Aus der Zeit des Aufenthaltes in Holland wird ein Geschichtchen

überliefert von der Begegnung van Dycks mit Franz Hals. Der Antwerpener

Maler sei in die Werkstatt des Haarlemer Meisters getreten und habe,

ohne sich zu nennen, sein Porträt bestellt. Franz Hals habe sich sofort

an die Arbeit begeben und in einer kaum zweistündigen Sitzung das Bild

fertig gemacht. Darauf habe van Dyck gesagt, das Porträtmalen schiene

eine leichte Sache zu sein, er wolle es auch einmal versuchen. Und nun

habe er den Franz Hals in noch kürzerer Zeit gemalt. Da sei diesem die

Erkenntnis gekommen, daß der Fremde kein anderer als Anton van Dyck

sein könne, und voller Freude über die unerwartet gemachte persönliche

Bekanntschaft mit einem Ebenbürtigen oder Größeren, habe Franz Hals

seinen Besucher ins Wirtshaus mitgenommen. -- Das Geschichtchen ist

vielleicht mehr für die alten Biographen bezeichnend, als für die

beiden Künstlerpersönlichkeiten. Was davon als Tatsache übrigbleibt,

ist, daß van Dyck den Franz Hals porträtiert hat. Er zeichnete damals

auch von mehreren anderen holländischen Künstlern die Bildnisse.

[Illustration: Abb. 18. +Beweinung Christi.+ In der königl. Pinakothek

zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 31.)]

[Illustration: Abb. 19. +Beweinung Christi.+ Im königl. Museum zu

Berlin.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 31.)]

In das Jahr 1631 fällt wieder die Entstehung eines berühmten

Altargemäldes. Roger Braye, Kanonikus der Liebfrauenkirche zu

Courtrai, bestellte bei van Dyck für eine Kapelle dieser Kirche eine

Darstellung der Kreuzigung Christi. Der Künstler wählte, wie dies

auch Rubens einmal getan hatte, den Augenblick der Aufrichtung des

Kreuzes. Unter der Aufsicht eines berittenen Kriegsmannes, hinter dem

ein anderer Reiter das obrigkeitliche Banner trägt, strengen vier

Männer sich an, das Kreuz emporzurichten und zugleich in die Grube

einzupflanzen, die ein fünfter mit der Schaufel ausgeworfen hat. Die

rohen Hände der Henker greifen unbarmherzig in das zarte, weiße Fleisch

des Gekreuzigten, der mit dem Blicke des unschuldigen Opferlammes die

Augen nach oben wendet. In diesem Ausdruck der vollkommenen Unschuld

und einer Ergebung, die kein unwillkürliches Widerstreben, kein Zucken

eines Muskels im Schmerze zuläßt, liegt das eigentümlich Ergreifende

des Bildes, dasjenige, wodurch dasselbe einen anderen Charakter

bekommt, als das inhaltsgleiche Rubenssche Gemälde, das ihm in der

Anordnung der Komposition mit dem diagonal das Bild durchschneidenden

Kreuz und auch darin ähnlich ist, daß eine mächtige Einwirkung auf

das Gemüt des Beschauers erzielt wird durch das Zusammenstellen von

nur ganz mitleidlosen Personen mit der mitleiderweckenden Gestalt des

Opfers.

[Illustration: Abb. 20. +Der Leichnam Christi, von Engeln beweint.+

Zeichnung in der Albertina zu Wien.

Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i.

E., Paris und New York. (Zu Seite 31.)]

[Illustration: Abb. 21. +Maria, Jesus und Johannes.+ In der königl.

Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 32.)]

Das Gemälde wurde im Mai 1631 an seinem Platz aufgestellt. Es befindet

sich noch heute in der Liebfrauenkirche zu Courtrai. Das Archiv

des Kapitels dieser Kirche bewahrt noch als ein seltenes Stück die

eigenhändige Quittung van Dycks über den Empfang des Honorars von

hundert Pfund vlämisch (sechshundert Gulden).

