Würde die Mutter statt des dritten oder vierten Teiles der

Erdbeerblätter +Waldmeister+ (~Asperula odorata L.~) nehmen, so gewänne

der Tee an Geschmack und Gehalt.

Die +Erdbeeren+ selbst sind als Gesundheitsmittel gar nicht zu

unterschätzen. Man gebe dieselben besonders +Rekonvaleszenten+, die

große Schwäche und Entkräftung nach schwerer Krankheit spüren; man

gebe sie verbunden mit anderen Nahrungsmitteln. Wer im Sommer längere

Zeit hindurch, gleichsam zum Kurgebrauch, täglich z. B. einen Schoppen

Milch mit einem halben Schoppen Erdbeeren vermischt, (wie man dieses

in Süddeutschland vielfach tut) oder täglich zweimal ein Stück guten

Roggenbrotes mit je einem Viertelschoppen Erdbeeren genießt, wird bald

die überaus wohltuende Wirkung verspüren, die neben der +Kräftigung+

auch in +Blutreinigung+ besteht. Werden die Erdbeeren +eingekocht+ wie

Kirschen, Weichseln, Amorellen usw., dann kann obige Kur mit bestem

Erfolge selbst im Winter vorgenommen werden.

Bei +innerer Hitze+ leisten Erdbeeren im Sommer selbst Kranken die

besten Dienste. Welch’ herrliches Refrigerans, d. i. kühlendes Labsal,

kann dem Lechzenden damit gereicht werden!

+Gries- und Steinleidenden+ werden vielfach täglich gleichmäßige

Portionen von Erdbeeren empfohlen.

Dasselbe gilt für +Leberleidende+ (täglich in verschiedenen Malen, bis

zu zwei Schoppen) und für solche, die mit aus dem krankhaften Blute

herrührenden +Ausschlägen+ behaftet sind. (Morgens und nachmittags je

einen Schoppen.)

Es ist merkwürdig, wie gerade diese Frucht von der Erde den Menschen so

reichlich gereicht wird. Daß unser Verständnis und unsere Dankbarkeit

der liebevollen Freigebigkeit ihres und unseres Schöpfers jederzeit

entsprechen möchte!

=Fenchel.= (~Foeniculum officinale All.~)

Die Fenchelkörner dürfen in keiner Hausapotheke fehlen, da das Leiden,

in welchem sie Hilfe schaffen, so gar häufig vorkommt; ich meine die

+Kolik+ mit ihrer Begleitschaft, den krampfartigen Zuständen. Schnell

siede die Mutter einen Löffel voll Fenchel in einer Tasse Milch 5-10

Minuten lang und gebe den Heiltrank dem Kranken so warm wie möglich

(nie zu heiß, daß man im Innern nichts verbrennt.) Die Wirkung ist

meist sehr gut und sehr schnell. Die rasch sich verbreitende Wärme

stillt die Krämpfe, die Kolik läßt nach und verschwindet. +Äußerlich+

soll, wie solches an anderer Stelle angegeben ist, ein warmer Aufschlag

von Wasser und Essig (halb und halb) auf den Unterleib zu liegen kommen.

+Fenchelpulver+, wie Gewürz auf Speisen gestreut, vertreibt die Gase

aus dem Magen und den unteren Regionen.

Das Pulver +wird gewonnen+, indem man Fenchelkörner im Ofenrohre röstet

(dörrt) und in einer gewöhnlichen Kaffeemühle mahlt.

+Fenchelöl+ kauft man in der Apotheke.

Fenchel, als Augenwasser verwendet, klingt manchem Geheilten, der dies

liest, nicht mehr neu. Man koche einen halben Eßlöffel Fenchelpulver

ab und wasche mit dem Absud ungefähr dreimal des Tages die Augen aus.

Reinigender und stärkender noch wirken die +Augendämpfe+.

Da ich bei jedem Kopfdampfe behufs Lösung im Innern stets ein, zum

Mindesten ½ Löffel Fenchelpulver verwende, so ist eigentlich mit jedem

Kopfdampf ein solcher Augendampf verbunden.

Ähnliche Wirkungen wie mit Fenchel erzielt man mit +Anis+ und +Kümmel+.

Öfters werden zwei oder gar sämtliche drei Heilkörner miteinander

vermischt, zusammen gemahlen und benützt.

