Wie hoch man auch den Wert von manchen der sogenannten Historienbilder,

namentlich derjenigen religiösen Inhalts, welche van Dyck in den

Jahren 1626 bis 1632 entstehen ließ, schätzen mag: sein Bestes gab er

auch in diesem Abschnitt seines Lebens, den man als seine Blütezeit

betrachten muß, in Bildnissen. Seine außerordentliche Befähigung, die

Menschen in überzeugender Ähnlichkeit und zugleich in ansprechendster

Auffassung wiederzugeben, und solche Darstellungen zu in Form und Farbe

gleich abgerundeten wirklichen Kunstwerken -- zu eigentlichen Bildern

im Malersinne des Wortes -- zu gestalten, wurde allgemein anerkannt,

und kaum eine Persönlichkeit von irgend welcher Bedeutung, die in

Antwerpen lebte oder vorübergehend dort verweilte, versäumte es, sich

von van Dyck malen zu lassen. Auch die französische Königin Maria von

Medici besuchte ihn bei ihrer Durchreise durch Antwerpen im Jahre

1631 in seiner Werkstatt und saß ihm zu einem Bilde. Van Dyck hatte

eine glückliche Hand in der Wiedergabe hochstehender Personen; fast

noch glücklicher war er im Festhalten der Erscheinung von Künstlern.

Die Menge der meisterhaften Bildnisse, die er vor dem Ablauf seines

dreiunddreißigsten Lebensjahres neben der doch auch sehr ansehnlichen

Zahl anderer Werke malte, bekundet eine Leichtigkeit des Schaffens, die

derjenigen des Rubens nicht nachstand.

[Illustration: Abb. 31. +Der Maler Franz Snyders und seine Frau.+ In

der königl. Gemäldegalerie zu Kassel.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 49.)]

[Illustration: Abb. 32. +Diana und Endymion, von einem Satyr

überrascht.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i.

E., Paris und New York. (Zu Seite 42.)]

