Was gern ich wär?

Was bin ich? O! Ich fühle mich so alt,

So böse, seit des Lebens holder Trug

Mir ward geraubt!

Mir ist, als wandelt' ich auf Modergrund.

Man fürchtet mit den Beinen einzusinken

Und dazusitzen, wie der Fuchs im Eisen.

Ach! Wie's des Lebens mich, der Menschen ekelt!

Je mehr man lernt, je weniger man glaubt,

Und wer am meisten meint zu wissen,

Weiß nichts! Ja, dieses kaum!

Ah, daß ein Ries' ich wär, die Alpen tragend

Auf meinem breiten Schulterblatt,

Ich wollt' mich bücken und die ganze Last

Zur Erde wälzen, daß sie flög' in Trümmer!

Groß will ich sein und stark, der Allerstärkste,

Das Universum mit dem Fuß zertreten,

Auf daß beim Schreiten der Vergänglichkeit

Mit Stolz mich der Gedanke schwellte,

Allein zu fallen von der eignen Hand,

Wenn all die anderen von fremder fielen!

Der Arzt

Mich dünkt der Wunsch so deutlich vorgetragen,

Daß nicht daran zu zweifeln ist! Wohlan!

Magst Riese sein, die alte Erd' erschüttern!

Nur gib hübsch acht, wie du den Kreisel peitschst,

Daß er dir laufe, ohne anzuprallen!

Hinweg nun, marsch!

(Hinausrufend) Laßt Eure Künste spielen!

(Verwandlung.)

Dritter Akt

(Rechts die von Laub und Blumen umrankte Veranda des Pfarrhofgebäudes.

In der Mitte des Hofes eine Linde. Darunter ein Tisch. Zur Linken ein

jäher Abhang, über den sich der Hoberg-Alte erhebt, ein Pfad schlingt

sich am Fuße des Bergriesen hin. Im Hintergrunde sieht man das Tal mit

einem See, an dem die Dorfkirche liegt.)

Erste Szene

Der Hoberg-Alte (Schmied, allein.)[3]

So bin ich richtig nun ein Riese worden,

Und keinen größern siehst du hier im Norden!

Bin ich nicht gerade schön, bin ich doch schaurig groß,

Und weithin kann ins Land ich wie kein Zweiter sehen.

Ich spiegle mich im See, das Haupt im Wolkenschoß,

In Weiß hüllt mich der Schnee, grün kleidet mich das Moos,

Im warmen Sonnenschein laß ich mir's wohlergehen.

Dort unten in dem Tale, da wohnt ein Priestergreis,

Aus seiner Kirche hör' ich's immer bimmeln,

Im alten Trotte wallet das Volk hin scharenweis,

Um seinen weißen Balder gläubig zu verhimmeln.

Doch ihn, den Bergesriesen, ehrt keiner mehr fürwahr,

Obgleich an Kraft er allen überlegen;

Er schützt im Tal die Menschen vor wilder Sturmgefahr.

Die blauen Blitze fängt er in seinem eignen Haar,

Dem Acker gibt er Wärme, die Sonnenlicht gebar,

Im tiefen Schoße sammelt er den Regen.

[Fußnote 3: Der Riese wird durch eine Felsenformation dargestellt.]

Ach, welch erbärmlich Volk ist's, das unten haust im Tal;

Das bimmelt und das klingelt, bekreuzt sich, und zumal

Glaubt Sagen, alte, aufgefärbte, von dem Gotte,

Getötet durch die Mistel, den Baldur licht und rein,

Und glaubt nicht an den Riesen, der selber wirft den Stein,

Eh' er sich stein'gen ließe von der Zwergenrotte!

Nun sinkt ins Meer die Sonne, still bricht die Nacht herein,

Und alle Menschen rüsten sich zum Schlafe.

Da klingt gen Spuk und Wetter das Abendglöckelein,

Und in den Betten stammeln Gebete Groß und Klein,

Denn Finsternis dünkt jedem Frommen Strafe.

(Es dunkelt, von der Kirche her ertönen dreimal drei Glockenschläge.)