=Foenum graecum.=

Von dem Samen (~foenum graecum~) des Bockshornklees (+Trigonella

foenum graecum+) wird ein Pulver bereitet, das Vielen derjenigen, die

meine Wassermittel gebrauchten, längst kein Fremdling mehr ist. Sie

schätzen es und benützen es fleißig. Man habe keine Furcht, es ist ganz

unschädlich.

Nach innen wirkt dasselbe, als Tee zubereitet, kühlend bei +hitzigen

Fiebern+.

Bei +Halsleiden+ mit starken Hitzen im Halse dient der +Tee+ als gutes

+Gurgelwasser+. Ein Kaffeelöffel des Pulvers reicht aus für eine mäßige

Tasse Tee, die im Tage, (alle Stunden, auch öfter, ein Eßlöffel voll)

getrunken oder zum Gurgeln verwendet wird.

Was +die äußere Anwendung+ betrifft, so ist ~Foenum graecum~ +das

beste von allen mir bekannten Mitteln+ zum Auflösen von +Geschwülsten+

und +Geschwüren+. Es wirkt langsam, schmerzlos, aber bis zum letzten

Tropfen Eiter ausdauernd und gründlich. Man kocht ähnlich wie beim

Leinsamen den bekannten öligen Brei, den man in kleine Linnentüchlein

bringt und auflegt.

Bei +offenen Füßen+ ziehen solche Auflagen die sogenannten

„+Zuschläge+“, d. i. die Entzündungen um die Ränder der Wunde aus

und verhindern die Bildung des +faulen Fleisches+ oder gar einer

+Blutvergiftung+. Diese letztere Anwendung empfehle ich der besonderen

Aufmerksamkeit aller, denen solche Fußwunden recht viel Leid und Sorge

bereiten.

~Foenum graecum~ kauft man sich in der Apotheke.

=Hafer= oder =Haber=. (~Avena sativa L.~)

Ein tüchtiges Sieden entzieht den Haferkörnern -- auf gleiche Weise

kann +Gerste+ behandelt und gebraucht werden -- die innewohnende Kraft.

Solches Getränk, nahrhaft, leicht verdaulich, kühlend bei vorhandenen

inneren Hitzen, ist für +Rekonvaleszenten+, die z. B. durch die

Blattern, durch den Typhus und andere ähnliche Krankheiten übermäßig

entkräftet und geschwächt wurden, ein vorzügliches +Nährmittel+, ein

wahres Labsal. Wie oft bedaure ich es, daß man derlei armseligen

Kreaturen, die doch vor allem neues, gesundes Blut brauchen, alle

möglichen, nur nicht solche Getränke bereitet und bietet!

Die +Bereitung+ ist einfach. Ein Liter Hafer wird 6-8mal mit frischem

Wasser gewaschen, dann in zwei Liter Wasser so lange abgekocht, bis

dieses zur Hälfte eingesotten ist. In den abgegossenen Absud rührt man

2 Löffel Honig und läßt die Mischung noch einige Minuten kochen.

=Hagebutten.=

Am Hundsrosenstrauch (Heckenrose, ~Rosa canina L.~) pflückt die auf

ihre Hausapotheke denkende Mutter nicht allein die schönen Rosen,

sondern auch mit Fleiß die sogenannten Hagebutten, und zwar nicht

allein zu Saucen, sondern auch zu Heilzwecken. Diejenige Hausmutter

wird mit noch größerem Eifer ihren Garten und auch fremdes Eigentum

durchmustern, die in der Familie ein Glied hat, das an +Gries+ oder an

+Nieren-+ und +Blasenstein+, diesen schrecklichen und schmerzlichen

Übeln leidet. Sie weiß, +Hagebuttentee+ lindert und reinigt die Nieren

und die Blase.

Ich kenne einen hochbejahrten Greis, welcher in jüngeren Jahren viel

an Gries und Stein gelitten hat und sich oftmals nicht zu raten und zu

helfen wußte. Man riet ihm diesen Tee, und er gewöhnte sich mit solcher

Vorliebe daran, daß abends beim Schlafengehen die seit Jahren übliche

Tasse nie fehlen darf; sie ist ihm lieber als ein Glas des besten

Weines. „Das sind meine Spirituosen,“ sagt er, „das ist das Öl, welches

die bald ausgelaufene Maschine des alten Körpers täglich von neuem zum

Gange ölt.“

Die Hagebutten werden ausgekernt, die Hülsen getrocknet und daraus der

Tee bereitet.

