Derartige Schöpfungen konnten den Augen feiner Kenner wohl o

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Liebhaber-Ausgaben

[Illustration]

Künstler-Monographien

In Verbindung mit Andern herausgegeben

von

H. Knackfuß

XIII

A. van Dyck

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1902

A. van Dyck

Von

H. Knackfuß.

Mit 61 Abbildungen von Gemälden und Zeichnungen

Vierte Auflage

[Illustration]

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1902

Von diesem Werke ist für Liebhaber und Freunde besonders luxuriös

ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe

_eine numerierte Ausgabe_

veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier

gedruckt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert

(von 1-100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis

eines solchen Exemplars betragt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf

welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.

=Die Verlagshandlung.=

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

[Illustration: +Anton van Dyck.+ Selbstbildnis des Meisters in der

königl. Galerie der Uffizien zu Florenz.

Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i.

E., Paris und New York. (Zu Seite 64).]

Verzeichnis der Abbildungen.

Abb. Seite

Anton van Dyck (Titelbild).

1. Jugendliches Selbstbildnis des Meisters 2

2. Reiterbild Karls V. 3

3. Der heilige Sebastian 7

4. Die Dornenkrönung 9

5. Ein Senator von Genua 10

6. Die Gemahlin des Senators 11

7. Abbildung eines italienischen Edelmannes 12

8. Bildnis eines jungen Mannes 13

9. Genofeva von Urfé, Herzogin von Croy 14

10. Karl Alexander, Herzog von Croy 15

11. Tanzende Engel 16

12. Christus am Kreuze 17

13. Bildnis eines Unbekannten 18

14. Beweinung Christi 19

15. Sogenannter Bürgermeister von Antwerpen 20

16. Sogenannte Bürgermeisterin von Antwerpen 21

17. Wolfgang Wilhelm von der Pfalz-Neuburg, Herzog von Jülich

und Berg 22

18. Beweinung Christi 23

19. Beweinung Christi 25

20. Der Leichnam Christi von Engeln beweint 26

21. Maria, Jesus und Johannes 27

22. Ruhe auf der Flucht nach Ägypten 29

23. Der Maler Jan de Waal und seine Frau 30

24. Christus und der geheilte Gichtbrüchige 32

25. Susanna im Bade 33

26. Der Bildhauer Andreas Colyns de Nole 35

27. Der Kupferstecher Karl de Mallery 36

28. Der heilige Sebastian 37

29. Danae 39

30. Der Organist Heinrich Liberti 41

31. Der Maler Fr. Snyders und seine Frau 43

32. Diana und Endymion, von einem Satyr überrascht 45

33. Bildnis eines älteren Herrn 46

34. Simson und Delila 47

35. Der Maler Kaspar de Crayer 50

36. Maria Luisa de Tassis 51

37. Bildnis einer jungen Dame 53

38. Bildnis eines älteren Herrn 54

39. Bildnis einer älteren Dame 55

40. Wallenstein 56

41. Gustav Adolf von Schweden 57

42. Van Dycks Selbstporträt mit der Sonnenblume 58

43. König Karl I. von England 59

44. Henriette Marie, Königin von England 61

45. Anton van Dyck und Sir Endymion Porter 63

46. Der Kardinal-Infant Don Ferdinand von Österreich 64

47. Allegorisches Bild der Lady Venetia Digby 65

48. Beweinung Christi 67

49. Christus am Kreuz 69

50. Die Anbetung der Hirten 70

51. König Karl I. von England 71

52. König Karl I. von England und sein Stallmeister Sir

Thomas Morton 74

53. Die Kinder Karls I. von England: Prinzessin Maria, Prinz

Jakob, Prinz Karl, Prinzessin Elisabeth und Prinzessin Anna 75

54. Die Kinder Karls I. von England: Karl, Prinz von Wales;

Jakob, Herzog von York; Prinzessin Maria 77

55. Lady Diana Cecil, Gräfin von Oxford 78

56. Beatrix von Cusance, Prinzessin von Cantecroix 79

57. Charles Cavendish 80

58. Lords John und Bernard Stuart 81

59. Englische Wappenherolde 84

60. Maria Ruthven, die Gattin des Meisters 85

Anton van Dyck.

Unter den zahlreichen Nachfolgern und Schülern des Rubens hat keiner

so festgegründetes Anrecht auf bleibenden Ruhm erworben wie Anton

van Dyck: kein von mächtigem Schöpfergeist getragener Künstler

gleich seinem großen Meister, aber auf dem begrenzten Gebiet der

Bildnisdarstellung einer der größten Maler aller Zeiten. Anton van Dyck

erblickte das Licht der Welt zu Antwerpen am 22. März 1599. Sein Vater

Franz van Dyck war ein begüterter Kaufmann. Nach der Überlieferung

der alten Biographen wäre derselbe mit seiner Ehefrau Maria Cuypers

oder Kupers aus Herzogenbusch nach Antwerpen gekommen. Doch entbehrt

diese angebliche Einwanderung aus Holland jeder Beglaubigung. Vielmehr

war schon der Großvater als Kaufmann in Antwerpen ansässig, und

es ist anzunehmen, daß die stolze vlämische Handelsstadt die alte

Heimat des Geschlechts war. Der Name van Dyck kommt im Laufe des XVI.

Jahrhunderts mehrmals in den Verzeichnissen der St. Lukas-Gilde vor;

ein Familienzusammenhang dieser vergessenen Maler mit demjenigen, der

den Namen berühmt machte, hat sich indessen nicht nachweisen lassen.

Eine unverbürgte Nachricht meldet, daß Franz van Dyck Glasmaler gewesen

sei, bevor er zum Kaufmannsstande überging. Von Maria Cuypers wird

erzählt, daß sie eine große Kunstfertigkeit im Sticken besaß. Eine

umfangreiche Stickerei, an welcher sie bis kurz vor der Geburt Antons

-- des siebenten in einer Reihe von zwölf Geschwistern -- arbeitete,

wird besonders namhaft gemacht; die Geschichte der biblischen Susanna

war darin, von schönem Rankenwerk umgeben, dargestellt. Frau Maria

starb nach der Geburt ihres zwölften Kindes am 17. April 1607. Sie mag

in Anton schon frühzeitig den Erben ihrer künstlerischen Veranlagung

erkannt haben, und gern nehmen wir an, daß sie es war, die in ihm

den keimenden Kunsttrieb pflegte und entwickelte. Man findet in der

künstlerischen Eigenart van Dycks sein ganzes Leben hindurch etwas

von weiblicher Empfindungsweise; das ist sein Besonderes, dasjenige,

wodurch er sich am augenfälligsten von dem stark männlichen Rubens

unterscheidet. Von seinen Geschwistern widmeten sich mehrere einem

zurückgezogenen geistlichen Leben. Bei ihm scheint hinsichtlich der

Berufswahl schon im Kindesalter kein Zweifel bestanden zu haben.

