+Geschichtliches.+ Zwickau, jedenfalls eine alte sorbische Ansiedelung,

hatte schon im frühen Mittelalter Bedeutung. Es wurde durch die

Reichsstrasse von Nürnberg nach Leipzig, welche den Verkehr zwischen

Süd- und Norddeutschland vermittelte, berührt und erfreute sich als

Stapelplatz eines regen Geschäftslebens. Aber mit der Entdeckung des

Seewegs nach Ostindien war der Flor der Stadt dahin. Der Handel schlug

andere Wege ein und Zwickau vereinsamte, wie Augsburg und Nürnberg

vereinsamt waren. Die Zahl seiner Bewohner verminderte sich nach und

nach von 30,000 auf 5000 und nur als schlichte Kleinstadt trat es in

unser Jahrhundert ein. Doch mit Entwickelung des Kohlenbergbaues nahm

es einen ungeahnten Aufschwung. Urkundlich werden die »Steinkoln«

schon im 14. Jahrhundert erwähnt, aber die 1520 erlassene und bis 1740

neunmal abgeänderte Kohlenordnung schrieb die lästige +Reihenladung+

vor, wornach der Grubeneigner nur dann ein gewisses Quantum Kohlen

verkaufen durfte, wenn der Vordermann das seinige losgeworden war.

Auch hatten sich die Feuerarbeiter der Umgegend im Jahre 1550 durch

die sogenannte Truhenladung ermässigte Preise für die zum Handwerk

erforderlichen Kohlen ertrotzt. Diese beiden Beschränkungen, sowie der

Umstand, dass bis Ende des vorigen Jahrhunderts Brennholz im Ueberfluss

vorhanden war, verhinderten auf lange hin die Entwickelung des

Kohlenbergbaues. Als aber mit Anfang der zwanziger Jahre die Eisenwerke

statt der vertheuerten Holzkohle die Steinkohle begehrten und im Jahre

1823 die Kohlenordnung sammt ihren beengenden Vorschriften fiel, auch

ein rationeller Abbau eingeführt und mit 1826 die Dampfkraft zur

Hebung des Grubenwassers und zur Förderung der Kohlen angewandt wurde,

da wuchs die Kohlenproduktion mit ungemeiner Geschwindigkeit. Zahlen

werden dies am besten bezeugen: 1820 wurden 65,000, 1830: 165,000,

1840: 780,000 Scheffel gefördert; 1850 betrug die Ausbeute 4 Millionen,

1856: 7 Millionen und 1863: schon 14 Mill. Scheffel.

+Industrielles.+ Zwickau's grossartigste Industrie ist die

Kohlenförderung selbst; doch hat das billige Brennmaterial auch

manchen anderen Fabrikationszweig herbeigelockt. Das Coaksbrennen

begann 1830 und hat seitdem so zugenommen, dass jährlich über

100,000 Ctr. Steinkohlen dabei verbraucht werden. Dazu gesellte sich

die Ziegelbrennerei, welche im Jahre mehrere Millionen Backsteine

liefert. Ferner wurde eine Porzellanfabrik, eine Fabrik für Steinzeug

und Chamottewaaren und eine Glasfabrik angelegt. Das grossartigste

Unternehmen aber ist die +Marienhütte bei Kainsdorf+, ein Eisenwerk,

das sich mit jedem in Sachsen, ja in Deutschland messen kann. Hier

werden Hunderttausende von Centnern Eisen geschmolzen, gegossen,

gepuddelt und zu Eisenbahnschienen verwalzt. -- Eine Eigenthümlichkeit

findet sich bei Planitz. Da steht seit undenklichen Zeiten ein

Kohlenflöz in Brand und kann trotz aller Anstalten nicht zum Erlöschen

gebracht werden. Die beim Brennen entwickelte Wärme wird nun zur

Heizung von Treibhäusern benutzt, in denen eine Menge seltener,

besonders tropischer Gewächse gedeiht.

XXXII. Route. Von =Geyer= über =Zwönitz=, =Hartenstein= und =Schloss

Stein= nach =Zwickau=.

