nur an allmählige Kräftigung, Stärkung des durch so vieles Schwitzen
entkräfteten Körpers und an fortgesetzte Ausleitung der krankhaften
Säfte. Ungeduldig darf so ein Patient nicht werden. Der unsrige hat
bewiesen, was bei Ausdauer und Pünktlichkeit die Anwendung von Wasser
vermag. Als Lohn seiner Treue erhielt er die volle Gesundheit wieder.
Doch das genügt mir nicht, sagt ein barscher Leser. Wenn ich +so ein
Leiden+ bekomme, +was müßte ich tun+? +Ziehe dreimal in der
Woche+, so gebe ich ihm zur Antwort, +den spanischen Mantel+
an. Hindert dich während des Tages dein Beruf, so lege ihn beim
Schlafengehen als Nachthemd um auf 1½-2 Stunden. +Wasche dich
zwei- bis dreimal wöchentlich+, oder wenn du, wie unser Patient,
schlaflose Nächte hast, +zwei- bis dreimal in der Nacht+ vom
Bette aus! Solltest du gerade im Schweiß sein, so wasche dich doppelt
kräftig, aber schnell, gehe gleich wieder, ohne dich abzutrocknen, zu
Bett und decke dich gut zu; habe indessen, wenn möglich, das Bett nicht
in einem ganz kalten Zimmer! Merke dir gut: mit dem +spanischen
Mantel+ mußt du die Anwendungen +beginnen+. Und wenn du seine
wohltätigen Wirkungen erfahren hast, wirst du -- es ist dein eigenster
Vorteil -- schon aus Dankbarkeit es nicht verabsäumen, ihn wöchentlich
wenigstens einmal auf 1½-2 Stunden zu tragen. Auch +eine einmalige
Ganzwaschung in der Woche+ als weitere Zugabe sollte dir den
Wasserappetit nicht verderben. Eine große Zahl von Leuten könnte ich
nennen, die nach Ablegung des Vorurteils, „man könne sich durch solche
Anwendungen nur schaden,“ aus wasserscheuen Individuen ebenso große
Wasserfreunde geworden sind. Wie stemmt sich das Schoßhündchen, und
wie winselt und keucht es, wenn ich’s ins Wasser werfen will! Wie viel
solcher Helden habe ich gesehen! Doch die früher nur „hundelten“ (eine
verpönte Art des Schwimmens), sind allmählich prächtige und gewandte
Schwimmer geworden.
Viel- und Leichtschwitzen.
+Es gibt Naturen, die sehr leicht+ und +viel+ in +Schweiß
kommen+, die bei jeder, selbst der geringsten Anstrengung wie
im Schweiß gebadet und deshalb, abgesehen von der Mattigkeit und
Müdigkeit, den Katarrhen, Erkältungen, Entzündungen usw. recht
ausgesetzt sind.
+Ein Beamter+, der mich eines schönen Tages aufsuchte, klagte
mir, er sei eben nicht gesund, er leide viel an schwerem Atem, und
die Ärzte halten ihn für leber- und nierenleidend. Das größte Unglück
aber bestehe darin, daß er keine Medizin ertragen könne; jeden Löffel
voll müsse er stets wieder herausbrechen. „Das größte Glück, wollen
Sie sagen,“ unterbrach ich den Herrn, dessen Leiden sich durch einen
scharfen, peinlichen Schweißgeruch schon verraten hatte. Und ich
begann als Wahrsager zum Staunen des Beamten: „Sie schwitzen viel beim
Gehen, auch morgens beim Aufstehen.“ „Ja, so ist’s! Woher wissen Sie
das?“ Statt der Antwort gab ich den Rat, er möge sich eine Badewanne
mit kaltem Wasser anfüllen lassen. Wenn er, in Schweiß gebadet,
heimkomme, dann solle er sich rasch ausziehen, bis an die Magengegend
sich in diese Wanne setzen und den Oberkörper schnell und kräftig
abwaschen; das Ganze dürfe höchstens eine Minute dauern. Schnell, ohne
abzutrocknen, solle er seine Kleider wieder anziehen und auf seinem
Zimmer zirka eine Viertelstunde sich Bewegung machen. „Was,“ rief der
Herr Beamte aus, „Ew. Hochwürden treiben bittern Spott mit mir! Gott
bewahre! Da würde mich ja augenblicklich der Schlag treffen! Wie oft
bin ich vor der geringsten Vernässung und Verkältung gewarnt worden,