Bereits im Jahre 1609 wurde Anton van Dyck in das Namensverzeichnis

der St. Lukas-Gilde eingetragen, und zwar als Schüler des Heinrich van

Balen. Bereits am 11. Februar 1618 wurde Anton van Dyck als Freimeister

in die Gilde aufgenommen. Die früh erreichte Meisterschaft verdankte

er nicht allein dem Unterricht des wackeren van Balen, sondern in

höherem Maße seiner Tätigkeit in der Werkstatt des Rubens, in die

er nach einigen Jahren der Unterweisung durch jenen älteren Meister

aufgenommen wurde. Um dieser Vergünstigung, nach welcher damals viele

vergeblich strebten, teilhaftig zu werden, muß der noch sehr junge

angehende Maler schon bedeutende Proben seiner Begabung abgelegt haben.

Auch nach erreichtem Meisterrecht verblieb Anton van Dyck noch zwei

Jahre lang in dem Schülerverhältnis zu Rubens. Es war die Zeit, wo der

große Antwerpener Meister auch nicht annähernd mehr imstande war,

die Flut von Bestellungen, die auf ihn eindrang, durch eigenhändige

Arbeit zu bewältigen, so daß er die Mithilfe seiner auserlesenen

Schüler in reichstem Maße in Anspruch nahm. Zunächst mußte van Dyck

in Rubens’ Werkstatt sich üben an der Nachbildung von Werken großer

italienischer Maler, welche die Sammlung seines Lehrers zierten.

Derartige Nachbildungen waren aber keineswegs getreue Kopien, es

waren vielmehr freie Bearbeitungen der gegebenen Vorbilder, sozusagen

Übersetzungen derselben in die Formensprache der eigenen Zeit. Ein

Belegstück hierfür ist van Dycks Reiterbild Karls V., welches sich

in der Uffiziengalerie zu Florenz befindet, und welches zweifellos

ein und dasselbe ist mit einem als „Kaiser Karl V. nach Tizian“

bezeichneten Gemälde van Dycks, das im Verzeichnis des Rubensschen

Nachlasses namhaft gemacht wird: beim ersten Anblick dieses Gemäldes

möchte man eher an ein Urbild von Rubens als an ein solches von

Tizian denken (Abb. 2). Aus der Lehrzeit bei van Balen brachte der

junge van Dyck eine besondere Geschicklichkeit, in kleinem Maßstabe

grau in grau zu malen, mit. Darum betraute Rubens ihn gern mit der

ehrenvollen Aufgabe, nach seinen großen Gemälden die Vorlagen für

deren Kupferstichnachbildung anzufertigen. Aber die Haupttätigkeit

van Dycks während seiner Ausbildungszeit bei Rubens bestand darin,

daß er die Entwürfe des Meisters im großen auf die Leinwand übertrug

und bald mehr, bald weniger ausführte, so daß für Rubens selbst zur

Vollendung des Bildes nur eine geringere oder stärkere Überarbeitung --

unter Umständen auch wohl gar nichts -- zu tun übrigblieb. Wir wissen,

daß Rubens den Käufern seiner Bilder gegenüber die Mitwirkung der

Schüler an denselben gewissenhaft angab und je nach dem Maß dieser

Mitwirkung den Preis niedriger ansetzte. Wenn Rubens in einem Brief an

Sir Dudley Carleton (vom 28. April 1618) ein Bild, welches den Achilles

unter den Töchtern des Lykomedes vorstellte, als von seinem besten

Schüler gemalt bezeichnet, so nehmen wir gern an, daß mit diesem besten

Schüler van Dyck gemeint sei. Aus der Art und Weise, wie Rubens von

diesem Bilde spricht, möchte man fast schließen, daß auch der Entwurf

desselben von dem Schüler und nur die letzte Übermalung von dem Meister

herrührte. Auf solche Weise wird es wohl begreiflich, daß es aus der

Zeit gegen das Jahr 1620 eine ganze Anzahl von Bildern gibt, bei

denen es völlig zweifelhaft bleibt, ob sie mit mehr Recht dem Rubens

oder dem van Dyck zuzuschreiben sind. In seinen großen Kompositionen

kirchlichen und weltlichen Inhalts zeigt sich van Dyck zeitlebens als

in der Erfindung von Rubens abhängig. Nicht als ob man ihn schlechtweg

als dessen Nachahmer bezeichnen dürfte; aber fast alle seine derartigen

Werke erinnern an inhaltsgleiche oder verwandte Schöpfungen des großen

Meisters. Nur fehlt ihnen dessen ursprüngliche Kraft und blendende

Farbenpracht; es tritt vielmehr eine Neigung zu weicheren Stimmungen,

sowohl in der Empfindung wie in der Farbe, zu Tage.

[Illustration: Abb. 1. +Jugendliches Selbstbildnis des Meisters.+

In der königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 5.)]

[Illustration: Abb. 2. +Reiterbild Karls V.+ In der königl. Galerie der

Uffizien zu Florenz.

Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i.

E., Paris und New York. (Zu Seite 2.)]

Als das erste Werk, welches van Dyck selbständig ausführte, wird die

für die Dominikanerkirche St. Paul zu Antwerpen gemalte und noch in

dieser Kirche befindliche Kreuztragung Christi namhaft gemacht. Es

ist nicht unwahrscheinlich, daß dieses Gemälde schon im Jahre 1617

entstanden ist. Aber noch im Jahre 1620 finden wir van Dyck damit

beschäftigt, Entwürfe seines Meisters auszuführen. Sein Name wird

ausdrücklich genannt in dem Vertrage, welchen die Antwerpener Jesuiten

im März 1620 mit Rubens über die Ausmalung der Deckengewölbe ihrer

Kirche abschlossen.

