Martha stand jetzt neben Direktor Werner, und er fing sogleich ein

Gespräch mit ihr an, das sie neben ihm festhielt. Er fragte nach

ihrer Ausbildung, ihren Lehrern, nach dem Gange ihres Unterrichtes,

und fuhr dann fort: „Ich stelle dies Examen absichtlich mit Ihnen an,

Fräulein Martha. Meine Frau und ich möchten so gern ein Mittel finden,

um Ihre Lage zu erleichtern. Ich weiß wohl, daß Sie bei dem jetzigen

Zustande Ihrer lieben Mutter nicht daran denken können, Ihr Examen zu

machen und eine Stelle als Lehrerin anzunehmen; aber es ist eine ganze

Anzahl junger Mädchen hier, die eine englische Konversationsstunde

dringend wünschen; mein Suschen und die Töchter dort vom Amt sind

auch dazwischen; ebenso suchen wir für Luise und ihren Bekanntenkreis

Unterweisung im Zeichnen und Malen; würden Sie bereit sein, beides zu

übernehmen? Ein Honorar wollte ich Ihnen schon ausmachen; es würde

immerhin eine Hilfe für Ihre Kasse werden.“

Martha sah ihn fröhlich an: „Wenn es meine Mutter erlaubt, thue ich das

sehr gern; besonders wenn Sie mir behilflich sind, passende Lektüre zu

finden.“

Er versprach es, und Martha war glücklich. Sie hatte noch nie daran

gedacht, daß sie imstande sein könne, etwas zu verdienen; der Gedanke

war zu schön; sie schwärmte sich mit Suschen beinahe wie die berühmte

Milchfrau in sehr schöne Zukunftsträume hinein, so daß beide, im

Wäldchen angelangt, erst aus ihrem Phantasiehimmel heruntergeholt

werden mußten, bevor sie die lieblichen Frühlingskinder erblickten, die

wie eine reiche Stickerei aus dem dunklen Moosteppich hervorglänzten.

Frau Feldwart war am Abend nicht so leicht für die neuen Pläne zu

begeistern; sie war zuerst entsetzt über die Idee, daß Martha etwas

verdienen sollte, und klagte hart ihr Schicksal an; aber sie kannte den

Ernst ihrer Lage, und die große Freudigkeit ihres Kindes besiegte sie

zuletzt.

Nach einigen Tagen kam Suschen strahlend; der Direktor hatte die

Taubenkarte nach M. geschickt; sie hatte dort Beifall gefunden, und

Martha erhielt den Auftrag, mehr solcher Karten zu malen, unter

Bedingungen, die immerhin einigen Vorteil versprachen -- lauter

tröstliche Aussichten!

6.

Die Urgroßmutter.

In den ersten Wochen ihres Aufenthaltes in H. hatte das Befinden der

Mutter Marthas Sorge so in Anspruch genommen, daß der Gedanke, sie auch

nur auf Stunden zu verlassen, gar nicht aufkam.

Suschen hatte schon öfter von den schönen Gottesdiensten in der nahen

Pfarrkirche und ihrem lieben Pastor erzählt. Jetzt klangen die Glocken

so feierlich herüber und luden zur Fastenkirche.

„Mama, möchten wir nicht auch einmal hingehen?“

„Gehe du, Martha, ich kann noch nicht unter Menschen!“

Martha rief Werners und Suschen ab und ging mit ihnen. Der Kirchgang

am heiligen Weihnachtsabend war ihr letzter gewesen. Damals hatte sie

vor Glückseligkeit nicht ordentlich gehört, was gesungen und gesagt

wurde; heute verlangte ihre gebeugte Seele Trost und Kraft von oben

und öffnete wie eine durstige Blüte den Kelch, um den Himmelstau

aufzunehmen. Die schönen, wohlbekannten Fastenlieder bewegten ihr Herz

und hoben es empor. Der Prediger war ein Greis mit weißen Haaren, sein

Angesicht bestrahlt vom Morgenrot einer besseren Welt. Sein Thema war

heute: „Wie man dem Herrn sein Kreuz nachtragen soll.“

„Das paßt sehr für mich“, dachte Martha, „ich muß ja auch mein Kreuz

tragen.“ Sie erfuhr aber bald, daß noch etwas Besonderes dabei war,

woran sie noch nicht gedacht hatte.

