Gott wird ja helfen, daß es geht!“
Ja, er verlangt nichts Unmögliches; es ging wirklich! Alle die Eltern,
deren Töchter Martha unterrichtet hatte, fühlten herzliche Teilnahme;
Stärkungsmittel, guter Wein, feine Speisen kamen von allen Seiten
herbei; ab und zu sahen die hellen, freundlichen Gesichter der jungen
Mädchen selbst herein.
Pastor Wohlgemuth war sehr treu in seinen Besuchen; er verstand
die Kranke und sie verstand ihn; er hielt keine langen Reden: ein
Schriftwort, das auf ihren Zustand paßte, ein Vers aus einem unserer
schönen Trost- und Glaubenslieder, ein kurzes, warmes, herzliches
Gebet -- das waren die Erquickungen, welche er ihr zurückließ, und
sein heiteres Gesicht, sein klares Auge, seine getroste Stimme wirkten
allezeit wie eine belebende Arzenei nicht nur auf die Mutter, nein!
auch auf den gesunkenen Mut ihres Kindes.
So kam Weihnachten recht ernst heran. Die Mutter litt mehr als je.
Werners Kinder hätten so gern der Martha ein Bäumchen geputzt, aber sie
hätten es ihr doch nicht bringen dürfen; der armen Kranken mußte auch
die leiseste Unruhe erspart werden.
Als die Glocken zur Kirche läuteten, saß Martha an ihrem Bette und las
die Weihnachtsgeschichte. Ach! Das „Siehe, ich verkündige euch große
Freude“, es war heute schwer zu fassen; ihre Stimme stockte beim Lesen.
Die Mutter hielt die Hand vor die Augen; nach einer Weile sagte sie:
„Heute vor einem Jahre hatten wir unseren letzten glücklichen Abend,
Martha! Dann ging das Elend an. Wenn uns damals einer gesagt hätte, wie
Schreckliches wir erleben sollten!“ Sie seufzte tief.
Martha nahm sich zusammen, so viel sie konnte: „Ja, Mutter, wir haben
viel durchgemacht, aber Gott hat uns auch recht dabei geholfen; wenn
uns jemand vorher gesagt hätte, wie gut wir das Schwere ertragen
würden, das hätten wir auch nicht geglaubt.“
„Es kommt noch schwerer, liebe Martha!“ fuhr die Mutter mit Anstrengung
fort, „viel schwerer!“
Martha zitterte innerlich, aber sie kämpfte tapfer ihre Aufregung
nieder.
„So wird er uns auch durch das Schwerste helfen“, sagte sie leise.
„Weißt du denn auch wohl, was ich meine, mein armes Kind?“
„Ja, liebe Mama, ich glaube, ich weiß es. Ach, ich sehe manchmal nichts
vor mir als Dunkelheit; aber das Christkind ist ja da; seine Hand kann
ich auch im Dunkel fassen, und es wird mich schon durchbringen, und
dich auch, Mama.“
„Ich glaube, sie singen drüben bei Werners; möchtest du nicht dort
sein?“
„Nein, Mama, heute bleiben wir zusammen.“
Leise Schritte näherten sich bald darauf. Martha sah hinaus; es waren
Suschen und Luischen: „Dürfen wir nur einen Augenblick kommen und
bescheren?“
Frau Feldwart hatte die freundliche Frage gehört: „Ja, kommt nur!“
„Ja, aber da müssen Sie und Martha die Augen schließen, bis wir sagen:
‚Nanu!‘“
Es ward bewilligt. Ein leises Flüstern und ein süßer Duft ging durchs
Zimmer. Als die Augen sich öffnen durften, sahen sie auf einen
wunderbar schönen, blühenden Rosenstock; darunter lagen neben allerlei
zierlichen Näschereien Gerocks erbauliche Lieder und ein von Suschen
feingestricktes Kopftuch für Martha.
Gerührt wurden die schönen Gaben bewundert; Frau Feldwart war sehr
freundlich: „Nun singt mir aber: ‚Es ist ein Ros’ entsprungen‘, das
gehört zu dem schönen Rosenstrauch.“
Sie thaten das sehr gern und Martha sang mit. Als Suschen bat,
hier bleiben zu dürfen, damit Martha etwas hinüberginge unter den
Weihnachtsbaum, schlug es diese dankbar und freundlich ab; sie
fühlte, daß es so besser sei! Aber es wurde ein friedlicher Abend,
weihnachtlich im höchsten und schönsten Sinne.
