„Ach bitte, nein! ich kann ja nicht ins Zimmer, so wie ich bin!“

sagte Suschen und lachte, indem sie auf ihren Morgenrock und ihre

blaugedruckte Küchenschürze zeigte. Martha dachte, daß die zierliche

Gestalt mit dem glatten, blonden Köpfchen, den klaren, blauen Augen

und Grübchen in den Wangen an jedem Platze hübsch aussehen müßte, aber

Visitenkostüm trug sie freilich nicht.

„Ich wollte, ach, wenn es nicht unbescheiden ist, ich wollte Ihnen

Tauben rupfen helfen.“

Martha streckte ihr beide Hände entgegen: „Wie freundlich, wie sehr

freundlich ist das! Wenn Sie mir zeigen wollen, wie es am besten

anzufangen ist, so werde ich Ihnen sehr, sehr dankbar sein; ich bin

noch so gar dumm in solchen Sachen.“

„Und ich“, lachte das Suschen, „bin vorigen Sommer schrecklich klug

darin geworden, denn ich war bis vorgestern bei der Tante Pastor in S.,

die hatte einen großen Taubenschlag; da gab es zu manchen Zeiten mehr

Tauben, als uns lieb war: einen Tag Frikassee und den andern Tag Suppe

und den dritten Braten. Alt und jung und Kind und Kegel mußte dann

rupfen, und als ich vorhin sah, wie Sie sich damit quälten, da konnte

ich’s nicht aushalten und lief herüber.“

Während dieser Erklärung waren sie in der Küche angelangt; Suschen

sah sich einen Augenblick darin um: „Jetzt müssen wir uns auf zwei

Stühle nebeneinander setzen, damit meine Küchenschürze für uns beide

ausreicht; Ihr dünnes, weißes Schürzchen taugt dazu nichts, Fräulein

Feldwart.“

„Ich heiße Martha“, sagte diese lächelnd.

„Nun also, Martha, kommen Sie und machen Sie mir alles nach.“

Martha sah einige Zeit mit Verwunderung zu, wie die Federn unter

Suschens runden Fingern verschwanden, dann ließ sie sich erklären,

worauf es ankam, und da sie von Natur nicht ungeschickt war, eiferte

sie bald der jungen Gefährtin nach. Als sie nun auch mit schnelleren

Bewegungen an die gefährliche Stelle unter dem Flügel kam, gab es

freilich noch einmal einen großen Riß, der wurde diesmal aber nicht

beweint, sondern herzlich belacht.

„Ich bin so froh, daß ich endlich glücklich hier bin“, sagte Suschen.

„Sehen Sie, mein Vater ist Direktor an dem Gymnasium hier, seine

Kollegen haben alle nur ganz kleine Kinder, da fürchtete ich mich

ordentlich, nachhause zu kommen, denn bei der Tante waren viel junge

Mädchen. Mama schrieb mir vor vierzehn Tagen schon, daß Sie hier

eingezogen wären, und ich habe die ganze Zeit Pläne geschmiedet, wie

ich zu Ihnen gelangen wollte; nun sind die lieben Tauben so gefällig

und vermitteln es.“

„Können Sie auch Tauben ausnehmen und zurecht machen?“ fragte Martha

zaghaft.

„Freilich“, versicherte Suschen, „soll gleich geschehen: Wann sollen

sie denn gegessen werden? Heute doch nicht mehr, sie sind ja noch warm!“

Martha wurde verlegen: „Ich war aber so froh, daß ich etwas zu Mittag

hatte!“

„Na“, tröstete Suschen, „es geht am Ende auch. Wenn Sie nur ein wenig

Spiritus im Hause haben, brennen wir sie damit ab; die Tante sagt,

das thäten sie immer in Karlsbad, wenn die Hähnchen eine Stunde vor

dem Essen noch umherliefen. Dann nehmen Sie heute wenigstens nur zwei

und kochen sie zur Suppe, und morgen braten Sie die anderen; für zwei

Personen reicht das ganz gut.“

Jetzt wollte Martha Feuer unter der großen Platte anbrennen.

„Haben Sie denn keinen Petroleumkocher?“ fragte Suschen. „So ein großes

Feuer für zwei Tauben ist doch schade!“

Martha hatte keinen.