„Denkt nicht“, sagte der alte Pfarrer, „wenn euch Gott Leiden schickt

und ihr müßt sie ertragen, weil ihr sie nicht los werden könnt,

daß dies schon heißt: dem Herrn sein Kreuz nachtragen; o nein! das

müssen auch die Heiden und die Ungläubigen thun. Dem Herrn sein Kreuz

nachtragen, d. h. die Last, die er uns darreicht, willig auf unsere

Schultern nehmen mit dem Gebete: ‚Herr, du hast dein Kreuz getragen für

mich und meine Sünden, und hast die Nägel, die in meinem Kreuze waren,

dadurch herausgezogen; nun hilf, daß ich mein Kreuz dir nachtrage ohne

Murren, in dankbarer Liebe, in stillem, geduldigem Gehorsam, so wie du

es von mir willst und mir es vorgetragen hast, als dein Kind und zu

deiner Ehre! Dann glaubt mir, grünt das Kreuzholz auf euerer Schulter,

blüht und trägt Früchte, davon ihr noch genießen könnt in der seligen

Ewigkeit.“

Martha fühlte sich tief ins Herz getroffen. Nein, in dieser Weise hatte

sie ihr Kreuz noch nicht getragen, davon war sie noch weit entfernt;

aber sie folgte mit zagendem Herzen dem Schlußgebet, daß Gott die

Seelen bereiten möge zu solchem Kreuzestrost und solcher Kraft zum

Tragen, und sie konnte nicht anders, als nach der Heimkehr der Mutter

von dem Eindruck sprechen.

„Mutter, ich möchte dich um etwas bitten. Darf ich nun manchmal wieder

ein Lied singen?“

Die Mutter erlaubte es; zuerst flossen ihre Thränen heftiger dabei,

dann verlangte sie danach, sie erinnerte auch Martha am nächsten

Sonntage selbst daran, in die Kirche zu gehen; die ging so gerne, und

als wieder die Glocken zur Abendkirche riefen, holte Frau Feldwart

selbst ihren Mantel und begleitete ihr Kind.

Trude war fast jede Woche gekommen; gegen Ende März brachte sie Grüße

vom Herrn Amtsrat Rösner, und ob er nicht einmal dürfe seinen Wagen

schicken, Frau Feldwart und das Fräulein darin holen zu lassen, damit

sie die alte Heimat wieder begrüßten.

Frau Feldwart konnte sich nicht entschließen: „Ja, wenn ich früher

einmal hätte dort sein können! Aber in diesem Zustande? nein!“

Am andern Tage fuhren des Amtsrats Töchter, frische, blühende Mädchen,

vor, und baten kindlich, doch zu erlauben, daß Martha sie für die

Nachmittags- und Abendstunden mit Suschen nach dem Gute begleite; es

wären all’ die jungen Mädchen dort versammelt, die an den englischen

Stunden teilnehmen wollten; sie wünschten Martha kennen zu lernen.

Dagegen ließ sich nichts sagen. Martha fuhr hinaus in den freundlichen

Frühlingstag in Gesellschaft der munteren Mädchen; sie freute sich,

all’ die Stätten zu sehen, wo Urgroßeltern und Großeltern gelebt

hatten, und ihre Mutter aufgewachsen war. Der joviale Gutsherr und

seine freundliche Frau empfingen sie sehr freundlich; der Kreis von

jungen Mädchen, die zum Teil noch bedeutend jünger waren als Martha,

versetzte sie in ihr früheres, glückliches Leben zurück; sie bewegte

sich ungezwungen und anmutig zwischen ihnen und gewann schnell das

allgemeine Zutrauen. Es ward Zeit und Ort der englischen Stunde

verabredet, Direktors wollten ihr großes Hinterzimmer dazu hergeben,

und nur an besonders schönen Nachmittagen wollte der Amtsrat die

Gesellschaft herausholen lassen.

Nach dem Kaffee eilte alles in den großen Garten, dessen feiner Rasen

im ersten Grün schimmerte, um am Rain und im Gebüsch nach Veilchen zu

suchen.

Hier wartete Trude: „Nun, Fräulein Martha, nun kommen Sie ’mal mit,

nun will ich Ihnen zeigen, wo die Mutter groß geworden ist; die Frau

Amtsrätin wollte es selbst thun, aber ich habe so lange gebeten, bis

sie es mir erlaubte; ich weiß das ja doch natürlich noch viel besser!