In deutschen Galerien finden wir zahlreiche Prachtstücke von Bildnissen

van Dycks aus diesen Jahren rastloser Arbeit. Sehen wir uns zunächst

in der Münchener Pinakothek um, so finden wir da eine ganze Reihe

von stolzen Porträts in ganzer Figur. Der Zeit nach stehen an deren

Spitze vielleicht die Bilder des Herzogs Karl Alexander von Croy und

seiner Gemahlin Genofeva von Urfé (Abb. 9 und 10). Die Herzogin, eine

zu ihrer Zeit als Schönheit gefeierte Dame, die wir hier in einem

Kleid von schwarzem Atlas mit reich gemusterten hellseidenen Einsätzen

dastehen sehen, ist dem Maler weniger gut gelungen als der Herzog,

dessen wohlbeleibte Gestalt in lebendiger Bewegung an der Schwelle

eines Treppenaufganges steht, und der uns aus seinem fleischigen,

von schwarzen Locken eingerahmten Gesicht mit einem freundlichen

Blick anschaut; er scheint gleichsam die Einladung auszusprechen, mit

ihm seine fürstliche Wohnung zu betreten. Der höchsten Aristokratie

gehört ohne Zweifel auch der unbekannte Herr an, der in stolzer

Haltung, die Linke unter dem Atlasmantel in die Seite gestemmt, mit

dem abgenommenen Hut in der Rechten dasteht und uns fest und ruhig

ansieht (Abb. 13). Von den Bildnissen eines unbekannten Ehepaares,

das ohne rechten Grund als ein Bürgermeister von Antwerpen mit seiner

Gattin bezeichnet zu werden pflegt (Abb. 15 und 16), ist dasjenige

der Dame, bei der das dunkle Seidenkleid und die reichen Spitzen ein

angenehmes Gesicht und feine Hände prächtig hervortreten lassen, ein

ganz besonders fesselndes Meisterwerk. Den Glanzpunkt aber in der

Reihe dieser vornehmen Gestalten in ganzer Figur bildet die fürstliche

Erscheinung des Herzogs Wolfgang Wilhelm, Pfalzgrafen bei Rhein und

von Neuburg (Abb. 17). Das Bild wurde, nach Ausweis des alten Katalogs

der Düsseldorfer Gemäldegalerie, im Jahre 1629 gemalt. Wolfgang

Wilhelm, seit 1624 Herzog von Berg, war der Begründer dieser berühmten

Gemäldesammlung, welche im Jahre 1805, um sie vor den Franzosen zu

retten, aus der bergischen Hauptstadt nach München gebracht wurde,

wo sie seitdem verblieben ist. Seinem Kunstsinn verdankt daher die

Münchener Pinakothek ihren Reichtum an Werken von Rubens und van Dyck.

In einer ganz schlicht natürlichen Haltung, aber ein echter Edelmann

und Landesherr, steht der Pfalzgraf da, mit der Linken am Degengriffe,

die Rechte in das Ordensband des Goldenen Vließes gesteckt; ihm zur

Seite eine gewaltige gefleckte Dogge. -- Nicht minder vorzüglich als

malerische Meisterwerke und fesselnder noch durch das Eingehende,

man möchte sagen Freundschaftliche der Auffassung, stehen neben den

Bildern hoher Persönlichkeiten die Künstlerbildnisse. Während dort die

stattliche Darstellung in ganzer Figur vom Besteller verlangt oder vom

Künstler gewünscht war, hat van Dyck bei diesen immer die Wiedergabe

in halber Figur oder in Brustbild vorgezogen. Ein wahres Prachtstück

ist das Doppelbildnis des Malers Jan de Waal und seiner Gattin. Der

alte Herr, der Vater jener beiden Maler, mit denen van Dyck zu

Genua in enger Freundschaft lebte, steht in würdevoller aufrechter

Haltung da; seine Miene scheint uns von dem Ernst seines künstlerischen

Wollens während eines langen Lebens zu erzählen, und seine Wendung

nach der Gattin hin mit der sprechenden Handbewegung scheint uns zu

sagen, eine wie treue Stütze er an dieser braven Frau gefunden habe,

deren vertrocknetes, vergilbtes Gesicht die Spuren vieler Sorgen und

Mühen trägt (Abb. 23). Ebenfalls mit seiner Gattin ist der Bildhauer

Colyns de Nole gemalt, aber nicht in einem Rahmen vereinigt, sondern

in zwei Gegenstücken. Die beiden Bilder gehören dicht nebeneinander.

Mit einer gewissen Behäbigkeit, durch die indessen ein von Natur

lebhafteres Temperament hindurchspricht, im Lehnstuhl sitzend, blickt

Colyns uns mit einem Ausdruck innerer Zufriedenheit an (Abb. 26).

Ihm gegenüber sitzt seine Lebensgefährtin, sehr stattlich gekleidet,

in einem gleichen Lehnstuhl; sie ist noch ziemlich jung; aber ihre

Schönheit beginnt der Einwirkung von Kümmernissen zu unterliegen.

