Die Schlüssel des Himmelreichs
oder
Sankt Peters Wanderung
auf Erden
Märchenspiel in fünf Akten
von
August Strindberg
1917
Kurt Wolff Verlag / Leipzig
Bücherei »Der jüngste Tag« Bd. 47/48
Druck von Ernst Hedrich Nachf. in Leipzig
Autorisierte Übersetzung aus dem
Schwedischen von _Erich Holm_
Personenverzeichnis und Szenerie
Personen:
Der Schmied
Der Arzt (Doktor Allwissend)
Sankt Peter
Don Quixote
Sancho Pansa
Narzissus
Tersites
Der Pfarrer
Seine Frau
Tochter
Schwiegersohn
Der Däumling
Das Aschenbrödel
Der ewige Jude
Ein Papst
Ritter Blaubart u. a. Schatten
Liebhaberin
Oreaden Nymphen Volk Zwerge
Szenerie:
I. Akt: In der Schmiede
II. Akt: Don Quixote auf Romeos silberner Hochzeit
III. Akt: Der Hoberg-Alte
IV. Akt: Schlaraffenland
V. Akt: Am Calvarienberge. Beim Papste. Im Turm zu Babel
(Bei einer Aufführung sind diese fünf Akte in drei
zusammenzuziehen)
Erster Akt
(Kammer hinter der Schmiede, von der letzteren durch eine Bretterwand,
in deren Mitte sich eine große Öffnung befindet, getrennt. Hierdurch
sieht man die Schmiede, die zugleich Verkaufsladen ist und nach der
Straße zu ein großes offenes Fenster hat. -- In der Mitte der Kammer ein
Ambos mit Schlegel. An der linken Wand drei leerstehende Kinderbettchen.
Spielsachen auf einer nebenbefindlichen Bank; über den Bettlehnen
Kinderkleidchen, unter den Bettstellen Kinderschuhe. An der rechten Wand
ein Kachelofen aus grünen Kacheln mit einer eingemauerten Bank. -- An
den Wänden gewebte Bilder, Darstellungen aus der biblischen Geschichte,
des Ganges nach Golgatha, der Höllenfahrt Christi. Auf dem Getäfel
Krüge, Kannen, Silber- und Zinngefäße. Draußen in der Schmiede ein
langer, die Mitte einnehmender Tisch mit Eisenwaren, Werkzeugen,
Blechschilden, Schlüsseln, Schlössern, Waffen, Rüstungen. Die Zugstange
des Blasebalgs hängt rechts an der Zwischenwand hervor. -- Durch das im
Hintergrund befindliche offene Fenster der Schmiede wird eine Straße im
mittelalterlichen Stile sichtbar.)
Erste Szene
Der Arzt. Der Schmied. Sankt Peter.
(Der Arzt, schwarz gekleidet, in Doktorstracht, sitzt unbeweglich auf
der Bank am Kachelofen, so daß er dem Zuschauer den Rücken zuwendet. Der
Schmied in Trauerkleidern tritt aufgeregt und verweint beim Aufgehen des
Vorhangs ein.)
Der Schmied
Was half mir deine Kunst, du Wunderdoktor?
Was nützten wohl Mixtur und Balsam,
Da nun die Pest mein Haus verödet?
Was liest du unaufhörlich, schwarzer Meister,
Von Säuren und von Salzen,
Von Theriak und des Weisen Stein,
Der in dem Magen eines Krebses sitzt?
Kannst du in meine Kinder Leben lesen,
Die jüngst sie senkten in die schwarze Erde?
Ich kam zu spät zum letzten Scheidekuß,
Zu spät, sie zu der Grube zu geleiten,
Darein, was lieb uns war und teuer,
Vergraben wird und fault zum Schmutz. --
O, du mein Gott! Nun ist die Stube leer,
Und leer sind auch die kleinen Betten!
Sieh, hier lag Katharina! Ach, sie war mein Ältstes!
Sieh hier den Abdruck ihres schönen Köpfchens
Im Kissenüberzug . . . .
Sie war mein Freund, seit Mutter starb, --
Und ich war ihrer!
Und Mutter ward sie den Geschwistern.
So klug, so zärtlich und so ernst . . . .
Sie kam zur Welt in unsern allertrübsten Zeiten
Und brachte mit das Glück,
Und Wohlstand, reichen Segen unserm Haus.
Gesegnet sei dein Angedenken, Engel! --
Und hier mein Margarethel!
Du frische Rose voller Duft,
Du kleiner Vogel, der mit frohem Zwitschern
Das Haus erheitert, der Geschwister Kreis!
Mit offner Hand und offnem Herzen,
Wie war dir's Geben Lust!
Da steht dein kleiner Schuh!
Den Heller leg' ich dir hinein --
Daß, wenn du aufwachst . . . Wenn du aufwachst? Wenn? --
Ja, dies der Schuh, doch wo das Füßchen,
Das kleine runde Füßchen, --
Das kaum berührt den Blumenanger,
Das eine Emse nicht zertrat, --
Ohn' daß ein leises »Gott verzeih«
Von leicht gerührtem Herzen Zeugnis gab?
Du kleiner Schuh . . . .
Schlaf süß, mein liebes, liebes Margarethel!
Und du, mein Sohn, mein Schmerzens-Kind,
Doch meiner Sorgen nicht!
Mein Benjamin,
Der Mutter Bild war mir zurückgegeben,
Wenn aus der Wiege deine großen, hellen Augen
Mich, wie dereinst die ihren, angelacht.
Ich hatt' dich lieb! Wie lieb, das kann
Ich gar nicht sagen. Doch weiß ich eins,
Als du mir starbst, starb ich. --
Dein kleiner, zarter Leib
Barg einen männlich starken Willen!
Dein schönes blondes Köpfchen,
So reich an mächtiger Gedanken Keim,
Ließ dir zu Spielen niemals irgend Ruh.
Und in der schwachen Brust ein edles Herz dir klopfte,
Daß du dich strafen ließest für die Schwestern. --
Denk, schwarzer Doktor, dir,
Er nahm der andern Schuld auf sich --
Dem Jesuskinde war er gleich:
Sein liebstes Spielzeug war das kleine Lämmchen,
Das Lämmchen, sieh, so unschuldsweiß!
Das sollte schlafen ihm im Arm,
Es sollt' ihm fressen aus der Hand! . . . .
Mein kleines, weißes Lamm, leb wohl,
Leb wohl, mein Liebling, mein Johannes!
(Läßt sich am Bette des Kindes nieder.)
Der Arzt (aufstehend)
Hat, armer Freund, der Schmerz nun ausgetobt?
Der Schmied
Wo gab's ein Ende solchen Grams,
Arzneien wo?
Ja, gib mir meine Kinder wieder, und ich bin geheilt!
Der Arzt
Hör mich und nimm Vernunft zu Hilfe!
Nicht immer heilt man Gleiches nur mit Gleichem,
Brandwunden linderst du mit kühler Salbe:
Du weißt, die des Gesichts entraten,
Sie helfen sich mit Ohr und Hand;
Und bald, als deine Frau dir starb,
Vergaßest du sie um die Kinder.
Der Schmied
Und nun sind auch die Kinder mir gestorben!
Der Arzt
So höre doch! Kann ich zum Leben wecken,
Die von uns schieden?
Ich kannte deine Kinder, habe nie
So liebe Kleinen noch gesehen.
Und daß sie dich geliebt, das weiß ich,
In Leidensstunden sah ich sie
Und hörte, wie sie Vater riefen.
Mit Tränen in der Stimme! Väterchen,
Komm, Vater! Komm! Wir sterben.
Der Schmied
Ach! Nach dem Vater riefen sie!
Was weißt du noch? So sprich . . .!
Sie litten schwer? Wie sahn sie aus?
Wer war am tapfersten?
Berichte alles! Auch das Kleinste
Ruf ins Gedächtnis dir zum Leben!
