3) bedenke man all’ seine Sachen zur rechten Zeit und Stunde, und zwar,

so viel es möglich ist, immer auf einige Tage voraus; man kann sich

dann mit seinen Aufgaben viel besser einrichten. Wenn Du z. B. bei

Deinen weiten Wegen in B. ausgehest und vergissest die Hälfte von dem,

was Du nächstens gebrauchst, mitzubringen, und mußt dann noch einmal

unnützlich rennen, so sind einige Stunden weg, die weder Dir noch

anderen Vorteil bringen;

4) gewöhne man sich, das nur Erwünschte und Angenehme von dem

Nützlichen und Nötigen zu unterscheiden und beides nach seinem Werte

zu behandeln. Zum Beispiel, Du darfst Sorgfalt und guten Geschmack

auf Deinen Anzug verwenden, darfst Dir ansehen, welche Haarfrisur und

Kleidung für Dich passend ist; der liebe Gott will nicht, daß wir

uns vernachlässigen oder verunstalten sollen; seine Werke sind alle

schön und wohlgeordnet und lieget der Zauber der Anmut darüber. Aber

Du sollst nicht stundenlang vor dem Spiegel stehen, die Locken nach

rechts und links drehen, die Schleifchen hierhin und dorthin wenden,

und die edlen Stunden, die Deinem inwendigen Menschen und dem Wohle

des Nächsten zugute kommen sollen, verthun mit „Firlefanz.“ Ja, liebes

Kind, so nannte unsere Mutter all’ die Modethorheiten, die man sich

jeden Tag neu ausdenket, die viel Zeit und Geld kosten und keinen

Menschen glücklich und zufrieden machen; Du glaubst nicht, wie viel

man davon entbehren kann und wie glücklich man ist, wenn man so wenig

als immer möglich davon gebraucht;

5) darf man sehr wohl ein gutes Buch zur Unterhaltung lesen; nur daß

man sich in Deinem Alter von erwachsenen, verständigen Personen muß

raten lassen, welches ein gut und nützlich Buch sei. Aber, mein Kind,

lies vernünftig. Sich den Kopf heiß lesen, um nur schnell vorwärts zu

kommen und zu erfahren, ob der Liebste die Liebste auch kriegt, --

blättern, bald hinten, bald vorne; überschlagen, was auf den ersten

Augenblick nicht so ansprechend erscheinet; sich verlesen, wenn andere

Pflichten rufen: das ist schlimmer, als hätte man nie ein Buch in der

Hand gehabt, und macht den ganzen Charakter zucht- und haltlos. Langsam

lesen, ordentlich in sich aufnehmen, bedenken, was der Verfasser von

Dir will; zuweilen ein bißchen stille halten, wenn Dich was ins Herz

trifft, das fördert und bringet unversehens weiter.

6) Du darfst auch mit einer Freundin umgehen, ja wohl, es ist sehr

schön, wenn Du eine hast; ich gönne sie Dir von Herzen. Aber wenn

Du sie willst auf eine Stunde oder mehr besuchen, dann nimm Dein

Strickzeug oder Nähzeug mit, oder spielet, springet, leset und singet

meinetwegen zusammen; willst Du ihr aber nur auf einige Minuten etwas

bestellen, so laß dies wirklich nur Minuten sein; das Stehen und

Schwätzen beim Gehen und Kommen, so zwischen Thür und Angel, daß keiner

weiß, ob es jemals enden wird, das bringet die Töchter um ihre Zeit und

die Mütter um ihre Geduld -- das merke Dir!

* * * * *

Martha war sehr hingenommen von den Lehren der Urgroßmutter. Sie waren

natürlich nicht alle gerade für ihr eigentümliches Wesen zutreffend,

aber vieles stimmte auffallend. Sie erinnerte sich sehr deutlich, daß

Frau Direktor Werner gestern dreimal „Suschen!“ gerufen hatte, als sie

an der Hinterthür voneinander Abschied nahmen, und wie oft, ach, wie

oft! hatte sie weite Wege machen müssen, weil sie am Morgen vergaß,

der Warburgerin das Nötige aufzutragen. Das Frühaufstehen war auch ein

wunder Punkt, ein recht wunder! der sollte morgen früh zuerst geändert

werden.

