Aber Trude hatte nicht nur Gespenster gesehen! Marthas frisches,

lebendiges Wesen hatte um so mehr Eindruck auf Pastor Frank gemacht,

als seine Gedanken, seitdem er in Weißfeld lebte, so vielfach auf die

Urgroßmutter hingelenkt worden waren, und er nun in Marthas warmem

Interesse, in ihrer Gewandtheit, ihrem Verkehr mit den Dorfbewohnern,

in der Energie, mit der sie sich in schwierigen Verhältnissen

zurechtfand, gleichsam das Bild verkörpert vor sich zu sehen meinte,

das seine Phantasie sich von der längst entschlafenen Wohlthäterin

geschaffen. Schon in der nächsten Woche machte er, angeblich, um sich

nach dem Befinden der Mutter zu erkundigen, den Damen einen Besuch.

Martha begegnete ihm ruhig und ernst und verschwand in der Küche,

so lange dies möglich war; aber da er offenbar nicht fortging, um

ihre Rückkehr zu erwarten, blieb ihr schließlich doch nichts übrig,

als wieder ins Zimmer zu gehen. Sie spielte vor seinen Augen mit

Urgroßmutters Trauring; er schien es nicht zu bemerken und Frau

Feldwart ebenso wenig.

So oft in den schönen Sommertagen der Amtsrat die Mitglieder der

englischen Stunde nach Weißfeld holen ließ, war Pastor Frank gewiß am

Abend da, hatte auch stets einen besonderen Grund, sich mit Martha

angelegentlich zu unterhalten. Auch Suschen redete er gern an; aber

es war sehr deutlich zu bemerken, daß er sie immer noch halb als sein

Schulkind betrachtete.

Martha merkte ganz gut, daß diese darüber verstimmt war, und fürchtete,

es könne sich dadurch eine Scheidewand zwischen ihr und der Freundin

aufbauen, zumal da dieser zarte Punkt von ihnen nicht besprochen werden

konnte. Manchmal glaubte sie entschieden, sich geirrt zu haben, da sie

noch niemals ein ungleiches oder aufgeregtes Wesen an Pastor Frank

bemerkt hatte; aber viele zarte Aufmerksamkeiten, welche er ihr und der

Mutter erwies, machten sie doch wieder ängstlich und besorgt. Es war

schlimm, daß Trude damals voreilig gesprochen hatte; sie hätte sonst

sicherlich unbesorgt und unbefangen alles hingenommen.

Suschen war eine Zeit lang sichtlich bedrückt; aber von Jugend

auf gewöhnt, sich in den gegebenen Schranken zu halten, und so in

unausgesetzter Thätigkeit lebend, daß ihr keine Zeit zum Träumen

blieb, suchte sie die ungewohnte Fessel ihrer Seele abzuschütteln,

indem sie sich immer neue Gegenstände der Liebe und Fürsorge für ihr

teilnehmendes Herz und ihre fleißigen Hände suchte.

In dem kleinen H. war, seit Pastor Wohlgemuth da wirkte, ein warmes

christliches Leben erwacht; allerlei Werke der inneren Mission waren

in Angriff genommen worden, und Suschens Herz schlug bald für diese

Thätigkeit, als sie aus der Fremde in die Heimat zurückgekehrt war.

Da ihre Mutter sich einer großen Arbeitskraft und guten Gesundheit

erfreute, erlaubte sie der Tochter gern, bei der Kinderschule zu

helfen und Arme und Kranke unter dem Rat und der Leitung ihres lieben,

verehrten Seelsorgers zu besuchen. Es kam Suschen zuweilen vor, als sei

sie dazu besser imstande, seitdem sie selbst eine kaum verstandene Last

auf der Seele trug; sie war ernster, weicher und mitleidiger geworden.

Eines Sonntags nach der Nachmittagskirche forderte Pastor Wohlgemuth

die jungen Mädchen auf, noch etwas zu bleiben, und teilte ihnen

dann mit, daß er den Plan habe, eine Sonntagsschule einzurichten;

seine jungen Freundinnen sollten ihm dabei helfen, sie sollten die

Lehrerinnen der kleinen Mädchen werden, und er versprach, sie in jeder

Woche zu unterrichten und vorzubereiten auf solche Arbeit. Dieser Plan

zündete ganz gleich bei Suschen und bei Martha; es war ja Marthas

besondere Gabe, das Unterrichten! Und wie schön würden die Stunden sein

beim lieben Pastor Wohlgemuth!