„Vielleicht feiere ich übers Jahr droben mit deinem Vater!“ sagte Frau
Feldwart und sah sehr fröhlich dabei aus.
Marthas Gedanken wanderten, wohin sie oft gingen -- zu Siegfried! Sie
wußte nicht mehr, was sie denken und wo sie ihn suchen sollte; aber sie
bat, daß Gott ihm einen schönen, gesegneten Weihnachtsabend schenken
möge, und die Gewißheit kam als ein süßer Trost über sie, daß ihr
Vater droben im Himmel, ihre Mutter auf dem Krankenlager, Siegfried in
der weiten Ferne und sie selbst mit ihrem betrübten, zagenden Herzen,
alle in einer Vaterhand ruhten, sich alle des einen heiligen Christ
getrösten und hoffen durften, nach dieser Zeit Leiden in eine selige
Heimat einzuziehen, wo keine Trennung und kein Schmerz mehr sein wird.
Beide, Mutter und Tochter, fühlten es als eine große Wohlthat, daß nun
das Wort ausgesprochen war, vor dem sie sich immer gefürchtet hatten,
daß sie nun offen und gemeinsam dem entgegensahen, was kommen sollte,
und sich auch gemeinsam dazu stärken konnten. Es kamen ernste, sehr
schwere, aber friedliche Tage, während in der Nacht mehr und mehr
ein Angstanfall den anderen ablöste, so daß sich Martha nach Beistand
umsehen mußte. Wenn es sich mit ihren Botengängen vereinigen ließ,
blieb Trude manchmal eine Nacht; dann durfte Martha ruhig schlafen,
denn die Kranke fühlte sich bei ihr geborgen wie ein Kind im Mutterarm;
aber dies konnte doch nur selten geschehen. Da bot sich die Warburgerin
zur Hilfe an, und je kränker Frau Feldwart wurde, desto mehr war ihre
gleichmäßige Ruhe und große Körperkraft am Platze, mit der sie die
Kranke hob und zurechtlegte, während ihre Heiterkeit und Frische die
Krankenstube zu erhellen schien.
Man denkt oft, Tage, die so einförmig unter Sorge und Not hinfließen,
müssen langsam vorübergehen; o nein! das Gegenteil ist der Fall. In
diesem steten, stillen Aufmerken und Sorgen für den nächsten Augenblick
vergeht die Zeit unmerkbar wie im Fluge.
Martha wunderte sich, als die Tage anfingen, länger zu werden, und die
Sonnenstrahlen früher durchs Fenster blickten. Frau Feldwart freute
sich daran, -- Martha sah es mit Bangen; sie wußte, daß der März das
letzte welke Laub von den Bäumen schüttelt. Wenn sie die Angst der
Mutter sah, sehnte sie sich mit ihr nach Erlösung; aber was dann aus
ihr selbst werden sollte -- in diesen Gedanken durfte sie sich gar
nicht hineinwagen.
Stellte sie sich einmal ganz ihre verlassene und hilflose Lage vor, so
kam wohl der Gedanke an Pastor Frank, an das friedliche und geschätzte
Leben unter seinem Dache wie eine Versuchung über sie. Aber nein! Sie
konnte nicht bereuen, was sie gethan hatte; immer wieder trat vor ihr
inneres Auge das Bild ihres Siegfried; daneben hatte kein anderes Platz!
Es war ein ganz wunderlieblicher 1. März; die Sonne schien so erwärmend
und freundlich auf die schwellenden braunen Knospen, als könne sie es
kaum erwarten, dieselben zu sprengen. Frau Feldwart war durch eine
schwere Angstnacht gegangen; jetzt, gegen Mittag, ließ sie die Fenster
öffnen und atmete mit sichtlicher Erleichterung und Freude die linde
Frühlingsluft ein.
