das =Gehen auf nassen Steinen=, das vielen bequemer und leichter ist.
Jedes Haus und Häuschen hat im Parterre oder in einem Stockwerke,
in der Waschküche oder Backküche usw. ein größeres oder kleineres
Steinpflaster; beide genügen zu unserem bloßfüßigen Spaziergange auf
nassen Steinen. Im langgestreckten Steingange wird man mit beflügeltem
Schritte hin- und herwandern, auf dem Fleckchen von 4-5 Steinplatten
wird man die Steine treten, wie der Winzerbube die Trauben, wie an
manchem Orte der Bäckerlehrling den Teig tritt. Die Hauptsache besteht
lediglich darin, daß die Steine naß sind, und daß man nicht ruhig
auf denselben stehe, sondern in ziemlich rascher Bewegung gehe. Zum
Benetzen der Steine nimmt man am besten eine Gießkanne oder einen Krug,
zieht eine den Raumverhältnissen entsprechend dicke Wasserlinie, welche
man durch das Treten erweitert. Sollten die Steine rasch trocknen, so
müßte das Aufgießen ein-, zuweilen zwei- bis dreimal erneuert werden;
hiebei dient das kälteste Wasser am vorzüglichsten.
In Fällen, in denen dieses Abhärtungsmittel zu Heilzwecken verwendet
wird, darf seine Anwendungszeit die Dauer von 3-15 Minuten nicht
überschreiten. Diese wird sich richten nach dem Zustande des Patienten,
ob er stärker oder schwächer, blutarm usw. sei; in der Regel dürften
3-5 Minuten ausreichen. Als reines Abhärtungsmittel von Gesunden kann
die Übung bis zu einer halben Stunde und noch länger ohne Schaden
ausgedehnt werden. Ich empfehle sie allen jenen, welche eine solide
Abhärtung beginnen wollen. Selbst der Schwächste und Empfindlichste
möge sich nicht abschrecken lassen!
Wer an kalten Füßen leidet, Halsbeschwerden, Katarrhen leicht
zugänglich ist, Blutandrang zum Kopfe und von letzterem erzeugtes
Kopfweh hat, trete oft diese Steinwanderung an. Er tut gut, wenn er dem
aufzugießenden Wasser etwas Essig beimischt.
Für die Bekleidung und Bewegung gelten dieselben Regeln wie beim Gehen
im Grase. Wie letzteres, so kann auch das Steingehen mit kalten (vor
der Übung nicht warmen) Füßen geschehen.
* * * * *
=4.= Größere Wirkung als durch die beiden vorhergehenden Übungen
wird erzielt durch das =Gehen im neugefallenen Schnee=. Wir bemerken
ausdrücklich: im +neugefallenen+, frischen Schnee, der sich ballt oder
wie Staub den Füßen anlegt, nicht in altem, starrem, festgefrorenem
Schnee, welcher zu empfindlich kältet und nichts taugt. Zudem soll
diese Wanderung nie angetreten werden bei schneidend kaltem Winde,
wohl aber, wenn bei der Frühlingssonne der Schnee schmilzt. Ich kenne
manchen, der in solcher Schneesulze ½, eine ganze Stunde, ja 1½ Stunden
mit den besten Erfolgen herumspazierte. Eine kleine Überwindung
kosteten nur die ersten Minuten des Beginnes: später zeigte sich von
Unbehagen oder besonderer Kälte keine Spur mehr. Die regelmäßige Dauer
dieses Schneeganges ist 3-4 Minuten. Ich betone ausdrücklich: es darf
nicht stille gestanden, es muß +gegangen+ werden.
Zuweilen kommt es vor, daß gar zu zarte, der äußern Luft ganz entwöhnte
Zehen die Schneekälte nicht ertragen können und Schneefieber bekommen,
d. i. trocken, heiß werden, schmerzhaft brennen und aufschwellen.
Man erschrecke nicht, die Sache hat keine Bedeutung, und die Heilung
erfolgt schnell, wenn man die trockenen Zehen öfters mit Schneewasser
tränkt oder mit Schnee leicht reibt.