Beide Mädchen versprachen schnell und unbedenklich ihre Teilnahme und

waren auf dem Heimwege voller Vorfreude und Begeisterung für die Sache.

Suschen wußte, daß ihr die Eltern ihre Zustimmung gern geben würden;

Martha zweifelte nicht daran, daß ihre Mutter damit zufrieden sei. Aber

darin hatte sie sich geirrt.

Frau Feldwart war seit den heißen Julitagen überhaupt wieder sehr

aufgeregt, schlief schlecht, verlor den Appetit, wurde bei dem

kleinsten Ausgange leicht atemlos, und obwohl sie eigentlich über

keinen Schmerz klagte, war doch ihre Stimmung gedrückter und reizbarer

als sonst. Martha trug ihr die schönen Pläne am anderen Morgen mit

jugendlicher Begeisterung vor; sie seufzte tief auf.

„Ach, Kind, noch was! Ich meine, du hast übergenug für deine Kräfte!“

„Aber Mutterchen, ich bin ja ganz frisch und gesund, und die Stunden

bei Pastor Wohlgemuth werden mich so erquicken!“

„Ach, Martha, und dann sitze ich des Sonntags allein, gerade nach der

Vormittagskirche, wo doch gekocht werden muß!“

„Ei, Mama, dann wärmen wir!“

„Und dann willst du jede Woche noch eine Stunde fort zu Pastor

Wohlgemuth, und du weißt nicht, wie mir die Stunden lang werden, die du

ohnehin geben mußt! Nein, Kind, wenn du auch nur noch etwas auf deine

Mutter hältst, dann gehst du nicht hin.“

„Aber Mama, ich habe es dem Herrn Pastor schon versprochen; was soll er

denken, wenn ich es jetzt absage?“

„Nun, so vernünftig ist er, daß er weiß, daß ein Kind seiner Mutter

gehorchen muß!“

Ja, das glaubte freilich Martha auch, aber sie sagte es nicht. Sie

eilte vorläufig noch nicht zu ihm, um abzusagen, sondern ging den

ganzen Tag wie eine graue Wolke im Hause umher, war stumm und einsilbig

und verbesserte dadurch die Stimmung der Mutter durchaus nicht.

Zu allem Unglück erschien am Nachmittag auch noch Pastor Frank, brachte

einen reizenden Strauß aus Rosen, Nelken, Astern und Pelargonien, und

überreichte denselben diesmal nicht, wie er es sonst gethan hatte, der

Mutter, sondern der Tochter.

Frau Feldwart lächelte ganz wohlgefällig dazu. Martha war innerlich

ärgerlich. Konnte sie ihm denn gar nicht begreiflich machen, daß sie

kein Gegenstand für so zarte Aufmerksamkeiten sei?

Während Pastor Frank die Mutter begrüßte, rang sie ratlos die Hände,

und da die Unruhe der Seele auf die Bewegungen einzuwirken pflegt,

und wohl auch die Urgroßmutter stärker war als die Enkelin, flog der

bewußte Ring ihr vom Finger und rollte durchs Zimmer, sehr in Gefahr,

in einer der tiefen Ritzen zwischen den alten Dielen zu verschwinden.

Ihr angstvoller Ruf: „Mein Ring, mein lieber Ring!“ veranlaßte den

Gast, das Kleinod zu erhaschen. Als er es ihr zurückgab, sah er sie

ernst und fragend an und sein Gesicht war bleich geworden.

Martha war jetzt nicht mehr in Zweifel über seine Gefühle und nahm sich

vor, ihm womöglich bald noch einen deutlicheren Wink zu geben. Als

sie ihn bis zur Korridorthür begleitete, stand er still, ohne sich zu

verabschieden.

„Fräulein Martha, der Ring war Ihnen sehr lieb, nicht wahr? Es ist sehr

unbescheiden, daß ich danach frage, aber wenn Sie wüßten --“

Martha ließ ihn nicht ausreden: „Ich will Ihnen gern sagen, was

der Ring für mich bedeutet. Es ist zwar nur der Trauring meiner

Urgroßmutter, und als solcher mir schon sehr lieb; aber ich trage ihn

zum Zeichen, daß ich seit beinahe einem Jahre verlobt bin; und wenn

über unserem Geschick auch jetzt noch dunkle Wolken stehen: Gott kann

sie hinwegnehmen, und mein Herz ist fest, ganz fest gebunden fürs

Leben.“

Sie hatte es mit zitternder Stimme gesagt, aber ihn ernst und fest

dabei angesehen. Er verneigte sich.