Der Riese liebt das Dunkel, in dem die Ruhe thront,

Im Dunkel herrscht die Stille, wo der Gedanke wohnt,

Denn vor der Sonne tanzen doch nur Mücken.

(Eine Eule kommt geflogen und setzt sich ihm auf die Schulter.)

Da ist mein Lieblingsvogel, mein Nachtfreund und Berater,

Zwei Augen und zwei Schwingen, mit Krallen wie ein Kater.

Man glaubt im Bund dich mit des Teufels Tücken!

Sing, kleiner Vogel, mir dein altes kluges Lied.

In Schwarz schaust du die Welt und singst doch stets --

Die Eule

Snee wit!

Der Hoberg-Alte

Um Weisheit kann man dich allein befragen,

Gebären Berge Ratten, füllst du den Kropf dir gut,

Und überwuchern Hasen, hältst Razzia in der Brut,

Und niemand wird den Strauß mit Ries' und Vogel wagen.

Zweite Szene

Der Hoberg-Alte. Zwerge (kommen mit Grabscheiten, Hauen und Spaten und

fangen unten am Berge, zu Füßen des Riesen, an zu hacken und zu graben).

Die Zwerge (singend oder rezitierend)

Wir picken, wir hacken,

Wir knicken, wir knacken,

Wir geben nicht Ruh',

Wir hetzen, wir fetzen,

Wir wetzen, wir setzen

Dem Bergkönig zu.

Zu! (Lang anhaltend.)

Der Hoberg-Alte

Was treiben denn die Knirpse da unten?

Die Zwerge

Wir schütteln, wir schmeißen,

Wir rütteln, wir reißen

Den Riesen schon um.

Wir picken, wir packen,

Wir knicken, wir knacken,

Im Staub liegt er -- plumm!

Plumm! (Lang anhaltend.)

Der Hoberg-Alte

Wenn ihr Knirpse nicht vom Berge lasset, so kommt der Riese und

schleudert Steine.

Erster Zwerg

Wirf nur!

Der Hoberg-Alte

Oho! Nehmt euch in acht! Ksst!

Zweiter Zwerg

Hört ihr, was er sagt? -- Er sagt: Ksst! Wie man's mit Katzen macht!

(Die Zwerge lachen.)

Der Hoberg-Alte

Ja so, ihr glaubt nicht, daß das wahr ist. Seht her, ich niese nur, und

es regnet Geröll. Aufgepaßt da unten!

(Er niest. Geröll kollert über den Berg hinunter.)

Erster Zwerg

Ich glaube wirklich, der wirft Steine! (Er nimmt einen Stein und wirft

ihn nach dem Riesen.)

Der Hoberg-Alte

Achtgegeben! Jetzt werden wir einmal husten! (Er hustet, Steine stürzen

herab und verschütten Zwerg I.)

Die Zwerge

Der Zwergkönig ist tot, es lebe der Zwergkönig!

Zweiter Zwerg

Nun bin ich König.

Die Zwerge

O nein, das gibt's nicht . . .

Zweiter Zwerg

Wer denn?

Die Zwerge

Ich! Ich!

Zweiter Zwerg

Ihr könnt doch nicht alle auf einmal König sein. Und da ich der Älteste

bin, halte ich mich für den Nächstberechtigten.

Dritter Zwerg

Aha! Jetzt ist er der Älteste! Als aber der Älteste auf dem Thron saß,

da war er zu alt zum regieren. Wir brauchen junge Leute, hieß es da!

Zweiter Zwerg

Das war damals, als Lasse noch lebte. Doch nun ist Lasse tot, und da

herrscht jetzt ein anderes Regiment. Wollt ihr übrigens, daß wir wählen,

so bin ich auch dabei, unter einer Bedingung.

Die Zwerge

Unter welcher?

Zweiter Zwerg

Daß ich das absolute Veto behalte und außerdem die ausschlaggebende

Stimme.

(Die Zwerge schreien und raufen.)

Der Hoberg-Alte

Wenn die Diebe sich prügeln, führt der Bauer seine Kuh heim! -- Ihr

kleinen Teufel! Ihr rauft am Sonnabend! Ihr seid meiner Seel nicht um

ein Haar besser als die großen Menschen!