„Ich hole so lange unseren herüber, damit Sie nur erst ’mal sehen, wie

hübsch das ist, und dann, wenn Sie es erlauben, werde ich die Mama

fragen, ob ich nicht hier erst einmal mit fertig kochen darf.“

Martha sprach ihre Freude über diesen Gedanken aus: „Ich will ja alles

so gern lernen“, sagte sie, „aber ein wenig Anleitung muß man doch

haben.“

Wie gemütlich war es ihr, dieselbe von einer so lieblichen

Altersgenossin zu empfangen! Als Suschen weggegangen war, erschien Frau

Feldwart in der Küche.

„Wer war bei dir?“

„Das Suschen von drüben.“

„Wer ist das?“

„Ach Mama, hier unser ~vis à vis~; sie hatte gesehen, daß ich

nicht Tauben rupfen konnte, da kam sie und zeigte es mir; sie will mir

auch kochen helfen.“

Frau Feldwart schüttelte den Kopf. Die schnelle Freundschaft war ihr

sehr verwunderlich; aber sie hatte Martha zum erstenmale wieder lachen

hören, und ihr Mutterherz lebte noch, wenn es auch jetzt im Banne der

Traurigkeit lag.

„Woher hast du die Tauben?“

„Trude hat sie gebracht von ihrer Tochter, die hat einen Taubenschlag.“

Suschen kam jetzt wieder und Frau Feldwart zog sich zurück.

„Ich habe mir etwas ganz Reizendes ausgedacht“, sagte die kleine

Nachbarin, „und meine Mama hat nichts dagegen: ich will Ihnen, wenn Sie

es erlauben, früh jetzt immer ein wenig helfen; da kommen sie nach und

nach in Übung und ich nicht heraus; darf ich das?“

Sie sah Martha so lieblich bittend an, daß diese sie gerührt umarmte.

„Ach, ich kann darüber ja nur ganz glücklich sein, und ich weiß ja

ohnehin nicht, wann ich wieder ein Mädchen haben werde.“

„Ach“, sagte Suschen, „ich nähme mir gar keins wieder. Es ist doch zu

erwarten, daß wir beide in der ersten Zeit noch allerlei Dummheiten

machen; da ist es viel besser, wenn uns niemand dabei zusieht, und

dann brauchen wir ja auch viel weniger zu kochen und können es feiner

einrichten. Sie werden schon eine Frau finden, die morgens ein paar

Stunden kommt und nach Tische noch ’mal; das ist viel billiger als ein

Mädchen.“

„Ja, das wäre sehr gut“, sagte Martha, „ich muß mich so erst

einwirtschaften. Meine Thränen heute Morgen galten viel weniger den

Tauben, als der Angst und dem Kummer, daß ich viel mehr verbraucht

habe, als ich eigentlich durfte.“

„Ach, da kann Ihnen gewiß meine Mutter raten; wir sind acht Kinder, da

muß sie auch recht sparen, wo sie immer kann.“

Es erhob sich nun noch eine kleine Schwierigkeit. Martha meinte: nur

Tauben in der Suppe -- das würde ihrer Mutter doch nicht recht sein.

„Gut“, sagte Suschen, „so schneiden wir die Tauben in Viertel, machen

eine Frikasseesauce darüber, und braten die Kartoffeln, da haben wir

gleich noch einen besonderen Gang für unser Diner.“

Martha staunte Suschens Erfahrungen an. Es war schließlich alles

wohlgeraten, und als sich die beiden Köchinnen trennten, geschah es

mit einer fröhlichen Umarmung, und beide brachen zugleich in die Worte

aus: „Wollen wir uns nicht lieber ‚du‘ nennen?“ Dies wurde mit einem

herzlichen Kusse besiegelt, und die Freundschaft war geschlossen. Frau

Feldwart war zum erstenmale befriedigt von ihrem Mittagsbrot, von dem

sie heute nach des Mädchens Abgang nur wenig erwartet hatte.