Der Arzt
Zuletzt, im Fieber, dem Ersticken nah -- -- --
Der Schmied
Halt ein, zum Satan! Sie erstickten!
O Gott! Der du sie mir erstickt,
Ich hasse dich!
Der Arzt
Bedeckten sie mit Küssen meine Hand
Und nannten Vater mich -- -- --
Zum erstenmal hört' ich mich Vater rufen,
Und als ich fühlte ihre heißen Lippen
Auf meiner harten Hand, die schnitt in Menschenfleisch,
Empfand ich deine Seligkeit, dein Wehe . . .
Der Schmied
Du bist ein Mann von Herz, du Doktor!
Der Arzt
So ziemlich, ja!
Indessen kam ich da auf den Gedanken --
Und denken ist ja meine stille Seite --
So dacht' ich denn:
Wie schön der Tod ist in der Jugend,
Bevor des Lebens Bosheit uns verderbte.
Der Schmied
Ein altes Wort, und wohl so unwahr nicht.
Der Arzt
Du bist ein Mann von Kopf, du Schmied!
Der Schmied
So ziemlich, ja!
Der Arzt
Doch sollst ein lust'ger Kerl du von Natur
Auch sein. So spricht man in der Zunft.
Der Schmied
Ich war's. Doch bin ich es nicht mehr.
Nun ist mein Frohsinn hin.
Der Baum, dem seine Wurzeln abgestorben,
Der welket ab!
Der Arzt
Doch setzt die Zweige man ins Wasser, schlägt er neue Wurzeln.
Ich hab' mir auch erzählen lassen
Von deinem Wissensdrang und Weisheitsdurst,
Und daß du mehr von deinem Fach verstehst als andre.
Der Schmied
Man sagt's. Und wahr ist's ohne Prahlerei,
Wenn in den Krug die andern gingen,
Saß bei den Kindern ich und lernte lesen.
Und als ich's selbst verstand, da lehrt' ich es die Großen,
Mein Käthchen . . .
Der Arzt
Was aber lasest du am liebsten?
Der Schmied
Von Höfen, Fürsten, Schloß und Burgen,
Der Großen Streit, von Heer und Feldschlacht,
Von alten Zeiten, längst entschwund'nen Tagen;
Kabalen, Diplomaten, Glaubensstiftern,
Von fremden Ländern, Türken, Persern,
Kreuzfahrern und den Sarazenen,
Und seltsam war's: je mehr ich las,
Je mehr wuchs mein Verlangen nach dem Wissen.
Der Arzt
Du sehntest dich nie, fortzukommen, nie zu reisen?
Der Schmied
Oh, reisen! Ja! Die große, weite Welt zu sehen,
Nicht nach dem Hörensagen bloß von ihr zu reden!
Wer träumt ihn nicht, den Jugendtraum,
Wer hegte nicht die Jugendhoffnung?
(Während der vorhergehenden und nächstfolgenden Szene verschwinden
zuerst die Kinderschuhe, dann die Spielsachen, hierauf die Kleider. All
dies aber nach und nach.)
Der Arzt
So sollst du reisen!
Der Schmied
Was sagst du da? --
Mit wem? Wieso?
Der Arzt
Mit mir!
Der Schmied
Wohl hörte ich, daß einst in früher Zeit
Der Herr auf Erden sei umhergewandert,
Die Menschenkinder zu beglücken!
Doch daß in unsern Tagen
Der Volksaufklärung und der Ketzerei
Noch solch ein Wunderwerk geschehen könnte,
Das hätt' ich, Doktor, nimmermehr geglaubt!
Der Arzt
Ja, Wunder kannst du alle Tage schauen,
Bis an der Welten Ende!
Wenn du das Meer siehst an die Wolken steigen,
Und Wolken sich zur Erde senken, --
Und wenn dem Samen in der Erd' entsprießt die Pflanze,
Der Blitz den Baum zerschellt, das Eis die Sonne schmilzt,
Wenn Worte spricht der Mund, das Hirn Gedanken denkt,
Geschehen Wunderwerke noch und alle Tage.
Der Schmied
Sag, kannst du zaubern, Doktor?
Der Arzt
Ja, ich so gut wie du!
Siehst du ein Weib, so häßlich wie die Sünde,
So faul wie Jauche, scharf wie Gift,
Und du erschaust in ihr die schöne,
Die gute, engelsgleiche, reine,
So zauberst du!
Als eben jetzt aus der Erinn'rung Tiefen
Du auferweckt die toten Kleinen,
Und du sie deutlich eins vom andern schiedest,
Daß meinem Auge leibhaft sie erschienen,
Daß ich sie sah und ihre Stimmen hörte,
Da wecktest du die Toten auf,
Da konntest du auch zaubern!
(Er zieht einen Totenschädel aus der Tasche)
Sieh hier die Zauberbüchse, die Natur uns gab,
In dieser Kapsel lag vor kurzem noch,
Grauweißlich, eine Masse phosphorhalt'gen Fetts!
Durch diese runden Höhlen drangen
Hinein des Lichtes Wellen,
Durch diese die des Lautes,
Da des Geruchs und des Geschmacks.
Und wenn sie sich im Innern trafen,
Zurück ließ jeder seinen Abdruck,
Bei manchem stärker und bei andern schwächer,
Gesammelt so, vereint, geschieden,
Befruchtend wirken sie und zeugend.
Da hast du nun die ganze Denkmechanik,
Zwar stark verkürzt, doch nach dem Wunsch des Publikums.
(Die Betten der Kinder verschwinden.)
(Sankt Peter kommt zwischen dem Kachelofen und der Wand hervor. Er ist
hochbetagt und hat einen stark ergrauten Bart. Kostüm und Maske
entsprechen der biblischen Tradition. Die Linke hält einen Fisch, am
Gürtel hängt ein leerer Schlüsselring.)
Zweite Szene
Der Schmied. Der Arzt. Sankt Peter.
Der Arzt
Sieh da, am Freitag abend einen Kunden.
Der Schmied
Doch welchen Weg nahm er?
Der Arzt
Den schmalen.
Der Schmied
Verkauft er Fische?
St. Peter (mürrisch)
Das ist kein Fisch! Das ist ein Symbol!
Der Arzt
Das merkt man am Geruch, daß er zur Symbolik gehört.
St. Peter
Ich bitte Euch, sprecht wie ein ehrlicher Mensch, damit ich verstehen
kann, was Ihr sagt.
Der Arzt
Euch führt wohl ein besonderes Geschäft hierher, da Ihr den Zugang durch
den Kachelofen wähltet. Was immer es sei, macht's kurz, denn der Schmied
und ich, wir stehen im Begriff auf Reisen zu gehen.
St. Peter
Mein Geschäft? . . . Wartet ein wenig! Ja ja! Mein Gedächtnis läßt mich
im Stich, seitdem ich alt geworden bin.
Der Arzt
Ihr seht in der Tat nicht jugendlich aus, aber wie alt Ihr seid, dessen
erinnert Ihr Euch doch wohl?
St. Peter
Laßt mich mal nachdenken. Wann habe ich denn die Taufe empfangen?
Der Arzt
Ihr seid getauft?
St. Peter (indigniert)
Ob -- ich -- getauft -- bin?
Der Arzt
Mich wollte, der Nase nach, bedünken, daß Ihr beschnitten aussähet.
Konfirmiert seid Ihr auch?
St. Peter
Was ist denn das? Davon weiß ich nichts.
Der Arzt
Seid Ihr etwa zum Priester geweiht?
St. Peter.
Das nicht, aber verheiratet war ich. -- Wie hieß sie doch nur?
Konstantia nannten sie die Kirchenväter, allein sie führte den Namen
Perpetua, ihrer unerschöpflichen Ausdauer wegen.
Der Arzt
Hört, Ihr seid doch nicht . . .? Ist nicht etwa Euer Name Petrus oder
dergleichen?
St. Peter
Damit hat es seine Richtigkeit, obgleich ich mich, so auf der
Fußwanderung begriffen, nur des familiäreren St. Peter bediene.
