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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1887 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Der Ausdruck ‚et cetera‘ wird im ursprünglichen Text mit Hilfe
der Tironischen Note ‚Et‘ dargestellt. Da diese Note in vielen
Zeichensätzen nicht enthalten ist, wird in der vorliegenden Fassung
die im Deutschen gebräuchliche Abkürzung ‚etc.‘ verwendet.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere
Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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Das Weihnachtslied.
Das Weihnachtslied.
[Illustration]
Eine Erzählung für junge Mädchen
von
Lina Walther.
Gotha.
Friedrich Andreas Perthes.
1887.
Ihren drei Nichten
Elisabeth Moeller
Hanna Pfeifer
und
Anna Moeller
gewidmet
von der
Verfasserin.
Inhalt.
Seite
1. Einleitung 1
2. Jugendsonnenschein 16
3. Sturm 29
4. Not und Sorgen 44
5. Suschen von drüben 52
6. Die Urgroßmutter 82
7. Muß man denn immer im Streit sein auf Erden 120
8. Schwerer Abschied 139
9. Bei Werners 154
10. Noch eine neue Schule 192
11. Auf eigenen Füßen 285
Schluß 289
1.
Einleitung.
Die Adventszeit hatte begonnen. Am Morgen war der erste Schnee
gefallen; jetzt erglänzte der Abendhimmel klar und rein; die mit
den feinen Krystallen des Rauhreifs geschmückten Zweige hoben sich
scharf ab von seinem leuchtenden Hintergrunde; vom nahen Rain herüber
hörte man die Stimmen jubelnder Kinder, die zum erstenmal in diesem
Jahre auf ihren Handschlitten die rasche, immer aufs neue beginnende
Reise machten, vom Hügel zur darunter liegenden Wiese. Am Ende einer
Lindenallee, die mit ihren feinen Zweigen ein besonders strahlendes
Bild in der lichten Landschaft abgab, wenige Minuten nur von der
kleinen Stadt entfernt, öffnete sich jetzt die Thüre eines großen,
grauen Hauses, und mit leisem, fröhlichem Geplauder erschienen auf
der Schwelle etwa 20 bis 25 jugendliche Gestalten, einige schon
jungfräulich erscheinend, andere noch in der Kindheit stehend.
Sobald sie die breite Freitreppe verließen, war es, als sei ein Trupp
gefangener Vögel in Freiheit gesetzt worden: die älteren wanderten
paarweis oder zu dreien plaudernd dahin; die jüngeren versuchten zu
schlittern, und hie und da griff eine mit etwas scheuem Seitenblick
nach den Fenstern des Hauses wohl auch nach einem Schneeball, eine
fröhliche Kanonade zu beginnen. Da hörte man etwas lauter als
gewöhnlich eine schlanke Blondine sagen: „Kinder (Kinder ist eine sehr
oft gebrauchte Anrede zwischen Backfischen), sie ist reizend!“ Als ob
das Signal zum Sammeln geblasen wäre, so flogen jetzt die Köpfe aller
größeren Mädchen nach der Seite der Sprecherin; sie stand sofort von
einem dichten Kreis umgeben, aus welchem immer wieder die Ausdrücke:
„Entzückend! einzig! süß! zu lieb!“ zu hören waren.
„Ja“, rief eine kleine runde Braune, „es giebt nur +eine+ Fräulein
Feldwart. O, wie ist sie liebevoll! und so anmutig! Stundenlang kann
man ihr mit Spannung zuhören; bei der alten Fräulein Klug wurde ich
immer in der ersten Viertelstunde müde!“
„Was weiß sie alles“, rief eine andere, „wie erzählt sie, wie schön
singt sie!“
Der Gegenstand dieser Begeisterung war die neue Lehrerin, Martha
Feldwart, welche seit Ostern in die Schule der Frau W., für die alte,
gebrechlich gewordene Fräulein Klug, eingetreten war.
Jetzt öffnete sich die Hausthüre noch einmal, und die schwärmerisch
Verehrte erschien auf der Schwelle, in der Hand den Regenschirm und
die Mappe mit den Zeichnungen, Noten und Büchern. Es war eine leichte,
schlanke Gestalt, mit einem feinen, ein wenig blassen Gesichte, dessen
dunkle Augen in lieblicher Freundlichkeit leuchteten, als die jungen
Mädchen sie umdrängten, und von allen Seiten die Bitte ertönte:
„Ach, lassen Sie mich Ihren Regenschirm tragen! Ihre Mappe, Fräulein
Feldwart!“
„Laßt es mir nur“, sagte sie mit angenehmer, herzlicher Stimme, „ich
kann es ja doch nicht allen zugleich geben.“
„Aber jeder ein kleines Stück, bitte, bitte!“ fing der Chor noch einmal
an, und die Kühnsten hatten sich schnell in Besitz der fraglichen
Gegenstände gesetzt.
„Trugt ihr Fräulein Klug auch immer die Mappe nachhaus?“ fragte
Fräulein Feldwart.
Die Kinder blickten sich an mit wunderlichen Gesichtern; endlich sagte
eine: „Ach, das hätten wir gar nicht gewagt; sie sah immer so böse aus,
Fräulein Feldwart!“
„O“, erwiederte diese ernst, „sie ist gewiß immer recht müde und
matt gewesen, die Arme! Wie schwer mag ihr der Unterricht bei ihren
Schmerzen in letzter Zeit geworden sein. Nun hört! bis an die Ecke der
Schustergasse dürft ihr mir die Sachen tragen, -- wenn ihr es durchaus
wollt; dann gebt ihr sie mir ohne Widerrede und laßt mich alleine
nachhause gehn.“
Wenn Fräulein Feldwart so bestimmt sprach, war ihr nichts abzuhandeln,
gar nichts! das wußten die Kinder. Die Schustergasse war schnell
erreicht, und mit herzlichem Gruße trennten sich Lehrerin und
Schülerinnen.
„Warum wir nicht weiter mitkommen sollen?“ fragte die kleine braune
Helene.
„Ich glaube, ich weiß es“, rief die blonde Eva, „es ist von wegen der
Klug, die wohnt mit ihr in einem Hause!“
„Hört!“ fing jetzt Agnes mit leuchtenden Augen an, „mir fällt eben
etwas zu Schönes ein; sie ist noch so fremd hier; wir müssen ihr zu
Weihnachten ein Bäumchen putzen, und jede von uns hängt eine kleine
Arbeit daran.“
Begeisterung und Zustimmung von allen Seiten! Welch neuer Stoff zur
Unterhaltung! An jeder Straßenecke gab es vor der Trennung noch eine
lange Konferenz, und den Müttern wurde zuhause kaum Zeit gelassen,
sich nach der ungewöhnlichen Verzögerung des Heimwegs zu erkundigen.
Bevor noch das sonst so ersehnte Vesperbrot angerührt wurde, waren
sie überschüttet mit den schönen Weihnachtsplänen, und die meisten von
ihnen, froh über den beglückenden Einfluß der jungen Lehrerin, boten
gerne die Hand zu ihrer Ausführung.
Indessen hatte Martha Feldwart das bescheidene Haus erreicht und die
beiden Treppen erstiegen, welche zu ihrer einfachen Wohnung führten.
