Die gerichtliche Vollmacht wurde noch an demselben Morgen ausgestellt,

und es zeigte sich bald, daß dies gut war, denn es stellte sich beim

Kommerzienrat ein schlummerartiger, fieberhafter Zustand ein; er mußte

zu Bett gebracht werden und fing an zu phantasieren. Martha verlebte

acht schwere und sorgenvolle Tage und Nächte an seinem Lager, nur

unterstützt von dem treuen, alten Johann. Frau Feldwart ging ab und

zu, ordnete auch wohl dieses und jenes an; aber es schien, als sei in

dem furchtbaren Augenblicke, da die Stütze des Reichtums in ihrer Hand

zerbrach, alle Ruhe und Haltung von ihr gewichen. +Sie+ ging von

Zimmer zu Zimmer, stand hier einmal am Fenster und dort einmal und

starrte ins Leere; sie sah keinen Zielpunkt für ihre Augen, keinen

Stab, an dem sie sich halten und aufrichten konnte. „Arm, arm, ganz

arm!“ hörte man sie immer wieder sagen.

Es war der Vermittelung und Fürsorge des Konsuls zu danken, daß für

jetzt noch die Wirtschaft im alten Gange blieb.

Am neunten Tage saß Martha des Morgens an ihres Vaters Bett, als er die

Augen matt aufschlug: „Wo ist die Mutter?“

Sie trat im selben Augenblick herein.

Einen Augenblick sah der Kranke beide freundlich an, dann ging eine

Erschütterung über sein Gesicht: noch ein leiser Seufzer, ein Zittern,

und er war aller Angst und Not entrückt. Aber für die Seinen begann

sie in doppelter Weise. Bis zum Begräbnis gelang es dem Konsul, die

Ruhe um die beiden Trauernden zu erhalten; sie waren sehr verschieden,

diese beiden! Bei der Mutter mischte sich die Angst vor der drückenden

Lage, welcher sie entgegenging, so sehr mit der Trauer über den Verlust

ihres Gatten, daß all’ ihre Klagen mit Bitterkeit gemischt waren und

sie zu einer reinen, wohlthuenden Empfindung ihres Schmerzes gar

nicht kommen konnte, noch viel weniger zu dem Entschluß, irgendeinen

Plan für ihre Zukunft zu entwerfen. Martha fühlte, wenn sie an ihren

zärtlich geliebten Vater dachte, eine solche Beruhigung, ihn aller

Not entrückt zu wissen, daß ihre Thränen oft recht sanft und lind

flossen; sie fühlte auch Mut für die Zukunft, sie hatte den ernstlichen

Willen, ihrer verzagten Mutter das Leben nicht schwer, sondern leicht

zu machen, zu tragen, zu arbeiten, so viel sie konnte, aber freilich:

über das Wie? war sie ganz im unklaren; hier hoffte sie ganz auf

den Beistand des Onkel Konsul, und dieser wurde ihnen ja auch nach

Möglichkeit zuteil. Kaum war das Begräbnis seines Freundes vorüber,

als er bei den betrübten Frauen eintrat, um ihnen ihre Verhältnisse

klar darzulegen und über ihre nächste Zukunft zu beraten. Das Vermögen

der Frau Feldwart war ganz mit im Geschäft gewesen und nicht zu

retten. Aber der Verstorbene hatte in sehr hoher Achtung bei seinen

Berufsgenossen gestanden; so kam den Bemühungen seines Freundes

von allen Seiten viel guter Wille entgegen, und es wurde dadurch

möglich, nach dem Vergleich mit den Gläubigern eine kleine Summe zu

erübrigen, von welcher die Witwe, mit einer Leibrente, welche sie

besaß, notdürftig leben konnte; auch wurde ihr auf demselben Wege so

viel an Hausrat und Wäsche zugestanden, als sie zur ersten Einrichtung

notwendig brauchte.

Das war ja klar, daß die Verwaisten sich einen kleineren und

billigeren Wohnort suchen mußten. Frau Feldwart war auf einem großen

Gute erzogen in der Nähe der nicht ganz unbedeutenden Kreisstadt H.,

die freundlich zwischen Feldern, Wiesen und baumreichen Gärten lag.