So? Fräulein Werner will auch mit? Na, meinetwegen.“

Das Haus, wo Amtsrat Rösner wohnte, war ein Anbau, den er sich selbst

erst eingerichtet, da ihm das alte Wohnhaus zu kühl und düster

erschienen war; in dieses führte jetzt Trude die beiden Mädchen.

„Sehen Sie, hier, was jetzt die große Wirtschaftsstube ist, das war

der Saal; da ist die Hochzeitstafel gewesen, als der Herr Vater mit

der Frau Mutter getraut worden waren, und hier, wo jetzt die Stube vom

Inspektor ist, da war die beste Wohnstube; Sie können hineinsehen,

er ist draußen beim Bestellen. Da über dem Flur drüben das war dem

Großvater seine Arbeitsstube, die hat jetzt Mamsell Hannchen. Und nun

kommen Sie ’mal mit die Treppe hinauf.“

Im oberen Stockwerk waren zwei Stübchen, die Marthas Interesse

vorzugsweise in Anspruch nahmen: das ehemalige Zimmerchen ihrer Mutter,

was jetzt sehr niedlich als Logierstube eingerichtet war, und das

Gastzimmer daneben.

„Sehen Sie, hier hat nun die Frau Urgroßmutter gewohnt. Da hier in der

Ecke stand ihre große, bunte Kommode und da am Fenster steht noch ihr

Lehnstuhl und ihr eiserner, kleiner Tisch. Das war ’mal eine gewaltige

Frau! Die Leute im Dorfe wissen noch viel Geschichten von ihr, und ich

kann mich noch ganz gut auf sie besinnen. Sie ist die Mutter gewesen

von allen Kranken und Armen, und in den Kriegsjahren hat sie immer

den Kopf oben gehabt und mehr als einmal durch ihre Ruhe und ihr

Auftreten den Hof vor Plünderung und Schaden bewahrt. Der Urgroßvater

war kränklich und litt viel am Magen und an der Leber, da hat sie jung

schon die Zügel mit halten müssen. Hier oben aber da hat sie gesessen

eine halbe Stunde vor Tag und eine halbe Stunde des Abends, und hat

gelesen und so gewaltig gebetet, daß sie es manchmal draußen verstanden

haben, und in ihrem Testamente hat sie es bestimmt: der Stuhl, der

Tisch und darauf die Bibel und das Starkenbuch das soll hier am Fenster

bleiben und nicht verrückt werden, zum Zeugnis, daß der Segen von oben

kommt.“

Martha war zumute, als hörte sie die Stimme, die aus dem feurigen

Busche zu Mose sprach: „Ziehe deine Schuhe aus; der Ort, da deine Füße

stehen, das ist ein heilig Land.“ Mit scheuer Ehrfurcht schlug sie

die alte Bilderbibel auf, deren vergilbte Blätter mit Randbemerkungen

bedeckt waren; sie hatte aufgeschlagen und las: „Ebr. 12, 1: Darum

auch wir, dieweil wir solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasset uns

ablegen die Sünde, so uns immer anklebt und träge macht, und lasset

uns laufen durch Geduld in dem Kampfe, der uns verordnet ist.“ Es war,

als hörte sie die Urgroßmutter selbst diese Worte sagen, als empfinge

sie von ihr in dieser Minute gewissermaßen innerlich den Ritterschlag;

jetzt hätte sie lieber selbst Truden und Suschen nicht neben sich

gehabt; sie konnte sich lange, lange nicht trennen. Draußen vor dem

Fenster spielte der Wind in den eben erst knospenden Zweigen der alten

Linden, die hatten auch schon herübergerauscht in der Jugend der

Urgroßmutter, und dahinter erglänzte der kleine, klare Landsee, in dem

die Mittagssonne sich spiegelte; das war alles ebenso wie sonst.

