Versuchen wir's denn noch einmal -- -- --

Laß nun in jenes sel'ge Land uns wandern,

Wo man für sich nicht lebt, nur für die andern,

Wo Stube ist der Wald, die Wiese Saal,

Wo in den Bächen Milch und Honig fließen,

Wo dir ins Maul gebrat'ne Tauben schießen,

Wo nie ein Tag durch Müh' und Plag' zu lang,

Das Leben eitel Tanz und nur Gesang,

Das als Schlaraffenland bekannt,

Die Pforte öffnet uns dies Wunderland.

Vierter Akt

(Eine Landschaft im Schlaraffenland. An den Bäumen hängen allerlei

Eßwaren, Früchte und dergleichen. Drei Bäche kommen aus dem Hintergrunde

hervor. In dem einen fließt Milch, in dem andern Honig und in dem

dritten Sirup. -- Mit der leichten bunten Tracht wilder Volkstämme

bekleidete Menschen liegen schlafend oder schlummernd der Länge nach

hingestreckt. In der Mitte der Bühne ein niederer römischer Speisetisch

mit Ruhebetten ringsum. Rechts ein Ziehbrunnen, der gesperrt und oben

mit einer königlichen Krone versehen ist. Der Däumling und Aschenbrödel

liegen am Sirupbache.)

Erste Szene

Sancho (tritt auf)

Sancho

Welch ein gesegnetes Land, welch ein glückliches Volk! Nun bin ich volle

acht Tage hier, und noch habe ich keinen mißvergnügten Laut gehört;

nichts von Opposition, nichts von Steuern, nichts von Polizei! Tag und

Nacht gleich lang: am Tage scheint die Sonne, bei Nacht der Mond.

Gebratene Tauben fliegen in den Mund, Milch und Honig fließen. O, es ist

alles so vollkommen, daß es einen rasend machen könnte! Ein

Hagelschauer, ein Donnerschlag, eine kleine Überschwemmung dort und da,

würde in dieses verschlafene Volk doch etwas Leben bringen! -- Ein

träges Volk, das sich wund liegt und an Magenkatarrhen leidet! Wenn ich

nur zu entdecken vermöchte, wie ich in diese schlafenden Gemüter auch

nur das winzigste Samenkörnchen Unzufriedenheit säen könnte. Ritter Don

Quixote, der hier sein Ideal und seinen Idealstaat wiedergefunden hat,

ist Staatsminister geworden, nachdem er anderwärts der prinzipiellen

Opposition angehörte. Nun ist er natürlich ein eifriger Gegner aller und

jeder Neuerung!

Das Volk (regt sich ein wenig auf)

Sancho

Gibt es gar niemanden, der einen noch so geringfügigen Grund zur

Unzufriedenheit hätte?

Einer aus dem Volk

Womit sollten wir unzufrieden sein?

Sancho

Mit einer Bagatelle! -- Mit allem! -- Dem Bestehenden!

Einer aus dem Volk

Etwas einförmig ist's freilich!

Sancho

Ei, sieh doch! Das Essen ist gut, die Wärme wohlig, der Schlaf

exzellent! Vielleicht daß es Euch an Arbeit fehlt?

Das Volk

Ja, Arbeit!

Sancho

Schön! Eine kleine Arbeiterfrage als Anfang. -- Gibt es nicht sonst noch

etwelche kleine Mängel in Regierung oder Verwaltung, denen allerdings

nicht abzuhelfen ist, die sich aber gerade dadurch als dauernd wertvoll

herausstellen könnten? Däumling, du bist doch sonst voller Finten! Fällt

dir nichts ein?

Däumling

Herr Waffenträger! Meine Unbedeutendheit, meine geringe Herkunft --

Sancho

Bravo! Du dokumentierst dich sofort als Ministerkandidat!

Däumling

-- Sowie meine vollkommene Unkenntnis in bezug auf staatliche

Angelegenheiten, veranlassen mich die Frage aufzuwerfen, ob wir denn in

einem privilegierten Gemeinwesen leben oder nicht, und zwar auf Grund

eines Sachverhalts, der schon längst den öffentlichen Unwillen hätte auf

sich ziehen sollen.

