Doch zur Sache! Meine Überzeugung ist folgende: Beim menschlichen

Körper stimmt alles so wunderbar zusammen, der Teil zum Teil und jeder

Teil zum Ganzen, daß man nicht ansteht, das Gebilde des Körpers ein

einziges Kunstwerk zu nennen, dessen Idee nur in Gottes Schöpfergeist

ruhen konnte, und dessen Inswerksetzung nur durch Gottes Schöpferkraft

möglich war. Dieselbe Ordnung, dasselbe Maß, dieselbe Harmonie besteht

zwischen Einnahme und Verbrauch der zum Unterhalte, zur Erhaltung des

Körpers notwendigen Stoffe, wenn anders der vernünftige und freie

Mensch durch rechten Gebrauch des ihm Gegebenen nach Gottes Willen

mitarbeitet und nicht durch Mißbrauch desselben die Ordnung verkehrt

und Mißklänge in die Harmonie bringt. Da der Sachverhalt ein derartiger

ist, so kann ich mir nicht denken, wie die Blutbildung allein, dieser

wichtigste aller Prozesse im menschlichen Körper, ohne Ordnung, ohne

Zahl und Maß, ungeordnet und übermäßig vor sich gehen solle.

Jedes Kind, so denke ich mir die Sache, bekommt von seiner Mutter

mit dem Leben als Erbteil gleich bei der Geburt ein Quantum, eine

Portion Blutbildungsstoff mit, mag man letzteren nennen, wie man will,

gleichsam die Essenz, ohne welche kein Blut fabriziert, bereitet werden

kann. Geht diese Essenz aus, so hört auch die Blutbildung, mit ihr

das eigentliche Leben auf. Absterben, hinsiechen nenne ich nicht mehr

„leben“. Durch einen jeden Blutverlust nun, geschehe es durch Fall,

Sturz oder durch Aderlaß, Blutegel, Schröpfköpfe, geht ein Teilchen

oder Teil dieses Blutbildungsstoffes, dieser Lebensessenz verloren; um

so viel hat der Mensch weniger, kürzer zu leben. Jede Blutentziehung

bedeutet soviel als Verkürzung des Lebens, denn im Blute ist das Leben.

Man wendet ein: Nichts geht rascher als Blutbildung; Blut verlieren,

Blut gewinnen, ist fast ein und dasselbe. --

Unglaublich wunderbar schnell geht die Blutbildung vor sich,

das gestehe ich vollkommen zu. Aber man entschuldige folgendes

Erfahrungsargument (Beispiel); es wird meine Leser aus dem Bauernstand

interessieren und sie werden es bestätigen müssen. Wer ein Stück Vieh

schnell fett machen will, zapft ihm einen großen Teil Blutes ab,

läßt ihm zur Ader und füttert es dann recht gut. In ganz kurzer Zeit

wird neues, schönes Blut in Menge fließen. Dabei gedeiht das Stück

außerordentlich und nimmt zu an Fettigkeit. Nach 3-4 Wochen läßt man

nochmals Blut ab und füttert wieder kräftig und gut, gibt auch viele

und kräftige Tränke. Das Gedeihen ist prächtig, und selbst ein altes

Stück Vieh wird beim Schlachten so viel und so schönes Blut zeigen wie

ein junges. Sehen wir uns indessen das Blut näher an! Das künstlich

gebildete Blut ist nur mehr wässeriges, fades, lebensunfähiges Blut.

Das Stück Vieh hat keine Kraft, keine Leistungsfähigkeit, keine

Ausdauer mehr, und wird es nicht bald geschlachtet, so wird sich binnen

kurzem die Wassersucht ansetzen.

