Ein +ziemlich korpulenter+, aber sehr gesunder Herr, der seinesgleichen

suchte, bekam einen +offenen+ Fuß, der ihm recht lästig war. Er nahm

die Zuflucht zur Wasserkur und gebrauchte dieselbe auch zwölf Tage.

Nicht genug konnte er erstaunen, wie leicht und wohl es ihm wurde.

„Doch der leidige offene Fuß,“ sagte er, „heilen Sie den mir zu!“ „Wer

es tut, kürzt Ihnen das Leben ab; ich tue es nie und nimmermehr,“

entgegnete ich entschieden. Das verdroß den Herrn, und er ging. Es war

Herbstzeit; im Frühjahr besuchte er, wie ich hörte, ein Mineralbad

und gebrauchte, nach Hause zurückgekehrt, verschiedene Mittel, die

Wunde zuzuklabastern. Es gelang, und 6-8 Wochen freute er sich seines

zugeheilten Fußes. Da bildete sich auf dem oberen Rücken, mitten auf

dem Kreuze, ein gewaltiges Geschwür. Die Ärzte hielten dasselbe für

einen Karbunkel und öffneten es durch einen kräftigen Kreuzschnitt.

Doch statt des Unrates trafen sie auf eine große harte Platte. In zwölf

Tagen hatte Blutvergiftung dem kräftigen Leben ein Ende gemacht. Solche

und ähnliche Beispiele könnte man in großer Zahl sammeln und aufzählen.

Ich kam in ein Haus. Der junge Herr hatte eben seinen Fuß bis an

das Knie herauf auf Verordnung des Arztes im heißen Wasser stehen.

So heiß solle er das Bad nehmen, als er es nur ertragen könne. Die

ohnehin großen Schmerzen wurden durch das heiße Wasser noch bedeutend

gesteigert. +Der Fuß war vom Knöchel bis an die Waden zur doppelten

Stärke angeschwollen+ und +die Geschwulst+ oberhalb des Knöchels +so

gefärbt+ und +entzündet, daß ein baldiges Aufbrechen+ der brandigen

Stelle nahe bevorstand.

Mir ist unbegreiflich, was bei einer so heftigen Entzündung eines

Gliedes, das einen förmlich heiß anweht, noch heißes Wasser, das

einen Gesunden halb verbrühen könnte, tun soll, und zwar nicht kurz

und einmal, sondern länger und öfter genommen. Der Herr erklärte

aufgeregt, er könne es nicht mehr aushalten, man solle ihm das Wasser

aus den Augen bringen. Ruhig ließ ich seinen Befehl vollziehen und

riet hernach, er möge statt des Brühwassers Krautwasser bringen

lassen, einen weichen Fleck eintauchen und unmittelbar auf die am

ärgsten entzündete Stelle legen, darüber ein größeres, recht weiches,

in kaltes Wasser getauchtes Tuch umwinden, so daß es den ganzen Fuß

vom Knöchel bis zu den Waden bedecke (darüber natürlich trockene

Auflage), und beide Aufschläge zusammen so oft wiederholen, als der

Fuß von neuem zu brennen und wehe zu tun anfange. Der junge Herr tat

nach meinem Rate; in zwei Tagen konnte er wieder gehen. Das Geschwür

brach auf. Um rascher die Materie aufzulösen und auszuleiten, umwand

er die Geschwürstelle mit einem Linnensäcklein, das angefüllt war mit

+angeschwellten Heublumen+. In acht bis zehn Tagen war der Fuß geheilt

und diente als treuer Untertan mit alter, ja verjüngter Geh- und

Tragkraft.

Ein Herr von Stand erzählt: „Jedes Jahr bekomme ich ein Fußleiden,

welches zwei bis drei Wochen dauert; dann bin ich wieder auf ein Jahr

gesund. Etwas empfindlich sind meine Füße immer. Ehe dieses Leiden

kommt, brennen mich meine Füße, und mitunter spüre ich ein heftiges

Stechen. Dann schwellen die Füße bis an die Knie ziemlich stark auf.