„Ich danke für Ihre Offenheit, Fräulein Martha! Gott behüte Sie!“

Sehr erleichtert und doch wehmütig kehrte sie ins Wohnzimmer zurück.

„Nun sag ’mal, Martha, was das für ein Ring ist, um den du so viel

Umstände machst“, rief ihr die Mutter entgegen; „Pastor Frank konnte

doch wirklich denken, daß es ein Verlobungsring sei.“

„Das ist er ja auch, Mütterchen, wenn auch nur der von der

Urgroßmutter; da mir aber Siegfried keinen geben konnte, trage ich ihn

jetzt als Verlobungsring.“

„Siegfried?“ rief die Mutter wie enttäuscht; „Du denkst noch an

Siegfried?“

„Aber liebe Mama! natürlich denke ich an Siegfried; er ist des Morgens

mein erster und am Abend mein letzter Gedanke!“

Die Mutter sah sie eine Weile sehr erschrocken an: „Also darum warst du

so abweisend gegen den Pastor Frank?“

„Ich weiß nicht, ob ich abweisend war, Mama, aber es schien mir fast

Schuldigkeit zu sein, ihn nicht im unklaren darüber zu lassen, daß mein

Herz und meine Hand nicht mehr zu haben sind. Es ist ja sehr möglich,

daß er ohnehin niemals danach verlangt hätte.“

„Martha, Martha!“ rief die Mutter schmerzvoll, „wie kannst du so

festhalten an einem Traumbilde, das sich niemals, niemals verwirklichen

wird. Du weißt, daß dein Vater Siegfried abgewiesen hat; er selbst hat

dir geschrieben, er fordere kein Versprechen und gäbe dir keins; wer

weiß, wo er jetzt ist und ob er überhaupt noch an dich denkt. Ach, wie

war ich so glücklich in der letzten Zeit; wie hoffte ich, all’ unsere

Not und Sorge sei am Ende, und ich könnte mein Kind wohlbeschützt

zurücklassen, wenn Gott mich abriefe! Es ist doch eine Fügung Gottes,

daß er dir gerade in Weißfeld begegnen mußte; du konntest da sein und

da wirken, wo deine Urgroßmutter geschaltet und gewaltet hat. Martha,

laß diesen kindischen Gedanken fahren; ihr waret ja beide noch viel zu

jung.“

„Ja, Mama, wir sind beide noch jung, aber alt genug, um zu wissen,

was wir aneinander haben, und uns in Treue festzuhalten auch übers

Meer hinweg. Sieh, ich bin in diesem einen Jahre um vier Jahre älter

geworden, aber wenn ich es schon vor der Trennung wußte: jetzt weiß

ich es noch viel gewisser, daß ich keinen so lieben kann wie meinen

Siegfried!“

„Ach, Martha, das ist Jugendüberschwenglichkeit; denke doch an deine

arme Mutter! Was soll werden, wenn ich noch elender werde, und du deine

Stunden aufgeben mußt, um mich zu pflegen? Ich weiß es: Frank nähme

mich gern unter sein Dach; ich würde es gut bei ihm haben. Wenn du ihn

auch nicht so feurig lieb hast, du achtest ihn doch und wirst ihn mit

jedem Tage lieber gewinnen. Es giebt ja so viele Ehen, wo die Leute

sich ruhig gegenüberstehen und dennoch glücklich und zufrieden sind!“

Martha hatte bleich und lautlos zugehört, aber in ihrem Innern brauste

ein gewaltiger Sturm; ihr ganzes Herz, all ihr Wille bäumte sich auf,

als so an ihre innersten Gefühle gerührt wurde. Sie bedachte nicht,

daß die Mutter krank, schwach und unglücklich war, und es brach nun

auch wie ein wettergeschwollener Waldbach die Rede von ihren Lippen --

leidenschaftlich, rücksichtslos, verletzend: „Alles habe ich stille

getragen, gearbeitet, geduldet, meinen Schmerz überwunden, so viel ich

konnte, und dafür willst du mir nun mein einziges Kleinod nehmen? Ich

soll dem einen untreu werden und den andern betrügen, wenn ich ihm

meine Hand ohne mein Herz gebe! O, Mutter! Mutter! wie kannst du so

grausam und ungerecht sein!“

Frau Feldwart war ganz entsetzt -- Martha war noch nie so heftig und

unkindlich gewesen --; sie rang die Hände und brach in Thränen aus.