Mit einundzwanzig Jahren war van Dyck, trotz des noch bestehenden

Schülerverhältnisses zu Rubens, schon ein berühmter Maler. Zwar

hatte er auf dem Gebiet, auf welchem er später unsterblichen Ruhm

erringen sollte, in der Bildnismalerei, noch kaum namhafte Proben

seines Könnens abgelegt. Zwei Porträts, die als Erzeugnisse des Jahres

1618 irgendwo erwähnt werden, sind später verschollen. Um 1620 muß

das Selbstbildnis des jungen Künstlers entstanden sein, welches die

Münchener Pinakothek besitzt. Da zeigt uns der schon so früh Bewunderte

ein zartes, hübsches Gesicht, von üppigem blonden Haar umgeben, und

blickt uns aus dunkelblauen Augen mit einem liebenswürdigen Lächeln an

(Abb. 1). Von einigen anderen Bildnissen vermutet man auf Grund der

Malweise, daß sie diesem Abschnitt seines Lebens angehören. Solche sind

die beiden Brustbilder des Landschaftsmalers Jan Wildens, von denen

sich das eine in der fürstlich Liechtensteinschen Sammlung zu Wien,

das andere in der Kasseler Gemäldegalerie befindet, und das Brustbild

einer Dame in mittleren Jahren, ebenfalls in Kassel. Besonders diese

letztere erinnert sehr auffallend an die Art des Rubens, dem die feine

Zusammenstimmung der hellen Gesichtsfarbe mit dem Weiß der Krause sehr

glücklich abgelauscht ist. Das sind schöne Bildnisse; aber doch keine

Werke, die damals in Antwerpen ungewöhnliches Aufsehen hätten erregen

können. Aber man glaubte in van Dyck in seiner Eigenschaft als Schöpfer

großer, figurenreicher und farbenprächtiger Darstellungen einen zweiten

Rubens heranwachsen zu sehen. Namentlich in Gemälden kirchlichen

Inhalts schien derselbe erfolgreich mit seinem Lehrer zu wetteifern.

Die Bewunderer vergaßen, daß dasjenige, was sie für Ebenbürtigkeit

hielten, zum großen Teil nur die Aufnahmefähigkeit eines gelehrigen

Schülers war. In deutschen Sammlungen befinden sich verschiedene

bezeichnende Beispiele von religiösen Malereien van Dycks aus dieser

Zeit. Ob dieselben jemals zum Aufstellen auf Altären bestimmt gewesen

sind, darf man wohl bezweifeln. Es hat eher den Anschein, als ob der

Rubensschüler bei der freien Wahl von Stoffen, an denen er seine junge

Kraft erproben wollte, durch eine persönliche Vorliebe zu derartigen

Gegenständen geführt worden sei. Den Käufern von Gemälden war ja bei

dem damaligen hohen Stand des Kunstsinnes in den Niederlanden der

Gegenstand eines Bildes Nebensache, sie schätzten dasselbe nur nach

seinen künstlerischen Eigenschaften. Darum darf man sich andererseits

auch nicht darüber wundern, wenn man Gemälden begegnet, in denen weiter

nichts als der Gegenstand kirchlich ist und jede Spur von religiöser

Auffassung fehlt. So hat das der Zeit um 1620 angehörige Bild von van

Dyck in der Münchener Pinakothek, welches den heiligen Sebastianus

darstellt, seine Entstehung augenscheinlich in erster Linie dem Wunsche

des jungen Malers, Gelegenheit zum Malen einer schönen nackten Gestalt

zu finden, zu verdanken. Der Heilige, ein kräftig gebauter Jüngling von

blendend heller Hautfarbe, wird von muskelstarken Schergen an einen

Baum gebunden. Reiter in blitzendem Waffenschmuck beaufsichtigen die

Vollstreckung des Befehls (Abb. 3). Von einer Vertiefung des Künstlers

in den Gehalt seiner Aufgabe im kirchlichen Sinne, als Schilderung

eines Helden, der für seinen Glauben in den Tod geht, ist -- trotz

der himmelwärts gewendeten Blicke Sebastians -- gar keine Rede. Nicht

einmal von einer Vertiefung nach der rein menschlichen Seite hin.

Wenn wir den Körper des Heiligen bewundern, so haben wir der Absicht

des Malers genug getan; daß wir von dessen Geschick ergriffen werden

sollen, verlangt derselbe nicht von uns. Dem leuchtenden Fleischton

der jugendlichen Gestalt ordnet sich auch in der Farbe alles andere

im Bilde unter. Diese Farbe bewegt sich in echt Rubensschen Tönen;

nur daß von einem düsteren Ton der Luft aus die Stimmung etwas von

dem besonderen Charakter van Dycks bekommt. Das Rot der Fahne, welche

der eine Reiter hält, ist so frisch und kräftig, als ob Rubens selbst

es hingestrichen hätte. Eine Besonderheit von van Dyck, die auch in

vielen seiner späteren Gemälde auffällt, ist die, daß der Maßstab etwas

unter Lebensgröße ist. -- Ein Zeigenwollen des Könnens -- der genialen

Faust möchte man sagen -- des Rubensschülers spricht aus dem Bilde im

Museum zu Berlin, welches den Täufer und den Evangelisten Johannes

nebeneinander stehend enthält, und das um eben dieser Zusammenstellung

willen, die keine Handlung enthält, am ersten als wirkliches Altarbild

gedacht zu sein scheint. Ernster in religiösem Sinne aufgefaßt ist

das andere Bild des Berliner Museums, welches die Dornenkrönung

Christi darstellt. Die mächtigen Formen und die starken Bewegungen

der Schergen, von denen einer einen blitzenden Eisenharnisch trägt,

die Farbengebung und der ganze Gesamteindruck des Gemäldes verraten

das erfolgreiche Studium der Rubensschen Art und Weise. Aber durch

die Rubensschen Formen und Farben hindurch spricht eine persönliche

Stimmung. Der Gestalt des leidenden Erlösers sieht man es an, daß ihre

Auffassung aus einer wirklichen, innerlichen Empfindung des Malers

hervorgegangen ist. Es scheint, daß van Dyck, von dem gesagt wird,

daß er immer das Leiden besser habe schildern können als das Handeln,

hier einen Gegenstand nach seinem Herzen gefunden hat. Die Berliner

Dornenkrönung ist eine nur wenig veränderte Wiederholung von einem im

Pradomuseum zu Madrid befindlichen Gemälde. Dieses letztere, als das

ursprünglichere, gibt sich durch den tiefen Ernst seiner Stimmung --

bei großem Reichtum der Farben -- in noch höherem Maße wie jenes als

der echte Ausdruck wahren künstlerischen Gefühls zu erkennen (Abb. 4).

König Philipp IV. von Spanien, der dieses Gemälde aus dem Rubensschen

Nachlaß erwarb, hielt dasselbe für kirchlich genug, um den Escorial zu

schmücken; dasselbe hat dort im Kloster den ihm zugewiesenen Platz inne

gehabt bis zur Einrichtung des Madrider Museums im Jahre 1818.

[Illustration: Abb. 3. +Der heilige Sebastian.+ In der königl.

Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 6.)]

[Illustration: Abb. 4. +Die Dornenkrönung.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i.

E., Paris und New York. (Zu Seite 6.)]

[Illustration: Abb. 5. +Ein Senator von Genua.+

Im königl. Museum zu Berlin. (Zu Seite 17.)]

[Illustration: Abb. 6. +Die Gemahlin des Senators Abb. 5.+

Im königl. Museum zu Berlin. (Zu Seite 17.)]