Von Geyer geht man auf der Chaussee durch den Geyerschen Wald nach

Stadt +Zwönitz+ und wendet sich hier, Lössnitz links lassend, nach

Lenkersdorf und Affalter, um die bei diesen Orten vorkommenden

Schieferbrüche in Augenschein zu nehmen. Nunmehr begiebt man sich

nach +Hartenstein+, dem Hauptorte der gleichnamigen Schönburger

Rezessherrschaft. Man besteigt allda das Schloss und wandert dann auf

angenehmem Pfade, durch prächtigen Laubwald, nach der +Prinzenhöhle+,

welche jedenfalls ein alter verlassener Stollen, aber dadurch von

Interesse ist, dass in ihr Kunz von Kaufungen's Genossen, von Mosen

und Schönfels, sich mit dem Prinzen Ernst fast 3 Tage lang versteckt

hielten und von ihr aus sich ergaben. Sie liegt oberhalb des rechten

Muldenufers und ist von dichtem Laubholz umgeben, nicht weit von ihr

ist indess eine Platte, welche eine gute Aussicht nach dem jenseitigen

Thalhang, auf das Dorf Wildbach und die Ruine Eisenburg, gewährt. Wir

steigen nun zum Flusse hinunter und wandern stromabwärts nach Schloss

+Stein+, das wegen alterthümlicher Bauart und reizender Lage einen

längeren Aufenthalt verdient. Später fahren wir auf der Eisenbahn, an

Wiesenburg mit seiner Ruine, an Kainsdorf mit seinen Schmelzhütten

und an Hohendorf mit seinen Essen vorbei nach der alten Schwanenstadt

+Zwickau+, unserem Tagesziele.

+Geyer+ s. R. XV. S. 94.

+Zwönitz+, Stadt am gleichnamigen Flusse, 1630´ ü. M, mit 2693 E. Hat

Klöppelei, Weberei und Strumpfwirkerei, besonders aber Schuhmacherei.

+Hartenstein+, Stadt am Thierfelder Bache, 1152´ ü. M., mit 2506 E.

Beschäftigt sich mit Ackerbau, Weberei, Strumpfwirkerei, Klöppelei und

Nähterei. -- Zur Herrschaft Hartenstein gehörten früher auch die Aemter

Grünhain und Crottendorf, beide sind aber schon 1559 durch Kauf an das

Kurhaus Sachsen gekommen. -- Hartenstein ist Heimathsort des Dichters

+Paul Flemming+ († 1643).

XXXIII. Route: Von =Zwickau= über =Glauchau= und =Hohenstein-Ernstthal=

nach =Chemnitz=.

(+Eisenbahnroute.+)

Man besteigt in Zwickau den Dampfwagen und fahrt zunächst bis

+Glauchau+, um diese wichtige Fabrikstadt in Augenschein zu nehmen.

Darnach benutzt man den Zug bis +Hohenstein-Ernstthal+, weil diese

Schwesterstädte sowohl wegen ihrer reizenden Lage als wegen ihrer

Industrie Beachtung verdienen. Und endlich lässt man sich durch die

Lokomotive bis +Chemnitz+, der Grossindustrie-Stadt, bringen, welche

von den Erzgebirgern nicht ohne Stolz das sächsische Manchester genannt

wird und rücksichtlich ihrer Industrie jedem Besucher genug des

Interessanten darbietet.

+Glauchau+, Stadt an der Zwickauer Mulde, 801´ ü. M., mit 22,022 E.

Sitz der Schönburgischen Regierung. Enthält zwei gräfliche Schlösser

und in der einen Kirche eine Silbermann'sche Orgel. Seine schwunghafte

Industrie, die -- gleich der von Meerane -- wesentlich wollene und

halbwollene Kleider- und Mäntelstoffe liefert, hat ein rasches

Wachsthum der Bevölkerung ermöglicht. In der Färberei soll Glauchau

sogar Chemnitz überholt haben.