und Sie heißen mich in eine Badewanne steigen, in kaltes Wasser!“
Ich blieb ruhig, aber ich mußte alle Beredsamkeit aufbieten, dem
Herrn das Unschädliche dieses Verfahrens begreiflich zu machen. Unter
anderem fragte ich ihn. „Wenn Sie so im Schweiße nach Hause kommen,
schwitzend, daß Ihnen das salzige Wasser über Gesicht und Stirne rinnt
und die Finger aneinander kleben, haben Sie Furcht und nehmen Sie den
geringsten Anstand, sofort die Hände und das Gesicht zu waschen?“
„Nein, das tue ich jedesmal.“ „Haben Sie je den geringsten Nachteil
verspürt?“ Der Herr besann sich -- er fürchtete meine Folgerung --,
sagte alsdann aber ein kräftiges: „Nein.“ „Nun gut,“ erwiderte ich,
„lassen Sie diese Wohltat auch einmal dem ganzen schwitzenden Körper
zukommen; versprechen Sie mir, es auch nur einmal zu tun.“ Nach
kurzem Schweigen gab er das Versprechen. Nach 14 Tagen begegnete ich
ihm wieder. „Nun, leben Sie noch? Wie ist’s gegangen?“ „Wie dankbar
bin ich Ihnen, Herr Pfarrer!“ sprach er. „Alle Furcht ist mir nun
benommen. Kann ich’s denn nun öfter so machen? Es tut gar so gut!“ Ja,
es tat gar so gut: alle Armseligkeiten und körperlichen Übelstände
wurden allmählich beseitigt. Der Herr lebt noch; er wird zu 80 Jahren
nicht mehr weit haben. Wären alle, denen ich schon freundschaftlich
geraten, so folgsam gewesen (leider ist oft Spott und Hohnlachen der
Lohn), sie hätten sich selbst viele bittere Stunden und das zu frühe,
schmerzensvolle Ende ihres Lebens erspart, sie lebten vielleicht
heute noch. Die Konservierung eines Gebäudes ist nicht schwer, wenn
man jedes Jahr das Ganze durchmustert und jeden Fehler an Dach-
und Mauerwerk gleich ausbessert. Die täglichen Launen, verkehrten
Stimmungen und Unaufgelegtheiten sind Schäden am Mauerwerk unseres
oft recht armseligen Seins, und wie viele hundert solcher Launen und
Unaufgelegtheiten schleppt der beladene Mensch mit sich jede Woche, wie
viele tausend jeden Monat und jedes Jahr!
Vielfach, ja meistens haben all’ diese Dornen und Brennesseln, oder
wie sie heißen, ihre Wurzel in kleinen Indispositionen, Störungen des
Körpers. Es sind Dachmoose oder Mauerfresser an der gebrechlichen Hütte
deiner Seele, nicht gefährlich, aber lästig; sie rauben vielfach die
Heiterkeit, die Fröhlichkeit, die innere Zufriedenheit. Manche können
dem Körper und Geiste mit der Zeit auch schädlich werden, sie können
einem das Leben verleiden. Die einzige Anwendung, wie sie der Beamte
machte, reicht oft aus, dem Menschen einen neuen Humor, eine andere
Stimmung zu geben. Mancher verhöhnt vielleicht diese Bemerkung. Das ist
mir gleich. Der Hohn benimmt ihr nicht die Wahrheit.
+Noch eine Bemerkung+ schulde ich an dieser Stelle. Wohl +kaum
etwas wird im Leben+, selbst von einsichtsvollen Menschen, +so
sehr gefürchtet+, als wenn sie im +Schweiß+ das +kalte Wasser
anwenden+ sollen. Diese Meinung mag von der Wahrnehmung herrühren,
daß solche, die im Schweiß gebadet plötzlich an die Kälte kommen oder
sich der frischen Luft, besonders der Zugluft aussetzen oder sich gar
vernetzen, sich schon oft gründlich verdorben haben. Das gebe ich alles
gerne zu. Es kommt eben hier wie sonst im Leben nicht allein und nicht
in erster Linie auf das „Was“, sondern auf das „Wie“ an, +wie+
die Leute die Anwendung mit Wasser vornehmen. Meine nach so langer
Erfahrung und Übung gewonnenen +Grundsätze+ sind:
~a~) Wer naß ist durch Schweiß, Regen usw., +darf sich nicht der
Kälte oder Zugluft aussetzen+; das würde sich rächen.