„Vielleicht könnte ich jetzt ein wenig schlafen“, sagte sie, „versuche
du es auch, Martha! du wachtest die ganze Nacht.“
Martha richtete der Mutter die Kissen zurecht; diese zog ihren Kopf zu
sich hernieder und sagte freundlich: „Gott segne dich, mein liebes,
liebes Kind! Gute Nacht!“
Es war nicht Nacht, es war heller, strahlender Tag; Martha zog sorglich
hinter den offenen Fenstern die Gardinen zu, setzte sich in den
Lehnstuhl und beobachtete noch eine Weile den Schlummer der Mutter,
der sehr süß und fest zu sein schien; und wie sie auf das friedlich
ruhende Angesicht blickte, verschleierten sich allmählich auch ihre
Gedanken, allerlei Traumbilder umgaukelten sie; nach kurzer Zeit
schlief sie so fest, wie die Mutter ihr gegenüber. Doch nein! +so+
fest schlief sie nicht, denn als sie nach einer Stunde erwachte und
auf den Zehen näher schlich, um nach der lieben Kranken zu sehen, da
lag diese noch ebenso friedlich und freundlich da, aber das Antlitz
war marmorweiß, kein Atemzug hob mehr die sonst so gequälte Brust, und
die Hände, die auf der Decke lagen, waren erkaltet. Es währte lange,
bis es der armen Martha ganz zum Bewußtsein kam, daß die Mutter dahin
gegangen, wo kein Leid, kein Geschrei und keine Qual mehr ist.
Als es ihr endlich zur Gewißheit wurde, schrie sie nicht auf, sie
klingelte nicht um Hilfe; sie kniete am Bette, schickte ihre Seufzer
zu Gott hinauf und weinte heiße, recht heiße Thränen. Sie wußte ihre
Eltern am Throne Gottes vereint, aber sie war allein gelassen auf Erden
und fühlte das mit tiefem, tiefem Schmerz.
Suschen, die einzige, die stets einen Drücker zur Korridorthür hatte
und unbemerkt kommen und gehen konnte, fand sie so. O, wie herzlich
weinte sie mit ihr! Dann rief sie ihre Eltern, und als Frau Werner
Martha in die Arme schloß und ihr Gemahl so warme, teilnehmende Worte
sprach, fühlte das verwaiste Kind, daß es doch nicht ganz verlassen sei.
Der Direktor besorgte mit großer Aufopferung all’ die schweren
Außendinge, die ein solcher Todesfall mit sich führt; seine Frau
sagte: „Du kommst jetzt mit uns, liebe Martha. Sobald die Frau kommt,
die dazu beauftragt ist, helfe ich dir mit Suschen zusammen, deiner
lieben Mutter die letzten Dienste zu erweisen; denke du jetzt an nichts
weiter, als daß deine Mutter im Himmel und unser Herrgott ein Vater der
Waisen ist; alles andere findet sich zu seiner Zeit; jetzt wohnst du
bis auf weiteres mit in Suschens Stübchen.“
Das Begräbnis war vorüber; Martha hatte sich bis dahin wunderbar
aufrecht gehalten, aber es war noch kein Schlaf wieder in ihre
Augen gekommen. Sie hatte sich sehr getröstet gefühlt durch Pastor
Wohlgemuths glaubensvolle Grabrede über den Text: „Ich weiß, daß mein
Erlöser lebt.“ Aber als sie nun an Suschens Arme langsam nachhause
ging, kam eine solche Abspannung und Müdigkeit über sie, daß Frau
Werner sie sogleich nach dem freundlichen Schlafstübchen führte;
schon während des Auskleidens fielen die nassen Augen zu, und als die
mütterliche Freundin noch ein Weilchen mit gefalteten Händen am Bette
ihres Pfleglings stand, hörte sie schon die sanften Atemzüge, welche
den Schlummer der Kindheit und Jugend zu begleiten pflegen.