Als Martha der Dienerin um sechs Uhr die Thür geöffnet hatte, legte

sie sich nicht nach ihrer Gewohnheit noch einmal nieder, sondern sie

kleidete sich ganz nach dem Rezept der Urgroßmutter leise und rasch an,

und die Wohnstube war kaum fertig, so erschien sie in derselben, setzte

sich ans Fenster und schlug ihre Bibel auf. Es war sehr feierlich

um sie her. Drüben im Grasgarten schlugen die Finken; sie hatte

die Fenster geöffnet, um die köstliche Maienluft zu atmen, und auf

ihren Flügeln strömte der Duft von Flieder und Jasmin zu ihr herein;

die blütenbedeckten Apfelbäume waren von der Morgensonne rötlich

angeleuchtet; im Grase glänzte der Tau in tausend Perlen.

„Wie schön solch ein Morgen ist!“ dachte Martha. Das Lied fiel ihr

ein, das sie stets so gern gesungen: „Morgenglanz der Ewigkeit, Licht

vom unerschöpften Lichte, Schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen

zu Gesichte etc.“ Singen durfte sie es jetzt nicht, um die Mutter nicht

zu wecken. Sie schlug ihre Bibel auf. Ach, die ganze Natur war heute

nur ein Loblied; sie mußte sich auch hier in Gottes Wort eins suchen;

sie las den 103. Psalm: „Lobe den Herrn, meine Seele! und was in mir

ist seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß

nicht, was er dir Gutes gethan hat etc.“ Dieser köstlichste aller

Lobgesänge trug ihr Herz hoch empor, und ob sie es auch in der letzten

Zeit oftmals versäumt hatte, mit ihrem Vater im Himmel zu reden, die

Stimme des Psalmisten weckte verwandte Stimmen in ihrer Seele; sie

konnte danken, sie konnte bitten, sie konnte ihr Leben und Streben im

Lichte des Wortes Gottes stille betrachten. Wie verschwindet so vieles

in diesem Lichte, was uns wichtig erschien; wie verklärt erscheint

manches, was wir für klein und unwichtig gehalten hatten; wie viel

klarer wird die Richtschnur für unser Thun und Lassen, wenn Gottes

helle Sonne darauf scheint.

Martha hatte bis jetzt ihr rastloses Arbeiten für nichts als Tugend

und ihre Mutter für sehr ungerecht gehalten, wenn sie diese Thätigkeit

hemmen und ihr Kind für sich in Anspruch nehmen wollte; jetzt auf

einmal wurde es ihr klar, daß die Erfüllung des vierten Gebotes ihre

nächste Aufgabe sei, und ihrer Mutter das Leben leicht zu machen das

höchste Ziel, das sie sich stecken mußte.

So lange wir hier auf Erden leben, werden wir immer mehr oder

weniger beunruhigt werden durch den scheinbaren Widerstreit unserer

verschiedenen Pflichten, und das Bestreben, sie in Harmonie zu bringen,

geht durch alle unsere Tage. Dies hat aber seinen Grund zumeist

darin, daß wir unsere Lieblingsneigungen und Lieblingsbeschäftigungen

selbstsüchtig festhalten und nicht unterordnen wollen; je mehr uns dies

mit Gottes Hilfe gelingt, desto stiller und geordneter fließt unser

Leben dahin.

Martha fing jetzt wirklich ernstlich an, zu kämpfen und zu ringen,

um dieses Ziel zu erreichen, und die Morgenstunden, welche ihr dazu

verhelfen sollten, waren ihr bald so lieb und unentbehrlich wie einst

der Urgroßmutter. Sie war darin nicht immer in so gehobener Stimmung;

ach nein! solche Stunden sind, so lange wir hier unten weilen, selten.

Recht oft klagte sie, statt zu danken, wenn all’ die Sorgen ums

tägliche Brot auf sie einstürmten, wenn die sehr wechselnde Stimmung

der Mutter ihr Not machte, wenn die Sehnsucht nach Siegfried, von dem

sie kein Wort wieder gehört hatte, allzu schmerzlich in ihr emporstieg.

