welcher die Chaussee links lässt, nach dem mittleren Theil von
+Ansprung+ (926 E.) und weiter auf der Strasse nach +Zöblitz+.
Besuch der Serpentinsteinbrüche und einiger Werkstätten für
Serpentinsteindrechselei. Am nordwestlichen Ende der Stadt, in der
Nähe des Forstamtes, rechts hinab in das Thal der schwarzen Pockau, um
die Ruine +Niederlauterstein+ zu besteigen. Von dieser zurückgekehrt,
auf angenehmem Wiesenpfade, welcher an der Pockau aufwärts führt, zum
Gasthofe »Kniebreche« an der Zöblitz-Marienberger Chaussee. Unterwegs
zeigt sich zur Linken bald ein Felsenvorsprung, auf welchem vormals
die Burg +Oberlauterstein+ gestanden hat; zur Rechten lugen später von
der Höhe einzelne Häuser herab, welche zu dem Dorfe Rittersberg (312
E.) gehören. Von der »Kniebreche«, bei der die rothe und die schwarze
Pockau zusammenrinnen, folgen wir (mit Führer!) dem Thal der letzteren
und gelangen so zum »schwarzen Grund«, der wildesten Gegend des ganzen
Erzgebirges. Nachdem wir die hohen, fast senkrecht aufsteigenden
Felsen und die tosende Pockau betrachtet haben, erklimmen wir den
Katzenstein und geniessen von einer weit vorspringenden Felsenplatte
die Aussicht auf das eben verlassene Thal und dessen Umgebung. Vor uns
liegt in jäher Tiefe der »schwarze Grund«; zur Linken gewahren wir
eine ungeheure Felsenwand, die Ringmauer genannt, gegenüber eine fast
isolirte Bergspitze, auf welcher ehemals ein Raubschloss gestanden
haben soll, und dahinter den grossen Kriegwald. -- Vom Katzenstein
gehen wir durch den Wald nach dem Dorfe Pobershau (1426 E.) und von da
über Wildenburg nach Marienberg.
+Zöblitz+, Stadt 1728´ ü. M., mit 1824 E. Mehrmals, besonders 1854,
durch Brandunglück heimgesucht. Die Serpentinsteinbrüche befinden
sich auf dem nach Ansprung hin streichenden Höhenzuge, »die Harthe«
genannt. Die Schichtung ist also: oben liegt der untaugliche
Kammstein, dann folgt der blaue Horn- oder Lawetzstein und zu unterst
erst die brauchbare Masse. Seit 1613 hat Zöblitz eine besondere
Steindrechslerzunft: 40 Innungsmeister fertigen Apothekerschalen,
Wärmsteine, Büchsen, Schreibzeuge, Briefbeschwerer, Grabsteine pp. --
Neuerer Zeit sind die Brüche, welche nicht sonderlich gehalten waren,
in den Besitz einer Actiengesellschaft übergegangen und werden nun
rationell abgebaut.
Die Burg +Oberlauterstein+ ist in dem Hussitenkriege, Burg
+Niederlauterstein+ im 30jähr. Kriege zerstört worden.
+Marienberg+, Stadt 1864´ ü. M., mit 5518 E. Verdankt seine
Gründung -- sie geschah 1521 durch Herzog Heinrich d. Frommen
-- dem Bergbau, treibt jetzt aber meist Feldwirthschaft,
Grenzhandel und Spitzenklöppelei; auch hat es neuerer Zeit eine
Flachsbereitungsanstalt. Die Stadt ist regelmässig angelegt, hat einen
schönen, mit Linden bepflanzten Markt und eine sehenswerthe gothische
Kirche. In der Kirchenbibliothek befindet sich ein werthvolles
Manuscript, »die Coss« betitelt, von Adam Riese (vgl. Programm d.
Annaberger Realschule v. J. 1860).
XVII. Route: Von =Marienberg= über =Wolkenstein= nach =Annaberg= und
=Buchholz=.