Wenn das Anschwellen beginnt, läßt der Schmerz etwas nach; ich bin

aber doch unfähig zu jeder Arbeit. Kann diesem Übel nicht vorgebeugt

werden?“ Die Antwort heißt: „Ja, mit folgenden Anwendungen: 1) In

der Woche ein- bis zweimal leinene Strümpfe, in Wasser getaucht, in

welchem Haberstroh gesotten wurde, anziehen (angenehm warm); über die

nassen Strümpfe ein trockenes Tuch winden und zwei Stunden lang diesen

Fußwickel behalten. (Kann am Abend geschehen.) 2) In der Woche einen

kurzen Wickel 1½ Stunden lang, in Wasser getaucht. Wer noch fünf bis

sechs Wochen ein- bis zweimal wöchentlich die Anwendung vornimmt, beugt

gewiß seinem Übel vor.“

Ein Landmann kommt und zeigt seine geschwollenen Füße, die von unten

an bis an die Knie gleichmäßig hart anzufühlen und mit schwarzblauen

großen Flecken bedeckt waren. Diese geschwollenen Füße schmerzten ihn

sehr, so daß er oft ganze Nächte nicht schlafen konnte; zudem wurde er,

seitdem die Füße so anschwollen, gemütsleidend schwermütig, so daß

er nach seiner Angabe sich schon oft den Tod gewünscht hatte. Appetit

schlecht, Aussehen recht krank.

Die Anwendungen waren folgende: 1) Jede Woche einen Fußdampf, in der

ersten Woche aber zwei. 2) Zweimal in der Woche ein Hemd anziehen, in

Haberstrohwasser getaucht, 1½ Stunden lang. 3) Zweimal wöchentlich

von unter den Armen ganz hinunter sich einwickeln, 1½ Stunden lang.

4) In jeder Nacht werde der Fuß bis an die Knie eingewunden mit einem

Tuch, in Wasser getaucht, in welchem zwei Löffel voll ~Foenum graecum~

abgesotten wurden. Gerade diese Einwicklung hat besonders zur Linderung

der Schmerzen und zur Aufweichung gewirkt. Eingenommen wurde Absud von

~Foenum graecum~, zwei Messerspitzen voll in einem Schoppen Wasser

gesotten, -- während des Tages in drei bis vier Portionen.

=Fußleiden=, +anderes+.

Eine Frau hatte Jahre hindurch Fußleiden. Von Zeit zu Zeit brach

einer der Füße auf mit Entleerungen von viel Unrat, und nach mehreren

Wochen heilte er wieder zu. Wie jeder gesund werden will, so wollte

auch diese Frau für ihren Beruf von diesem Leiden befreit werden und

wendete folgendes an: 1) Dreimal in der Woche in der Nacht vom Bett aus

ganz waschen und gleich wieder ins Bett; 2) in der Woche einmal den

spanischen Mantel; 3) die Füße wurden von Morgen bis Mittag oder bis

Abend umwunden mit einem Tuch, das in Heublumenwasser getaucht war,

aber ziemlich stark ausgewunden, und darüber ein Wollstoff gelegt. Auf

die wunde, von Haut entblößte Stelle, die so groß war wie ungefähr drei

Finger breit und lang, wurde gesottenes ~Foenum graecum~, auf

Flecken aufgestrichen, aufgelegt. Dasselbe zieht das Ungesunde heraus,

nimmt die Hitze und den Schmerz und heilt, wenn der Krankheitsstoff

ausgeleitet ist. Nach je zwei bis drei Tagen wurden über den kranken

Fuß angeschwellte +Heublumen+, die ziemlich gut ausgetrocknet

waren, warm, aber nicht heiß, direkt aufgetragen und umwickelt -- zwei

Stunden lang. Innerlich: täglich eine Messerspitze voll graues Pulver

und täglich eine Tasse Tee, von vier bis fünf grünen Holunderblättern

gesotten.