~b~) +Wen friert, der soll ja nichts mit Wasser anfangen.+
~c~) +Wer vom Regen+ usw. +durchnäßt+ worden, soll sich
so rasch als möglich trocken umkleiden.
~d~) +Wer aber schwitzt+, sei es krankhaft oder durch Gehen
oder durch Arbeit, +darf ganz kurz+ (wie bei der Beschreibung der
Anwendung genau besagt ist), ein +kaltes Bad+ nehmen oder eine
+kalte Ganzwaschung+ vornehmen; er muß aber (ohne abzutrocknen)
schnell +trockene+ Kleidung anziehen und sich Bewegung machen,
bis auch der Körper trocken ist. Dieses sollte doch einmal selbst die
heißblütigsten Sanguiniker beruhigen und befriedigen!
Schwermut.
Ein Herr zog sich durch Überanstrengung und Geschäftssorgen folgendes
Leiden zu: Ohrensausen, anhaltendes Eingenommensein des Kopfes,
Abnahme des Denkvermögens sowie auch des Gedächtnisses, so daß er
für seine Berufstätigkeit ganz unfähig war. Dabei befand er sich in
unbeschreiblich trüber Gemütsstimmung, und häufig traten Angstzustände
auf. Schlaf meistens schlecht. Die Körperkräfte des sonst robusten
Mannes schwanden, das Körpergewicht verminderte sich erheblich. Der
äußerst schwermütige Kranke unterzog sich in Wörishofen folgender
Behandlung: Oberguß, Rückenguß, Wassergehen, in der Woche zwei Wickel,
einen spanischen Mantel und zum innerlichen Gebrauche Wermuttropfen,
teils allein, teils mit Arnika und auch mit Tausendguldenkraut
gemischt. Von diesen Tropfen rühmt er eine ganz besondere Wirkung.
Nach achtwöchentlicher Kur fühlte er sich vollkommen gesund und
arbeitsfähig; seine Gemütsstimmung war wieder gehoben und heiter
und ist es auch geblieben. Das Körpergewicht hatte jetzt 22 Pfund
zugenommen.
Schwindel.
Ein Priester in den besten Mannesjahren fühlte eine fortschreitende
Abnahme der Kräfte, besonders in den Beinen. Nur mit der größten
Anstrengung konnte er eine Viertelstunde weit gehen und hatte das
Gefühl, seine Beine brechen zusammen. Außer diesem Leiden hatte er
sehr viel +Schwindel+, so daß er in einem offenen Raum gar nicht
auf längere Zeit stehen konnte, ohne sich an einem festen Gegenstande
anzuhalten. Wollte er sich am Altare umwenden, so mußte er sich stets
festhalten. War der Schwindel etwas leichter, so fühlte er gewaltigen
Druck in der Brust und eine Bangigkeit, als treffe ihn ein Schlaganfall.
Patient gebrauchte viel Mineralwasser und Medikamente; alles ohne
Erfolg. Sein Aussehen war nach dem allgemeinen Urteile sehr gut,
Appetit in Ordnung, aber Schlaf mangelhaft.
+Erfolg+: Bereits drei Wochen lang von seinem Berufe entfernt
ging er täglich viel barfuß (im Gras, auf nassen Steinen und im Wasser
bis unter die Knie), bekam anfangs täglich zwei Obergüsse und einen
Knieguß, später Halbbäder und Bäder im Schweiß. Am Schlusse seiner Kur
machte er den Versuch, in einem Tage 4 Stunden weit zu gehen, was gut
gelang ohne Ermüdung. Er fühlte sich nun ganz gesund und war freudig
gestimmt für seine Berufstätigkeit.
Schwindel bei einem Greis.