Konsul M. kannte dort einen älteren Beamten, dem er den Auftrag gab,

eine bescheidene Wohnung zu mieten, auch dort am Orte ein Mädchen zu

besorgen, da bei der ganzen bisherigen Lebensweise der Frauen nicht zu

hoffen war, daß sie sich ohne ein solches behelfen könnten. Es kam denn

auch bald die Nachricht, daß beides geschehen sei. So wurde mit des

alten, betrübten Johanns Hilfe und unter Leitung des Onkels Konsul der

Möbelwagen gepackt, und die Frauen durften abreisen, bevor das schöne

Haus mit seiner trauten, prächtigen Einrichtung unter den Hammer kam.

Konsul M. brachte seine Verwandten zur Bahn; Frau Feldwart sah starr,

bleich und unglücklich aus, sie hatte in den letzten Tagen kaum ein

Wort gesprochen; Martha hing weinend an des Vetters Halse. Nun saßen

sie im Coupé, langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Die Mutter

schloß die Augen, während Marthas umflorte Blicke jeden lieben,

bekannten Gegenstand gleichsam noch einmal mit Liebe umfaßten, bevor

sie sich von ihm losrissen. Dort entschwanden die Straßen, in denen

sie so fröhlich gewandelt war; da in der Ferne die Linden, unter deren

Schatten der Vater schlummerte; hier die Bäume, unter denen Er, ach,

vor so kurzen Wochen, ihr gesagt, daß er sie liebe; er wußte nicht,

daß sie ins Elend zog; ihn trugen jetzt die Meereswellen hinaus, weit

hinaus, einer glänzenden Zukunft entgegen! Wenn er es gewußt hätte,

wie es um ihren Vater stand -- er wäre nicht gegangen! Er durfte es

niemals, niemals erfahren; er mußte dort im fernen Westen glücklich

werden. Und sie? ach, sie kam sich vor wie ein losgerissenes Blatt,

ratlos, kraftlos, willenlos vom Sturm der Zukunft entgegengetrieben.

Hilfesuchend falteten sich ihre Hände und unwillkürlich kamen ihr die

Worte auf die Lippen, die sie zuletzt mit ihm gesungen:

„So nimm mich hin, Rat, Kraft und Held,

Und mach’ aus mir, was dir gefällt.“

4.

Not und Sorgen.

Johann war abgereist, nachdem unter Marthas Leitung und mit seiner

treuen Hilfe die kleine Wohnung in möglichst behaglichen Stand

gebracht war. Er hatte noch Holz und Kohlen herbeigeschafft, hatte

dem Mädchen sämtliche Wirtschaftsgeräte, Eimer, Besen und Bürsten

mit den eindringlichsten Ermahnungen übergeben, und dann mit tausend

Segenswünschen und heißen Thränen von seiner Herrschaft Abschied

genommen. Mutter und Tochter saßen in der freundlichen, behaglich

durchwärmten Wohnstube und überblickten ihr neues Reich; Martha nicht

ohne das befriedigende Gefühl, durch ihren Geschmack ein so nettes

Ganze geschaffen zu haben; die Mutter immer noch traurig und still.

Die Wohnung lag in einem Hinterhause; aber nur die Fenster von Küche

und Speisekammer öffneten sich nach dem nicht ganz kleinen und völlig

sauberen Hof; die beiden Wohnstuben boten die freundlichste Aussicht

auf einen reich mit Bäumen bepflanzten, jetzt freilich unter weißer

Schneedecke ruhenden Grasgarten, und dicht hinter demselben floß ein

klarer Bach durch Ellerngebüsch, welches das dahinter liegende Feld zum

Teil verdeckte.

„Ist es nicht ganz nett, liebe Mama?“ fragte Martha sanft.

„Es ist ja gut so“, sagte diese in einem so gleichgültigen, traurigen

Tone, daß es Martha schwer wurde, die Thränen niederzukämpfen.