Die Schneetour kann im Herbste z. B. ersetzt werden durch einen Gang
im +Grase mit Reif+. Das Kältegefühl ist hier viel empfindlicher,
da der Körper in dieser Übergangszeit noch zu wenig der Sommerwärme
entwöhnt ist. Im Winter selbst vertritt den Schneegang ein Gang auf
Steinplatten, welche mit Schneewasser getränkt wurden. Bezüglich des
Ankleidens und der Bewegung lese man die bei den vorhergehenden Nummern
angegebenen Regeln.
Das sind Torheiten, Narrheiten usw., so lauten in der Regel die
Empfehlungen gerade dieser Abhärtungsübung, von der man Erkältungen,
Rheumatismen, Halsleiden, Katarrhe, alles Mögliche fürchtet. Es kommt
alles nur auf eine Probe und kleine Überwindung an; man wird sich
bald überzeugen, wie unbegründet die Vorurteile sind, und wie der
schreckliche Schneegang statt der Nachteile große Vorteile bringt.[3]
Vor vielen Jahren kannte ich eine höhere Beamtenfrau. Die energische
Mutter hielt große Stücke auf die Abhärtung ihrer Kinder; wählerisches
Verfahren beim Essen oder Trinken wurde durchaus nicht geduldet, Klagen
über Witterung, Wärme, Kälte usw. stets gerügt. Sobald der erste
Schnee fiel, versprach sie den Jungen Butterbrot mit Honig, wenn sie
es wagten, eine Weile es barfuß mit dem Schnee aufzunehmen. So tat sie
lange Jahre; die Kinder erstarkten, strotzten von Kraft und waren ihr
ganzes Leben überaus dankbar für diese nichts weniger als weichliche
Erziehung. Diese Mutter hat ihre Aufgabe vortrefflich verstanden.
Das wäre der +Schneelauf+ von Gesunden; es folgen zwei Fälle, welche
zeigen sollen, wie +erfolgreich+ man ihn +bei manchen Leiden+ anwendet.
Eine Person litt viele Jahre hindurch zur Winterszeit an +Frostbeulen+,
welche aufbrachen, eiterten und große Schmerzen verursachten. Im
ersten Herbstschnee fing sie, meinem Rate folgend, die Schneegänge an,
wiederholte dieselben öfters und blieb von den lästigen Beulen gänzlich
verschont.
Erst kürzlich kam ein 17jähriges Mädchen zu mir und klagte über heftige
+Zahnschmerzen+. „Gingest du fünf Minuten im neugefallenen Schnee,“
sagte ich ihr, „dein Zahnweh würde bald verschwinden.“ Es befolgte
augenblicklich den Rat, eilte dem Garten zu und kam nach 10 Minuten
zurück mit dem freudigen Rufe, daß alles Zahnweh gänzlich nachgelassen
habe.
+Niemals+ darf das Schneegehen stattfinden, wenn nicht der ganze Körper
warm ist. Wen friert oder fröstelt, der suche zuerst durch Arbeit
oder Bewegung die normale Leibeswärme sich zu verschaffen. Personen,
die an Fußschweiß, offenen Füßen, aufgesprungenen, oder eiternden
Frostbeulen leiden, können selbstverständlich niemals im Schnee gehen,
bis anderweitige Heilung (s. Fußbad oder Fußdampf) eingetreten.
* * * * *
=5.= =Im Wasser gehen.= So einfach es scheint, im Wasser bis an
die Waden zu gehen, so dient doch gerade diese Anwendung ~a~) zur
Abhärtung; es wirkt diese Anwendung auf den ganzen Körper, kräftigt
die ganze Natur; ~b~) sie wirkt günstig auf die Nieren und auf
Ableitung des Harnes, verhütet deswegen manche Leiden, die in den
Nieren, der Blase und im Unterleib entstehen; ~c~) sie wirkt recht
gut auf die Brust, erleichtert das Atmen und leitet Gase aus dem
Magen; ~d~) sie wirkt besonders gegen Kopfleiden, Eingenommenheit des
Kopfes, Kopfschmerzen. Man kann dieses Abhärtungsmittel anwenden,
indem man in eine Badewanne (oder Schaff, Zuber) anfangs bis über die
Knöchel im kalten Wasser Bewegung macht. Wirksamer ist es, wenn die
Abhärtung gesteigert wird und man bis an die Waden im Wasser geht, am
wirksamsten, wenn das Wasser bis zu den Knien reicht.