Ein Herr, 74 Jahre alt, erzählt:
„Ich habe häufig starken Schwindel und mitunter einen gewaltigen Druck
auf dem Kopf; zeitweilig sind meine Füße ganz kalt, und wenn’s im
Kopf gut ist, so habe ich regelmäßig große Beschwerden im Unterleib.
Stuhlgang ohne Hilfsmittel habe ich gar nie. Das Buch „Meine Wasserkur“
hat mich veranlaßt zur Fragestellung, ob man in meinem hohen Alter auch
noch Wasser anwenden könne mit Erfolg; wenn nicht, dann übergebe ich
mich ruhig meinem Schicksale in diesem Alter. Wenn es noch anwendbar
ist, gehe ich ins kalte Wasser wie der Jüngste.“
In drei Wochen war der alte Herr so gut, daß er bereute, seine
Berufstätigkeit schon einem anderen übergeben zu haben.
Die Anwendungen bestanden in folgendem: Erster Tag: am Morgen den
oberen Körper mit Wasser und Essig waschen, nachher einen Knieguß
nehmen; am Abend ein warmes Fußbad mit Asche und Salz, 14 Minuten
lang. Zweiter Tag: am Morgen wieder Oberguß mit einem Gießer, gleich
darauf auf nassen Steinen gehen (5 Minuten lang); nachmittags: ein
kaltes Sitzbad, eine Minute lang. Dritter Tag: am Morgen im Wasser
gehen, zwei Minuten lang; gleich darauf die ganzen Arme ins Wasser
halten; nachmittags: ein Oberguß, gegen Abend ein Sitzbad. Vierter
Tag: in der Frühe im Wasser gehen bis an die Knie (drei Minuten lang);
gleich darauf die Arme ins Wasser (zwei Minuten lang); am Nachmittag:
ein Rückenguß. Fünfter Tag: am Morgen einen Rückenguß, am Nachmittag
ein Halbbad (eine Minute lang). So wurden die letzteren stärkeren
Anwendungen fortgesetzt. Der +Schwindel verlor sich ganz+, der
Stuhlgang kam in Ordnung, die schlechten Gase waren beseitigt, die
allgemeine Naturwärme war wieder hergestellt, und so war die Maschine
wieder in Ordnung. Der Greis bekam geradezu jugendliche Frische und den
besten Humor.
Es mag vielleicht auffallen, warum man bei diesem hochbetagten Mann
nur eine einzige warme Anwendung vorgenommen hat und nicht länger mit
warmen Anwendungen verfahren ist.
Der Grund ist einfach dieser, weil noch ziemlich viel Kraft und
Naturwärme vorhanden war; sonst hätte er durch Waschungen vom Bett aus
und wieder ins Bett entweder mit warmem Salzwasser oder mit Essig und
Wasser zu einer größeren Naturwärme gebracht werden müssen. Wird die
Naturwärme bei alten Leuten durch warme Waschungen erhöht, und man
nimmt dann versuchsweise eine kalte Waschung vor, so verschmähen sie
recht bald das warme Wasser und ziehen das kalte vor, weil sie dadurch
bessere Wirkung und vermehrte Naturwärme verspüren.
Ein 78jähriger Priester hatte solchen Schwindel, daß er gar nicht mehr
in die Höhe schauen und nicht sicher auf dem Wege gehen konnte; er war
ziemlich beleibt. Das ganze Aussehen machte den Eindruck, daß der arme
Greis keine Naturwärme mehr habe. Trotz all dieser Gebrechen, die zu
der Annahme verleiten konnten, es sei doch mit dem Wasser nichts mehr
anzufangen, verjüngte sich sein Aussehen ganz auffallend. Der Schwindel
verschwand, sowie alle Furcht beim Gehen, kurz, der Hochbetagte wurde
einer Lampe gleich, welche Aufguß zum Weiterbrennen bekommt.
Wenn ein Hochbetagter es liest, wird er fragen: Was geschah mit ihm?
Die Antwort lautet:
Am ersten Tage von unter den Armen ganz einwickeln, das Tuch in heißes
Wasser eingetaucht, in welchem Heublumen gesotten wurden, 1½ Stunden
lang; am nachmittag: eine Waschung mit Wasser und Essig, ganz warm.