Der Schmied
Das klingt ja wie aus dem Legendenbuch, wo Petrus auch auf Erden
wandelt.
Wie oft nicht las am warmen Winterherd
Ich meinen Kindern diese Märe vor.
Der Arzt
Geh, schwätz' nicht, Schmied! Sieh lieber, daß du deinen Ranzen packst!
Der Schmied
Apostel, Heil'ger, der du weckst die Toten,
Gib meine Kinder mir zurück!
St. Peter
Ich war meiner Treu kein Heiliger und kann auch nicht Tote auferwecken.
Wenn Ihr Eure Kinder verloren habt, so müßt Ihr Euch in Geduld fassen.
Oben im Himmel, da treffen wir uns ja alle wieder.
Der Schmied
Alle?
St. Peter
Alle. (Salbungsvoll.) Denn die Macht der Hölle ist niedergeworfen durch
ihn, der in die Welt kam, das Gesetz aufzuheben, oder wie der Apostel
spricht: Du Tod, wo ist dein Stachel, du Hölle, wo ist dein Sieg? Ja, so
verhält es sich! Doch, was wollte ich nur eigentlich sagen?
Der Arzt
Dem betrübten Vater ein Wort des Trostes?
St. Peter
Ein Wort des Trostes, jawohl. Danach verlangen sie alle. Von einem
Mahnwort aber will niemand wissen. Weißt du, weshalb der Herr gegeben
und genommen? Um deiner Selbstsucht, deiner Sünde willen.
Der Arzt
Der Schmied war kein selbstsüchtiger Mann und sündigte weniger als
andere, die ihre Kinder behalten.
St. Peter
Ja, seht, wie soll ich das beurteilen können?
Der Arzt.
Nun, dann laßt aber auch das Verurteilen sein!
St. Peter
Und an einem Trostwort lasse ich es niemals fehlen. (Er zieht ein Bündel
Traktätchen aus der Tasche, von denen er dem Schmied eins reicht.) Ist's
gefällig? Es kostet nichts.
Der Arzt
Und bittet er um Brot, so erhält er einen Stein! Bist du mit dem
Einpacken nun fertig, Schmied?
St. Peter
Alle Wetter! Den Schmied, den suche ich ja gerade!
Der Schmied
Jetzt haben wir keine Zeit, uns länger aufzuhalten!
St. Peter
Nur einen Augenblick! Seht, die Sache ist die -- aber Ihr werdet am Ende
glauben, daß ich Euch etwas vorlüge!
Der Arzt
Allerdings!
St. Peter
Im Grunde weiß ich selbst nicht recht, ob etwas Wahres dran ist, allein
man sagt es nun einmal. Es heißt auf Erden, ich gäbe so eine Art Torwart
des Himmelreiches ab, und jedenfalls kann ich mich aus der Zeit, da ich
vor dem Kölner Dom stand, recht wohl erinnern, in dieser Hand einen
Schlüssel gehalten zu haben -- den Fisch, den hielt ich stets in dieser
hier -- jetzt aber ist der Schlüssel fort -- man mag sich doch sozusagen
gerne komplett sehen. Mit einem Wort, Herr Schmied, verachtet mich, aber
macht mir einen Schlüssel.
Der Arzt
Das nenne ich mir eine vornehme Bestellung, wie, Schmied?
Der Schmied
Einen Schlüssel zum Himmelreich soll ich verfertigen? Das ist doch ein
bißchen viel von einem Schmied begehrt.
St. Peter
Das ist allerdings nicht zu leugnen. So aber stehen nun einmal die
Dinge. Und soll nicht einer dem andern helfen?
Der Schmied
Und wenn ich's nun tue? Was bekomme ich dann?
St. Peter
Bekommen? Alles!
Der Schmied
Wie freigebig! Was ist das: alles?
St. Peter
Vergebung der Sünden!
Der Schmied
Ich habe nie gesündigt!
St. Peter
Unverschämt!
Der Schmied
Gewiß nicht! Ich hatte niemals andere Götter, habe nie am Sabbat
gearbeitet, nie gestohlen, nie gelogen (mit geringen Ausnahmen
natürlich), habe nie gemordet, bin nie unehrerbietig gewesen gegen meine
Eltern, nie liederlich, (ja, ein wenig getrunken hab' ich hie und da) --
-- -- -- mit einem Wort, ich war immer ein ganz honetter Mensch. Um aber
doch noch ein übriges zu tun, sollst du deinen Schlüssel haben! Wo hast
du das Schloß?
St. Peter
Das Schloß?
Der Schmied
Ja freilich. Muß doch Maß nehmen!
St. Peter
Das Schloß ist selbstverständlich an der Pforte.
Der Schmied
So hast du etwa die Pforte mit?
St. Peter (sinnt nach)
Die Pforte wird sich wohl am Himmelreich befinden.
Der Arzt
Und das Himmelreich? Wo hast du das?
St. Peter (spitz)
Das wissen allein die Armen im Geiste, Herr Doktor!
Der Arzt
Wahrhaftig, du siehst so geistesarm aus, daß du es wissen müßtest.
St. Peter
Nun ja, jetzt, in meinem hohen Alter. Aber ich hatte auch eine Zeit
. . .
Der Arzt
Das ist hübsch lange her! -- Willst du uns den Weg weisen, so schließen
wir uns dir an.
St. Peter
Der Weg ist schmal, aber die Pforte weit . . . . .
Der Arzt
Nein, du! Richtig zitieren ist nicht deine Sache!
(Zum Schmied)
Der Alte, glaub ich', ist schon dekrepit!
Die Sprache ist so simpel, riecht nach Schimmel,
Auch läßt ihn das Gedächtnis oft im Stich.
Kaum weiß er recht mehr über sich Bescheid.
Sieht bald in sich -- sich selbst, bald einen Schatten,
Vermischt Geschichte, Bibel, Sagen,
Er lebt um tausend Jahr zu lange,
Und morsch sind der Erinnrung Speicher worden.
Der Schmied
Schwätz jetzt du nicht, Doktor, und machen wir uns auf den Weg.
Der Arzt
Sollen wir den Alten wirklich mitnehmen?
Der Schmied
Es wird sicherlich manchen Spaß geben, ihn ein wenig zu hänseln, und
findet er das Himmelreich nicht, was liegt dran? Vielleicht bringen wir
ihn auf vernünftigere Gedanken.
Der Arzt
Ich glaube nicht, daß dieser Pharao-Mumie überhaupt Gedanken
beizubringen sind. Allein seine Unerfahrenheit, sein Dünkel und seine
Unsauberkeit werden die Annehmlichkeit der Reise erhöhen, denn ich habe
mich in schlechter Gesellschaft noch immer wohl befunden.
Der Schmied (zu St. Peter)
Bist du nun bereit, Apostel?
St. Peter
Wie beliebt?
Der Schmied
Da haben wir's! Taub ist er ja auch!
Der Arzt
Zum letzten Male, Schmied, bist du gerüstet,
Die Fahrt ins Leben zu beginnen?
Mach deine Rechnung mit dem Alten
Und wende dich nicht rückwärts, wenn einmal
Die Hand du an den Pflug gesetzt.
(Er bläst in ein Pfeifchen, die Dekoration verwandelt sich. Ein Vorhang
wird vor die Öffnung zwischen Kammer und Schmiede herabgelassen, so daß
die Verwandlung dahinter vor sich gehen kann, der Ofen tritt in die Wand
zurück usw.)
Der Schmied
Was ist das? Hebt die Erde sich
Aus ihren Angeln? Weh! Der Boden zittert.
Nach beiden Seiten weicht die Wand!
Ich glaubt, es birst die Decke!!
Oh, meine Kinder!
Der Arzt
Du weißt, hier sind sie doch nicht mehr!
Und wenn du je sie wiedersiehst,
So ist es sicher nicht mehr hier.