Auf der Marienberg-Wolkensteiner Chaussee bis an den Wald, dann auf
dem in das Holz einmündenden Fahrwege bis an ein Bergwerk und von da
auf einem Fusssteig über das bereits sichtbare Dorf +Geringswalde+
nach dem +Wolkensteiner Warmbad+, welches ausser der Quelle und den
verschiedenen Wirthschaftsgebäuden angenehme Anlagen und Spaziergänge
darbietet. Nach Besichtigung des Bades kann man sich direkt nach
Wolkenstein wenden, gerathener aber ist es, an dem vorhandenen Bache,
durch einen wilden Grund hinab ins Thal der Zschopau zu gehen, hier
den Flossplatz und den Lauf der Eisenbahn anzusehen und nun erst --
der Weg führt einige Zeit an dem Flusse aufwärts -- nach Wolkenstein
emporzusteigen. Allda besucht man vor Allem das Schloss, welches auf
einem 250 Fuss hohen, jäh' nach der Zschopau abstürzenden Felsen erbaut
ist. Die südlichen Schlossfenster und mehrere Stellen am Schlossrande
gewähren eine prächtige Aussicht auf das Zschopauthal und die in
demselben sich hinwindende Eisenbahn, sowie auf die umliegenden Höhen
und einen Theil des Obergebirges. Auch ladet der ganze Bergabhang,
von seinem reichen Bestande an Bäumen und Sträuchern der »Haag«
genannt, zu einem Spaziergange ein, wenn auch die Wege mühsam dem Boden
abgewonnen und etwas steil sind.
Von Wolkenstein kann man verschiedene Wege nach Annaberg (Buchholz)
einschlagen. Entweder geht man auf der Chaussee, an den untern
Häusern von Schönbrunn vorbei, nach +Wiesenbad+, betrachtet hier die
Sehenswürdigkeiten und wendet sich dann auf der Strasse nach Annaberg.
Oder man benutzt von Wolkenstein bis Wiesenbad die Eisenbahn, sieht
sich in dem Orte um und fährt mit einem späteren Zuge nach Annaberg.
Oder endlich man geht von Wolkenstein durch den Haag nach dem
sogenannten Prinzessinnenweg, verfolgt diesen und wendet sich kurz
vor Einmündung der Pressnitz linkshin nach Finsterau und von da über
Streckewalde und Himmelmühle nach Wiesenbad, von wo Annaberg leicht
zu erreichen ist. -- Der dritte Weg ist der empfehlenswertheste, doch
würde er noch angenehmer sein, wenn an der Spitze, welche Zschopau
und Pressnitz mit einander bilden, ein Steg über Letztere führte
und man so im Zschopauthale aufwärts nach Himmelmühle und Wiesenbad
gelangen könnte.
+Bad Wolkenstein+ ist der wärmste (30° C.) Gesundbrunnen Sachsens und
mit Vortheil gegen Gicht, Rheuma und ähnliche Krankheiten anzuwenden.
Die ziemlich tief liegende Quelle ist in neuerer Zeit frisch gefasst
und dadurch gegen Zufluss von »wilden Wässern« geschützt worden.
+Wolkenstein+, Stadt, 1446´ ü. M., mit 2075 E. Lebt von Ackerbau,
Spitzenklöppeln und Posamentiererei. Sehenswerthe Kirche. Das Schloss
besteht aus einem älteren, in Trümmern liegenden, und einem neueren,
noch erhaltenen Theil. Auf Schloss Wolkenstein haben im 15. und 16.
Jahrhundert wiederholt sächsische Fürsten, besonders Georg d. Bärtige
und Heinrich d. Fromme gewohnt; an Letzteren erinnert auch das von
Wolkenstein ⁵/₄ Stunde entfernte Lehngut +Heinzebank+ (Heinrichsbank).
+Wiesenbad+, freundlicher Kurort im Zschopauthale, hat ausser dem nahen
Lustwäldchen noch andere interessante Punkte: so den +grossen Riss+,
den +Chocoladenfelsen+ und den +Amethystenbruch+. Die Quelle, 26° C.
warm, hat ähnliche Wirkungen wie das Wolkensteiner Bad, zeigt sich aber
von ganz besonderem Nutzen bei scrophulösen Kindern. -- In der Nähe des
Bades ist eine grosse Flachsspinnerei.
