Scheltworte bekommen im Leben, und obgleich sie der Frau Werner in
ihrem Herzen beipflichten mußte, fühlte sie sich doch sehr unglücklich
und verlassen und griff zum Trost nach Urgroßmutters Briefen.
Sonderbar! das erste, was ihr in die Hand fiel, war ein kleines Gedicht:
Gastfrei zu sein vergesset nicht!
Der heilige Apostel spricht;
Bei manchem hat ganz unbeachtet
Ein Gottesengel übernachtet.
Drum hört, was der Apostel spricht:
Gastfrei zu sein vergesset nicht!
Drum sollst du auch ganz freundlich sein,
Tritt unerwünscht ein Gast herein;
Manch Englein hat die Flügel innen,
Du würdest’s herzlich liebgewinnen,
Sähst du ihm tief ins Herz hinein;
Drum sollst du jedem freundlich sein.
Gar mancher, der dir nicht gefällt,
Ist recht zum Engel dir bestellt;
Es sind nicht immer Sympathieen,
Die ’s Herz nach Gottes Willen ziehen.
Es thut gar wohl, so schwer’s oft fällt:
Gut sein dem, der dir nicht gefällt!
Nun es die Urgroßmutter sagte, mußte es wohl wahr sein! Martha prüfte
sich ernstlich und kam auf manchen Punkt, der sie verklagte. Wo waren
denn die lustigen Mittagsstunden geblieben, seitdem Suschen und sie
im entferntesten Gartenweg wanderten und sich um die anderen nicht
bekümmerten? Als sie abends allein auf ihrem Stübchen waren, gab Martha
Suschen das Gedichtchen zu lesen; ausführliche Besprechungen und gute
Vorsätze schlossen sich daran, die mit aufrichtigem Herzen gefaßt
wurden.
„Wenn ich nur erst wüßte, wie man Phinen näher kommen könnte!“ sagte
Suschen.
„Wir müssen es versuchen!“ sagte Martha seufzend.
Nun ist nichts schwerer, als den richtigen Anfang einer Unterhaltung zu
finden, wenn man mit der feierlichen Absicht, eine solche zu beginnen,
an jemanden herantritt.
Phine, teils beleidigt durch die erfahrene Zurücksetzung, teils bequem,
war einsilbig und schien die Annäherung ihrer Altersgenossinnen fast
nur mit gnädiger Herablassung zu dulden; Suschen kehrte ihr bald den
Rücken und verschwand. Martha versuchte jedes mögliche Thema.
„Haben Sie Geschwister?“
„Ja.“
„Brüder oder Schwestern?“
„Von beiden.“
„Ist T. ein angenehmer Ort?“
„Es geht!“
„Kommen Sie viel in Gesellschaft?“
„Manchmal!“
„Wird dort auch musiziert?“
„Himmel, wie kommen Sie nur darauf, mich in einem fort zu fragen!
Lassen Sie mich doch zufrieden; es interessiert Sie ja alles nicht!“
Es war eigentlich wahr, Martha gestand sich’s zu ihrer Beschämung; aber
wie in aller Welt sollte sie da eine Annäherung beginnen?
Gegen Abend wanderten alle in den Garten; der Gärtner hatte
verschiedene Beete neu bepflanzt, eins derselben recht geschmacklos mit
lauter gleich großen Pflanzen, von denen keine zur Geltung kam und jede
der anderen Luft und Sonne wegnahm. Josephine ging einigemal um das
Beet herum und schien in seine Betrachtung völlig versunken zu sein.
„Ich dächte, das Beet wäre nicht eben schön“, sagte Martha.
Das erste freundliche, verständnisvolle Lächeln erschien auf Phinens
Gesicht: „Nein, das ist es wirklich nicht; wenn da in der Mitte nur
ein einziges Heracleum oder eine Staude Zuckerrohr und ein paar
Maispflanzen ständen; dann etwa diese Gladiolus, ringsum vielleicht
noch Astern und am Rande weiße Vergißmeinnicht -- das wäre ein hübsches
Beet. Ja, das verstand mein Großvater so schön! Ich wollte, Onkel
Werner erlaubte mir, es einmal so einzurichten!“
„Das würde er vielleicht thun; aber wäre es nicht schade um die
hübschen Wicken und Winden?“
„Ei, die könnten wir dort an der Laube anbringen; da fehlt etwas.“
„Fragen Sie doch!“ riet Martha.