Ein Töchterchen schmiegt sich an den Arm der Mutter und sieht mit

einem fast scheuen Blick nach dem Vater hinüber. In einem kostbaren

Kabinettstück von ganz kleinem Maßstabe ist der Schlachten- und

Landschaftsmaler Peter Snayers abgebildet, der mit seinem wetterharten

Gesicht unter dem breitkrempigen Hut selbst wie einer der Kriegsleute

aussieht, die er zu malen liebte. Karl de Malery, ein Kupferstecher,

zeigt sich uns in einem Bilde von wunderbarer Lebenswahrheit; blond,

fleischig, gesund und phlegmatisch, mit einer feinen, wohlgepflegten

Hand, die er über dem künstlerisch um die Schulter geworfenen Mantel

zur Schau stellt (Abb. 27). Den Bildnissen von Vertretern der bildenden

Kunst reiht sich dasjenige eines Musikers an: Heinrich Liberti aus

Gröningen, Organist an der Antwerpener Kathedrale, wird uns vorgeführt

als ein schönheitsbewußter Jüngling, der, mit einer großen Goldkette

geschmückt, mit einem Notenblatt in der Hand, sich in weicher Bewegung

an eine Kirchensäule lehnt und sich mit geziertem Ausdruck das Aussehen

eines Engels oder eines Evangelisten Johannes gibt. Man kann freilich

in Zweifel darüber bleiben, ob die Verantwortung für diese gekünstelte

Auffassung nicht mehr dem Maler als dem Musiker zur Last fällt (Abb.

30).

[Illustration: Abb. 33. +Bildnis eines älteren Herrn.+ In der königl.

Gemäldegalerie zu Kassel.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 50.)]

[Illustration: Abb. 34. +Simson und Delila.+ In der kaiserlichen

Gemäldegalerie zu Wien. Nach einer Originalphotographie von Franz

Hanfstaengl in München. (Zu Seite 42.)]

[Illustration: Abb. 35. +Der Maler Kaspar de Crayer.+ In der

Liechtensteingalerie zu Wien.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 53.)]

Eine Anzahl von Meisterwerken der Bildniskunst ersten Ranges finden

wir in der Gemäldegalerie zu Kassel. Da steht an allererster Stelle

das Doppelbildnis des Tiermalers Franz Snyders und seiner Frau.