+Annaberg+, wichtigste Stadt des Obererzgebirges, an dem der Sehma
zugekehrten Abhange des Pöhlberges, ziemlich abschüssig, -- 1700
bis 1980´ ü. M. -- gelegen, mit 11,693 E. Verdankt seine Entstehung
dem Silberbergbau, welcher der Sage nach durch +Daniel Knapp+,
den Urkunden nach durch +Kaspar Niezelt+ aus Frohnau in Aufnahme
gekommen ist (1492). Die reiche Ausbeute lockte viele Bergleute und
Grubenherren, Handwerker, Händler und Glücksritter herbei, so dass
die »wilde Ecke« -- so hiess damals die in Rede stehende Gegend
-- zahlreich besiedelt wurde. Dies gab Herzog Georg dem Bärtigen
Veranlassung, allda (21. Septbr. 1496) eine Stadt zu gründen, welche
anfangs »Neustadt am Schreckenberge«, darnach aber »St. Annaberg«
genannt wurde. Am ergiebigsten zeigten sich die Erzgänge im 16.
Jahrhundert, und diese Zeit ist es, wo die Annaberger Bergherrn wegen
ihrer Ueppigkeit[10] verrufen waren. Annaberg hatte damals seine
eigene Münzstätte (an sie erinnert die heutige Münzgasse) und schlug
Geldstücke, welche von dem Fundorte »+Schreckenberger+« und von dem
Gepräge »+Engelsgroschen+« hiessen. Die Ausbeute war bisweilen so
gross, dass das Silber in Erzkuchen, also ungemünzt, vertheilt werden
musste. Aber wie anderwärts, so hielt auch bei Annaberg der reiche
Bergsegen nicht aus. Und als im 30jährigen Kriege noch Noth und Elend
an die Bewohner herantrat, da kam der dasige Bergbau fast zum Erliegen
und hat sich seitdem trotz mehrfacher, namentlich in neuester Zeit
gemachter Versuche nicht wieder in Aufschwung bringen lassen. Das
Sinken des Bergbaues war jedoch die Ursache, dass das durch +Barbara
Uttmann+ (1561) aufgebrachte Spitzenklöppeln in und um Annaberg rasche
Verbreitung fand und die Stadt dadurch, sowie durch die von +Georg
Einenkel+ (1589) in Buchholz eingeführte und von da nach dem Nachbarort
gekommene Posamentiererei eine ganz neue wirthschaftliche Grundlage
erhielt. Was Annaberg damals als Bergstadt verlor, das gewann es bald
darauf als +Handels-+ und +Industriestadt+ wieder und eine solche ist
es auch bis auf unsere Tage, wo zu den vorhandenen Erwerbszweigen noch
die Seidenweberei, die Crinolinfabrikation u. s. w. gekommen sind,
geblieben.
