Sie hatte, nachdem Frau v. Märzfeld ihr den Antrag

gemacht, Fannys Lehrerin zu werden, noch einige Tage mit den Damen

zusammen in dem kleinen Badeorte verlebt; aber es erschien ihr in

der Erinnerung, als sei sie dadurch denselben nicht näher, sondern

ferner gekommen. Zwar die zweite Tochter Lucie hatte zuweilen recht

freundliche Blicke und Worte mit ihr gewechselt, und manchmal war es

Martha vorgekommen, als hielte irgendein unbekanntes Etwas dieselbe

zurück, sich noch näher an sie anzuschließen; die ältere Tochter aber

war vom Anfang an sehr zurückhaltend gewesen, und Frau v. Märzfeld

eigentlich unnahbar. So hatte es denn durchaus nicht den Anschein eines

Wiedersehens zwischen Bekannten, als Martha jetzt mit beklommenem

Herzen ins Empfangszimmer trat.

Die gnädige Frau saß steif und gerade in der Ecke ihres Sofas und

musterte die Eintretende durch ihr Augenglas; zu beiden Seiten hatten

auf Plüschsesseln Judith und Lucie Platz genommen, feine Stickereien in

der Hand.

Lucie erhob sich unwillkürlich, um der Eintretenden entgegenzugehen;

Frau v. Märzfeld legte ihre Hand auf den Arm ihrer Tochter: „Nicht so,

mein Kind! Fräulein Feldwart wird sich zu uns setzen.“ Damit zeigte sie

auf einen Sessel, und Martha fühlte sich genötigt, nach einer ebenfalls

steifen Verbeugung darin Platz zu nehmen.

Nach einigen Redensarten, Marthas Reise betreffend, schien die Mama

einen großen Anlauf zum Reden zu nehmen. Lucie wollte entfliehen; ein

Blick ihrer Mutter zwang sie, sich wieder zu setzen, und diese begann

jetzt nach einem kleinen Anfall von Verlegenheitshusten: „Fräulein

Feldwart, wir haben uns in der Freiheit des Badelebens kennen gelernt;

wir waren dort vollständig gleichberechtigte Personen. Sie stehen

wahrscheinlich auch in der Bildung meinen Töchtern ziemlich gleich;

dies hat seine wohlthuenden, aber auch seine schwierigen Seiten, und

ich sehe es bei Ihrem Eintritt als meine erste Pflicht an, unsere

gegenseitige Stellung ganz klarzulegen. Hätten wir unverweilt nach dem

Süden gehen können, so hätte sich manches von selbst eingerichtet, oder

wir hätten es nicht so genau zu nehmen brauchen. Unser Hausarzt wünscht

aber, daß Fanny zuerst noch eine elektrische Kur gebrauchen soll, und

ich habe hier so viel Geschäfte vorgefunden, daß wir vor dem Frühjahr

schwerlich reisen können. Nun wollte ich Ihnen Folgendes sagen; nicht

weil es mir Vergnügen macht, sondern weil ich es für nötig halte:

Erwarten Sie als Fannys Lehrerin nicht, daß ich Sie meinen Töchtern

gleichstellen und Sie zu unseren Zirkeln und unserer Geselligkeit

heranziehen soll; dies paßt sich nicht. Sie werden stets die Stellung

einer Untergebenen haben, und ich sage Ihnen das gleich, um Sie vor

Täuschung zu bewahren. An unseren Mittags- und Abendmahlzeiten würde

ich Sie gern teilnehmen lassen, wenn nicht Fanny durch ihre Schwäche

genötigt wäre, im Kinderzimmer zu speisen; ich wünsche, daß Sie dies

mit ihr gemeinsam thun und überhaupt das Kind so wenig als immer

möglich verlassen. Was ihren Unterricht betrifft, so müssen Sie sehen,

wo Sie anknüpfen und wie Sie durchkommen können; es versteht sich, daß

das kranke Kind nicht angestrengt werden darf; aber so unwissend, wie

sie jetzt ist, darf sie nicht bleiben.“

Martha hörte still zu; die Farbe auf ihrem Gesichte wechselte

einigemal; sie bezwang sich aber, und die Ruhe und Bestimmtheit der

Prinzipalin gab ihr den Mut, ebenso ruhig zu bitten, daß man ihr

gestatten möge, vorausgesetzt, daß Fanny nicht kränker sei, sonntäglich

einmal zur Kirche und täglich eine Stunde spazieren zu gehen, was der

Arzt ihr zur Pflicht gemacht habe.