Martha, obwohl innerlich gewiß, daß sie diesen Wunsch der Mutter

nicht erfüllen dürfe, war doch tief erschrocken darüber, daß sie sich

so weit hatte fortreißen lassen, und weinte ebenfalls; es war ein

recht unglücklicher Nachmittag. Sie hätte sich so gern ausgeklagt und

ausgeweint; aber ihr liebes Suschen durfte ja von diesem Leid nichts

erfahren. Wenn sie sich hätte überwinden können, der Mutter ihre

Heftigkeit abzubitten, wäre beiden geholfen gewesen; aber dazu kamen

ihr die Regungen ihrer eigenen Seele jetzt noch zu hoch und erhaben,

die Wünsche der Mutter viel zu unnatürlich und grausam vor. Dennoch

hatte sie das Verlangen, die Mutter wieder zufriedener zu wissen, ihr

irgendetwas zuliebe zu thun, und als die Sonne schon am Sinken war,

sagte sie kleinlaut: „Mama, ich möchte dem Pastor Wohlgemuth noch

sagen, daß ich nicht mit unterrichten soll.“

Frau Feldwart nickte stumm, und Martha ging. Es war sonderbar: sie

hatte nicht nur Pastor Wohlgemuth, sondern auch seine freundliche Frau

herzlich lieb, und war sonst immer wie auf Flügeln hingeeilt; heute

schien es ihr, als könne sie dem Ehepaar nicht so frei entgegentreten

wie früher. Schüchtern fragte sie das Mädchen nach ihrem alten

Freunde; er war im Garten, seine Frau zu ihrer Schwiegertochter

gegangen. Martha kannte den freundlichen Hausgarten und suchte dort

den Pfarrherrn auf. Im Mittelwege wandelte er langsam auf und nieder;

ein bequemer Hausrock umschloß seine hohe, schlanke Gestalt; das

würdige Haupt mit den feinen Zügen und dem spärlichen Silberhaar deckte

ein Sammetmützchen; die leichten, vom Abendlicht goldig gefärbten

Dampfwölkchen aus seiner langen Pfeife umschwebten es. Er schien in

freundliche Gedanken versunken zu sein, wenn er sich bald rechts, bald

links zu seinen Blumen niederbeugte, hier ein Pflänzchen aufrichtend

und befestigend, dort den Duft einer Blüte mit Wohlgefallen einatmend.

Jetzt wandte er sich und erblickte Martha.

„Ei, willkommen! Das ist ja herrlich; je später der Abend, je schöner

die Gäste!“ rief er heiter. „Nun kommen Sie ’mal gleich hierher; die

feurige Bandnelke ist gerade so schön angeleuchtet, und sehen Sie nur

diese weiß und braune an, die hat mir mein Nachbar dort drüben im

Frühling geschenkt.“

Martha beugte sich zu den Blumen; sie war aber zum Sprechen und

Bewundern nicht aufgelegt, und da das bei ihrer lebendigen Teilnahme

für die kleinen Liebhabereien des Pastors ganz ungewöhnlich war, wurde

dieser schnell aufmerksam.

„Aber verzeihen Sie, liebe Martha, Sie sehen traurig aus; ich fragte

noch gar nicht, ob ich Ihnen irgendwie dienen oder beistehen kann!

Kommen Sie hier in die Laube, da sitzt es sich sehr friedlich, und

sagen Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben!“

„Ach, Herr Pastor, ich hatte mich so sehr gefreut, bei den

Kindergottesdiensten zu helfen, und nun will es mir die Mutter nicht

erlauben.“

Martha hatte das Herz sehr voll Weh; sie brach in Thränen aus.