Die Städte +Hohenstein+, 1217´ ü. M., mit 5638 E., und +Ernstthal+,

1064´ ü. M., mit 3768 E., sind so nah' an einander gelegen, dass

in der »Schnabelgasse« die eine Häuserreihe zu Hohenstein und die

andere zu Ernstthal gehört. Beide Ortschaften treiben Buntweberei und

Strumpfwirkerei. Hohenstein ist, ähnlich wie Buchholz, terassenförmig

gebaut und bietet namentlich an der obern Seite des Marktes und am

Schiesshause einen prächtigen Blick auf das obere Erzgebirge. Viel

umfassender ist allerdings die Sicht auf dem nur eine Stunde von der

Stadt entfernten Kapellenberg, da man hier nicht nur das Obergebirge,

sondern auch die Muldenländer, sowie die Gegend von Schleiz, Altenburg,

Rochlitz, Leipzig, Wurzen und Oschatz sehen kann. -- Mineralogisch ist

das Terrain bei Hohenstein-Ernstthal dadurch wichtig, dass hier das

grosse Zwickauer Kohlenbecken mit dem nördlich von ihm auftretenden

Glimmerschiefer raint, welcher an mehreren Stellen verschiedene

Einlagen und besonders Serpentin aufweist. -- Nicht weit von Hohenstein

befindet sich ein Stahlbad, mit dem eine Kaltwasserheilanstalt

verbunden ist. -- In Hohenstein ist der Erfinder des Pianofortes L. G.

Schröder und der Philosoph und Naturforscher Schubert geboren.

+Chemnitz+, Stadt am gleichnamigen Flusse, 894´ ü. M., mit 68,229

E. Bietet landschaftlich wenig, um so mehr aber industriell dar

und kündigt sich schon durch sein Aeusseres, besonders durch die

massenhaften, vielstöckigen, kasernenartigen Gebäude und die grosse

Schaar von Dampfessen, als Fabrikstadt an. Von Alterthümlichen ist in

Chemnitz wenig zu finden. Ausser den geringen Resten der Stadtmauer

deuten nur einige Häuser am Markte mit ihren Lauben und eigenartigen

Giebeln und die Kirchen auf die Vorzeit hin. Fast alles Andere ist

jüngeren, wenn nicht jüngsten Ursprungs. Denn abgesehen von den

Erneuerungen, welche durch Feuer und durch Wegreissen veranlasst

worden sind, hat sich der Ort in letzterer Zeit so erweitert, dass

seine Vorstädte die anliegenden Dörfer zu umfassen drohen. Von den

öffentlichen Gebäuden zeichnen sich noch aus: die Post, das Theater,

die Börse, das St. Georgs-Hospital, die Kaserne und der Bahnhof.

Das Schloss, so sehr seine Lage und Umgebung gefällt, ist mit

Ausnahme der wohl erhaltenen gothischen Kirche ohne Bedeutung. --

Das Sehenswertheste in Chemnitz sind die verschiedenen industriellen

Etablissements, wie die Aktienspinnerei, die sächs. Maschinenfabrik

(früher Richard Hartmann), die Chemnitzer Werkzeug-Maschinenfabrik

(früher Zimmermann), die Buntwaarenfabriken, die Druckfabriken, die

Türkischgarnfärbereien und dergl. mehr. Unter den Privatgebäuden

verdient das Haus des Maschinenfabrikanten Zimmermann den Preis und

liefert selbiges zugleich den Beleg, dass man in Chemnitz bereits

begonnen hat, neben der Zweckmässigkeit auch die Schönheit zu betonen.

-- Chemnitz ist der Geburtsort des grossen Philologen Heyne († 1812).