Freilich: Vergleiche durfte man ja nicht anstellen mit den Räumen, die

noch vor so kurzer Zeit sie umfangen hatten. Die Zimmer waren niedrig,

die Fensterscheiben klein; es fehlte die Fülle herrlicher Blumen und

Blattpflanzen, es fehlten die weichen, dicken Teppiche am Fußboden, die

schweren, sammetnen Übergardinen, die reichen Tischdecken, reizenden

Statuetten und Kronleuchter; außer einigen Familienphotographieen

war die Wand nur von einem einzigen Bilde geschmückt, einem guten

Kupferstich der Sixtinischen Madonna, welchen Herr Feldwart seiner

Frau zu ihrem letzten Geburtstage geschenkt und Onkel Konsul für

sie aus dem Zusammensturz gerettet hatte; aber es war durch Johanns

Aufmerksamkeit doch auch noch einiges Freundliche mit hergekommen,

das wohl imstande war, die Umgebung heimisch zu machen. In seinem

gewöhnlichen Messingbauer hing über Marthas Nähtisch ihr kleiner,

lieber Kanarienvogel; um die Bilder ihrer Eltern schlang sich, neu

aufgebunden, der selbstgezogene Epheu, und unter dem Tische lag auf

seinem alten Polster Ajax, das weiße Seidenhündchen. Er schlug jetzt

an, man hörte die Küchenthür gehen.

„Mama“, sagte Martha, „Thekla wird jetzt hereinkommen; möchtest du ihr

nicht Bescheid sagen?“

„Ich kann nicht, thue du das, Martha!“

Thekla erschien. Es war ein hübsches, gutgewachsenes Mädchen mit

lebhaften Augen und gewandten Bewegungen, und jedenfalls älter als

Martha. Diese stand ihr schüchtern gegenüber. Ach, sie war sich ihrer

eigenen Unzulänglichkeit nur zu sehr bewußt; ihre Fragen nach den

Leistungen der Gemieteten kamen nur zögernd über ihre Lippen; die

Antwort desto frischer und dreister aus Theklas Munde: „Ja, ich kann

alles, reinmachen, kochen und waschen.“

Dies klang tröstlich; zuerst sollte sie einholen, was nötig war.

„Bringen Sie Brot, Butter, Suppenfleisch und irgendeinen hübschen

Braten; bekommen Sie kein Geflügel, so nehmen Sie Filet!“

„Wie viel denn, Fräulein?“

„Ach, Sie werden ja sehen, ein Stück, das für uns paßt.“

Thekla erinnerte noch an einige dringende Bedürfnisse; es wurde eine

lange, lange Liste, und als das Mädchen fort war, fühlte Martha

erschrocken, wie leer ihr Beutelchen geworden war.

„Mama“, begann sie nach einer Weile schüchtern, „müßten wir nicht doch

einmal berechnen, wie viel wir eigentlich jede Woche ausgeben dürfen?“

Frau Feldwart hielt sich den Kopf: „Ich kann gar nichts; rechne du!“

Sie hatte ihrem großen Haushalte in ihrer Weise pünktlich und

ordentlich vorgestanden, aber sie hatte stets über sehr große Summen zu

verfügen gehabt; sie konnte es sich gar nicht denken, wie es möglich

zu machen sei, mit so wenigem auszukommen; dazu war das Unglück so

unerwartet über sie hereingebrochen; ihre Leibes- und Seelenkräfte

waren wie gelähmt.

„Hier im Buche steht alles“, sagte sie.

Martha nahm das Buch und rechnete, rechnete, bis ihr der Kopf heiß war,

aber ach, sie kam zu keinem Resultat. Wenn sie nur hätte teilen dürfen

in 12 Monate oder 52 Wochen; aber da war so vieles, das kam nur einmal

im Jahre.

Die Miete, ja, das stand hier: 300 Mark; Kohlen hatte Johann gekauft:

20 Ctr. Kohlen 17 Mark, 1 Meter Holz 7 Mk. 50 Pf.; aber was konnte

ihr das helfen? Hatte sie denn eine Ahnung, wie lange diese Portion

reichen würde? Dies arme Kind fühlte tief ihre Unzulänglichkeit. Ach,

es war gewiß noch vieles auszugeben, an das sie jetzt gar nicht dachte;

also mit dem Einteilen ging es heute noch nicht! Sie versuchte es auf

eine andere Weise; sie überlegte: „Wie kann ich sparen? Natürlich,

Gesellschaften geben wir jetzt nicht; Schmuck, Bilder, Noten, Bücher

dürfen wir nicht anschaffen; aber sonst haben wir zuhause doch einfach

gelebt: es gab nach der Suppe nur zwei Gerichte und ein Dessert. Ein

Gericht werden wir wohl streichen müssen, vielleicht auch das Dessert;