Angenehm überrascht blieb sie einen Augenblick auf der Schwelle stehen;
das Feuer im Ofen brannte schon und verbreitete eine behagliche
Wärme; der Kaffeetisch war gedeckt, und die kleine Kanne stand in der
Ofenröhre. „Die gute Fräulein Klug!“ rief die Eintretende gerührt,
„da hat sie ’mal wieder alles für mich gethan, trotz ihrer steifen
Glieder!“ Kaum hatte sie Hut und Mantel abgelegt, da eilte sie den
Korridor entlang zum Stübchen der alten Kollegin, ihr Gruß und Dank für
ihre Mühe und Sorgfalt zu bringen.
Es war eine krumme, gebeugte Gestalt mit einem Angesichte voller
Runzeln und Falten, die dort im Lehnstuhl ruhte, und da sie viel an
Gliederschmerzen litt, trugen ihre Züge einen leidensvollen, grämlichen
Ausdruck; aber aus den Augen leuchtete es doch freundlich, als sie
ihrer jungen Nachfolgerin die welke Hand entgegenstreckte: „Ich bin ja
froh, Fräulein Marthchen, wenn ich noch ’mal was thun darf“, erwiderte
sie auf Marthas warmen Dank.
„Sie sollten herüber kommen und den Kaffee mit trinken!“ bat diese.
„Lassen Sie mich, liebes Kind! ich habe eben eine Lage gefunden, in
welcher ich es ohne Schmerzen aushalten kann, und Sie müssen ja doch
dann Hefte korrigieren; da können Sie keine Gesellschaft gebrauchen.“
„Ich sehe aber nachher noch einmal herein und helfe Ihnen ins Bett; das
darf ich doch?“
„Gewiß“, lächelte die Alte, und die Jüngere kehrte in ihr ungemein
sauberes, gemütliches Zimmer zurück.
„Ich will mir doch morgen Wolle mitbringen zu einem Tuch für sie“,
sagte sie leise.
Schöne Adventszeit! Das Christkind ist nicht weit; seine Liebe dringt
durch Paläste und Hütten, seine dienstbaren Geisterchen gehen von
Haus zu Haus, von Herz zu Herz, erwecken Liebesgedanken, entzünden
zu Liebesthaten: groß und klein, und alt und jung. Gar so schnell
eilten Tage und Stunden dahin für alle die emsig schaffenden Hände;
der Christabend erschien, bevor man sich dessen versah. Es war kein
freundlicher Tag mit strahlendem Sonnenschein über der weißgekleideten
Erde. Vom Morgen an tanzte der Schnee durch die Luft in so dichten
Flocken, daß man kaum wenige Schritte weit sehen konnte; der
Wirbelwind jagte ihn, schlug ihn an die Fensterscheiben, und trieb
ihn den mühsam dahinschreitenden, vermummten Gestalten ins Gesicht,
welche ihre letzten Weihnachtsbesorgungen machen wollten; er warf
an den Straßenecken Schneeberge auf, als wollte er allen Verkehr
hindern und hemmen; er entführte die leinenen Wände der Buden auf dem
Weihnachtsmarkte, und dort an der Ecke, wo sie seiner Gewalt am meisten
ausgesetzt waren, stürzten mit großem Krachen zwei Honigkuchenbuden um;
der Besitzer schimpfte und rieb sich die Glieder, die etwas getroffen
worden waren. Mit großem Hallo! und Heisa! eilte die Straßenjugend
herbei, wühlte im Schnee und suchte verunglückte Honigkuchenmänner,
Pfeffernüsse und Bonbons darunter hervorzuziehen. Der Mann wehrte,
seine Frau drohte, aber es war ja Weihnachten! Ein sehr schlimmes
Gericht erging nicht über die Eindringlinge, und manches arme Kind
hielt in den kalten dunkelroten Händchen mit strahlendem Angesichte ein
süßes Beutestück. Auch Martha hatte sich gegen Abend wohl vermummt noch
einmal hinausgewagt mit einem Korb am Arme. Ihre Waschfrau war krank
gewesen und erst seit wenigen Tagen wieder außer Bett; ihr trug sie
etwas Lebensmittel und selbstgestrickte Müffchen und Strümpfe für die
Kinder hin; viel konnte sie nicht erübrigen von ihrem kleinen Gehalt,
aber es war ja Weihnachten! da mußte sie auch die Freude des Schenkens
haben. Sie fand die Familie um ein Tannenbäumchen versammelt, an dem
wenige Äpfel und Nüsse hingen und ein paar kleine Lichter brannten.
Mit Jubel wurden ihre Gaben empfangen, und die Danksagungen aller
folgten ihr, als sie von da den weiteren Weg zum Vespergottesdienst
antrat. Es war ein rechtes Kämpfen gegen Sturm und Wetter; aber es war
ja Weihnachten! Von rechts und links, aus kleinen Gassen und breiten
Straßen eilten mit fliegenden Mänteln und Kleidern alte und junge
Gestalten herbei, und als die kleine Kirche mit den lichtübersäeten,
liliengeschmückten Weihnachtsbäumen die Wanderer in ihren Friedenshafen
aufnahm, als ihnen entgegenklang: „Dies ist die Nacht, da mir
erschienen des großen Gottes Freundlichkeit; das Kind, dem alle
Engel dienen, bringt Licht in meine Dunkelheit, und dieses Welt- und
Himmelslicht weicht hunderttausend Sonnen nicht“; -- da verstärkte der
Gegensatz von drinnen und draußen das selige Gefühl, beim Christkind
geborgen zu sein vor allem Weh und allem Leid des Lebens. Auch in
Marthas empfängliches Herz drang der Strahl der Weihnachtssonne, auch
sie empfand tief das: „Siehe, ich verkündige Euch große Freude!“ und
erhoben und erquickt trat sie den Rückweg an. Er war weit leichter als
der Hinweg; denn, als hätte auch der Sturm die Nähe dessen gefühlt, dem
Wind und Meer gehorsam sind: es war ganz stille geworden draußen. Der
Mond war durch die Schneewolken hindurchgebrochen; in seinem milden
Lichte glänzten festlich die weißen Straßen und Dächer; hin und wieder
ward jetzt ein Fenster hell und die Lichter des Christbaumes warfen
ihren Schein hinaus auf die Straße. „Es ist doch schade, daß ich mir
kein Weihnachtsbäumchen geschmückt habe“, dachte Martha als sie die
enge, wohlbekannte Treppe hinaufstieg. Sie zündete ihre Lampe an und
wollte eben das vollendete Tuch für die alte Nachbarin aus der Kommode
nehmen, da hörte sie Flüstern und Schritte auf der Treppe; sie öffnete
die Thüre, um zu leuchten, aber der Schein einer Laterne glänzte ihr
entgegen, eine kleine weiße Hand schloß energisch die Thüre und eine
liebliche junge Stimme sprach: „Ruhig drin geblieben, sonst bläst Ihnen
das Christkind die Augen aus!“ Dann erklang, von wohlbekannten Stimmen
gesungen, ihr Lieblingsvers:
„Fröhlich soll mein Herze springen
Dieser Zeit, da vor Freud’
Alle Engel singen;
Hört, hört wie in vollen Choren
Alle Luft laute ruft:
Christus ist geboren!“
Dann öffnete sich die Thüre, und welcher Anblick war schöner? Der
grüne zierliche Baum mit brennenden Lichtern, goldenen Sternen und
lieblichen Rosen, oder die hellen Augen, die von der Kälte geröteten
Wangen und strahlenden Gesichter ihrer heißgeliebten Kinder? Die
Thränen stiegen der Überraschten in die Augen; sie wußte selbst
nicht, was ihr Herz jetzt am meisten bewegte; die himmlische oder die
irdische Weihnachtsfreude, und sie konnte anfangs gar nichts weiter
sagen, als: „Meine Kinder! meine lieben Kinder!“ und eine der zarten
Mädchengestalten nach der andern in ihre Arme und an ihr Herz ziehen.