Derartige Schöpfungen konnten den Augen feiner Kenner wohl offenbaren,

daß der junge van Dyck ein nicht zu unterschätzendes persönliches

Kunstvermögen besaß. Aber was der großen Mehrheit am meisten in die

Augen stach, war doch wohl nicht dieses Eigene, sondern im Gegenteil

der Umstand, daß er so ähnlich komponierte und malte wie Rubens. Darum

setzten namentlich die englischen Kunstliebhaber, die nicht genug

Rubenssche Bilder bekommen konnten, auf ihn ihre Hoffnung, und es

wurde der Versuch gemacht, ihn nach England herüberzuziehen. In einem

Briefe, welchen der große englische Kunstfreund Graf Thomas Arundel

von seinem in Antwerpen sich aufhaltenden Geschäftsträger empfing (vom

17. Juli 1620), findet sich die bemerkenswerte Stelle: „Van Dyck wohnt

bei Herrn Rubens, und seine Werke fangen an, beinahe ebenso geschätzt

zu werden wie diejenigen seines Meisters. Er ist ein junger Mann

von etwa zwanzig Jahren und der Sohn sehr reicher Eltern in dieser

Stadt, weshalb es schwer sein wird, ihn zum Verlassen der Heimat zu

bewegen, zumal er sieht, welches Vermögen Rubens hier erwirbt.“ Wenn

in der Tat bei dem jungen Maler Abneigung oder Bedenken gegen eine

Übersiedelung nach England bestanden, so mußten dieselben schwinden

gegenüber einer Berufung durch den englischen König selbst. Gegen Ende

November 1620 befand sich „Rubens’ berühmter Schüler“ -- wie er in

einem Schreiben an Sir Dudley Carleton, dem wir die erste Nachricht

hierüber verdanken, genannt wird -- in England, und König Jakob I.

hatte ihm ein Jahresgehalt von 100 Pfund Sterling ausgeworfen. Wir

erfahren nicht viel über van Dycks Tätigkeit während dieses seines

ersten Aufenthaltes in England. Am 28. Februar des folgenden Jahres

erhielt er einen achtmonatlichen Urlaub. Nach der Form, in welcher

ihm der Reisepaß bewilligt wurde, hätte van Dyck im Herbst 1621 nach

England zurückkehren sollen. Für die Annahme, daß er dieses, wenn

auch nur zu kurzem Aufenthalt, getan habe, gibt es keine Belege. Es

drängte ihn, möglichst bald nach Italien zu reisen und durch Anblick

der Meisterwerke des vorhergegangenen Jahrhunderts seine Ausbildung zu

vervollständigen. Auch Rubens, der ja selbst die schönsten Jahre seiner

Jugend in Italien verbracht hatte, mochte dem jungen Kunstgenossen zu

dieser Reise raten, -- freilich nicht, wie böse Zungen zu flüstern

wußten, aus Neid, um einen gefahrdrohenden Nebenbuhler aus Antwerpen

fortzuschaffen. Als van Dyck nach dem Süden aufbrach, gab er seinem

verehrten Lehrer Rubens als Abschiedsgeschenk ein Gemälde, welches die

Gefangennahme Christi darstellte. Aus dem Verzeichnis der Kunstwerke

des Rubensschen Nachlasses erfahren wir, daß dieses Bild neben noch

mehreren anderen von der Hand des berühmten Schülers die Sammlung

des Meisters bis zu dessen Tode schmückte; bei der Veräußerung des

Nachlasses wurde es vom König von Spanien erworben und befindet

sich jetzt im Museum zu Madrid. Es ist ein Werk von ansehnlichem

Umfang, dreieinhalb Meter hoch und zweieinhalb Meter breit, und von

überlebensgroßem Maßstab. Die Schilderung des Vorganges faßt, nach dem

Beispiel früherer Meister, den Kuß des Judas, das Einstürmen der rohen

Häscher auf den verratenen Christus und den Zorn des Petrus, der mit

wuchtigem Schwerthieb den Malchus zu Boden wirft, in einen Augenblick

zusammen. Die Empfindungsweise, aus der das Gemälde hervorgegangen ist,

ist die nämliche wie bei jener Dornenkrönung. Aber die Farbe erinnert

hier weniger als dort an Rubens. Es ist ein düsteres Nachtstück mit

greller Beleuchtung durch den roten Schein der Fackeln, prächtig in

der Wirkung. Wohl keins von den späteren Geschichtsbildern van Dycks

erreicht eine solche Mächtigkeit des Eindruckes wie dieses. Die

Ansehnlichkeit des Geschenkes bekundet, daß van Dyck sich wohl bewußt

war, wie großen Dank er Rubens für dessen Unterweisung schuldete. Es

wird erzählt, daß er als Gegengeschenk von dem Meister eines von dessen

andalusischen Pferden für die Reise empfing. -- Die Überlieferung weiß

ein romantisches Geschichtchen zu berichten von einer Liebschaft,

welche den jungen Maler gleich nach Antritt seiner Reise in dem

zwischen Löwen und Brüssel gelegenen Dorfe Saventhem festgehalten

hätte und Veranlassung geworden wäre, daß van Dyck für die dortige

Kirche zwei Gemälde ausführte. Das Geschichtchen ist von der Forschung

beseitigt worden; seine Entstehung mag in der beglaubigten Tatsache

gesucht werden, daß van Dyck in Saventhem -- aber erst im Jahre 1629 --

um die Hand von Isabella van Ophem, einer Tochter des Landvogts Martin

van Ophem anhielt, die ihm indessen verweigert wurde. Die dortige

Kirche besitzt ein Gemälde von der Hand van Dycks, welches den heiligen

Martin darstellt. Aber dasselbe verdankt seine Entstehung nicht der

Liebe, sondern einer Bestellung, welche Ferdinand von Boisschot, Herr

zu Saventhem, dem jungen Künstler im Jahre 1621 machte. Das Bild gehört

zu denjenigen, welche noch ganz in Rubensscher Weise erdacht sind. Der

heilige Martin hält auf einem prächtigen Schimmel, der ungeduldig mit

dem Huf scharrt, neben dem am Boden sitzenden nackten Bettler. Mit

einem Schnitt seines Degens hat er den Mantel in zwei Hälften geteilt.