aber ihren Tischwein muß Mama natürlich behalten; wenn ich nur eine

Ahnung hätte, was die einzelnen Sachen kosten! Wenn mir doch nur Mama

etwas helfen wollte; ach, es ist so schwer, so schwer! Mein Siegfried,

mein armer, lieber Papa, ich habe nicht einmal so viel Ruhe, an euch zu

denken!“

Sie hatte ja den besten und treuesten Willen, ihre Schuldigkeit zu thun

und trotz ihrer doppelten Trauer einen reichen Springquell jugendlicher

Frische und Thatkraft in ihrem Herzen. Aber wie sehr wurde derselbe

auch in Anspruch genommen! Thekla zeigte wohl am ersten Morgen, daß

ihr die Hausarbeit nicht völlig fremd war, auch brannte nach langen,

vergeblichen Bemühungen endlich das Feuer in Stube und Küche. Aber nun

sollte gekocht werden! Ach, da wurde es klar, daß weder Fräulein noch

Mädchen auch nur den entferntesten Begriff von dieser Kunst hatten.

„Aber Thekla, Sie sagten doch, Sie könnten kochen, sieden und braten!“

„Nun ja, Fräulein, für uns zuhause; da kommt alles zusammen in einen

Topf, der wird morgens in die heiße Asche gesetzt, da kocht sich’s ganz

alleine. Aber hier, da ist noch nicht einmal ein Aschenloch, nur ein

Ofen, da verstehe ich nichts von!“

Da war guter Rat teuer. Wenn nur Martha irgendjemanden hätte fragen

können! Halt! eine Freundin ihrer Mutter hatte ihr einmal das Kochbuch

von Henriette Davidis geschenkt; das fand sie endlich nach langem

Suchen und studierte darin Bouillonsuppe und Lendenbraten. Aber es ist

mit der Kochkunst eine eigene Sache; wo alle Erfahrung und Anschauung

fehlt, gerät es auch nach dem besten Buche nur mangelhaft, und wer

all’ die kleinen, nötigen Handgriffe nicht übte, dem geht die Arbeit

sehr langsam von statten. Das Feuer meldete sich verdrießlich, weil

eine Hand darüber kam, die es noch niemals geschürt hatte; der Ofen

rauchte, weil eine Klappe geschlossen war, die geöffnet sein wollte;

und als nach langen, schweren Mühen nichts weniger als pünktlich das

Mittagsbrot auf den Tisch kam, schmeckte es jedenfalls ganz anders

als in B., und Frau Feldwart, die ohnehin wenig Appetit hatte, legte

verdrießlich ihren Löffel hin und schaute mit entsetzten Blicken auf

die große Menge Suppe und den noch größeren Braten, welche eine sehr

unliebsame Wiederholung auf morgen versprachen.

„Wir haben heute wirklich zu viel gekocht“, dachte Martha. Sie wollte

ja gern den Kopf oben behalten und sah es als ihre Aufgabe an, der

Mutter eine Stütze zu sein; hätte ihr ein erfahrenes und treues Mädchen

zur Seite gestanden, so würde sie vielleicht die Schwierigkeiten

überwunden haben. Aber ach! von ihrer Hauswirtin aufmerksam gemacht,

mußte sie bald entdecken, daß Thekla kein redliches Mädchen war, und

als einmal in der Nacht Frau Feldwart nach Kaffee verlangte und Thekla

geweckt werden sollte, um Feuer zu machen, zeigte es sich, daß sie zum

Tanze gegangen war und das Haus offen gelassen hatte. Hiervon mußte

Frau Feldwart erfahren.

„Sie darf nicht bei uns bleiben“, sagte sie, „schon um des Hauswirts

willen dürfen wir sie nicht behalten.“

Martha sah dies ein; sie fühlte, daß sie nicht die Erfahrung besaß,

welche dazu gehört hätte, das Mädchen auf besseren Weg zu bringen, und

so ging am anderen Morgen Thekla, und Martha sah ihr halb mitleidig,

halb schmerzlich bewegt nach mit dem demütigenden Gedanken: „Ich

konnte ihr gar nichts sein; ach, ich taste ja auch noch im Dunkeln

umher, und Gott mag geben, daß ich meinen Weg finde. Es ist eigentlich

gut, wir können ohne sie sparsamer sein!“

Es zeigte sich bald, wie nötig das war; Martha hatte gar nicht gedacht,

daß zum Leben so viel Bedürfnisse gehörten; das Geld verschwand unter

ihren Händen. Sie wollte sich bei der Mutter Rat und Anweisung holen,

aber die war innerlich wie gebrochen und schüttelte nur den Kopf: „Thu,

was du willst!“ Ach, da kamen für die Tochter auch recht mutlose,

dunkle Stunden. Nein, arm und reich sein galt ihr gar nicht gleich! In

der Phantasie war das recht schön, in der Wirklichkeit um so bitterer.