Geburten.

Ein junges Weib hatte +drei tote Kinder+ geboren; sie wurde

darob sehr betrübt und ganz entmutigt, zumal der Arzt erklärte, „sie

werde nie ein Kind austragen können.“ Ich tröstete sie und machte ihr

Hoffnung, falls sie sich bequemen wolle, Wasseranwendungen vorzunehmen;

ihre Natur werde so erstarken, gesunden, und wenn dieses eingetreten,

habe sie weiter nichts zu fürchten. Der trostlosen Frau klang dieses

wie frohe Botschaft.

Mit den +leichtesten Abhärtungsübungen+ wurde begonnen; nach und

nach gewöhnte sie sich an stärkere, abhärtende Wasseranwendungen, bis

sie zuletzt bei +Halb- und Ganzbädern+ stehen blieb. Innerhalb

drei Jahren gebar sie dem erfreuten Vater drei gesunde, kräftige Kinder.

Eine Frau litt an +Typhus+; sie hatte Kopfschmerzen zur

Verzweiflung. Ihre Verwandten brachten sie aus der Stadt aufs Land,

damit sie dorten ruhig sterben könne. Die arme Frau sollte zudem

Mutter werden. Man fragte mich; ich riet kurze Wickel an, die alsbald

angewendet wurden. Das Kopfleiden ließ nach. Um sicher zu gehen,

fragten die Angehörigen auch bei dem früher die Kranke behandelnden

Arzte an, ob nicht vielleicht ein Wickel gute Dienste leisten würde.

Dessen Verdikt lautete, der erste Wickel würde das Kind zu früh

zur Welt bringen. Unterdessen waren bei Einlangung der Nachricht

fatalerweise schon sechs Wickel genommen. Die Typhuskranke wurde selbst

gesund und genas glücklich auch eines gesunden Kindleins.

Gehirnentzündung.

Wo immer eine Entzündung entsteht, dorthin drängt sich auch durch alle

Adern das Blut. Es eilt der Wärme zu, und in den von der Entzündung

entferntesten Körperteilen nimmt das Blut am meisten ab. Tritt eine

Gehirnentzündung ein, so muß zu allererst das Blut in die äußersten

Teile geleitet werden, aber auch auf die entzündeten Stellen muß

hitzeableitend eingewirkt werden. Die Anwendungen sind folgende: Es

sollen die Füße bis an die Knie mit Tüchern, welche in Wasser und

Essig getaucht sind, eingewickelt werden. Sind die Füße recht kalt,

so ist das Tuch anfangs in heißes Wasser zu tauchen. Sind die Tücher

an den Füßen nach ungefähr einer halben bis einer Stunde recht heiß,

dann sollen sie in kaltes Wasser getaucht und wieder umgelegt werden.

Wie die Füße, so sollen auch die Hände eingewickelt werden, wenigstens

bis an die Ellenbogen, und es soll gerade so verfahren werden wie bei

den Füßen; dann kann ein Unteraufschläger genommen werden. Nach drei

Viertelstunden tauche man das Tuch wieder in kaltes Wasser. Ist die

Hitze immer noch stark, kann länger so fortgefahren werden. Um die

Hitze recht stark abzuleiten, kann man ein zweifaches grobes Tuch, in

Wasser getaucht, auf den Unterleib legen, wodurch das Blut mehr in

den Unterleib geleitet wird. Auf den Kopf wende man weiter nichts

an, als daß man einen Lappen auf die Stirne bindet und diesen nach

je einer halben Stunde in kaltes Wasser frisch eintaucht. Fast noch

günstiger wirkt ein Tuch, das um den Hals gewunden wird, oder ein

Schal; beides darf jedoch nie länger als drei Viertelstunden an Ort

und Stelle bleiben, ohne daß das Eintauchen von neuem besorgt wird.