(Steine stürzen herab und töten Zwerg II.)

Die Zwerge

Der Zwergkönig ist tot, es lebe der Zwergkönig!

Dritte Szene

Die Vorigen. Der Däumling (in Siebenmeilenstiefeln, hinter ihm)

Aschenbrödel (in einem Schuh von einer Ratte gefahren).

Däumling

Nein! König bin ich!

Dritter Zwerg

Wer bist du?

Däumling

Ich bin der Däumling, und hier ist meine Königin Aschenbrödel.

Dritter Zwerg

Mit welchem Rechte, wenn ich fragen darf, erlaubt Ihr Euch Ansprüche auf

den erledigten Thron zu erheben?

Däumling

Mit dem Recht, daß ich der Kleinste unter den Kleinen bin, und wer sich

erniedrigt, der soll erhöht werden. Und meine Königin hat bekanntlich

den kleinsten Fuß der Welt!

Dritter Zwerg

Für eine Königin kann diese Eigenschaft eine Empfehlung sein, aber von

einem König fordert man selbst bei den Kleinen denn doch noch etwas

anderes, als daß er klein sei! Mein Herr! Haben Sie die Güte und stellen

Sie sich in Socken.

Däumling

In Hemdärmeln meinen Sie wohl!

Dritter Zwerg

Nein, ich meine in Socken. Denn ich schlage mich niemals mit einer

Person in Siebenmeilenstiefeln.

Aschenbrödel

Nicht sich schlagen! Nicht sich schlagen! Ihr dürft es nicht!

Däumling (zieht die Stiefel aus)

Ein Rittersmann schlägt sich alle Zeit und überlegt nicht lange, meine

Königin!

Aschenbrödel

Oh! mir schwindelt! Ich werde ohnmächtig! Zu Hilfe!

Däumling (bemüht sich um sie)

Dritter Zwerg (zieht die Siebenmeilenstiefel an)

Nun aber schlage _ich_ mich nicht, Herr Winzig!

Däumling

O, der kleine hinterlistige Spitzbub! Der kleine falsche Diebskerl!

(Weint und beißt sich in den Daumen.)

Dritter Zwerg

Huldigt mir nun, Gesindel! Solch einen König habt ihr bis jetzt noch

nicht gehabt. Marsch! Sonst lasse ich euch alle miteinander die Köpfe

abschlagen.

(Allgemeines Geschrei, Schlägerei. Neuer Steinregen vom Berge. Däumling

und Aschenbrödel fallen tot um.)

Vierte Szene

Die Vorigen. Sankt Peter.

Dritter Zwerg

Hier riecht's nach Christenblut!

(Alle verschwinden, St. Peter setzt sich unter die Linde.)

Der Hoberg-Alte

Bist du da, St. Peter?

St. Peter

Die Stimme ist des Schmiedes Stimme, aber . . . Ja, ich bin hier . . .

Wo bist du?

Der Hoberg-Alte

Hier oben!

St. Peter (erblickt den Hoberg-Alten)

So groß bist du geworden, Schmied!

Der Hoberg-Alte

Das will ich glauben! Wie geht's denn dir aber, alter Petrus?

St. Peter

Ich weiß nicht, ob ich recht habe, aber mit dem Wissen dieses Dr.

Allwissend scheint es mir durchaus nicht so weit her zu sein, als er uns

weismachen wollte. Wie mich dünkt, führt er uns auf Irrwege.

Der Hoberg-Alte

Ja, das ist auch meine Meinung! Und wenn ich aufrichtig sprechen soll,

habe ich Lust, mich von ihm loszureißen.

St. Peter

Ich glaube, er ist der Böse selber. Du aber, der du so groß und stark

geworden bist, könntest ihm doch den Garaus machen.

Der Hoberg-Alte

Lock' ihn nur in Niesweite, so werde ich Steine auf ihn regnen lassen.

St. Peter (bemerkt Aschenbrödel und den Däumling auf der

Erde)

Was ist denn das? -- Mir scheint gar, das ist der Däumling! (Er packt

ihn heim Knie.) Wer hat ihn getötet?