+Geschichtliches von Chemnitz und dessen Industrie.+ -- Chemnitz ist

eine alte sorbische Niederlassung und heisst ursprünglich »Kampnitz«,

d. i. Steinheim. Die Stadt wurde von Kaiser Heinrich I. zur freien

Reichsstadt erhoben, kam aber 1308 als Pfand und 1324 als erblicher

Besitz an die Markgrafen von Meissen. Seit dem 12. Jahrhundert war sie

stark befestigt; auch widerstanden ihre (25) Mauerthürme 1429 und 1430

mit Erfolg den sie belagernden Hussiten. Schon im früheren Mittelalter

zeichnete sich Chemnitz durch Leinweberei und Bleicherei aus, wozu im

15. Jahrhundert noch die durch Niederländer eingeführte Tuchmacherei

kam. Aber der 30jährige Krieg zerstörte wie den Wohlstand mancher

anderen, so auch den dieser Stadt, und noch vier Jahrzehnte nach dem

westphälischen Friedensschluss zählte sie kaum 5000 E. Mit Ende des

17. Jahrhunderts jedoch that Chemnitz einen glücklichen Griff, indem

es früher, als andere deutsche Städte, die Verarbeitung der Baumwolle

im Grossen begann und sich so einen grosser Steigerung fähigen

Erwerbszweig verschaffte. Nun begann eine emsige Thätigkeit. Tausende

von Händen rührten sich, um mittelst der Spindel -- später benutzte

man dazu die Handmühlen mit je 10 bis 30 Spulen -- den Baumwollenfaden

herzustellen und mittelst des Weberschiffleins das erhaltene Garn zu

Barchent (1715), Musselin (1725) und Kattun zu verweben. Man kann

behaupten, dass 50 Jahre nach Betreten der neuen industriellen Bahn in

und um Chemnitz 2000 Handstühle in Thätigkeit waren. Dazu kam, dass

sich schon 1728 zu der Weberei die Strumpfwirkerei gesellt hatte, wenn

diese ihre grosse Bedeutung auch erst gewann, als es dem Kaufmann

+Esche+ in Limbach (1776) gelungen war, den von dem Engländer +Lee+

erfundenen Strumpfwirkerstuhl nachzubauen. (S. o. Seite 22).

Allein der grossartige Aufschwung, welchen sammt stufenmässiger

Entwickelung wir heute an Chemnitz und dessen Industrie gewahren,

datirt erst von Beginn dieses Jahrhunderts. Ausser dem rüstigen Fleisse

und der unverwüstlichen Thatkraft der Bewohner trugen dazu folgende 5

Ursachen bei:

1) Die Ersetzung der Handarbeit durch Maschinen, wodurch eine

raschere Produktion ermöglicht wurde.

2) Die von Napoleon 1806 angeordnete Kontinentalsperre, welche

wenigstens für einige Zeit Chemnitz von seinem gefährlichsten

Rivalen, von England, befreite.

3) Die Benutzung der Dampfkraft, wodurch der Industrie ein ganz neuer

Motor zugeführt wurde.

4) Der Anschluss Sachsens an den Zollverein, welcher (1834) den

Chemnitzer Fabrikaten ein weites Absatzgebiet eröffnete, und

5) Die Anlegung von Eisenbahnen, wodurch Chemnitz zum Centralpunkte

Sachsens erhoben und nach allen Richtungen hin mit bequemen

Handelsstrassen versehen wurde.

Unter den Chemnitzer Industrien, die sich indess nicht auf die Stadt

beschränkt, sondern auch in die Umgegend verbreitet haben, steht nach

wie vor die +Bearbeitung+ der +Baumwolle+ oben an. Man unterscheidet

drei dahin einschlagende Branchen: +Spinnerei+, +Weberei+ und

+Strumpfwirkerei+.

Als man bei Beginn dieses Jahrhunderts die 1775 von dem Engländer

+Richard Arkwright+ erfundene Spinnmaschine bei und in Chemnitz

einführte, da wurden die üblichen Baumwollenräder und Handmaschinen zur

Ruhe gewiesen und für den Augenblick Tausende von Arbeitern brodlos

gemacht. Aber die Zahl der Spinnmühlen nahm mit der Zeit zu, indem man

die Wasser der Zschopau, der Flöha, des Wilischbaches u. s. w. zum

Treiben der Spindeln benutzte und, wo die Wasserkraft nicht genügte

oder fehlte, später auch die Dampfkraft anwandte. So hat Sachsen nach

und nach über 250 Spinnereien -- die grösste ist die Aktienspinnerei in

Chemnitz -- mit 1,200,000 Spindeln erhalten und beschäftigt nun bei der

Maschinenspinnerei mehr Arbeiter, als sonst beim Handgespinnst thätig

waren. -- Die enorme Leistungsfähigkeit der Spinnmühlen hat zugleich

+Chemnitz+ zum Sitz eines grossartigen Garnhandels gemacht.