Sollte es bei dem Menschen anders sein? Wer schon mehr als 60 Jahre

zählt und ein bißchen Erfahrung und Einsicht hat ins Menschenleben,

weiß, wie gerade der unmäßige Aderlaß der Voreltern Einfluß hatte auf

Fähigkeiten, Talente, Lebensdauer der Nachkommen. Der im Beginne dieser

Abhandlung angeführte Herr, der so viele Unzen Blut lassen mußte, starb

in den schönsten Mannesjahren an der Wassersucht. Und wenn eine Frau,

es sind dieses Tatsachen, 300mal, eine andere 400mal sich zur Ader

ließ und dabei namenlos schwach und krank wurde, mußte da die folgende

Generation nicht schwächlich und gebrechlich, zu Krämpfen und anderen

Leiden veranlagt sein?

Ich gestehe gerne zu, daß es Fälle geben kann, welche aber stets zu

den Ausnahmen gehören, +in denen+, da andere rasch wirkende

Mittel nicht zur Hand sind, +der Aderlaß eine augenblickliche Gefahr

beseitigt+.

Sonst aber frage ich jeden vernünftigen Unparteiischen: Was ist besser,

sich Stück für Stück vom Lebensfaden abzwacken zu lassen, oder durch

richtige Wasseranwendung das Blut so zu verteilen, daß selbst der

Vollblütigste kein zu großes Quantum Blut besitzt? -- Wie und durch

welche Anwendungen diese Verteilung zu geschehen habe, ist an passender

Stelle des öfteren erörtert.

Gewöhnlich bekommt man zu hören, daß bei +drohenden

Schlaganfällen+ der Aderlaß das einzige Rettungsmittel sei. Da

erinnere ich mich soeben des Falles, wo nach einem stattgehabten

Schlagflusse der erste Arzt in der Tat schnell zur Ader ließ, der

zweite Arzt aber bestimmt erklärte, der Kranke müsse gerade infolge

dieses Aderlasses sterben, was auch geschah. Nicht Blutreichtum und

Blutüberfluß führen, wie irrtümlicher Weise die Leute meinen, in der

Regel einen Schlag herbei, sondern Blutarmut. „Er ist am Schlage

verschieden“ heißt gewöhnlich soviel als: mit dem Ausgehen des Blutes

ist ihm auch das Leben ausgegangen. Das Öl hat aufgehört zu fließen und

zu befruchten; deshalb ist der glimmende Docht völlig erloschen.

Welch nützliche Dienste gerade nach Schlaganfällen das Wasser leistet,

lese man im dritten Teile nach. Ich bemerke hier nur noch, daß gerade

mein Vorgänger im pfarrlichen Amte dreimal vom Schlage gerührt und nach

dem dritten Male vom Arzt als lebensunfähig erklärt wurde. Das Wasser

hat ihn nicht nur im Augenblicke gerettet, sondern noch mehrere Jahre

seiner Gemeinde erhalten.

~B.~ Bäder.

I. Fußbäder

Die Fußbäder können kalt und warm zur Anwendung kommen.

1. Das kalte Fußbad

besteht darin, daß man +1-3 Minuten bis an oder über die Waden in

kaltem Wasser steht+.

Bei +Krankheiten+ dienen kalte Bäder vornehmlich dazu, das Blut von

Kopf und Brust abwärts zu leiten; sie kommen indessen meist nur in

Verbindung mit anderen Anwendungen vor, zuweilen in Fällen, in denen

Ganz- oder Halbbäder von den Patienten verschiedener Ursachen wegen

nicht ertragen werden.

Bei +Gesunden+ bezwecken sie Auffrischung (Entziehung der Mattigkeit)

und Kräftigung und sind Landleuten insbesondere zur Sommerszeit

anzuraten, wenn nach anstrengenden, sehr ermüdenden Tagen nachts der

Schlaf sich nicht einstellen will. Sie ziehen die Müdigkeit aus,

bringen Ruhe und guten Schlaf.

2. Das warme Fußbad

kann auf verschiedene Art genommen werden.

~a~) In warmes Wasser von 25-26° ~R.~ bringt man +eine Hand voll Salz+

und die doppelte Quantität +Holzasche+. Nach gehöriger Mischung benützt

man das Fußbad ungefähr 12-15 Minuten.