„Nun, nun, liebes Kind, das ist denn doch noch keine Veranlassung zu so

bitteren Thränen. Ich kenne die Gründe der Mutter nicht, aber da heißt

es: ‚Gehorsam ist besser denn Opfer.‘“

Martha erzählte, warum es der Mutter so schwer erschien; aber sie

sprach anders, mit weit weniger Respekt und Schonung und viel erregter

als sonst; und der erfahrene Seelsorger merkte bald, daß noch andere

Beunruhigungen im Grunde ihrer Seele lagen.

„Mein liebes Kind“, sagte er, „es kann nicht dies allein sein, was Sie

so aufregt. Können Sie mir sagen, was Ihnen sonst noch Not macht, daß

ich versuchen kann, Ihnen zu helfen?“

Ach, Martha sehnte sich, sich auszusprechen und innerlich womöglich

wieder klar und fest zu werden; hier, wußte sie, war alles wohl

aufgehoben, und so erzählte sie: ihre Verlobung, Siegfrieds Abschied,

die kleinen Aufmerksamkeiten des Pastor Frank und die schlimmen Worte

der Mutter; ach, als sie derselben erwähnte, wurde sie wieder ebenso

bitter und heftig wie am Nachmittage. Pastor Wohlgemuth saß stille

neben ihr, schickte manchmal einen Ring aus seiner Pfeife in die klare

Luft, und ließ sie völlig sich aussprechen und ausklagen. Dann setzte

er die Pfeife fort, ging einige Male im Garten auf und nieder und

stellte sich endlich Martha gegenüber.

