des Inhalts, ich möchte doch bedenken, daß die Anwendung des kalten
Wassers gleichbedeutend sei mit Wärme-Entziehung, daß Wärme-Entziehung
blutarmen Personen sehr schade und die Nervenreizbarkeit in hohem Grade
steigere.
Ich unterschreibe jedes Wort, wenn es sich um allzu schroffe
Anwendungen der oben beschriebenen Art handelt; meine Anwendungen
aber, an dieser Stelle die kalten Vollbäder, empfehle ich vorerst
allen Gesunden zu jeder Jahreszeit, im Sommer und Winter, und
behaupte, daß gerade diese Bäder zur Erhaltung und Kräftigung der
Gesundheit wesentlich beitragen; sie reinigen die Haut, befördern die
Hauttätigkeit, erfrischen, beleben und stärken den ganzen Organismus.
Im Winter sollen die Bäder in der Woche die Zahl zwei nicht leicht
überschreiten; eines genügt alle acht, unter Umständen alle vierzehn
Tage.
Noch zwei Punkte seien hier berührt.
Eine wichtige Rolle im Gesundbleiben spielt das +Abgehärtetsein
gegen die verschiedenen Einflüsse, den Wechsel der Temperatur+
(Witterung, Jahreszeiten). Unglücklich der Mensch, dem jeder Windhauch,
jedes Lüftchen die Lunge, den Hals, den Kopf verdreht, der das ganze
Jahr aufmerken muß, wie heute und morgen die Windfahne gerichtet ist.
Dem Baum in der freien Natur kann es gleichgültig sein, ob Sturm, ob
Windstille, ob Hitze, ob Kälte herrscht. Er trotzt Wind und Wetter, er
ist abgehärtet. Der Gesunde probiere unser Bad, er wird dem starken
Baume gleichen.
Ein Grund der Angst und Besorgnis vor den Kaltwasser-Anwendungen
ist vielen sehr schwer zu benehmen; ich möchte denselben bezeichnen
als +die fixe Idee+ von +der Wärme-Entziehung+. Die Kälte
schwächt und muß schwächen, sagen sie, wenn nicht auf deren Anwendung
alsbald das Gefühl der Wärme folgt. Ganz gewiß, ich stimme bei, aber
ich behaupte entgegen, daß, abgesehen von der vielen Bewegung, die nach
unseren Grundsätzen mit jeder Anwendung von kaltem Wasser strenge und
vorschriftsmäßig verbunden ist, unsere Kaltwasserbäder der Natur die
Wärme nicht rauben, vielmehr dieselbe erhalten und pflegen. Statt allem
die Frage: Wenn ein geschwächter, durch fortwährendes Stubensitzen
verweichlichter Mensch, welcher zur Winterszeit nur im äußersten
Notfalle noch einen Ausgang wagen darf, durch die Bäder oder durch die
Waschungen auf einmal so abgehärtet ist, daß er ohne Furcht bei jeder
Witterung ausgeht, die empfindsame Kälte selbst kaum mehr empfindlich
spürt, muß bei einem solchen die Naturwärme nicht gewonnen haben?
Sollte dieses alles Schein und Trug sein?
Ein Beispiel von vielen möge doch hier Platz finden!
Ein hoher Herr, über 60 Jahre alt, war wasserscheu aufs äußerste.