[Illustration: Fig. 1.]
Die Dauer betreffend, so kann man anfangen mit einer Minute, dann
länger bis 5 und 6 Minuten. Je kälter dabei das Wasser, um so besser.
Nach solcher Anwendung ist Bewegung im Winter im warmen Zimmer, im
Sommer im Freien zu machen, bis zur vollständigen Erwärmung. Im Winter
kann Schnee ins Wasser getan werden. Bei Schwächlingen kann man mit
Wasser anfangen, das nicht sehr kalt ist, und nach und nach zum
kälteren und schließlich zum ganz kalten übergehen.
* * * * *
=6.= =Zur Abhärtung speziell der Extremitäten, der Arme und Beine=,
dient folgende Übung in vorzüglicher Weise: Man steht ins kalte Wasser
bis an oder über die Knie, nicht länger als eine Minute. Nach dem
Bekleiden der Füße entblößt man die Arme bis zu den Achseln und hält
auch diese eine Minute in das kalte Wasser. +Besser+ tut derjenige, der
beide Übungen zu gleicher Zeit vornimmt. Wer im Besitze einer größeren
Badewanne ist, kann dieses unschwer tun. Die Übung kann auch +in der
Art+ vorgenommen werden, daß die Füße in ein eigenes Gefäß am Boden
zu stehen und die entblößten Arme und Hände in ein auf einem Stuhl
erhöhtes Holzschaff zu ruhen kommen.
Nach manchen Krankheiten wende ich diese Übung gerne an, um den Fluß
des Blutes nach den Extremitäten zu steigern.
Das Eintauchen der Arme allein tut gute Dienste all denen, welche an
Frostbeulen und kalten Händen zu leiden haben. Gut tut, wer die Hände
(nicht Arme) nach dem Eintauchen gleich abtrocknet, weil scharfe Luft
den freien Stellen sonst Hautsprünge verursachen könnte.
Die Vornahme dieser Übung fordert, daß der Körper sich normal warm
fühlt (nicht fröstelt). Füße, welche bis über die Knöchel (nicht bis
über die Waden), Arme, die bis zum Ellenbogen kalt sind, sollen von der
Applizierung nicht abhalten.
* * * * *
=7.= Als letztes Abhärtungsmittel sei der =Knieguß= aufgezählt. Man
suche die Art seiner Applizierung bei den Gießungen. Er ist der
besondere Freund der Füße, indem er in deren blutleere Adern das Blut
lockt.[4] An dieser Stelle habe ich nur zu bemerken, daß ich den
Knieguß, wenn ihn Gesunde zur Abhärtung benützen, in stärkeren Formen
gebe. Es wird dieses z. B. dadurch erreicht, daß ich den Strahl höher
auffallen lasse, daß ich zur Winterszeit das Wasser durch Schnee und
Eis noch mehr kühle usw.
Die Übung kann nur vorgenommen werden, wenn der Körper warm ist (nicht
fröstelt). Bis zu den Knöcheln kalte Füße sollen die Anwendung nicht
hindern. Desgleichen darf der Knieguß allein, d. i. ohne von einer
anderen Anwendung begleitet zu sein, nicht zu lange fortgesetzt werden
(nicht über 3-4 Tage). Wer ihn länger gebraucht, gebraucht ihn im
Wechsel mit dem Oberguß oder dem Eintauchen der Arme (s. Nr. 6), in der
Frühe die eine, nachmittags die andere Anwendung.
Diese angeführten Abhärtungsmittel mögen genügen. Dieselben können zu
jeder Jahreszeit vorgenommen, im Winter und Sommer fortgesetzt werden.