Neben den wenigen Werken, deren Entstehungszeit feststeht, schuf van

Dyck in den sechs oder sieben Jahren, welche er nach der Rückkehr aus

Italien in der Heimat zubrachte, eine Menge von Gemälden, für welche

die Zeitangabe im einzelnen fehlt. Im allgemeinen nimmt man an, daß

diejenigen Bilder, bei denen die Erinnerung an die Farbengebung der

venezianischen Meister am stärksten nachklingt, am frühesten nach der

italienischen Reise entstanden seien. Doch ist auch diese Annahme kein

unbedingt sicherer Anhaltspunkt. Jedenfalls war dieser Abschnitt seines

Lebens derjenige, in welchem er mit einer unglaublichen Leichtigkeit

des Schaffens die reichste und vielseitigste Tätigkeit entfaltete und

in welchem er zur höchsten Entwickelung seines Könnens gelangte. -- In

diese Zeit fallen neben den schon genannten Altarbildern eine große

Zahl hervorragender religiöser Gemälde. Besonders häufig kommen unter

denselben die Kreuzigung und die Beweinung Christi vor.

[Illustration: Abb. 22. +Ruhe auf der Flucht nach Ägypten.+ In der

königl. Pinakothek zu München. (Zu Seite 32.)]

[Illustration: Abb. 23. +Der Maler Jan de Waal und seine Frau.+ In der

königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 49.)]

Den letzteren Gegenstand wußte der Meister in mannigfaltiger Weise und

immer ergreifend aufzufassen. Die berühmtesten dieser Darstellungen

befinden sich im Museum zu Antwerpen und in der Münchener Pinakothek.

Auf dem Antwerpener Bilde sehen wir den heiligen Leichnam lang

ausgestreckt und starr, mit Haupt und Schulter auf den Schoß der

Mutter gebettet daliegen. Maria, mit dem Rücken an das dunkle Gestein

des Felsens gelehnt, dessen Gruft den Toten aufnehmen soll, breitet

in lautem Jammer die Arme aus. Der Jünger Johannes hat die Rechte

des Heilands gefaßt und zeigt die blutigen Wunden den Engeln, die

herbeigekommen sind und bei dem Anblick in Tränen ausbrechen. Die

Gruppe des Johannes und der Engel steht in weichen, warmen Tönen vor

der blassen blauen Luft. In eigentümlicher, eindrucksvoller Wirkung

wird der bleiche Fleischton des Leichnams durch dieses Nebeneinander

der kalten Helligkeit und des warmen Dunkels einerseits und durch

das reine Weiß des Leintuches und das Blaugrün des über den Schoß

Marias gebreiteten Tuches andererseits hervorgehoben (Abb. 14). Das

Münchener Bild ist von dem Antwerpener im ganzen Eindruck schon dadurch

verschieden, daß sich alles in weicheren, fließenden Linien bewegt.