Diese Anwendungen werden, im Wechsel vorgenommen, die Entzündung

nicht auf einen hohen Grad kommen lassen, und die ganze Entzündung

wird einen ziemlich raschen Verlauf nehmen. Nach innen bleibt immer

das Beste frisches Wasser, aber ja nicht viel, höchstens ein bis zwei

Löffel voll, lieber öfter. Statt Wasser kann man auch einen Absud von

~Foenum graecum~ nehmen.

Gehirnleiden, schweres.

Ein ungefähr 33 Jahre alter Bräumeister ist seit elf Jahren schwer

leidend. Im Mai 1877 stürzte er eines Morgens nach dem Aufstehen vom

Bett plötzlich halb bewußtlos hin und blieb zwei Stunden in diesem

Zustande liegen. Dies war die Einleitung zu einem schweren, sechs

Monate dauernden Typhus. Schon damals stellte sich täglich starker

Schwindel mit Erbrechen und Ohnmacht ein. Der Schwindel begann mit

Klopfen im Gehirn; dann warf es den Mann zu Boden, oft auf Zimmerlänge

hin. Dieser Zustand währte meist fünf bis zehn Minuten und wiederholte

sich täglich fünf- bis acht- bis zehnmal. Nach diesen sechs Monaten

wurde er wieder arbeitsfähig, aber nur auf zwei Monate. Darnach traten

die Anfälle so häufig und stark auf, daß er weitere acht Monate das

Bett hüten mußte. Im Verlaufe dieser elf Jahre war er alle Jahre

sechs bis sieben, sogar acht Monate bettlägerig. Das Leiden steigerte

sich so, daß die Anfälle von Schwindel und Hinfallen auch in der

Zwischenzeit alle zwei bis drei Tage wiederkehrten, besonders auch nach

geistigen Anstrengungen, nach raschen Bewegungen, bei jeder Drehung

des Kopfes. Die Anfälle kündigten sich stets durch Klopfen im Kopfe

an, und wenn er sich nun rasch genug anzuklammern vermochte an einen

Tisch oder im Freien an einen Baum, so schüttelte und warf es ihn hin

und her, bis er zu Boden kam. Das Bewußtsein verging ihm dabei nicht,

wohl aber das Sehen. Neun Jahre lang war der Anfall stets von Erbrechen

begleitet, welches seit dem letzten Jahre aufhörte. Die ganze Zeit

über, seit 10½ Jahren empfand der Unglückliche einen fortwährenden

Druck auf der Scheitelhöhe, wie wenn ein Zentnerstein droben liege.

Seit fünf Jahren besteht fast anhaltend Ohrensausen und Schwerhörigkeit

auf dem rechten Ohr. Der Schlaf stellte sich neun Jahre lang fast nie

vor ein bis zwei Uhr nachts ein wegen Gefühl von Schwere und Vollsein

im Kopfe. Von Mai 1886 bis Oktober 1887 war der Mann mit ganz geringer

Unterbrechung bettlägerig. Von vierzehn Ärzten, die ihn im Laufe dieser

langen Krankheit behandelten, und von denen ihn verschiedene für

unheilbar erklärten, nahm er eine Masse Medikamente ein. Die meisten

sprachen die Ansicht aus, es sei durch eine frühere Kopfverletzung --

es war dem Bräumeister früher ein Faß auf den Kopf gefallen -- die

Hirnschale gesprungen, und seitdem drücke ein Knochensplitter auf das

Gehirn, und hiedurch sei das Leiden verursacht. Einige Ärzte hielten es

für chronische Hirnhautverdickung.

Nach meiner Meinung bestanden außerordentlich starke Kongestionen zum

Kopfe und waren folgende Anwendungen angezeigt: Oberguß, Wassergehen,

Rückenguß, Schenkel- und Knieguß, Fußdampf, sowie der spanische Mantel.

Der Erfolg innerhalb der fünfwöchentlichen Kur vom 28. Juli bis 2.