Sancho

Was ist dies! Sprich, Engel!

Däumling

Bemerkt das Volk denn nicht, daß der Brunnen gesperrt ist und obendrein

noch von einer Königskrone verunziert wird?

Sancho

Ha! Eine Kabinettsfrage, die leicht mit einer Ministerkrise endigen

kann! -- Was sagt das Volk zu dieser Verletzung der verfassungsmäßig

gewährleisteten Grundrechte?

Das Volk (ermuntert sich)

Sancho

Das Volk erwacht! Die Opposition hat sich gebildet, und ich eile, eine

Interpellation an den Staatsminister zu richten.

Zweite Szene

Die Vorigen. Don Quixote

Don Quixote

Ist dies nicht der ideale Staat, Sancho? Siehst du, daß das Ideal denn

doch auf Erden zu finden ist, was du stets in Zweifel zogst! O,

beglücktes Land, o, beglücktes Volk! -- Wenn mir nun noch vergönnt wäre,

mein Ideal, mein Liebesideal zu schauen, ich würde mit Freude und mit

grauen Haaren in die Grube fahren!

Sancho

Das wäre auch das Ratsamste, Euer Gnaden, denn seine Ideale soll man

nicht überleben!

Don Quixote

Sehr wahr, Sancho! Doch was hat sich während meiner kurzen Abwesenheit

hier zugetragen? Das Volk schläft nicht mehr!

Sancho

Nein, das Volk erwacht!

Don Quixote

Wer hat es aus seinen süßen Träumen geweckt?

Sancho

Der Zeitgeist, das Klassenbewußtsein und -- ich!

Don Quixote

Warum tatest du uns das? Denn der da schläft, sündigt nicht, und im

Schlafe kommen uns die schönsten Träume! -- Was wünscht das Volk?

Sancho

Als Führer der Opposition liegt mir die schmerzliche Pflicht ob, die

Wünsche des Volkes dessen erleuchtetem Diener vorzutragen!

Don Quixote

Was wünscht das Volk?

Sancho

Arbeit!

Don Quixote

Arbeit? Wo soll ich die hernehmen?

Sancho

Ja, seht, wenn wir dies wüßten, so wäre die Frage gelöst!

Don Quixote

Und es ist dir ja gar nicht darum zu tun, daß sie gelöst werde! Du

Schelm!

Sancho

Zugleich bekundet sich eine allgemeine Unzufriedenheit betreffs des

privilegierten Brunnens, der verschlossen gehalten wird und überdies im

Widerstreite mit der geltenden Verfassung des Reiches mit einer

Königskrone versehen ist.

Don Quixote

Gut! Liegt noch etwas vor?

Sancho

Für den Augenblick nicht.

Don Quixote

Gut! Die großen Fragen sollen im Zusammenhang gelöst werden. Ich werde

bei dem königlichen Landesherrn über die Angelegenheiten Vortrag halten.

(Ab.)

Dritte Szene

Die Vorigen. St. Peter

St. Peter

O, welch wonnigliches Reich! Sollte ich nun wirklich an das Ziel meiner

Wanderung gelangt und dies das Himmelreich sein? -- Doch ich habe keine

Pforte gesehen!

Sancho

Hast du sie nicht gesehen? Sie stand ja sperrangelweit offen.

St. Peter

Ach, ist das nicht der widerwärtige Sancho Pansa? Nein, wenn der da ist,

kann das nicht das Himmelreich sein!

Sancho

Du glaubst also nicht an den bußfertigen Schächer? Komm her, Däumling,

und bring den Fisch sowie das Augenglas zur Stelle, damit der Prophet

sich überzeugt, daß er sich in guter Gesellschaft befindet. Komm hervor,

Däumling!

Däumling (zu Sancho)

Das sollst du mir entgelten. (Zu St. Peter, dem er den Fisch und das

Glas übergibt.) Hier habt Ihr den Plunder, den ich auf einem Tisch unter

einer Linde gefunden.