Snyders ist öfter von van Dyck gemalt worden, und immer ist er ihm

Gegenstand eines ausgezeichneten Bildes geworden. In dem Kasseler

Gemälde sitzen Mann und Frau nebeneinander; ihre Rechte ruht auf

seiner auf die Armlehne des Stuhles gelegten Linken. Beide sehen

den Beschauer klar und ruhig an. Das feine, geistreiche Gesicht des

Snyders ist bleich von Farbe; Haar und Bart sind blond, die Augen

grau. Wer Snyders zum erstenmal sieht, ist erstaunt, in dieser

fast zart zu nennenden Erscheinung den Maler jener Tierstücke, in

denen wahrhaft Rubenssche Leidenschaft lebt, zu finden. Das kluge

Gesicht von Frau Snyders ist weiß und rosig; ihre Augen haben ganz

die nämliche Farbe, wie die des Mannes; ihr Haar ist dunkler. Beide

sind angenehme Persönlichkeiten, so liebenswürdig aufgefaßt, daß sie

gleich beim ersten Anblick das Herz des Beschauers gewinnen. Nach

der herrschenden Mode sind beide in Schwarz gekleidet, das Kleid der

Frau hat vorn herunter einen zierlich gearbeiteten goldgestickten

Einsatz. Der Hintergrund setzt sich zusammen aus einem aufgerafften

olivengrauen Vorhang und einem durch einen breiten grauen Pfeiler

geteilten Ausblick ins Freie, wo sich unter ruhigem, grauem Himmel

eine baumreiche Ebene zu einer fernen blauen Hügellinie hinzieht. Der

Farbenreiz des Gemäldes ist ebenso künstlerisch vollkommen, wie die

Lebendigkeit und geistige Tiefe der Auffassung (Abb. 31). Ein diesem

ebenbürtiges Familienbild zeigt einen Herrn Sebastian Leers mit Frau

und Söhnchen, gleichfalls ein vollendetes Prachtstück sowohl in Bezug

auf lebendige Personenschilderung wie auf die Schönheit des Tons. Auch

hier sitzen Mann und Frau -- diese eine lebhaft blickende Brünette --

nebeneinander, in schwarzer Seidenkleidung. mit Einsatz von Goldbrokat

am Frauenkleid. Der blonde Knabe, der neben seiner Mutter steht, hat

ein Mäntelchen von hellgrüner Seide umgenommen, das einen reizvollen

lebhaften Ton in die Stimmung des Ganzen bringt. Auch hier enthält

der Hintergrund einen Ausblick ins Freie von kühlem Ton. Zu den

prächtigsten unter den in Kassel befindlichen van Dyckschen Bildnissen

gehören ferner zwei Gegenstücke, welche einen Herrn und eine Dame

in ganzer Figur zeigen. Wer die beiden Persönlichkeiten sind, ist

nicht bekannt. Jedenfalls hat dieser Herr, der mit einer Gebärde des

Sprechens uns gegenübersteht, irgend ein öffentliches Amt bekleidet.

Er trägt ein Staatsgewand von schwarzer Seide, aus langem Rock und

Überwurf bestehend. Das Seidenschwarz mit seinen glänzenden grauen

Lichtern, eine bräunlich-graue Wand, in der oben links am Bildrande

sich ein schmaler Durchblick in das Freie öffnet, und das dunkle Grün

eines an der rechten Seite des Bildes bis zum Boden herabhängenden

seidenen Vorhangs vereinigen sich zu einem Dreiklang von vornehmer,

ernster Wirkung, aus dem sich die Helligkeiten des von braunem Haar

eingefaßten Gesichts und der Hände -- das warme Fleisch von kühlem

Weißzeug begleitet -- lebhaft herauslösen (Abb. 33). Bei dem dazu

gehörigen Damenbildnis ist die Farbenstimmung ebenso vornehm, aber

reicher, festlicher. Ein Vorhang von roter Seide fällt auf die Lehne

eines rotgepolsterten Sessels herab, unter dem ein Smyrnateppich liegt.

Von dieser roten Masse, die zu gesteigerter Lebhaftigkeit der Wirkung

gebracht wird dadurch, daß man über dem schräg fallenden Vorhang in die

dunkelblaue Luft und auf die grünen Blätter eines Feigenbaumes sieht,

heben sich die hellen Töne des Kopfes, den ergrauendes blondes Haar,

in Löckchen gekräuselt, umgibt, der Hand, welche die Handschuhe lose

haltend auf der Stuhllehne liegt, und des mit reichen Spitzen besetzten

durchsichtigen Weißzeuges von Kragen und Manschette, sowie das tiefe

Schwarz des Atlaskleides klar und prächtig ab. An der anderen Seite der

Figur, der Schattenseite, kommt das Rot nicht wieder zum Vorschein, und

die Töne verlieren sich weich in einem dunklen graubraunen Hintergrund.

[Illustration: Abb. 36. +Maria Luisa de Tassis.+ In der

Liechtensteingalerie zu Wien.

Nach einer Photographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu Seite 53

und 54.)]

[Illustration: Abb. 37. +Bildnis einer jungen Dame.+ In der

Liechtensteingalerie zu Wien.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

dieser Seite.)]