September war ein ganz vorzüglicher. Schon am fünften Tage erklärte

sich der Patient frei vom Gehirndruck. Am zweiten Tage erfolgte noch

ein Anfall nach einer längeren, geistigen Anstrengung (Briefschreiben),

-- es war der letzte. Von Tag zu Tag schritt die Besserung zu seiner

größten Freude voran; die nächsten vier Wochen fühlte er sich „wie

neu geboren, so frei und so leicht im Kopf“, und auch im Sehvermögen

erleichtert. Schlafen konnte er seit diesen fünf Wochen anhaltend die

ganze Nacht. Der Mann ist überglücklich und lebt nun neu auf. Zu Hause

hat er täglich bloß noch eine der obigen Anwendungen fortzusetzen.

Geisteskrankheit.

Furchtbar muß es sein, wenn diese Geistesnacht über einen hereinbricht,

wenn der Mensch nicht mehr Mensch ist, sondern gleichsam zum

unvernünftigen Tiere wird. Noch vor 50, 40, 30 Jahren gehörten

Geisteskrankheiten zu den Seltenheiten. Heutzutage mehrt sich deren

Zahl (darin sind alle eins) in schreckenerregender Weise. Die

Irrenhäuser, so zahlreich sie sein mögen, sind überfüllt, reichen

nicht mehr aus. Man baut jetzt vielerorts außerhalb der Großstädte

fast ganze Irrenstadtviertel. Unheimlich ist’s, diese Totenfelder

von Lebenden zu durchwandeln. Also das ist der Mensch, der so groß

tun kann! Gott bewahre uns vor solcher Heimsuchung! Derlei Gedanken

umflattern bei solch düsteren Gängen die ernstgestimmte Seele. Das sind

die +Ganz-Irren+. Wie viele hundert, ja wie viele tausend Menschen aber

sind +halbe Geisteskranke+, die entsetzlich viel leiden und selten

Hilfe bekommen! In Wahrheit darf ich sagen, daß eine +sehr große

Anzahl+ solcher Unglücklichen bei mir Linderung und Heilung suchte,

und mit besonderer Liebe und Sorgfalt fühle ich mich jederzeit gerade

zu diesen so arg verlassenen und so trostlosen Menschen hingezogen. Sie

waren zu wenig krank fürs Irrenhaus, aber unfähig zu jedem Berufsleben.

+Unsagbar+, +unbeschreiblich+, +unzählig+ und +mannigfaltig+ sind die

+Plagen solcher Geistesgestörten+. Wie zur Sommerszeit in der heißesten

Mittagsglut die Stechmücken am ärgsten schwirren, so treiben in dem

heißen Gehirn dieser Armen die tollsten Gedanken ihr heillosestes

Spiel. Die einen hassen ihren bisherigen, geliebten Beruf, andere

wollen nicht mehr beten. Menschenscheu und Menschenhaß hat die einen

erfaßt, Haß gegen sich selbst die anderen; sie wollen sich das Leben

nehmen usw. Die Köpfe und deren Inhalt sind so verschieden als die

armen Individuen selbst.

+Bei allen Kranken+, die mich aufsuchten, habe ich in den

fünfunddreißig Jahren stets +Ursachen+ der Krankheit gefunden.

Entweder war das Übel angeerbt, also von Kindheit an grundgelegt,

im Keime vorhanden; oder es rührte her von +Körpergebrechen+, von

Krankheiten,[35] wohl auch +von der Lebensweise+.

+Ein Punkt+ ist wohl zu beachten, weil da +so gerne Täuschungen+

vorkommen. Man bleibe bei der Beurteilung solcher Zustände +recht

nüchtern+, lasse sich selbst den Geist nicht einnehmen. +Nicht genug

kann ich warnen+ vor jenem voreiligen, so überaus törichten Gebahren,

welches alsbald +übernatürliche+, besonders +teuflische Einflüsse+

hellsehen will. In Fällen selbst, in denen jedermann fast hätte glauben

müssen, der leibhafte Satan herrsche in dem Kranken, hat der einfache

kalte Strahl ihn vertrieben.