Der Bettler hat das herabfallende Stück, noch ehe die Hand des Gebers

dessen Ende losgelassen hat, ergriffen, um sich darin einzuwickeln; die

andere Hälfte bleibt auf der Schulter des Reiters liegen. Ein zweiter

Bettler blickt mißgünstig auf in der Erwartung, daß auch ihm eine Gabe

zu teil werden soll. Dessen häßliches Gesicht und grobe, lumpenbedeckte

Formen bilden einen wirkungsvollen Gegensatz gegen die vornehme

Erscheinung des Martinus, eines feinen Jünglings mit einem Gesicht

von echt van Dyckscher Sanftheit. In blitzender Rüstung, mit einem

federgeschmückten Barett über den Locken, hebt die Gestalt des Heiligen

sich farbenprächtig ab von dem Blau und Silbergrau einer wolkigen Luft,

zwischen den dunklen Massen seiner berittenen Begleitung einerseits und

einer Gebäudeecke andererseits. Daß das schöne Gemälde seinen Platz

in der Dorfkirche hat behaupten können, ist merkwürdig genug. Um die

Mitte des XVIII. Jahrhunderts widersetzten die Einwohner des Ortes

sich mit bewaffneter Hand dem beabsichtigten Verkaufe dieses Schatzes

ihrer Kirche. In der Napoleonischen Zeit war es nur unter dem Schutze

einer Truppenabteilung möglich, das Bild aus der Kirche zu holen, um

es, wie so viele andere kostbare Gemälde, nach Paris zu schaffen. Bei

der Rückerstattung der geraubten Kunstwerke im Jahre 1815 wurde es

zur Freude der Bevölkerung an seinen alten Platz zurückgebracht. Ein

Versuch, dasselbe zu stehlen, der einige Jahre später gemacht wurde,

gab Veranlassung zu besonderen Vorsichtsmaßregeln zum Schutze des

kostbaren Kunstbesitzes.

Das zweite Altarbild, welches van Dyck für die Kirche zu Saventhem

malte, stellte die heilige Familie dar. Dasselbe entstand erst nach der

Rückkehr des Künstlers aus Italien, wahrscheinlich in dem genannten

Jahre 1629. Dieses ist nicht mehr vorhanden. Es fiel schon im Jahre

1673 der Raub- oder Zerstörungslust einer Mordbrennerschar Ludwigs XIV.

zum Opfer.

[Illustration: Abb. 7. +Bildnis eines italienischen Edelmannes.+

In der königl. Gemäldegalerie zu Kassel.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München.

(Zu Seite 17.)]

[Illustration: Abb. 8. +Bildnis eines jungen Mannes.+ In der königl.

Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 18.)]

Wann Anton van Dyck, der in so jungen Jahren schon auf eine

erstaunliche Menge von ansehnlichen Werken zurückblicken konnte, seine

italienische Reise antrat, darüber gehen die Angaben auseinander. Am

1. Dezember 1622 starb sein Vater. Nach der meistverbreiteten Annahme

war er an dessen Sterbebett zugegen und reiste einige Monate später,

also im Jahre 1623, von Antwerpen ab. Nach einem anderen Bericht aber

machte van Dyck sich schon im Herbst 1621 auf den Weg nach Italien.

Wenn wir diesem letzteren Bericht folgen, so finden wir van Dyck, den

der mit Rubens befreundete italienische Edelmann Vanni begleitete,

in der zweiten Hälfte des Novembers 1621 in Genua. Hier fand er

freundliche Aufnahme bei Landsleuten und Kunstgenossen, den Brüdern

Lukas und Cornelius de Wael. Nach einem Aufenthalt von einigen Wochen

in Genua, wo schon die Erinnerung an Rubens ihm das wohlwollendste

Entgegenkommen der mächtigen Adelsfamilien der Stadt sicherte, begab

er sich zu Schiff nach Civitavecchia, um Rom zu erreichen. Auch die

ewige Stadt fesselte ihn jetzt nur für kurze Zeit. Sein Verlangen

war auf Venedig gerichtet, wo er die Großmeister der Farbe an der

Quelle studieren wollte. Als er auf dem Wege dorthin sich in Florenz

aufhielt, malte er den Oheim des Großherzogs Ferdinand II., Lorenzo

de’ Medici, und wurde von diesem beschenkt. In Venedig gab er sich

mit Fleiß dem Studium der farbenprächtigen Schöpfungen der alten

Meister, insbesondere derjenigen Tizians, hin. Er hat unverkennbare

Vorteile aus diesem Studium gezogen. Man gewahrt in seinen damaligen

und späteren Werken deutlich die Einwirkung von Tizians Farbe auf

seine Geschmacksbildung. Auch in der gewählten malerischen Auffassung

von Bildnissen mag man den Einfluß erkennen, den die Werke des großen

Venezianers auf ihn ausübten. Es wird erzählt, daß van Dycks Geldmittel

während der Studienzeit in Venedig schwach geworden seien und daß er

sich daraufhin nach Genua begeben habe, um dort, wo der Name seines

Lehrers Rubens ihn empfahl, durch das nächstliegende Mittel eines

Malers zum Geldverdienen, durch die Bildnismalerei, seine Verhältnisse

wieder aufzubessern. So hätte ihn die Not auf dasjenige Gebiet geführt,

auf welchem seine eigenste Begabung lag. Wie über den Zeitpunkt des

Antritts seiner Reise nach Italien, so sind auch über seine Hin- und

Herzüge in diesem Lande die Angaben der Berichterstatter widersprechend

und verworren. Nach der annehmbareren Nachricht begab sich van Dyck von

Venedig aus nicht nach Genua, sondern, nach einem Aufenthalt in Mantua,

wo er den Herzog Ferdinand porträtierte, zurück nach Rom. Hier malte

er im Jahre 1622 ein Werk, welches große Anerkennung fand, das schöne,

lebens- und charaktervolle Bildnis des vormaligen päpstlichen Nuntius

in Brüssel, des Kardinals Bentivoglio, das sich jetzt in der Sammlung

des Pittipalastes zu Florenz befindet. Was ihm als Bildnismaler den

höchsten Beifall in den Kreisen der Aristokratie verschaffen mußte,

war die vollendete Vornehmheit der Auffassung, mit welcher er die

Persönlichkeiten wiedergab.

[Illustration: Abb. 9. +Genofeva von Urfé, Herzogin von Croy.+ In der

königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 42.)]

[Illustration: Abb. 10. +Karl Alexander, Herzog von Croy.+ In der

königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 42.)]

Van Dyck selbst war eine durch und durch vornehme Natur, fein gebildet

an Sitten, gleich liebenswürdig in seinem Wesen wie in seinem Äußeren.

Überall gewann er die Herzen in den Kreisen derjenigen, welche ihre

Porträts bei ihm bestellten. Aber in den Kreisen seiner Landsleute und

Kunstgenossen in Rom erregte er heftigen Anstoß durch seine feinen

Sitten und durch die Gewohnheit, sich in gewählter Weise zu kleiden und

sich mit zahlreicher Dienerschaft zu umgeben. Denn in der vlämischen

Malerkolonie zu Rom war es Stil, ein möglichst ungeschlachtes Benehmen

zur Schau zu tragen und die Mußestunden durch ein wüstes Kneipenleben

auszufüllen. Derartiges war van Dyck in seinem innersten Wesen zuwider,

und er vermochte es nicht, sich der „Schilderbent“ (Malergesellschaft)

anzuschließen. Dafür erntete er den Spottnamen „der Malerkavalier“

(~il pittore cavalieresco~) und Schlimmeres als dieses: man suchte

nicht nur seine Person, sondern auch sein Können herabzuwürdigen. Ob es

wahr ist, daß ihm hierdurch der Aufenthalt in Rom, wo er manche sehr

bemerkenswerte Erzeugnisse seiner Kunst, wie namentlich das Reiterbild

des Prinzen Karl Colonna (in der Gemäldesammlung des Palastes Colonna)

zurückgelassen hat, verleidet wurde, mag dahingestellt bleiben.