Aber diese wünschten jetzt noch etwas anderes. Martha sollte auch
die Arbeiten ihrer fleißigen Hände bewundern und sich über jedes der
kleinen Geschenke einzeln freuen. Sie that es so gerne, aber mitten
in dem fröhlichen Betrachten durchzuckte sie der Gedanke: „Ach,
meine Klug! meine arme Klug!“ und die Kinder wußten nicht, warum sie
auf einmal so still und nachdenklich zwischen ihnen stand und ein
so wehmütiger Schatten über das Angesicht flog, dessen wechselnden
Ausdruck ihre kindliche Liebe sonst so wohl verstand.
„Liebe Kinder“, sagte Martha endlich: „Wollt ihr mich nun ganz, ganz
glücklich machen?“ Aller Augen hingen voll Spannung an ihren Lippen.
„Seht, neben mir wohnt Fräulein Klug. Die hat nicht nur euch, sondern
schon vor euch, euere Mütter unterrichtet und hat viel, viel mehr
Anspruch auf euere Dankbarkeit als ich. Nichtwahr, wir tragen ihr das
Weihnachtsbäumchen hinüber? Was gar nicht für sie paßt, das nehme ich
mir herunter; aber die warmen Müffchen und den Ohrenwärmer und einiges
andere, das lassen wir hängen; ist’s euch so recht?“ Ach nein! es war
ihnen gar nicht recht; sie sahen recht niedergeschlagen und traurig
aus. „Sie sorgt für mich, wie eine Mutter, und (hier wurde Marthas
Stimme unsicher) ich werde auch ’mal alt und kränklich sein.“
Da wurde es unruhig in den jungen Herzen und Gewissen, und als die
blonde Eva schüchtern sagte: „Ja, wenn es Ihnen so die meiste Freude
macht, Fräulein Feldwart“, da stimmten die andern getröstet ein.
Die Jugend ist elastisch; die Kinder halfen nun selbst auswählen, was
hier bleiben und was hinüber gebracht werden sollte, und gingen gern
auf Marthas Wunsch ein, daß vor Fräulein Klugs Thüre nicht nur der
erste Vers des schönen Weihnachtsliedes, sondern auch der siebente
und der neunte gesungen werden sollte. Das wurde denn auch sehr schön
ausgeführt; denn Marthas klare, sichere Stimme leitete den Gesang.
„Faßt ihn wohl, er wird euch führen an den Ort, da hinfort euch kein
Kreuz wird rühren.“ Das war der Schluß. Drinnen war es ganz still
geblieben. Leise klopfte Martha und öffnete vorsichtig; da stand
Fräulein Klug mitten im Zimmer, hielt sich an die Lehne ihres Stuhles;
gewaltiger Kampf war in ihren Zügen, aber mit finster abweisendem
Blicke sah sie auf die Kinder und den geschmückten Baum. Es fühlten
in diesem Augenblick alle, Martha am tiefsten, daß sie der Einsamen
ein zweifelhaftes Glück bereiteten, und keines konnte sogleich eine
passende Anrede finden.
Fräulein Klug zeigte mit ihren dünnen Fingern auf Martha: „Sie hat es
euch gesagt, und der Baum ist für sie, und in euere Gedanken ist das
nicht gekommen!“
Die arme Martha wurde blaß und rot und kämpfte mit den Thränen; konnte
denn, was der heiße Wunsch ihres Herzens ihr schneller eingegeben
hatte, als sie sonst Entschlüsse zu fassen pflegte, wirklich so schlimm
sein in seiner Wirkung? Wie schwer ist es, in solchen Lagen das
befreiende Wort zu finden! Mitunter lehrt es die Liebe.
Evas Auge hatte fest an dem Gesicht der geliebten Lehrerin gehangen;
jetzt zog tiefes Rot über ihre Wangen, sie trat zu Fräulein Klug,
und sagte mit inniger Stimme: „Es war freilich sehr schlimm, liebes
Fräulein, daß es uns erst gesagt werden mußte, wir wissen aber jetzt,
daß wir sehr undankbar gewesen sind! Bitte, vergeben Sie es uns am
heiligen Weihnachtsabend und nehmen Sie unser Bäumchen freundlich an,
von uns oder von Fräulein Feldwart, von wem Sie es lieber wollen.“
Da ging eine große Bewegung über das alte Gesicht: „Nein, Kinder!
das Bäumchen, das habt ihr für Martha geputzt; das soll ihr Stübchen
schmücken in den Feiertagen; ich komme schon hinüber und sehe es mir
an; aber singt mir dann das schöne Lied noch einmal; das wird mir
wohlthun.“
Der milde Ton ermutigte die Kinder, sie wurden jetzt ganz eifrig im
Zureden: „Aber die Honigkuchen müssen Sie nehmen; meine Mutter hat sie
selbst gebacken, und Fräulein Feldwart hat die andere Hälfte!“
„Und die Müffchen!“
„Und die warmen Handschuhe!“
Das alte Herz war erweicht; dies und jenes nützliche Stück blieb
in ihren Händen; teils konnte sie den bittenden Kinderaugen nicht
widerstehen, teils nahm sie es ihrer jungen Gefährtin zuliebe. Nun ward
das schöne Lied noch einmal gesungen, das alte Fräulein gab ernst aber
freundlich jedem Kinde die Hand; der Tannenbaum wurde wieder in Marthas
Zimmer getragen; dann eilte das junge Voll nachhause, dem eigenen
Weihnachtsbaum und der Bescherung der Eltern entgegen.
Martha aber ging mit ihrem Tuche noch einmal zu ihrer alten Freundin
hinein. Als sie es ihr um die Schultern legte, fiel aus dem jungen Auge
eine Thräne auf die alte runzelige Hand. Sie sprachen beide nicht;
Martha setzte sich auf einen Schemel der Alten zu Füßen; diese legte
ihre Hand auf den reichen braunen Scheitel und erst nach einer Weile
sagte sie: „Ich war recht schlecht; es war ja so natürlich, und Sie
meinten es so gut, Marthchen! Aber es ist auch schwer, wenn man einmal
jung war und tüchtig und geliebt, und nach und nach fühlt man, daß die
Kräfte schwinden, und daß man seinen Platz nicht mehr ausfüllen kann!