„Jetzt möchte ich ihr Grab sehen“, sagte sie endlich. Sie wanderte mit

Suschen Arm in Arm durchs Dorf, Trude voran. Auf einem grünen Hügel,

von Kastanien umgeben, lag die freundliche, saubere Kirche, rings

um sie her unter ihren weißen Steinen und Kreuzen die schlafenden

Gemeindeglieder. Ganz nahe dem Eingange ins Gotteshaus schliefen

Urgroßvater und Urgroßmutter dicht nebeneinander. Die Leichensteine

stellten, wie es damals Sitte war, abgebrochene Säulen dar; auf der des

Urgroßvaters stand: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen; ich

gehe hin, euch die Stätte zu bereiten“; auf dem seiner Gattin: „Ich

weiß, daß mein Erlöser lebt!“

„Das hat sie selbst so bestimmt“, sagte Trude, „sonst hätte doch wohl

was von allen ihren Gutthaten drauf stehen müssen.“

Die Gräber waren sehr gut gehalten, die dürren Blätter sauber

abgeharkt; ein Kranz von Schneeglöckchen faßte die obere Fläche ein,

sie läuteten mit all ihren feinen Glocken; schon zeigten sich auch

die blauen Blüten der Amaryllis und die dunklen Köpfchen kleiner

Tulpen fingen an, sich zu färben. Vom Turme klang jetzt feierlich das

Feierabendgeläute, die Sonne wollte soeben zur Ruhe gehen, ihre roten

Strahlen gossen flüssiges Gold auf die Grabsteine und das Gras, und

eine sanfte Abendluft spielte geheimnisvoll in den welken Blättern, die

an der Kirchhofsmauer noch aufgeschichtet lagen.

Die beiden jungen Mädchen hatten sich fest an der Hand gefaßt, Trude

stand mit gefalteten Händen. Vom Abendläuten war der letzte Ton

verklungen, da hörte man Schritte im Kieswege; die Mädchen wandten sich

und standen einem jungen Manne in geistlicher Kleidung gegenüber, der

offenbar den schmalen Pfad benutzen wollte, um zum nahen Pfarrhause

zu gelangen. Martha und Suschen traten einen Schritt zurück; er grüßte

Suschen, wie man eine alte Bekannte grüßt, und wollte dann schnell

vorüber; aber Trude gab sich so noch nicht zufrieden.

„Herr Pastor! sehen Sie doch nur, das ist ja die Urenkelin hier von der

seligen Frau.“

Der Pastor blieb stehen und Suschen übernahm die Vorstellung: „Herr

Pastor Frank, Fräulein Feldwart!“

„Und Sie waren noch niemals hier?“ fragte der Pastor.

„Niemals!“ erwiderte Martha.

„Dann müssen Sie aber auch all’ unsere schönen Altargedecke und

heiligen Geräte sehen; die rühren meistens von der Frau Urgroßmutter

her.“

O ja, das wollte Martha gern. Der Pastor sprang nach seinem Hause, um

die Schlüssel zu holen, und nahm dann die Erfreuten mit sich in die

Kirche und in die Sakristei.

Dort schloß er eine schwere, eichene Truhe auf: „Die stammt auch

von der Urgroßmutter!“ Dann enthüllte er die schönen, schweren

Altargedecke: „Sehen Sie, bei jedem Stücke liegt in dem kleinen

Kästchen an der Seite das Dokument der Schenkung.“

Martha beugte sich über die alten Papiere: sie waren offenbar von

derselben Hand geschrieben wie ihr Weihnachtslied. Zuerst kam die

Schenkung der Truhe: „Anno 1801 bei der Geburt ihres ältesten Sohnes

schenkte Frau Anna Martha Waldheim aus Dankbarkeit für Gottes

unverdiente Gnade und zum Gedächtnis seiner Wunder diese Truhe zur

Aufbewahrung der Kanzel- und Altarbekleidungen.“ Dann kam 1806 bei der

Geburt eines zweiten Sohnes das erste Gedeck. „Das blaue Laken mit dem

Lamme stickte ich mit meiner eigenen Hand.“ Dieser Hans Waldheim, der

hier erwähnt war, war Marthas Großvater. „1812 bei der Geburt einer

Tochter Margarete schenkte ich eine Bekleidung für den Taufstein aus

schwarzem Sammet und Golde: Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott!