Doch trage die Erinnerung an sie mit,
Als Kompaß in des Meeres Sturm,
Als trockne Blum, im Taschenbuche,
Die das Gedächtnis weckt des Besten,
Des Lieblichsten, das uns das Leben beut,
Vielleicht des einzig Guten,
Das Wirklichkeit besitzt.
Der Schmied
(der die Bettchen der Kinder suchen gegangen war, stellt sich wieder an
des Doktors Seite)
Wer bist du, Zauberer? Verkehrst du mir den Blick?
Der Arzt.
Ich bin ein Meister der Magie,
Doch ist die Hexerei natürlich.
Das hier ist bloße Szenerie,
Wenn auch Mechanik, wie gebührlich,
Man aus dem Grunde muß verstehen,
Sonst heißt's Verwandlung, mag sie vor sich gehen. --
Verwandlung
(Die Szene stellt einen Wald mit einem mit Wasserblumen bewachsenen See
vor.)
Narzissus
(lehnt an einem Baumstamm und betrachtet sein Bild im Wasser).
Tersites
(äußerst häßlich, groß und feist, mit schmaler Stirn, verglasten Augen
und aufgedunsenen Wangen, sitzt in einem Kahn und wirft Steine ins
Wasser, um das Bild des Narzissus zu trüben).
St. Peter
(späht anfangs nach allen Seiten umher, zieht dann seine Brille aus der
Tasche, entdeckt eine Angelrute und setzt sich an das Ufer des Sees, um
zu angeln).
Dritte Szene
Narzissus. St. Peter. Der Arzt. Der Schmied.
Der Schmied
Den Reiseanfang lob' ich mir! Im Wald ein Abenteuer!
Just das ist mein Geschmack.
Man hat doch etwas zu erzählen,
Kommt man mit heiler Haut nach Haus.
Doch wer ist jener schöne Jüngling dort,
Der so versunken steht in Träumen?
Der Arzt
Das ist Narzissus!
Der Schmied
Narzissus! Ach! Der Narr der Eigenliebe,
Der nimmermüd sein eigen Bild bewundert?
Der Arzt
So sagt die häßliche Canaille auch,
Die dort im Hinterteil des Bootes
Kot in das klare Wasser wirft!
Sieh nur die kolossale Fleischbank,
Tersites nennt sie sich.
Soll auch dabei gewesen sein im Trojerkriege,
Wo er von allen Helden aus dem Trosse
Der Größte war dem Maul nach und dem Suff.
Und obendrein der häßlichste von allen.
Er hält sich Wunder was für einen Sänger,
Und läßt sich gerne auf den Brettern sehn.
Von seiner Schönheit ist er überzeugt,
Und doch voll Neid Narzissus gegenüber.
Darum auch trübt er des Narzissus Bild
Mit Schmutz, den er aus seinen Nägeln kratzt.
Paß auf, wie bei der kleinsten Schmeichelei
Er schnell bereit vor uns sich produziert --
Tersites, Bester, sing uns etwas vor!
Tersites
(erhebt sich und macht eine Verbeugung)
Mit allerhöchster Freude!
Ich bin nicht diffizil wie andre! Hm!
Und was Natur an mich verschwendet,
Ich geb's zurück mit vollen Händen.
Sänger!
(Sechs Frösche steigen aus dem Wasser auf und deklamieren unter Tersites
Anführung.)
Die Frösche
-- \_/ \_/ -- \_/ \_/ --
Koak koak-koak koak koak-koak koak
\_/ -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ -- \_/
Koak koak koak-koak koak koak-koak koak-koak[1]
^(Bis)^
Tersites (singt)
Ich bin ein kleiner Vogel,
Der singt den Sommer lang,
Und lernt' ich auch nicht singen,
Ist doch recht schön mein Sang!
(Räuspert sich)
Die Frösche (applaudieren)
Tersites (singt)
Ich bin ein kleines Blümlein
Und dufte rein im Tann',
Und lernt' ich auch nicht duften,
So duft' ich, wie ich kann.
(Räuspert sich)
Die Frösche (applaudieren)
Tersites (singt)
Ich bin ein kleiner Falter,
Zu schäkern flieg ich aus,
Und lernt' ich auch nicht fliegen,
Ich flieg, trotz einem -- Strauß.
(Er tanzt)
[Fußnote 1: -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ -- | \_/ -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ -- \_/]
Die Frösche
(applaudieren und rezitieren hierauf wie s. 30)
Koak koak-koak koak usw.
Der Arzt
Du singest wie Narzissus selbst!
Und hätte Midas nicht schon ganz verpfuscht das Genre,
So könntest du dich messen mit Apoll!
Tersites
Ihr seid zu gütig, Doktor,
Und daß ich's nur gesteh', ich dachte selbst daran,
Doch hielt die angeborne Schüchternheit
Mich stets davon zurück.
Der Arzt
Hast du Narzissus nie zum Wettkampf aufgefordert?
Das wär, doch immer ein Triumph, ob auch nicht groß.
Tersites
Der dünkelhafte Narr!
Vierte Szene
Die Vorigen. (Eine Oreade der Felsen des Waldes tritt hervor. Um sie
scharen sich Dryaden, welche sich hinter Baumstämmen verborgen gehalten,
sowie aus dem Wasser tauchende Najaden.)
Die Oreade
Halt ein! Tersites! Hör', bevor du redest
Von Dingen, die dir unbegreiflich sind.
Du liest die Sagen wie ein Kind
Und findest alles einfach.
Doch der Gedanke, der dahinter steckt,
Bleibt deinem trüben Blick verdeckt.
So klingt die wahre Sage von Narzissus:
(Rezitiert oder singt)
So erzählt die Sage von Pan, \_/ \_/ -- \_/ -- \_/ \_/ --
Dem Gotte des rauschenden Wald's, \_/ -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ --
Einer Nymphe stellt er einst nach, \_/ \_/ -- \_/ -- \_/ \_/ --
Die Echo mit Namen genannt. \_/ -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ --
Nicht geneigt war Echo dem Pan, \_/ \_/ -- \_/ -- \_/ \_/ --
Ihr Herz einem andern gehört; \_/ -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ --
Doch Narzissus, den sie erwählt, \_/ \_/ -- \_/ -- \_/ \_/ --
Statt Liebe die Weisheit erkor. \_/ -- \_/ \_/ -- \_/ \_/ --
Gnothi Seauthon! \_/ -- \_/ \_/ --
Die Nymphen
Das da heißt! Erkenne dich selbst! \_/ \_/ -- | \_/ -- \_/ \_/ --
Die Oreade
In Gedanken sieh ihn dort stehn:
Er schaut in der Tiefe sein Bild,
Seines Wesens Grund zu erspähn,
Das hinter den Zügen sich birgt.
Doch im Wasser rudert ein Narr,
Im See nur den Spiegel er sieht,
Und er wähnt, der Denker begafft
Sich dort, wo ins Tiefste er blickt.
Gnothi Seauthon!
Die Nymphen
Das da heißt: Erkenne dich selbst!
Tersites
Gnothi Seauthon![2] Ach! Der Narr,
Damit soll ich vielleicht gemeint sein!
Doch zeigen will ich euch, daß auch der Narr,
Wenn's sein muß, in die Tiefe blickt,
Obgleich ich, grad' heraus, dort nichts gewahrt als Schlamm.
(Er lehnt sich über den Bootsrand)
Die Oreade
Das glaub' ich gern, Tersites,
Doch ist's, weil du allein die Oberfläche siehst.
Tersites (auf der Bootskante)
Den Himmel seh' ich jetzt sich unten spiegeln!
Die Oreade
Ja, auf der Oberfläche; tiefer blick, Tersites!
Tersites
(Das Boot schlägt um, und er versinkt)
Ich sinke! Weh! Kein Boden unter mir!
Die Oreade
Das war zu tief für dich!
Und also heißt es jetzo Wasser schlucken.
Die Nymphen
Gnothi Seauthon!
Das da heißt: Erkenne dich selbst!