„Mein liebes Kind“, sagte er, „bevor wir die Außendinge betrachten,

müssen wir wohl erst inwendig Ordnung machen. Wenn Sie sich zum

Kindergottesdienst bei mir gemeldet hätten, würde ich zuerst die zehn

Gebote mit Ihnen durchgenommen haben, und wir wären dann sehr bald an

das Gebot gekommen, das Verheißung hat; Sie wissen doch, liebe Martha,

welches ich meine? Fragen Sie sich einmal selbst, ob Sie dieses Gebot

heute gehalten haben.“

„Herr Pastor, Sie können nicht wollen, daß ich Siegfried untreu werden

soll!“

„Das steht auf einem ganz anderen Blatte; darüber steht meine Ansicht

noch gar nicht fest. Aber das werden Sie sich selbst wohl gestehen, daß

Sie heute recht unkindliche Gedanken und Gefühle genährt und gehegt

haben; dafür müssen Sie zuerst den lieben Gott und dann Ihre Mutter um

Verzeihung bitten, eher kommt der Friede nicht wieder hinein in ihre

Seele.“

Martha sah ihn traurig an: „Wenn ich thun wollte, was die Mutter will,

und meinem Verlobten entsagen, würde ich dies aber als ein so schweres

Unrecht empfinden, daß von Frieden gar keine Rede sein könnte.“

„Das ist möglich!“ sagte Pastor Wohlgemuth. „Aber denken Sie jetzt

einmal nicht so viel an das, was Sie empfinden oder empfinden würden,

sondern machen Sie sich einmal klar, was Ihre liebe Mutter dabei

gedacht und empfunden hat, die Mutter, der Sie Ehrerbietung und Liebe

schuldig sind, selbst wenn es Ihnen nicht möglich sein sollte, den

Weg einzuschlagen, den sie wünscht. Als ich neulich allein bei ihr

war, klagte sie mir, sie fühle, wie ihre Gesundheit durch alle die

Schicksalsschläge gelitten habe, und daß beim Gedanken an ihren Tod

die schwere Sorge ihr Herz bedrücke, wie sich Ihre Zukunft gestalten

werde, wenn dann die Leibrente wegfiele und Sie genötigt sein würden,

unter Fremden Ihr Brot zu suchen, ohne die genügende Vorbereitung dazu

erhalten zu haben. Das Verhältnis, in welchem Sie zum jungen Kraus

gestanden haben, sieht Ihre Mutter, wie es scheint, nicht mehr als

bindend an, und wenn man die Sache äußerlich ansieht, hat sie ja darin

recht. Nun sieht sie einen jungen, tüchtigen Mann kommen, der sich mit

aufrichtigem Herzen um Sie bewirbt, der Ihnen ein bescheidenes aber

sicheres Los bietet, und durch dessen Treue und Pietät sie selbst einen

friedlichen Lebensabend zu erlangen hofft. Ich selbst gestehe, daß ich

ähnliche Wünsche und Vermutungen schon gehegt habe und vielleicht Ihrer

Mutter gegenüber unvorsichtig in meinen Äußerungen gewesen bin. Sind,

so betrachtet, die Wünsche der Mutter nicht zu entschuldigen, sind sie

nicht sogar gut und verständig? Meine liebe Martha, wenn man innerlich

so aufgebracht und entrüstet ist, thut man immer wohl, sich im Geiste

auf den Standpunkt des Gegners zu stellen und von dort aus die Sache

einmal anzusehen; man wird dann jedenfalls die Andersdenkenden

begreifen, selbst wenn man nicht für ihre Ansicht gewonnen wird.“

Martha seufzte: „Wenn Gott die Erfüllung des vierten Gebotes verlangt,

warum läßt er dann so schwere Konflikte kommen?“

„Liebes Kind, mit dem ‚Warum‘ kommen wir unserem Herrgott gegenüber

nicht weit; da heißt es immer: ‚hernachmals -- hernachmals wirst

du es erfahren.‘ Gerade diesem Gebote gegenüber giebt es viele und

schwere Versuchungen. Die Kinder wachsen heran, gestalten sich zu

selbständigen Persönlichkeiten, die dem Herrn im Himmel und der Welt

gegenüber ihre eigene Verantwortlichkeit tragen müssen. Da ist denn oft

der Gehorsam eine recht schwere Sache; er ist aber auch eine schöne,

liebe Martha! die den Lohn in sich trägt. Die Jugend stürmt oft in

dunklem Thatendrange vorwärts; das Alter steht dem entgegen mit seinen

vielfachen Erfahrungen und seiner Ruhebedürftigkeit; Gott hat sie beide

nebeneinander gestellt, damit eines das andere ausgleiche. Wenn die

Jugend aufmerkt und annimmt, und das Alter in Milde und Gottesfurcht

etwas nachgiebt, kommt die rechte harmonische Mitte heraus. Weil unser

Herrgott weiß, daß dies schwer ist, hat er dem Gebot die Verheißung

zugegeben, und er hält sie, er hält sie, Martha! das bestätigt die

Erfahrung allezeit.“

Ein leidendes, erregtes Herz bezieht alles auf seinen besonderen Fall:

„Aber Herr Pastor, ich kann keinen anderen als Siegfried nehmen!“

„Das ist möglich, liebe Martha! darüber kann in der That kein anderer

als Sie selbst entscheiden. Wenn Sie aber Ihrem Verlobten die Treue

halten wollen, müssen Sie sich zuvor ganz klar machen, welche Opfer

diese Treue von Ihnen fordern kann. Gott kann Ihnen die Mutter nehmen,

da müssen Sie vielleicht unter Fremden ein kümmerliches Brot suchen;

ganz andere, viel schwerere Konflikte können über Sie kommen, als dies

jetzt der Fall ist. Sie müssen es sich gefallen lassen, sehr niedrig

und klein zu sein, und das wird gerade Ihrer Natur schwer werden.

Sie müssen sich auch darauf gefaßt machen, nichts wieder von Ihrem

Verlobten zu hören, ja, Sie können eines Tages die Nachricht bekommen,

daß er glücklich verheiratet ist, und dürfen dann nicht sagen: ‚O,

hätte ich anders gehandelt, so wäre ich nun statt eines verlassenen

Mädchens eine glückliche Frau!‘“

„Ich habe mir das alles schon gesagt, Herr Pastor! das heißt, nicht

alles, denn daß er mit einer anderen vermählt ist, werde ich nie hören,

und ich bin darin ganz ruhig und fest, daß ich ihm treu bleibe, so

lange ich atme!“

„Nun, so sei Gott mit Ihnen!“ sagte Pastor Wohlgemuth. „Aber nur

vergessen Sie nicht, daß jetzt Ehrerbietung, Liebe, zarte Schonung

gegen Ihre Mutter zur doppelten Pflicht wird. Bitten Sie gleich,

sowie Sie nachhause kommen, der Mutter Ihre Heftigkeit ab; wenn Sie

genötigt werden, für Ihre Überzeugung einzutreten, so thun Sie das mit

kindlichen, sanften, bittenden Worten, und bitten Sie den lieben Gott

dazu um seinen Segen; der weiß für aufrichtige Herzen alle Konflikte

zum rechten Ende zu bringen. Mein armer, junger Amtsbruder! Ich hatte

es besser mit ihm im Sinn!“

„Herr Pastor“, sagte Martha und sah ihn mit einem Blicke an, der

in seiner fröhlichen Schalkhaftigkeit an frühere glückliche Zeiten

erinnerte, „glauben Sie mir, er ist nur in meine Urgroßmutter verliebt!