„Ach, das wage ich nicht!“
Beim Abendbrot redete Martha den Hausherrn an: „Onkel Werner, Phine und
ich haben einen sehr großen Wunsch!“
„Nun, und welchen?“ fragte er freundlich.
Martha trug die Sache vor; der Onkel lachte: „Wenn ich da nur nicht aus
dem Regen in die Traufe komme!“
„Sie könnten es doch versuchen!“ bat Martha weiter. „Phine versteht
sich darauf und wir könnten ihr helfen.“
„Ja, wir alle! wir alle!“ riefen die Zwillinge.
„Meinetwegen, versucht die Sache!“ entschied der Direktor. „Das
Heracleum giebt euch Freund Friedhelm umsonst.“
Wilhelm holte es, brachte auch noch einige Maispflanzen und ein
Körbchen voll Vergißmeinnicht mit; Phine hob sorglich die überflüssigen
Pflanzen aus; sie kamen unter die Aufsicht von Luise; Arthur und Hans
durften an der Laube unter Suschens Aufsicht Löcher ausarbeiten,
und Martha setzte die Pflänzchen mit geschickter Hand ein. Phine
arrangierte indessen das Mittelbeet und Anna trug ihr in der kleinen
Gießkanne immer wieder frisches Wasser zu. Die kräftige Mittelpflanze,
obgleich sie ihre Höhe noch nicht erreicht hatte und jetzt die Blätter
hing, hob das Beet sehr.
„Ihr sollt ’mal sehen, wenn alles ordentlich anwächst, wie reizend
es wird“, rief die Obergärtnerin; sie war ganz aufgelebt und nicht
wiederzuerkennen.
Die Garderobe war nun zwar nicht ganz ohne Schaden weggekommen, aber
die Freude über das gemeinsam Geschaffene strahlte allen aus den Augen.
Dies war der Anfang vieler Vergnügungen; abends mußte man gießen;
hier und da wurden noch Verbesserungen für nötig befunden; die
ganze junge Familie entwickelte ein nie gekanntes Interesse an der
Gärtnerei, und Josephine gab eine sehr geschickte Lehrmeisterin ab.
Auch verstand es niemand so gut wie sie, die Ranken des wilden Weines
und des Geisblattes zierlich aufzubinden oder aus wenigen Blumen einen
anmutigen Strauß zu schaffen.
„Woher kannst du das alles, Phine?“
„Von meinem Großvater“, erwiderte sie; „sein Garten war sein Liebstes,
und ich war, bis er starb, sein Gehilfe darin; ich liebe die Pflanzen
gar zu sehr! Es fehlt mir hier nur eine sehr zierliche, feine
Blattpflanze, die wir zuhause in Fülle hatten.“
„Weißt du den Namen nicht?“
„Nein, aber ich habe oben einige gepreßte Exemplare.“
Sie holte dieselben, um sie den Kindern zu zeigen, und alle waren
erstaunt, wie schön sie gepreßt waren, wie unverletzt die Farben.
„Können wir das auch lernen?“ fragte Luischen.
„Freilich, das kann jeder lernen; ich werde heute Nachmittag recht viel
Löschpapier holen und euch das Verfahren zeigen.“
Es ging nun mit Eifer ans Einlegen und Pressen; auch Martha trieb es,
um die Ränder ihrer Zeichnungen mit dem getrockneten Gras und Moos zu
schmücken; die Kinder suchten das nachzuahmen, und alle fühlten, wie
schön es sei, wenn eins vom anderen nimmt und einer dem anderen giebt,
viel schöner, als seinen Gedanken nachzuhängen und unbekümmert um die
anderen seine einsame Straße zu ziehen. Ja, Martha und Suschen merkten
zu ihrem Erstaunen, daß ihre einsamen Plauderstunden am Abend und
Morgen nicht an Reiz verloren und viel an Reichtum gewannen, seitdem
sie sich mehr den Interessen der anderen Hausgenossen anschlossen. Als
Martha einmal teilnehmend Josephinen nach dem Großvater fragte, da kam
die Goldstufe in dem Herzen der Enkelin wirklich zutage; hier verstand
sie Martha nur zu gut; und als endlich der Gast wieder seiner Heimat
zufuhr, schied er mit Thränen und wurde mit Thränen entlassen.