(Tersites sinkt in die Tiefe. Die Frösche hüpfen ihm nach. Die Nymphen
verschwinden in das Dickicht, Narzissus zieht sich in die Höhlung des
Baumes zurück. Der See bedeckt sich mit einer Grasmatte, und St. Peter,
der ohne auf die sich abspielende Szene zu achten, während der ganzen
Zeit erfolglos mit Angeln beschäftigt gewesen, wird schließlich gewahr,
daß etwas Ungewöhnliches vorgeht.)
[Fußnote 2: Für den Schauspieler: Tersites skandiert falsch, in Jamben.]
Der Arzt
Nun Schmied, was dünkt dich von dem Abenteuer?
Der Schmied
Gewiß, recht nett und auch sehr instruktiv --
Etwas zu tief wohl auch für mich --
Philosophie ist just nicht meine Stärke.
Der Arzt
Nein, nein, das geb, ich zu! denn leben erst
Und sehn, hören und sodann summieren,
Den Abzug machen, Wurzel, Mittel suchen,
So spinnt sich ja der Hergang ab.
Nicht eher lernst du dich erkennen,
Als bis im kleinen Finger du das Leben hast,
Also zurück zu Fuß auf neuen Wegen.
Wie steht's mit unserm Freund Apostel?
Sind seine Rappen schon bereit?
St. Peter
(der die Angelrute auf die Wiese ausgeworfen)
Ich glaube, meiner Seel', der See ist alle!
Der Arzt
Du fischest auf dem Trocknen, alter Fischer,
Komm mit und fische Menschen, Petrus.
St. Peter
Das Wort hab' ich einmal gehört
Vor vielen, vielen Jahren schon -- -- --
Wie mir das Alter das Gedächtnis trübt --
Und dennoch wie durch ein Gewölk
Seh' einen Mann ich licht und mild,
Mit Malen an der Brust, den Händen --
In Büchern las er niemals, sondern wanderte
In Waldeseinsamkeit und auch auf Bergen,
In Dörfern, Städten . . . Da, nun reißt der Faden ab --
Doch immerhin! . . . Kommt, laß uns Menschen fischen, Doktor!
(Er wirft die Angelrute weg; sie gehen.)
Zweiter Akt
(Der Hof eines Gasthauses. Zur Linken und Rechten von Baulichkeiten
eingeschlossen, im Hintergrunde von einer Mauer mit großem Einfahrtstore
begrenzt. Im Trakte rechts die Schenke, links Kuh- und Pferdeställe,
Wagenschuppen und dergleichen. In der Mitte des Hofes ein Brunnen. Vor
der Schenke ein paar längliche Holztische mit Bänken.)
Erste Szene
Der Schmied und Der Arzt (sitzen am Tische, vor sich ein Schreibzeug und
das Fremdenbuch).
Der Schmied (schreibt)
Hier denn mein Name, Stand, etcetera,
Nun ist's an dir zu schreiben!
Der Arzt
Schreib' du für mich, das ist ja alles eins.
Der Schmied
Wie heißest du?
Der Arzt
Anonymus.
Der Schmied
Ein sonderbarer Name das! Dein Stand?
Der Arzt
Mein _Stand_? Da könnt ich manchen nennen! --
Sag': Doktor!
Der Schmied
Von Wannen?
Der Arzt
Vom Mutterleibe!
Der Schmied
Dein Reiseziel?
Der Arzt
Das Grab!
Der Schmied
Stets mystisch!
Wer bist du, wunderlicher Mann, der mein Geschick
In deine Hand du nahmst? -- Was willst du mir?
Der Arzt
Das sollst du wissen, wenn du fertig bist!
Der Schmied
Wann bin ich fertig denn?
Der Arzt
Wenn du, wie ich,
Dich selbst erkennen lerntest!
Der Schmied
Mich selbst?
Was ist dies selbst, das du beständig predigst?
Der Arzt
Das ist der feste Punkt, den Archimedes suchte,
Von da er sich vermaß, das Weltall zu bewegen.
Das ist dein Ich, das nie ein andres ist,
Dein Mittelpunkt in deinem Horizont.
Der Schmied
Wer bin ich denn?
Der Arzt
Ein Bursche vorderhand
Von vierzig Jahr, versetzt mit Erz und Schlacke,
Empfindlich wie ein Kind und gleich gestimmt zu Lust und Leid!
Gewiß, noch locken dich des Lebens schlichte Freuden:
Ein voller Tisch, ein schäumend Glas,
Ein Tanz mit Dirnen in dem Grünen . . . .
Die Wirtin
(mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern)
Der Wein ist für die Herren, nicht? (Geht ab.)
Der Arzt (schenkt dem Schmied ein)
Das nicht, doch einerlei! -- Trink, Schmied!
Der Schmied
Und Ihr?
Der Arzt
Ich trinke nicht!
Der Schmied
Wohl aus Prinzip?
Der Arzt
Beileibe nicht! Ich trank so viel in meiner Jugend,
Daß nichts mehr mich berauschen kann!
Der Schmied
Na, dann trink ich!
Der Arzt
Ich aber geh',
Denn wer nicht mittrinkt, wird leicht lästig.
Sorg' nun für dich, dort kommen Leut!
Gesellschaft hast du nun beim Kruge,
Zum mindesten, solang er voll;
Doch wenn du in die Klemme kommst,
Und nach dem Doktor dich's verlangt,
So rufe nur; ich steh' dir bei! --
(Entfernt sich durch das große Tor).
Zweite Szene
Der Schmied allein. Dann Die Liebhaberin.
Der Schmied
Philosophie, bah! Horizont und Archimedes,
Was kümmert's mich, mag sich die Erde drehen,
Mag sie auf Vieren kriechen!
Die Liebhaberin
Zu Hilfe! Helft mir, edler Herr!
Der Schmied
Was stieß' Euch zu, mein schönes Fräulein?
Die Liebhaberin
Ich bin ein hilflos elend Weib,
Geplündert wurd' ich eben auf der Straße.
Der Schmied
Von wem? -- Wer war es? Sprecht ein Wort,
Und stracks den Arm zu Eurem Schutze,
Wie's Ehrenmännern ansteht, will ich heben.
Ward Eure Tugend, Eure Sittsamkeit verunehrt,
Laß ich die ganze Räuberbande hängen!
Doch sprecht nur, sagt: Wer seid Ihr?
Und wo geschah's? Wer ist der freche Täter?
Die Liebhaberin
Seid Ihr der Edelmann, der Ihr mir scheinet,
So fragt mich nicht um meinen Namen.
Der Schmied
Ich fragte nicht, ich stellte bloß in Frage . . .
Die Liebhaberin
In Frage stellet, was Ihr wollt,
Nur glaubt an meine Ehrlichkeit
Und Tugend, an die Schmach, die ich erlitten . . .
Der Schmied
Ich glaub' daran, wie nur an Eure Schönheit,
Die ich mit meinen offnen Augen sehe,
Wie nie zuvor dergleichen ich erschaut! --
Die Liebhaberin
Ich wußt' es ja: Ihr seid ein edler Mann . . .
Nun denn! mein Vater wollte mich zur Ehe zwingen!
Der Schmied
Ha! Nun versteh' ich alles! -- Ihr;
Ihr liebtet einen andern!
Die Liebhaberin
Nein! -- Doch ist das mein Geheimnis.
Ich bitt' Euch, fragt nicht mehr! Erlaubet nur,
Daß ich mich Eure Schwester nenne
Und unter diesem Namen suche Schutz und Schirm.
Der Schmied
Als Schwester? Herzlich gerne, edles Fräulein,
Wenn Eure Schönheit, Eure edle Art
Nicht allzu tief mich stellt in Schatten
Und dies nicht allzu unwahrscheinlich macht.
Die Liebhaberin
Sprecht nicht von Schönheit, von der meinen gar,
Das Schöne ist nur Schein!
Der Schmied
Ein strahlend heller Schein, der wärmt und leuchtet.