Martha hatte nicht versäumt, ihre neue Adresse in Berlin zu melden,

damit ein Brief sie erreichen könne; sie hatte kein Lebenszeichen

erhalten, wußte nicht, wo sie ihn mit ihren Gedanken aufsuchen sollte;

auch in dieser Not war ihre einzige Beruhigung: „Er ist in Gottes Hand,

wie ich es bin; wenn es zu unserem Frieden dient, bringt er uns wieder

zusammen!“ Oft bat sie den Herrn mit Thränen darum, oft suchte sie nach

Ergebung, wenn es anders beschlossen sei; aber so wenig sie jemals ganz

mit ihrem alten Menschen fertig wurde, so kam doch nach und nach immer

größere Ruhe und Sammlung in ihr Herz, und dies konnte man an ihrem

Thun und Treiben gar wohl bemerken. Ohne daß sie eine der angefangenen

Arbeiten vernachlässigte, gewann sie nun Zeit, sich mit der Mutter im

Freien zu ergehen, ihr am Abend vorzulesen, sie in die erbaulichen

Gottesdienste der nahen Pfarrkirche zu begleiten.

Als Pastor Wohlgemuth die beiden Frauengestalten so regelmäßig unter

seinen Zuhörern erblickte, fing er an, ihnen mitunter einen Besuch zu

machen, wie er es bei Direktor Werners schon seit langer Zeit that.

Seine herzliche, ernste und doch getroste Weise, mit der er die trüben

Dinge des Lebens ins heitere Himmelslicht zu setzen wußte, thaten

der Mutter und Tochter wohl. Martha und Suschen verehrten ihn beide;

seine Erscheinung im Hause war ein Fest für sie, ein beneidenswertes

Ereignis, wenn er bei einer Begegnung freundliche Worte zu ihnen

sprach, und alle Blumen, welche sie in Wald und Flur pflückten, mußte

Luischen dem alten Herrn in die Konfirmandenstunde mitnehmen.

Zu Pfingsten entschloß sich Frau Feldwart zum erstenmale, einer

Einladung der Frau Amtmann Rösner zu folgen und einige Tage in Weißfeld

zuzubringen. Es ging dies nicht ohne große Herzensbewegung ab, aber

dieselbe war überwiegend freudiger Art. Ihr eigenes früheres Stübchen

war für sie und Martha zum Schlafzimmer, das der Urgroßmutter zur

Wohnstube eingerichtet. Sie sah die alte Heimat im lieblichsten Lichte:

alle Häuser, auch das Gutshaus, mit Maien geschmückt, Narzissen und

Tulpen, Flieder und Goldregen in voller Blüte, die Linden im schönsten,

lichtgrünen Schmuck. Trude war überglücklich, ihre alte Herrin zu

empfangen; von Amtmanns wurde sie mit der zartesten Liebe aufgenommen

und gepflegt, und gleich am Morgen nach der Ankunft hielten Mutter

und Tochter zum erstenmal gemeinsam ihre Andacht am Plätzchen der

Urgroßmutter. Die Mutter saß im Lehnstuhl; Martha, die Bilderbibel auf

den Knieen, auf einem niedrigen Schemel davor; sie las auf Wunsch der

Mutter den Lieblingspsalm der Frau, die hier so oft gebetet hatte,

den 90. Psalm: „Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für etc.“,

den Psalm, der Ewigkeit und Vergänglichkeit ergreifend nebeneinander

stellt, mit seiner kindlichen Bitte am Schlusse: „Erfreue uns nun

wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück

leiden; zeige deinen Knechten deine Werke, und deine Ehre ihren

Kindern; und der Herr unser Gott sei uns freundlich und fördere das

Werk unsrer Hände bei uns; ja, das Werk unsrer Hände wolle er fördern!“

Sie saßen noch lange mit gefalteten Händen, als Martha gelesen hatte,

und der Pfingstgeist, der Geist des Friedens und des Trostes, zog in

ihre Herzen ein. Sie wanderten dann mit den geschmückten Landbewohnern

zusammen dem Kirchlein zu.

Frau Feldwart saß an derselben Stelle, wo sie mit ihren Eltern

sonntäglich gesessen hatte. Ach, um sie her saß eine fremde Gemeinde!

Trude und der gebückt einhergehende alte Kirchendiener waren die

einzigen Gestalten, deren sie sich erinnerte. Pastor Frank predigte in

einer schönen Sprache, gar nicht ungläubig, aber noch recht jugendlich.