Als sie ihre Mittagsruhe hielt, saß Martha still an ihrem Fenster und

staunte darüber, daß sie jetzt so fröhlich und getrost war. Sie hatte

den lieben Gott heute nicht um seine Hilfe gebeten, weil ihre Anliegen

ihr zu klein dazu erschienen; waren ihre unausgesprochenen Seufzer

doch vor seinen Thron gekommen? Ach ja! was unsere Herzen unruhig

macht, das ist ihm nie zu groß oder zu klein, und wenn er seine Kinder

auf sehr rauhe Pfade und durch sehr dunkle Stunden führt, thut er wie

eine gute Mutter, die dem Kleinsten Süßigkeiten oder Spielwerk vorhält

zu dem ersten schweren Schritte; er läßt mitten durch die dunklen

Wolken einen Sonnenstrahl fallen, eine Gebetserhörung ein freundliches

Erlebnis, um der Seele zu sagen: „Ich verlasse dich nicht; ich bin

dennoch bei dir und halte dich an meiner Hand, wenn du mich auch nicht

immer gleich finden kannst.“ An solchen Erfahrungen stärkt sich dann

der Mut und das Gottvertrauen, und der Fuß lernt wieder getroste und

gewisse Schritte thun. Martha hatte sich von jeher eine echte, rechte

Freundin gewünscht; Suschen sah so sehr lieb und treu aus: vielleicht

hatte sie in ihr gefunden, was sie suchte.

Es schien heute der Tag aller Besuche zu sein. Gegen Abend kam die Frau

Direktorin selbst und bat Martha, sie bei ihrer Mutter zu melden. Frau

Feldwart hatte außer Trude noch niemanden empfangen; aber sie fühlte

wohl, daß sie sich nicht ablehnend oder unfreundlich gegen die Mutter

verhalten durfte, nachdem die freundliche Hilfe der Tochter dankend

angenommen war. Die geselligen Gewohnheiten ihres Lebens machten ihr

die Sache leichter, und sie kam der Frau Werner, deren ernstes,

teilnehmendes Gesicht sehr vertrauenerweckend aussah, rücksichtsvoll

und artig entgegen.

„Verzeihen Sie“, sagte diese mit sanfter Stimme, „daß ich zu Ihnen

komme, ohne zu wissen, ob es Ihnen jetzt schon angenehm ist, Besuche

zu empfangen; ich wollte nur das Eindringen meines ungeduldigen Kindes

entschuldigen und mich überzeugen, ob Ihnen die Pläne der beiden jungen

Mädchen nicht lästig oder störend sind. Ich kann mir so sehr denken,

wie Ruhe und Stille Ihnen jetzt vor allem wohlthun.“

„O ja“, sagte Frau Feldwart, „für mich haben Sie ja wohl recht, aber

für Martha sehe ich es doch sehr gern, wenn sie junge Gesellschaft und

etwas Erheiterung hat, und Ihr liebes Töchterchen kam heute in Marthas

Ratlosigkeit hinein wie eine gute Fee. Ich kann Ihnen nur von Herzen

dankbar sein, wenn Sie erlauben wollen, daß sie meinem armen Kinde

ferner mit Rat und That beisteht; Martha ist noch so ganz unbewandert

im Häuslichen, und ich“ -- Frau Feldwarts Thränen waren heute einmal

in Bewegung gebracht, sie flossen jetzt aufs neue -- „und ich bin ja

ebenso unwissend als sie.“

„Ich glaube es“, sagte Frau Werner sanft, „es ist jetzt ein sehr

schwerer Übergang mit all’ dem Kummer im Herzen. Aber diese Dinge sind

wirklich nicht so schwierig zu erlernen, als es scheint. Sie sollen

sehen: wenn unsere beiden Kinder die Sache zusammen angreifen, haben

sie schließlich noch die größte Freude davon. Würden Sie denn Ihrer

Martha erlauben, manchmal ein Stündchen zu uns zu kommen? Es ist viel

Leben bei uns: acht Kinder, von denen Suschen das älteste ist.“

Frau Feldwart sah etwas bedenklich aus; ihr freundlicher Besuch fuhr

fort: „Ich hatte nicht daran gedacht, Ihnen die Gesellschaft Ihres

Töchterchens zu entziehen; ich denke mir aber, Sie bedürfen so gut

als mein Mann und ich der Mittagsruhe. Während dieser Zeit ist meine

unruhige Schar im Sommer auf dem Hof oder im Grasgarten, im Winter in

dem großen Hinterzimmer; sie versichern, es sei dies die fröhlichste

Stunde des Tages. Da könnte Martha mit vergnügt sein.“

Die Einladung ward angenommen; Frau Werner erbot sich zu allem guten

Beistande, falls derselbe gewünscht werde, und Frau Feldwart dankte ihr

herzlich, bat aber, ihr noch einige Zeit den Gegenbesuch zu erlassen.