Jedenfalls begab er sich im Herbst des Jahres 1623 wieder nach Genua.

Hier verweilte er nun längere Zeit, und er malte eine Menge von

Bildnissen aus der höchsten Gesellschaft dieser Stadt. Vielleicht noch

vor seiner Ankunft in Genua malte er in Turin mehrere Bildnisse von

Mitgliedern des Hauses Savoyen, darunter ein stolzes Reiterbild des

Prinzen Thomas von Carignan und mehrere allerliebste Kinderporträts,

die sich jetzt sämtlich im Museum zu Turin befinden. Die Beziehungen

zu diesem Fürstenhause veranlaßten van Dyck zu einer Unterbrechung

seines Aufenthalts in Genua. Der Herzog Emmanuel Philibert von Savoyen,

Vicekönig von Sicilien, berief ihn nach Palermo. Van Dyck folgte

der Einladung im Sommer 1624 und malte die Bildnisse des Fürsten

und verschiedener Personen von dessen Hof. Auch fing er ein großes

Altarbild mit vielen Heiligen für die Rosenkranzbruderschaft zu Palermo

an. Aber der Ausbruch der Pest, der der Vicekönig selbst als eines

der ersten Opfer fiel, zwang ihn zum Verlassen der Insel, ehe er mit

den dort begonnenen Werken fertig geworden war. Er blieb nun in Genua

bis zu seiner Heimkehr, als Bildnismaler der vornehmen Welt reichlich

beschäftigt.

[Illustration: Abb. 11. +Tanzende Engelein.+ Zeichnung im Besitz des

Herzogs von Aumale.

Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i.

E., Paris und New York. (Zu Seite 20.)]

In Genua befindet sich denn auch eine erheblich größere Anzahl von

seinen Werken als irgendwo anders in Italien. In den Marmorpalästen

der Brignole-Sale, Durazzo, Balbi, Spinola blicken, von der Hand des

nordischen Meisters gleichsam lebendig festgehalten, die stolzen

Gestalten der einstigen Besitzer, mit lieblichen Kindererscheinungen

wechselnd, von den Wänden auf den Beschauer herab, und diese Bildnisse

stellen die italienischen Gemälde, von denen sie umgeben sind, in

Schatten. Das Bildnis des Marchese Anton Julius von Brignole-Sale,

der auf einem langmähnigen Schimmel dem Beschauer grüßend im Schritt

entgegenreitet, und dasjenige von dessen Gemahlin Pauline Adorno, die

in reichem blauem Sammetkleide, geschmückt mit den Reizen bestrickender

Jugendschönheit, hoheitsvoll und anmutig dahinschreitet, seien als

ausgezeichnete Meisterwerke besonders erwähnt.

Hinter den Bildnissen steht alles, was Italien an sonstigen Gemälden

von van Dyck bewahrt, wie der Zahl, so auch der Bedeutung nach zurück.

Doch befinden sich immerhin sehr bemerkenswerte Schöpfungen unter

seinen dortigen religiösen Bildern. So zu Rom der jeden Beschauer

ergreifende Christus am Kreuze mit den schmerzvoll zum Himmel

gewendeten Blicken, in der Gemäldesammlung der Villa Borghese; und die

liebenswürdige Heilige Familie im Museum zu Turin.

[Illustration: Abb. 12. +Christus am Kreuze.+

Skizze des für die Kapuzinerkirche zu Dendermonde gemalten Altarbildes.

In der fürstl. Liechtensteinschen Gemäldesammlung zu Wien.

Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i.

E., Paris und New York. (Zu Seite 20.)]

Von den Werken van Dycks aus seiner italienischen Zeit finden wir,

da die meisten derselben an ihren ursprünglichen Bestimmungsorten

verblieben sind, verhältnismäßig wenige außerhalb Italiens. Doch ist

das Berliner Museum erfreulicherweise in den Besitz von zwei ganz

hervorragenden Prachtstücken gelangt, die aus dem Palast Balbi zu

Genua stammen; von dort hatten sie im vorigen Jahrhundert ihren Weg in

die Sammlung eines englischen Lords gefunden. Es sind die Bildnisse

eines ältlichen Ehepaares, das in feierlicher Prunktracht mit großer

Würdeentfaltung dasitzt. Nach der Überlieferung ist dieser Herr mit

dem klugen Gesicht, mit der mächtigen Stirn und dem feinen Mund der

Senator Bartolommeo Giustiniani, und seine Gemahlin gehört dem Hause

Spinola an. Van Dyck läßt uns hier nicht nur sein hohes Geschick in der

malerischen Bildgestaltung, sondern in ganz besonderm Maße auch die

feine Durcharbeitung des Ausdruckes, die Enthüllung des inneren Wesens

der dargestellten Persönlichkeiten bewundern (Abb. 5 und 6). Auch

die Gemäldegalerie zu Kassel besitzt ein Bildnis in ganzer Figur von

einem unbekannten italienischen Edelmann, das den besten der Genueser

Bildnisse nicht nachsteht und durch den wunderbaren Wohllaut seiner

Farbenharmonie zu seinen vorzüglichsten Schöpfungen im eigentlich

malerischen Sinne gehört (Abb. 7). Der Abgebildete ist ein schlanker

junger Mann, der in zwangloser, aber tadellos vornehmer Haltung in

einer marmornen Halle seines Palastes steht. Das von leicht gewelltem,

schwarzbraunem Haar umflossene Gesicht ist von einer frischeren

Röte, als man sie im allgemeinen an Südländern zu sehen gewohnt ist,

überflogen; auf der Oberlippe sproßt ein noch halb durchsichtiger

Bart. Seine Oberkleider sind von braunem, rotviolett schillerndem

Sammet, die seidenen Strümpfe haben eine entsprechende braunrote Farbe;

der Ärmel der Unterweste zeigt reiche Goldstickerei auf goldbrauner

Seide; der lose über die linke Schulter gehängte Mantel besteht aus

dem nämlichen Sammet wie Wams und Beinkleid und ist mit einem leichten

Seidenstoff, welcher die rotviolette Farbe wiederholt, gefüttert;