Martha meinte, ihr alter Pastor Wohlgemuth gäbe ihr mehr, und geriet

darüber mit Suschen, die am Morgen erst gekommen war, beinahe in Streit.

„Ich weiß gar nicht, was du willst, Martha; noch schöner wie der Pastor

Frank kann doch gar kein Mensch predigen!“

„Er predigt mir eben zu schön“, sagte diese.

„Aber wie kannst du nur solchen Unsinn sagen!“ rief Suschen ganz

gereizt und ärgerlich.

Gegen Abend kam Pastor Frank und blieb zum Abendbrot da. Es wurde

musiziert; die beiden Töchter des Amtmanns spielten vierhändig, Pastor

Frank sang mit seiner schönen Tenorstimme: „Tröstet, tröstet mein

Volk“ aus Händels „Messias“, er begleitete Martha das schöne Lied: „Du

bist die Ruh, der Friede mild, die Sehnsucht du und was sie stillt

etc.“, und das war wirklich recht erquicklich. Dann, nach Tisch,

wanderten alle in der lieblichen Dämmerung des duftenden Gartens;

Pastor Frank schloß sich an Martha und Suschen an; er erzählte, daß am

dritten Festtage großes Kinderfest sein werde, auch eine Stiftung der

Urgroßmutter. Er berichtete von mancherlei Einrichtungen zum Wohl der

Arbeitsleute aus alter und aus neuer Zeit. Martha interessierte sich

lebhaft dafür und forderte ihn durch Fragen zu weiteren Mitteilungen

auf. Er freute sich der eifrigen Zuhörerin, sie kamen in ein sehr

lebhaftes Gespräch; Martha war aus der reichen Geselligkeit der

Residenz gewohnt, sich leicht und fließend auszudrücken; Suschen

hatte Respektspersonen und Fremden gegenüber noch ganz ihre kindliche

Schüchternheit; sie hing an Marthas Arme und sagte gar nichts.

Als sie sich am Abend trennten, fiel es Martha auf, daß ihre Freundin

nicht so heiter war als sonst.

„Was hast du, Suschen? Du warst heute Abend so still!“

„Ich weiß nicht, ich war wohl müde von dem Morgenweg in der Sonne.“

„Das ist ja möglich“, dachte Martha, „auch der Duft von Flieder und

Goldlack macht müde; ich bin es ja auch.“

Am zweiten Festtage kamen gegen Abend einige Familien aus der

Nachbarschaft; Frau Feldwart zog sich auf ihr Zimmer zurück; Martha

wurde von den jungen weiblichen Gliedern der Gesellschaft, die meistens

schon ihre Schülerinnen waren, schnell umringt, und war, ohne daß sie

es wollte, eigentlich der Mittelpunkt aller.

Pastor Frank erschien auf eine Stunde, um zu verabreden, wie es morgen

beim Brezelfest werden sollte; die Brezeln wurden vor dem Schulhause

aus zwei Körben verteilt, und er wünschte, daß die Urenkelin der

Stifterin mit ihrer Freundin zusammen dies Amt übernehmen möge.

Sie sagte gern zu: „Wenn es sich paßt in meinem schwarzen Anzug?“

„Gewiß“, sagte Pastor Frank; „auf dem Lande ist Schwarz immer ein

Festkleid, und wenn Fräulein Suschen vielleicht wie heute in Weiß

erscheint, so stellen Sie daneben zusammen die preußischen Farben dar,

und das paßt ganz gut zu den Vaterlandsliedern der Knaben.“

Am dritten Feiertag nachmittags zog alles nach dem Schulhause. Trude

zupfte Martha am Kleide, als sie vom Hofe gehen wollte, und stellte

einen etwa achtjährigen Jungen und ein sechsjähriges dralles Mädchen

vor sie hin, die in Festfreude und Festschmuck strahlten.

„Das sind meiner Kathrine ihre, Fräulein: Hans und Mariechen! So, gebt

auch hübsch ein Händchen, so ist’s recht!“

Martha sah mit Wohlgefallen auf die frischen, zutraulichen Kinder, die

nun dem Versammlungsplatze zueilten, und ging selbst, um mit Suschen

an den weißgedeckten Tischen Platz zu nehmen, die vor dem Schulhause

aufgestellt waren zu beiden Seiten der Eingangsthür.