Der Hoberg-Alte

Das hab' ich getan!

St. Peter

Wie, du schlägst die Kleinen, du großes Ungeheuer?

Der Hoberg-Alte

Ja, wenn sie meine Stellung als Riese untergraben wollen.

St. Peter

Wer einen dieser Kleinen ärgert . . .

Der Hoberg-Alte

Sie haben ja mich geärgert! Aber du bist von jeher der Kleinen Freund!

St. Peter

Und hier ist das kleine Aschenbrödel!

Der Hoberg-Alte

Deren größter Vorzug ihr kleiner Fuß war.

St. Peter

Und diese Armen hattest du das Herz zu töten! Oh!

Der Hoberg-Alte

Sonst hätten sie mich getötet! Und Notwehr ist erlaubt! Übrigens hättest

du sehen sollen, wie sie zankten und rauften, einander betrogen und sich

balgten, ganz wie die großen Menschen. Glaubst du, sie hätten soviel

Pietät gehabt, ihre Trauer zu bezeugen, als der Zwergenkönig

totgeschlagen war? Bewahre. -- Sie gerieten sich sofort wegen der Krone

in die Haare und ließen die Leiche liegen. Wahr dich vor den Zwergen,

sie beherrschen die Welt. Im Innern der Berge verbringen sie ihre Zeit

damit, nach Gold zu schürfen, für das die Menschenkinder Glauben und

Seele verkaufen, um Schwerter zu schmieden, mit denen die Menschenkinder

einander umbringen.

St. Peter

Das ist nur Verleumdung! Und könnte ich diese Kleinen zum Leben

erwecken, so würdest du sie gleich dankbaren Kindern mir auf meiner

langen Wanderung folgen sehen.

Däumling (erwacht)

Guten Morgen, Großpapa!

St. Peter

Nein, sieh, er lebt! -- Und ich, der ich glaubte, die Zeit der Wunder

wäre vorbei! -- Wie kam das, du kleines Wechselbaby?

Däumling

Ah, ich stellte mich nur tot, um den Zwergen und ihren Prügeln zu

entwischen.

St. Peter

Fliehen ist des Fechtens bessrer Teil! -- Ja, du warst allezeit ein

kleiner schlauer Teufelskerl! Na, was ist denn mit dem kleinen

Aschenbrödel? --

(Der Däumling geht herum, findet St. Peters Fisch, den dieser auf den

Tisch gelegt hat, nimmt ihn und steckt ihn ein.)

Aschenbrödel (erwachend)

O, ich bin nur in Ohnmacht gefallen, wie's mich meine Stiefmutter

lehrte. Sonst hätte sich Däumling geschlagen.

St. Peter

So klein und so klug! Ach, wieviel Raum ist nicht in einem so kleinen

Hühnerhirn, du großer Riese droben!

Der Hoberg-Alte

Und wieviel Raum, glaubst du, ist in Däumlings Brusttasche?

St. Peter

Was sagst du da oben?

(Aschenbrödel schleicht sich zum Tisch und packt St. Peters Brille, die

er weggelegt hat.)

Der Hoberg-Alte

Ja, ich mag's nicht noch einmal sagen; aber wenn vier Augen mehr sehen

als zwei, so siehst du nicht über deine Nasenspitze hinaus.

St. Peter

Das ist gewiß sehr tiefsinnig! -- Da muß ich erst darüber nachdenken!

. . . Laß mich sehen . . . Wo ist denn meine Brille?

(Er sucht. Däumling und Aschenbrödel schleichen links hinaus.)

St. Peter

Und mein Symbol! Wo ist mein Symbol!

Der Hoberg-Alte

Meinst du den Fisch, der denselben Weg wie die Brille nahm? So, jetzt

hast du noch ein klein wenig mehr zu tun, St. Peter; und nun du auch die

Brille nicht mehr hast, wirst du niemals der Schlüssel zum Himmelreich

habhaft werden.

St. Peter

Ja, aber ich habe sie doch hier auf den Tisch gelegt!

Der Hoberg-Alte

Ja, aber der Däumling hat sie in seine Brusttasche gesteckt.