=Harz- oder Weihrauchkörner.=

Wie die Kerze träufelt, so träufelt es manchmal aus der Rinde der Tanne

oder der Fichte. Ein jeder, der zur Sommers- oder zur Herbstzeit in den

Wald geht, kann dieses Träufeln gewahren. Wie hängengebliebene Tränen

sehen diese Harzperlen aus, weiß wie Wachs, klar wie Honig, frisch wie

Quellwasser.

Das Harz ist das Blut der Tanne, der Fichte, und wenn ein solcher

lebenskräftiger Baum ins Fleisch hinein verletzt wird, so blutet er oft

ganz gewaltig.

Dieses Harz, das so zäh klebt und dem Ansehen nach edle, kernige Stoffe

enthält, muß gewiß eine besondere Kraft haben.

5-6 solcher erbsengroßen Harzkügelchen oder Harztränen, längere Zeit

hindurch täglich eingenommen und geschluckt, +kräftigen die Brust+ und

wirken merkwürdig stärkend auf die +inneren Gefäße+.

Ich kannte einen sehr schwächlichen Priester, der täglich ein größeres

Quantum dieser harzigen Flüssigkeit zu sich nahm. „Diesem Kraftsyrup“,

meinte er, „verdanke ich die Erstarkung meiner Brust.“

Diese +Harzpillen+ kann derjenige, dem sie der nahe Wald nicht liefert,

durch +Weihrauchkörner weißer Sorte+ ersetzen. Weihrauch ist ja auch

nur ein feines Harz. 6-8 solcher Körner, auf längere Zeit täglich

genommen, bilden eine gute Brustkur.

Die Angst vor Unverdaulichkeit dieser Harzsteinchen, wie sie eine

hochgehende Phantasie befürchten möchte, soll dir nicht bange machen.

Die Natur verarbeitet auch solcherlei Ware recht gut.

=Heidelbeere.= (~Vaccinium myrtillus L.~)

Um Jakobi herum gehen die Kinder so gerne in die Wälder. Die

Heidelbeeren sind reif, eine Leibspeise für die jungen Springinsfelde.

Auch alte Kinder lassen sich diese Beeren recht gut schmecken. In

Großstädten auf den Obstmärkten sieht man die schwarzen Bekannten

korbweise stehen; manches Studentlein denkt an vergangene schöne

Jugendzeit, wo es mit der kleinen Schwester in die „Hoidlen“ -- wie die

Schwaben sagen -- ging, und läßt sich von der Obstfrau für ein paar

Pfennige die anheimelnden Schwärzlinge in die Tasche schütten.

+Kein Haus sollte sein+, das nicht eine gute Portion Heidelbeeren dörrt

und fürs Jahr aufbewahrt. Sie sind zu gar Vielem nütze.

Man bringt Heidelbeeren, soviel man mit 2-3 Handvoll fassen kann, in

ein Glas und gießt guten, echten Branntwein darauf. Je längere Zeit

(selbst Jahre lang) die angesetzten Beeren stehen, d. h. je besser

dieselben ausgezogen werden, um so schärfer wird und wirkt die Medizin

solchen Beerengeistes.

Wer an +leichten Diarrhöen+ leidet, nehme von Zeit zu Zeit einige

getrocknete rohe Heidelbeeren, verkaue und schlucke sie. Sehr oft

genügt dieses leichteste Mittelchen. Ich sah Badegäste in großen

Badestädten, die, um unangenehmen Überraschungen auf dem Spaziergange

vorzubeugen, von der erfahrenen und umsichtigen Hausfrau derlei

„Diarrhöestillpillchen“ mit auf den Weg bekamen.

+Heftiges, andauerndes Abweichen+, mit großen Schmerzen verbunden, bei

dem mitunter Blut abgeht, stillt ein Löffel +Heidelbeerbranntwein+,

genommen in ⅛ Liter warmen Wassers. Nach 8-10 Stunden kann man die

gleiche Medizin nochmals nehmen. Eine dritte Repetition wird kaum mehr

notwendig sein. Suche man in der Apotheke ein unschuldigeres und doch

wirksameres Mittel!