St. Peter

Ah, mein Symbol!

Sancho

Sind das deine Augengläser?

St. Peter

Und meine Brille!

St. Peter (betrachtet die Szenerie durch sein Augenglas)

Hm! Mich dünkt, es sieht hier so weltlich aus! Auch die Mienen der Leute

entsprechen meinen Vorstellungen nicht! Nein! Hier ist sicherlich nicht

das Himmelreich!

Sancho (zum Däumling)

Der Alte hat dich und deine Dieberei total vergessen. Gratuliere dir!

Vierte Szene

Die Vorigen. Der König (der Schmied) und die Königin (die Liebhaberin)

König (zur Königin)

Hier ist der Himmel, ja, und deine Augen

Sie spiegeln ihn so blau, so licht!

Königin

Es ist das nicht der Widerschein des Himmels,

Nein, deines eignen liebevollen Blicks!

König

Der sich am hellen Feuer deiner Tugend,

An deiner Schönheit sich entzündet hat . . .

Königin

Ihn zeugte deiner Milde Majestät,

Wie ihn auch nähret deine Güte, König!

Fünfte Szene

Die Vorigen. Don Quixote

Don Quixote

Eure Majestät sollten einen Entschluß fassen, denn die Flamme des

Aufruhrs wächst und droht um sich zu greifen.

König

In welchem Maße? Du siehst immer alles im Großen, Don Quixote. -- Um was

handelte es sich doch? Ja, richtig, das Volk begehrt Arbeit, und das

Volk begehrt eine Abänderung beim Brunnen! Und du siehst dich also nicht

imstande, diese Fragen in ihrem Zusammenhange zu lösen?

Don Quixote

Nein, Eure Majestät!

König (zur Königin)

Verzeiht, liebe Königin, aber ich muß ein wenig regieren, um zu Tische

Appetit zu bekommen! -- (Zum Volke.) Gibt es jemanden hier, der diese

Nuß mit einem Griff zu knacken vermag, so soll er Staatsminister werden!

Sancho (reckt die Hand in die Höhe)

König

Sancho! Nun wohl, so sprich! Aber sprich weise, und vor allem, kurz!

Sancho

Ich hab' mir die Sache so zurechtgelegt, nichts für nichts, und etwas

gegen etwas! Die Mißvergnügten stehen von ihrer Forderung nach Arbeit

ab, dafür wird der Brunnen der allgemeinen Benutzung überlassen.

König

Sehr schön! Man pflegt das einen Kompromiß zu nennen!

Don Quixote

Weißt du denn aber auch, Waffenträger, ob die Mißvergnügten auf den

Kompromiß eingehen?

Sancho

Was? Man ladet die Opposition zu einem Korruptionsdiner und verleiht dem

Führer ein Portefeuille.

Don Quixote

In diesem Falle sehe ich mich genötigt, mein Mandat in die Hände Eurer

Majestät zurückzulegen. Ich trage das Bewußtsein davon . . .

Sancho

Doch nicht den Sieg!

König

(hebt die Krone von dem Brunnen und reicht Sancho den Schlüssel)

Hier ist der Schlüssel zum Düngerbrunnen! Pumpt nun, Leutchen! Doch gebt

acht, daß ihr euch nicht bespritzt!

Das Volk

Ei!

König

Nachdem der Grund zur Unzufriedenheit nunmehr behoben ist, hoffe ich, du

wirst gut regieren, Sancho, auf daß das Land künftighin vor

Zerwürfnissen bewahrt bleibe.

Sancho

Eure Majestät! Da nunmehr aller Anlaß zur Unzufriedenheit hinweggeräumt

ist, wird das Volk alsbald wieder in jene beseligenden Träume gelullt

sein, aus denen es jüngst in so unliebsamer Weise aufgestört worden ist!

Schlummere, Volk!

(Er macht mit den Händen einige hypnotische Gebärden.)