die herabhängenden Enden der dem Anzug gleichfarbigen Kniegürtel

und die Rosetten der Schuhe sind von dunkelgetöntem Goldstoff. Dazu

als Hintergrund eine Säule und eine im Schatten verschwimmende Wand

in dem eigentümlich reizvollen goldigen Ton, mit dem die Zeit den

weißen italienischen Marmor bisweilen überzieht. In diesem Ganzen von

köstlich zusammengestimmten braunen Tönen stehen das Gesicht und die

wohlgepflegten Hände als leuchtende Helligkeiten, hervorgehoben durch

den durchsichtigen weißen Battist der Manschetten und des Kragens, der

die Form der angeblich von König Philipp IV. erfundenen spanischen

„Golilla“ hat. Eine lebhafte Gegensatzfarbe bringt den Zusammenklang

der Farben zum Abschluß: das schimmernde Blaugrün eines Vorhanges,

der oben um die Säule geschlungen ist. -- In der Münchener Pinakothek

finden wir an Werken, die van Dyck während seines Aufenthaltes in

Italien malte, die Halbfigur des Filippo Spinola und das Kniestück des

jungen Marchese Mirabella; dann das treffliche Brustbild eines blonden

Nordländers, der seinen Mantel nach italienischer Art wie eine Toga

über die Schulter geworfen hat -- das sprechende Bild eines jungen

deutschen Künstlers in Italien, mutmaßlich des Bildhauers Georg Petel

aus Augsburg, der zu derselben Zeit wie van Dyck in Genua verweilte

(Abb. 8).

[Illustration: Abb. 13. +Bildnis eines Unbekannten.+

In der königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 45.)]

Über die Zeit von van Dycks Heimkehr aus Italien gehen die Ansichten

ebenso weit auseinander wie über den Antritt seiner italienischen

Reise. Die Nachricht, welche durch die Bestimmtheit ihrer Angaben als

die am meisten glaubwürdige erscheint, nennt den 4. Juli 1625 als den

Tag seiner Ankunft in Marseille, wohin er sich von Genua aus auf dem

Landwege, weil die Seefahrt wegen der zwischen Genua und Frankreich

bestehenden Feindseligkeiten gefährlich erschien, begeben hätte. Auf

der Weiterreise nach Norden verweilte er einige Zeit in Aix-en-Provence

als Gast von Rubens’ gelehrtem Freund Fabri de Peiresc. Mit diesen

Nachrichten ist die von anderer Seite gemachte Angabe, daß er -- nach

einem mutmaßlichen Aufenthalt in Paris -- im Dezember 1625 oder im

Januar 1626 in Antwerpen wieder eingetroffen wäre, wohl zu vereinigen.

Nach der Ankunft in der Heimatstadt hatte van Dyck eine Pflicht gegen

seinen verstorbenen Vater zu erfüllen. Auf dem Sterbebette hatte

dieser den Wunsch ausgesprochen, es solle seiner Dankbarkeit gegen

die Antwerpener Dominikanerinnen, die ihm während seiner letzten

Lebensjahre treue Dienste erwiesen hatten, durch die Stiftung eines

Altargemäldes für deren Kirche Ausdruck gegeben werden. Anton van Dyck

malte in Ausführung dieses frommen Wunsches einen Christus am Kreuz

zwischen den Heiligen Dominicus und Katharina von Siena; an den Fuß

des Kreuzes setzte er einen Engel mit gesenkter Fackel und fügte die

Inschrift auf einem Stein hinzu: „Auf daß seinem verstorbenen Vater die

Erde nicht schwer sei.“ Dieses Gemälde befand sich im Jahre 1794, als

die französischen Kommissare die nach Paris zu überführenden Kunstwerke

aussuchten, noch in der Dominikanerinnenkirche, obgleich das Kloster

damals bereits aufgehoben war. Es kam mit so vielen anderen belgischen

Kunstschätzen nach Paris, und nach der Rückgabe im Jahre 1815 wurde es

dem Museum zu Antwerpen einverleibt. Der Überlieferung nach soll van

Dyck dieses Gedächtnisbild erst im Jahre 1629 ausgeführt haben; nach

anderer Angabe jedoch schon 1626.

[Illustration: Abb. 14. +Beweinung Christi.+ Im Museum zu Antwerpen.

(Zu Seite 30.)]

[Illustration: Abb. 15. +Sogenannter Bürgermeister von Antwerpen.+

In der königl. Pinakothek zu München. Nach einer Originalphotographie

von Franz Hanfstaengl in München. (Zu Seite 45.)]

[Illustration: Abb. 16. +Sogenannte Bürgermeisterin von Antwerpen.+ In

der königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 45.)]

Das Jahr 1626 wird auch als dasjenige der Entstehung eines anderen

Kreuzigungsbildes angegeben, eines Altargemäldes, welches van Dyck für

die Kapuzinerkirche zu Dendermonde anfertigte. In diesem Bilde ist zu

den unter dem Kreuze befindlichen herkömmlichen Personen, in Entrückung

des Vorgangs aus den geschichtlichen Zeitverhältnissen, aber in

sinnbildlicher Beziehung, der heilige Franz von Assisi, der Gründer des

Ordens, welchem die Kapuziner angehören, hinzugefügt; der Ordensstifter

kniet in inbrünstiger Anbetung am Fuße des Kreuzes, zwischen der Gruppe

von Maria, Johannes und Magdalena einerseits und den abziehenden

Kriegsleuten andererseits. Das Gemälde befindet sich, nachdem es

gleichfalls in der Franzosenzeit weggenommen war, jetzt nicht mehr in

der Kapuzinerkirche, sondern in der Hauptkirche zu Dendermonde. Die

einfarbig, aber in sorgfältiger Ausführung gemalte Skizze zu demselben

besitzt die fürstlich Liechtensteinsche Gemäldegalerie zu Wien (Abb.

12).

Wahrscheinlich hielt sich van Dyck im Jahre 1626 eine Zeitlang in

Brüssel auf, am Hofe der Statthalterin, der Infantin Isabella Clara

Eugenia. Er hat deren Bildnis in der Tracht der Clarissinnen, deren

Orden die Fürstin nach dem Tode ihres Gemahls beigetreten war, gemalt.

Von diesem Bildnis gibt es mehrere Exemplare, die einander den Rang

der Ursprünglichkeit streitig machen. In Brüssel erhielt van Dyck

auch die Bestellung, den Stadtrat in einem Gruppenbilde zu malen. Das

umfangreiche Gemälde, in welchem er sich dieses Auftrages entledigte,

wurde nicht nur wegen der sprechenden Ähnlichkeit der Persönlichkeiten

und wegen der geschickten Anordnung bewundert, sondern auch wegen des

Geschicks, mit welchem sinnbildliche Idealgestalten in die Darstellung

eingeflochten waren. Dasselbe ist bei der Beschießung von Brüssel im

Jahre 1695 dem Feuer zum Opfer gefallen.