Mir kam in +meiner ganzen Praxis nicht ein einziger Fall+ vor, in

dem natürliche Mittel, recht angewendet, nicht geholfen hätten. Ich

klammere mich fest an den Glauben und an das Übernatürliche wie an ein

Rettungsboot und möchte -- Gott bewahre! -- kein Strichlein und kein

Pünktlein dieser Glaubens-Überzeugung aufgeben. Nie aber möchte ich den

Glaubensfeinden eine Handhabe reichen zum Spotte oder Angriffe auf den

Glauben.

Die es angeht, kennen und verstehen mich. +Ein Beispiel+: Ein

Bruder bringt seine Schwester, welche behauptet, mitten in ihrer Brust

wohne der böse Geist. Sie wisse vom Teufel viel, der Teufel aber wisse

von ihr alles, auch die geheimsten Gedanken; er regiere, leite und

beherrsche sie. Ein Narr sei ihr Bruder, noch dümmer sei der Pfarrer,

der allerdümmste aber sei der Arzt. Warum? „Weil sie immer sagen, ich

solle einen anderen Kopf aufsetzen, meine Torheiten ablegen und ihnen

folgen. Wenn einmal der Teufel in einem herrscht,“ fügte die Kranke

bei, „dann hat der eigene Kopf das Regiment verloren.“ Es ist nicht zu

sagen, wie heftig und unbändig wild die Arme gegen die drei genannten

Persönlichkeiten wütete.

Hätten dieselben ruhig geschwiegen -- sie wußten ja, wen sie vor sich

hatten --, sie hätten die Kranke nicht in so gewaltige Aufregung

versetzt, und ich hätte leichter getan.

+Bei derlei Kranken kommt alles, ja alles auf die Behandlung an.+

Ich widersprach ihr mit keinem Worte und sagte bloß: „Ja freilich, in

deinem Innern steht es nicht gut.“ Damit war die Kranke zufrieden, und

ich hatte sie auf meiner Seite. Sofort faßte sie Vertrauen, wie ihre

Antwort bekundete. „Wenn mir einer nicht glauben will,“ so lautete

diese, „daß ich den Teufel in mir habe, so wird er ihn auch nicht

austreiben können.“

+Dieses Vertrauen+ heißt bei mir jedesmal so viel als: die Kranke ist

bereits zur Hälfte geheilt, und deine Arbeit ist mehr als zur Hälfte

getan. Die Kranke nahm ein, was ich ihr gab; sie wendete pünktlich das

Wasser an, wie ich es bestimmte. In sechs Wochen ward sie vollkommen

geheilt. Gewiß +interessiert+ es manchen, +was der Person+ wohl

+gefehlt hat+. Die Kranke sah stürmisch drein. Ihre Gesichtszüge waren

eingefallen, die Hände kalt, die Füße noch kälter; auf der Brust

fühlte sie einen schweren Druck und im Magen Widerwillen gegen jede

Speise. Alles Blut war, so schien es, der Brust zugeeilt. Die +erste

Aufgabe+ bestand darin, die +Zirkulation des Blutes zu ordnen+, dadurch

+gleichmäßige Naturwärme+ und ein geordnetes Arbeiten des ganzen

Organismus herzustellen. Zu dem Ende mußte die Kranke +täglich zweimal

bis über die Waden ins kalte Wasser stehen+, je zwei Minuten lang,

darauf tüchtig gehen, um die Füße so bald als möglich zu erwärmen;

dann ebenso +die ganzen Arme täglich zweimal ins Wasser halten+, je

zwei Minuten lang, darauf denselben in irgend einer Weise Bewegung

verschaffen, um sie ebenfalls möglichst schnell warm zu bekommen.