König

Ist das ein Staatsmann, dieser Sancho! Ist das ein Staatsmann! (Ab mit

der Königin.)

Sechste Szene

Die Vorigen (ohne den König und die Königin)

Don Quixote

Du bist ein Schurke, Sancho!

Sancho

Der König bediente sich des Wortes Staatsmann in einem ganz anderen

Sinne!

Don Quixote

Bist du nun zufrieden?

Sancho

Nun bin ich zufrieden!

Don Quixote

Müssen aber deshalb auch schon alle andern zufrieden sein?

Sancho

Ich hoffe, sie sind es bereits! Ich weiß, daß sie es sind!

Das Volk

(das der Däumling unter der Hand bearbeitet hat, beginnt zu lärmen)

Sancho

Weshalb lärmt das Volk?

Däumling

Die allgemeine Unzufriedenheit, das Klassenbewußtsein, der Zeitgeist und

ich, wir haben uns in unsern -- Wünschen dahin geeinigt . . .

Sancho

Womit seid ihr unzufrieden?

Däumling

Mit allem! Mit dem Bestehenden, dem Gegenwärtigen und Zukünftigen!

Sancho

Das ist doch merkwürdig, daß man nie und nimmer zur Ruhe kommen kann,

daß es ewig nur Hader und Unzufriedenheit geben muß! Wolltet ihr mir nur

gehorchen, nur tun, was ich euch sage, der Himmel wäre auf Erden! Du

bereitest mir Kummer mit deinen übertriebenen Forderungen, Däumling,

schweren Kummer! Das Volk hatte es so gut, als es nur immer wünschen

konnte: weshalb es unglücklich machen?

Das Volk (lärmt)

Don Quixote

Jetzt kehrt sich der Spieß gegen dich, Spitzbube!

Sancho (zum Däumling)

Was begehrt denn aber das Volk? Detailliere! Detailliere!

Däumling

Ja, seht, einige möchten den Brunnen gesperrt haben!

Sancho

Hat man nicht eben erst verlangt, daß er geöffnet werde?

Däumling

Jawohl! Wieder andere wünschen eben auch, daß er geöffnet sei!

Sancho

Alle Wetter! O, du kleiner, großer Schelm! Ich beuge mich vor dem

Meister, der die Parteien ins Leben rief.

Däumling

Teile und herrsche!

Siebente Szene

Die Vorigen. König (und die) Königin

König

Was gibt es nun wieder?

Sancho

Eine Ministerkrise! Der Parteigeist ist los!

König

Sei den Parteien zu Willen!

Sancho

Es ist nicht möglich, beiden Parteien zugleich zu Willen zu sein!

König

Nein, das ist freilich nicht möglich! Ist es der Brunnen, der wieder

spukt? -- Wißt ihr was, Leutchen, ich geh' jetzt meiner Wege!

Königin

Nein, du mußt bleiben!

König

Ich muß? Was redest du da?

Königin

Welche Sprache! Welcher Ton!

König

Du willst mir wohl meine niedrige Herkunft vorrücken, daß ich ein

Schmied war. Da muß ich dich doch daran erinnern, was du gewesen! Was

bist du! (Regt sich mehr und mehr auf.) Dirne, Metze! (Er schlägt mit

der einen Hand auf die andere.)

Königin (sinkt um)

So also liebtest du mich!

St. Peter

Mir scheint, ich bin geradenwegs in die Hölle geraten! (Ab.)

(Es dunkelt.)

König (auf den Knien neben der Leiche)

Tot ist sie, o ihr Himmel, sie ist tot.

Du holder Engel, der das Leben mir versüßte!

Sancho

Hier wird es mehr und mehr ungemütlich. Ich geh' jetzt auch, so erspare

ich, gegangen zu werden! (Ab.)

Don Quixote

Ich fange an zu glauben, daß, was nie gewesen, das Beste ist. --

Dulzinea! -- Dulzinea! (Ab.)