Einen Schatz von vorzüglichen Werken van Dycks besitzt die fürstlich

Liechtensteinsche Gemäldesammlung zu Wien. Unter den Künstlerbildnissen

ragte hier das des Malers Kaspar de Crayer hervor, ein Meisterstück

von zu voller Körperhaftigkeit durchgebildeter Ausführung, mit einer

wundervollen Hand (Abb. 35). Das vorzüglichste aber ist das Bildnis

einer jungen Dame aus Antwerpen, Maria Luisa de Tassis (Abb. 36),

welche nach der bei den höheren Ständen beliebten französischen

Mode gekleidet ist. Wenn wir zum Vergleich das ebenda befindliche

Bildnis einer anderen hübschen jungen Dame betrachten, welche uns die

einheimische niederländische Tracht in reichster Ausstattung zeigt

(Abb. 37), so begreifen wir, daß es dem Maler ein Hochgenuß gewesen

sein muß, eine so anmutige Erscheinung wie Maria Luisa de Tassis

in einer Kleidung abbilden zu können, welche freiere, lebendiger

bewegte Linien und lichtere Farben zeigte und die Körperformen weniger

erdrückte. Die Kleidung von Maria Luisa de Tassis -- schwarzer Atlas

und weiße Seide, Schleifen und feinste Spitzen, Schmuck von Perlen,

Gold und Edelsteinen -- ist sehr reich. Aber all dieser Reichtum ist,

stofflich und malerisch, nur der wertvolle Rahmen für den köstlichen

Inhalt, das junge, schöne, liebenswürdige Weib. Es gibt wenige

Damenporträts, die man diesem zur Seite stellen dürfte (Abb. 36).

[Illustration: Abb. 38. +Bildnis eines älteren Herrn.+ In der

Gemäldegalerie zu Dresden.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

dieser Seite.)]

Neben solchen malerischen Prachtstücken seien als Beispiele

allerschlichtester Auffassung, die sich mit dem wirkungsvollen

Herausheben der Köpfe im Rahmen des feinen Weißzeuges aus dem von

der schwarzen Kleidung im Verein mit einem tiefen Schattenton des

Hintergrundes gebildeten Dunkel begnügt, die Brustbilder eines älteren

Ehepaares in der Dresdener Gemäldegalerie erwähnt (Abb. 38 und 39).

Die wachsende Zahl der Bildnisse von Fürstlichkeiten und von

Berühmtheiten auf den Gebieten des Staatswesens, der Wissenschaften

und der Künste brachte den Meister auf den Gedanken, diese Bildnisse

in einem großen Sammelwerk zu veröffentlichen. Er fertigte nach den

Bildern oder nach Skizzen derselben, welche er für sich zurückbehielt,

kleine Wiederholungen braun in braun oder auch bloße Zeichnungen an,

als Vorlagen für Kupferstiche, welche von den besten Antwerpener

Stechern, von Schelte a Bolswert, Pontius, Vorstermann und anderen,

ausgeführt wurden. Die Herausgabe dieser „Ikonographie“, an deren

Vervollständigung van Dyck unausgesetzt arbeitete, übernahm der

Kupferdrucker Martin van den Enden. Die Sammlung wuchs bei Lebzeiten

des Meisters zu der Zahl von achtzig Blättern an und wurde später durch

Hinzufügung von einigen nachträglich ausgeführten Stichen und von

fünfzehn eigenhändigen Radierungen van Dycks zu einem Werk von hundert

Bildern und einem Titelblatt erweitert. In dieser Gestalt wurde das

Werk, da auch van den Enden inzwischen gestorben war, durch Gilles

Hendrickx in Antwerpen herausgegeben. Das von Jakob Neefs gestochene

Titelblatt zeigt auf einem Sockel, welchen die Köpfe der Minerva

und des Merkur schmücken, die Büste van Dycks, nach einem seiner

Selbstbildnisse. Auf dem Sockel steht in lateinischer Sprache der Titel:

„Bildnisse

von Fürsten, gelehrten Männern, Malern, Kupferstechern, Bildhauern

und von Liebhabern der Malerkunst, hundert an der Zahl,

von Anton van Dyck,

Maler, nach dem Leben angefertigt und auf seine Kosten in Kupfer

gestochen.“

[Illustration: Abb. 39. +Bildnis einer älteren Dame.+ In der

Gemäldegalerie zu Dresden.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 54.)]