+Zweimal des Tages+ ließ sie sich, zu Bette liegend, +Rücken+,

+Brust+ und +Unterleib+ mit +Wasser+ und +Essig+ kräftig waschen. Die

verhältnißmäßig schwachen Anwendungen mußten durch +vierzehn Tage+

genau fortgesetzt werden. Die heftigste Aufregung ließ nach, wenn auch

der Teufel in dem wirren Kopfe immer noch spukte. Die eingefallenen

Züge belebten sich. Nach vierzehn Tagen ließ ich kräftiger einwirken.

Die Kranke bekam +Unterwickel+ im Wechsel mit +Halbbädern+ (nur eine

halbe Minute lang, und jedesmal folgte die Waschung des Oberkörpers)

und +dem spanischen Mantel+; alle drei Anwendungen waren zirka drei

Wochen fortzusetzen. Nach der dritten Woche beschlossen die Heilung

+wöchentlich eine Ganzwaschung+ und +ein kurzer Wickel+ von einer

Stunde. So wurde der vermeinte Teufel ausgetrieben, und die Aufregung

wich großer Ruhe und ungestörtem Frieden.

+Arme Eltern+ brachten ihren Knaben von zehn Jahren und erzählten

folgendes: „So oft man zur Kirche läutet, fängt der Bube an zu toben

und in der heftigsten und gräßlichsten Weise die entsetzlichsten

Flüche auszustoßen, Flüche und Schwüre, die wir in unserem Leben noch

nie gehört haben. Er flucht so lange, als er die letzte Person auf

dem Kirchwege sieht. Dann hört er auf. Sobald aber nach vollendetem

Gottesdienste der erste Andächtige die Kirche verläßt, fängt er auch

schon wieder an, zu schwören, und er schwört und flucht fort, bis er

niemanden mehr erblicken kann. Wenn wir beten, so flucht er; hören

wir auf, so hört auch er auf. Hochwürden, es ist schrecklich. Man

mag anwenden, was man will, helfen tut gar nichts, am wenigsten das

Einreden; das macht ihn nur noch heftiger. Seine Mutter packte er

einmal mit beiden Armen wie mit Krallen und schüttelte sie derart,

daß man nicht glauben sollte, wie ein Knabe so viel Kraft entwickeln

könnte. Ärzte sind mehrere befragt worden, geholfen hat nichts.

Benediziert wurde er auch; da hat er noch am ärgsten geflucht usw.“

Der Knabe hatte ein ganz +sonderbares Aussehen+: abgestandene

Gesichtsfarbe, im höchsten Grade wildaussehende Züge; die Haare

standen, wie beim Igel die Stacheln, senkrecht in die Höhe. Ich

unterstand mich, seine Hand anzufühlen; er wollte mir sofort ins

Gesicht springen. Zwei Priester, welche den schrecklichen Zustand

gesehen hatten, sagten: „Wer an eine Besessenheit glaubt, muß sagen:

hier ist sie.“

Ich faßte das Leiden von Anfang an +ganz natürlich+ auf und

täuschte mich auch dieses Mal nicht; in sechs Wochen war das arme Kind

vollständig geheilt. Ich ließ den Knaben täglich auf 1 bis 1½

Stunden +ein Hemd+ anziehen, das in Wasser (mit etwas Salz)

getaucht war, ebenfalls +täglich einmal+ mit einer Mischung von

+Wasser und etwas Essig ganz waschen+. Beides dauerte +vierzehn

Tage+ lang. In der dritten Woche bekam er den einen Tag ein (oben

beschriebenes) +Hemd+ angezogen, den andern Tag auf eine halbe

Stunde ein +warmes Bad+ von 28° ~R.~ im Wechsel mit einem

kalten (eine halbe Minute), am dritten Tage eine +Ganzwaschung+.

Dieses waren die Übungen der dritten und vierten Woche. In der fünften

reichte aus ein +nasses Hemd+, in der sechsten und letzten ein

+warmes Bad+ mit rascher kalter Abwaschung.