Die Liebhaberin
Ein Irrwisch nur auf Wiesensumpf.
Der Schmied
Das ist nicht wahr, kann nimmermehr so sein!
Allein der Güte Widerschein ist Schönheit,
Wenn sie mit solchen Augen redet --
Kein böses Wort von Euren Lippen
Kann ich mir denken! Diese klare Stirn,
Die furchen Zornesfalten nimmer,
Und diese kleine Hand erhebt sich wohl
Zum Handschlag nur und zur Versöhnung --
O wollt Ihr folgen mir, doch nicht als Schwester!
Die Liebhaberin
Wie mancher freite mich und hat sich's überlegt!
Du kennst mich nicht, du weißt es nicht,
Wie elend und bedrückt ich bin!
Der Schmied
Noch besser! -- Gleich und gleich gesellt sich gern!
Die Liebhaberin
Wie krank . . .
Der Schmied
So will ich warten dein!
Die Liebhaberin
Wie böse!
Der Schmied
Nur Kraft verrät es! Eine Tugend mehr!
Die Liebhaberin
Wenn ich dich schlag' und schelte!
Der Schmied
Vertreibt's mir nur die üble Laune!
Die Liebhaberin
Das deutet wirklich schon auf echte Liebe!
Sag', kannst du, Mann, ein Weib denn lieben?
Trotz all, und jedem -- Nein, rühre mich nicht an!
Sagt, wirst du, wenn verschwunden meine Schönheit
Durch Alter, Krankheit, Gram,
Mich lieben wie zuvor?
Der Schmied
Seit ich ins Auge dir geschaut,
Kann ich dich nimmer, nimmermehr vergessen!
Und auf des Alters Schreckbild würde sich
Erinnerung wie eine Maske legen,
Ob Pest auch ihre schwarzen Zeichen ließe,
Ob Feuer deine weißen Wangen sengte
Und deine Augen aus den Höhlen träten,
Ich säh' es nicht!
Dein schönes Bild in meinem Herzen blieb,
Das seh ich überall, das hab' ich lieb!
Die Liebhaberin
Aussätzig bin ich, nun besteh' die Probe!
(Sie lüftet ihre Maske und läßt ihr vom Aussatz verwüstetes Antlitz
sehen)
Der Schmied
(anfangs etwas verzagt, faßt sich allmählich)
Ich traure, wie im schneeigen Winter
Man trauert um des Sommers Blumen;
Gram ist der Liebe Schnee,
Und unterm Schnee, da treiben Rosen!
Wie früher lieb' ich dich,
Nein, wärmer noch!
Ich lieb' in dir Erinnerung
An das, was ich geliebt! Mein Lieb,
Zum Unterpfand der Liebe küsse mich.
Die Liebhaberin
Rühr' mich nicht an! Ich trag' den Tod
Auf meinen Lippen!
Der Schmied
So laß uns beide sterben,
Und nichts mehr kann uns fürder trennen!
Nicht Zank, nicht Zwist, des Lebens Kümmernisse,
Nicht Neid, Verleumdung nicht, wir sterben selig
Der Jugend wunderschönen Tod!
Die Liebhaberin
O Gott, nie hätt' ich solche Lieb! erträumt!
Der Schmied
Sieh, darum sollst du nicht an Träume glauben!
Dritte Szene
Die Vorigen. St. Peter
(St. Peter, der während dieser ganzen Szene sich ab und zu im
Hintergrunde gezeigt und dem Gespräche gelauscht hat, tritt hervor).
St. Peter
Jetzt aber glaub' ich, daß wir das Himmelreich gefunden haben. Solche
Liebe ist sicherlich nur bei Engeln daheim.
Der Schmied
Sieh da, alter Petrus, bist du's? -- Sag, willst du uns zum Altar
führen?
St. Peter
O ja, sehr gern, wenn ich nur dürfte!
Der Schmied
Was sollte denn im Wege stehen?
St. Peter
Ich weiß, siehst du, nicht, ob ich ordiniert bin, und übrigens glaube
ich, daß man abgesetzt werden kann, wenn man eine -- Aussätzige traut.
Der Schmied
Du bist feig, Petrus!
St. Peter
Wenn man das so nennen will, sich an die Gesetze und Verordnungen zu
halten.
Vierte Szene
Die Vorigen. Don Quixote (kommt zu Pferde durch das große Tor
hereingeritten. Er ist mit der traditionellen Rüstung bekleidet, doch
stark beleibt).
Die Liebhaberin
Komm fort von hier, Geliebter, ehe mehr Leute kommen! -- Ach, da ist ja
dieser abscheuliche Don Quixote. (Sie zieht den Schleier vors Gesicht)
Don Quixote
Guten Tag, liebe Leutchen!
Der Schmied
Wen sucht Ihr, mit Verlaub?
Don Quixote
Ich bin der Ritter Don Quixote de la Mancha, und von Romeo und Julia zu
ihrer silbernen Hochzeit im Gasthause: »Zum goldenen Roß« eingeladen.
Bin ich etwa fehlgegangen?
Der Schmied
Das Gasthaus ist allerdings das genannte, ob aber Romeo und Julia hier
ihre silberne Hochzeit feiern sollen, darüber kann ich keine Auskunft
geben, um so weniger, als ich in den Geschichtenbüchern nirgends eine
Andeutung gefunden habe, daß die beiden jungen Leutchen sich bekamen.
Don Quixote (sitzt ab)
In den Geschichtenbüchern! Sprecht mir nur von diesen nicht! Was haben
sie nicht alles über mich zusammengelogen! -- Komm her, Sancho Pansa! --
Fünfte Szene
Die Vorigen. Sancho Pansa (mager wie ein Jockey, faßt Don Quixotes Pferd
am Zügel, um es in den Stall zu führen).
Sancho
Zu Befehl, gestrenger Ritter!
Don Quixote
Führ' meinen Vollbluter in den Stall und gib ihm Hafer!
Der Schmied
Mir scheint, so mager Sancho Pansa geworden, so fett ist jetzt
Rosinante.
Don Quixote
Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen. Selbst ich habe vom Leben
gelernt, meine Vernunft zu Rate gezogen und mich zum klugen Mann
entwickelt! O, ich bin jetzt verteufelt klug.
Der Schmied
Sollten Sie, Herr Ritter, sich sozusagen auch einer bestimmten Laufbahn
zugewendet haben und in die engen Verhältnisse des bürgerlichen Lebens
eingetreten sein?
Don Quixote
Ich züchte Traber und besuche Pferdemärkte. -- Darf ich Sie mit einer
Adresse versehen?
(Reicht St. Peter einen Prospekt, der ihm dagegen ein Traktätchen
einhändigt)
St. Peter
Vielen Dank, Ritter, aber meine Pferde brauchen nie gewechselt zu
werden.
Don Quixote
Was sind das für Pferde?
St. Peter
Apostelpferde!
Don Quixote
Haha, alter Spaßvogel! Läßt sich mit diesen Rappen gut auf und davon
reiten?
St. Peter
Jedenfalls vor Windmühlenflügeln.
Don Quixote
Pfui, schämt Euch!
Sechste Szene
Die Vorigen. (Der Hochzeitszug aus dem Brunnen hervor. Zuerst
Musikanten. Hierauf Montecchi und Capulet, Arm in Arm, sodann die
Brautführer und Brautführerinnen, nämlich Hamlet und Ophelia; Othello
und Desdemona; Ritter Blaubart und seine Gattin Lady Macbeth; endlich
Romeo und Julia, schon recht alt, mit fünf, teils erwachsenen, teils
halbwüchsigen Kindern.) Volk. Der Wirt (auf der Vortreppe stehend,
empfängt den Hochzeitszug).