Wenn man dann beiseite geschoben wird und vergessen, da giebt es einen
harten Kampf um Demut und Geduld und um Liebe! Gott schenke Ihnen ein
leichteres Los, mein liebes Kind!“
Marthas Herz war zu voll zum reden; der Mond schien ins Zimmer; sie
saßen beide eine Viertelstunde still in seinem milden Lichte; da
hörte Martha die alte Freundin leise sagen: „Faßt ihn wohl, er wird
euch führen an den Ort, da hinfort euch kein Kreuz wird rühren.“ Sie
merkte, daß ihre Seele dahingegangen war, wo man des Menschentrostes
gern entbehrt und am liebsten allein ist; so ging sie hinüber in ihr
Stübchen.
Die Lichter am Tannenbaum brannten noch; sie waren aber sehr kurz
geworden; mitunter entzündeten sich einzelne Tannennadeln und sandten
ihren einzigen, lieben Weihnachtsduft durch das Zimmer. Wem bringt
dieser Duft nicht die süßesten Bilder aus seiner Jugendzeit mit?
Martha saß mit gefalteten Händen, ihr Herz war bewegt. Süße und
schmerzliche Gedanken zogen durch ihre Seele; die Erinnerungen ihres
ganzen Lebens gingen an ihrem inneren Auge vorüber. Die Gedanken
haben schnellere Flügel als Wolken und Winde; eine kurze halbe Stunde
genügte für die Reise durch ihr Leben. Wir, meine liebe junge Leserin,
gebrauchen längere Zeit, wenn wir sie auf derselben begleiten wollen,
und ich bitte dich dazu um deine freundliche Aufmerksamkeit und um ein
wenig Geduld.
2.
Jugendsonnenschein.
Im Herzen einer deutschen Residenzstadt lag das stattliche Haus des
Kommerzienrat Feldwart. Es erschien nicht als Palast, sondern als
geräumiges Wohnhaus; es war von außen nicht überladen mit Schmuck, aber
geschmackvoll und harmonisch in seinen Formen. Hinter den hohen hellen
Spiegelscheiben fielen reiche Gardinen herab, dazwischen erblickte man
prächtige, ausländische Gewächse mit ihrem mannigfachen Grün, und wer
den Hausflur betrat, dem sagte die feine Mosaikarbeit des Fußbodens,
die köstlichen bronzenen Flurlampen, von Statuetten gehalten, der
weiche Teppich, der die Stufen der Treppe bedeckte, das stilvolle
Geländer aus Schmiedeeisen und die schweren, eichenen, polierten Thüren
an beiden Seiten, daß er sich im Hause des Reichtums befand. Dies
schöne Haus ward bewohnt von dem wohlwollend aber ernst aussehenden
Hausherrn, seiner etwas starken aber elegant und vornehm erscheinenden
Frau, und Martha, der einzigen Tochter beider, dem schönen, fröhlichen
und klugen Mädchen, das noch nicht lange aus den Kinderschuhen
herausgetreten war, und, wie man es zu nennen pflegt, diesen Winter
in die Welt eingeführt werden sollte. Ja, wollte denn Martha wirklich
in die Welt? War sie ein Weltkind, das nur am Irdischen Freude fand?
O nein! Marthas Seele war jedem höheren geistigen Interesse offen;
die Eltern hatten sich bemüht, ihr die besten Lehrer zu geben, die
wertvollsten Bücher in ihre Hände zu legen; wo es etwas Nützliches und
Gutes zu hören gab, da mußte Martha dabei sein, und als die Zeit ihrer
Einsegnung gekommen war, war sie einem treuen Seelsorger anvertraut
worden; dem war es, da sein eigenes Herz in aufrichtiger Liebe zu
Gott und dem Heilande brannte, leicht geworden, in dem empfänglichen
Kinderherzen die gleiche Flamme anzufachen. Martha ging, auch nachdem
sie den Unterricht verlassen hatte, gern und freudig zur Kirche; sie
las andächtig in Gottes Wort und ihren schönen Erbauungsbüchern, sie
sang mit Begeisterung fromme, geistliche Lieder und hob mit kindlichem
Sinne morgens und abends ihre Hände betend auf. Aber Martha ging
auch eben so gern ins Konzert und Theater, Martha zog sich auch gern
hübsch an und hatte Geschmack darin, schnell auszuwählen, was für sie
paßte; denn stundenlanges Beschäftigen mit Toilettengegenständen war
ihre Sache eben nicht; Martha tanzte auch gerne. Es war so sehr der
natürliche Ausdruck der Jugendkraft und Jugendlust, wenn sie nach dem
Rhythmus der Musik durch den glattgebohnten Saal flog, und es brauchte
zu ihrem Vergnügen gar kein Ball zu sein; wenn die Mutter einen Walzer
spielte, nahm sie ihr kleines, weißes Seidenhündchen auf den Arm und
tanzte fast mit noch größerer Lust durch das Zimmer, wie in der größten
Gesellschaft.
Sie mußte auch in ihrer Art fleißig sein, denn ihre Zeit war sehr
besetzt; es gab noch französische und englische Stunde; einen
italienischen Abend, Klavier- und Singunterricht, Gesangverein,
Vorlesungen, Lesekränzchen, Proben und Konzerte -- jeden Tag etwas
anderes. Dazu kam eine angenehme Geselligkeit. Langeweile kannte sie
nicht; es war ihr nur zuweilen, als ob dies vielerlei sie abhielte,
das einzelne so gründlich zu treiben, wie sie es gerne gethan hätte;
aber Gott hatte ihr einen klaren Kopf, gute Anlagen und frische Kräfte
gegeben, und so schwamm sie doch eigentlich in den Wellen dieser
verschiedenen Eindrücke wie ein Fischlein im Wasser oder ein Vogel in
der Luft, mit glücklichem Herzen und fröhlichem Angesichte; brauchten
ihr doch all die Arbeiten und Mühen des alltäglichen Lebens, die
man zusammen Wirtschaft nennt, keine Sorge zu machen; die ruhten
sicher in den Händen einer wohlgeschulten Dienerschaft und waren in
den behaglichen Wohnzimmern, in denen sich Martha bewegte, nur wenig
zu merken. Der einzige Wunsch, der ihrem jungen Herzen unerfüllt
geblieben, war der: o, hätte ich doch Geschwister! Sie hatte Bekannte,
viele Bekannte; sie nannte sie Freundinnen; aber sie hatte ein Gefühl
davon, die wahre Freundschaft müßte noch anders, noch tiefer und
reicher sein. O, dachte sie oft: eine Schwester, ein Bruder wäre mehr
als sie alle!