Die Umänderung und Besserung vollzog sich rasch. Der ganz kalte Knabe

wurde wieder warm, der verlorene Appetit kehrte wieder, und er ließ

sich die Milch- und Mehlkost, welche die armen Eltern mit Freuden ihm

reichten, trefflich schmecken. Aller Spuk war wie weggeblasen.

Einer der Leser wird vielleicht fragen: „Warum denn wendet der

Pfarrer +bei solchen Kranken keine Güsse+ an, da doch in unseren

Irrenanstalten die Tobsüchtigen besonders mit Douchen usw. behandelt

werden?“ Nach meiner unmaßgeblichen Meinung darf ein Jäger (doch

vielleicht ist’s Jägerlatein?), der einen Fuchs aus seiner Höhle locken

will, unmittelbar vor das Loch hin nicht schießen. Besser wird’s

sein, den listigen Reinecke mit einer Lockspeise (etwa einem Huhn

oder Spanferkel) zum gefälligen Herauskommen einzuladen. Nun höre,

mein lieber Leser! Wo eine Krankheit drinnen steckt, da steckt auch

Krankheitsstoff. Diesen auflösen und ausleiten, das heißt den Fuchs

locken und fangen. Eine Douche aber löst nicht auf, leitet aber auch

nicht aus. Ist einmal aufgelöst und ausgeleitet, dann hat die leichtere

Douche einen Sinn, dann laß ich sie mir auch recht wohl gefallen.

Vor neun Jahren kam +ein Mädchen+ zu mir und erzählte, wie folgt:

„Mein Bruder ist schon mehr als ein Jahr im Irrenhause. Er wurde für

unheilbar erklärt. Nun bekomme ich ganz dieselben Zeichen, die mein

Bruder vor dem Ausbruch der Krankheit hatte. Ich hatte bisher gedient,

mußte aber meinen Dienst verlassen; denn ich kann nicht mehr arbeiten.

Wenn ich keine Hilfe erhalte, komme ich in Bälde zu meinem Bruder in

die Irrenanstalt.“

Auf +verschiedene Fragen+ erhielt ich den Bescheid, daß der

Appetit sehr wechsle, manchmal gut sei, manchmal ganz fehle; daß

ferner, sobald das heftige Gliederreißen nachlasse, ebenso heftige

Brustschmerzen folgen, daß die früher dichten und langen Haare schon

mehr als zur Hälfte ausgefallen seien. Sofort war mir klar, daß

hier +recht verdorbene Säfte+ ihr Unwesen trieben, und daß das

sicherste Zeichen ihres gänzlichen Ausscheidens darin bestehe, wenn die

Haare auf dem halbkahlen Schädel wieder festen Fuß faßten und in alter

Stärke von neuem weiter wüchsen.

Die Kranke +wendete+ nacheinander +folgende Übungen+ an: zuerst

+täglich das nasse Hemd+, getaucht in Salzwasser oder in Wasser mit

Essig gemischt; ebenso +täglich lauwarme Halbbäder+ mit kräftiger

kalter Waschung des Oberkörpers (höchstens eine Minute). Es war

Sommerszeit. So ging sie +jeden Tag viel barfuß+ mit großem Erfolge,

besonders im Morgentau. Dieses dauerte drei Wochen hindurch. Es folgten

jetzt +warme Bäder im Wechsel mit kalten, sodann der Unterwickel+ (die

Kranke bediente sich des Sackes), in Absud von +Heublumen+ getaucht.

Die +ganze Kur+ währte bis zu vollständiger Herstellung +drei Monate+.

Der starke und solide Haarwuchs wies auf gründliche Heilung. Die Person

hat später geheiratet und ist gesund bis zum heutigen Tage.

Meine Wasser-Kur Durch mehr als 40 Jahre erprobt und geschrieben zur Heilung der Krankheiten und Erhaltung der Gesundheit · 第 21 / 36 段