St. Peter

Ach, der Schelm! -- Meiner Seel, ich werd' ihm . . .

Der Hoberg-Alte

Was wirst du?

St. Peter

Ich werd' ihm eine Tracht Prügel zukommen lassen -- das werd' ich!

(Petrus wendet sich zum Gehen.)

Der Hoberg-Alte

Einem von diesen Kleinen? Pfui, Petrus! -- Bleib doch! -- Geh nicht von

mir . . . und leiste mir Gesellschaft.

St. Peter (unschlüssig)

Ich weiß nicht! Aber mir ist hier nicht recht geheuer!

Der Hoberg-Alte

Ach, ich bin so einsam und brauche Freundschaft!

St. Peter

Freundschaft kann nur zwischen Personen von einigermaßen gleicher --

Korpulenz bestehen. -- Du bist zu groß für mich, Schmied! -- Viel zu

groß! --

Der Hoberg-Alte

Und der Däumling zu klein! -- Wie groß soll man denn in deiner

Gesellschaft sein? --

St. Peter

Na, ungefähr wie ich!

Der Hoberg-Alte

Demokrat!

St. Peter

Despot! -- Adieu! -- (Links ab.)

Fünfte Szene

Der Hoberg-Alte. Der Pastor. Die Pastorin. Der Sohn. Die

Schwiegertochter. Die Enkelin und deren Bräutigam. Zweite Enkelin (acht

Jahre alt).

(Sie kommen zu zwei und zwei die Veranda herab. Erstes Paar Arm in Arm.

Zweites Paar die Arme um den Leib geschlungen. Drittes Paar Hand in

Hand. Das Kind folgt dem zweiten Paare.)

Pastor

Ein schöner Abend! -- Und nach schönem Tag!

Habt Dank, ihr meine Kinder, Kindeskinder!

Der Jahre achtzig füllte heut der Greis,

Nun neiget sich dem Abend zu sein Leben.

Habt Dank, daß wolkenlos die Rüste ihr gestaltet,

Ihr alle, die ihr meine Welt gewesen.

Denn nie verließ ich noch dies stille Tal.

So recht mein Leben erst den Anfang nahm,

Als hier ich mit der Frau das Heim uns baute.

Ich weiß nicht, wie es kommt, doch dieser Abend

Ruft das Vergangne neu mir ins Gedächtnis.

Kind (erschrocken)

Großvater, sieh, der Hoberg-Alte rührt sich!

Pastor

Du siehst Gespenster, Kind! -- Der Berg ist's,

Und der hat sich noch nie gerührt!

Es geht vom Hoberg-Alten eine Sage,

Ein Märchen, weißt du, Kind, daß er ein Riese,

Der einst verhext von einem Bischof ward,

Und eher nicht Erlösung finden kann,

Bis er sich eines Weibes Lieb erringt! --

Sei also nur getrost, mein Enkelkind,

Der Hoberg-Alte sitzt noch lange still.

Sohn

Nein, Vater, das ist gar noch nicht so sicher;

Hier spricht man schon von einem Schienenweg,

Den mitten durch den Berg man ziehen will.

Pastor

Sieh, das ist mehr, als ich gewußt -- -- --

Das freut mich und betrübt mich auch,

Denn teuer war mir dieses Tal,

So still und einfach, fern vom Weltgetriebe . . .

Kind

Sieh nur, nun schüttelt sich die Linde,

Großvater, und doch bläst kein Wind.

Pastor

Er bläst gewiß dort oben in der Krone,

Ob wir's hier unten auch nicht fühlen, Kind.

Bräutigam (zur Braut)

Vielleicht, daß sich vor Schmerz die Linde schüttelt,

Weil morgens in die Rinde wir den Namen ritzten.

Braut

Vor Schmerz sah ich sie weinen, und wie sollte

Denn sie nicht leiden, während wir genießen,

Ist unser Glück doch stets auf andrer Schmerz gebaut.

Pastorin

Sie blühte diesmal reich, die alte Linde,

Da wird's viel Honig geben in den Körben.

Schwiegertochter

Du denkst doch stets an deinen Haushalt, alte Mutter.