Der Vater Feldwart war oft sehr versunken in seine Geschäfte,
die Mutter eine stille, bequeme Dame; da war ihr der Wunsch nach
jugendlicher Gesellschaft nicht zu verdenken und siehe, seit einigen
Jahren war auch diese ins Haus gekommen und hatte ihr einen großen
Zuwachs an Lebensfreude mitgebracht. Der Vater hatte einen einzigen
Jugendfreund gehabt, einen Doktor Kraus; der war Arzt in einem
Provinzialstädtchen und lebte dort, seit Gott ihm seine Frau genommen,
ganz der Erziehung seines einzigen Sohnes Siegfried. So lange er
rüstig war, hatte er sich jedes Jahr einige Wochen frei gemacht und
sich an irgendeinem schönen Ort im Gebirge, bald im Harz, bald im
Thüringer Wald, bald im Schwarzwald, mit der Feldwartschen Familie
zur Sommerfrische vereinigt, und dies war für beide Freunde, sowie
für ihre wilden fröhlichen Kinder stets eine ersehnte und genußreiche
Zeit; der schlank aufgeschossene Siegfried war dann der Ritter der
kleinen Martha, und da er um 6 Jahre älter war als sie, galt er als
ihr Beschützer auf allen Wegen. Aber schon seit Jahren hatte Herr
Kraus nicht mehr reisen können; ein schweres inneres Leiden fesselte
ihn zuerst ans Haus, dann an sein Lager, und niemand wußte besser
als er, daß es ihn seinem Ende entgegen führte. Sein Freund Feldwart
hatte ihn auf seinem Schmerzenslager noch einmal besucht und ihm das
Versprechen gegeben, sich nach seinem Tode des verwaisten Sohnes
anzunehmen. Als nun das erwartete Ende eintrat, erhielt Herr Feldwart
mit der Todesnachricht zugleich ein Schreiben des Entschlafenen,
welches die Pläne und Wünsche desselben für die fernere Laufbahn
seines Siegfried enthielt. Ein Bruder des Doktor war als junger
Mann nach Amerika gegangen und hatte dort in Missouri verschiedene
landwirtschaftliche Etablissements und Fabriken angelegt. Er war ein
sehr begüterter Mann, und da er unverheiratet geblieben war, wünschte
er dringend, daß Siegfried zu ihm kommen, ihm in seiner Thätigkeit
beistehen und schließlich sein Erbe werden möge. Für den jugendlichen
Siegfried, so ungern er sich von seinem Vater trennte, hatte die
Aussicht auf dies fremde Land und die unbekannten Verhältnisse etwas
Verlockendes; Herr Kraus fühlte, daß seine Lebenszeit bald verflossen
sein würde, er konnte Siegfried nur ein kleines Erbe hinterlassen;
so machte er nur die Bedingung, daß dieser erst seine Ausbildung in
Deutschland vollenden, einen praktischen Kursus in der Landwirtschaft
durchmachen, seiner Militärpflicht genügen und einige Jahre in der
Hauptstadt Kollegien über Physik, Chemie und andere dahin einschlagende
Wissenschaften hören sollte. Die praktische Landwirtschaft hatte er
noch beim Leben seines Vaters erlernt; seit dem Tode desselben war er
in B., und wenn er auch nicht bei Feldwarts wohnte, brachte er doch
fast alle seine freie Zeit daselbst zu; und wie er sich mit Martha
als Kind gejagt hatte und mit ihr über den Graben gesprungen war, so
teilte er nun gern ihre ernsteren Beschäftigungen, las mit ihr gute
englische und deutsche Bücher, begleitete ihre liebliche Singstimme auf
dem Klavier, oder mit seinem kräftigen, gut geschulten Baß. Die Eltern
wurden es kaum gewahr, daß aus den Kindern Leute geworden waren, und
sie selbst hatten bis dahin einen so geschwisterlichen Ton, wenn sie zu
einander sprachen, daß sowohl die Dienerschaft des Hauses, als auch die
Freunde desselben den unbefangenen Verkehr durchaus natürlich fanden.
Seit dem Frühjahr hatte Siegfried seine Studien vollendet, machte
sein Militärjahr durch und kam nach dem Manöver als braungebrannter,
wohlbestallter Unteroffizier bei Feldwarts an. Martha empfing ihn
höchst fröhlich. Wenn ihm auch das Dienstjahr weniger freie Zeit
ließ, -- einige Mußestunden gab es immer, und sie hatte ihm soviel
mitzuteilen -- soviel neue Bücher, soviel schöne Lieder, die sie nun
mit ihm zusammen einstudieren wollte. Auch Frau Feldwart war ganz die
Alte; aber nicht ohne Grund hingen ihre Augen zuweilen mit Besorgnis
an den welken, eingefallenen Zügen und matten Augen ihres Mannes. Er
klagte nicht viel; er mochte nicht einmal leiden, daß man über seinen
Zustand sprach. Der Arzt sagte: „Er hat angegriffene Nerven, er muß ins
Seebad!“
Der Kranke lächelte grämlich: „Ich werde alt, das ist alles!“
Martha hatte noch nichts Schweres erlebt; sie tröstete sich: Es wird
schon wieder anders werden! Für jetzt kam die schöne Adventszeit,
brachte Arbeit für ihre Hände und freundliche Beschäftigung für ihre
Gedanken; wenn Siegfried Kraus kam, hatte sie ihm immer allerlei neue
Pläne mitzuteilen oder kleine Aufträge zu geben.
„Sehen Sie nur, Siegfried!“ sagte sie eines Abends, „Mama hat mir nun
wirklich die schöne Rokoko-Kommode von der Urgroßmutter geschenkt,
die ich so lange schon gern haben wollte; ich habe all meine kleinen
Überraschungen eingeräumt. Dabei habe ich noch eine Menge Briefe,
Papiere und Stammbuchblätter gefunden; auch auf ganz gelbem Papier ein
Weihnachtslied; das können wir gleich zusammen einüben!“
Wann hätte jemals Siegfried „Nein!“ gesagt, wenn sie um etwas bat?
Das Lied wurde zweistimmig gesungen und klang gar rein, frisch und
andächtig von den jungen Stimmen. Am heiligen Abend kam Siegfried
zeitig; Frau Feldwart hatte noch in der Bescherstube zu thun, der
Kommerzienrat im Geschäft.
„Wie werde ich übers Jahr Weihnachten feiern“, fragte Siegfried ernst.
Marthas Herz wurde ganz schwer, und in ihren Augen standen Thränen. Sie
hatte die Trennung nur immer in weiter Ferne gesehn, hatte vielleicht
auch heimlich gehofft, es sollte noch etwas dazwischen kommen; nun
war sie so nah! Es kam ihr vor, als wären auf einmal alle Blumen in
ihrem Garten verhagelt; sie konnte sich gar kein Leben mehr denken
ohne Siegfried. Aber am heiligen Weihnachtsabend durfte man doch nicht
weinen. „Kommen Sie, Siegfried!“ sagte sie, „ehe die Eltern fertig
sind zur Christvesper, können wir noch einmal Urgroßmutterchens Lied
singen!“
Sie sangen:
„Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht,
Die uns das höchste Gut gebracht,
Dich Gottessohn, dich Königskind,
Das man im Stall und Kripplein find’t.
„Daß ich empfinge Kindesrecht,
Wohnst du wie ein geringer Knecht,
D’rum will ich gern gering und klein,
Herr, dir zu Lieb’ und Ehren sein.
„Dein war des Himmels Herrlichkeit,
Aller Welt Schätze weit und breit,
Du wurdest arm, daß ich würd’ reich,
Nun gilt mir arm und reich sein gleich!
„Du kamst aus lichtem Himmelssaal
Und gingst für mich durchs dunkle Thal;
Ich bin zum Leid nun auch bereit,
Da du es durch dein Leid geweiht.
„Für mich, mein Lebensfürst und Gott,
Gabst du dich hin in Todesnot,
Daß ich dem Tod verfall’nes Kind,
Durch dich das ew’ge Leben find’t.