5.

Suschen von drüben.

Sie mußte sich nun ermannen und die Arbeit allein angreifen. Herr

Reinhold, ihr Wirt, hatte ihr versprochen, Erkundigungen nach einem

Mädchen oder einer Aufwärterin einzuziehen, aber sie auch darauf

vorbereitet, daß es einige Tage dauern könne, bevor sich Hilfe fände.

„Es schadet auch nichts, Fräulein! Der Laufbursche holt Ihnen Kohlen

und Wasser und kann auch in der Stadt was mit besorgen.“

Das war nun recht dankenswert, aber dennoch blieb eine große

Sorgenlast auf Marthas Herzen, und sie stand recht traurig in der

Küche und musterte die Reste vom vergangenen Tage, ob sich vielleicht

ein Mittagsbrot daraus zusammensetzen ließe; da klopfte es an die

Küchenthür, und als Martha dieselbe öffnete, erschien in ihrem Rahmen

ein Frauenkopf, braun gebrannt von der Sonne, mit hundert kleinen

Fältchen gezeichnet; das weiße Haar schimmerte nur wenig hervor unter

einem neuen, karrierten Kopftuche, das, am Hinterkopfe regelrecht

gebunden, in zwei gleichen, glatten Zipfeln nach beiden Seiten abstand,

und mitten aus den freundlichen Zügen leuchtete ein ungemein helles,

strahlendes Augenpaar die verwunderte Martha an: „Ach, ist’s denn

möglich? nein, gar nicht verändert, noch ganz und gar wie sonst, mein

liebes, liebes Fräulein!“

Marthas Verwunderung stieg: „Wen suchen Sie denn eigentlich, liebe

Frau?“

„Aber, mein Fräulein Riekchen, oder meine liebe Frau Feldwart, kennen

Sie mich denn nicht? Es sind ja nun wohl schon ein- oder zweiundzwanzig

Jahre, daß wir nicht zusammengekommen sind; aber Ihre alte Trude, die

sollten Sie denn doch wohl nicht vergessen haben.“ Martha fing an zu

begreifen. Trude! den Namen hatte sie von ihrer Mutter oft nennen

hören; sie lächelte: „Ja, was vor zweiundzwanzig Jahren war, kann ich

freilich nicht wissen; ich werde im Sommer erst achtzehn. Sehe ich

vielleicht aus wie meine Mutter damals aussah?“

Nun war das Lachen an der Alten.

„Ach freilich, freilich, Kind, accurat so! Wo dachte ich auch hin? Und

die Sprache, wie Sie sich ’rumdrehen und alles! Sehen Sie, gleich wie

ich aus der Schule kam, wurde ich bei ihr Kindermädchen; ich habe sie

auf meinen Armen groß getragen, dann nachher war ich Zimmermädchen auf

dem Gute. Als sie zum erstenmal zu Gottes Tische ging, da habe ich

ihr das schwarze Kleid angezogen und an ihrem Hochzeitstage Kranz und

Schleier gesteckt; ach, was war sie eine schöne Braut! All’ die Jahre

daher habe ich mich gesehnt, sie einmal wiederzusehen. Nun sagte mir

neulich der alte Herr, der die Wohnung hier gemietet hat, daß der Herr

Vater tot ist und daß sie hierhergezogen ist, weil es ihr schlecht

geht. Na, dachte ich, da mußt du hin, Trude, da mußt du hin! Ach, nicht

wahr, Fräulein, ich darf mit meiner alten Herrschaft sprechen?“

Es wurde der Martha feucht in den Augen und weich um das Herz; sie

war sich eben noch so grenzenlos verlassen vorgekommen, setzt sah sie

wieder ein wenig Licht und Hilfe. Sie ging hinein zur Mutter: „Mama,

deine alte Trude ist da; nicht wahr, du läßt sie hereinkommen? sie

würde sonst zu traurig sein.“

Frau Feldwart sah erst sehr erschrocken aus; aber all’ ihre

Jugenderinnerungen wurden lebendig; Trudens Güte und Treue spielte

darin eine große Rolle. Nein, die konnte sie nicht abweisen -- sie

nickte still und traurig mit dem Kopfe.