Einzelne Geschichtsschreiber erzählen von einer Reise nach England,

welche van Dyck im Jahre 1627 unternommen haben soll. Er wäre nach

kurzem Aufenthalt wieder von dort zurückgekehrt, weil es ihm ungeachtet

der Bemühungen seiner alten Gönner, vor allen des großen Kunstfreundes

Graf Arundel, nicht gelungen wäre, an den Hof des jungen Karl I.,

der inzwischen seinem Vater Jakob I. gefolgt war, zu gelangen. Mit

dieser Reise bringt man die Entstehung der Bildnisse zweier englischen

Persönlichkeiten, eines Herrn und einer Dame, in Zusammenhang, welche

sich in der Gemäldesammlung im Haag befinden. Van Dyck hat diese beiden

Bildnisse ganz gegen seine Gewohnheit mit seiner Namensunterschrift und

außerdem mit den Jahreszahlen, dasjenige des Herrn mit 1627, dasjenige

der Dame mit 1628 bezeichnet. Wahrscheinlich sind dieselben aber nicht

in England, sondern in Holland entstanden.

Vom Jahre 1628 an -- darin stimmen alle Nachrichten überein -- war

van Dyck wieder in Antwerpen ansässig. In diesem Jahre malte er für

die dortige Augustinerkirche das Bild: Der heilige Augustinus in der

Verzückung. In diesem noch an seinem Platze befindlichen Gemälde,

welches zu den bedeutenderen und selbständigsten von van Dycks großen

Bildern religiösen Inhalts zählt, sieht man den großen Kirchenlehrer,

neben dem seine Mutter Monica steht, in begeisterte Anschauung der

heiligen Dreifaltigkeit versunken, die der geöffnete Himmel ihm

zeigt. Zu den ernsten Hauptfiguren bildet eine Schar von Engeln in

Kindergestalt, welche die Erscheinung der Gottheit umschweben, einen

ansprechenden Gegensatz. In Kinderfiguren wußte van Dyck überhaupt

eine große Lieblichkeit zu entfalten, wenn er auch in seinen Engelchen

und Amoretten die gesunde Natürlichkeit Rubensscher Putten nicht

erreichte. Wohl das Reizvollste, was er in dieser Beziehung geschaffen

hat, ist der Engelreigen auf dem mit der Bezeichnung „Madonna mit

den Rebhühnern“ belegten Gemälde in der Ermitage zu St. Petersburg.

Dieses Gemälde ist überhaupt eins der schönsten Marienbilder van

Dycks, ebenso ausgezeichnet durch die anmutige Poesie der Erfindung

wie durch die köstliche, liebevolle Ausführung der mannigfaltigen

Einzelheiten. Es stellt einen Augenblick der Rast während der Flucht

der heiligen Familie nach Ägypten dar. Unter einem schattenspendenden

Fruchtbaum haben Maria und Joseph sich niedergelassen; Blumen blühen

ringsum, Vögel wiegen sich in den Zweigen und in der klaren Luft, und

im sonnigen Lichte tanzt eine Schar kleiner Engel zur Unterhaltung des

Jesuskindes einen verschlungenen Reigen. (Abb. 11 gibt eine besondere

Zeichnung von der Hauptgruppe des Engelreigens wieder.)

Zu den spärlichen urkundlich sicheren Nachrichten aus dem Leben van

Dycks gehört die, daß er am 6. März 1628 sein Testament machte. Danach

sollte seine gesamte Hinterlassenschaft seinen beiden als Beghinen in

Antwerpen lebenden Schwestern Susanna und Isabella zukommen und nach

deren Tode an die Armen und an die St. Michaeliskirche fallen.

In dem nämlichen Jahre trat van Dyck einer von den Jesuiten geleiteten

frommen Vereinigung, der Bruderschaft der Unvermählten, bei. Für die

Kapelle, welche diese Bruderschaft in der Jesuitenkirche hatte, malte

er 1629 und 1630 zwei Altarbilder, das eine der heiligen Rosalia, das

andere dem seligen Hermann Joseph gewidmet. Beide Gemälde befinden sich

jetzt in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien. Die heilige Rosalia

ist in einer liebenswürdigen, in lichter Farbenfreude glänzenden

Komposition dargestellt, wie sie, vor dem Throne der Muttergottes

knieend, von dem Jesuskinde die Krone der Heiligkeit empfängt; an

den Seiten des Thrones stehen die Apostel Petrus und Paulus, und

Engel schweben, Rosen bringend, herbei. Hermann Joseph erscheint

gleichfalls vor den Füßen der Jungfrau Maria knieend; ein Engel hat

ihn geleitet, und die Himmelskönigin legt, sich vornehm und zugleich

freundlich herabneigend, ihre Hand in die Hand des mit dem Ausdruck der

Ergriffenheit und inniger Verehrung emporsehenden jungen Geistlichen.

-- Der Preis, der dem Künstler für die beiden Gemälde bezahlt wurde,

betrug 450 Gulden.

Aus dem Jahre 1630 erfahren wir ferner, daß van Dyck sich an einer

Anleihe der Stadt Antwerpen beteiligte, indem er eine Summe von 4800

Gulden hergab, wofür er eine jährliche Rente von 300 Gulden bekam. Eine

weitere feststehende Einnahme, im Betrag von 250 Gulden, erhielt er vom

Hof zu Brüssel auf Grund des ihm von der Infantin verliehenen Titels

eines Hofmalers.

[Illustration: Abb. 17. +Wolfgang Wilhelm von der Pfalz-Neuburg, Herzog

von Jülich und Berg.+

In der königl. Pinakothek zu München.

Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München. (Zu

Seite 45.)]

In dasselbe Jahr fällt ein zeitweiliger Aufenthalt van Dycks im Haag,

wohin er berufen wurde, um den Erbstatthalter Friedrich Heinrich von

Nassau und dessen Gemahlin Amalie von Solms zu malen. Die Bildnisse

beider Fürstlichkeiten befinden sich jetzt im Pradomuseum zu Madrid.

Der Prinz steht in voller Rüstung da; die Prinzessin, jugendlich

und schön, sitzt, in schwarze Seide gekleidet, in einem Sessel. Ein

zweites Bild der Fürstin besitzt das Wiener Hofmuseum. Amalie von Solms

war eine große Verehrerin der Kunst van Dycks. In dem Verzeichnisse

ihres Nachlasses werden acht Gemälde von dessen Hand namhaft gemacht.

Noch andere Werke von ihm werden unter den Bildern, welche das

dem Erbstatthalter gehörige Schloß Loo schmückten, genannt. Außer

Bildnissen befinden sich unter diesen für das Fürstenpaar gemalten

Bildern Darstellungen religiösen, mythologischen und allegorischen

Inhalts.

A. van Dyck · 第 1 / 5 段