Kaum hatte Martha die gütige Nachbarin hinausbegleitet, als es abermals

klingelte. Es war jetzt schon dämmerig, und Martha erschrak fast vor

der großen, kraftvollen Frauengestalt, welche den Rahmen der Flurthür

fast ausfüllte. Sie zündete schnell die Lampe an, und als ihr Licht

das breite, von Güte und Freundlichkeit strahlende Gesicht der

Eingetretenen beleuchtete, da konnte von Furcht oder Beklemmung keine

Rede mehr sein.

„Ich bin die Warburgerin“, sagte die Riesin. „Die Trude schickt mich,

und ich möchte hier Aufwartefrau werden. Sehen Sie, ich habe fünfe;

mein Mann geht auf Arbeit in die Fabrik, und ich kann nicht mitgehen,

sonst verlottert die Wirtschaft und die armen Würmer verkommen; aber

so ein paar Stunden früh und nachmittags, da nimmt sich schon meine

alte Nachbarin der Kinder an. Alles kann einer für sieben doch nicht

schaffen.“

Die verschiedenen Eindrücke des Tages hatten Frau Feldwart doch so

weit aus ihrer Müdigkeit und Niedergeschlagenheit aufgerüttelt, daß

sie die Verhandlungen mit der Warburgerin selbst übernahm; man wurde

bald handelseinig, und kaum war dies geschehen, so hing mit unfaßbarer

Geschwindigkeit der Mantel der eben Gemieteten am Nagel; sie ergriff

die Brunneneimer, fragte mit einem Blick auf den Kohlenkasten nach dem

Kohlen- und Holzstall, und es war noch keine halbe Stunde vergangen,

da war alles Nötige für den andern Morgen vorbereitet. Frau Warburger

fragte, ob noch etwas in der Stadt zu bestellen sei, und ging dann, um

Mutter und Tochter in einem so befriedigten Zustande zurückzulassen,

wie es beide an diesem Morgen noch nicht für möglich gehalten hatten.

Martha sehnte sich zum erstenmale wieder nach einer stillen

Beschäftigung; am liebsten hätte sie ein ernstes Lied gesungen, sie

wußte aber, daß dies die Mutter jetzt noch nicht ertrug. Sie griff

zu einer leichten, angefangenen Häkelei, aber ihre Hände sanken

immer wieder nieder, weil ihre Gedanken so weit umherwanderten.

Zum erstenmale dachte sie, daß doch wohl Gott in seiner Weisheit

sie davor bewahrt habe, jetzt schon zu heiraten und ernstere und

reichere Pflichten auf sich zu nehmen, und zwar wehmütig, aber gar

nicht unlieblich erschien ihr die Aufgabe, während Siegfried im

fernen Lande bemüht war, die Mittel zur Gründung eines häuslichen

Herdes zu erwerben, sich hier allmählich ausbilden zu können zu einer

tüchtigen und brauchbaren Lebensgefährtin für ihn. Süße Bilder der

Zukunft umschwebten sie, aber das Bewußtsein, wie ungewiß, ja wie

unwahrscheinlich ihre Verwirklichung sei, wollte ihr Herz wieder in

Traurigkeit versenken.

Aber nein! sie hatte ja heute so viel zu danken, sie mußte den Kopf

oben behalten. „Ich werde mir jetzt eine Arbeit suchen, die meine

Gedanken voll in Anspruch nimmt“, dachte sie, „ich will Suschen zum

Andenken an den heutigen Tag etwas malen.“

Als sie sich der Mutter gegenüber mit ihren Zeichengerätschaften

eingerichtet hatte, holte sich diese ein Buch zum Lesen, und es

war das erste Mal, daß beide gemütlich zusammensaßen in den neuen

Räumen. Konnte man doch nun auch dem anderen Morgen mit größerer

Ruhe entgegensehen. Die Warburgerin fand sich zum verwundern schnell

zurecht. Als die notwendige Arbeit gethan war, scheuerte sie freiwillig

noch die Hintertreppe, die von Thekla sehr vernachlässigt worden war.