„Die Urgroßmutter hat doch wieder recht behalten“, sagte Martha.
Ja, die Urgroßmutter! ihre Papiere und Briefe lieferten reichen Stoff
zu den Unterhaltungen der beiden Mädchen; denn Suschen durfte jetzt mit
darin studieren. Sie interessierte sich besonders für die praktische
Armenpflege, die oft darin erwähnt wurde, und wenn sie, ihr Körbchen am
Arm auf Pastor Wohlgemuths Geheiß zu seinen Kranken ging, that sie dies
fast nie ohne eine stille Erinnerung an die ehrwürdige Frau, und ohne
die Freude, auf ihren Wegen zu gehen. Ihre Lieblingspatientin war eine
junge Frau, aus Weißfeld stammend, welche bald nach ihrer Verheiratung
eine Brustentzündung bekommen hatte und infolge davon schwindsüchtig
geworden war. Sie sah Suschens Besuchen stets mit großer Sehnsucht
entgegen; diese fühlte sich ihr gegenüber besonders frei, da die
Leidende nur um wenige Jahre älter war als sie.
Eines Abends, nachdem Suschen die Kranke besorgt, umgebettet und
erquickt hatte, klagte diese noch: „Ach, Fräulein! Mein armer Mann!
heute hat er müssen eine Stunde vor Tage auf die Fabrik gehen, hat
keine Zeit behalten, den Topf in die Grube zu setzen; Mittag ist er gar
nicht nachhause gekommen, und nun findet er abends auch nichts Warmes!
Er ist auch zu schlimm dran!“
„Könnte ich denn etwas für ihn kochen?“ fragte Suschen.
„Ach, das ist doch zu viel verlangt; aber Bier ist im Hause, gleich
auf der obersten Kellerstufe, und Brot und Milch und ein Ei und Kümmel
auch; ach, Fräulein, wenn Sie es thun wollten!“
Suschen bereitete die Suppe und setzte sie auf dem Ofen warm.
Pastor Frank, der sein früheres Gemeindeglied besuchen wollte, hatte
ihrem liebevollen, anmutigen Thun eine Weile unbemerkt zugesehen. Als
sie in den Hausflur trat, begrüßte er die junge Schülerin freundlich:
„Wie freut es mich, daß Sie der Käthe so beistehen! Haben Sie ihr auch
wohl etwas vorgelesen oder ernst mit ihr geredet?“
Suschen errötete ein wenig: „O nein! lesen kann die Käthe für sich,
wenn ich nicht da bin, und sprechen von so ernsten Dingen -- Herr
Pastor, das wird mir schwer: ich kann viel besser mit meinen Händen
helfen!“
Er sah ihr in die hellen Augen und schwieg; er hatte sie erst ermahnen
wollen, zu lernen, was sie nicht konnte; aber wie sie so vor ihm stand
mit den klaren Augen und der demütigen Haltung, vermochte er’s nicht;
er dachte: „Die Gaben sind verschieden; ihre bloße Erscheinung ist
eine Erquickung; und das ist gewiß: ein Kind ist sie jetzt nicht mehr!“
In mancher Beziehung war sie aber doch noch ein Kind.