An die Spinnerei schliesst sich naturgemäss die +Weberei+ an, die

als Hausindustrie und Fabrikindustrie betrieben wird, wenn auch die

neuere Zeit immermehr letzterer den Vorzug zu geben scheint. Grosse

Fortschritte sind in der Weberei durch Anwendung des Jaquardstuhles

gemacht worden, weil dieser mittelst künstlicher Mechanismen

allerlei Muster und Figuren in die Zeuge zu weben vermag. Der

Verbrauch der hierbei nöthigen Pappdeckel, deren Löcher das Muster

vorzeichnen, ist so gross, dass die »Kartenschläger« in Chemnitz eine

besondere Arbeiterklasse bilden. Dazu kommt noch, dass man jetzt

mechanische Webstühle construirt, bei denen die Schifflein ohne

Beihülfe der Menschenhand hin- und herfliegen und rasch und präcis

arbeiten. -- Während Chemnitz früher fast nur Kattun und Buntwaaren

lieferte, so fertigt es seit Einführung des Jacquardstuhles auch

prächtig-gemusterte Möbelstoffe, Tischdecken und Tücher.

Die Weberei rief wiederum die mit ihr in Zusammenhang stehenden

Färbereien, Appreturanstalten und Druckereien hervor. Im Zeug- und

Kattundruck wird die Menschenhand gleichfalls von der Maschine

bekämpft. Und wie beim Buchdrucken die Handpresse vor der Schnellpresse

das Feld räumen musste, so wird im Zeugdruck bald auch die Handarbeit

durch die Maschinenarbeit verdrängt sein.

Die +Strumpfwirkerei+ wird zwar in Chemnitz selbst nicht mehr

betrieben, hat sich vielmehr nach dem umliegenden Gebiet gewandt, so

dass fast in allen Orten von Zschopau bis Waldenburg und von Lössnitz

bis Mittweida das eigenthümliche Schnarren des Wirkerstuhles ertönt.

Nichts desto weniger ist Chemnitz für das gelieferte Fabrikat der

Hauptstapelplatz; denn dieses kommt zum grössten Theile von hier in den

Handel. -- Auch in der Strumpfwirkerei sucht man die Handstühle durch

Strumpfmaschinen, sogenannte Rundstühle, zu ersetzen, weil diese ihre

Maschen ohne Unterbrechung knüpfen und darum schneller produciren.

Ein zweiter wichtiger Industriezweig, welchen Chemnitz bei sich

heimisch gemacht hat, ist der +Maschinenbau+. Des Ortes grosser Bedarf

an Spinn- u. Webemaschinen forderte dazu auf, ihre Herstellung nicht

auf immer dem Auslande zu überlassen. Und so wurde denn 1826 die

Maschinenfabrikation begonnen und nach und nach durch Rührigkeit,

Ausdauer und Intelligenz zu voller Blüthe entwickelt. Die Stadt

hat jetzt mehr als 50 Werkstätten und fertigt darin alle Arten von

Maschinen: als Lokomotiven, Locomobilen, Kalorische Maschinen,

Spinnmühlen, Rundstühle, Förderzeuge für Bergwerke, Pumpwerke,

Feuerspritzen, Nähmaschinen, Werkzeugmaschinen, landwirthschaftliche

Maschinen und dergl. mehr. Das Verzeichniss aller in Chemnitz gebauten

Maschinen füllt mehrere Bogen und wird nichts Wichtiges aus der

bezüglichen Branche vermissen lassen. Am grössten und vielseitigsten

ist die Sächs. Maschinenbau-Anstalt (früher Richard Hartmann). Selbst

dem, welcher an anderen Orten bereits Etablissements ähnlicher Art

gesehen hat, ist ihr Besuch anzurathen. Was wird da geschmolzen und

geschweisst, gefeilt, geschliffen und polirt! Was sind da für Bohr- und

Stossapparate, für Drechsel- und Hobelmaschinen in Thätigkeit! Wird

doch durch sinnreiche Mechanismen das Eisen hier mit einer Leichtigkeit

bearbeitet, als wäre es weiches Holz! Am meisten staunt man aber über

die Ruhe und Sicherheit, mit welcher all' diese cyklopischen Kräfte

angestellt und geleitet werden. Unter den Tausenden von Beschäftigten

verrichtet Jeder, unbekümmert um den Nachbar, nur seine eigene,

besondere Arbeit, und dennoch entsteht, wenn ein Beauftragter die

vielerlei Stücke und Stangen, Walzen und Räder, Schrauben, Nieten

und Nägel planmässig mit einander verbindet, ein Werk, das von einem

einzigen Manne gearbeitet zu sein scheint. Wer am Maschinenbau

Interesse hat, thut wohl, auch den andern Anstalten, besonders der

Chemnitzer Werkzeug-Maschinen-Fabrik (früher Zimmermann) einen Besuch

zu machen.