Als sie dann ihre Hände gewaschen und ihren Mantel umgethan hatte,

stellte sie sich mit untergeschlagenen Armen noch einmal auf die

oberste Stufe, blickte mit einer Art verklärter Zärtlichkeit auf das

eben vollendete Werk und sagte: „Ne, was schöneres giebt es doch auf

der Welt nicht, wie so ’ne schloh-blütenweiße Treppe!“

Martha hatte sie mit ihren Augen auf Schritt und Tritt begleitet; sie

sah, daß sie eine geübte Arbeiterin vor sich hatte, und wollte von ihr

lernen. „Welche verschiedenen Lose haben doch die Menschen!“ dachte

sie; „es ist eigentlich hart, immer nur zu scheuern, zu fegen und zu

putzen!“ Bei Frau Warburgers entzückter Anbetung der gescheuerten

Treppe tröstete sie sich: „Es ist am Ende einerlei, was man thut, wenn

es nur mit solcher Befriedigung lohnt!“

Zum Kochen kam wieder das Suschen und brachte eine Schüssel Spinat mit:

„damit wir auch Gemüse zum Braten haben.“ Als nach Tische die Mutter

in der Sofaecke saß, ging Martha zu Direktors, um ihr Versprechen zu

halten. Sie wunderte sich, daß nicht ihre Freundin, sondern das Mädchen

ihr die Thür öffnete, und sie durch den Korridor zu dem Hinterzimmer

brachte. Hier stand sie staunend einem feierlichen, lebenden Bilde

gegenüber. Suschens Geschwister waren in einem Halbkreis aufgestellt,

der sechszehnjährige Bruder in der Mitte; von da ging es nach beiden

Seiten abwärts; an einer Seite saß das Kleinste an der Erde. Jedes

Kind hielt ein Schneeglöckchen in der Hand, Suschen stand vor ihnen

mit dem Rücken nach der Thür, hielt einen Weidenzweig mit Kätzchen als

Taktstock, kommandierte, eins, zwei, drei -- und nun ging der Lärm los.

Sie sangen:

Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen!

(Die Jungen intonierten: didelum, didelum, didelum),

’s ist gar nicht lange her

(Didelum, didelum, didelum),

Wir brauchen uns nicht erst drauf zu besinnen

(Didelum, didelum, didelum),

Das freut uns desto mehr,

Das freut uns desto mehr.

Hierauf marschierten sie an Martha vorüber, und jedes Kind reichte

ihr sein Schneeglöckchen, auch das zweijährige Mariechen wackelte den

anderen nach. Martha wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, es

war für ihre jetzige Gemütsverfassung etwas viel; aber das Ganze sah so

reizend aus, die Kindergesichter strahlten fröhlich, und es war mit so

viel Liebe erdacht, daß sie sich doch von Herzen freuen mußte und die

kleine Marie und ihr Suschen abwechselnd umarmen. Die anderen wollten

aber auch berücksichtigt sein. Da war zuerst der sechszehnjährige

Sekundaner Wilhelm, die vierzehnjährige Luise, die zwölfjährigen

Zwillinge Arthur und Hans, die achtjährige, schmächtige Anna, der

vierjährige Gottfried und die zweijährige Marie. Alle umdrängten sie

Martha, eins überschrie das andere, sie waren offenbar aufgeregt durch

die Empfangsfeierlichkeit: „Hast du dieses Jahr schon Schneeglöckchen

gesehen? Sie sind ganz hinten aus dem Garten, Hans hat sie unterm

Schnee hervorgesucht.“ „Kannst du auch singen?“ „Kannst du Post-

und Reisespiel?“ „Kannst du Zwickmühle?“ „Sieh ’mal, das ist meine

Puppenstube!“ „Haben Sie ‚Die Ahnen‘ schon gelesen, Fräulein Feldwart?“

Sie wußte in der That nicht, wem sie zuerst antworten sollte, ja,

zuweilen kamen Momente, wo sie sich am liebsten die Ohren zugehalten

hätte, denn solch ein Trubel war ihr gänzlich ungewohnt. Aber sie fand

sich schnell darin zurecht.