Pastorin

Wer, glaubst du, sollte sonst wohl daran denken?

Man ritzt nicht mehr den Namen in die Linde,

Hat man die siebzig hinter sich.

Großmutter pflückt da lieber Blüten

Und trocknet sie, um Tee zu haben,

Wenn an dem Sarg der Husten hobelt.

Kind

Großvater, komm, bevor das Dunkel fällt;

Sobald die Sonne sinkt, wird mir so bang.

Pastor

Recht gern! Und laßt uns nun zur Kirche gehn.

Hab' in der Sakristei noch manches zu besorgen,

Für morgen, für den Gottesdienst! So kommt!

(Der Pastor und seine Gattin rechts ab.)

Schwiegertochter (zum Sohn)

Wie schön ist Eintracht bei Verwandten!

Ich sah noch nie bei andern solche Liebe;

Gesegnet preis' den Tag ich, da ich hierher kam

Und eingefügt durch dich in diese Kette ward!

Sohn

Die erste Frau, die nicht die Kette drückt!

Schwiegertochter

Du Schelm du! Gib mir einen Kuß, im Ernst!

(Sie gehen.)

Bräutigam

Mein Jugendglaube nicht zu Schanden ward:

Das Glück wohnt nicht im hohen Marmorsaale.

Ich strebt nach Lammes-, nicht nach Wolfesart

Und such' die Unschuld in dem stillen Tale.

(Die Eule schreit.)

Braut

Oh, die abscheuliche Eule!

(Sie gehen.)

Sechste Szene

Der Hoberg-Alte. Don Quixote (ohne Pferd).

Don Quixote (nimmt den Helm ab und trocknet sich die Stirn)

Der Hoberg-Alte

Heda, alter Ritter!

Don Quixote

Ist das der Schmied? -- der ein Riese geworden ist?

Der Hoberg-Alte

Und das ein richtiger, ohne Windmühlenflügeln an den Schultern.

Don Quixote

Ei, still davon!

Der Hoberg-Alte

Bist du verdrießlich, Ritter?

Don Quixote

Ja, sehr.

Der Hoberg-Alte

Wie kommt das? Und wo hast du deine Stute gelassen?

Don Quixote

Sprich nicht von ihr! (Erhebt sich) Weißt du, wie es um einen Menschen

steht, der nicht essen kann?

Der Hoberg-Alte

Der Arme hat wohl kein Geld, sich Essen zu schaffen!

Don Quixote

Possen! -- Hast du einen Begriff, wie das einen Menschen hernimmt, nicht

schlafen zu können?

Der Hoberg-Alte

Vielleicht hat er zu tief in den Tag hinein geschlafen.

Don Quixote

Possen! -- Welche niedere Auffassung!

Der Hoberg-Alte

Mir scheint, der Herr Ritter beginnen wieder in höheren Regionen zu

schweben. Wie kommt das?

Don Quixote

Weißt du, warum ich meine Stute verkaufte?

Der Hoberg-Alte

Geldmangel!

Don Quixote

Materialist! Geld! Ha! Was ist lumpiges Gold gegen -- das Goldhaar eines

Weibes --

Der Hoberg-Alte

Haha! So habt Ihr Euch verliebt, Ritter?

Don Quixote

Sprich nicht in so niedern Ausdrücken von einer so hohen Sache! -- Ich

liebe!

Der Hoberg-Alte

Gott in deinem Reich! Ja, ja! Hat man Silber im Haar, möchte man Gold

haben!

Don Quixote

Ich liebe! Liebe rein, unschuldig, uneigennützig und -- absolut monogam.

Der Hoberg-Alte

Das heißt, er möchte der einzige sein.

Don Quixote

Pfui, schäme dich, Schmied, Riese, oder wie du dich sonst zu nennen

beliebst!

Der Hoberg-Alte

Und wird die heilige Flamme erwidert -- uneigennützig -- absolut

monogam?

Don Quixote

Ja, siehst du, das weiß ich nicht! Aber darin besteht gerade der Zauber.

Der Hoberg-Alte

Oder der Reiz. Und Rosinante?