Trude setzte ihre Kiepe in der Küche nieder, breitete sorgsam ihren

dunkelblauen Mantel darüber und trat ins Zimmer. Frau Feldwart wollte

ihr entgegengehen.

„Ne, bleiben Se sitzen, bleiben Se ruhig sitzen, mein liebes Fräulein

Riekchen, und nehmen Sie es nicht für ungut, daß ich komme. Ich hörte,

daß der liebe Gott Sie so geprüft hat, und da mußte ich doch ’mal

nach Ihnen sehen. Wenn Sie als kleine Krabbe zu mir geweint kamen, da

konnte ich Sie wohl leichte trösten, und jetzt mag das ja schwer sein;

aber unsereiner kann doch sagen, daß man Anteil nimmt, und solche alte

Bekannte, wie wir sind, die sprechen sich doch gern ’mal aus.“

Frau Feldwart reichte der Alten die Hand und winkte ihr, sich zu

setzen: „Ja, Trude, wir sind sehr unglücklich geworden.“

„Nu, meine liebe Frau Feldwarten: welche der Herr lieb hat, die

züchtiget er; ich habe es auch erfahren. Ich habe einen Mann und zwei

Söhne begraben, und habe mich durchschlagen müssen mit drei schwachen,

kleinen Mädchen; da weiß ich wohl, wie Ihnen das zu Sinne ist.“

„Ach, Trude, es ist zu schwer: mein Mann tot und alles mit ihm

zusammengebrochen; nun in Armut sitzen und nicht wissen, wovon man am

andern Tage leben soll, und das arme Kind, die Martha, ach Gott, ach

Gott!“

Es waren die ersten Worte der Klage, die über Frau Feldwarts Lippen

kamen, so lange sie hier war; es waren die ersten Thränen, die jetzt

über ihre Wangen stürzten seit ihres Mannes Tode; sie kamen nun wie ein

unaufhaltsamer, nicht endenwollender Strom. Trude stand leise auf, nahm

den Kopf ihrer ehemaligen Herrin in ihren Arm, wie sie es gethan hatte,

als dieselbe noch ein Kind war, und strich mit ihrer welken Hand sanft

über das ergrauende Haar.

„Ja, weinen Se nur, weinen Se nur, Frau Feldwarten -- immer zu! Die

Thränen hat uns der liebe Gott gegeben; die fließen ab aus dem Herzen,

wenn es zu voll wird, daß es nicht bricht, und glauben Sie nur, der

liebe Gott hilft schon durch. Der Reichtum hat seine Freuden und seine

Lasten, und die Armut hat ihre Freuden und ihre Lasten; die Hauptsache

ist, daß der liebe Gott mit seiner barmherzigen Hand immer dazwischen

ist; hat doch der Heiland auch nicht im Schlosse gewohnt, sondern im

Stalle; ich meine, da ist’s noch lange nicht so fein gewesen wie hier

in der Stube.“

Martha war hereingekommen, das Wort traf sie tief! Die Alte sah, daß

die Thränen ihres Pflegekindes sanfter flossen -- sie stand auf.

„Darf ich denn ’mal wieder kommen, Frau Feldwart?“

„Ach, Trude, komme ja, so oft du kannst; aber wo wohnst du denn

eigentlich und was treibst du?“

„Ach, mir geht’s jetzt ganz gut; zwei von meinen Töchtern sind

verheiratet, die älteste ist in recht guten Verhältnissen, die jüngste

dient auf dem Amte, und mir hat der Herr Amtmann das Häuschen beim

Thore gegeben, wo sonst der alte Boten-Ferdinand wohnte; ich thue die

Botengänge nach L. und nach hier; ich bin glücklich auf meine alten

Tage.“

Frau Feldwart sah hinaus; der Februarsturm peitschte den Regen gegen

die Scheiben.