Im Winter wird man die eigentliche Anwendung etwas abkürzen, dagegen
die Bewegung nach derselben um ein weniges verlängern. Ungewohnte
tun gut, die Abhärtungsübungen nicht gerade im Winter zur kalten
Jahreszeit zu beginnen. Vornehmlich gilt dieses allen, welche an
Blutarmut, innerer Kälte viel leiden und durch Wollkleidung verwöhnt,
verweichlicht, empfindlich geworden sind. Ich sage dies, nicht als ob
ich Schaden befürchte; ich fürchte lediglich das Abgeschrecktwerden von
einer überaus guten Sache.
Gesunde und Kränkelnde können ohne Bedenken sämtliche Übungen
vornehmen, beide mit Vorsicht und die Anweisungen genau befolgend.
Schlimme Folgen sind niemals der Anwendung, sondern stets irgend einer
größeren oder kleineren Unvorsichtigkeit zuzuschreiben. Selbst bei
Schwindsüchtigen, bei denen das Leiden schon ziemliche Fortschritte
gemacht hatte, habe ich die Nummern 1. 2. 3. 6. mit großen Erfolgen
angewendet.
All die Leutchen, denen mein Büchlein in erster Linie gilt, brauche ich
nicht zur Abhärtung aufzumuntern. Ihr Beruf, die täglichen Pflichten
bringen täglich, oft stündlich das eine oder andere der genannten und
viele, unzählige ungenannte Abhärtungsmittel von selbst mit sich.
Sie mögen ruhig ausharren und niemanden beneiden, der es scheinbar
besser hat als sie. Das sind Täuschungen, sehr oft, ja meistens große
Täuschungen.
Diejenigen meiner verehrten Leser, welche die angeführten Dinge
vielleicht noch niemals, auch nur dem Namen nach gehört haben, lade
ich ein, vor dem Verdammungsurteile eine kleine, die kleinste Probe
anzustellen. Wenn dieselbe zu meinen Gunsten ausfällt, soll es mich
freuen, nicht meinetwegen, sondern wegen der Wichtigkeit der Sache. Es
brechen im Leben viele Stürme herein über die Gesundheit der Menschen.
Wohl dem, der ihre (der Gesundheit) Wurzeln durch die Abhärtung gut
gefestigt, in die Tiefe geleitet und gegründet hat.
[Illustration]
[Illustration]
Wasser-Anwendungen.
Die bei mir zur Anwendung kommenden Wasserheilmittel teilen sich in:
~A.~ Aufschläger.
~B.~ Bäder.
~C.~ Dämpfe.
~D.~ Gießungen.
~E.~ Waschungen.
~F.~ Wicklungen.
~G.~ Trinken des Wassers.
~A.~ Aufschläger.
Da beim Volke die folgenden Anwendungen bereits unter dem Namen
„Aufschläger“ eingebürgert und bekannt sind, so behalte ich die
Benennung gerne bei, selbst auf die Gefahr hin, daß sie nicht ganz
zutreffen sollte. Unter den Aufschlägern ist verwendet
1. Der Oberaufschläger.
Ein größeres, grobes Linnenstück (Strohsackleinwand eignet sich
sehr gut dazu) wird 3-4-6-8-10fach der Länge nach zusammengelegt,
so breit und so lang, daß es vom Halse an die Brust und den ganzen
Unterleib bedeckt. Rechts und links am Körper soll es nicht wie
abgeschnitten aufhören, sondern zu beiden Seiten durch ein kleines
Stück herunterhängen. Das so zubereitete Tuch wird in kaltes Wasser
eingetaucht (zur Winterszeit darf Warmwasser gebraucht werden),
tüchtig, d. i. vollständig ausgewunden und dann in oben beschriebener
Weise dem zu Bette liegenden Patienten aufgelegt. Darüber kommt eine
Wolldecke oder ein 2-3fach zusammengelegtes Linnen, welches den Zweck
hat, die nasse Auflage luftdicht abzuschließen, jeden Zutritt der Luft
gründlich zu verhindern, darüber erst das Federbett. Um den Hals lege
ich in der Regel noch ein ziemlich großes Tuch- oder Wollstück, um
der von oben eindringenden Luft den Zugang zu wehren. Man sei mit dem
Zudecken vorsichtig; denn leicht könnten sonst Erkältungen eintreten.