Don Quixote
In meiner Eigenschaft als Festordner bei dieser silbernen Hochzeit,
heiße ich die Gäste im Namen des Brautpaares willkommen. Euch, alter
Montecchi, und Euch, Capulet, es freut mich, Euch nach so vieljähriger
Feindschaft, deren Haltbarkeit sich nur mit der Festigkeit Eurer
jetzigen Freundschaft vergleichen läßt, Arm in Arm zu sehen; wenngleich
nicht verschwiegen werden kann, daß die Freundschaft der beiden alten
Seidenfirmen Montecchi & Capulet in Verona eigentlich von dem Mailänder
dreiprozentigen Anlehen datiert.
Es ist mir ferner eine teure Pflicht, die Anwesenheit des Brautpaares,
des Herrn Romeo, Chef des Hauses Romeo & Söhne, und seiner vielgeliebten
Gattin Julia zu konstatieren. Ich möchte dieses Wiedersehen gewiß zu
keinem schmerzlichen gestalten, noch einen Mißton in ein so angenehmes
Familienfest bringen, kann aber gleichwohl, wenn ich die beiden
taubstummen Kinder besagter Gatten sehe, eine Bemerkung nicht
unterdrücken. Gestatten Sie mir denn nur zu sagen, diese Ehe wäre besser
unterblieben, und als Moral hinzuzufügen: so geht es, wenn ungehorsame
Kinder ihren Willen durchsetzen.
(Gemurmel des Unwillens)
Was das Brautgefolge betrifft, so ist es mir vor allem ein Vergnügen,
darauf hinweisen zu können, daß Ritter Blaubart über seine verderblichen
Instinkte triumphiert und sich in einer relativ glücklichen Ehe mit Lady
Macbeth, welche ihn durch eine sehr anerkennenswerte Arbeit über die
Abschaffung der Todesstrafe auf bessere Gedanken brachte, absolut
monogam entwickelt hat. Ich heiße euch willkommen.
(Murren)
Mit der gleichen Befriedigung sehe ich meinen alten Freund Othello von
Venedig wieder. Er hat sich nach überstandenen Stürmen, trotz des ihm
gewordenen vollen Beweises, daß seine Gattin Desdemona ihn nicht nur
wirklich betrogen, sondern ihre Gunst sogar zwischen dem Unteroffizier
Jago und einem gewissen Leutnant Cassio geteilt habe, wieder mit ihr
ausgesöhnt und führt jetzt eine recht unglückliche Ehe mit der
eifersüchtigen Desdemona, die in ewiger Angst schwebt, der Mohr möchte
Revanche nehmen! Ich gratuliere euch; insonderheit Othello!
(Murren)
Zum Schlusse habe ich noch dem Prinzen Hamlet und dem Fräulein Ophelia
Polonius zum Ringwechsel zu gratulieren. Wie es diesen beiden Schwärmern
ergehen dürfte, ist schwer vorherzusagen, doch glaube ich, daß sie viel
zu hoch begonnen haben, um nicht tiefer als gewöhnlich zu enden.
Jedenfalls viel Glück!
Und nun zum Feste! Daß es dabei in solch einer Gesellschaft nicht
sonderlich lustig hergehen kann, versteht sich von selbst, und ich
möchte demnach die Teilnehmer davor warnen, sich irgendwelchen
Illusionen hinzugeben. Vor allem: keine Illusionen! Um auch mich selbst
vor den allerunliebsamsten, vor unbezahlten Rechnungen nämlich, zu
salvieren, ersuche ich in meiner Eigenschaft als Festordner, die Abgabe
beim Eingange zu entrichten. Hamlet als Künstler ist natürlich nicht bei
Kasse, allein er ist ein schwacher Esser, und Romeo hält ihn frei. --
Begebt euch nun hinein, aber, bitte, bezahlt! Bezahlt!
Montecchi (zu Capulet)
Ich glaube, Bruder, der Mensch ist jetzt total verrückt!
Don Quixote
Ja, sagt das nur! Als er an Windmühlen, Schankmädchen, Stechbecken,
unbezahlte Rechnungen und Schindmähren glaubte, da war er verrückt; und
wenn er jetzt nicht mehr an Schankmädchen, unbezahlte Rechnungen,
Stechbecken und Windmühlen glaubt, ist er gleichfalls verrückt! Geht,
Gesindel! Stopft euch mit Essen und Trinken an, redet von Liebe, aber
nennt sie nicht Brunst, besingt Dulzinea, aber hütet euch zu sagen, daß
sie eine Schenkmamsell gewesen; feiert den Ritter Blaubart, aber laßt
kein Wort von seinen polygamen Instinkten verlauten; preist Romeo, laßt
aber ja nicht merken, daß ihr von seiner ersten Verlobung wißt,
verhimmelt Desdemona, ohne je die leiseste Andeutung fallen zu lassen,
daß sie eine kokette Dirne gewesen! Geht, Gesindel! Lügt euch einander
so voll, so voll, daß ihr um die Ecke schleichen müßt, zu schauen, wie
ihr innen beschaffen seid!
(Die Hochzeitsgäste begeben sich ins Innere des Gasthauses.)
Siebente Szene
St. Peter. Don Quixote. Der Schmied. Die Liebhaberin. Sancho.
St. Peter
Verzeiht, Ritter, aber Ihr scheint mir ein Mann zu sein, dem das Beste
abhanden gekommen.
Don Quixote
Wieso? Was sollte mir abhanden gekommen sein?
St. Peter
Das Ideal, Ritter!
Don Quixote
Das Ideal! In welchem Kapitel und welchem Vers der Heiligen Schrift
kommt das Wort Ideal denn eigentlich vor?
St. Peter (sinnt nach)
Don Quixote
Spekuliert bis zum Anbruch des Jüngsten Tages, Ihr kriegt es doch nicht
heraus, denn es steht einfach nicht drin. Meint Ihr vielleicht die
Illusionen? Was die sind, weiß ich!
St. Peter
Nun, was sind sie?
Don Quixote
Windmühlen, Schankmädchen, Stechbecken -- --
St. Peter
Wartet ein wenig! -- Seht Euch diesen Mann hier an!
Don Quixote
Nun! Er sieht in diesem Augenblicke dümmer aus als selbst Othello, der
sich von Desdemona hintergehen ließ. Wer ist dieses Frauenzimmer da?
St. Peter
Seine Braut!
Don Quixote
Schön! Weshalb heiraten sie sich nicht?
St. Peter
Wird schon kommen! Wird schon kommen! Seht, sie ist krank, mit Aussatz
behaftet, aber er liebt sie dennoch.
Don Quixote
Da ist er ja verrückt, der Mensch. Schickt ihn aufs Beobachtungszimmer
und sie ins Spital.
St. Peter
Nein, Ritter! Seht, dies ist die Liebe!
Don Quixote
Verschiedene Namen für das gleiche Ding. Muß mir das Weibsbild doch mal
ansehn! (Reißt ihr den Schleier weg) Ha! (Zum Schmied) Und die willst du
heiraten?
Der Schmied
So wahr ich lebe und sie mich würdigt, mir ihre Hand zu reichen.
Don Quixote
Das mußt du nochmals sagen.
Der Schmied
Auf Ehre und Gewissen!
Don Quixote
Daß sie aussätzig ist, das siehst du selbst. Daß sie aber eine
liederliche Dirne ist, die im Spinnhause saß, das sollst du nun von mir
erfahren.
Der Schmied
Das lügst du!
Don Quixote
Komm ins Freie und fechten wir's aus!
Die Liebhaberin
Opfert nicht euer Leben für ein Wesen wie mich. Vergreift euch nicht
aneinander!
Der Schmied
Ist es wahr, was der Mann da sagt? Ist das wahr?
Die Liebhaberin
Es ist wahr!
Der Schmied
O, Herr, steh mir bei! Du logst also, als du dich unbemakelt nanntest?
Die Liebhaberin
Ich log!
Don Quixote
Eine aussätzige, lügnerische Dirne. -- Was Gott zusammengefügt, das soll
der Mensch nicht trennen!
Der Schmied
So lüg' doch nochmals, Weib! Lüg' in des Himmels Namen noch einmal: sag'
daß jetzt du logst!