„Kommt“, sagte Suschen, „jetzt schlachten wir zuerst Martha zu Ehren

die beiden Apfelsinen, die der Vater mitgebracht hat; jeder bekommt ein

Viertel und Mariechen ein kleines Biskuit. Dann spielen wir; Luischen

soll sagen, was?“

„Ach, ich kann gar nicht spielen“, sagte Luischen, „ich muß mein

englisches Gedicht noch ’mal überlernen; das ist heute so schwer.“

„Wir müssen auch arbeiten“, erklärten Hans und Arthur; „die Probe auf

unser Exempel paßt nie.“

„Ach“, sagte Martha fröhlich, „da kann ich mich vielleicht dankbar

erweisen für den schönen Empfang, und euch ein wenig helfen.“

Es zeigte sich, daß Luischen erst um drei Uhr in die Schule mußte;

Martha vertiefte sich also zuerst mit den Zwillingen in die Exempel.

Es gelang ihr bald, den wunden Punkt zu finden, und von da aus war die

Sache bald berichtigt.

Darauf setzte sie sich zu Luischen: „Nun lies mir ’mal zuerst dein

Gedicht. Nein, liebes Luischen, so geht es wirklich nicht, du sprichst

noch sehr falsch aus, und mir scheint, daß du an einigen Stellen auch

den Sinn nicht recht verstehst, ich will dir jetzt immer Strophe für

Strophe vorsagen, du sprichst mir langsam nach, und am Ende jedes

Verses übersetzest du, was du gesagt hast.“

Es geschah, und Martha gelang es bald, der etwas flüchtigen Schülerin

ihre Aufgabe klar zu machen: sie hatte nun selbst ihre große Freude

daran, als dieselbe nach und nach alle Schwierigkeiten überwand.

„Bitte“, sagte Luischen, „nun lies du es noch ’mal ganz; das klingt so

hübsch.“

Martha that es. Während ihres Lesens hatte sich leise hinter ihr

die Thür geöffnet und Direktor Werners kluger Kopf war in derselben

erschienen. Er sah recht wohlgefällig auf die Leserin.

„Das ist ja eine sehr gute Aussprache“, sagte er, als Martha fertig war.

Sie stand errötend auf.

„Seien Sie mir, willkommen, Fräulein Feldwart; ich wollte nur hier

meine junge Gesellschaft an die Schulzeit erinnern; ich denke, wir

sprechen uns bald länger.“

Er hatte schon die Hefte unterm Arm, den Hut in der Hand und empfahl

sich schnell.

Martha eilte zu ihrer Mutter; sie fing nun an, Licht und Luft um

sich zu sehen; sie fühlte, daß sie sich bald einarbeiten werde mit

der Freundin zusammen. Die Mutter war nicht mehr so teilnahmlos wie

früher, und die fröhliche Kindergesellschaft drüben versprach so viel

Erheiterung und Zuwachs an Interesse, wie Martha eben jetzt bedurfte

und gebrauchen konnte. Nur ein großer Sorgenstein lag noch auf ihrer

Seele und bedrückte dieselbe täglich mehr. Es war am 1. März, als das

letzte Fünfmarkstück aus ihrem Beutelchen herauswanderte, und vor dem

1. April war an keine neue Einnahme zu denken. Sie überlegte lange: sie

glaubte wohl, daß Fleischer, Bäcker und Kaufmann, die von ihr bis jetzt

pünktlich bezahlt worden waren, einige Wochen gern leihen würden; aber

wenn sie in diesem Vierteljahre vom nächsten schon zehrte, wie in aller

Welt sollte sie da künftig auskommen? Dazu hatte sich so viel Wäsche

gesammelt; es würde auch teuer sein, sie waschen zu lassen.

Die Mutter war eben erst wieder ein wenig teilnehmender geworden; sie

beschloß, Frau Werner um Rat zu fragen.