+Sehenswürdigkeiten+: In Annaberg besucht man zunächst die Haupt- oder
Annenkirche, welche mit reiner Kreuzesform im gothischen Style erbaut
(1499--1519) ist. Der Hauptaltar enthält 10 Sorten Marmor und stellt
in herrlicher Skulptur den Stammbaum Christi dar. Ausserdem sind noch
drei Altäre: der Bergaltar (mit interessanten Bildern aus dem früheren
Bergmannsleben), der Münzeraltar und der Bäckeraltar vorhanden, wie
denn überhaupt die Kirche mit grosser Schonung für den protestantischen
Kultus umgewandelt worden ist. Beachtenswerth sind ferner: die
steinerne mit vieler Bildhauerarbeit gezierte Kanzel, die goldene
Pforte, (1577 aus dem hiesigen Kloster entnommen), der becherförmige
Taufstein (1560 aus dem Grünhainer Kloster anher versetzt) und neben
anderen Gemälden besonders das von Lukas Kranach herrührende Bild (die
Ehebrecherin vor Christus). An den Emporen sieht man 100, in gebrannter
Erde ausgeführte Darstellungen aus der biblischen Geschichte; doch
haben sich unsere Vorfahren auch nicht versagt, an der Brüstung
der beiden Seitenchöre die Lebensalter der beiden Geschlechter
sinnbildlich in humoristisch-satyrischen Reliefs anzubringen. -- Der
kegelschiebende Engel, welcher sich über dem Eingang zur »alten«
Sakristei befindet, wird von Vielen für ein Wahrzeichen der Stadt
gehalten. Die Thüre zu dieser Sakristei trägt interessante Schlösser,
wahre Muster der alten Schlosserkunst. In der Sakristei selbst ist
ein Tetzel'scher Ablasskasten zu sehen. -- Im Jahre 1833--34 sind durch
architectonisches Missverständniss aus den schadhaften Fenstern die
gothischen Verzierungen und steinernen Zwischenrahmen herausgenommen
und durch schlichtes Holzwerk ersetzt worden; neuerer Zeit aber werden
die Fenster stylgemäss mit steinernem Maass- und Laubwerk wieder
hergestellt. -- Die ganze Kirche macht sowohl in Grösse als Bauart
einen erhebenden Eindruck. Dies geht auch aus den Worten Johann
Friedrich des Grossmüthigen hervor, der zu Herzog Georg, nachdem er mit
diesem einem katholischen Gottesdienst in der Hauptkirche beigewohnt,
sagte: »Der Gebauer ist wohl schön, nur der Vogel darin singt nicht
gut.«
Ausser der Hauptkirche besuche man die Bergkirche, die einzige
Sachsens, und die Hospital- oder Trinitatiskirche sammt dem dahinter
liegenden Gottesacker. An der Hospitalkirche ist aussen, nach dem
Friedhofe zu, eine Kanzel angebracht, von welcher am Trinitatisfest
die Predigt gehalten wird. In dem vordern Theile des Kirchhofes steht
ein Kruzifix, dessen Umgebung früher in hohem Ansehen stand, weil man
annahm, dass bei der Einweihung des Gottesackers (1519) die aus Rom
geholte heilige Erde daselbst verstreut worden sei (vergl. jedoch:
»Der Gottesacker zu Annaberg« von Dr. Spiess, S. 131). Rechts davon
sieht man die weitberühmte Linde, deren flachgewachsene Aeste durch
23 Pfeiler gestützt sind. Der Sage nach soll dieser Baum vormals
umgekehrt gepflanzt worden sein, um einen Zweifler zum Glauben an die
Auferstehung zu bekehren. Etwas vor dem Kruzifix steht das Denkmal
der +Barbara Uttmann+, der Erfinderin des Spitzenklöppelns. Dasselbe
ist der unvergesslichen Wohlthäterin des Erzgebirges im Jahre 1834
durch August Eisenstuck, damaligen Chef der Eisenstuckschen Handlung,
errichtet worden und trägt die Inschrift:
Ein thätiger Geist, eine sinnige Hand,
Sie ziehen den Segen ins Vaterland.
Von dem ehemaligen Franziskaner-Kloster, welches 1502 gegründet und
1540 aufgehoben worden ist, stehen nur noch geringe Ueberreste zwischen
der Oberforstmeisterei und dem neuen Bezirksgericht. -- Zu Annaberg hat
auch von 1515--59, anfangs als Probirer und dann als Gegenschreiber,
der weltbekannte Rechenmeister +Adam Riese+[11] gelebt, und noch
jetzt heisst das Gut in der Nähe der Stadt, das er besessen, die
»Riesenburg.« Ebenso ward allda 1726 der Kinderfreund Ch. F. +Weisse+
geboren, zu dessen Ehren man bei seinem hundertjährigen Geburtstage
eine milde Stiftung errichtet hat.
+Ausflüge:+ Der Pöhlberg gewährt auf seinem Plateau eine gute Aussicht
und zeigt an seinem Nordostabhange mächtige Basaltsäulen, von dem
Volke »die Butterfässer« genannt. Ausser Besteigung dieses Bergkegels
sind Spaziergänge nach der Wolfshöhle und der Wäsche, nach dem Markus
Röhling und dem Schreckenberge, nach der Bäuerin und dem Teufelsfelsen,
sowie in die Umgebung von +Buchholz+ (s. weiter unten) anzurathen; als
weiterer Ausflug empfiehlt sich ein Besuch des Greifensteins (s. S. 93)
oder des unteren Pressnitzthales, von Finsterau bis Schmalzgrube (s. T.