In Urgroßmutters Kommode fanden sich viele Flachs- und Webe-Rechnungen;
das stimmte so ganz mit dem Lobe der Spinnekunst in manchem neuen
Journal, und als der Herbst kam und der Weihnachtswünsche gedacht
wurde, kannte Suschen keinen größeren als: „Ach, ein Spinnrad! und
einen großen Haufen Flachs!“
Frau Werner lachte darüber: „Von mir bekommst du das sicher nicht, mein
Suschen!“
„Aber Mama, warum nicht?“
„Weil es für eine Spielerei zu teuer ist, und mehr als Spielerei in
unserer unruhigen Zeit doch niemals wird!“
„Aber Mama!“
„Ja, liebes Kind, es ist ganz wie ich sage: An unsere Großmutter und
Mütter wurden lange nicht so viel Anforderungen gestellt wie an uns;
der Verkehr war ein viel langsamerer; es gab nicht so viel Stunden,
Vereine und Vorlesungen; wenn sie ihr Spinnrad vor sich hatten, saßen
sie tagelang hintereinander und zogen Faden auf Faden; da wurde was
fertig fürs Haus. Sie konnten wohl recht hübsch dabei denken und
sinnen; aber einem Kinde des 19. Jahrhunderts könnte es doch wohl
etwas langweilig sein. Es würde auch ein teueres Leinen werden, mein
Töchterchen; die Hände kommen eben den Maschinen doch nicht nach.“
„Wie schade!“ seufzte Suschen.
„Ja, liebes Kind, das läßt sich nun nicht ändern; wir können doch nicht
Erfindungen und Industrie zurückdrehen, bis wir wieder ins adamitische
Zeitalter kommen. Den Sinn des Fleißes, der Häuslichkeit, der Treue,
der die Mütter bei ihrer Arbeit leitete -- den sollen wir pflegen, aber
ihn mit Vernunft in Einklang bringen mit den Anforderungen der neuen
Zeit; es gefällt euch ja doch gar nicht übel, daß ihr jetzt mehr Anteil
habt am geistigen Leben; das möchtet ihr doch gewiß nicht beseitigen!“
„Aber Rösners haben auch ihre Rädchen!“
„Ja, die treiben es eben als eine hübsche Erinnerung an die
großmütterliche Thätigkeit und eine nette Spielerei. Da es bei ihnen
gerade nicht viel darauf ankommt, was sie vornehmen, so ist das nicht
zu tadeln, und hätte ich ein altes Rad, so solltest du es meinetwegen
zu gleichem Zwecke haben. Aber es darf niemand meinen, daß damit in
unserer Zeit ein wirklicher Nutzen für den Haushalt geschafft wird, und
besonders in unserem giebt es der nützlichen und nötigen Arbeiten so
viel, daß man sich der überflüssigen lieber enthält.“
Es war und blieb aber Suschen sehr niederschlagend. Als die beiden
Mädchen in den Herbstferien bei Rösners waren, hatte Martha auf Trudens
Boden das Spinnrad der Urgroßmutter gesehen, das auf die Dienerin
vererbt war.
„Ich spinne nicht darauf“, hatte diese gesagt, „wenn mir die Frau
Amtsrätin auch im Winter noch Flachs giebt. Weil ich eben nichts
anderes mehr thun kann, so verspinne ich den auf meinem zweispuligen,
das trägt mehr ein!“
Es war nicht schwer, Truden zu bewegen, das Rad an die Urenkelin
abzutreten; in Weißfeld wohnte noch ein alter, geschickter Drechsler,
dem ward es zur Reparatur übergeben, und wenn für Martha der Blick auf
die äußere Weihnachtsfeier von irgendeinem freundlichen Strahl erhellt
wurde, so war es die Aussicht, Suschen mit diesem Rade zu beglücken.
Frau Amtsrätin hatte den Flachs dazu zu liefern versprochen und hielt
ihr Wort.