Der Aufschläger bleibt ¾-1 Stunde liegen; muß nach Vorschrift die
Anwendung, welche in diesem Falle durch Kälte wirken soll, fortgesetzt
werden, so muß auch der indessen warm gewordene Aufschläger erneuert,
d. i. von neuem naßgemacht werden.
Sobald die vorgeschriebene Zeit verstrichen, entfernt man die nassen
Tücher, kleidet sich an und macht Bewegung, oder man bleibt noch eine
kleine Zeit im Bette liegen.
Die Anwendung des Oberaufschlägers wirkt speziell auf die
+Austreibung versessener Gase+ im Magen und Unterleib.
Diese wie die folgenden Übungen erfordern, daß der Körper warm sei.
2. Der Unteraufschläger.
Dem Oberaufschläger entspricht der Unteraufschläger, der, wenn beide
Anwendungen sukzessive, d. i. nacheinander geschehen, zuerst an die
Reihe kommt. Dabei ist folgendes zu bemerken:
Da auch der Unteraufschläger im Bette zu nehmen ist, legt man, um
das Naßwerden der Matratze oder des Strohsackes zu verhüten, über
das Leintuch ein anderes Linnenstück, darüber der Breite nach eine
Wolldecke („Kotze“).
Dasselbe mehrfach (2-3fach) zusammengelegte, vorher durchnäßte und
ausgewundene, rohe Linnenzeug wird der Länge nach so auf die Wolldecke
ausgebreitet, daß es vom letzten Halswirbel an die ganze Wirbelsäule,
den ganzen Rücken hinunterreicht. Darauf legt man sich mit dem Rücken,
schlägt, um sich luftdicht abzuschließen, die ausgebreitete Wolldecke
nach beiden Seiten ein und deckt sich mit Wolle und Federbett gut
zu. Auch der Unteraufschläger soll drei Viertelstunden gebraucht
und im Verlängerungsfalle erneuert, von neuem eingetaucht werden,
da er wie der Oberaufschläger nur durch Kälte wirken soll. Die
Verhaltungsmaßregeln nach der Anwendung sind dieselben wie die oben
angegebenen.
+Zur Stärkung des Rückgrates, des Rückenmarkes, bei Rückenschmerzen,
bei Hexenschuß+ ist der Unteraufschläger eine vorzügliche Anwendung.
Beim Hexenschuß z. B. kenne ich viele Fälle, in denen zwei solcher
Aufschläger, in einem Tage gebraucht, das Übel gänzlich gehoben haben.
Auch bei +Anstauungen von Blut+, in der +Fieberhitze+ wirkt
der Unteraufschläger sehr gut.
In welchen einzelnen Fällen er zu gebrauchen und wie oft er zu erneuern
sei, das wird bei den einzelnen Krankheiten gesagt werden.
3. Ober- und Unteraufschläger zusammen genommen.
Wie nacheinander, so können diese beiden Anwendungen auf einmal zur
selben Zeit genommen werden.
Man bereitet den Unteraufschläger vor, wie Nr. 2 besagt, desgleichen
den Oberaufschläger, den man neben das Bett legt. Ausgekleidet liegt
man sodann auf den Unteraufschläger und appliziert sich den zur Seite
parat (fertig) liegenden Oberaufschläger. Das Zudecken mit Wolldecke
und Federbett geht leicht. Ist jemand zur Stelle, so kann er beides,
Federbett und Wolldecke, zu beiden Seiten gut einschlagen, daß nirgends
die frische Luft Zutritt hat. Wichtig ist bei dieser Doppelanwendung,
daß die der Breite nach unter dem Unteraufschläger aufgeschlagene
Wolldecke so groß ist, daß sie gleich einer Binde beide nassen
Aufschläger einhüllen kann.
Die Dauer der Anwendung beträgt zum mindesten ¾, zum höchsten eine
Stunde.
Bei +großer Hitze+, dann wieder bei +Gasen+, bei +Kongestionen+, bei
+Hypochondrie+ und anderen Leiden tut dieselbe vorzügliche Dienste.
Der Name „Batzerei“ darf uns nicht aus der Fassung bringen. Wende sie
ruhig an, diese etwas mühsame Kur, sie wird dir manchen Batzen ersparen.
4. Auflage auf den Unterleib.
Der Patient liegt zu Bett.