XVIII. S. 53).
+Buchholz.+ -- Nur zehn Minuten von Annaberg, am linken Ufer der
Sehma, den östlichen Abhang des Schottenberges bedeckend, liegt die
Stadt +Buchholz+, eigentlich St. Katharinenberg im Buchholz geheissen,
1793´ ü. M., mit 4854 E. Sehenswerth sind hier: Die gothisch gebaute
Hauptkirche und die Begräbnisskapelle, beide mit werthvollen Gemälden
aus der Wohlgemuth'schen Schule. Auch verdienen die Waldanlagen und das
Waldschlösschen einen Besuch.
Die Nähe der beiden Städte Annaberg und Buchholz erklärt sich daraus,
dass bei der Ländertheilung 1485 die Sehma einen Theil der Grenze
zwischen dem albertinischen und ernestinischen Sachsen bildete, so dass
die Gegend von Annaberg herzoglich und die von Buchholz kurfürstlich
war.[12] Der angegebene Umstand ist auch der Grund, warum in Buchholz
die Reformation früher (1523) als in Annaberg (1539) eingeführt
wurde. Im Allgemeinen aber haben beide Städte, die fast gleichzeitig
(A. 1496; B. 1504) und aus gleichem Anlass (wegen Auffindung von
Silber) entstanden sind, eine gleichmässige Entwicklung gehabt. Wie
Buchholz die Heimath für die Posamentirerei, so ist Annaberg die für
das Spitzenklöppeln gewesen, und noch heute gelten beide für einen
gemeinsamen Vorort der Spitzen- und Posamentenfabrikation.
+Spitzenklöppeln:+ Ueber das Spitzenklöppeln sagt der Verfasser
der Lebensbilder vom sächsischen Erzgebirge ungefähr Folgendes:
»Im Obererzgebirge sieht man fast hinter jedem Hüttenfenster
eifrige Klöpplerinnen; in der schönen Jahreszeit trifft man ganze
Gesellschaften von klöppelnden Frauen, Mädchen und Kindern im Freien;
im Winter kommen die Klöppelmädchen Abends zusammen und arbeiten
gemeinschaftlich, wie anderwärts die Spinnerinnen. Die Haltung der
Klöpplerin ist allerdings nicht sonderlich anmuthig, indem sie beim
Arbeiten den Oberkörper, ähnlich wie beim Schreiben, etwas vorbeugt;
die reizenden Bewegungen ihrer Hände aber lassen sich eben so schwer
darstellen, wie der flüchtige Tanz der Finger des Klavierspielers.
Wirklich erinnert das federleichte und blitzschnelle Spiel der
klöppelnden Hände ebenso sehr an die Fingerfertigkeit der musikalischen
Virtuosen, als an die der Taschenspieler. Die Handhabung der Nadeln
beim Stricken ist nichts im Vergleich zum Gebrauch der Klöppel beim
Spitzenanfertigen. Und die Verwunderung über die Kunstfertigkeit der
Klöppelhände wird noch gesteigert, wenn man das äusserst schlichte
Werkzeug sieht, dessen die Klöpplerin sich bedient. Sie sitzt vor
einem walzenförmigen, einen Fuss langen, mit Kattun umhüllten Polster,
dem sogenannten Klöppelkissen (Klöppelsack), das mit einer grossen
Anzahl von Stecknadeln gespickt ist. Der Klöppel selbst ist ein 4--5
Zoll langes, zur Form eines Trommelklöppels gedrechseltes Holzstück,
über welches das »Tütle«, eine dünne hölzerne Hülse von 2 Z. Länge,
gesteckt ist, damit der um den Klöppel gewickelte Faden nicht
beschmutzt wird. Einen solchen Klöppel mit Tütle kauft man um einige
Pfennige. Zu schmalen Spitzen gehören 2--4, zu breiten wohl Hundert
Paare. Um die Mitte des Kissens ist ein Streifen starken Papiers, auf
welchem das Muster durch Nadelstiche vorgezeichnet ist, der sogenannte
Klöppelbrief, geschlungen. Zunächst werden so viele Fäden, als das
Muster erfordert, auf ebenso viele Klöppel aufgewunden, die freien
Enden in einen Knoten geschürzt und auf dem Kissen befestigt. Dann
beginnt das Klöppeln, welches im Wesentlichen nichts ist, als eine
kunstvolle Art zu flechten. Die Arbeiterin fasst mit den Fingerspitzen
bald der rechten, bald der linken Hand mehrere Klöppel, wickelt durch
gewandte Drehung derselben etwas Faden ab und kreuzt die Fäden durch
einen »Schlag« zu einer Art Knoten. Die so gebildeten Maschen werden
zeitweilig durch Stecknadeln an dem Klöppelbriefe festgehalten.