Seine größte Sorge bei Ausgängen bestand darin, ja nicht eines der
unentbehrlichen Wollstücke zu vergessen; alle möglichen und unmöglichen
Erkältungen usw. könnten ja die Folge solch’ unverzeihlicher
Vergeßlichkeit sein. Der Hals des Herrn war vor allen andern Kopf-,
Rumpf- und Gliederteilen so empfindlich, daß er ihn kaum mehr
entsprechend zu pflegen, zu umhüllen wußte. Da kam der „Barbar“
dahinter. Mit einer gewissen Schadenfreude verordnete er unsere
kalten Vollbäder. Der Herr gehorchte. Und die Folgen? Dieselben waren
außerordentlich günstige. Nach wenigen Tagen schon vollzog sich die
erste Häutung; dem ersten Woll- und Flanellhemd folgte bald das zweite
und die Wollseile des Halses gingen bald denselben Weg. Jeden Tag, an
dem er kein Vollbad nehmen konnte, hielt er für keinen geordneten Tag;
so sehr stählte es fühlbar gegen Klima und Witterung. Und er nahm die
Bäder nicht bloß im erwärmten Zimmer, er nahm dieselben im Oktober noch
beim täglichen Spaziergange in einem Flusse, dessen kalte Wasser ihm
willkommener waren als das Wasser der zu Hause stehenden Badewanne. --
Die Hauptfragen, die wir zu beantworten haben, sind folgende:
+In welchem Zustande+, in welcher Disposition (Beschaffenheit)
muß der gesunde Körper sein, daß er solche kalte Vollbäder mit gutem
Erfolge gebraucht? Ferner:
+Wie lange+ darf ein Gesunder im Bade bleiben? Endlich:
+Zu welcher Jahreszeit beginnt man am leichtesten diese
Abhärtungskur?+
+Die gute Disposition+ für die kalten Vollbäder +erfordert
wesentlich, daß der ganze Körper vollkommen warm sei+.
Wer somit +durch den Aufenthalt+ im +warmen Zimmer+, +wer
durch Arbeiten+ oder durch +Gehen+ vollständig durchwärmt ist,
befindet sich in der richtigen Verfassung.
+Wem kalt ist, wer an kalten Füßen leidet, wen fröstelt, der soll bei
solchem Kältezustande nie ein kaltes Vollbad nehmen+, er habe sich
denn zuvor durch Gehen usw. gehörig erwärmt.
Umgekehrt: +wer schwitzt+, +wer erhitzt+ (ich rede von
gesunden Menschen), +im größten Schweiße wie gebadet ist+, nehme
ruhig unser Vollbad.[6]
Kaum wird irgend etwas selbst von ruhigen, besonnenen, einsichtsvollen
Männern so sehr gefürchtet, als in der Hitze, im Schweiße sich ins
kalte Wasser zu begeben. Und doch, nichts ist schuldloser. Ja, ich
stelle kühn die wohlüberlegte und langjährig erprobte Behauptung auf:
+Je ärger der Schweiß, um so besser, um so wirksamer das Bad.+
Bei Unzähligen, die früher geglaubt hatten, es müsse sie bei solcher
„Roßkur“ sofort der Schlag treffen, war nach einem einzigen Versuche,
nach der ersten Probe alle Furcht, alle Angst, alles Vorurteil
geschwunden.[7]
Wer hat denn je, wenn er schwitzend nach Hause kommt, wenn ihm der
salzige Saft übers Gesicht rinnt und die Finger wie mit Klebstoff
zusammengeleimt erscheinen, Bedenken und Furcht, Hände und Gesicht zu
waschen, wohl auch noch Brust und Füße? Das tut ein jeder, denn es
macht behaglich und wohl. Muß die Wirkung für den ganzen Körper -- das
ist die notwendige Folgerung -- nicht dieselbe sein? Sollte eine Sache,
die +einzelnen+ Teilen vortrefflich zustatten kommt, für dieselben
eine Wohltat ist, für das +Ganze+ ein Nachteil, ein Verderben sein?
Ich glaube, die Angst vor der schädlichen Wirkung der kalten Bäder für
Schwitzende rührt meistens her von der Wahrnehmung, daß Personen, die,
von Schweiß triefend, plötzlich an die Kälte kommen oder der frischen
Luft, besonders der Zugluft sich aussetzen, sich manchmal schon für ihr
ganzes Leben gründlich verdorben haben. Das ist ganz wahr.