So ist auch die Stimmung hier noch weicher, klagender, als dort. Der

Schauplatz ist nicht vor den Gruftfelsen verlegt, sondern an den Fuß

des schräg umgelegten Kreuzes. Maria lehnt sich mit den Schultern

an den Stamm und wendet das Antlitz -- eine getreue Übertragung des

antiken Niobekopfes in die Malerei -- zum Himmel. Den schmerzlichen

Blick begleitet eine gleichsam fragende Gebärde der ausgestreckten

rechten Hand, während die andere Hand die durchbohrte Linke des toten

Sohnes emporhebt. Der Leichnam liegt mit dem ganzen Oberkörper in

den Schoß der Mutter geschmiegt, sein Haupt ruht wie schlummernd an

ihrer Brust. Engel in farbigen Gewändern, zum Teil von dem hellen

Licht bestrahlt, das den Körper des Heilands mit einem goldigen Ton

überflutet, zum Teil in tiefe, weiche Schatten gehüllt, betrachten

schmerzerfüllt den Toten, und weinende Cherubimköpfe erscheinen im

Gewölk der von der roten Abendglut durchleuchteten Luft. Man mag,

wenn man will, etwas von gesuchter Formenschönheit in diesem Gemälde

finden; aber die Empfindung, aus der das Ganze hervorgegangen, ist

echt (Abb. 18). Diesen beiden gefeierten Darstellungen reiht sich das

inhaltsgleiche Gemälde im Berliner Museum ebenbürtig an. Hier ist der

heilige Leichnam auf einer mit dem Leintuch bedeckten Steinbank vor

dem Felsen niedergelassen worden. Johannes, auf derselben Steinbank

sitzend, hält ihm den Oberkörper und das Haupt in erhöhter Lage. Die

Mutter Maria steht daneben und beugt sich mit vorgestreckten Händen

herab, um den Toten noch einmal zu umarmen. Magdalena, an ihrer Seite,

faßt nach ihrem Arm, als wollte sie ein allzu heftiges Vorwärtsstürzen

verhindern. Die Klage des Himmels deutet nur ein kleiner Engelknabe

an, der mit schmerzlich bewegtem Gesichtchen dem Beschauer das Wundmal

in der Hand des Erlösers zeigt. Die Stimmung ist auch hier weich.

Licht und Farbe entwickeln sich in gedämpften Tönen aus braunen Tiefen

heraus. Die große braungraue Masse des Felsens bildet den Hintergrund

für die Frauen; Maria trägt ein dunkelgraues Kleid, gelblichen

Schleier und blaues Kopftuch, Magdalena ein dunkelgelbes Kleid, dessen

Farbe mit derjenigen ihres goldblonden Haares fast übereinstimmt,

und einen schwarzen Überwurf. Der Oberkörper des Johannes, der mit

einem schwärzlichen Rock bekleidet ist, hebt sich dunkel ab von der

grauwolkigen Luft, die nur an einzelnen Stellen das Blau des Himmels

zwischen hellen Lichtern aus den Wolkenrändern hervorblicken läßt.

Wie bei Maria das herkömmliche Blau der Kleidung nur an dem kleinen

Stück gezeigt wird, welches ihr über Hinterhaupt und Schulter liegt,

so ist bei Johannes das übliche Rot auf das Stück Mantel beschränkt,

welches über seinen Knieen hängt (Abb. 19). Neben diesen Gemälden mag

eine ausdrucksvolle Zeichnung in der Albertina zu Wien erwähnt werden,

welche den toten Christus im Innern der Gruft, wo eine Schar von Engeln

ihn weinend umgibt, darstellt. Es ist bezeichnend für van Dyck, daß

auch hier der Leichnam nicht starr und gestreckt, sondern mit erhöhtem

Oberkörper und leicht gebogenen Gliedern daliegt, so daß ein weicher

Fluß der Linien entsteht (Abb. 20).