zu unsern Zeiten!“

„Nun sollen Sie auch die Geräte sehen“, sagte der Pastor und öffnete

ein Doppelschloß in der Mauer. 1824 war ein schöner, goldener Kelch

geschenkt: „Zum Angedenken an die sel. Heimfahrt meines ältesten

Sohnes, der sich im Sterben hat mit dem Sakrament erquicket“; 1828

„eine güldene Weinkanne, da mir mein Herr den bitteren Trank des

Witwenleides hat eingeschenket. Dein teures Blut, dein Lebenssaft giebt

mir stets neue Lebenskraft!“ „Anno 1830 bei der Taufe meiner lieben

Enkelin Anna Marie ein neu Taufbecken: Wer da glaubet und getauft

wird, der wird selig!“

Anna Marie! das war ja ihre liebe Mutter! Martha war es sonderbar ums

Herz; so wohl, als sei sie in dem kleinen Gotteshause zuhause; so weh,

daß von der Familie, die hier so feste Wurzeln geschlagen hatte, jetzt

hier kein einziges Reislein mehr grünte. Im Amtsstuhl war noch der

kleine, geschnitzte Gesangbuchsschrank der Urgroßeltern mit ihrem Namen

und dem Datum ihres Einzuges. Martha fand es sehr schwer, sich von all

diesen Erinnerungen loszureißen, aber die Tageszeit nötigte dazu.

Als sie ins Freie traten, war die Sonne hinunter und ein feiner, weißer

Nebel zog durchs Thal. Sie dankten dem Pastor freundlich, er erkundigte

sich noch nach Suschens Eltern, und dann stiegen die drei verschiedenen

weiblichen Gestalten still den Hügel hinab. Pastor Frank stand an

der Kirchhofsmauer und sah ihnen nach, bis das braune Kopftuch, das

schwarze und das helle Kleid im Schatten der Häuser verschwanden.

„Kanntest du den Pastor Frank schon länger?“ fragte Martha.

„Ja wohl“, erwiderte Suschen; „er gab als Kandidat den deutschen

Unterricht an unserer Schule; wir schwärmten damals alle für ihn.“

Daß Martha dann bei Tische und auf der Rückfahrt stiller war, wunderte

Suschen eben nicht. Frau Feldwart hatte schon sehr ungeduldig nach

ihrem Kinde ausgesehen.

„Mama“, sagte die Tochter, nachdem sie nur eben ihre Sachen abgelegt

hatte, „kannst du dich noch ganz ordentlich auf die Urgroßmutter

besinnen?“

„Freilich“, sagte Frau Feldwart; „ich war ja schon ganz erwachsen, als

sie starb! An meinem Einsegnungsmorgen da hat sie an ihrem eisernen

Tischchen noch mit mir gelesen und gebetet und hat mir die Bilderbibel

mit dem silbernen Schloß geschenkt, die ich jetzt noch habe.“

„Mama, das Tischchen steht noch und der Lehnstuhl, und Urgroßmutters

Bibel und das Starkenbuch sind auch noch da.“

„Wie mich das freut!“ rief Frau Feldwart; „sie hatte es ja im

Testamente so bestimmt, und so lange meine Eltern dort waren, blieb

natürlich alles so. Als wir Schwestern dann aber heirateten und die

Eltern das Gut verkauften, um uns nachzuziehen nach B., da mußten wir

es dem neuen Besitzer überlassen, ob er diesen Wunsch noch ferner

erfüllen wollte.“

„Mama, all’ die Altardecken und heiligen Geräte sind auch noch da, auch

das Taufbecken, woraus du zuerst getauft bist; du mußt mir noch viel

von der Urgroßmutter erzählen.“

„Das thue ich schon gern; du kannst auch vielleicht in ihren alten

Papieren manches finden.“

Der Martha war zumute, als habe sie die Urgroßmutter heute erst

geschenkt bekommen; ein Pastellbildchen aus der Jugendzeit derselben

hing über dem Nähtisch ihrer Mutter; das mußte sie immer ansehen;

die klaren Augen und festen, bestimmten Züge waren ihr nun erst

verständlich, und ihr eigener Name: Anna Martha, den sie bis dahin ganz

alltäglich gefunden hatte, wurde ihr jetzt lieb als Erbstück von der

Urgroßmutter.