Am zweiten Tag: in der Frühe einen Fußdampf, 20 Minuten lang; gleich
darauf mit frischem Wasser ganz kurz abgießen; am nachmittag: wieder
eine Ganzwaschung wie am ersten Tage. Am dritten Tag: einen Kopfdampf
(20 Minuten lang), gleich darauf einen Oberguß. Am vierten Tag: in der
Frühe einen kalten Oberguß, darauf einen Knieguß; nachmittags: ein
nasses Hemd anziehen, 1½ Stunden lang. Am fünften Tag: am morgen
ein warmes Fußbad mit Asche und Salz; nachmittags: einen Oberguß und
Knieguß. Von dieser Zeit an nur mehr kalt, und zwar im Wechsel: Oberguß
und Knieguß vormittags; zwei Stunden später: im Wasser gehen und die
Arme ins Wasser halten; nachmittags: bloß Oberguß. So ungefähr 6 Tage
fortfahren, und es reicht aus, in der Woche ein oder zweimal in der
Nacht vom Bett ganz waschen und wieder ins Bett. Zu Haus ist nichts
mehr notwendig, als in der Woche zweimal im Wasser gehen und die Arme
ins Wasser halten. In der Woche ein Sitzbad nehmen, dies kann auch warm
genommen werden. -- Innerlich einen Tee von Fenchel, Schafgarbe und
Salbei.
Schwindsucht.
Wie eine Schlange im Grase oder Gerölle versteckt auf ihre Beute
lauert, so steckt und herrscht oft schon lange die Schwindsucht im
Körper, ehe sie sich zeigt. Ihr Anfang ist eine Fäulnis, die an irgend
einer Stelle entsteht, nach und nach durch Vereiterung um sich greift
und Organe des Körpers zerstört. Es kann dieses geschehen +in der
Brust+: +in der Lunge+, +im Rippenfell+; +im Unterleib+: +im Darm und
in den Nieren+; +im Hals+: +in der Luftröhre+, +im Kehlkopf+ usw., an
den edelsten und wichtigsten Organen. An jeder Stelle, an der solche
Fäulnis sich zeigt, treten alsbald auch +Störungen+ ein im +Blutumlauf,
im Blute und in den Säften+. Dem Menschen, den es trifft, ergeht es
wie dem Baume, dessen Blätter anfangen, zur Unzeit gelb zu werden und
abzustehen. Seine Lebensadern haben aufgehört, den Lebenssaft zu geben.
Der Baum wird nicht mehr recht genährt, daher das Welken und Absterben.
Und da hilft keine Sonne und keine frische Luft. Dasselbe können wir
vom Schwindsüchtigen sagen. Das Blut, dieser Lebenssaft, nimmt ab, der
Kranke „fällt ab“, wie der Volksmund sagt, und erlischt am Ende wie ein
Licht, lebensunfähig.
+Hat die Schwindsucht einmal tief sich eingefressen+ und bereits ein
Organ des Körpers zerstört, dann ist der Mensch verloren. +Hat sie
sich+ aber an dem einen oder anderen Teil des Organismus +angesetzt+,
so kann +gerade mit Wasser eine Heilung ganz leicht eintreten+. Das
+Traurigste bei solchen Kranken+ ist, daß die ersten Zeichen scheinbar
so unbedeutend sind. Der Kranke hat nur ein Hüsteln, das ihm auch gar
nicht besonders wehe tut. Nicht einmal ausspucken muß er oder doch
höchst wenig. Kommt von Zeit zu Zeit der Husten stärker, so tröstet
sich der Kranke: „Es ist nichts weiter als ein gelinder Katarrh,
hab’s schon oft gehabt, wird bald wieder nachlassen.“ Selbst wenn
der Körper welker wird, der Schwindsüchtige eine Abnahme der Kräfte
spürt, immer hat er seine Entschuldigung. „Der Katarrh dauert diesesmal
etwas länger; aber ich kann ja meinem Beruf doch noch vorstehen.“
+Gewöhnlich haben derlei Kranke bei diesem Stadium der Krankheit schon