Zu den Kreuzigungsbildern gehören außer den schon besprochenen noch

zwei figurenreiche Altargemälde in belgischen Kirchen: das eine in

der Kathedrale zu Mecheln, das andere in der St. Michaelskirche zu

Gent. Auf dem ersteren wird die Ergebenheit des Heilands durch die

gewaltsamen Schmerzbewegungen der zwei Schächer hervorgehoben. Christus

wendet sein Haupt der wehklagenden Mutter zu. Johannes steht Maria zur

Seite, und Magdalena umklammert den Fuß des Kreuzes. Petrus und ein

anderer Apostel kommen in einiger Entfernung heran. Kriegsleute zu

Fuß und zu Pferd füllen den übrigen Raum. Das Bild wurde im Auftrage

eines Herrn van der Laen für den Preis von 2000 Gulden für die

Minoritenkirche zu Mecheln gemalt. Im Jahre 1794 nach Paris entführt,

wurde es nach der Rückgabe an die Domkirche St. Romuald geschenkt. Das

Genter Gemälde, das leider durch wiederholte sogenannte Restaurationen

sehr verdorben ist, stellt den Augenblick dar, wo dem durstenden

Heiland der Essigschwamm gereicht wird. Auch hier sieht man auf der

einen Seite Maria und Johannes, auf der anderen die Kriegsleute,

Magdalena am Fuße des Kreuzes, in der Luft flattern zwei kleine Engel

vor dem verfinsterten Himmel. -- Ein für die Minoritenkirche zu Lille

gemaltes Altarbild, welches den Gekreuzigten mit Maria und Johannes

zeigt, befindet sich jetzt im Museum zu Lille. -- In zahlreichen

Bildern hat van Dyck die einzelne Gestalt des hell beleuchtet vor

einem schwarzgrauen Himmel hängenden gekreuzigten Erlösers mit tiefer

Auffassung gemalt (vergl. Abb. 49).

Neben solchen Schilderungen des Leidens und Schmerzes steht eine Anzahl

liebenswürdig aufgefaßter Madonnenbilder. Vielleicht das schönste von

diesen befindet sich in der Münchener Pinakothek. Eine liebliche und

doch groß und ernst aufgefaßte Gestalt, hält Maria mit beiden Händen

das neben ihr auf einem Stein stehende Jesuskind und blickt sinnend

herab auf den kleinen Johannes, der das Spruchband mit den Worten:

„Siehe, das Lamm Gottes“ emporreicht. Die rechte Seite Marias und

der Kopf des Johannesknaben heben sich mit kräftigem Umriß von einer

lichtwolkigen Luft ab; in der anderen Hälfte des Gemäldes bildet dunkel

beschattetes Mauerwerk, mit welchem das dunkle Obergewand Marias weich

zusammenklingt, einen tiefen Hintergrund für die leuchtend helle

Gestalt des unbekleideten Jesuskindes. Zweifellos ist es berechtigt,

wenn man in der gewundenen Stellung des Kindes etwas Geziertes finden

will. Aber darüber mag man gern hinwegsehen im Genuß der echten

malerischen Empfindung des farbenschönen Gemäldes (Abb. 21). -- Ein

zweites Marienbild, welches die Münchener Pinakothek besitzt, fesselt

gleichfalls durch eine innige Lieblichkeit. Die heilige Familie

befindet sich auf der Flucht nach Ägypten, unter Bäumen eine kurze

Rast genießend. Der kleine Jesus ist auf dem Schoße Marias, mit dem

Kopfe an ihre Brust gelehnt, eingeschlafen, und leise, behutsam, daß

ja ihre Bewegung das Kind nicht wecke, wendet diese den Kopf ein wenig

zur Seite, um zu hören, was der Pflegevater Joseph, der sich über ihre

Schultern beugt, zu ihr spricht. In zarten, lichten Farben heben sich

die Gruppe von Mutter und Kind und der Kopf des Greises von dem Dunkel

der Bäume ab, das von lichten Luftdurchblicken unterbrochen wird (Abb.

22).

[Illustration: Abb. 24. +Christus und der geheilte Gichtbrüchige.+

In der königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 35.)]

Im Louvremuseum zu Paris befindet sich ein sehr schönes Marienbild,

welches ein niederknieendes Ehepaar in Anbetung vor dem vom Schoß der

Mutter sich ihm freundlich zuneigenden Jesuskinde zeigt. Derartige

Stifterbilder waren damals ziemlich aus der Mode gekommen; van

Dyck aber fand hier eine glückliche Gelegenheit, seine Kunst als

Madonnenmaler und als Bildnismaler vereinigt zu zeigen. -- In die Zahl

der Marienbilder gehört noch die von ihm mehrmals gemalte Darstellung,

welche die Muttergottes als Zuflucht der reuigen Sünder zeigt. König

David, Maria Magdalena und den verlorenen Sohn sehen wir als die

Vertreter der Bußfertigen in einer solchen Darstellung, welche in

zwei übereinstimmenden Exemplaren im Louvre und im Berliner Museum

vorhanden ist.