Von Ostern ab begann nun für sie eine sehr fleißige Zeit. Unter

Suschens Leitung nahm sie mit eigener Hand die Änderungen an ihrer

Garderobe und der ihrer Mutter vor, welche die wärmere Jahreszeit nötig

machte; die Besorgung der kleinen Wirtschaft fing an ihr Freude zu

machen, auch das Einteilen und Sparen, als sie es nach Frau Werners

Anleitung mit Erfolg that, gewann seinen Reiz für sie. Daneben begannen

die englischen Übungsstunden, auf die sie sich ordentlich vorbereiten

mußte; die Zeichenstunden mit den jüngeren Mädchen nahmen ihren Anfang;

jede Mußestunde wurde zur Vollendung niedlicher Karten und Lesezeichen

verwendet; da hieß es die Minuten benutzen und die Zeit aufs äußerste

auskaufen. Frau Feldwart sah anfangs mit Befriedigung Marthas erhöhte

Thätigkeit und wiederkehrende Energie, aber mit der Zeit ward es ihr

lästig, die Tochter, welche bisher nur für sie allein gelebt, so in

Anspruch genommen zu sehen. Seitdem sie sich in die ungewöhnlich milde

Frühlingsluft einmal hinausgewagt hatte, regte sich das Bedürfnis zum

Spazierengehen öfter bei ihr; wenn dann Martha sagte: „Nein, Mama,

heute kann ich nicht ausgehen, heute muß das Kleid fertig werden“,

oder: „Ach, ich bin eben mitten im Malen mit meinem Lesezeichen, jetzt

kann ich’s unmöglich liegen lassen!“ da wurde die Mutter verdrießlich

und es gab zwischen beiden darüber so manchen kleinen Zwist. Es wurden

allmählich auch die Abendstunden zur Arbeit mit herangezogen, in

denen Martha der Mutter früher vorgelesen hatte; Frau Feldwart, deren

Augen schwach waren, nickte dann ein beim Stricken und machte bittere

Bemerkungen. Dann legte Martha wohl Bücher und Zeichengeräte fort und

las vor, bis die Mutter zu Bette ging, um dann bis 1 Uhr nachts zu

arbeiten und müde und überwacht am anderen Morgen aufzustehen.

„Ich weiß nicht, Martha“, sagte Suschen, „Du bist jetzt viel unruhiger

wie zu Anfang.“

„Ich finde es selbst“, erwiderte diese nachdenklich, „ich war noch

nie so aufgeregt und zerstreut wie jetzt; ich weiß nicht, woran es

eigentlich liegt.“

Es fiel ihr ein, daß Trude gesagt hatte, die Urgroßmutter hätte

zweimal so viel als andere fertig gebracht. Sie nahm sich vor,

am nächsten Sonntag ’mal in ihren Briefen zu studieren. Sie fand

verschiedene Briefe, die von Krankheiten, Arbeiten, Kriegsunruhen

handelten; endlich öffnete sie einen Brief, den Frau Anna Martha ihrer

Schwiegertochter, Marthas Großmutter, geschrieben:

„Meine herzliebe Frau Tochter! Dein Brief hat mir recht viel Nachdenken

und auch Sorgen gemacht, weil er klingt, als wüßtest Du vor Not und

Arbeit von früh bis spät nicht aus noch ein! Ich kann mir wohl denken,

wie die Obst- und Kartoffelernte, die Krankheit der beiden Kinder, das

Schlachten und der viele Besuch zu der Hasenjagd alle deine Kräfte

verbraucht haben, und ich will auch, so schnell ich kann, heimkommen,

um Dir zu helfen; aber ich habe oft ebenso viel und noch mehr, sogar

mit Feinden durchgemacht, und bin doch ruhig verblieben. Versäumt denn

meine liebe Frau Schwiegertochter auch die Hauptsachen nicht? Ich

las neulich in einem Buche, daß ein gelehrter Mann, ein Sterngucker,

gesagt hat: ‚Gebt mir einen Standpunkt außerhalb der Welt, und ich will

sie aus den Angeln heben.‘ Das hat mir ganz gewaltig gefallen. All’

unsere Arbeiten, alle Mühen, Sorgen und Erdenlasten, die unsere Herzen

drücken, die können wir nur regieren und bewegen von einem Standpunkt

außerhalb der Welt, und gottlob! geht es darin uns Christenleuten

besser als dem armen Kerl in meinem Buche; wir haben den Standpunkt

wahrhaftig; wir brauchen nur zu unserem Vater in dem Himmel zu gehen.