Bei gefährlichen +Ruhrerkrankungen+ arbeitet derselbe Heidelbeergeist

der äußeren Wasseranwendung (warme Aufschläge von Wasser und Essig auf

den Unterleib) von innen überaus wirksam entgegen.

Unter den +Tinkturen+ unserer Hausapotheke ist die Heidelbeertinktur

die +erste+ und +unentbehrlichste+. Sie dient in all den oben

bezeichneten Fällen und ist einer der wärmsten Freunde des Unterleibes.

Die Dosis richtet sich nach dem Grade des Übels: die kleinste beträgt

10-12 Tropfen auf Zucker, die stärkere etwa 30 Tropfen, die stärkste

und größte einen Kaffeelöffel, in warmem Wasser oder in Wein (6 Löffel

voll) genommen.

=Heublumen.=

Zahlreiche mündliche und schriftliche Berichte haben mich belehrt, daß

viele Leute nicht wissen, was sie sich unter „Heublumen“ vorzustellen

haben. Was man in der Heilkunde unter diesem Namen versteht, ist

bereits beim Heublumenfußbad (S. 40) erwähnt worden. An dieser Stelle

möchte ich nur noch den Heublumen das Wort reden und im allgemeinen

auf deren Verwendung hindeuten. Bei +beginnender Blutvergiftung+, bei

+erfrorenen Gliedern+, bei +krampfhaften Unterleibserscheinungen+ u.

A. haben mich die „angeschwellten“ (heißüberbrühten) Heublumen nie im

Stiche gelassen.

Bei +Rheumatismus+, +Gicht+, bei +skrophulösen Zuständen+ leisten

+Wickel+ und +Hemden+, in +warmen Heublumenabsud eingetaucht+,

vortreffliche Dienste. Es verstände mich aber jener nicht recht, der

bei den genannten Krankheitserscheinungen mit den Heublumen +allein+

auszureichen meinte. Die einzelnen Fälle im dritten Teile tun dies zur

Genüge dar.

=Holunder=, +schwarzer+. (~Sambucus nigra L.~)

Dem Hause am nächsten stand in den guten alten Zeiten der

+Holunderbusch+; jetzt ist er vielfach verdrängt und ausgerottet. Es

sollte kein Wohnhaus geben, wo er nicht gleichsam als Hausgenosse

in der Nähe wäre oder wieder in die Nähe gezogen würde; denn am

Holunderbaum sind wirksam die Blätter, die Blüten, die Beeren, die

Rinde und die Wurzeln.

Zur Frühlingszeit sucht die kräftige Natur manche Stoffe, die sich im

Körper den Winter über angesammelt haben, zu entfernen. Wer kennt

nicht diese Zustände, die +sogenannten „Frühlingskrankheiten,“+ wie

Ausschläge, Abweichen, Kolik und Ähnliches?

Wer durch eine +Frühlingskur+ Säfte und Blut reinigen und

verlegene Stoffe in leichter und natürlicher Weise ausscheiden will,

der nehme 6-8 +Blätter+ des Holunderbaumes, schneide sie klein,

wie man Tabak schneidet, und lasse den Tee etwa zehn Minuten lang

sieden. Dann nehme er in der ganzen Kurzeit täglich des Morgens

nüchtern eine Tasse solchen Tees, eine Stunde später sein Frühstück.

Dieser +einfachste Blutreinigungs-Tee+ säubert die Maschine

des menschlichen Körpers in vortrefflicher Weise und ersetzt armen

Leuten die Pillen und Alpenkräuter u. a., die in feinen Schachteln

und Schächtelchen heutzutage die Runde machen und oft ganz sonderbare

Wirkung tun.

Wie im Frühlinge, so kann diese Kur auch zu jeder anderen Jahreszeit

vorgenommen werden. Selbst die +gedörrten Blätter+ liefern guten

Tee zur Auflösung und Reinigung.

Wer hat nicht schon von Holunder-+Blüten+ zubereitete Kuchen

(die schwäbischen sogenannten „Küchlein“) gegessen? Viele Leute

backen dieselben gerade zu der Zeit, in welcher der Baum im weißen

Frühlingsschmucke prangt, und sagen, diese Blütenkuchen schützen vor

Fieber.