[Illustration: Abb. 25. +Susanna im Bade.+ In der königl. Pinakothek zu

München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 35.)]

Die Münchener Pinakothek, in der man van Dyck nach allen Seiten hin

kennen lernen kann, bietet uns auch mehrere Beispiele von Gemälden,

welche ihre Stoffe der Heiligen Schrift entnehmen, ohne darum irgendwie

einen kirchlichen Charakter zu beanspruchen. Sichtlich unter dem noch

ganz frisch wirkenden Eindruck der Werke Tizians entstanden ist das

Bild: Christus spricht mit dem geheilten Gichtbrüchigen. Dieses aus

vier Figuren -- dem Heiland, dem Geheilten mit seinem Bettzeug über

dem Arm, einem Jünger und einem Pharisäer -- auf aus lichter Luft und

einer dunklen Wand zusammengesetztem Hintergrund bestehende Gemälde

stellt sich uns unverkennbar als ein Versuch dar, mit dem großen

Venezianer in Bezug auf Farben und Ausdruck zu wetteifern (Abb. 24).

Ungleich selbständiger und darum ansprechender ist die Darstellung

der von den beiden Alten im Bade überraschten Susanna (Abb. 25). Hier

hat der Maler geschwelgt in der Wiedergabe des eigenen Zaubers hell

beleuchteten zarten Fleisches, und er hat sich dabei mehr von dem Reiz

der lebendigen Natur, als von der Erinnerung an alte italienische

Meister leiten lassen. In dem dunklen Rotbraun des Gewandes, mit dem

Susanna sich zu verhüllen sucht, hat er einen prächtigen Gegensatzton

zu der lichten Haut gefunden, auf deren Hervorhebung auch die ganz

dunkel gehaltene Umgebung berechnet ist; nur die ausdrucksvoll

sprechenden Köpfe der beiden Alten und die rechte Hand des einen, der

mit lüsternem Finger die weiche Schulter des Mädchens berührt, treten

noch hell aus dem Dunkel hervor. Erfreulich wirkt in diesem Bilde auch

das Fehlen jeglicher Geziertheit in Bewegung und Ausdruck der Susanna;

wie die Ueberraschte sich erschreckt zur Seite biegt und in sich

zusammenzieht und dabei zugleich einen Blick entschlossener Abwehr dem

Manne zusendet, der mit Worten und mit dem tätlichen Versuch, ihr das

Gewand, das sie mit kräftig geschlossener Faust festhält, zu entziehen,

auf sie eindringt, das ist mit einer bewunderungswürdigen Natürlichkeit

wiedergegeben. Trotz der glücklichen Durchbildung des Ausdrucks in

diesem Werk braucht man nicht daran zu zweifeln, daß van Dyck, ebenso

wie wohl fast alle Maler, welche jemals diesen Gegenstand behandelt

haben, die keusche Susanna nicht um ihrer Tugend, sondern um ihrer

Entkleidung willen malte.

[Illustration: Abb. 26. +Der Bildhauer Andreas Colyns de Nole.+

In der königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 49.)]

[Illustration: Abb. 27. +Der Kupferstecher Karl de Mallery.+

In der königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 49.)]

Die blendende Wiedergabe weichen, jugendlichen Fleisches war ihm

auch die Hauptaufgabe bei der zweiten in der Münchener Pinakothek

befindlichen Darstellung der Marter des heiligen Sebastian (Abb.