Es wurde ihr bedingungsweise gewährt: „Wenn es gutes Wetter ist,

wird Fanny jeden Tag ausgefahren; dann wünsche ich, daß Sie in ihrer

Begleitung gehen. Jetzt wird Lucie Sie hinauf zu Fanny bringen; ich

habe diese Unterredung in Gegenwart meiner Töchter geführt, damit sie

meinen Willen wissen; meine zweite Tochter hat große Neigung, sich über

die nötigen Formen hinwegzusetzen.“

Martha verbeugte sich und folgte ihrer Führerin die Treppe hinauf in

einem sonderbaren Zustande: nicht aufgebracht, nicht entrüstet, aber

wie mit Wasser begossen und kühl bis ans Herz hinan.

Vor Fannys Thür wandte sich Lucie um: „Wir können uns doch lieb haben,

Fräulein Martha, ganz gewiß!“ sagte sie, und Martha glaubte Thränen

in ihren Augen zu sehen. Sie war etwas verwundert über dies schnelle

Entgegenkommen, es machte sie beinahe verlegen.

„Ja, Fräulein Lucie, aber wir müssen durchaus die Grenzen dabei

festhalten, die Ihre Frau Mutter uns gesteckt hat; ich würde sonst ihr

gegenüber in eine schiefe und unhaltbare Stellung kommen.“

„Ach, und lieben Sie Fanny ein wenig; sie ist so unglücklich durch ihre

Kränklichkeit!“

„Gewiß will ich das!“ sagte Martha warm und trat über die Schwelle

einer einfachen aber freundlichen Stube, hinter deren breitem Fenster,

dessen Gardinen jetzt zugezogen waren, Fanny, von einer Hängelampe

beleuchtet, in ihrem Rollstuhle lag.

„Nun, guten Tag, liebe Fanny! Siehst du, hier bin ich; nun sage mir,

wie es dir ergangen ist, seitdem wir uns zuletzt gesehen haben!“

„Schlecht“, sagte sie, aber sie reichte Martha die Hand.

„Wie so, schlecht? Hattest du vermehrte Schmerzen?“

„Manchmal auch; aber das Elektrisieren ist so schrecklich, und

Katharine war die ganze Zeit so schlimm zu mir, und das Hausmädchen

thut mir immer so weh, wenn sie mich ankleidet!“

„Vielleicht kann ich das lernen!“ sagte Martha freundlich.

Es klingelte jetzt, und Lucie wußte, daß dies für sie das Signal sei,

das Schwesterchen zu verlassen. Sie umarmte Fanny etwas stürmisch zum

Abschied; das blasse Gesichtchen verzog sich schmerzlich.

„Lucie ist gut zu mir“, sagte sie, sobald dieselbe das Zimmer verlassen

hatte, „aber sie denkt nicht daran, wo es mir weh thut. Sie kann auch

wenig bei mir sein; sie muß sich noch so viel üben im Singen und

Zeichnen und muß auch viel in Gesellschaft gehen; Mama sagt, das sei

für ein Fräulein nötig.“

„Was thatest du denn heute Nachmittag?“

„Was sollte ich thun? Ich sah in die Wolken; die bekommen immer

andere Gestalten; man kann sich Riesen, Ritter und Drachen darunter

vorstellen, die führen Krieg, laufen hintereinander her und fressen

sich auf; das ist so unterhaltend!“

„Kannst du nicht etwas lesen?“

„O, lesen kann ich gut; als ich gesund war, hatte ich Stunde. Aber es

ist in den Büchern immer so vieles, das ich nicht verstehe, und es ist

niemand da, der mir ordentlich antwortet, wenn ich frage, als höchstens

manchmal Judith; aber sie hat sehr wenig Zeit.“

„Wie lange bist du denn so krank?“

„Ich glaube, seit zwei Jahren; da war ich einmal, heiß vom Spielen, ins

Wasser gefallen. Der Gärtner holte mich wieder heraus, aber ich wurde

nie mehr gesund; ist das nicht schändlich?“

„Schmerzlich, Fanny, oder betrübt! Siehst du, was uns der liebe Vater

im Himmel schickt, das kann wohl schwer und bitter für uns sein, aber

schändlich gewiß nicht!“

„Das verstehe ich nicht, du sprichst ganz wie Margaretchen!“

„Wer ist Margaretchen?“

„Ach, die alte Näherin, die manchmal kommt; sie sitzt dann dort in der

Nebenstube und speist mit mir! Die sagt auch, Gott habe mich lieb! Aber

warum läßt er mich denn krank werden?“

„Das wirst du auch noch einmal erfahren, Fanny! Jetzt können wir das

noch nicht wissen!“

Das Mädchen kam jetzt, deckte den Tisch und setzte Thee und kalte

Speisen auf.

„Werden Sie hier essen?“ fragte Fanny gespannt.

Martha nickte.