Don Quixote

Das Ziel meiner Wünsche vertrug den Stallgeruch nicht, und demzufolge --

Der Hoberg-Alte

Wie sieht es denn aus, dieses Ziel Eurer Wünsche, oder richtiger Eures

Begehrens?

Don Quixote

Ich habe die Angebetete nie gesehen! Doch ich hörte sie, hörte sie sogar

auch beschreiben.

Der Hoberg-Alte

Ist sie schön?

Don Quixote

Was kümmert das dich?

Der Hoberg-Alte

Ich finde, daß Ihr Euch in sehr ungeziemender Weise ausdrückt, Ritter,

und ist's Euch gefällig, so brechen wir eine Lanze miteinander.

Don Quixote

Es gab allerdings eine Zeit, da ich mich mit Riesen schlug, darüber bin

ich jedoch nunmehr hinaus, und hast du nichts dagegen, so scheiden sich

unsere Wege.

Der Hoberg-Alte

Ihr weigert Euch also, mir Genugtuung zu geben?

Don Quixote

Ja, ich will überhaupt nichts mit dir zu schaffen haben. Du bist mir zu

groß! Leb wohl! -- Sancho!

Siebente Szene

Die Vorigen. Sancho Pansa.

Der Hoberg-Alte

Also auch ihm bin ich zu groß!

Don Quixote

Wieviel hast du für die Stute bekommen?

Sancho

Sechsunddreißig Taler, gestrenger Herr!

Don Quixote

Her damit!

Sancho (sucht in seinen Taschen)

Don Quixote

Du hast sie vertan!

Sancho

Ich habe sie deponiert.

Don Quixote

Her denn mit dem Depositenschein.

Sancho (sucht in den Taschen)

Don Quixote

Du hast nie einen besessen. Ja, du bist ein schlechter Mensch, aber bei

allen deinen Gaunereien steckt eine gewisse Ehrlichkeit in dir, die ich

zu schätzen weiß, weshalb ich dir denn, wie nicht minder in Anbetracht

meiner Liebe, verzeihen will. Folge mir nun, und wandern wir weiter.

Doch hinaus aus dem engen Tal, hinauf auf die Höhen, Sancho! Auf die

Höhen!

Sancho

Ach, also wieder auf die Höhen! Und dann wird es wieder ins Tal hinunter

heißen?

Don Quixote

Alle Vorwärtsbewegung geht der Welle gleich, erst hinauf, dann hinab,

und nur durch Veränderung läßt sich ein fester Halt gewinnen, sagt der

weise Konfuzius.

Sancho

Gewiß, ein verteufelt kluger Mann! Allein, obgleich ich mich stets in

Krümmungen bewegte, habe ich den festen Halt im Leben immer noch nicht

finden können.

Don Quixote

Vorwärts, Sancho, vorwärts!

Sancho

So schwanken wir denn in Gottes Namen weiter! -- Gehen Euer Gnaden

gefälligst voran. (Sie gehen.)

Achte Szene

Der Hoberg-Alte. Dann Die Liebhaberin.

Der Hoberg-Alte

Wie gräßlich hier zu sitzen und so groß zu sein,

Da niemand Umgang pflegen will mit Recken.

Das können auch die Ammen, Kinder schrecken,

Und schließlich glaubt an Riesen weder Groß noch Klein.

(Die Liebhaberin tritt auf.)

Haha! Da kommt mit frecher Stirne,

Die jüngst so schmählich mir entrann.

Nun will ich imponieren dieser Dirne,

Und augenblicks ist sie mir untertan! --

Hörst meine Schöne, die im Tal du wandelst:

Ich bin der Größte, den's auf Erden gibt.

Willst mein du sein, so trägst du goldne Krone

Und sitzt im Bergessaal auf meinem Throne.

Die Liebhaberin

Nicht paßt für meine Stirn die Krone, Riese,

Und auch dein Bergschloß ist zu groß für mich!

Der Hoberg-Alte

Ha, du bist stolz, du kleine Schlange,

Verschmähst den Riesen, weil er häßlich ist.

Die Liebhaberin

Das nicht, doch weil du auf das pochst,

Was andre sich gleich einer Gunst erbetteln.