Diese hörte mit der wärmsten Teilnahme Marthas Klagen an und dachte

lange darüber nach: „Du mußt das doch deiner Mutter sagen, liebes

Kind! Es giebt eine wahre und eine falsche Schonung. Wie willst du es

anfangen, dich noch mehr einzuschränken, wenn deine Mutter keine Ahnung

von euerer Lage hat? Über die Wäsche sei ruhig, das wird sich mit Hilfe

der Warburgerin billig einrichten lassen; die feinen Sachen wäscht

Suschen mit dir allein und lehrt dich das Stärken und Plätten! Gehe

nur jetzt und sprich mit deiner Mutter ordentlich und ehrlich über

euere Lage.“

Es wurde Martha recht schwer, und Frau Feldwart war sehr erschrocken;

aber nach einigem Nachdenken fand sie einen Ausweg. Sie hatte einen

Brillantschmuck, der ihr freies Eigentum war, für Notfälle mitgenommen;

der wurde mit Hilfe der Frau Werner bei einem soliden Goldschmied

verkauft und ergab immerhin so viel Einnahme, daß der nächsten,

dringendsten Not damit gewehrt war. Aber Werners hatten bei dieser

Gelegenheit einen tieferen Einblick in die Lage ihrer Nachbarn bekommen

und dachten von dem Augenblicke ernstlich darüber nach, womöglich

einige Erwerbsquellen für Martha zu finden.

Die Karte, welche dieselbe für Suschen gemalt hatte, war vollendet.

Aus jeder Ecke schwebte eine Taube; alle vier hielten im Schnabel

ein blaues Band, an welchem sie zwei Herzen, als kleine Personen

dargestellt, eines mit einer Distel -- das andere mit einem

Rosenkranze, einander entgegenzogen. Dazwischen stand geschrieben:

Am 26. Februar

Da haben uns zwei Taubenpaar’

Verbunden.

Der Tag stets unvergessen sei,

Da wir uns bei der Rupferei

Gefunden.

Das ganze Bildchen war mit Vergißmeinnicht durchschlungen und sah

allerliebst aus. Suschen war entzückt darüber. Ihr Vater betrachtete es

lange; dann sagte er: „Suschen, die Karte mußt du mir ein wenig borgen,

Du sollst sie richtig wieder haben; ich habe eine Absicht damit.“

Frau Feldwart fand den Umgang mit Werners so entschieden erfrischend

und erheiternd für Martha, daß sie bald nichts mehr dagegen hatte, wenn

diese auch einmal zu einer anderen Zeit eine Viertelstunde zu Suschen

ging, und sie fing auch an, sich an dem fröhlichen Geplauder der

Mädchen zu erfreuen, wenn diese herüber kam. Eines Sonnabends erschien

sie mit der Bitte, Martha möge doch am Nachmittag einige Stunden mit

ihnen spazieren gehen, die Eltern gingen auch mit; es sollten im

Stadthölzchen Schneeglöckchen, Leberblumen und Anemonen gesucht werden.

Es war einer jener wunderlieblichen Märztage, da die Sonne mit ihren

warmen Strahlen die letzten Schneestreifen wegküßt und durch die Milde

der Luft die Täuschung hervorgebracht wird, als sei man schon viel

weiter in der Jahreszeit vorgerückt.

Man zog sehr fröhlich hinaus; die Mädchen trugen im Strickkörbchen, die

Knaben in der Botanisiertrommel ihr Vesperbrot. Mariechen wurde vom

Kindermädchen im Wagen vorausgeschoben, Gottfried ging meistens an der

Hand der Mutter, die wie eine richtige Gluckhenne ihre Augen überall

hatte, damit keines der Kleinen zu Schaden kommen sollte; die anderen

schwärmten umher, lachend, singend und springend. Der Vater examinierte

scherzhaft bald dieses, bald jenes Kind, bald deutsch, bald lateinisch.

Suschen ging an Marthas Arme, in höchst vertrauliche Mitteilungen

vertieft, als plötzlich der Direktor rief: „Fräulein Martha, sehen Sie

wohl dort den Turm?“

Sie sah ihn.

„Dort ist das Dorf und Gut, wo Ihre liebe Mutter geboren und erzogen

ist und die alte Trude jetzt noch ihre Heimat hat; auch Ihre

Urgroßeltern liegen dort begraben.“

„Ach, da möchte ich hin“, sagte Martha. „Aber freilich, es würde der

Mutter zu schwer sein“, fügte sie traurig hinzu.

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 3 / 15 段