Das Werk wurde mehrmals neu aufgelegt. Dabei wurden wiederholt einzelne

Bildnisse durch andere ersetzt, so daß im ganzen 190 Porträtstiche als

zur „Ikonographie“ van Dycks gehörig gezählt werden. Der Zahl nach

am stärksten vertreten und für die Nachwelt am anziehendsten sind

die Künstlerbildnisse. Die zahlreichen bedeutenden Meister, welche

als Zeitgenossen van Dycks in den spanischen Niederlanden wirkten,

und viele holländische werden uns hier in lebensvoller Erscheinung

vorgeführt. Mancher freilich, der damals für würdig befunden wurde,

einen Platz in der Sammlung von Berühmtheiten zu finden, zählt heute

zu den halb oder ganz Vergessenen. Die Angabe des Titels, daß die

Bildnisse nach dem Leben aufgenommen seien, erleidet übrigens eine

kleine Einschränkung. Die Reihe von Bildnissen berühmter Zeitgenossen

würde das Publikum nicht völlig zufrieden gestellt haben, wenn

diejenigen Persönlichkeiten darin vermißt wurden, die in den Jahren,

wo der dreißigjährige Krieg am heftigsten tobte und durch seine

Wechselfälle die Gemüter auch der entfernter Stehenden in aufregender

Spannung hielt, wohl am öftesten von aller Welt genannt wurden. Darum

nahm van Dyck auch die Bildnisse von Wallenstein und Gustav Adolf,

Tilly und Pappenheim in die Sammlung auf, obgleich er schwerlich jemals

Gelegenheit gehabt hat, einen dieser Kriegshelden persönlich zu sehen.

Er mußte sich, um diese zu malen, der Abbildungen bedienen, welche

von Deutschland aus in großer Zahl, wenn auch größtenteils als recht

unkünstlerische fliegende Blätter, auf den Markt gebracht wurden. Es

ist daher nicht zu verwundern, wenn diese Porträts nicht jenes Maß

von überzeugender Ähnlichkeit besitzen, das sonst den Bildnissen des

Meisters innewohnt: es bleibt bewunderungswürdig, wieviel glaubhafte

Lebensfülle er, trotz der ungenügenden Vorbilder, auch diesen Gestalten

zu geben vermocht hat (Abb. 40 und 41). Von den braun in braun gemalten

Vorlagen van Dycks für die Ikonographie sind etwa fünfzig erhalten; ein

großer Teil derselben befindet sich in der Münchener Pinakothek.

[Illustration: Abb. 40. +Wallenstein.+ Braun in braun gemalte

Vorlage für den von Peter de Jode d. j. ausgeführten Kupferstich der

Ikonographie.

In der königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

dieser Seite.)]

Es braucht nicht gesagt zu werden, daß eine Sammlung von Bildnissen,

die ihre Entstehung einem Maler wie van Dyck und so ausgezeichneten

Kupferstechern, wie diejenigen waren, die sich ihm zur Verfügung

stellten, verdankt, ein Werk von unschätzbarem künstlerischen Wert

ist. Es ist eine Folge von Meisterwerken. Das kostbarste aber in der

Ikonographie sind die von van Dyck selbst geätzten Blätter. Es ist

erstaunlich, mit welcher Gewandtheit van Dyck die von ihm nur selten

benutzte Radiernadel gehandhabt hat. Seine beherrschende Kenntnis vom

Bau des menschlichen Kopfes ließ ihn auch mit dem ungewohnten Werkzeug

mit einer solchen Sicherheit zeichnen, daß er auch hier das höchste Maß

von Lebendigkeit erreichte. Die künstlerische Unmittelbarkeit verleiht

den Blättern einen Reiz, durch den sie die an sich meisterhaften

Arbeiten der berufsmäßigen Kupferstecher in Schatten stellen. Man

zählt im ganzen, mit Hinzurechnung von dreien, welche von anderer Hand

fertig gemacht wurden, achtzehn von van Dyck radierte Bildnisse in

der Ikonographie. Darunter befinden sich sein Selbstporträt, Johann

Breughel, Peter Breughel, Franz Snyders. Auch seine Kupferstecher Paul

Pontius und Lukas Vorstermann radierte er selbst. Bei mehreren dieser

Blätter hat ihn wohl die persönliche Freundschaft zur eigenhändigen

Ausführung bewogen. Von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu

Vorstermann gibt die Nachricht Kunde, daß er am 10. Mai 1631 dessen

Töchterchen aus der Taufe hob, welches nach ihm den Namen Antoinette

erhielt. -- Außer den Bildnissen von Zeitgenossen hat van Dyck

noch zwei andere Blätter radiert. Das eine ist eine komponierte

Porträtgruppe: Tizian und seine Geliebte, das andere eine religiöse

Darstellung: ~Ecce homo!~ Dieses letztere ist ein herrliches Blatt.