„Ich kniee an dein Kripplein hin
Und fasse nicht das Wunder d’rin,
Und bitte dich, o Herr, verleih
Daß dies mein Bitten ernstlich sei.
„Du giebst dich mir, Herr Christ! ich hab’
Nur mich als arme Gegengab’,
So nimm mich hin, Rat, Kraft und Held,
Und mach aus mir, was dir gefällt.“
Die Eltern standen schon in der Thüre, als der letzte Ton verklang; die
Mutter war zum Ausgehen angekleidet, Herr Feldwart hatte Thränen in
den Augen: „Ich will lieber hier bleiben“, sagte er, „ich habe etwas
Kopfweh!“
Martha war schnell in ihren hübschen Winteranzug gehüllt. Siegfried
ging mit den Damen zur Kirche. Aus der nächsten Hausthüre trat Frau
Geh.-Rat D., und schloß sich ihnen an. Man hatte erst eine Droschke
nehmen wollen, aber die Sterne glänzten so freundlich, die Winterluft
wehte frisch, und es war noch zeitig; da ließen sich die älteren
Damen gern bereden, den Weg zu Fuße zurückzulegen. Sie gingen voraus,
Siegfried und Martha hinter ihnen; der Weg führte eine ganze Strecke
weit am Rande des Parkes hin; hier war es verhältnismäßig still und
einsam.
„Martha“, sagte Siegfried, „wir haben’s nun so oft gesungen; ‚Nun will
ich gern gering und klein, Herr, dir zu Lieb und Ehren sein‘, und: ‚Nun
gilt mir arm und reich sein gleich‘; ich möchte wissen, ob das so ganz
und gar Ihr Ernst ist!“
„Natürlich“, sagte sie, und schlug die Augen zuversichtlich zu ihm auf.
Das war ja gewiß; sie hatte in ehrlicher Begeisterung das Lied mit
ihm gesungen, aber: was dachte sie sich wohl unter: arm sein? Was
man gar nicht kennt, das fürchtet man nicht. Statt Sammet und Seide
Wolle tragen, statt Kaviarsemmeln nur Butterbrot essen; in einer recht
reizenden rosenumrankten Hütte wohnen -- warum denn nicht? Es fragte
sich nur, mit wem?
„Sehen Sie, Martha“, fuhr er fort (sie begegneten jetzt einer Schar
lärmender junger Leute, und er legte ihren Arm in den seinigen): „Sehen
Sie, den ganzen Tag ist mir so weh gewesen bei dem Gedanken, daß ich so
weit von Ihnen fort soll, als könnte ich das gar nicht ertragen. Wenn
Sie wirklich möchten klein und arm sein, vielleicht brauchten wir uns
nicht zu trennen; vielleicht könnte ich die liebe kleine Hand in meiner
behalten ein ganzes Leben lang.“
Wie glückselig blitzten Marthas Augen auf; aber es war nur ein rascher
Blitz, ein tiefer Schreck verscheuchte den leuchtenden Ausdruck: „Aber
Siegfried! meine Eltern, und Amerika!“
„Darüber sein Sie ruhig, Martha, ich denke, es soll gehen ohne den
Oheim in Missouri.“
Martha dachte nach: „Sie meinen, der Vater könnte uns hier ein Gut
kaufen?“
„Nein, Martha, das nicht! Das wäre sehr unbescheiden gedacht und
ganz gegen meine Ehre. Wissen Sie, ich denke es mir so: Ein kleines
Vermögen besitze ich selbst; jetzt ist die Pacht vom Rosenhof frei;
ich besah das Gut neulich, als unser Regiment in der Nähe rastete; die
Verhältnisse sind sehr günstig; wenn mir Ihr Vater mit einem mäßigen
Vorschuß und seinem Kredit helfen wollte, daß ich es übernehmen könnte,
und wir fingen dann recht klein und fleißig an, und wenn wir leidlich
gute Jahre hätten, zahlten wir es nach und nach ab; das sollte doch
wohl gehen!“
„Rosenhof!“ herrlicher Name! „Gutsfrau sein, und +seine+
Gutsfrau!“ entzückender Gedanke! Sie sah sich schon im rosa
Satinmorgenrock mit frisurenbesetzter Schleppe, feinem Morgenhäubchen,
weißer gestickter Batistschürze, den blanken Fülllöffel in der Hand
zwischen lauter weißen, rahmbedeckten Milchsatten stehen, und als er
fragte: „Nun Marthchen, wie ist es, willst du es mit mir wagen?“ da
sah sie ihn glückselig an und drückte leise seine Hand; sie konnte
auch weiter nichts sagen, denn die Kirche war erreicht, und der volle
Orgelton klang ihnen entgegen.
Ob die beiden heute Abend sehr, sehr andächtig waren? Glücklich und
hoffnungsvoll waren sie und trugen auch dem lieben Gott immer wieder
ihren Herzensdank und ihre stillen Wünsche vor; aber die echte rechte
Weihnachtsfreude war heute nicht in ihren Herzen. Auf dem Heimwege
gesellten sich Bekannte zu ihnen, da konnten sie wenig reden. Nur
bat Martha: „Sage heute Abend dem Vater noch nichts; er kann niemals
schlafen, wenn er sich abends aufregt; komme lieber morgen nach der
Kirche“.
Sie kamen nachhause; der Weihnachtsbaum beleuchtete reiche, köstliche
Gaben, vier strahlende Augen und zwei glückselige Herzen. Morgen,
morgen sollte es offenbar werden, was heute geknüpft war! Kein Zweifel
trübte ihre Freude; wußten sie sich doch beide gleich geliebt von dem
Elternpaar. So schön, so schön war es bisher gewesen, nun sollte es
noch viel, viel schöner sein. Kam denn in dieser Nacht kein dunkler
Traum, um die beiden, die bisher im Maiensonnenschein gewandelt waren,
vorzubereiten auf das erste schwere Gewitter?
3.
Sturm.
Der Kommerzienrat Feldwart saß in seinem Lehnstuhl, als Siegfried
gegen Mittag bei ihm eintrat; zum erstenmal fiel diesem die bleiche,
tonlose Farbe und die Schlaffheit der Züge seines väterlichen Freundes
auf. Müde öffnete derselbe die halb geschlossenen Augen, aber als
er Siegfried erkannte, flog ein freundliches Lächeln über das welke
Gesicht: „Tritt näher, lieber Siegfried, du störst mich nicht!“
Siegfried trat näher, er nahm auch auf einen Augenblick den ihm
gebotenen Stuhl; aber als er von seiner Liebe zu Martha anfing zu
sprechen, da stand er vor dem Vater, eine schöne, kräftige jugendliche
Gestalt, die wohl geeignet schien, ein zartes Mädchen zu stützen.