+Zuweilen+ gebe ich -- es muß solches stets besonders verordnet werden

-- so ein Fußbad mit einer Temperatur +bis+ zu 30°, jedoch stets mit

darauffolgendem +kalten+ Fußbad von der Dauer einer halben Minute.

Die Fußbäder dienen vortrefflich überall da, wo wegen Kränklichkeit,

Gebrechlichkeit, mangelnder Körperwärme usw. strenge und kalte Mittel

nicht leicht gebraucht werden können, da zu geringe oder gar keine

Reaktion stattfindet, d. h. das kalte Wasser wegen Blutmangels zu wenig

Wärme entwickelt.

Es sind die eigentlichen Fußbäder für +schwächliche+, +blutarme+,

+nervöse+, +sehr junge und sehr alte+, vorherrschend für

+Frauens-Personen+ und erweisen sich sehr wirksam bei allen +Störungen

im Blutumlaufe+, +bei Kongestionen+, +Kopf-+ und +Halsleiden+,

+Krämpfen+ usw.

Sie leiten, ziehen das Blut nach den Füßen und wirken beruhigend.

Solchen, die an +Fußschweiß+ leiden, empfehle ich dieselben +nicht+.

Bei unserem Landvolke sind diese warmen Fußbäder allbekannt und deren

Wirkungen, wie der häufige Gebrauch zeigt, allgemein bekannt.

~b~) Ein heilkräftiges Fußbad ist das +Heublumen-Fußbad+.

Man übergießt („schwellt an“) eine kleine Schürze (3-5 +Hand+ voll)

Heublumen[5] mit strudelndem Wasser, deckt das Gefäß zu und läßt die

ganze Mischung bis zu der angenehmen Fußbadwärme von 25-26° ~R.~

erkalten.

Es ist +ganz gleichgültig+, ob die Heublumen selbst im Fußbade

verbleiben, oder ob nach Entfernung derselben der Absud allein zur

Verwendung komme. Gewöhnliche Leute lassen der Einfachheit und

Zeitersparnis wegen in der Regel alles beisammen.

Diese Fußbäder wirken +auflösend+, +ausleitend+ und +stärkend+ und

dienen sehr gut bei +kranken+ Füßen, des weiteren bei +Fußschweißen+,

+bei offenen Schäden+, +bei Quetschungen aller Art+ (ob durch Schlag,

Stoß, Auffallen usw. entstanden, ob blutend oder blutunterlaufen), bei

+Geschwülsten+, bei der +Fußgicht+, +bei Verknorpelungen+ an und bei

+Fäulnis zwischen den Zehen+, bei +Nagelgeschwüren+, bei +Verletzungen+

durch zu enge Schuhe usw. Im allgemeinen kann gesagt werden: +diese

Fußbäder dienen all jenen Füßen vortrefflich, deren Säfte mehr

krankhaft und zur Fäulnis neigend als frisch und gesund sind+.

Ein Herr litt entsetzlich an der Fußgicht. Er schrie vor Schmerzen. Ein

solches Fußbad mit Fußwickel, der in den Absud getaucht war, benahm

nach einer Stunde die gräßlichen Schmerzen.

~c~) An das Heublumenfußbad schließt sich enge an das

=Haberstrohfußbad=.

In einem Kessel werde Haberstroh eine halbe Stunde lang gesotten und

der Absud zu einem Fußbade von 25-26° ~R.~ verwendet, in dem man 20-30

Minuten aushält.

Nach meinen Erfahrungen sind diese Fußbäder +unübertroffen+, wenn

es sich um +Auflösung aller möglichen Verhärtungen+ an den +Füßen+

handelt. Sie dienen somit bei +Verknorpelungen+, +Knoten+ usw.,

den Folgen von Gicht, +Gliedersucht+, Podagra, bei +Hühneraugen+,

+bei eingewachsenen faulenden Nägeln+, bei durch Gehen entstandenen

+Hitzblattern+. +Selbst offene, eiternde Füße und durch zu scharfen

Fußschweiß verwundete Zehen+ können in diesem Fußbade behandelt werden.