Rasch beseitigt nun die Hand diejenigen Klöppelpaare, welche eben
gebraucht wurden und bis auf Weiteres entbehrlich sind, dadurch, dass
sie dieselben mit einer grossen Aufstecknadel seitlich am Kissen
feststeckt. Dann nimmt sie mit bewunderungswürdiger Sicherheit aus der
Menge der Klöppel, die alle gleich aussehen und nicht an Nummern oder
sonstigen Zeichen kenntlich sind, andere Paare heraus, um damit weiter
zu arbeiten. -- Es ist begreiflich, dass die Fertigkeit, mit welcher
die Klöpplerin für jede Nadel den rechten Klöppel findet und benutzt,
nur durch Uebung von frühester Jugend an errungen werden kann, weshalb
auch Kinder schon im 4. und 5. Lebensjahre zu klöppeln anfangen. Auch
sorgen für Erlernung der erzgebirgischen Kunst ausser den Familien
mehrere vom Staate unterstützte Klöppelschulen.«
XVIII. Route: Von =Annaberg= über =Satzungen= nach =Kommotau=.
Bei'm Annaberger Schiesshause, rechts auf dem Fahrwege, zu dem
vorliegenden Höhenrücken empor und dann auf einem Fusspfade hinab nach
dem grossen, an den Ufern der Pöhla gelegenen Dorfe +Königswalde+
(2454 E.). Nach Ueberschreitung der Brücke geht man links um die
Kirche und steigt auf einem Feldwege das anstehende Gelände hinan;
oben gelangt man in einen jungen Fichtenwald und, in diesem sich
links haltend, auf die Jöhstadt-Grumbacher Chaussee, welche bald
nach Grumbach (1291 E.) hineinleitet. Ohne Aufenthalt wird dieses
kahle Gebirgsdorf durchwandert, um, mit einer Wendung nach rechts, zu
dem malerisch an der Pressnitz gelegenen Dorfe +Schmalzgrube+ (327
E.) hinabzusteigen. Dieser Ort erfüllt den engen, aber reizenden
Thalkessel, der durch Einmündung des von Jöhstadt kommenden
Schwarzwassers in die Pressnitz gebildet und fast ringsum von trefflich
bewaldeten Bergwänden umgeben wird. Nunmehr wendet man sich dem Dorfe
+Satzungen+ (1088 E.) zu. Der Weg dahin, eine Halbchaussee, geht von
Schmalzgrube links den Abhang hinan und ist wegen Steilheit und Länge
der Berglehne anfangs etwas beschwerlich, wird aber nach Erklimmung
der Höhe, wo er durch einen schönen Buchenwald führt, wieder bequemer.
Von Satzungen, in dessen Nähe man den Hirtstein und Hassberg gut
sehen kann, begiebt man sich, das Dorf Ulmbach links lassend, nach
der böhmischen Grenzstadt +Sebastiansberg+ (Bassberg) und erreicht
hier die Reitzenhainer Strasse, welche über Krima, Domina, Schönlind
und Oberdorf nach +Kommotau+ führt und eine prächtige Aussicht auf
das böhmische Mittelgebirge und die reiche Gegend zwischen Saatz
und Postelberg gewährt. -- Wer einen Erlaubnissschein löst, kann
von Krima auch der Weipert-Kommotauer Eisenbahn folgen und so die
Windungen beobachten, welche der Schienenstrang überhaupt und besonders
am Borberge machen muss, um von dem Bassberger Plateau nach dem
Kommotauer Flachlande hinabzusteigen.