Neben den vier genannten Hauptindustrien besitzt Chemnitz noch

viele andere ansehnliche Fabriken: wie Wachstuch-, Blumen-,

Lampen-, Regenschirm-, Spielkarten- und Harmonikafabriken, dann

Drahtflechtereien, Nagelmaschinen und chemische Fabriken. »Ueberhaupt

führt« -- um mit dem Verfasser der Lebensbilder vom Sächs. Erzgebirge

zu reden -- »das Chemnitzer Adressbuch die reichste Musterkarte

von Geschäften. Vom Bandage- und Billardfabrikanten geht es durch

die Cigarre u. s. w. bis zum Zwirn fast durch alle Buchstaben des

Alphabets.«

Durch dies Alles ist Chemnitz zum Mittelpunkte des industriellen

Erzgebirges geworden. Wie der Körper vom Herzen die belebenden

Pulsschläge erhält, so empfängt von Chemnitz aus der Gewerbfleiss

unserer Gaugenossen die befruchtenden Anregungen. Die Stadt spart

aber auch nicht Kosten, Mühen und Einrichtungen, um sich auf der Höhe

ihrer Sendung zu behaupten. Dafür zeugen ihre technischen Schulen und

die für Belebung und Veredelung der Industrie gestifteten Vereine.

Denn Chemnitz hat eine höhere Gewerbschule, eine Webschule, eine

Baugewerken- und Werkmeisterschule, eine Handelsschule und eine

Sonntagsschule, welche sämmtlich für die Jugend bestimmt sind, und

daneben den »+Industrieverein+«, die +Permanente Ausstellung+ und

die +Kunsthütte+, welche auf die Erwachsenen wirken sollen. -- Möge

Chemnitz auch fürder gedeihen! das der Wunsch, mit dem wir von des

Erzgebirges industrieller Hauptstadt scheiden.

XXXIV. Route: Von =Geyer= über =Stollberg= nach =Chemnitz=.

Von Geyer (s. o. S. 94) wandert man ins Thal der Greifenbach und dann

an der »Gifthütte« vorbei nach Hormersdorf (1311 E.); um sich hier

links nach Dorf-Chemnitz (1050 E.) zu wenden, von woaus die Strasse

über Brünlos (831 E.) nach +Stollberg+ führt. Der Weg von Stollberg

nach Stadt +Chemnitz+ geht über Pfaffenhain und Neukirchen (3322 E.),

wird aber besser mit Post, denn zu Fusse zurückgelegt. Freunde des

Kohlenbergbaues werden von Stollberg aus die Lugauer-Niederwürschnitzer

Kohlenwerke besuchen und sich dann erst nach Chemnitz begeben. Im

Ganzen zählt die Würschnitzer Gegend 14 Schächte, von denen jährlich

über 3 Millionen Ctr. Kohlen ausgebracht werden. Das mächtigste, wohl

40´ starke Flötz befindet sich im Hedwigschacht bei Oelsnitz, freilich

in einer Tiefe von 2000´. Die »Neue Fundgrube« bei Lugau, welche 1867

einstürzte und über 100 Menschen verschüttete, wird jetzt erst wieder

aufgewältigt. -- Die Würschnitzer Kohlenfelder sind durch Eisenbahn mit

Chemnitz verbunden.

+Stollberg+, Stadt a. d. Gablenz, 1285´ ü. M. mit 5788 E. Nächst

Chemnitz Hauptort für das Strumpf-Geschäft. -- Auf dem nahen Schlosse

Hoheneck befindet sich seit 1864 eine Strafanstalt für Frauen.

+Chemnitz+, s. R. XXXIII. S. 145.

XXXV. Route: Von =Zschopau= über =Augustusburg= und =Lichtenwalde= nach

=Frankenberg= und =Hainichen=.