Däumling

Weißt du, Aschenbrödel, du bist ein prächtiges kleines Weibchen. Du

fällst doch nicht gleich in Ohnmacht, wenn ich gegen dich grob bin, wie

diese großen Prinzessinnen!

Aschenbrödel

Nein, da mach ich's besser. Ich geb's zurück!

Däumling

Und bei Geschenken und Gegengeschenken erhält sich die Liebe am

längsten. Komm, gehen wir. Mir sind solche Szenen in der Seele zuwider!

Hier wäre unstreitig ein gutes Land, aber es ist ein schlechtes Volk,

das doch eine bessre Regierung verdiente! (Ab, Arm in Arm mit dem

Aschenbrödel.)

Achte Szene

König (an der Leiche der) Königin. Arzt. Sankt Peter

König

Unsel'ges Leben, oh, und grimmer Tod!

Der Arzt

Hast wieder 'mal was Schönes angerichtet!

König

Ja, was hab' ich denn eigentlich getan? Kann ich dafür, daß man ihr kein

Wort sagen darf!

Der Arzt

Weißt du, Schmied, ich glaube, es ist am besten, daß sie dahin ist. Da

schwärmst du immer am meisten für sie. Und Engel werden wir ja doch

erst, wenn wir tot sind!

König

Leider, daß dem so ist! Aber nur _einmal_ noch, wenn sie wiederkehrte!

Wie wollte ich mich dann zusammennehmen!

Der Arzt

Einmal noch? -- Nein! Nie wieder!

St. Peter

Hört, meine lieben Freunde! Aufrichtig gesagt, ich fange an, dieser

Wanderung hier herzlich müde zu sein, und wenn ich so sehe, wie der

Schmied immer nur Spektakel macht, so fürchte ich, daß wir gänzlich das

hohe Ziel aus den Augen verlieren . . .

Der Arzt

Das Ziel? Ach ja, das war das Himmelreich! Wir kommen sicher noch dahin,

nur müssen wir eben erst durchs Fegefeuer. Sag, Schmied, bist du der

Erdenwanderung auch schon müde?

Der König

Ob ich es bin! War's schier von allem Anfang!

Und seit ich tiefer nun ins Aug' geblickt

Dem Menschen und dem Leben, widert's mich!

Das Große ist mir nicht genügend groß,

Das Kleine wieder dünkt mich allzu klein,

Und hat hier unten man bankrott gemacht,

Dann eben sehnt das Herz sich nach dem Oben!

Der Arzt

Man sagt, der Teufel wird im Alter Mönch,

Verlangt dich etwa nach dem Schoß der Kirche?

Der König

Du hast's vielleicht erraten; in den heil'gen Stand

Wünscht' ich als Knabe schon dereinst zu treten.

Der Arzt

Wohlan, zwei Fliegen schlagen wir mit einem Schlag.

Erhält doch Petrus so des Himmels Schlüssel,

Die dort in Rom verwahrt der heil'ge Vater,

Auf daß er bind' und löse, ihm von jenen

Zum Erbe einst gegeben, die die Kirche

Erbauer auf dem Fels -- so heißt es doch?

Auf denn zum letzten Male, über'n letzten Steg,

Es gehet über Rom zum Himmel unser Weg!

(Die Szene beginnt sich zu verändern; der Vorhang fällt.)

Fünfter Akt

(Eine Kapelle der Peterskirche in Rom, von den Seiten her Musik und

Gesang. Rechts das Erzstandbild Petri.)

Erste Szene

Der Schmied (und) Sankt Peter (treten auf, sie entblößen ihre Häupter)

Der Schmied

Ist's hier aber gewaltig fein! Und dieses hohe Deckengewölbe!

St. Peter

Ja, wahrhaftig, es macht mich ganz befangen!

Der Schmied

Was sollen wir nur sagen, wenn der Papst kommt? Es wird am besten sein,

wenn du zuerst sprichst!

St. Peter

Still, mir scheint, er kommt! Nein, das war er nicht!

Der Schmied (deutet auf das Standbild)

Himmel, wen mag das vorstellen! Lesen wir, was darunter steht.