mehr gelitten, als sie selbst glauben+: die Blutbildung hat abgenommen,
die Säfte haben sich vermindert, die kranken Stellen dehnen sich immer
weiter und weiter aus. Sucht dann der Kranke nach Hilfe, so ist er
sicher schon zu spät daran, und was er tut und anwendet, das tut er
meistens nur zur Abkürzung seines Lebens. Ich bemerke all dieses +zur
Warnung+, solche Zustände, die unter dem Namen „Katarrh“ die ganze
Welt erfüllen, nicht zu vernachlässigen. In +Fällen, in denen die
Schwindsucht vorangeschritten ist, einen höheren Grad erreicht hat+,
versuche ich (erkläre dieses auch von vornherein jedem Patienten) mit
Wasser nichts mehr anzufangen;[45] denn die Natur vermag den Kampf mit
dem frischen Wasser nicht mehr aufzunehmen. Das wäre ebenso töricht,
wie wenn ein Schwächling es versuchen wollte, einen robusten, kräftigen
Mann zu meistern. +Die fortgeschrittene Schwindsucht erkennt man
daran+, daß der Kranke ziemlich häufig hustet, mit dem Husten sehr
viel Auswurf abgeht; ferner, daß derselbe schwer atmet, der Appetit
nachgelassen hat usf. Solange der Auswurf noch oben auf dem Wasser
schwimmt (man stelle die Probe an), braucht man nicht alle Hoffnung
aufzugeben. Sinkt er zu Boden, dann ist’s meistens bei Matthäus am
Letzten, zu Ende mit aller Hoffnung und Hilfe. Der Kranke soll sich
in Gottes Willen ergeben und sich ruhig auf das letzte Stündlein
vorbereiten.
Dagegen behaupte ich -- und ich könnte dafür eine Reihe von Beispielen
anführen --, daß +beim Beginne der Schwindsucht das Wasser als das
erste und sicherste Heilmittel sich bewährt+. Es erfrischt und belebt
den welk werdenden Körper, wirkend wie Öl, das man in das Räderwerk der
Maschine gießt; es bringt einen lebendigen Blutumlauf hervor und weckt
so in dem schlaff gewordenen untätigen Organismus neues Leben. Dann
rüttelt es, wie ein Sieb die Mohnkörnchen, die faulenden Säfte auf und
scheidet sie aus. +Man beachte indessen wohl: es dürfen gar nie stark
auflösende und stark ausleitende Anwendungen vorgenommen werden.+ Man
muß +vorherrschend auf Stärkung des Organismus abzielen, auf daß die
wieder kräftig gewordene Natur selbst die faulen Stoffe ausscheide.
Vor allem erheischt die Vorsicht, daß die Naturwärme nicht geschwächt,
erschöpft, vollends ausgesogen werde+. Das hieße der Krankheit in die
Hände arbeiten. +Nur ganz kurz dauernde Anwendungen+ sind hier am
Platze; sie sollen, wie gesagt, anregen, stärken, beleben. +Ich möchte
es nicht wagen+, mehrere totale Anwendungen, die auf den ganzen Körper
sich erstrecken, vorzunehmen, falls die Zeichen ein Fortschreiten der
Schwindsucht andeuten.
Hat das Leiden +im oberen Teile des Körpers+ seinen Sitz, so ist der
+Oberguß+ eine vorzügliche Anwendung, verbunden mit dem +Knieguß+,
letzterer höchstens eine halbe Minute lang. Bei günstiger Jahreszeit
wird kaum eine Anwendung und Übung übertroffen von dem +Barfußgehen
im nassen Grase+. Das kräftigt den Körper am meisten, und +nie darf
man Furcht hegen+, sich in irgendeiner Weise zu schaden. +Auch das
Gehen auf nassen Steinen ist gut+; es leitet das Blut nach unten und
fördert den rascheren Blutumlauf und so die Blutbildung überhaupt.