„Das ist schön! Katharine ging dann immer hinüber in die Gesindestube

und kam nicht eher wieder, bis der Thee ganz kalt war.“

Martha betrachtete sich die Sache: „Ich werde deinen Rollstuhl dicht

an den Tisch heranbringen, das ist gemütlicher für uns beide. Du sagst

mir jetzt, wie du die Butterbrötchen am liebsten hast, so richte ich

sie dir ein. Meinst du nicht, daß so ein weiches Ei und etwas roher

Schinken dir wohlthun würde? Siehst du, ich bin hungrig von der Reise,

mir wird es auch schmecken. Aber erst wollen wir beten.“

„Beten?“ fragte das Kind verwundert.

„Ei, wir müssen uns doch beim lieben Gott bedanken für alle die guten

Gaben, und müssen ihn bitten, daß er uns ferner nicht verläßt!“

Fanny nickte ernsthaft.

Martha sprach einfach: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und

seine Güte währet ewiglich!“ Dann begann das Souper.

Die Kleine hatte keinen frischen Appetit; Martha mußte ihr zureden, ein

wenig zu nehmen; aber das half zuweilen.

Man hörte jetzt Räder rollen und verschiedene Kutschen vor dem Hause

anfahren; es wurde unruhig unter ihnen.

„Mama hat heute Gesellschaft; ich schlafe auch nicht eher, bis Lucie

mir Eis und Konfekt heraufgebracht hat; das thut sie jedesmal!“

Martha zweifelte, ob es weise sei, dem kränklichen Kinde, das kein

Verlangen nach einfacher, nützlicher Nahrung hatte, Dinge zu bringen,

die ihr den Magen noch mehr verderben mußten; aber für heute mußte sie

sich ja noch aller Eingriffe enthalten. Sie bat nur: „Lege dich immer

einstweilen nieder, Fanny. Du ruhst besser, und ich bleibe hier neben

deinem Bette!“

Das Hausmädchen kam jetzt und Martha ließ sich das Nachtzeug des Kindes

bringen.

„Ich will sie heute einmal selbst auskleiden!“ sagte sie. Ihre leichte,

geschickte Hand bewährte sich auch hier; Fanny jammerte wenig und

erklärte sich zufrieden mit ihrem Beistande.

„Bleiben Sie auch die Nacht über hier?“

„Ich weiß noch nicht Bescheid im Hause; aber ich glaube, mein hübsches

Zimmerchen muß ganz in der Nähe sein!“

„Vielleicht ist es nebenan, Fräulein Feldwart? O bitte, öffnen Sie

einmal die Thür und sehen Sie zu, ob es so ist!“

Es war so! zu Fannys großem Jubel!

„O nicht wahr, Sie lassen die Thür ein klein, klein wenig offen?

Katharine schläft zwar hier in der kleinen Kammer und giebt mir, was

ich gebrauche; aber es wäre zu schön, Sie so nahe zu haben!“

Martha versprach dies gerne. Nichts hätte sie am heutigen Abend so sehr

trösten können, als die Überzeugung, daß sie der kleinen Kranken lieb

und nötig sei, und sie bat Gott innig, er möge ihr Kraft geben, dem

Kinde in der rechten Weise beizustehen.

Jetzt rauschte es auf der Treppe, und in einem schweren, dunkelblauen

Seidenkleide, äußerst passend und geschmackvoll angethan, erschien Frau

v. Märzfeld, um ihrer Kleinsten „gute Nacht“ zu sagen. Sie war wirklich

eine auffallend stattliche Erscheinung, besonders fand Martha dies, als

sie sich mit zärtlichem Mitleid über das kranke Kind beugte. Sie sah

freundlich auf Martha, die von ihrem Stuhl aufgesprungen war, um der

Mutter Platz zu machen.

„Nun, haben Sie sich schon ein wenig zusammen befreundet?“

„Ich denke, gnädige Frau, und ich hoffe, wir werden es mit jedem Tage

mehr thun.“

„Das würde mir ganz außerordentlich lieb sein; dies kleine Wesen kann

Licht und Hitze und Geräusch nur wenig ertragen, und doch ist es meine

Pflicht, um ihrer Schwestern willen in der Gesellschaft zu leben. Es

wäre mir eine große Beruhigung, sie nicht verlassen zu wissen. Aber

plaudern sie nicht zu lange mit ihr, nach zehn Uhr muß sie schlafen.“

„O Mama, heut’ ein wenig nach zehn; Lucie bringt mir erst noch Eis!“

„Meinetwegen!“ sagte die Mutter freundlich, indem sie die Kleine zum

Abschied küßte. „Fräulein Feldwart, Sie stehen mir dafür, daß es nicht

zu lange wird!“

Martha versprach es.

„Bitte, erzählen Sie mir etwas“, bat Fanny, als sie allein waren.

„Hat dir jemand schon aus der biblischen Geschichte erzählt?“

„Jetzt lange nicht, früher wohl; ich glaube, Katharine wußte nichts

davon.“

„Weißt du, wer Jakob war?“

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 9 / 15 段