28), als deren Entstehungszeit das Jahr 1626 überliefert wird,

und die einen ganz anderen künstlerischen Charakter zeigt wie das

ältere Gemälde des gleichen Inhalts. Der Heilige, so jugendlich

aufgefaßt und so weiß und zart, daß man bei diesem Anblick wirklich

nicht an einen römischen Kriegsmann denken kann, scheint hier an

nichts anderes zu denken, als an die Schaustellung seiner anmutigen

Körperformen zum Zwecke der Bewunderung. Mit einem geradezu koketten

Ausdruck heftet er den Blick auf den Beschauer. Und es gelingt ihm

in der Tat, unsere Bewunderung derartig zu fesseln, daß wir kaum zu

einer Empfindung für die unangenehme Lage, in der er sich befindet,

gelangen. Ein halbnackter Riese schnürt den Strick zusammen, mit dem

die Unterschenkel des Verurteilten an den Baumstamm gebunden sind;

ein wilder dunkelbrauner Schütze, der sich prächtig abhebt von dem

weißen Roß des die Exekution leitenden Hauptmanns, legt ihm die Hand

aufs Haupt, als wolle er ihn höhnisch auffordern, dem Tod recht mutig

ins Auge zu sehen; ein anderer, dessen Gesicht im Schatten des Helms

verschwindet, wählt prüfend die schärfsten Geschosse aus seinem

Pfeilbündel aus. Aber diese Gestalten, durch deren Gebaren der Maler

sich bemüht hat, das Schreckliche des Vorgangs recht anschaulich zu

machen, vermögen unseren Blick nicht festzuhalten, der immer nur auf

der lichten Jünglingsgestalt haften bleibt; und ihr grimmiges Tun

reicht nicht aus, um eine Empfindung des Mitleids aufkommen zu lassen

für den seine Schönheit so hell ins Licht stellenden Märtyrer. Es ist

nicht möglich, die Geziertheit weiter zu treiben, -- und doch bestrickt

uns das Gemälde und fesselt uns zu längerer Betrachtung, und zwar nicht

allein durch die prächtig gemalte anmutige Jünglingsgestalt, sondern

auch durch den hohen malerischen Reiz des Ganzen.

[Illustration: Abb. 28. +Der heilige Sebastian.+ In der königl.

Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 35.)]

[Illustration: Abb. 29. +Danae.+ In der königl. Gemäldegalerie zu

Dresden.

Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmanns Nachf. (R. Tamm) in Dresden.

(Zu Seite 41.)]

Seltener als aus dem religiösen Stoffgebiet wählte van Dyck die

Vorwürfe für seine Bilder aus der Mythologie. Für ihn hatte die

antike Götterwelt nicht annähernd mehr eine solche Bedeutung, wie sie

für Rubens hatte. Das lag sowohl in den Anschauungen des jüngeren

Geschlechts, dem er angehörte, als auch in seinem Temperament

begründet. In Rubens lebte noch etwas von jenem Geist der Renaissance,

der den Heidengöttern und ihrem Gefolge gleichsam ein neues

Dasein gegeben hatte; für seine überschäumende Vollkraft waren

jene von übermenschlicher Kraft und übermenschlicher Daseinsfreude

erfüllten Gestalten, mit denen er Himmel und Erde und Meer bevölkerte,

eine so naturgemäße Verkörperung seiner Ideen, daß sie für seine

Einbildungskraft sozusagen die Bedeutung von wirklich vorhandenen Wesen

hatten, -- in ähnlicher Weise etwa, wie zu unserer Zeit Moritz von

Schwind sagte, daß er an seine Nixen und Erdmännlein glaube. Für van

Dyck dagegen war die ganze klassische Götter- und Heldensage weiter

nichts als ein großes Nachschlagebuch für Stoffe, welche Gelegenheit

zum Malen nackter Figuren gaben, besonders weiblicher, zu deren

Darstellung sich sonst nur selten Veranlassung fand. So haben denn auch

seine mythologischen Gestalten nichts mehr von urwüchsigen Naturwesen,

man sieht ihnen vielmehr das entkleidete Modell an.

[Illustration: Abb. 30. +Der Organist Heinrich Liberti.+ In der königl.

Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 49.)]