Der Hoberg-Alte

Ich bettle nie, das ist mein Stolz,

Und ford're ich, so geb' ich voll zurück.

Die Liebhaberin

Was könntest du mir geben, die nichts sich wünscht,

Da Liebe unter deinen Schätzen fehlt?

Der Hoberg-Alte

So fahr' zur Hölle, störrisch Weib,

Das einst ich aus dem Schmutze zog.

Ich seh' nun, wie in schönem Leib

Ein fauler Kern mich gleißend trog!

Mag Liebe denn in Haß sich wenden,

Und mag die Sage nun mit grausem Schrecken enden!

(Starkes Getöse. Felsen stürzen herab und verschütten die Kirche, den

Pfarrhof und das Tal. Der Hoberg-Alte wird mitten auf die Bühne

vorgeschoben, wo er einsam auf den Trümmern sitzt, unter denen die

Liebhaberin begraben wird.)

Neunte Szene

Der Hoberg-Alte. Der Arzt (tritt auf).

Der Arzt

Nun, Riese, wie verbringst du deine Zeit?

Befindest du dich wohl in deiner Stellung?

Der Hoberg-Alte

O schauerlich, so auf Ruinen sitzen

Und einsam brüten über sein Geschick!

Der Arzt

Das sprichst du wahr. Nun graut dir selbst,

Da alles du zerschmettert und zerstört.

Aus grünem Tale schufst du eine Wildnis,

Zerstörtest freventlich der Kleinen Glück,

Die Freude fanden an dem Schlichten, Kleinen . . .

Der Hoberg-Alte

Ja, schwatz' nur zu; ich glaube doch, die Zwerge,

Sie hätten's ebenso gemacht.

Ja, wärst du selbst hier auf der Höhe . . .

Der Arzt

Das bin ich; ja und höher noch.

Vergißt auch du, daß nur durch mich

Du thronest, wo du thronst!

Der Hoberg-Alte

Das woll'n wir sehn. Stürz, Berg, hernieder!

(Es poltert im Berge, doch lockert sich kein Stein.)

Der Arzt

Ja, poltre nur, das rührt mich nicht,

Ist der Effekt doch abgebraucht.

Doch gibst du gute Worte, läßt sich reden,

Und Freunde sind wir wie vordem.

Der Hoberg-Alte

Ja, Doktor, eh' ich sitze bis zum Jüngsten Tag,

Ergeb' ich mich und bitte um Pardon.

Der Arzt

(schleudert eine Kugel gegen den Hoberg-Alten, der unter zuckenden

Blitzen seine Form verliert, worauf der Schmied hervortritt)

Bist endlich nun zufrieden, armer Tor,

Nachdem du auf den Höh'n gesessen,

Geseh'n wie klein es ist hier unten?

Fand'st du im Lebensgarn des Fadens Anfang?

Genügt dir das, was du gelernt?

Nein, du bist mißvergnügt, nichts ist dir recht,

Und darum will ich dich zum Lande führen,

Wo nichts zu wünschen übrig bleibt, sag', willst du?

Der Schmied

Aus dieser Welt der Mängel und Gebrechen

Laß ich mich gerne führen, Herr; doch eins!

Nicht einsam will ich wieder wandern.

Der Arzt

Du hast ja mich, den Ritter, den Apostel!

Der Schmied

Ja, ja! Doch fühlt der Mann sich stets allein,

Fehlt ihm ein Weib!

Der Arzt

Oho! Oho!

Wie lang ist's her, daß du sie steinigtest.

Die Niederste der Niedern in ihr sah'st?

Der Schmied

Mich reut es tief, könnt' es was helfen!

Sie war die Beste von den Besten,

So stolz, so von Berechnung frei,

Nicht machtverliebt noch feil für Gold . . .

Der Arzt

So scheint dir's jetzt, seit sie gestorben ist,

Doch wenn sie wiederkäme, sprächst du anders.

Der Schmied

Versuch' es nur, und Besserung gelob' ich.

Der Arzt

Die Schlüssel des Himmelreichs; oder, Sankt Peters Wanderung auf Erden · 第 2 / 4 段