Noch sei hier ein Wort gesprochen über die +Kost+ solcher Kranken, die
mehr als andere und zum Widerwillen stets den Refrain hören müssen:
„Nur gut essen und trinken.“ +Die einfachste Kost+ ist die +beste+;
nichts Hitziges, Gewürzhaltiges, keine Säuren; jene Kost, welche das
Kind am leichtesten ertragen kann und bei der es im Wachstum am
besten gedeiht. +Eine merkwürdige Erfahrung+ möchte ich nicht für
mich behalten. Das +sicherste+ und oftmals für das +Vorhandensein
der Schwindsucht den Ausschlag gebende Zeichen+ war mir, wenn der
Kranke recht gern Gesalzenes aß, Salz auf Brot streute, Fleisch in
Salz tauchte, mit Vorliebe nach Saurem, nach Gewürz haschte. +Ein
sehr gutes Nahrungsmittel+ ist die +Milch+, die vor allem empfohlen
werden soll, aber ja nicht Milch allein: sie würde dem Kranken bald
widerstehen. Auch die +Kraftsuppen+ sind sehr zu empfehlen, wieder im
Wechsel, selbst wenn die eine oder andere dem Kranken besonders zusagt.
Nicht zuletzt verdienen genannt zu werden +recht einfache bürgerliche
Mehlspeisen+ ohne alle komplizierte, gekünstelte Zubereitung. Das
natürlichste und am wenigsten Widerwillen erzeugende +Getränk+ bleibt
stets das +Wasser+, vielleicht untermischt mit etwas Wein. Auch +Milch,
gestockte Milch+, dient gut. Für +Bier+ und +Wein trete ich nicht
ein+. +Noch eine Bemerkung+ möge hier Platz finden. +In den höheren+
und +höchsten Stadien+ dieser Krankheit treten +heftige Fieber+ ein
mit +stärkerem Schweiße+ und darauffolgendem Frost. Es läßt sich
mit +Erfolg+ nichts dagegen tun. Dem Kranken indessen geschieht
+Erleichterung+, wenn man nach dem Schweiße ihm +Rücken+, +Brust+ und
+Unterleib+ mit frischem Wasser kräftig +abwäscht+.
+Eine tüchtige Lehrerin+ wurde längere Zeit von einem berühmten Arzte
behandelt ohne Erfolg. Da sie zuletzt in ihrem Berufe nicht mehr
arbeiten konnte, erhielt sie vorläufig auf drei Vierteljahre Pension.
Nach Verlauf dieser Frist war der Zustand nicht viel besser geworden;
der Arzt erklärte sie in seinem Zeugnisse für „unheilbar“, also auch
künftig als untauglich für ihren Beruf. Freunde rieten ihr das Wasser
an, und sie logierte sich in einem Nachbarorte meiner Pfarrgemeinde
ein. Der Patientin war es anfangs kaum möglich, eine halbe Stunde
weit zu gehen, so entkräftet und geschwächt fühlte sie sich. Sie
gebrauchte nach Vorschrift Wasseranwendungen, und in 4-5 Wochen war sie
vollständig hergestellt. Sie hat dann um Reaktivierung angehalten, und
es kostete sie nicht geringe Mühe, wieder auf ihre Stelle zu kommen.
Man wollte an die Heilung nicht recht glauben. In Person stellte sie
sich dem Minister vor, der über ihre kräftige Gesundheit staunte,
noch mehr aber über das im Zeugnis des Arztes stehende fatale Wort:
„unheilbar.“ Schon ist sie +11 Jahre+ wieder auf ihrem Posten, erfreut
sich der besten Gesundheit und kann ihrem Berufe ungestört nachkommen.
Welches Leiden die Ärzte an dieser Kranken gefunden, ob Abzehrung,
ob Schwindsucht, ich hatte es nie erfahren. Alle Anzeichen indessen
sprachen dafür, daß sie schwindsüchtig werde. Der Bruder des Fräuleins
war an diesem Übel gestorben, und ganz ähnliche Leiden seien, erklärte
sie, dessen Tode vorausgegangen. Es war hohe, aber noch die rechte
Zeit, der Krankheit zu steuern, und das Wasser hat ihr gesteuert. +Als
Heilmittel+ wurden angeordnet: +viel Aufenthalt in frischer Luft+,
+häufiges Barfußgehen+ im Morgentau, +Bäder+, von den kleinsten und
schwächsten bis zu den letzten und stärksten, alle stets kalt. Dazu kam
+Kräutertee+ und eine +einfache, kräftige Landkost+.