Er hat’s erlaubt; wenn wir es nicht thun, ist es unsere Schuld. Frau

Schwiegertochter! Wenn ich in meinem Leben etwas erreicht und fertig

gebracht habe, so ist es nur dadurch geschehen, daß ich jeden Tag

zweimal eine halbe Stunde vor Gottes Thron gegangen bin. Wenn doch

alle Menschen wüßten, wie viel das Mühe, Not und Zeit erspart! Mit

schwerem Herzen, matten Gliedern, unruhigem Gemüte geht man hin; mit

freier Seele, gestärkten Füßen, wackeren Händen, geordnetem Willen und

verständigen Gedanken kommt man wieder. Frau Schwiegertochter! Des

Sonntags im Gottesdienst und des Alltags in der Betkammer da kriegt

man das meiste fertig, denn da wird man selbst fertig gemacht, daß man

nicht umherfährt wie eine Brummfliege, sondern fein gerade auf sein

Ziel lossteuert wie ein Schiff mit reinen, vollen Segeln, in welche der

richtige Wind bläst. Frau Schwiegertochter! Unter das Rezept kann man

gewißlich setzen, was meistens unter denen Kuchen- und Seifen-Rezepten

in den Kochbüchern stehet: ~probatum est~! Und damit Gott

befohlen!“

Martha hielt lange den Brief in der Hand. Das war es!

Wenn ein junges, begabtes Wesen zuerst seine Leistungsfähigkeit

entdeckt, empfindet es natürlich Freude darüber und das Verlangen,

seine Thätigkeit fort und fort reicher zu entfalten und zu steigern.

Dieser Trieb ist gewiß an und für sich nicht zu tadeln, aber es

geschieht dann leicht, daß man sich fest auf die eigenen Füße stellt,

der Quelle vergißt, aus der man seine Kraft empfing und erst durch die

Lahmheit seiner Flügel und die Unruhe des ganzen Getriebes vom lieben

Gott die Erinnerung bekommen muß: „Ohne mich könnet ihr nichts thun!“

So war es Martha ergangen.

„Was liest du da, Martha, worin du so ganz versunken bist?“ fragte die

Mutter.

Martha reichte ihr den Brief hinüber.

„Ach“, sagte Frau Feldwart, nachdem sie ihn gelesen, „das ist ganz und

gar meine Großmutter! Rezepte schrieb sie gar zu gern. Als ich aus

meiner Freiheit auf dem Gute in die Stadt in Pension kam, hatte ich

’mal einen großen Klagebrief nachhause geschrieben, weil ich nun alles

zugleich lernen sollte und niemals fertig wurde; da hat sie mir auch

’mal so ein Rezept geschickt, es war kurz vor ihrem Tode. Warte, ich

will es dir gleich holen.“

Sie nahm es aus ihrem Schreibtische und Martha las:

+Rezept für unser Mariechen in der Stadt.+

1) stehe die Jungfer früh auf; sie ist kerngesund und schläfet in der

Nacht; da wird es ihr nichts schaden, wenn sie sich frühzeitig aus

den Federn hebet. Frisch heraus, kalt gewaschen, rasch und ordentlich

angezogen, ein Kapitel aus der Bibel gelesen, gebetet und an die

Arbeit! Das lange Herumdrehen in den Federn mit wachen Augen ist

schädlich; da gewöhnt man sich an das Träumen bei Tage, und es wird

schwer sein, sich über diese verdämmerten Stunden zu entschuldigen,

wenn man sich darüber einmal beim lieben Gott verantworten soll, wie

man seine Zeit angewendet hat. Jeden Tag eine Stunde, giebt im Jahr

365 Stunden, also 15 Tage und 5 Stunden; sollte Dich der liebe Gott

70 Jahre leben lassen, werden 2 Jahre und 334 Tage daraus, ohne die

Schalttage, also beinahe 3 Jahre; das bedenke man ordentlich, damit man

die Minuten zurate hält!

2) fasse man seinen Verstand zusammen und frage sich, was zu jeder

Stunde das Nötigste ist. Eine Viertelstunde dieses betrieben, die

andere Viertelstunde jenes -- das schafft nicht. Was man treibt, treibe

man ganz, lasse alle anderen Gedanken fahren und richte seinen ganzen

Fleiß darauf, nicht, so schnell wie möglich fertig zu werden, sondern

so gründlich und schön als möglich seine Arbeit zu vollenden; dabei

wächst die Zufriedenheit und die Tüchtigkeit;

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 4 / 15 段