Ein Herr schnitt sich das Hühnerauge aus. Die Zehen entzündeten sich;

ein +bösartiges+ Geschwür ließ an Blutvergiftung denken. Täglich drei

Haberstrohfußbäder und bis über die Fußknöchel reichende Fußwickel, in

solchen Absud getaucht, heilten den Fuß innerhalb vier Tagen.

Einem Kranken drohten sämtliche Zehen eines Fußes wegzufaulen.

Geschwülste, dunkelblau gefärbt, legten wiederum die Besorgnis vor

Blutzersetzung nahe. Die Fußbäder und Fußwickel halfen in kurzer Zeit

wieder auf die Beine.

In manchen Fällen verordne ich bei den genannten Fußbädern (man lese

die einschlägige Stelle bei: „Warmes Vollbad“ S. 57) wie bei den

warmen Vollbädern den +dreimaligen Wechsel+. Den Abschluß bildet

auch hier wie dort das Kalte. Eine stete Ausnahme bildet jedoch das

oben unter a erwähnte 25 bis 26° warme Fußbad mit Beigabe von Asche

und Salz. Dasselbe hat den Zweck, das Blut in verstärkter Weise von

oben nach unten zu ziehen und daselbst zu verteilen. Wer auf dieses

warme Fußbad also noch ein kaltes folgen ließe als Abschluß, der

würde das stark nach den Füßen geleitete Blut abermals von unten nach

oben zurückschrecken, und es würde dasselbe keineswegs mehr in so

ausgiebiger Menge in die Füße hinabfließen, in der es durch das warme

Wasser mit Asche und Salz hinabgezogen wurde. Die erste, gewollte

Wirkung würde auf diese Art wenigstens teilweise aufgehoben und der

Zweck vereitelt. Auf das warme Fußbad mit Beigabe von Asche und Salz

folgt also nie ein kaltes.

~d~) An eine besondere Art von Fußbädern, die mehr fester als tropfbar

flüssiger Natur sind, möchte ich hier nur erinnern. Wer in die

Möglichkeit ihres Gebrauches gesetzt ist, verschmähe dieselben nicht!

Ich habe sie oft, sehr oft mit großem Erfolge angewendet.

Man lege in ein Gefäß (Fußkübel) den noch +warmen Malztreber+. Die Füße

bohren sich leicht ein und fühlen sich in der wohltuenden Wärme bald

heimisch. Das Bad kann 15 bis 30 Minuten währen. -- Noch stärker wirken

die Trebern der Weintrauben. Das sogenannte „Trebernhocken“ ist in den

Weingegenden beim Volke bekannt und das Trebernbad von den Landleuten

als sehr günstig wirkend erprobt.

Wer an +Rheumatismus+, +Gicht+ oder ähnlichen Übeln leidet, wird die

Heilwirkung am besten spüren.

Eine +Bemerkung+, welche +für sämtliche Fußbäder+ gilt, ist folgende:

Bei Personen, die mit +Krampfadern+ behaftet sind, sollen die Fußbäder

nie weiter als +bis zu den beginnenden Waden+ reichen und die

Temperatur von 25° ~R.~ nicht übersteigen.

Fußbäder mit +einfachem warmem Wasser, ohne jede Beimischung+, nehme

und verordne +ich nie+.

II. Halbbäder.

Im allgemeinen verstehe ich unter Halbbädern jene Bäder, welche den

Körper im höchsten Falle bis zur Mitte des Unterleibes, ungefähr bis

zur Magengegend herauf bespülen, aber sehr oft unter diesem höchsten

Wasserstande bleiben. Ich mußte ein +Mittelding+ haben +zwischen+ den

+Vollbädern+, die mir zu viel, +und zwischen+ den +Fußbädern+, die mir

zu wenig bieten. Für dieses Mittelding wählte ich mit Verlaub den Namen

Halbbäder.