Schön geschmückt, jedes Kind einen großen Strauß vor der Brust

und eine Maie in der Hand, kam die Schuljugend gezogen, erst die

Knaben paarweis, dann die Mädchen; niedliche Fahnen in den deutschen

Farben trugen die ältesten Knaben vor; ihnen folgten einige

Musikanten mit Blasinstrumenten und einer Trommel. Sie zogen auf

den lindenbeschatteten Platz vor dem Schulhause unter dem Gesang,

den ebenfalls die Urgroßmutter bestimmt hatte: „O heiliger Geist, o

heiliger Gott etc.“

Der Pastor sprach ein kurzes Gebet und sagte den Kindern in einfachen

Worten, der Pfingstgeist sei ein Geist der Freude und der Liebe,

deshalb habe ihnen die Liebe dieses Fest bereitet; sie möchten nun

in Gottes Namen fröhlich sein und mit Dankbarkeit an die alte Frau

gedenken, die dieses Fest gestiftet habe, als ihr ältestes Söhnlein,

sechs Jahre alt, zur Schule gekommen sei. „Und seht, dort steht ihre

Urenkelin, die will euch die Brezeln heute selbst geben!“

So waren denn natürlich aller Augen auf Martha gerichtet; weil es aber

strahlende Kinderaugen waren, fühlte sie sich nicht dadurch belästigt.

Der kleine Hans zupfte sie am Kleide: „Du, was ist denn eine Urenkelin?“

„Weißt du denn, was eine Enkelin ist?“

„Ne!“

„Aber, was eine Großmutter ist, das weißt du!“

„Ja“, sagte der Junge lustig, „ich habe zweie!“

„Na, siehst du! wenn deiner Großmutter ihre Mutter noch lebte, das wäre

deine Urgroßmutter, und du wärst ihr Urenkel.“

Der Junge sah noch nicht ganz befriedigt aus: „Da müßte sie mir doch

noch erst eine Uhr schenken.“

Martha lachte: „Junge, ein Urenkel kann man auch ohne Uhr sein; ich

habe auch keine.“

Aus dem Schulhause wurden nun gewaltig große Chokoladenkannen

herausgebracht; jedes Kind nestelte den kleinen Becher los, den es am

Gürtel trug, und nun ward gefüllt und getrunken nach Herzenslust. Dann

ging es ans Spielen.

Für die Knaben waren Kletterstangen da; ein Sackhüpfen wurde

angestellt, und es gab allerlei kleine Preise: Tücher, Messer, Kreisel

etc. Die Mädchen liefen nach einem Ziele, mußten mit einem an einer

Schnur schwebenden Ringe nach einem Haken werfen und wurden dann

ebenfalls mit Scheren, Fingerhüten, Bändern und dergleichen belohnt.

Suschen zeigte sich im Anordnen solcher Spiele sehr behilflich und

gewandt; sie kannte dieselben von ihren Geschwistern. Dazwischen sangen

die Knaben: „Die Wacht am Rhein“ und andere Vaterlandslieder; die

Mädchen: „Alle Vögel sind schon da“, „Wer hat die Blumen nur erdacht“

u. s. w.

Martha merkte jetzt, daß verschiedene Kinder müde waren vom Laufen;

sie setzte sich auf eine der Bänke unter der Linde, ein Kind nach

dem anderen kam zu ihr heran, und sie fing an, sich mit ihnen zu

unterhalten.

„Riech einmal“, sagte Hänschen und hielt ihr einen Strauß von

Pfingstrosen (eine gelbe Wiesenblume, gestaltet wie eine recht volle

Rose, in Farbe und Blatt der Butterblume gleich) und Sternblumen unter

die Nase.

„Danke“, sagte Martha, „das riecht schön.“

„Ja, sie sind auch viel schöner als Butterblumen und Gänseblümchen.“

„Weißt du denn, Hänschen, wie sie so schön geworden sind?“

„Ne“, sagte Hänschen, legte beide Arme auf ihre Kniee und sah sie mit

offenem Munde an.