Ohne starke Wirkung von Hell und Dunkel, aber im feinsten Reiz der

Zeichnung ausgeführt, stehen drei Halbfiguren da: Christus, mit

Duldermiene die ihm angetane Schmach entgegennehmend, ein Scherge,

der ihm den Rohrstab überreicht, und ein behelmter Soldat, der ihm

den Purpurmantel umhängt. Nach dem Vorbilde Dürers hat van Dyck hier

den ganzen Hintergrund mit den Lichtstrahlen ausgefüllt, die von dem

dornengekrönten Haupt des Erlösers ausgehen. -- Die sämtlichen geätzten

Blätter van Dycks werden mit Recht sehr hoch geschätzt, namentlich in

ihren ersten Plattenzuständen, vor jeder nachträglichen Bearbeitung.

Im Laufe des Jahres 1631 wurden von England aus Verhandlungen mit van

Dyck geführt, um ihn zur Übersiedelung nach London zu bewegen. König

Karl I. hatte im Frühjahr des vorhergehenden Jahres durch seinen

Kammerherrn Endymion Porter das Gemälde „Rinaldo und Armida“ erhalten.

Was ihn aber bewogen haben soll, den vlämischen Maler an seinen Hof zu

ziehen, war, nach dem Bericht eines englischen Geschichtsschreibers,

nicht diese anmutige Komposition, sondern ein Bildnis. Ein Herr aus dem

Hofstaat des Königs, der Maler und Musiker Nikolaus Lanière, hatte sich

von van Dyck malen lassen. Er hatte zu dem Bilde, wie besonders erwähnt

wird, sieben Tage hintereinander, vormittags und nachmittags gesessen,

ohne daß der Maler ihm gestattet hätte, dasselbe zu sehen. Um so größer

war seine Freude und Befriedigung beim Anblick des fertigen Werkes.

„Dieses war das Bild, welches Karl I. gezeigt wurde und Veranlassung

gab zu der Reise van Dycks nach England.“

Den Auftrag, van Dyck den Wunsch des Königs von England mitzuteilen,

erhielt der aus der Geschichte des Rubens bekannte Maler-Diplomat

Gerbier. Es scheint, daß derselbe in der französischen Königin-Witwe

Maria de’ Medici eine Bundesgenossin fand. Anfangs machte van Dyck

Schwierigkeiten. Die Beziehungen zwischen ihm und Gerbier gestalteten

sich unfreundlich infolge eines seltsamen Vorkommnisses. Gerbier

schickte als Neujahrsgeschenk für den König ein Bild, welches die

geistliche Verlobung der heiligen Katharina von Alexandrien vorstellte,

als ein Werk von van Dycks nach England. Aber er war das Opfer einer

Täuschung; van Dyck erklärte, daß das Bild nicht von ihm herrühre.

Gerbier scheint zeitweilig die Hoffnung ganz aufgegeben zu haben,

seinen Auftrag erfüllen zu können. Aber schließlich ließ sich van Dyck

doch gewinnen. Am 13. März 1632 schrieb Gerbier von Brüssel aus an den

König: „Van Dyck ist hier und läßt sagen, daß er entschlossen ist, nach

England zu gehen.“

[Illustration: Abb. 41. +Gustav Adolf von Schweden.+ Braun in braun

gemalte Vorlage für den von Paul Pontius ausgeführten Kupferstich der

Ikonographie. In der königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 56.)]

A. van Dyck · 第 3 / 5 段