Die Danae in der Dresdener Gemäldegalerie, eine hübsche jugendliche

Gestalt, die, auf dem Ruhelager ausgestreckt, die Arme nach dem vom

Himmel fallenden Golde ausbreitet, während ihre alte Dienerin sich

vergeblich bemüht, etwas davon im Gewande aufzufangen, macht den

Eindruck einer eleganten Salondame (Abb. 29). Frischer wirkt das im

Pradomuseum zu Madrid befindliche Gemälde: Diana und Endymion von einem

Satyr belauscht. Im Waldesdunkel schlummert die Göttin, von Jagdgerät

und Jagdbeute umgeben, auf einem aus ihren abgelegten Gewändern

bereiteten Lager; ihre linke Hand ruht im Arm des Schläfers Endymion.

Auch der Jagdhund ist eingeschlafen. Der Satyr schleicht im Dickicht

leise heran, ganz verborgen im Schatten; nur ein Arm von ihm kommt in

das Licht hervor, ein langer, gerade ausgestreckter Arm, der höhnisch

auf die Göttin hinweist, als sollten andere, unseren Blicken noch

verborgene Waldgeister darauf aufmerksam gemacht werden, in welcher

Lage die sonst so unnahbare Jungfrau hier zu sehen sei. In weichen

Tönen entwickelt sich die schöne Farbe des Bildes aus einem bräunlichen

Grundton heraus (Abb. 32).

Als in die Reihe der mythologischen Darstellungen gehörig mag noch

ein in englischem Privatbesitz befindliches Gemälde besonders erwähnt

werden, in welchem van Dyck sich selbst als Paris mit dem Apfel in der

Hand -- aber ohne die Göttinnen -- gemalt hat.

Den mythologischen Bildern schließt sich als inhaltsverwandt eine

mehrmals behandelte Darstellung von Rinaldo und Armida an -- ein

Stoff, den schon Rubens aus der Dichtung Tassos als Bildgegenstand

herausgehoben hatte. Die schöne, lächelnde Zauberin, die auf dem Rasen

des Gartens sitzt, und der Held, der mit dem Kopf in ihrem Schoße

ruht; ein dunkler Hintergrund von üppig dichtem Laubwerk und ringsum

die Lichtgestalten eines Schwarmes von kleinen Liebesgöttern, die in

der Luft und auf dem Boden sich neckisch umhertummeln: so setzt sich

diese von einer reizvollen dichterischen Stimmung erfüllte Schöpfung

van Dycks zusammen, von der sich das bekannteste Exemplar im Louvre

befindet. Van Dyck malte diesen Gegenstand im Jahre 1629 für einen

Kammerherrn des Königs von England, Endymion Porter, der ihn mit der

Anfertigung eines für den König bestimmten Bildes beauftragt hatte.

Ein anderes Exemplar befand sich unter den Gemälden, welche er für den

Erbstatthalter von Holland und dessen Gemahlin ausführte.

Dem mythologischen Gebiet mag man auch einige, nicht gerade sonderlich

gehaltreiche Allegorien beizählen, wie die Darstellung des Zeitgottes,

der dem Amor die Flügel beschneidet, in der Sammlung des Herzogs von

Marlborough.

Weiterhin reihen sich der verhältnismäßig geringen Zahl von van Dycks

Historienbildern nicht religiösen Inhalts noch einige Darstellungen

aus der biblischen und aus der römischen Geschichte ein. So die

Gefangennahme Simsons, eine für van Dyck ungewöhnlich wild bewegte

Komposition, in der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien (Abb. 34), und die

Enthaltsamkeit des Scipio, in einer englischen Sammlung. -- Auch die

neuere Geschichte hat ihm in vereinzelten Fällen Stoffe geliefert.

So finden wir in der Münchener Pinakothek eine große Schilderung der

Schlacht bei Saint-Martin-Eglise, in welcher Heinrich IV. den Herzog

von Mayenne besiegte. Van Dyck malte dieses Bild im Verein mit dem

Schlachtenmaler Snayers; von seiner eigenen Hand rühren wohl nur die

stolzen Reiterfiguren des Königs und seines Gefolges im Vordergrund her.

A. van Dyck · 第 2 / 5 段