Die +Anwendung+ kommt in +dreifacher+ Art vor:

1. +ins Wasser stehen, so daß dieses reicht bis über die Waden oder

über die Knie+;

2. +ins Wasser knien, so daß die ganzen Schenkel mit ins Wasser kommen+;

3. +ins Wasser sitzen+. Die dritte Art nur verdient mit Recht den Namen

des +eigentlichen Halbbades+; es reicht bis zur Mitte des Unterleibes,

bis in die Nabelgegend.

Alle drei Anwendungen, die +stets nur in kaltem Wasser+ vorgenommen

werden, zählen in erster Linie mit zu den +Abhärtungsmitteln+. Sie

betreffen demnach +Gesunde+, die noch stärker, +Schwächlinge+, die

stark, +Rekonvaleszenten+, die vollends gesund und stark werden wollen.

In +Krankheitsfällen+ muß ihr Gebrauch speziell und +ausdrücklich

vorgeschrieben+ sein, sonst soll man damit keine Versuche anstellen,

sie könnten unter Umständen nicht gut ausfallen.

Bei jeder Art des Verwendens, sie betreffe Gesunde oder Kranke, ist

die Anwendung +stets+ eine +Teilanwendung+, d. h. sie kommt nur in

Verwendung mit anderen Anwendungen vor und darf die +Gebrauchszeit ½-3

Minuten+ nie übersteigen.

+Die Nummern 1 und 2+, ins Wasser stehen und ins Wasser knien, habe ich

bei solchen Personen, die +an Kraft+ durch die verschiedensten Ursachen

+gänzlich heruntergekommen+ waren, beim Beginne der Wasserkur stets

mit großem Erfolge angewendet. Ich will diese Ursachen nicht nennen,

sondern nur andeuten, daß es viele gibt, welche den Druck des Wassers

bei Vollbädern anfangs ohne die unangenehmsten Folgen nicht ertragen

können. Man gehe über diesen Punkt nicht mit vornehmem Naserümpfen oder

mit Lachen hinweg. Ich wäre gerne bereit, nicht einige, nein, Hunderte

von schlagenden, lebendigen Beispielen aus den verschiedensten Klassen

und Ständen anzuführen. Gerade solche (wegen zu großer Schwäche und

Armseligkeit) Kranke haben mich auf diese zwei Anwendungen gebracht;

ihr Zustand erforderte diese diskrete, maß- und rücksichtsvollste

Wasserbehandlung -- manchmal durch lange Wochen hindurch, so lange, bis

sie mehr gekräftigt auch mehr aushalten konnten.

Als +zweite abhärtende Übung+ wird mit beiden Nummern gewöhnlich

verbunden +das Eintauchen der Arme bis zu den Achseln+ (s.

Abhärtungsmittel S. 29). Neben +Stählung der Natur+ verordne ich diese

eine ganze (aus zwei Teilanwendungen bestehende) +Anwendung speziell

gegen kalte Füße+.

Die +Nummer 3+, das eigentliche Halbbad ist wohl zu beachten; ich

empfehle dieses allen +Gesunden+ auf das eindringlichste. Die

+Unterleibsschwächen+ und +Unterleibskrankheiten+ -- und deren Zahl

ist Legion, deren Ursache im Grunde nur eine: Mangel an Abhärtung,

Verweichlichung -- werden durch sie im Keime erstickt, die schon

seßhaften beseitigt. Diese Halbbäder +kräftigen den Unterleib+,

+erhalten und mehren die Kraft+. Tausende und Tausende von Menschen

tragen eine, zwei, mehr +Leibbinden+ und anderes. Machen die es besser?