+Sebastiansberg+, Stadt, fast am Gebirgskamme gelegen, mit 2000 E., hat
Grenzverkehr und viel Holz- und Viehhandel.
+Kommotau+ s. S. 85.
XIX. Route: Von =Annaberg= über =Jöhstadt=, =Pressnitz=, =Sonnenberg=
und den =Hassenstein= nach =Brunnersdorf=.
Beim Annaberger Schiesshause hinaus, erst auf einem Fahr- und dann
auf einem Fusswege, nach Königswalde (s. v. R.) und von da auf der
Chaussee nach +Jöhstadt+. Von hier kann man zwei verschiedene Wege nach
+Pressnitz+ einschlagen. Der nächste Weg führt bei »Stadt Leipzig« in
den Grund hinab, geht über Dürrenberg und Hegerhaus und mündet auf
die Pressnitz-Satzunger Chaussee, von welcher aus, vor dem Einmarsch
in +Pressnitz+, sich ein Abstecher auf den nahen Hassberg (3051´)
empfiehlt, da dieser nicht nur eine gute Aussicht in Nähe und Ferne,
namentlich auf das Pressnitzthal, sondern auch eine üppige Flora
darbietet. Leider fehlt dem Gipfel ein Aussichtsthurm, welcher zur
Umschau doch so nothwendig ist. Der weitere Weg führt auf der Chaussee
über Schweizerhäuschen und Pleil, doch lässt sich auch dieser etwas
abkürzen, wenn man bei den ersten Häusern von Pleil links den Fussweg
nach dem Walde einschlägt und so erst später wieder auf die Strasse
gelangt. -- Von Pressnitz hat man sich nach +Sonnenberg+ (1000 E.) zu
wenden. Man wählt dazu die Strasse über +Reischdorf+ (2000 E.) oder den
näheren Fussweg, welcher bei'm Herrnhaus in Pressnitz links abgeht und
erst quer durch die Wiesen und dann auf den vorliegenden Höhenrücken
dahinführt. Nachdem man in Sonnenberg die grosse, schöne und weithin
nach Böhmen hinein leuchtende Kirche besehen hat, steigt man rechts
zur Holzmühlenbachmühle hinab und besucht darauf, unterwegs noch das
aus den Hussitenkriegen merkwürdige +Platz+ (450 E.,) berührend, die
Ruine +Hassenstein+, welche grossartig in ihren Trümmern und reizend in
ihrer Lage ist. Vom Hassenstein geht man weiter bergab und gelangt auf
angenehmem Wege nach dem fruchtbar gelegenen Orte +Brunnersdorf+ (s. R.
XI. S. 84).
+Jöhstadt+ (Josephsstadt), Stadt am Schwarzwasser, ohnweit der
böhmischen Grenze, 2306´ ü. M., mit 2286 E. Fertigt Spitzen,
Posamenten, Zündhölzer und Metallwaaren. Der Ort besitzt eine
Anzahl »Landrasender«, d. h. Hausirer, welche mit erzgebirgischen
Handelsartikeln in ganz Deutschland umherwandern.
+Pressnitz+, Stadt am gleichnamigen Flusse, mit 3000 E. Hauptort der
»fahrenden« Musiker, welche auf Märkten und Messen, bei Vogelschiessen
und anderen Volksfesten sich hören lassen und sogar nach fernen
Staaten, besonders nach Russland und Schweden ziehen. Seitdem in der
Stadt eine gute Musikschule errichtet worden ist, haben sich die
Leistungen der Pressnitzer »Kapellen« wesentlich gehoben.
XX. Route. Von =Annaberg= über =Weipert= nach =Kupferberg= und
=Klösterle=.