Die Liebhaberin
Ich vermag nicht mehr zu lügen, seit ich mich von der Unendlichkeit
deiner Liebe überzeugte.
Der Schmied
Ich glaube dir -- und folge dir!
Mit einem Herzen wund und weh,
Gleich deinen Zügen, jüngst so hold!
Ob du nun siech, ich bin es auch,
Vergingst du dich, so fehlte ich.
Dein Joch ich trage, fluch ihm nicht,
Nein, segne es, denn Liebesschmerz
Er überdauert Liebeslust,
Und ich, ich will dich lieben ewiglich!
St. Peter
Was sagt Ihr nun, Herr Ritter?
Don Quixote
's ist zum Teufel holen.
St. Peter
Das ist die wahre Liebe.
Don Quixote
Es ist zum Teufel holen!
St. Peter
Habt Ihr je so etwas gesehen?
Don Quixote
Es ist rein zum Teufel holen!
St. Peter
Na, aber so flucht doch nicht!
Don Quixote
Sancho, führ' mir mein Roß vor.
Sancho (kommt mit dem Roß)
Herr Ritter!
Don Quixote
Hast du den Hafer bezahlt?
Sancho
Alles in Ordnung, Ritter!
Don Quixote
Wieviel hast du dabei gestohlen? Mach dir nur keine Illusionen darüber,
mich betrügen zu können!
Sancho
Was wäre das Leben ohne Illusionen, Herr!
Don Quixote
Was soll das nun heißen! Hast du deinen praktischen Blick verloren, du,
der sich früher so geschickt aus den vielen Verdrießlichkeiten zu retten
wußte, während ich in der Patsche stecken blieb?
Sancho
Da Ihr mir auf unseren bekannten Irrfahrten so oft die Peitsche gabt,
weil mir die Flügel -- Ihr wisset ja, die Flügel fehlten, bewirkte
dieses Peitschen endlich, daß sie mir wuchsen! So will ich denn auch, so
schmerzlich und unklug es sein mag, die Wahrheit zu sprechen, nicht
verfehlen, Eure Lehren zu beherzigen und -- Illusionen zu nähren.
Don Quixote
Was der Teufel!
Sancho
Ritter! Ich kann nicht leugnen, daß meine niedre Herkunft, mein Stand,
um nicht zu sagen, meine beschränkten Verhältnisse, mich zuweilen in die
peinliche Lage versetzten, unter den Mißlichkeiten des Lebens
empfindlicher zu leiden, als bei der Natur der Dinge eigentlich der Fall
zu sein brauchte.
Don Quixote
Faß dich kürzer!
Sancho
Und -- so -- fand ich es rätlich, gleichsam -- wie sag' ich nur -- das
fehlende Ende anzustücken.
Don Quixote (zieht ihn am Ohr)
Sancho
Ritter, so ausgemacht ist das nicht, daß es nicht auch Euch einmal
passieren kann, ein Pferd satteln zu müssen, vielleicht gar das meine!
Don Quixote
Was sagst du?
Sancho
Und ich damit in die Lage käme, Euch durchzuprügeln: Ja!
Don Quixote
Sancho! Du redest wahr! -- Alles ist möglich, und ich könnte mich durch
eine Verkettung von Umständen -- wenn du, was ja möglich ist, ein
junges, reiches Mädchen in Illusionen zu wiegen vermöchtest -- ist doch
die Macht der Illusion groß -- in die Lage versetzt sehen, dein Pferd
satteln zu müssen. Allein deinen Hafer stehlen, so etwas, siehst du,
würde ich nie und nimmermehr tun!
Sancho
Was, Sie würden nie meinen Hafer stehlen? Welch irrer Traum!
Don Quixote
Ach, ich habe Schlangen an meinem Busen gezüchtet. Sancho, laß uns
Freunde sein!
Sancho
Freunde! Freundschaft! Mir scheint, meiner Seele, Eure alten Illusionen
wandeln Euch wieder an.
Achte Szene
Die Vorigen. Der Brautzug (erscheint im Laufe der Szene). Der Arzt.
Der Arzt
Ei sieh da, meine Reisegefährten! Und Ihr, Ritter Don Quixote de la
Mancha. Ein interessanter, belehrender Umgang! Ihr leistet uns wohl
Gesellschaft?
Don Quixote
Irre ich nicht, so sehe ich Doktor Allwissend vor mir! Ich bin wohl
infolge meiner teuer erkauften Erfahrungen, mit denen ich weder großtun
noch Verstecken spielen kann, hinter gar manche Dinge gekommen, aber
alles weiß ich denn doch nicht, und wenn die Herren mit ihrer Reise
nicht gerade einen bestimmten Zweck verfolgen, so gestatten Sie mir,
mich Ihnen anzuschließen.
Der Arzt
Der Zweck unserer Reise ist, den Schlüssel zum Himmelreich, den St.
Peter irgendwo verloren hat, zu suchen. Finden wir ihn nicht, so wollen
wir uns direkt nach dem Himmel aufmachen!
Don Quixote
Vortrefflich! Wohl habe ich, seitdem ich mich überzeugte, welche Hölle
das Leben ist, alle Illusionen in bezug auf einen Himmel auf Erden
aufgegeben, will aber dennoch mit --
Der Arzt
Herr Ritter! Euer tiefgewurzelter Unmut über das Leben scheint mir daher
zu kommen, daß Euch die Ideale verloren gingen.
Don Quixote
Bums! Da haben wir das Wort wieder! Was ist denn das Ideal? Seht Euch
den Schmied da an. Er hat sein Ideal an einer aussätzigen Spinnhausdirne
gefunden, deren vornehmste Tugend darin besteht, daß sie nicht leugnet,
gelogen zu haben! Ist der Schmied glücklich?
Der Arzt
Wahrscheinlich! Er berauscht sich an seinem Unglück!
Don Quixote
Denkt Euch, wenn er so wirklich glücklich wäre! Denkt Euch, wenn . . .
Aber hört, ich glaube, ich werde in der Tat guttun, mich Euch
anzuschließen, um nach meinen verlorenen Idealen zu fahnden. Etwas Glück
täte mir nur zu not, nachdem ich den ganzen Kehrichthaufen der
Jugendideale sich auf dem Boden umherschleppen gesehen habe. Seht Euch
nur dieses fette Schwein Romeo an, wie er seinen Knaster raucht und der
Braut eines andern die Kur macht. Seht da diesen Blaubart, der sich der
moralischen Liga angeschlossen und Lady Macbeth geehelicht hat, die
ihrerseits Präsidentin des Vereins zur Abschaffung der Todesstrafe ist.
Pfui! Pfui! Pfui! Ich wollte, ich könnte sie alle auf einen Haufen
werfen, Teer darüber spritzen und hernach das Ganze in Brand stecken.
Der Arzt
Ihr Schatten, die ich hier ans Licht beschwor,
Gedanken in ein sichtbar Bild zu kleiden,
Hinab mit euch, dahin, woher ihr kamt!
Erzeugt aus trocknen Brunnens sumpf'ger Luft,
Seid Irrwisch wiederum am alten Ort!
Marsch, alle marsch! Macht fort!
(Der Brautzug kehrt in den Brunnen zurück. Der Arzt schlägt den Deckel
zu, sperrt ihn ab und wirft den Schlüssel weg. Als zuletzt auch die
Liebhaberin hinabsteigt, springt der Schmied auf und will ihr nach, wird
aber von dem Arzte zurückgehalten. Die Liebhaberin winkt dem Schmied ein
Lebewohl zu. Irrlichter erscheinen hierauf oberhalb des Brunnendeckels.)
Der Schmied
Sie ging, und ich, ich darf nicht mit!
Der Arzt
Ihr seht Euch wieder! Stör, nicht meinen Plan!
Der Schmied
Ich armer Mann! Was soll nun aus mir werden?
Der Arzt
Sag, selbst! Ich laß dir freie Wahl!
Was wärst du gern?
Schmied