Oft schlimmer; sie binden die Verweichlichung, das Gebrechen erst recht

sozusagen in den armen Leib hinein. Man probiere einmal langsam, aber

entschieden unser Halbbad! Die Klagen über +Hämorrhoiden+, +Windkolik+,

+Hypochondrie+, +Hysterie+ usw. werden sich in Bälde bedeutend

mindern, Übel, die jetzt im kranken und geschwächten Unterleib ihr

geistverrückendes Spiel treiben.

Gesunden gebe ich den Rat, sie sollen morgens beim Aufstehen den

Oberkörper waschen, nachmittags oder abends sodann unser Halbbad

nehmen. Haben sie zur Waschung in der Frühe keine Zeit, so mögen sie

im Halbbade selbst die Waschung des Oberkörpers (der Brust und des

Rückens) vornehmen.

Über den Gebrauch der einen oder anderen unserer drei Anwendungen in

Krankheitsfällen mögen Beispiele ein Wort sagen.

Ein junger Mann wurde +durch den Typhus derart geschwächt+, daß er zu

jeder Arbeit unfähig war. Längere Zeit hindurch kniete er jeden 2. oder

3. Tag 1, später 2-3 Minuten ins Wasser.

Er erholte sich von Woche zu Woche mehr und wurde kräftig wie früher.

Jemand leidet an +heftigen Kongestionen+, die vom Unterleibe (es kommt

dieses häufig vor) ausgehen. Er wäscht den einen Tag den Oberkörper

kräftig ab, den andern Tag kniet er ins Wasser. So setzt er es eine

geraume Zeit fort und wird frei.

+Magenleiden+, die von Blähungen, verhaltenen oder versessenen Winden

herrühren, werden ebenso geheilt.

+Das Austreiben solcher Gase+, die nach Krankheiten zu den

belästigendsten Übeln gehören können, ist ein Spezifikum, d. i. eine

ganz besondere Wirkung unseres Halbbades.

III. Sitzbäder.

Die Sitzbäder kommen +kalt+ und +warm+ zur Verwendung.

1. Das kalte Sitzbad

wird in folgender Weise genommen.

[Illustration: (_a._)

Fig. 2.]

[Illustration: (_b._)

Fig. 3.]

Die eigens für die Sitzbäder gefertigte Sitzbadewanne (Fig. 2) oder

in deren Ermangelung das weite, nicht tiefwandige Gefäß aus Holz,

Blech oder Zink (Fig. 3) wird zum vierten oder fünften Teile etwa mit

Kaltwasser angefüllt. In diese Wanne setzt man sich ausgekleidet wie

auf einen Stuhl derart, daß der halbe Unterleib bis in die Nierengegend

und die obere Hälfte der Schenkel in das Wasser kommen. Die andere

Schenkelhälfte gegen die Knie zu und die Füße kommen außer Wasser zu

stehen (Fig. 4). Wer schon einige Praxis hat, braucht sich nicht ganz

auszukleiden. Die Dauer eines Bades beträgt eine +halbe bis drei

Minuten+.

[Illustration: Fig. 4.]

Diese kalten Sitzbäder gehören nebst den Halbbädern zu den

+bedeutsamsten+ und +wirksamsten Anwendungen speziell für den

Unterleib+. Sie sind +Luft+ (Gas) +ausleitend+, die schwache

+Verdauung+ und den +Stuhlgang befördernd, den Blutumlauf regelnd,

stärkend und deshalb bei Bleichsucht, Blutfluß+ und +ähnlichen

Zuständen+, +bei Unterleibsgebrechen der delikatesten Art+ nicht genug

zu empfehlen. Niemand braucht die naßkalte, nur 1-2 Minuten dauernde

Anwendung zu fürchten. Gut und nach Vorschrift ausgeführt kann dieselbe

niemals schaden.