Herr Feldwart mochte Ähnliches denken; er sah ihn mit wehmütigem
Wohlgefallen an, als sein warmes Herz die Worte rasch und fließend
über die Lippen trieb, aber er unterbrach ihn bald mit demselben
Schreckensruf, wie gestern die Tochter: „Aber Siegfried: Amerika!“
„Herr Feldwart“, sagte dieser, „ich denke, wenn Sie mir nur ein wenig
mit Rat und That beistehen wollen, so wird es ohne den Oheim in
Missouri gehen!“
„Kindskopf!“ rief der alte Herr ungeduldig, schob seinen Stuhl zurück,
ging einigemal mit großen Schritten heftig durchs Zimmer und blieb dann
vor Siegfried stehen, „Kindskopf! willst du deine ganze Zukunft einem
Mädchen opfern, das noch ein Kind ist und noch gar nicht weiß, was es
thun oder lassen soll? Da wird nichts daraus, mein Lieber!“
„Ich denke, Martha weiß, daß sie mich lieb hat, das ist mir genug. O
bitte, hören Sie mich an, Herr Feldwart; der Oheim in Missouri schrieb
seit meines Vaters Tode nicht wieder; er wollte mich damals bestimmen,
sogleich zu ihm zu kommen; ich schlug ihm das ab, vielleicht mit etwas
kurzen Worten. Er wird sich indessen andere Hilfe gesucht haben, und es
widersteht mir, hinüber zu gehen und mich ihm anzubieten, gewissermaßen
in der Absicht, ihn zu beerben; ich kann dies erwarten und möchte mir
weit lieber hier durch meine eigene Thätigkeit eine Existenz gründen.“
„Sehr großartig“, sagte der Kommerzienrat ein wenig ironisch, „und wie,
wenn ich fragen darf?“
Da kam denn wieder Rosenhof zutage.
„Verstehen Sie mich nicht falsch; ich möchte keinerlei Ansprüche an
Ihre Hilfe machen; aber Martha und ich lieben uns sehr. Wenn Sie mir
mit einem kleinen Vorschuß und Ihrem Kredit helfen wollten, könnte ich
das Gut übernehmen. Martha und ich würden sehr fleißig und sparsam sein
und es nach und nach abtragen; Sie wissen, ich bin kein schlechter,
leichtsinniger Wirt, und ich habe das Meinige gelernt, und Martha will
mir gerne dabei helfen.“
„Ist auch ganz dafür erzogen, versteht recht viel von der Wirtschaft“,
fuhr der Vater auf.
Er hatte während Siegfrieds Worten das Zimmer ruhelos durchmessen;
dennoch war dem Jüngling der Wechsel der Farbe auf seinem Gesichte,
der Ausdruck von Kampf und Qual in seinen Zügen nicht entgangen. Jetzt
standen sie sich gegenüber.
Herr Feldwart war totenbleich aber ernst und gefaßt: „Ich kann Ihnen
nicht helfen, Siegfried! und ich werde es nicht thun, auch nicht mit
einem einzigen Pfennig; das Beste ist, ihr seht euch gar nicht wieder!“
„Das ist nicht Ihr Ernst, das können Sie nicht wollen?“
„Siegfried, du weißt, was ich deinem Vater versprochen habe; du weißt,
wie ich dich lieb gehabt habe diese ganze Zeit; Gott weiß, daß es
mir schwer wird! ich kann es dir auch nicht erklären, später wirst
du es einmal verstehen: Siegfried, dies ist mein letztes Wort! Ich
werde niemals, niemals meine Erlaubnis zu deiner Verheiratung mit
Martha geben; ich werde dir keinen Heller vorstrecken zur Übernahme
von Rosenhof; wenn du mich nicht töten oder um meinen Verstand bringen
willst (der Arme sah aus, als sei dies sehr leicht möglich), so
verlasse jetzt das Haus, sieh Martha nicht wieder, lege das Weltmeer
zwischen dich und sie, da wirst du ruhiger werden.“
„Und Martha?“ fragte Siegfried tonlos.
„Martha“, sprach der Kommerzienrat, und es klang wie Schluchzen in
seiner Stimme, „Martha ist jung, es geht nicht anders, Siegfried!“
Siegfried liebte, aber Siegfried war auch stolz; er wandte sich und
ging zur Thüre, und der Vater, hingesunken in den Lehnstuhl, bleich und
zitternd, hörte ihn die Treppe hinunterstürmen und das Haus verlassen.
Martha saß indessen mit heißen Wangen neben der Mutter, der sie ihr
süßes Geheimnis anvertraut hatte; sie lauschten beide auf des Vaters
Ruf; auch die Mutter zweifelte nicht an der glücklichsten Lösung; jetzt
kamen eilige Schritte über den Korridor; Martha flog auf, wie sie
glaubte dem Geliebten entgegen. Er stürmte vorüber. Sie hörten die
Hausthüre sich öffnen und schließen, sie sahen ihn fortstürmen, ohne
sich umzusehn: „Ach Mutter, liebe Mutter, was ist das?“
Frau Feldwart war eben so bestürzt als Martha. Als eine halbe Stunde
lang in des Vaters Zimmer kein Ton zu hören war, ging sie leise zu
ihm hinein. Martha saß mit angehaltenem Atem; es schien ihr eine
Ewigkeit vergangen zu sein, bevor die Mutter zurückkam. Sie sah blaß
und verweint aus, setzte sich neben Martha, nahm ihre Hände und sagte:
„Mein gutes, armes Kind, du mußt dich darein finden; dein Vater hat
dem Siegfried nein gesagt. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es gar
nicht; aber er muß sehr ernsthafte Gründe haben; er ist selbst so
erschüttert, ich fürchte, es wird ihm schaden.“
Martha starrte die Mutter an und schüttelte ganz langsam den Kopf: „Es
kann ja nicht sein, es kann ja gar nicht sein!“
Sie saßen eine Weile starr und stumm.
„Martha“, sagte die Mutter nach einiger Zeit, „versprich mir eins: sei
jetzt ruhig und quäle den Vater nicht; ich fürchte, es steht nicht zum
besten um seine Gesundheit; ihr seid beide noch jung, Siegfried hat
dich sehr lieb. Wenn die Hindernisse, welche zwischen euch liegen,
überwunden werden können, so überwindet er sie mit der Zeit; es ist
irgendetwas dabei, was ich nicht begreife. -- Hörst du, Martha? füge
dich und quäle den armen Vater in diesen Tagen nicht!“
Martha versprach es unter heißen Thränen. Der Gedanke, Siegfried
werde alles versuchen, ihre Hand zu erlangen, war ihr tröstlich. Das
Wiedersehn mit dem Vater erschütterte beide sehr; er drückte sie immer
wieder ans Herz: „Mein armes Kind, es geht ja nicht anders! Martha,
sei ruhig! mach mir das Herz nicht noch schwerer!“ Er sah so unsäglich
elend aus, daß Martha wirklich den Versuch machte, sich äußerlich zu
bezwingen. Langsam und trübe schlich die Festwoche dahin; die geplanten
Vergnügungen wurden abgesagt mit dem Bemerken, daß Herr Feldwart unwohl
sei. Die Freunde, welche ins Haus kamen, fanden Frau Feldwart nur etwas
ernster als sonst, und Martha ließ sich nicht sehen.
Mit den Neujahrskarten kam ein Brief von Siegfried:
„Meine liebe Martha!
„Da mich Dein Vater abgewiesen hat, ohne mir auch nur die geringste
Hoffnung zu lassen, so eile ich nun dahin, wo ich sicher glaube,
mir so viel zu erwerben, daß ich, so Gott will, später mit größerem
Rechte vor ihn hintreten und meinen Wünschen Geltung verschaffen
kann. Bis dahin behüte Dich Gott: ich will kein Versprechen und gebe
Dir keins, aber, daß ich Dich fort und fort lieben werde wie heute
-- das weiß ich! Der Vater meines Freundes und Kameraden, General
W., war mir behilflich, meine hiesigen Verpflichtungen schnell zu
lösen, und wenn Du diese Zeilen liesest, bin ich bereits auf dem Wege
nach Bremen, wo ich mich einschiffen will nach meiner neuen Heimat.