Die Überraschung gelang aufs beste. Als die Bescherung bei Werners am
heiligen Abend vorüber war, kam Hans als Knecht Ruprecht und brachte
im Namen der Urgroßmutter das feingeschmückte Rädchen; der Flachs war
durch Trudens geübte Hand kunstgerecht aufgelegt; ein schönes, buntes
Wockenband umgab ihn. Suschen wurde ganz rot vor Freude. Sie hatte ja
alle Vernunftgründe in der Rede der Mutter eingesehen; aber Vernunft
treibt Herzenswünsche selten aus, und als sie nun vollends vernahm,
daß es das Rad der Frau Anna Martha Waldheim war, deren Name, allen
sichtbar, am Querbrett prangte, kannte der Jubel gar keine Grenzen, und
es wurde ihr schwer, dem Knecht Ruprecht zu gehorchen, der ihr gesagt:
Aber von Weihnachten bis zum hohen Neujahr
Muß ruhen das Spinnrädlein ganz und gar;
Hört man es da nur einmal schwirren,
So müssen die Hexen den Wocken verwirren.
Erst wenn die hochheil’gen zwölf Nächte vorbei,
Ist das Spinnen wieder gesegnet und frei.
Die Eltern und Geschwister freuten sich mit ihr, und auch Martha,
der die Erinnerung an die beiden letzten Weihnachtsfeste natürlich
schwer auf der Seele lag, war dennoch glücklich über die gelungene
Überraschung und konnte sich dem Glanz der Weihnachtssonne, der so
besonders lieblich hineinstrahlt in einen großen Familienkreis, nicht
entziehen.
Als endlich die Zeit gekommen war und Trude der gelehrigen Schülerin
Handgriff und Tritt beigebracht hatte, saß Suschen stolz auf ihrem
Schemel, zog Faden auf Faden, und erschien sich, als sei sie nun
ganz auf den Pfaden der Urgroßmutter. Sie fing auch gleich an zu
überlegen, wie viel sie weben lassen wollte, erkundigte sich, wie viel
oder vielmehr wie wenig der Weber gebrauche, um ein Dutzend Handtücher
fertigzustellen; als sie dann aber ihre Thaten mit seiner Forderung
verglich, gestand sie sich heimlich, nur ganz heimlich, daß es ziemlich
lange dauern würde, bevor das Gewünschte zusammen sei, und mußte es als
ein großes Glück ansehen, daß die Familie mit dem Trocknen ihrer Hände
nicht darauf zu warten brauchte. Das mußte man ja sagen: lieblich sah
das Suschen aus, wenn sie hinter dem blanken Spinnrad saß; recht wie
ein deutsches Mädchen mit ihrem klaren Gesichtchen und blonden Zopf.
Pastor Frank, der jetzt wieder häufiger und ruhiger kam und sie eines
Tages bei der neuen Arbeit überraschte, konnte sich auf dem Heimwege
gar nicht losmachen von dem Bilde der Spinnerin, obgleich er halb und
halb ärgerlich darüber war.
„Sie macht wirklich einen sehr lieblichen Eindruck“, dachte er; „es ist
schade, daß sie so wenig aus sich herausgeht; aber vielleicht schadet
es nicht so viel; wenn der Pastor spricht und die Pastorfrau praktisch
hilft, sollte es wohl auch gehen!“
Der Winter ging friedlich und fleißig dahin, und nun in voller
Harmonie. Die Scene während Josephinens Dasein hatte auf die beiden
Freundinnen den besten Einfluß gehabt; sie bemühten sich jetzt mit
aufrichtigem Herzen, gegen alle Familienglieder liebenswürdig zu
sein. Daß Wilhelm nun wirklich als dritter in den Freundschaftsbund
aufgenommen war, führte demselben einen großen Zuwachs an Ideen zu.
Sein Herz war sehr warm für das allgemeine Wohl, sein Interesses
groß für alles, was eben die Zeit bewegte: Stöckers Arbeitervereine,
Bismarcks große Ideen waren Gegenstände seiner Schwärmerei; der
Primaner konnte lange Reden halten, von Suschen und Martha höchlich
angestaunt, obgleich sie oft noch recht jugendlich unreife Gedanken
enthielten. Natürlich kam dergleichen auch am Mittags- oder Abendtische
zutage, und machte die liebe Hausfrau ungeduldig.