Ich kenne einen Ort, in den der +Schüttelfrost+ sehr häufig Einzug

hält. Dort sieht man im Frühling auf jedem Tisch diese Holunderblüten-

oder Fieberkuchen. Spitzfindig und kritisch habe ich dies noch nie

untersucht; die Leutchen mögen ganz ruhig bei ihrem Glauben bleiben;

denn solche Kost ist gut und gesund.

Auch die +Holunderblüte reinigt+, daran zweifelt niemand, und es

wäre gut, wenn in jeder Hausapotheke eine Schachtel gedörrter Blüten

aufbewahrt würde. Der Winter ist lang und es kann Fälle geben, in denen

ein derart lösendes und schweißtreibendes Mittelchen überaus treffliche

Dienste leistet. Schaden kann solcher Tee niemals bringen.

Bei Organismen, in welche die +Wassersucht+ Einzug halten, sich

ansetzen will, treibt die +Holunderwurzel+, als Tee zubereitet,

so kräftig Wasser aus, daß sie kaum von irgend einem andern Medikament

übertroffen wird. Dabei ist die Wirkung ganz schuldlos.

Die +Beere+, welche zur Herbstzeit häufig gekocht und als

Brei, als Mus gegessen wird, wurde von den Alten hochgeschätzt als

Blutreinigungsmittel. Meine selige Mutter hat alle Jahre 14 Tage

bis 3 Wochen lang eine solche Holunderkur vorgenommen. Dieses war

der Hauptgrund, weshalb unsere Altvordern noch vor 50 bis 60 Jahren

mindestens ein paar Holunderbäume vors Haus pflanzten. Wie die hohen

Herrschaften heutzutage zu der teuren Traubenkur wandern, oft nach

fernen Ländern, so gingen unsere Eltern und Großeltern in die Kur zum

Hollunderbaum, der sie in nächster Nähe so billig und oft viel besser

bediente. -- Vor mehreren Jahren kam ich in ein österreichisches

Alpenland. Da sah ich zu meiner großen Freude auch den Holunderbaum

noch in Ehren. „Ja daran,“ sagte mir ein alter Bauer, „lassen wir

keine Beere zugrunde gehen.“ Wie einfach, wie rationell (vernünftig!)

Die Vögel selbst, ehe sie ihre Herbstwanderung antreten, suchen noch

überall den Holunderbaum auf, um ihr Blut zu reinigen und ihre Natur

zur weiten Wanderung zu stärken. Wie schade, daß der Mensch alle diese

Naturtriebe, „den gesunden Sinn“ vor lauter Kunst und Gekünsteltem

nicht mehr fühlt und achtet!

Wird die +Beere+ mit +Zucker+ oder besser +mit Honig

eingekocht+, so dient diese Masse zur Winterszeit besonders solchen

Leuten vorzüglich, die wenig Bewegung haben, die mehr zu ruhiger,

sitzender Lebensweise verurteilt sind. Ein Löffel voll von solchem

Eingekochten in ein Glas Wasser gerührt, gibt den +herrlichsten

Kühl-+ und +Labetrunk+ ab, +reinigt den Magen+, wirkt auf

+Urinausscheidung+ und günstig auf die +Nieren+.

Viele Landleute +dörren+ die Beeren. Verkocht man diese gedörrten

Beeren zu Brei oder siedet man sie ab zu Tee oder ißt sie dürr, in

allen Formen wirken sie sehr gut bei +heftigem Abweichen+.

Weil man sich an die überaus guten Dienste des Holunderbaumes, dieses

treuen und früher so geachteten Hausfreundes, nicht mehr erinnerte,

deshalb hat man denselben vielfach verworfen. Daß der alte Freund

wieder zu neuem Ansehen kommen möchte!

=Honig.=

Die früheren Generationen behaupteten, junge Leute sollten ja nicht

viel Honig essen, er sei für sie viel zu stark; den Alten dagegen

„helfe er nochmals auf den Gaul“.

Ich habe den Honig vielfach verwendet und stets gefunden, daß er von

vorzüglicher Wirkung ist. Er wirkt lösend, reinigend, stärkend.

Als +Beimischung zu Tee für Katarrhe+ und +Verschleimungen+

benützt man den Honig seit langer Zeit.