Sei tapfer und hoffe, meine liebe Martha, wie Dein betrübter, treuer
Siegfried Kraus.“
Einen Augenblick war sie glücklich; es war ja ein Lebenszeichen von
ihm; im andern wurde es ihr klar: er war ja fort, weit fort! Wie
lange würde sie ihn nun nicht sehen, vielleicht nicht einmal von ihm
hören; es war ihr, als wäre ihr ganzes Jugendglück, aller Sonnenschein
und jede Hoffnung ihres Lebens mit ihm eingeschifft und zöge von ihr
fort in unabsehbare Ferne. Sie weinte -- weinte, als sollte ihr das
Herz brechen. Dann bezwang sie sich, so lange sie bei den Eltern war;
aber abends in ihrem sonst so trauten Stübchen, da brach der Schmerz
aufs neue aus. Sie wollte sich Trost suchen, sie holte ihre Bibel,
aber die Worte verschwammen vor ihren umflorten Augen; sie dachte des
Weihnachtsliedes: „Ich bin zum Leid nun auch bereit, da du es durch
dein Leid geweiht!“ Aber dies Leid war ja zu schwer, an solche Trübsal
hatte sie dabei nicht gedacht. Sie suchte ihr Lager; vor acht Tagen
war sie so glückselig eingeschlafen; konnte man denn in einer Woche
so unglücklich werden? Das Kopfkissen war naß von ihren Thränen, und
Mitternacht war lange, lange vorüber, da erst trat mit leichtem, leisen
Schritte der Schlummerengel ins Zimmer und deckte sie und ihren heißen
Schmerz mit seinem kühlen, weichen Flügel zu.
Als Martha am andern Morgen erwachte, drang schon das Morgenlicht
durch die halbgeöffneten Jalousieen. Wie schwer ist das Erwachen, wenn
über Nacht das ganze Leben eine andere Gestalt angenommen hat. Langsam
und mechanisch kleidete sie sich an zu einem Leben ohne ihn und ohne
Freude. Daß es unten im Hofe unruhiger war als sonst, hörte sie anfangs
nicht, und als sie es wahrnahm, schob sie es auf die vorgerückte
Tageszeit. Ihr Zimmerchen lag nach dem Hofe heraus; an der gegenüber
liegenden Seite desselben zogen sich die Comptoirräume hin. Als sie
die Fenster öffnete, fiel ihr eine hohe, kräftige Männergestalt in
die Augen, welche mit eiligem Schritt ins Geschäftslokal trat: „Onkel
Konsul, so früh am Morgen?“ Der erste Buchhalter lief mit Briefen
hin und her; einige der jungen Kaufleute, die sonst um diese Zeit
fest im Comptoir saßen, standen im eifrigsten Gespräche mitten im
Hof; das Bild war ganz anders, als sie es sonst zu sehen gewohnt war,
eine unbestimmte Sorge stieg in ihrem Herzen auf, und sie eilte ins
Frühstückszimmer. Hier war keine Veränderung zu bemerken, als daß die
Mutter sie mißmutiger als gewöhnlich begrüßte.
„Es ist heute ein ungemütliches Frühstücken“, sagte sie. „Der Vater ist
schon seit einer Stunde fort; er hat nicht einmal seine Tasse Kaffee
ausgetrunken, und nun kommst du so spät! Ich dachte schon, du kämest
gar nicht mehr.“
„Ich schlief so spät ein“, sagte Martha betrübt, „und beim Papa ist
schon Onkel Konsul zum Besuch.“
„Onkel Konsul? Was muß der wollen? Der kommt ja sonst doch nicht so
früh!“
Konsul M. war ein Vetter der Frau Feldwart und der nächste Freund
ihres Mannes. Sie sollten nicht lange auf die Erklärung warten, schon
nach einer halben Stunde erschien der Erwähnte mit ganz ungewöhnlich
ernstem, feierlichem Gesichte, schnitt die Begrüßung seiner Cousine
kurz ab, setzte sich zu den Damen und sagte: „Ich habe euch leider eine
sehr ernste Mitteilung zu machen, ihr Lieben.“
„Ist Papa krank?“ rief Martha und eilte zur Thür.
„Nein, Martha, bleib! Er ist sehr angegriffen, aber krank ist er bis
jetzt nicht. Ihr versteht nichts von Geschäften, aber das wißt ihr, daß
in London zwei große Handelshäuser gefallen sind. Es waren Häuser, mit
denen Feldwart in fortwährender Verbindung stand, und es trafen ihn
infolge davon Verluste auf Verluste. Doch hatte er bis gestern immer
noch einige Hoffnung, daß er sie ausgleichen und seine Handlung retten
könne. Ein Brief am heutigen Morgen zeigt ihm den Fall einer Firma in
Hamburg an, mit welcher er noch viel enger verbunden war. Es ist nun
keine Hoffnung mehr, daß er sich halten kann, und er schickte zu mir,
daß ich ihm helfen soll, alle die schlimmen Schritte zu thun, welche
nötig sind bei der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit.“
Frau Feldwart saß auf ihrem Stuhle und starrte den Sprecher an, als
könnte sie nicht fassen, was er sagte.
Martha sprang auf: „Mein Vater! mein lieber Vater! ich muß zu ihm!“
In diesem Augenblick trat er herein, von seinem alten Kutscher geführt
-- ein Bild des Jammers! Der alte Johann setzte ihn in seinen Lehnstuhl
und einen Augenblick verließ ihn das Bewußtsein; eine tiefe Ohnmacht
umschleierte seine Sinne; unter Marthas Bemühungen kam er wieder zu
sich. Sie kniete neben ihm und stützte seinen Kopf, als er allmählich
sich seiner Umgebung bewußt wurde. Er sah sie schmerzlich an: „Mein
Kind, mein armes Kind! verstehst du es nun? ich durfte ihn ja nicht mit
hineinziehen; ich versprach seinem Vater, für ihn zu sorgen.“
Ja, sie verstand alles; aber ihr ganzes Herz bebte jetzt nur im
Mitgefühl mit dem Vater, der in wenigen Stunden ein Greis geworden war.
Er fing jetzt an zu weinen, zu weinen wie ein Kind. Martha hatte ihn
noch nie weinen sehen. Sie netzte seine Schläfen mit wohlriechendem
Wasser, sie holte Wein vom Frühstückstische und nötigte ihn zu trinken.
Arme Martha! Ein wenig Beruhigung für sein Herz wäre die beste Medizin
gewesen. Die Mutter konnte ihm diese nicht geben, sie saß noch immer
stumm und rang die Hände; aber sein Freund trat zu ihm und sagte:
„Feldwart, willst du die ganze Sache in meine Hände legen? Willst du
mir Vollmacht geben, mit deinen Gläubigern zu unterhandeln und Verträge
abzuschließen?“
„Ja, M., ich danke dir tausendmal!“