„Soll ich’s dir erzählen?“

„Ja, woher weißt du es denn?“

„Ei, so etwas erzählt mir der Morgenwind, wenn er mich früh am offenen

Fenster besucht.“

„Na, nu erzähle!“ sagte Hänschen.

Sie hatte nur wenige Kinder um sich gehabt; jetzt kamen immer mehr

an sie heran, bis sich ein dichter Kreis gebildet hatte; über den

Kinderköpfen schauten auch einige alte mit Wohlgefallen auf sie, als

sie begann:

„Als es zum erstenmale Pfingsten wurde im deutschen Lande, da jubelte

die ganze Erde. Im Walde bewegten die Birken ihre grünen Fähnchen, mit

feinen, langen Kätzchen behangen; die Buche schmückte ihren weißen

Stamm mit hellgrünen Kränzen, und die zierlichen Maiblumen läuteten,

daß es eine helle Lust war!

„Aus den Büschen klang die Stimme des Buchfinken und der Nachtigall;

der Pfingstvogel im gelb und schwarzen Röcklein ließ seinen Lockruf

ertönen; der Kuckuck rief Tag aus und Tag ein, und die Lerche stieg

aus der Furche gerade zum Himmel hinauf: ‚Tirrerillerie! Tirrerillera!

Pfingsten, das schöne Pfingsten ist da!‘

„Im Garten zogen die Blumen ihre allerschönsten Kleider an; die

Tulpen schmückten sich mit allen Farben; glänzend weiß standen die

Narzissen; der Flieder hing seine großen, blauen Trauben aus, der

Goldregen seine gelben; ja, sogar eine Rose öffnete schon ihre Knospe:

es ist ja Pfingsten, da möchte ich dabei sein! Am Bache standen die

Vergißmeinnicht und wuschen sich, um ganz schön himmelblau zu sein zu

Pfingsten. Auf der Wiese standen ein Gänseblümchen und eine Butterblume

nebeneinander, als am Pfingstsonnabend die Sonne unterging. ‚Weißt du

es schon‘, sagte die Butterblume, ‚morgen ist Pfingsten.‘ ‚Ich weiß!‘

sagte das Gänseblümchen, ‚die Menschen sagen, es sei das schönste

Fest, denn da sei der Geist des Trostes und des Friedens auf die Erde

gekommen. Sieh nur, wie die Blumen im Garten sich putzen!‘ ‚Ich möchte

mich auch schmücken‘, sagte die Butterblume, ‚aber ich weiß gar nicht,

wie ich es anfangen soll.‘ ‚Ich habe mich schon im Abendtau gebadet,

aber klein bin ich und klein bleibe ich‘, seufzte die Gänseblume.

„Die Sterne zogen auf; Butterblume und Gänseblümchen hatten sonst

längst um diese Zeit ihre Blättchen oben zusammengeschlossen und

schliefen; -- heute wollte ihnen der Schlaf nicht kommen. Sie sahen

zu den leuchtenden Sternen auf und sprachen: ‚Ihr schönen, goldenen

Sterne! wir wollten gern schön werden, dem Pfingstfest zu Ehren; könnt

ihr uns nicht dazu helfen?‘

„Die Sterne sahen freundlich herunter und die Blümchen sahen sehnend

hinauf, und erst als die Sterne blaß wurden und ein kleines Streifchen

Morgenrot am Himmel erschien, da schliefen die Blümchen ein, und als

am anderen Morgen die Sonne sie weckte, da sahen sie sich an und sahen

sich wieder an, denn aus der Butterblume war eine runde, volle, süß

duftende Pfingstrose geworden, und aus dem Gänseblümchen eine prächtige

Sternblume. Da weinten und lachten sie vor Freude, daß die Sterne ihnen

auch ein so schönes Pfingstkleid beschert hatten. Seitdem kommen und

blühen sie immer zu Pfingsten. Gänseblümchen und Butterblumen kommen

früher, sobald der Lenz auf die Erde tritt: aber wenn es zu Pfingsten

läutet, erwachen die Sternblumen und Pfingstrosen auf den Wiesen, denn

die beiden haben viele, viele Kinder bekommen, die feiern alle mit, und

Hänschens Strauß gehört auch dazu!“

„Hänschens Strauß gehört auch dazu! Hänschens Strauß gehört auch dazu!“

riefen die Kinder. „Erzähle noch was, erzähle noch was!“

„Ach ich kann nicht immer erzählen; jetzt könnt ihr ein Rätsel raten:

Eine kleine,

Weiße, reine

Schäfchenherde

Weidet hoch, hoch über der Erde,

Nicht auf grünen Auen,

Nein, auf blauen!