Um +Erkältungen vorzubeugen+, um +gefeit+, +gekräftigt+,

+unempfindlich+ zu werden +gegen den häufig so arg mitspielenden

Temperaturwechsel+, nehme man öfters solche Sitzbäder, am besten

+nachts vom Bette+ aus. Man erwacht zu irgend einer Stunde, steigt

schnell ins Sitzbad (das Auskleiden bleibt erspart) und sofort, ohne

abzutrocknen, wieder ins Bett. Vor oftmaligem Gebrauche hintereinander

möchte ich jedoch warnen, weil dadurch das Blut zu sehr in die

Sitzteile geleitet wird und so Hämorrhoiden großgezogen werden; 2-3 mal

in der Woche geht an.

Wem +der gesunde ruhige Schlaf+ fehlt, schon beim Beginn der

Nachtruhe, +wer nachts aufwacht und nicht wieder einschlafen

kann+, wer überhaupt an +Schlaflosigkeit+ leidet, benütze

fleißig das kalte Sitzbad. Die Sitzungen während je 1-2 Minuten

+benehmen die Aufregung+ und verschaffen angenehme Ruhe.

Ein Patient vermochte geraume Zeit hindurch selten länger als

1-2 Stunden zu schlafen und wälzte sich, alle möglichen Gedanken

aufgreifend, in immer tiefere Aufregung hinein. Diese Bäder brachten

ihm den heißersehnten Gast.

+Wer in der Frühe mit eingenommenem Kopfe+, +wer matter

aufsteht+, als er zur Ruhe ging: beiden rate ich dringend diese

Anwendung.

Auch allen Gesunden sei dieselbe hiemit nochmals aufs wärmste

empfohlen.

2. Das warme Sitzbad

bereite ich niemals mit warmem Wasser allein. Dasselbe ist bei mir

stets entweder

~a~) ein +Zinnkraut-Sitzbad+ oder

~b~) ein +Haberstroh-Sitzbad+ oder

~c~) ein +Heublumen-Sitzbad+.

Die +Zubereitung+ der drei Bäder geschieht auf eine und dieselbe

Weise. Man gießt strudelndes Wasser über das Kraut und läßt die

Mischung auf dem Feuer eine Zeit aufkochen. Sodann rückt man das

Kochgefäß aus der Hitze weg, läßt den Absud samt dem Kraut abkühlen,

bis er die Badetemperatur von 24 bis 26°, selten 30° ~R.~ erreicht

hat, und schüttet beides, Absud und Kraut, in die bereitstehende

Sitzbadewanne. So ein Sitzbad darf eine Viertelstunde währen, und da es

schade wäre, den Absud alsdann wegzugießen, lasse ich denselben noch

zu zwei weiteren Anwendungen benützen. Die eine geschieht 3-4 Stunden

später als die erste, die andere eine Stunde später als die zweite

Anwendung, beide im kalten Absude, je zu 1-2 Minuten.

Solche Kräutersitzbäder erlaube ich +wöchentlich höchstens zwei-

bis dreimal, öfters nur im Wechsel mit kalten oder in Fällen+, wo

es sich um die +Heilung eines tief eingewurzelten Übels handelt+,

wie bei hervorragenden Hämorrhoidalleiden, bei Mastdarmfisteln,

Blinddarmbeschwerden und ähnlichem.

+Bruchleidende+ brauchen sich durch ihr Gebrechen von der Benützung

dieser Bäder nicht abhalten zu lassen.

~a~) Das =Zinnkraut-Sitzbad= dient speziell und hauptsächlich bei

+krampfhaften, rheumatischen Zuständen der Nieren und der Blase+,

bei +Gries-+ und +Steinleiden+, bei +Beschwerden im Urinieren+

(Wassermachen).

~b~) Das =Haberstroh-Sitzbad= ist ein vorzügliches Bad bei allen

+gichtischen Leiden+.