Ein 4 bis 6fach zusammengefaltetes Linnentuch wird in Wasser getaucht,
ganz ausgewunden (so daß es nicht mehr trieft), auf den Unterleib
(Magengegend und abwärts) gelegt und mit Wolldecke und Federbett
sorgfältig zugedeckt. Die Anwendung kann ¾-2 Stunden dauern. Bei einer
Dauer von zwei Stunden indessen soll die Auflage nach der ersten Stunde
erneuert, d. i. von neuem eingetaucht werden.
Diese Auflage leistet gute Dienste bei +Magenbeschwerden+, bei
+Krämpfen+, auch wenn es gilt, das +Blut von der Brust+ und vom +Herzen
wegzuleiten+.
Sehr oft wird zum Eintauchen und Netzen des Tuches statt des Wassers
+Essig+ verwendet, wohl auch, wie solches im besonderen im dritten
Teile angegeben ist, ein +Absud von Heublumen, Zinnkraut, Haberstroh+
usw.
Um den Essig zu sparen, gebe ich die +Essig-Auflagen+ in der Art,
daß ich zuerst ein zweifach gefaltetes Linnen, in halb Wasser und
halb Essig eingetaucht, auf den bloßen Leib lege und darüber dann ein
2-4fach gefaltetes, nur in Wasser getauchtes Tuch breite. Das Zudecken
geschieht wie oben.
* * * * *
Sehr oft bin ich gefragt worden, welche =Grundsätze= ich befolge
bezüglich der +Eisauflagen+, des +Aderlassens+ u. a. Dieselben mögen
hier in Kürze ihre Stellung finden.
Wer mit gerunzelter Stirne einem Feinde zur Versöhnung die Hand
bietet, wird schwerer zu Werke kommen, als wer ihm freundlichen
Antlitzes und frohen Herzens die Hand reicht. Dieses Bild will mir
nicht übel dünken da, wo es sich um die Anwendung von Eis oder um
Wasser handelt. Von jeher habe ich die Eis-Auflagen, namentlich auf die
edelsten Körperteile (Kopf, Augen, Ohren usw.) zu den schroffsten und
gewaltsamsten Mitteln gerechnet, welche überhaupt zur Anwendung kommen
können. Sie gehen der Natur nicht helfend an die Hand, daß sie anfange,
selbst wieder zu arbeiten; sie erzwingen gewaltsam etwas von ihr, und
das muß sich rächen. Eistuch und Eisbeutel, und wie die Dinge heißen,
sind in meiner Werkstätte unbekannte Größen und sollen es auch für alle
Zukunft bleiben. Man stelle sich nur einmal die kolossalen Gegensätze
vor: drinnen im Körper die Glühhitze, draußen der Eisberg, dazwischen
das leidende Glied, das von beiden bearbeitete Organ von zartem
Fleisch und Blut. Die Ergebnisse solcher Arbeit habe ich stets nur mit
großem Bangen erwartet und mein Bangen war in den meisten Fällen sehr
gerechtfertigt.
Ich kenne einen Herrn, der ein ganzes Jahr hindurch bei Tag und
bei Nacht auf einem Fuße Eis-Auflagen zu tragen hatte, ohne jede
Unterbrechung. Fürwahr, da müßte ja geradezu ein Wunder geschehen,
wenn diese Eisscholle nicht alle Hitze, aber auch die unentbehrliche
Naturwärme davontragen sollte! Von Heilung des Fußes war keine Spur zu
sehen.
Aber, entgegnet mir jemand, in vielen Fällen hat’s in der Tat geholfen.
Mag sein, daß das Übel den Zwangsmitteln nicht widerstehen konnte.
Welches waren indessen die Folgen? Unzählige sind zu mir gekommen
mit teilweisem Verluste des Gesichtes, mit größerer oder geringerer
Taubheit, mit Rheumatismen der verschiedensten Art, besonders mit
Kopfhaut-Rheumatismus und sonstiger großer Empfindsamkeit des Kopfes
usw. Woher das alles? „Ja, da und dort und dann,“ so lauten die
Antworten, „hat solches der leidige Eisbeutel getan, dieses Übel trage
ich nun schon seit so und so vielen Jahren.“ Gewiß, und die meisten
werden es tragen bis zum Ende ihrer Jahre.