Der Hirt ist nicht zu sehen,

Wird hinter den Schäfchen stehen.

Nun sag mir, liebes Kind,

Wer und wo die Schäfchen sind.

„Da, da!“ riefen die Kinder und zeigten auf die durchsichtigen

Lämmerwolken, die in der blauen Luft über ihren Häuptern schwammen.

Die Mädchen stimmten an: „Wer hat die schönsten Schäfchen? Die hat der

goldne Mond etc.“

Aber nun läutete die Feierabendglocke; alles stand mit gefalteten

Händen, bis das Anschlagen verklungen war; dann sprach Pastor Frank

noch ein kurzes Dankgebet, die Großen und Kleinen sangen zusammen: „Nun

danket alle Gott!“ und dann eilten sie erfreut und ermüdet nachhause.

Pastor Frank war einige Augenblicke verschwunden; in der Nähe des

Pfarrhauses holte er unsere Freundinnen ein und überreichte Martha ein

zierliches Sträußchen.

„Die Blumen aus meinem Garten sind auch Pfingstblumen,“ sagte er.

Martha dankte etwas überrascht; sie hätte sich noch mehr gefreut, wenn

Suschen auch Blumen erhalten hätte; aber sie dachte, es bezöge sich auf

ihre Geschichte, und beruhigte sich dabei.

Im Gutshofe stand Trude, und Martha ging zu ihr.

„Ach, Fräulein, die schönen Blumen, die sind aus dem Pfarrgarten; so

dunklen Flieder hat nur unser Herr Pastor. Ach, sehen Sie! wenn ich das

erleben sollte, daß Sie ’mal wieder hier einzögen, wenn es auch nicht

auf dem Amte wäre!“

Martha sah sie erstaunt an; sie verstand anfangs durchaus nicht, was

sie meinte, dann erschrak sie.

„Was redest du, Trude? Das fällt ja keinem Menschen ein!“

Aber sie war innerlich betrübt; die Unbefangenheit war weg. Als sie

ging, ihre Sachen abzulegen, sah sie Suschen am Fenster ihres offenen

Stübchens stehen. Sie ging zu ihr und legte den Arm um ihren Hals; es

schien fast, als habe die sonst so Fröhliche geweint, obgleich sie es

nicht merken lassen wollte.

„Suschen“, sagte Martha, „komme nach Tische noch ein wenig in den

Garten, ich muß dir etwas erzählen.“

Suschen schrak zusammen.

„Alte Geschichten“, sagte Martha, „aber traurige.“

Und als sie zwischen den duftenden Beeten im letzten Abendschein

wandelten, erzählte Martha von Siegfried alles, alles! Sie hatte es

längst gern gewollt, es war ihr immer zu schwer gewesen.

Sie konnte sich nicht über Mangel an Teilnahme von Suschens Seite

beklagen; aber zuletzt sagte diese: „Martha, es ist doch schlimm, daß

das keiner weiß; es könnte sich mancher Hoffnungen machen.“

„Ich glaube nicht, daß dies einer thut“, sagte Martha, „aber ich will

an die Möglichkeit mehr als bisher denken, und morgen stecke ich mir

Urgroßmutters Trauring an.“

Am anderen Morgen kehrten Feldwarts und Suschen nach H. zurück, und

Martha war völlig beruhigt, als sie ihren Vorsatz wegen des Ringes

ausgeführt hatte.

„Ich glaube“, sagte sie bei sich selbst, „Trude hat in ihren

überschwenglichen Wünschen für mein Wohl Gespenster gesehen; jedenfalls

kann in diesen paar Tagen höchstens ein flüchtiges Interesse entstanden

sein. Suschen paßt viel besser dahin als ich, und wie würde ich mich

freuen, sie dort zu sehen!“

7.

Muß man denn immer im Streit sein auf Erden?

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 5 / 15 段