P,e,t,r,u,s; Petrus, das bist du ja!

St. Peter

Nein, wirklich! Haben sie mich da gar in Bronze abgenommen! Haha! Es

sieht mir aber gar nicht ähnlich, scheint mir.

Der Schmied

Oh ja! -- Vielleicht, daß das Haar hier etwas voller ist, weißt du?

Zweite Szene

Die Vorigen. Der Papst

Der Schmied

Sieh, da ist er nun! Fall auf die Knie!

(Der Schmied und St. Peter fallen auf die Knie)

Der Papst (bleibt stehen)

Wer seid ihr?

Der Schmied (zu St. Peter)

Antworte du! Ich fürchte mich so sehr!

St. Peter

Ein geringer Diener des Herrn.

Der Papst

Wie heißt du, alter Mann?

St. Peter

Petrus!

Der Papst

Wie noch?

St. Peter

Simon!

Der Papst

Steh' auf!

St. Peter (erhebt sich)

Der Papst

Simon Petrus! Wie seltsam! -- Und dein Vater hieß . . .?

St. Peter

Jona, Fischer in Kapernaum!

Der Papst

Warst du Petrus? (Er bekreuzt sich.) Du bist schon einmal in dieser

Stadt gewesen!

St. Peter

Niemals! Achthundert Jahre stand ich vor dem Kölner Dom, in Rom aber war

ich noch nie!

Der Papst

Dein Gedächtnis läßt dich im Stich. Hier auf diesem Platze littest du

den Märtyrertod, weshalb zur Sühne und ewigen Erinnerung diese Kirche

erbaut wurde . . .

St. Peter

Den Märtyrertod litt ich nicht . . .

Der Papst

So sagen die Kirchenväter!

St. Peter

Ich bin älter als die Kirchenväter und weiß darüber besser Bescheid als

sie!

Der Papst

Und die Dekretalen . . .

St. Peter

Ich kenne keine Dekretalen . . .

Der Papst

Aber deine eigenen, in höchst vortrefflichem Stile geschriebenen Briefe!

St. Peter

Ich habe keinerlei Briefe geschrieben.

Der Papst

Auf Griechisch im ^Novum Testamentum^?

St. Peter

Als Hebräer verstand ich nicht Griechisch. War ich doch ein armer,

ungelehrter Mann, der sich mit Fischerei ernähren mußte!

Der Papst

Bist du Petrus, oder bist du es nicht?

St. Peter

Ich bin Petrus, derselbe, den du meinst, Papst!

Der Papst

Der Fels, auf dem die Kirche ruht, als dessen Nachfolger ich bestellt

bin?

St. Peter

Ich war kein Fels, nur ein schwankes Rohr. Hab' ich doch in jener

denkwürdigen Nacht im Schreck meinen Herrn und Meister verleugnet! Zur

Strafe wandre ich denn auch auf Erden, ohne Ruhe zu finden.

Der Papst

Und dies der Grund, auf dem sich die Kirche aufbaut!

St. Peter

Deshalb wackelt sie auch so, kracht in allen Fugen!

Der Papst

Daß du ein Ketzer bist, höre ich, und würde auch den großen Bann über

dich aussprechen, wenn ich dich nicht im Verdacht hätte, irgendein

entsprungener Tollhäusler zu sein! -- Wer ist dieser dein Gefährte da?

St. Peter

's ist nur der Schmied!

Der Papst

Welcher Schmied? Was ist sein Begehr?

Der Schmied

Ja, es klingt wohl wie eine Sage, aber eigentlich ist St. Peter hierher

gekommen, sich nach den Schlüsseln zum Himmelreich umzusehen --

Der Papst (ruft hinaus)

Sbirre!

Sbirre (tritt auf)

Der Papst

Treib das Gesindel aus der Kirche! (Ab.)

Dritte Szene

Der Schmied. St. Peter. Sbirre

Sbirre

Hinaus!

Der Schmied

Dich nennen sie Gesindel, Petrus!