„Jetzt krähen die Hähnchen, wenn sie eben aus dem Ei gekrochen sind“,
pflegte sie zu klagen; „ich kann es manchmal gar nicht anhören, wenn
sie so unreifes Zeug vorbringen; und auch die Mädchen! Wir mußten uns
ganz still verhalten, wenn von solchen Dingen die Rede war!“
Der Direktor dachte anders darüber: „Natürlich müssen sie reifer
werden; aber nur, was überhaupt existiert, kann wachsen und gedeihen;
ich möchte keinen Sohn haben, der nicht seine Ideale in dieser
Beziehung hätte, und eine Ansicht über diese Dinge müssen sich
schließlich doch auch die Frauen bilden. Sie sind ja doch bescheiden
erzogen, unter Fremden hören sie und schweigen. Laß du sie ja im
Familienkreise sich aussprechen. Du glaubst auch nicht, wie es mich
interessiert; ich bekomme dadurch ein genaues Bild von dem, was mehr
oder weniger in all meinen Schülern lebt; es sind die Keime der
Gedanken und Thaten einer kommenden Generation, die müssen wir Alten
wohl beachten, mit unseren Erfahrungen stützen und schützen und mit
unserer Liebe pflegen.“
Frau Werner staunte oft, wie es ihr Mann verstand, sich auf den
Standpunkt der Jugend zu versetzen und von da aus leise Irrtümer zu
berichtigen und auf unreife Ansichten einzuwirken.
„Auf manchen Gebieten“, dachte sie, „sind Männer geduldiger als
Frauen, das macht, weil sie die Dinge mehr im großen und nach ihrem
Zusammenhange fassen; es ist schön, das wir das von ihnen lernen
können!“
Auch die Kleinen wurden jetzt von Martha zärtlich beachtet; sie bemühte
sich, ihre Eigentümlichkeiten kennen zu lernen, sie zu verstehen
und ihnen etwas zu sein. Sie fand dies sehr lohnend. Jedes Kind war
anders geartet, eines durch Freundlichkeit, das andere durch Ernst zu
gewinnen; eines nahm die Dinge zu leicht, das andere zu schwer. „So
werden meine Schülerinnen später auch sein“, dachte sie und machte ein
völliges Studium daraus, ein jedes nach seinem innersten Wesen zu
lieben und zu behandeln. Dies gelang ihr vortrefflich und Eltern und
Kinder waren innig dankbar dafür. Alle fürchteten sich vor der Zeit, wo
Martha ihnen entrissen werden sollte, und doch rückte sie unaufhaltsam
näher.
Im Sommer vor ihrem Examen fing ihre sonst so große Frische an zu
schwinden unter den vermehrten Anstrengungen. Eine ernste Betrübnis kam
dazu. Onkel Konsul, der ihr immer mitunter einmal geschrieben hatte
und auf dessen treue Teilnahme sie sich allezeit verlassen konnte, war
plötzlich gestorben. Seine Hinterlassenschaft kam in die Hände eines
entfernt wohnenden Neffen, zu welchem Martha gar keine Beziehungen
hatte, und so war das letzte Band gelöst, das sie noch an B. knüpfte,
und das sie so gern festgehalten hätte, schon um Siegfrieds willen: „Wo
soll er mich nun suchen, wenn er wirklich wiederkommt?“
Rösners, die Martha herzlich liebten, baten sie sich in den
Sommerferien aus; sie sollte in Weißfeld frische Milch trinken,
fleißig spazieren gehen und auf alle Weise gepflegt werden. Es schlug
auch leidlich an; sie bewohnte Urgroßmutters Stübchen und fühlte sich
ungemein wohl und geborgen darin.
Pastor Frank kam jetzt unbefangen und schien wieder heiter zu sein,
versank aber manchmal in tiefe Gedanken: war ihm vielleicht auch jetzt
klar, daß er sich in das Phantasiebild der Urgroßmutter verliebt hatte?