Suschen benutzte diese Ruhestunden, um mit Frau Warburger frische
Luft in die verödete Wohnung zu lassen und die Spuren von Staub und
Unordnung zu beseitigen, welche ein jedes Begräbnis hinterläßt. Sie
stand in ihrem langen, schwarzen Kleide mitten im Sterbezimmer, und
während sie mit ruhiger Stimme die Arbeiten der Dienerin leitete,
begoß sie die Blumen, die sich in Frau Feldwarts Krankheit durch die
Freundlichkeit der Bekannten in Fülle zusammengefunden hatten, lockte
das Hündchen an sich, das winselnd unter dem Tische lag und nur schwer
zu bewegen war, Milch und Brot aus ihren Händen zu nehmen, und gab hier
und da einem verschobenen Gegenstande seine richtige Stellung und Lage
wieder.
Pastor Frank, der die Entschlafene zur letzten Ruhestätte begleitet
hatte, überraschte sie bei diesem Geschäfte; er kam, um der verwaisten
Tochter ein paar freundliche Worte zu sagen. Er hatte die Thür offen
gefunden, weil Frau Warburger viel hin und wieder gegangen war, und
stand jetzt Suschen gegenüber.
„Es thut mir leid, Herr Pastor!“ sagte diese, „ich kann jetzt Martha
nicht rufen; nach vielen durchwachten Nächten schläft sie soeben zum
erstenmal sanft; aber sie wird sich gewiß freuen, wenn Sie ein andermal
vorsprechen wollen; nur müssen Sie dann zu meinen Eltern kommen, denn
meine Freundin wird in der nächsten Zeit bei uns wohnen!“
Der Pastor empfahl sich und Suschen setzte ihre stille Arbeit fort. In
der Korridorthür sah sich der Davoneilende noch einmal um: „Sonderbar!
das Suschen sah heute recht erwachsen aus mit dem schwarzen Kleide und
mit dem ernsten Gesicht; sie ist doch wohl eigentlich kein Kind mehr!“
Direktor Werner hätte der Martha gern noch einige Tage stiller
Erinnerung und friedlichen Ausruhens gewährt, aber er bemerkte bald,
daß sie sehr unruhig war beim Gedanken an ihre Zukunft, und so fragte
er sie, als sie an einem der nächsten Morgen ihm und seiner Frau nach
dem Frühstück allein gegenüber saß: „Nun, liebes Kind, nun lassen Sie
uns erfahren, was Sie für Ihre Zukunft denken und wünschen.“
Martha sah ihn traurig an: „Was soll ich denken? Meine Nahrungsquelle
versiegt jetzt, denn die Leibrente der Mutter ist mit ihrem Tode
verfallen; mir bleibt nichts übrig, als mir so schnell als möglich
eine Stelle zu suchen als Jungfer oder Stütze der Hausfrau, oder“
-- setzte sie etwas zögernd hinzu -- „vielleicht könnte ich in ein
Diakonissenhaus gehen!“
„Das ist ein schöner Beruf“, sagte der Direktor ernst; „aber haben Sie
früher wohl jemals daran gedacht, denselben zu ergreifen?“
„Nein“, erwiderte Martha aufrichtig.
„Nur um eine Versorgung zu haben, geht man nicht in ein
Diakonissenhaus, da gehört ein tieferer Beruf dazu. Ich meine, liebes
Kind, man muß bei solcher Überlegung die Fingerzeige Gottes beobachten.
Meinem Suschen habe ich gestern noch ganz ernstlich abgeredet, Lehrerin
zu werden; ihre Befähigung weist auf andere Gebiete hin; ich könnte
sie mir eher als Diakonisse, ja als Stütze der Hausfrau denken; Ihnen
aber möchte ich dringend raten: Werden Sie Lehrerin! Sie haben vom
lieben Gott genau die Gaben erhalten, die zu einer solchen Wirksamkeit
gehören, während man Ihnen als Stütze der Hausfrau wenigstens
in der ersten Zeit noch anmerken würde, daß Sie bei dergleichen
Beschäftigungen nicht aufgewachsen sind.“
Martha seufzte: „Wie gern würde ich Ihrem Rate folgen! Aber ich müßte
doch erst ein Examen machen; das kostet Geld -- woher soll ich das
nehmen?“
„Da läßt sich wohl Rat schaffen“, sagte der Hausherr freundlich; „ich
habe mit meiner Frau gesprochen und will Ihnen sagen, wie wir denken.