Die Landleute verstehen es gut, für +äußere Geschwüre+ die

+Honigsalbe+ anzuwenden. Wer nicht die Gewandtheit besitzt, solche

Geschwüre mit Wasser zu behandeln, dem rate ich entschieden, vor jeder

anderen Schmiererei nach diesem einfachen, unschädlichen und wirksamen

Mittel zu greifen. Die +Bereitung+ ist höchst einfach. Man nimmt

halb Honig, halb weißes Mehl und rührt die Mischung durch Zugießen von

wenig Wasser gut durcheinander. Die rechte Honigsalbe soll ziemlich

fest, nicht flüssig sein.

Auch nach innen wirkt der Honig bei verschiedenen kleineren Übeln

heilkräftig.

+Kleinere Magengeschwüre+ soll er rasch zusammenziehen, reifen

und ausheilen. Ich würde nicht raten, den Honig rein, dagegen es sehr

anempfehlen, den Honig mit einem passenden Tee vermengt zu nehmen. Ohne

Beimischung wirkt dieser edle Extrakt zu stark; noch bevor er den Hals

passiert, hat er diesen schon „rauh“ gemacht.

Wem das +Schlucken+ wegen Katarrh oder eines ähnlichen

Uebels schwer geht, lasse einen Kaffeelöffel Honig in ¼ Liter

Wasser aufkochen. Jeder Sänger hat so das herrlichste und süßeste

+Gurgelwasser+. Selbst wenn ein Tropfen hinunterrinnt, braucht man

sich vor dem Magenverderben und Vergiften nicht zu fürchten.

Das reinigende und stärkende +Honig-Augenwasser+ ist bekannt.

Siede einen Kaffeelöffel Honig in ¼ Liter Wasser fünf Minuten lang;

alsbald kannst du das Augenläppchen eintauchen.

Eines noch liegt mir am Herzen. Ich kenne einen Herrn von mehr als

achtzig Jahren. Dieser bereitet sich seinen +Tischwein+ täglich

selbst. Er gießt einen Eßlöffel echten Honig in siedendes Wasser und

läßt dieses eine Weile kochen. Der Trank ist fertig; er soll gesund

sein, kräftigen und vortrefflich munden. „Meine Gesundheit und meine

Rüstigkeit in solchem Alter,“ meinte der Greis, „verdanke ich diesem

Honigwein.“ Mag sein! Soviel kenne ich aus eigener Erfahrung (ich habe

sehr viel +Honigwein+ bereitet, sehr viel trinken sehen, selbst

auch manchmal ein Glas getrunken): dieser Wein wirkt lösend, reinigend,

nährend und stärkend. Nicht nur dem schwachen, auch dem starken

Geschlechte würde so ein Trank alle Ehre machen. Ich denke dabei stets

an den +Honigmet+ der alten Deutschen. Diesem unverfälschten Biere

schrieben sie, wie Tacitus erzählt, hauptsächlich ihre Gesundheit und

ihr hohes Alter zu. Wer als echter Sohn urdeutscher Väter sich einmal

also gestimmt fühlt, kann das Rezept dieses außer Gebrauch gekommenen

Getränkes auf Seite 161 finden.

=Huflattich.= (~Tussilago farfara L.~)

Der Schöpfer hat manches Kraut und manche Pflanze wachsen lassen, die

man wenig achtet oder gar verachtet, so daß man eine Freude hat, einer

solchen Pflanze einen Fußtritt geben zu können. Dieses Schicksal

trifft auch den Huflattich, weil er gewöhnlich als das reinste Unkraut

gilt. Wer aber diese Pflanze kennt, wird sie hochschätzen und als

vorzügliches Hausmittel behandeln.

Zum Reinigen der Brust und zum Säubern der Lungen ist es sehr ratsam,

Lattichtee zu trinken. Engbrüstigkeit und Husten kann recht leicht

durch diese +eine+ Pflanze gehoben werden, besonders wenn eine

Anlage zur Schwindsucht vorhanden ist. Diese Blätter können, auf ein

Tuch geheftet oder auch ohne dasselbe, auf die Brust gelegt werden.

Sie ziehen die Hitze aus, hemmen Schwächen oder entfernen die Fieber.

Vorzüglich wirken diese Blätter auf offene Geschwüre gelegt; sie nehmen

die Hitze, den Zuschlag (Röte) und ziehen die schädlichen Stoffe nach

außen.