Sbirre

Hinaus!

Der Schmied

Schön! Schön! Ihr wißt nicht, Sbirre, wen Ihr hier die Ehre habt

hinauszujagen!

Sbirre

Hinaus! Gesindel!

St. Peter

Was sagst du, was sie alles über mich zusammengelogen haben! Da gehen

sie hin und lesen Briefe von mir, die ich nie geschrieben. Aber seien

wir demütig, Schmied!

Der Schmied

O, du brauchst nicht demütig zu sein, du, dessen Standbild in der Kirche

steht --

St. Peter

Ja, doch! Ich schäme mich! Ich schäme mich!

Der Schmied

Das magst du wohl, und glaube nur ja nicht, daß ich im Schoße einer

Kirche bleibe, in der es von Sbirren spukt.

St. Peter

Ich glaub', ich habe mich mein Lebelang dem Himmel nicht so fern gefühlt

als eben jetzt.

Sbirre

Hinaus!

St. Peter

So geht es einem, wenn man blöde ist und die Wahrheit reden will. (Zum

Sbirren.) Hinaus? -- Jawohl, Schmied, wieder hinaus, zu irren und zu

wallen, sonder Rast noch Ruh! Weißt du, woran es uns gebricht, warum wir

nicht ans Ziel gelangen?

Der Schmied

Nein.

St. Peter

Am Glauben. Denn nun kommt mir's auf einmal in den Sinn: Der Weg zum

Himmel ist der Weg des Kreuzes! Laßt uns das Kreuz aufsuchen!

Der Schmied

Du meinst das Leiden?

St. Peter

Ich meine das Leiden!

Der Schmied

Wohl. Nur dünkt mich, der leide am schwersten, der an nichts glaubt, und

doch steht er dem Kreuze am fernsten.

St. Peter

Krieche zu Kreuz, Schmied, und wir werden uns überzeugen! (Gehen ab.)

Verwandlung

(Ein Kreuzweg und ein Kalvarium, steinerner Sockel, darüber Christus

zwischen den zwei Schächern am Kreuze, letzteres mit der Rückseite gegen

das Publikum.)

Vierte Szene

Don Quixote (sitzt am Fuße des Kreuzes). Der ewige Jude (der Arzt

verkleidet, tritt auf, den Kramkasten am Riemen um den Hals.)

Jude

Kauft vom ewigen Juden, gestrenger Herr Ritter!

Don Quixote

Was hast du denn noch zu verkaufen, nachdem du deinen Herrn und Meister

verkauft hast?

Jude

Manschettenknöpfe und Krawattennadeln, Spiegel und Kämme, Bleistifte und

Notizbücher!

Don Quixote

Gib mir einen Spiegel!

Jude

Ist's gefällig?

Don Quixote

Was kostet er?

Jude

Eine Mark!

Don Quixote

Kannst du auf dreißig Silberlinge herausgeben?

Jude

Jawohl!

Don Quixote

Du verstehst keine Satire, Jud'?

Jude

O, ich schon! -- Aber der Herr Ritter?

(Er spuckt auf das Geld und steckt es ein.)

Don Quixote

Du spuckst aufs Geld?

Jude

Ja, ich mach' es, wie der Herr Ritter mit dem Juden. Ihr spuckt ihn an

und nützt ihn dennoch aus.

Don Quixote

Für dein schlechtes Gewissen hast du einen merkwürdig guten Humor!

Jude

Wieso?

Don Quixote

Nun, gingst du nicht auch hin und kreuzigtest . . .?

Jude

O nein, das taten der Römer Pilatus und seine Kriegsknechte, und mußte

Pilatus sich auch seine Hände waschen, weil sie nicht rein waren,

brauch' doch ich die meinen nicht zu waschen, die rein sind! (Setzt

sich.)

Don Quixote

Steh auf! Und geh! Geh, geh, solange die Welt steht, du, der du dem

Herrn auf seinem letzten Gange die Rast verweigert hast!