Nun gute Nacht und besten Dank! Sie sind mir doch der Stunden wegen

nicht böse?“

„Wie könnte ich? Hier hat auch wohl Ihre liebe Mutter recht: Sie sind

reichlich in Anspruch genommen mit Ihrer Zeit und Kraft! Gott hat

nicht jedem alles befohlen, und Ihnen befiehlt er durch den Mund Ihrer

Mutter, diesem Werke zu entsagen, -- also bescheiden wir uns!“

* * * * *

Es dämmerte, als Martha ging; sie fand die Mutter am Fenster sitzend

und ihrer wartend.

Martha konnte jetzt mit demütigem Herzen der Mutter nahen.

„Ach, liebe Mutter, ich bitte dich, verzeihe! Ich war sehr heftig und

unartig; aber diese Sache ist mir ja so schwer!“

Die Mutter strich über ihr Haar.

„Meine arme Martha, so wirst du tragen müssen, was danach kommt!“

Der Friede war hergestellt, und er wurde am besten dadurch erhalten,

daß Pastor Frank sich vorläufig im Städtchen nicht sehen ließ.

8.

Schwerer Abschied.

Ein Wort des treuen Pastors war tief in Marthas Herz gedrungen: die

Mutter sorgte, was aus ihrem Kinde werden sollte, wenn sie stürbe.

Martha hatte an diese Möglichkeit noch niemals gedacht; jetzt fielen

ihr zum erstenmale die eingefallenen Wangen, die blauen Ringe unter

den Augen der Mutter auf; jetzt erregte es ihre Besorgnis, wenn diese

beim Ersteigen der Treppe nach Atem rang. Ach nein, das durfte,

das konnte Gott nicht thun! Es ist diese Zuversicht, mit der fast

jedes ungeschulte Herz einem schweren, drohenden Schicksalsschlag

entgegentritt, mit der es immer wieder seine Hoffnung stärkt und

stählt, bis endlich die Überzeugung Raum gewinnen muß: dein Hoffen

ist vergeblich, du sollst nach Gottes Willen diesen schweren Weg

gehen! Dann giebt es noch einen harten, sehr harten Kampf mit dem

eigenen Willen, bis sich das Herz zur Ergebung und Stille durchringt,

und erst, wenn dieses geschehen ist, kommt die Zeit, wo man auch an

Sterbebetten schöne, ja glückliche Stunden verleben kann, wo die Pflege

zu einem sehr süßen Geschäft wird, wo man, ohne den geliebten Kranken

mit falschen Hoffnungen zu täuschen, ihn doch recht wohl erheitern

und erfrischen kann, um ihn zuletzt gleichsam hinüberzubegleiten in

die Wohnungen des ewigen Friedens. Dieser schwere, schöne Weg lag vor

Martha.

Der Herbst brachte manchen Wechsel im Befinden; ein frischer, klarer

Tag belebte die Hoffnungen von Mutter und Tochter, daß das Unwohlsein

wohl vorübergehen könne; aber als die Tage kurz wurden und die

Herbststürme ums Haus brausten, da sanken sichtlich die Kräfte, die

Beängstigungen nahmen zu und kamen häufiger. Der Arzt schüttelte den

Kopf: „Es ist ein Herzleiden, das sich schon sehr weit ausgebildet hat.“

Bis in den Advent hinein hatte Martha ihre Stunden und

Konversationsnachmittage festhalten können; dann aber fand sie die

Mutter nach jeder Abwesenheit so unglücklich und aufgeregt, daß sie

sich überzeugen mußte: so geht es nicht mehr weiter. Suschen hatte

versucht, ihre Stelle zu vertreten und war gern angenommen worden;

aber Frau Feldwart, beängstigt durch ihr Leiden, war reizbar und

eigensinnig, und verlangte sofort sehnsüchtig wieder nach Martha.

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 6 / 15 段