O, es war ihm noch etwas anderes klar geworden, und dies versetzte
Martha und Rösners in die größte Freude. Werners hatten versprochen,
am nächsten Sonntag herauszukommen, und man rüstete freudig zu ihrem
Empfange. Freitag war Pastor Frank zur Stadt gegangen und erst spät
am Abend heimgekehrt. Sonnabend früh schickte er Martha einen Brief
ihrer Freundin; sie öffnete ihn mit Spannung, fürchtete fast schon eine
Absage, aber Suschen schrieb:
„O Martha! liebe Martha! Du sollst es ja zuerst und bis morgen ganz
allein erfahren, was sich heute begeben hat und was ich ganz und
gar noch nicht begreifen kann. Denke Dir, ich bin seit einer Stunde
Braut, +seine+ Braut! ach, und eine so glückliche! Ich wollte es
ja erst gar nicht glauben, als Frank mir sagte, er habe mich lieb;
aber zuletzt merkte ich es doch, und ich glaube es ja zu gern. Morgen
früh nach der Vormittagskirche wird das Geheimnis enthüllt; bis dahin
schweige wie ein Stummer! Ich kann es eigentlich gar nicht erwarten,
bis Ihr Euch alle mit mir freut. Lobe den Herrn, meine Seele!
Deine glückselige Suse.“
Leicht wurde es der Martha nicht, zu schweigen wie ein Stummer, und
obgleich sie mit keinem Worte sich verriet, wurde es doch Rösners an
ihrem erregten, oft gedankenvollen, dann wieder freudigen Wesen klar,
daß etwas Außergewöhnliches in der Luft sei, und besonders die jungen
Mädchen kamen in ihren Vermutungen der Wirklichkeit ziemlich nahe. Die
Erwarteten erschienen zeitig am Sonntagmorgen, Suschen im blendendsten
Weiß. Vor dem Gottesdienste, den alle gemeinsam besuchten, blieb alles
im gewöhnlichen Geleis. Pastor Frank predigte über den Spruch: „Danket
dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ Man
merkte ihm an, daß der Dank sehr warm aus seinem Herzen kam, und als
die Eltern nach der Kirche ihn und Suschen als Brautpaar vorstellten,
wußten es alle, wofür er zu danken hatte, und der Jubel wollte gar kein
Ende nehmen.
Jetzt konnte der Bräutigam nicht lange verweilen, da er den
Nachmittagsgottesdienst noch vor sich hatte; aber beim Abendbrot
da ging es an ein Feiern und Gesundheittrinken! Besonders Suschens
Geschwister wurden es gar nicht müde, „Hoch!“ zu rufen, und der
Bräutigam sah durchaus nicht aus, als hätte er schmerzliche Erfahrungen
begraben müssen, um zur Freude dieser Stunde zu kommen; die liebliche
Braut aber strahlte.
Als man nach Tische im duftenden Garten wanderte, sagte Suschen
zu Martha: „Ich lasse es mir nicht ausreden -- das Spinnrad der
Urgroßmutter hat mir Segen gebracht!“
„Das ist möglich!“ bestätigte Frank vergnügt. „Gefallen hattest du mir
sonst schon; aber daß du meine liebe Frau Pastorin werden möchtest,
wünschte ich zum erstenmale, als ich dich hatte spinnen sehen.“
„Siehst du, Mama“, rief Suschen, „das Spinnen ist doch gut!“
„Das sollst du mir auch tüchtig weiter treiben, mein Suschen!“
versicherte der Bräutigam.
Diese sah ihn etwas zweifelhaft an: „Ob das möglich ist, wenn ich nun
richtig was zu thun bekomme?“
„Ja, ist denn das Spinnen nicht etwas Ordentliches? Warum spinnst du
denn?“
„Ei, aus Vergnügen und zum Andenken an die Urgroßmutter.“
Die Mutter und Frau Rösner machten dem Pastor die Sache klar.
„Also auch nur eine Phantasie!“ sagte er nachdenklich. „Nun gottlob!
unsere Verlobung ist doch keine, und in Ehren halten können wir das
alte Spinnrad immer, wenn du auch nicht viel darauf fertig bringst!“
Als Werners abgereist waren, faßte Frau Rösner auf den Rat ihres
Hausarztes den schnellen Entschluß, mit ihrer jüngsten, etwas
bleichsüchtigen Tochter Agnes noch einige Wochen nach einem kleinen
Stahlbade zu gehen, und nahm Martha dahin mit.