Ich gebe noch mehr zu, daß sich nämlich auch schon manche Schwitzende
im kalten Wasser die Keime zu schweren Leiden holten. Was trägt die
Schuld: der Schweiß oder das Kaltbad? Keines von beiden! Wie bei allem
im Leben, so kommt es auch hier in erster Linie nicht auf das Was,
sondern auf das Wie an, in unserem Falle, wie die Menschen im Schweiße
das kalte Wasser gebrauchen. Mit dem einfachen Taschen- und Brotmesser
kann ein Rasender namenloses Unheil anrichten. Unvernünftige Anwendung
kann das höchste Gut in das größte Übel verkehren. Merkwürdig bleibt
nur, daß man dann stets das Gut und nicht die zu verurteilenden
Mißbräuche desselben verdammt.
Auf das Wie des Gebrauches also kommt es an. Wer in diesem Stücke
seinem Kopfe nachgeht, der mag auch die Folgen, an denen er
leichtfertigerweise selbst die Schuld hat, allein tragen.
Damit stehen wir bei der Beantwortung der zweiten Frage: +Wie lange
darf ein Gesunder im kalten Vollbade bleiben?+
Ein Herr, dem ich wöchentlich zwei solcher Bäder verordnet hatte, kam
nach 14 Tagen zu mir und jammerte, daß sein Zustand sich bedeutend
verschlimmert habe, er sei wie ein Eisklumpen. Das Aussehen war sehr
leidend, und ich begriff nicht, daß das Wasser mich auf einmal so
im Stiche gelassen. Auf meine Frage, ob er die Anwendung genau nach
Weisung gemacht, antwortete der Herr: „Aufs genaueste; +ich habe noch
mehr getan, als Sie befohlen haben; statt einer Minute bin ich fünf
Minuten+ im Wasser geblieben, dann aber kaum mehr oder nicht mehr
warm geworden.“ Er machte es die folgenden Wochen richtig und hatte in
Bälde die frühere Naturwärme und Frische.
Dieser eine Fall illustriert (bildet ab) alle Fälle, in denen das
Wasser geschadet haben soll. Nicht das Wasser, nicht die Anwendung
fällt aus der Rolle; die unvorsichtigen und ungenauen Menschen sind die
Missetäter. Wie nun aber einmal die Gewohnheit besteht, muß ihre Schuld
das unschuldige Wasser tragen.
Wer das kalte Vollbad nimmt, kleide sich rasch aus und lege sich
eine Minute in die bereitstehende Badewanne. +Wer es im Schweiße
nimmt+, setze sich in die Wanne, d. h. gehe nur bis an die
Magengegend ins Wasser und wasche sich schnell und kräftig den
Oberkörper ab. Dann tauche er einen Augenblick bis zum Halse unter,
gehe ungesäumt aus dem Wasser und kleide sich, ohne abzutrocknen, in
tunlichster Eile an. Der Hand- oder Feldarbeiter kann sofort wieder
seine Arbeit aufnehmen; andere müssen (mindestens eine Viertelstunde)
so lange Bewegung machen, bis der Körper trocken und normal erwärmt
ist. Ob dieses im Zimmer oder im Freien geschieht, bleibt sich ganz
gleich; ich für meine Person gebe selbst im Herbst und Winter stets der
frischen Luft den Vorzug.
Was du tust, mein lieber Leser, das tue vernünftig und überschreite nie
das rechte Maß! Auch +die Anwendung des Vollbades soll in der Woche
die Zahl von drei in der Regel nicht übersteigen+.
+Wann soll ich am besten diese Bäder beginnen?+
Die wichtige Arbeit, den Körper abzuhärten oder, was gleichbedeutend
ist, ihn gegen Krankheit zu schützen, widerstandsfähig zu machen, kann
nie früh genug begonnen werden. Fange gleich heute noch an, aber fange
an mit leichteren (s. Abhärtungsmittel), nicht gleich mit schwereren
Übungen! Du könntest sonst leicht den Mut verlieren! -- Unsere kalten
Vollbäder wirst du beginnen können, wenn du kräftig bist, vielleicht
nach kurzer Vorbereitung, wenn du schwach bist, unter Umständen erst
nach längerer Vorübung.
Es ist dieses ein sehr wichtiges Kapitel. Nur nicht unvermittelt,
plötzlich, mit den strengsten Mitteln etwas forcieren, erzwingen
wollen! Das ist zum mindesten Unverstand.