Ganz besonders wirksam zeigen sich die Blätter bei offenen Füßen,

wenn die Stellen blau und schwarz, stark entzündet sind; sie nehmen

die Hitze und den Schmerz, und wiederholt aufgelegt sind sie ein

ausgezeichnetes Heilmittel. Also bei hitzigen Geschwüren, bei Rotlauf,

Gesichtsrose und ähnlichen Zuständen haben wir im Huflattich ein

vorzügliches Mittel. Diese Huflattichblätter können auch im Schatten

getrocknet, zu Pulver gerieben und als solches eingenommen werden;

täglich zwei- bis dreimal jedesmal ein bis zwei Messerspitzen voll;

dieses Pulver kann sogar in der Kost genommen werden.

=Johanniskraut.= (~Hypericum perforatum L.~)

Das Johanniskraut führte seiner großen Wirkungen wegen früher den Namen

+Hexenkraut+. Heutzutage sind seine Leistungen und es selbst ganz

vergessen.

Dieses Heilkraut übt besonderen Einfluß aus auf die Leber; sein Tee ist

ihr vorzüglichstes Heilmittel. Eine kleine Beimischung von Aloëpulver

erhöht die Wirkung, die sich im Urin zeigt, der oft ganze Flocken

unreiner Krankheitsstoffe mitschwemmt.

+Kopfleiden+, die von wässerigen Stoffen oder Verschleimungen im Kopfe,

auch von zum Kopfe dringenden Gasen herrühren, +Magendrücken+, leichte

+Verschleimungen von Brust und Lunge+ heilt Tee von Johanniskraut in

Bälde.

Mütter, denen kleine +Bettnässer+ viel Arbeit und Sorge bereiten,

wissen von der stärkenden Wirkung solchen Tees manches zu berichten.

In Ermangelung von Johanniskraut wende man für all die genannten

Zustände die Schafgarbe (~Achillea millefolium L.~) an.

=Kamille.= (~Matricaria chamomilla L.~)

+Kamillentee+ wird bei Erkältungen, besonders wenn diese fieberartige

Zustände begleiten, bei +Grimmen+ (heftigem Leibweh), +Krämpfen+,

starken +Kongestionen+ usw. verwendet; die +Kamillensäckchen+ sodann,

die trefflichen Wärmer bei verschiedenen Zuständen, sind in jedem Hause

so liebe Bekannte, daß es überflüssig erscheint, darüber ein Weiteres

zu sagen.

=Kampher.= (~Laurus Camphora L.~)

Die Anwendung von Kampher ist eine allgemein bekannte und geübte.

Derselbe wirkt lindernd, erweichend, schmerzstillend.

Zur Verwendung kommt der Kampher im Kampherspiritus und im Kampheröl.

Der +Kampherspiritus+ wird bereitet, indem man ein Stück Kampher, so

groß wie eine Haselnuß, in einem viertel Liter Spiritus auflöst, und

dient nur +äußerlich zum Einreiben bei Quetschungen, Verrenkungen,

rheumatischen und krampfhaften Zuständen+. Viele benützen ihn zur

+Stärkung und Kräftigung irgendeines Gliedes+; sie tun vollkommen recht.

Kampher, in Baumöl, Salatöl oder Mandelöl so lange gerieben, bis er

aufgelöst ist, gibt das +Kampheröl+. Es erweist sich als vortrefflich

zu +Einreibungen+ bei +Rheumatismus+ und Rückenschmerzen und lindert

die großen Schmerzen, welche +Gichtarten+ und ähnliche Geschwülste und

Verknorpelungen verursachen.

=Kleie.=

Wie unbegreiflich wir Menschen uns in manchen Stücken benehmen, das

zeigt so recht, wenn auch nur in einem kleinen, unscheinbaren Punkte,

die Behandlung der Kleie. Jede Dienstmagd wirft die Kleie den Schweinen

vor, die Kleie, die, ich möchte sagen, gesündere und kräftigere

Nährstoffe enthält als das Mehl selbst. Viel vernünftiger würde

diejenige Hausmutter handeln, welche die nahr- und heilkräftige Kleie

sorgfältig in selbsteigenen Verwahr nähme und dieses edle, nahrhafte

und gesunde Heilmittel ihren schwachen Kindern gönnte.

Meine Wasser-Kur Durch mehr als 40 Jahre erprobt und geschrieben zur Heilung der Krankheiten und Erhaltung der Gesundheit · 第 12 / 36 段