Jude

Sagen, Ritter! Nichts als Sagen! Übrigens, wenn ich tue wie der

bußfertige Schächer und um Verzeihung bitte, wird mir dann das Paradies

nicht offen stehen?

Don Quixote

Hast du denn um Verzeihung gebeten?

Jude

Ich habe noch mehr getan: ich habe meine Strafe abgebüßt, und nun bin

ich müde.

Don Quixote

Setz' dich her, armer Jude, und möge der Schatten des Kreuzes dir

Kühlung spenden!

Jude

Wißt Ihr, Ritter, weshalb Judas die dreißig Silberlinge wegwarf und

hinging und sich erhängte?

Don Quixote

Nein!

Jude

Das Geld war falsch!

Don Quixote

Deine Gedanken drehen sich fort und fort um Geld und weltliche Dinge,

und du bist noch weit vom Kreuz.

Jude

Ich will mit Euch nicht streiten, Herr Ritter, und finde es

vernünftiger, Eure Meinung zu teilen; so sind wir mindestens in der

Hauptsache eins.

Fünfte Szene

Die Vorigen. St. Peter. Der Schmied

St. Peter

Hier, seh' ich, sammelten sich müde Pilger: Der Ritter nahm den ersten

Platz.

Don Quixote

Am Scheidewege treffen wir uns alle,

Allein wir treffen uns nur, um zu scheiden!

St. Peter

Du scheinst nun allen Ernstes müde, Ritter!

Don Quixote

Nicht müde bin ich bloß, zusammen brech' ich!

Mein Leben, war es auch nur eine Sage,

Neu leben wird es jegliches Geschlecht,

So lang' die Erde kreist, der Himmel steht,

Die Menschen hinter Truggebilden jagen,

Solange man nichts lernt und nichts vergißt,

Wird Don Quixote weiter leben

In Jünglings Torheit, Mannes Klugheit!

Fahr' wohl, du Welt, voll grimmen holden Trug's!

(sinkt nieder.)

St. Peter

Der edle Ritter, er ist tot!

Jude

Und lebt doch!

Er hielt sich selbst die beste Leichenrede,

Wie keiner sie ihm besser halten konnte. --

Doch sieh', mich dünkt, daß auch St. Peter

Sein müdes Haupt zur Ruhe neigt.

St. Peter (hat sich niedergesetzt und scheint schläfrig)

Der Plag' und Mühen bin ich nunmehr satt,

Und ohne Klage geh' ich aus der Welt,

Denn nicht auf Erden findest du den Himmel,

Nur dessen Pforte -- die da heißt der Tod!

(Stirbt.)

Sechste Szene

Der Jude ([der Arzt] läßt die Verkleidung fallen). Der Schmied

Der Schmied

(will sich setzen, wird jedoch vom Arzte zurückgehalten)

Der Arzt

Nein, nein! Du darfst dich noch nicht setzen,

Zur Hälfte kaum verstrichen ist dein Leben.

Der Schmied

So warst das du? -- Dann laß uns scheiden,

Denn ich will ruhn hier in des Baumes Schatten,

Und deine Wege, nie verstand ich sie.

Der Arzt

Es ist gut ruhen nicht im Schatten solcher Bäume,

Auch leg' auf andrer Schultern nicht dein Kreuz,

Das ist bequem, doch führt es nicht ans Ziel,

Steh' auf und trage selbst es bis ans Ende.

Der Schmied

Das tat ich auch, und hier ist nun das Ende.

Der Arzt

Nein, hier!

Verwandlung

(Das Innere der Ruinen des Turms zu Babel. Galerien und Gänge. Im

Hintergrunde eine große Nische. Rechts eine Leiter, die auf halber Wand

aufhört, mitten im Raume ein Tisch, über den eine zierliche Decke

gebreitet ist. Unter derselben ein Korb.)

Der Schmied

Wo bin ich hier? -- Ist das die Unterwelt?

Der Arzt

Die Schlüssel des Himmelreichs; oder, Sankt Peters Wanderung auf Erden · 第 3 / 4 段