Unser Wirt hat eine sehr gut ausgebaute Bodenkammer, die wird er Ihnen
für einen sehr geringen Preis geben, und Sie räumen Ihre Möbel und
Sachen da hinein; wir sehen dann zu, daß wir Ihre Wohnung zum April
noch weiter vermieten können. Sie ziehen zu uns, teilen Suschens
Stübchen und sind unser lieber Gast. Gold und Silber haben wir leider
selbst nicht, aber was wir haben, das geben wir gern, nämlich Obdach,
Heimat, Verpflegung, so lange Sie es gebrauchen. Doktor W., mein
Freund, bildet eine ganze Schar junger Mädchen fürs Lehrerinnenexamen
aus. Sie sind so sehr viel besser vorbereitet durch Ihren trefflichen
Jugendunterricht, als die meisten seiner Schülerinnen, daß ich
überzeugt bin, Sie können das Ziel in ein und einem halben Jahre
erreichen, besonders wenn ernster Wille und redliche Anstrengung dazu
kommen. Nun, haben Sie wohl Mut, diesen Weg zu gehen? Es ist wohl
möglich, daß etwas von Ihrem kleinen Notpfennig dabei noch aufgezehrt
werden muß; aber ich denke, er trägt so die besten Zinsen.“
Martha konnte nur danken, mit tiefgerührtem Herzen danken für so viel
Güte.
„Ist nicht nötig, ist gar nicht nötig“, sagte der Direktor, „es wird
ein ganz angenehmer Zuwachs für unsere Familie sein. So, nun schlagen
Sie ein! Und nun werde ich dich, liebe Martha, ganz als meine älteste
Tochter betrachten, so lange du bei uns bist. Sage du von heute an:
Onkel und Tante Werner! da wird es uns allen behaglich sein!“
Martha mußte durch ihre Thränen lächeln, und Suschen, die eben
hereingeschlüpft war, umarmte sie so stürmisch, daß sie fast erdrückt
wurde. In den Kreis ihrer Geschwister kam bei der Nachricht, daß Martha
jetzt hier bleiben würde, eine so freudige Aufregung, daß Suschen und
Frau Werner Mühe hatten, sie so ruhig zu erhalten, wie es bei der
traurigen Gemütsstimmung ihres Gastes nötig war.
9.
Bei Werners.
Da in H. Wohnungsmangel war, wurde die Wohnung, welche Frau Feldwart
innegehabt hatte, noch im Laufe des Monats weiter vermietet. Es
kamen für Martha die schweren Tage des Ausräumens, und Suschen half
ihr mit Arbeit und Teilnahme, so viel sie immer konnte. Die Kommode
der Urgroßmutter, der Nähtisch, Ajax und das Vögelchen wanderten
mit zu Werners, um es der Verwaisten dort heimisch zu machen; alle
Familienglieder trugen ihr Mitgefühl und Liebe entgegen und suchten
ihr dieselbe auf alle mögliche Weise zu zeigen. Dennoch vergingen
Wochen, bevor sie sich in den neuen Verhältnissen zurecht fand. Die
Stunden kamen nicht selten, wo der Anblick des reichen Familienkreises
ihr die eigene Verlassenheit noch deutlicher und schwerer zum
Bewußtsein brachte und die Sehnsucht nach ihren Lieben so mächtig
erregte, daß sie kaum darüber Herr werden konnte. Die neue, ernste
Thätigkeit, in welche sie sofort eingetreten war, half ihr wohl dabei,
kostete ihr aber, so gern sie von Jugend auf gelernt hatte, doch oft
Überwindung. Ihr Wissen war auf vielen Gebieten reicher, als es für das
bevorstehende Examen verlangt wurde, und Doktor W. hatte seine große
Freude daran, aber in manchen Dingen war es mangelhaft. Sie hatte,
besonders seitdem sie der Schule entwachsen war, volle Freiheit gehabt,
zu lernen und zu treiben, was sie innerlich zumeist anzog; jetzt mußte
es nun systematisch vorwärts gehen, gleichmäßig in allen Fächern, in
ganz bestimmten, ziemlich engen Schranken; das kostete ihrer lebendigen
Natur manchen Kampf und manchen Seufzer.