~c~) Das =Heublumen-Sitzbad= hat mehr +allgemeine Wirkung+ und wird in

Ermangelung von Zinnkraut und Haberstroh bei allen oben angeführten

Unterleibsleiden angewandt, wenn auch weniger wirksam. Gute Dienste

hat es mir stets geleistet bei der +Auflösung+ von +Anstauungen+ im

Unterleibe, bei der Behandlung von +äußeren Geschwülsten+, +Geschwüren+

(Gürtelausschlag), +bei hartem Stuhlgang+, +bei Hämorrhoiden+, +bei

krampfhaften und kolikartigen Erscheinungen+ (+Windkolik+).

IV. Vollbäder oder Ganzbäder.

Auch diese Bäder werden unterschieden in kalte und warme Vollbäder.

Jede Art dient sowohl den Gesunden als den Kranken.

1. Das kalte Vollbad

kann auf +zweifache+ Weise genommen werden: entweder steht oder

liegt man +mit dem ganzen Körper in das kalte Wasser+, in die

Badewanne; oder man geht, um den fühlbaren Druck des Wassers auf die

Lunge zu vermeiden (obgleich nie eine Gefahr ist), nur +bis unter die

Arme+ ins Wasser, so daß die Lungenspitzen frei bleiben, und wäscht

den Oberkörper mit der Hand oder einem rauhen Linnen (Handtuche) rasch

ab.

Die +kürzeste Dauer+ eines solchen kalten Vollbades ist +eine

halbe Minute+, die längste, welche nicht überschritten werden soll,

+drei Minuten+.

Auf diese meine Sonderanschauung werde ich im folgenden noch einige

Male zurückkommen müssen. Hier stehe nur die Bemerkung, daß ich vor

ungefähr 20 Jahren selbst noch anderer Meinung war, Bäder von längerer

Dauer anriet und im Glauben lebte, die Wasserheilanstalten könnten von

der besten Methode nicht weit abirren.

Die langjährige Erfahrung und die tägliche Praxis an mir und an anderen

haben mich seit langer Zeit, wie ich glaube, eines Besseren belehrt.

Diese Lehrmeisterinnen brachten mich zu der festen Überzeugung, daß bei

Kaltwasserbädern der Grundsatz der richtige und wahre ist:

+Je kürzer das Bad, desto besser die Wirkung.+ Wer eine Minute

im kalten Vollbade bleibt, handelt klüger und sicherer als derjenige,

welcher fünf Minuten darinnen bleibt.

Mögen Gesunde oder Kranke dieses Bad gebrauchen, +ich verwerfe ein

jedes+, +das über drei Minuten dauert+.

Diese Überzeugung, die unzählige Tatsachen gebracht und seitdem

bestätigt haben, macht es erklärlich, daß ich über die schroffen

Anwendungen in Wasserheilanstalten, auch über das vielfach unüberlegte

Baden zur Sommerszeit meine eigenen Anschauungen habe.

Was den letzten Punkt angeht, so gibt es Leute, welche einmal, ja

zweimal im Tage je eine halbe Stunde und darüber im Wasser bleiben.

Bei tüchtigen Schwimmern, die starke Bewegung machen und nach dem

Baden gute, kräftige Nahrung zu sich nehmen können, sage ich weniger.

Die kräftige Natur wird schnell ersetzen, was das Bad ihr genommen.

Den Landratten aber, die ohne rechte Bewegung wie mühsam gehende

Schildkröten eine halbe Stunde im Wasser herumkriechen, nützt so ein

Badmartyrium nicht nur nichts (die Reinigung der Hautwäsche hätten sie

billiger haben können), es schadet, und wenn es öfters, gar zu oft

wiederkehrt, schadet es viel: derlei Bäder machen schlaff und müde.

Statt daß sie der Natur, dem Organismus nützen, ziehen sie ihn aus;

statt daß sie kräftigen und nähren, zehren sie.

~a~) Das kalte Vollbad für Gesunde.

Meine Wasser-Kur Durch mehr als 40 Jahre erprobt und geschrieben zur Heilung der Krankheiten und Erhaltung der Gesundheit · 第 4 / 36 段