Von Zschopau (s. o. S. 88) fährt man mit der Eisenbahn, immer den

gleichnamigen Fluss entlang, bis Erdmannsdorf (1079 E.). Hier verlässt

man den Zug, um gleich hinter dem Bahnhofe, in angenehmem Waldthale

(nicht auf der Chaussee!) nach Stadt +Schellenberg+ und der darüber

thronenden +Augustusburg+ emporzusteigen. Diese gewährt von ihrer

nordwestlichen Zinne eine wundervolle Umschau, indem der Blick über

freundliche Ortschaften, lachende Fluren und grüne Wälder dahinschweift

und ebensowohl den Kamm des Obergebirges mit den verschiedenen Gipfeln,

als die Gegenden des Niederlandes mit dem Rochlitzer- und Kolmberg

trifft! Das Schloss, von 1568--72 erbaut, besteht aus vier genau nach

den Himmelsgegenden gelegenen Häusern (dem Sommer-, Küchen-, Linden-

und Hasenhaus) und enthält 1 Kapelle, 5 Säle, über 150 Zimmer und

Kammern und 25 Keller. Die Kapelle ist im byzantischen Style ausgeführt

und besitzt ein Altargemälde von Kranach dem Jüngern. Sehenswerth sind

auch der 300 Ellen tiefe Schlossbrunnen, eine uralte Linde und der

frühere Bärenzwinger.

Von der Burg begiebt man sich, auf ihrer hinteren, d. i. westlichen

Seite herabsteigend, über den +Kunnerstein+, welcher wegen der

prächtigen Aussicht auf das Zschopauthal gern besucht wird, zurück

nach Erdmannsdorf, um mit dem Dampfwagen nach Niederwiesa (722 E.) zu

fahren und dann zu Fusse nach +Lichtenwalde+ zu gehen. Ein schönerer

Schlosspark als der von Lichtenwalde ist in ganz Sachsen nicht zu

finden. Er ist terassenförmig und im französischen Geschmack angelegt

und erstreckt sich über lauschigen Thalgrund wie über freiere Höhen.

Wundervoll sind die langen Lindenalleen, ehrwürdig die Gruppen von

Eichen, reizend die Baumgänge unter Buchengezweig. Auch wenn die

Wasserkünste nicht gehen -- gewöhnlich sind sie nur zu Pfingsten und

Johannis in Thätigkeit -- wird man sich von Lichtenwalde erquickt und

gehoben fühlen. Dazu ist in der Nähe noch eine interessante Partie.

Jenseits der Zschopau trifft man auf den +Harrassprung+, welcher von

der Sage und Poesie so verherrlicht worden ist. Man gedenkt bei ihm um

so lieber der besungenen Mähr', weil des Flusses Felsenrand und das

winkende Schloss das Wagniss des Ritters[20] verstehen und würdigen

lehren. -- Nun geht man an der Zschopau abwärts bis +Frankenberg+,

besichtigt die Stadt und fährt dann mit der Bahn nach +Hainichen+,

womit das Tagesziel erreicht ist.

+Schellenberg+, Stadt, 1550´ ü. M., mit 1943 E. Treibt neben

Feldwirthschaft etwas Woll- und Baumwollweberei.

+Frankenberg+, Stadt a. d. Zschopau, 812´ ü. M., mit 9408 E. Hat

viel Fabriksthätigkeit in baumwollenen, halbwollenen und mit Seide

gemischten Stoffen; auch Damastweberei. -- Etwas unterhalb Frankenberg

thront an der Zschopau das malerische Felsenschloss +Sachsenburg+, zu

welchem eine in Stein eingehauene Treppe von 180 Stufen emporführt.

+Hainichen+, Stadt a. d. kleinen Striegis, 950´ ü. M., mit 7713 E.

Ist der Mittelpunkt einer lebhaften Flanellindustrie, zu welcher

die Garne in der Stadt und Umgegend gesponnen werden. In der Nähe

etwas Kohlenbergbau. Hainichen ist Geburtsort des Dichters +Gellert+

(† 1769); an ihn erinnert ein Denkmal auf dem Markte und ein nach ihm

benanntes Rettungshaus.

XXXVI. Route: Von =Chemnitz= über =Oederan= nach =Freiberg=.

(+Eisenbahnroute.+)

Wegweiser durch das sächsisch-böhmische Erzgebirge · 第 8 / 10 段