„Wenn ich später Kinder zu erziehen habe, lasse ich ihnen gewiß mehr
Freiheit!“ dachte sie. Dennoch konnte sie nicht umhin, anzuerkennen,
daß solche ins System gebrachte, fest geregelte Thätigkeit auf den
inwendigen Menschen beruhigend wirkt. Auch das Arbeiten in Gemeinschaft
mußte sie erst lernen; da sie das einzige Kind war, hatte sie für
solche Beschäftigungen ihr Zimmer und vollständige Stille um sich her
gehabt. Dies ging bei Werners nicht an, wenigstens jetzt nicht. Der
April und der Anfang des Mai brachten rauhe, kalte Luft; man mußte
heizen. Im großen Speisezimmer arbeitete der Sekundaner mit Luise
und den Zwillingen; der Martha ward an derselben langen Tafel ihr
Platz angewiesen. Da zuckte sie manchmal zusammen, wenn sie im Denken
und Lernen durch ein unerwartetes Tischbeben oder eine sehr unnütze
Bemerkung unterbrochen wurde. Seitdem aber Wilhelm lachend gefragt:
„Sind Sie nervös, Martha?“ nahm sie sich sehr zusammen; als nervös
mochte sie durchaus nicht gelten; sie fand auch in der That, daß die
Gewohnheit sie nach und nach gegen solche Eindrücke weniger empfindlich
machte.
„Du arme Martha!“ sagte Frau Werner mitleidig, „im Sommer wird es
besser, da kannst du auf deinem Stübchen allein sein.“
„Ach, ich glaube, bis dahin bin ich ganz daran gewöhnt“, sagte Martha
freundlich.
„Dann ist es desto besser“, erwiderte die Mama sehr zufrieden; „wir
Frauen erlangen ungestörte Muße für unsere Arbeiten nur in den
seltensten Fällen, in den glücklichsten Verhältnissen am wenigsten;
da ist es ein großes Glück, wenn man lernt, in der äußeren Unruhe die
innere Ruhe festzuhalten; stilles Ertragen kleiner Störungen kräftigt
mehr als man denkt, und trägt viel dazu bei, den Lebensweg zu ebnen.“
Auch das Verhältnis zu den verschiedenen Familiengliedern brachte
manche Schwierigkeit. Jede neue Lebenslage bietet solche dar; schwache
und selbstsüchtige Naturen steigern sie für sich und andere oft bis zur
Unerträglichkeit; kräftige und treue überwinden sie mit Gottes Hilfe
und finden darin die beste Schule und den größten Reichtum fürs Leben.
Der Sekundaner hatte eben angefangen, ein wenig über die Zeit
hinauszukommen, wo es heißt: „Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe.“
In solcher Zeit pflegen zwischen großen Brüdern und erwachsenen
Schwestern intime Freundschaften zu entstehen. Er war gewohnt gewesen,
all’ seine Erlebnisse Suschen mitzuteilen, wie sie seine Heimkehr
aus der Schule kaum erwarten konnte, um all’ die Dinge mit ihm zu
besprechen, die für ein achtzehnjähriges Herz Bedeutung und Wichtigkeit
haben. Nun kam Martha und nahm Suschens Neigung und in jeder freien
Stunde auch Suschens Zeit so in Beschlag, wie er es nicht für möglich
gehalten hatte. Der junge, sehr hübsche Gast war ihm keineswegs
gleichgültig; er versuchte sehr ernstlich, auf Spaziergängen oder
abends im Garten der dritte im Bunde zu sein; da man ihn aber nicht
gerade huldvoll aufnahm, ward er verstimmt und kam in Versuchung, zu
den eben überwundenen Gewohnheiten der Flegeljahre zurückzukehren. Er
entwickelte eine merkwürdige Geschicklichkeit darin, auf den Zehen
näherzuschleichen, Bruchstücke aus der Unterhaltung der Mädchen zu
erlauschen und dieselben in der verdrehtesten Gestalt wieder zutage
zu bringen, gerade, wenn es die beiden Freundinnen am meisten in
Verlegenheit brachte. Er band auch wohl heimlich Suschens langen Zopf
an Marthas Taillenband fest, wodurch sehr unangenehme, ja manchmal auch
schmerzhafte Verwickelungen entstanden, und die ärgerlichen Ermahnungen
der Frau Direktorin halfen immer nur auf kurze Zeit. Eine treue
Bundesgenossin hatte er, nicht in seinen Ungezogenheiten, aber in der
Eifersucht auf Marthas Freundschaft mit Suschen, an seiner Schwester
Luise, die es gar nicht begreifen konnte, warum sie in letzter Zeit so
ganz in den Hintergrund gedrängt wurde, und die beiden redeten sich
recht geflissentlich gegenseitig in den Ärger hinein.