„Aber bei solchem Wetter gehst du auch? Wirst du da nicht krank?“

Die Alte lachte: „Ach, das wird man alles gewohnt. Sehen Sie, beim

Schmied wird die Hand hart, daß er keine Hitze mehr fühlt, und beim

Tischler wird die Hand hart, daß ihm der Hobel nicht mehr weh thut, und

bei mir da ist nachgerade das ganze alte Fell hart geworden, daß mir

Wind und Wetter nichts mehr anhaben kann; man glaubt nicht, was sich

alles lernt im Leben.“

Sie ging; Martha begleitete sie, um ihr den Korb mit aufheben zu

helfen; sie erzählte ihr das Unglück mit dem Mädchen, und die Alte

versprach ebenfalls, ihre Augen und Ohren danach aufzuthun.

„Jetzt aber, Fräulein, jetzt müssen Sie mir noch die Liebe thun und die

zwei Paar jungen Tauben annehmen; bei meiner Kathrine sitzen sie über

dem Kuhstall, da brüten sie bald.“

Martha dankte herzlich, aber sie faßte die Thierchen mit einem

ängstlichen Blick auf Trude.

Diese lachte: „Ach so! das Fräulein hat gewiß noch keine geschlachtet;

da will ich die Köpfe nur gleich noch abreißen -- so! Nun behüte Sie

der liebe Gott, und halten Sie Ihren jungen, hübschen Kopf oben, daß

die Mutter keine betrübten Gesichter sieht, es geht alles in der Welt

mit der Gotteshilfe.“

Martha war ganz mit ihr einverstanden im tiefsten Innern, besonders

was die großen Sorgen des Lebens betraf; wie es jetzt aber weiter

gehen sollte mit ihrer Wirtschaft und speziell mit diesen zwei Paar

Tauben, das war ihr sehr unklar. Für das Große, meinte sie, da könnte

man doch den lieben Gott recht anrufen, aber für solche Lappalien, die

man noch dazu durch seine Dummheit verschuldet hat, da erschien es

ihr fast, als dürfte sie es nicht. Zunächst, das schien ihr gewiß zu

sein, mußten die Tauben gerupft werden; sie setzte sich auf den Rand

des Küchentisches dicht ans Fenster und begann die ungewohnte Arbeit.

Es ging sehr langsam; sowie sie sich bemühte, etwas schneller vorwärts

zu kommen, riß die feine Haut ein; dazu war ihr das Herz so schwer.

Was sie schon längst bedrückt hatte, das war ihr heute vor dem leeren

Kohlenstalle zur Gewißheit geworden; sie hatte schlecht gewirtschaftet,

und ihre Gelder mußten zu Ende sein, bevor dieser Monat zu Ende war;

vor dem ersten April war nichts Neues zu erwarten, und sie quälte

sich mit dem Gedanken, wie es bis dahin werden sollte; sie hatte sich

zusammengenommen diese ganze Zeit; jetzt tropfte langsam eine Thräne

nach der anderen herab aus ihren Augen, und sie mußte immer wieder die

Arbeit sinken lassen, um diese zu trocknen. Ohne es zu wissen, hatte

sie dabei zwei teilnehmende Zuschauerinnen. Der Feldwartschen Küche

gegenüber lag die Küche der großen Wohnung im Vorderhause; dort hatte

Martha bis gestern neben dem Dienstmädchen nur eine schlanke Dame

wirtschaften sehen, und zuweilen bemerkt, daß die Blicke derselben

freundlich und teilnehmend auf ihr ruhten. Heute zeigte sich neben

der Dame ein junges, behendes Mädchen, ohngefähr in Marthas Alter.

Als Martha von ihrer Arbeit aufblickte, sah sie die junge Gestalt am

Fenster stehen, und als sie nach einiger Zeit zum zweitenmale hinsah,

grüßte dieselbe freundlich, und Martha dankte ihr. Jetzt bemerkte sie,

wie Mutter und Tochter -- das waren sie sicher -- eifrig miteinander

sprachen: die Mutter lachte, die Tochter verschwand, und einige Minuten

später klingelte es an Feldwarts Korridorthür.

Als Martha öffnete, stand das junge Mädchen mit hocherrötendem,

verlegenen Gesichte ihr gegenüber: „Ach, verzeihen Sie, ich bin ja nur

das Suschen von drüben.“

Martha wollte ihr die Zimmerthür öffnen.

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 2 / 15 段