Noch einmal sei es gesagt: ich spreche durchaus gegen jede Eis-Auflage
und behaupte dagegen, daß das Wasser, richtig angewendet, jedwede,
auch die stärkste Hitze, in welchem Teile oder Organe des Körpers
dieselbe immer wüte, zu dämmen und zu tilgen imstande ist. Wenn eine
Feuersbrunst nicht mehr durch Wasser gelöscht werden kann, dann kann
sie auch nicht durch Eisschollen gelöscht werden. Das sieht ein jeder
sehr gut ein.
Ich sagte soeben: Hilfe wird bringen, wer das Wasser +richtig+
anwendet. Darunter verstehe ich freilich nicht, daß man z. B. bei einer
Entzündung am oder im Kopf, wie man sonst die Eisplatte, den Eisbeutel
auflegt, nun möglichst viele nasse Kopfwickel, Auflagen usw. gebrauchen
müsse. 100 Eisplatten und Kopfwickel werden das Zuströmen des Blutes
nach der entzündeten Stelle, wodurch die Hitze sich steigert, nicht
aufhalten. Ich muß das Blut anders wegzuleiten, zu verteilen suchen,
mit anderen Worten: ich muß neben den Anwendungen auf die leidende
Stelle auch solche auf den ganzen Körper machen. Diesen Feind in oder
am Kopf z. B. werde ich zu allererst bei den Füßen des Patienten
angreifen und allmählig dann gegen den ganzen Körper vorrücken.
Das Eis leistet im übrigen auch mir bei meiner Wasserkur durch
indirekte Verwendung treffliche Dienste. Es kühlt zur Sommerszeit das
Wasser, wenn es anfangen will, lau zu werden. --
Wie ich über das +Aderlassen+, die +Blutegel+ und all die wie
immer gearteten Blutentziehungen denke?
Noch vor 50, 40, 30 Jahren war selten eine Frau, die sich nicht
zwei-, drei-, viermal zur Ader gelassen hätte; die Halbfeiertage und
natürlich die günstigsten Zeiten waren gleich am Jahresanfange im
Kalender strenggläubig gewählt und rot oder blau angestrichen worden.
Die Land- und anderen Ärzte, die Bader und Rasierer selbst nannten
ihre eigene Arbeit in dieser Beziehung eine förmliche „Metzgerei“.
Auch Anstalten, Klöster hatten ihre Aderlaßzeit und die vor allem
andern streng eingeführte Diät (Lebensweise) genau bezeichnet. Man
wünschte sich Glück vor und gratulierte sich nach den überstandenen
blutigen Strapazen. Diese mögen zuweilen nicht gering gewesen sein.
Ein geistlicher Herr aus jener Zeit versicherte, 32 Jahre lang habe er
sich zur Ader gelassen, in jedem Jahre viermal, und bei jedem Aderlaß 8
Unzen Blut verloren. Tut in Summa 8 × 4 × 32 = 1024 Unzen Blut.
Neben dem Aderlaß gingen noch Blutegel, Schröpfköpfe u. a. um; es war
gut gesorgt für jung und alt, für hoch und nieder, für Männer und
Frauen.
Wie doch die Zeiten sich ändern! Dieses Treiben hielt man lange für
das ~unum necessarium~, das einzige und absolut Notwendige des
Gesundseins und Gesundbleibenwollens. Und wie denkt man heutzutage
darüber? Man belächelt und bespöttelt diesen Irrwahn der Alten, diese
Naturwissenschaftlichkeit, zu meinen, daß irgend ein Mensch zu viel
Blut habe. Vor ungefähr zwei Jahren sagte mir ein literarisch tätiger
Arzt des Auslandes, der einer neueren Schulrichtung folgt, er habe
sein Leben lang noch nie Blutegel gesehen. Viele Ärzte schreiben
die Blutarmut unserer Zeit dem früheren Übelstand und Mißbrauch des
Aderlasses zu. Sie mögen recht haben, nur ist dieses nicht die einzige
Ursache.