Frau Werner sprach anfangs nur zum Frieden: „Bedenkt doch, wie die
arme Martha noch so fremd hier ist; sie hat jetzt eine Freundin nötig;
wenn sie ihre Traurigkeit erst etwas überwunden hat, wird das ganz von
selbst besser.“
Der Direktor sah die Sache mit heimlicher Belustigung; die kleinen
Konflikte machten ihm Spaß, weil er eine glückliche Lösung voraussah;
aber er konnte es nicht lassen, zuweilen etwas ironisch zu werden.
Auf Spaziergängen, wenn alle sich an einer schönen Baumgruppe oder
freundlichen Aussicht erfreuten, störte er das eifrige Zwiegespräch
der Mädchen: „Nun, ihr Geistesabwesenden, thut nur auch einmal euere
Augen auf, damit ihr etwas von Gottes Schöpfung gewahr werdet!“ Oder
er läutete hinter ihren vereinigten Köpfen mit der großen Tischglocke:
„Versunkenheit, Versunkenheit weiche! Das Abendbrot soll in den Garten
gebracht werden.“
Gerade, weil Martha fühlte, daß die freundliche Rüge von ihr verdient
war, traf sie dieselbe oft recht empfindlich; sie war als einziges Kind
an große Schonung gewöhnt.
Die Sache erreichte ihren Höhepunkt, als eine Cousine von Suschen,
Josephine, in schöner Abkürzung nur „Phine“ genannt, auf Besuch kam.
Sie war eine sehr wenig anmutige Erscheinung, eckig im Benehmen,
wortkarg, wenig angeregt zu geistigen Interessen, mit einem Worte:
den beiden Unzertrennlichen sehr unsympathisch. Dies ließen sie auf
eine sehr unliebenswürdige Weise dem Gaste merken; sie wußten mit
wunderbarer Geschicklichkeit denselben von ihren Zwiegesprächen
auszuschließen, und Phine ging auf gemeinsamen Wanderungen, wenn
nicht etwa der Direktor oder die Hausmutter sich ihrer annahm, mit
gefurchter Stirne ihren Weg allein. Die Eltern beide sahen dies mit
wirklichem Schmerz; des Direktors humoristische Bemerkungen wurden
bitter und beißend; seine Frau nahm eines Morgens, als Phine noch
schlief, die beiden Freundinnen beiseite, und sagte ihnen ganz
gründlich die Wahrheit: „Alles, was recht ist, lobt Gott! ihr Kinder.
Ich habe euerer Freundschaft viele Rechte eingeräumt, aber wenn ihr
mir die Gastfreundschaft verletzt, bin ich sehr böse. Ja, ja! seht
mich nur erstaunt an; jede Freundschaft, jedes Verhältnis, welches
so ausschließlich wird, daß man gar nicht mehr daran denkt, was man
seinem Nächsten schuldig ist, wird Leidenschaft und Egoismus, und das
muß bekämpft werden. Ich bitte mir von heute an aus, daß ihr euch
ordentlich betragt, sonst trenne ich euch und schicke Suschen wieder
auf Reisen!“
Martha empfand es sehr tief, daß sie hier Ursache zur Unzufriedenheit
gegeben hatte; Suschen gab sich noch nicht gleich: „Aber Mama! was
sollen wir denn mit ihr anfangen?“
„Das wird sich schon finden, wenn ihr ernstlich wollt; wie es in den
Wald schallt, so schallt es wieder heraus; ich glaube, ihr habt noch
nicht einmal ernstlich mit dem Hammer der Liebe bei ihr angeklopft; wer
weiß, welche Goldstufen ihr findet, wenn ihr es thut!“