Ein Arzt riet einem am Nervenfieber Erkrankten, er soll eine
Viertelstunde ins kalte Wasser gehen. Der Kranke tat es, bekam aber
darnach solchen Frost, daß er in Zukunft von einem solchen Heilbade
natürlich nichts mehr wissen wollte, es verwünschte und verfluchte.
Die Erklärung des Sachverständigen ging einfach dahin: nach solchen
Erfahrungen sei klar, man könne bei dem Kranken das Wasser nicht ferner
in Anwendung bringen, der Kranke sei im übrigen verloren. Mit diesem
Todesurteil kam man zu mir. Ich gab den Rat, der Aufgegebene solle doch
nochmal das Wasser probieren, aber statt einer Viertelstunde nur zehn
Sekunden (hinein und hinaus) im Wasser bleiben, der Erfolg müsse ein
anderer sein. Gesagt, getan; in wenigen Tagen erholte sich der Kranke.
Bei derartigen Vorkommnissen drängte sich mir stets die Meinung
auf, man wende das Wasser +absichtlich+ in solch’ schroffer,
unbegreiflich gewalttätiger Weise an, um das Volk, anstatt mit
Vertrauen, mit Schrecken vor diesem nassen Wauwau zu erfüllen. Ich bin
ein sonderbarer Mensch, ich weiß es; drum wird man mir solche Einfälle
nicht hoch anrechnen.
Solche, denen es ernst ist, mögen nach Anwendung der Abhärtungsmittel
zuerst noch die Ganzwaschungen (s. Waschungen) beginnen und dieselben,
wenn sie das Waschen +vor Schlafengehen nicht aufregt und wach
erhält+, abends vor dem Bettgehen, sonst in der Frühe beim Aufstehen
vornehmen. Abends verliert man gar keine Zeit auch früh ist in einer
Minute alles fertig. Wer nicht gleich zu tüchtiger Handarbeit oder
in kräftige Bewegung kommt, soll sich nochmals (bis zur Trocknung und
Erwärmung) ein Viertelstündchen niederlegen.
Diese Übung, wöchentlich zwei- bis viermal vorgenommen, was genügt,
oder täglich praktiziert, bildet die beste Vorbereitung zu unserem
kalten Vollbade. Man versuche es nur einmal! Dem ersten Unbehagen wird
bald ein bis ins Innerste hinein wohltuendes Behagen folgen, und was
früher gescheut und gefürchtet war, wird bald fast Bedürfnis werden.
Ein mir bekannter Herr ging 18 Jahre hindurch allnächtlich in sein
Vollbad. Ich hatte es ihm nicht vorgeschrieben; aber er wollte die
Übung durchaus nicht lassen. In den 18 Jahren war er keine Stunde lang
krank.
Andere, die in einer Nacht zwei- bis dreimal in die Badewanne stiegen,
mußte ich zurückhalten, es ihnen verbieten. Wäre die Übung sie hart
oder unausstehlich angekommen, wie man so oft ausschreit und ausheult,
sie hätten es sicherlich bleiben lassen. --
Wer es mit der Abhärtung, mit der Erhaltung seiner Gesundheit, mit
seiner Kräftigung ernst meint, fasse das kalte Vollbad recht ins
Auge,[8] lasse es aber bei dem guten Vorsatze allein nicht bewenden.
Kräftige Völker, Geschlechter, Familien sind stets treue Freunde
des kalten Wassers, gerade unseres Vollbades gewesen. Je mehr unser
Zeitalter den Charakter und Namen des verweichlichten bekommt, um so
höhere Zeit ist’s, zurückzukehren zu den gesunden, natürlichen (nicht
verkünstelten und unnatürlichen) Anschauungen und Grundsätzen der Alten.
Noch gibt es manche, besonders hochadelige Familien, angesehene Männer,
welche gerade unsere Wasseranwendung gleichsam als Haustradition und
als ein zur Gesundheitspflege überaus wichtiges Erziehungsmittel
ansehen und ihrem Stamme, ihren Nachfolgern gesichert wissen wollen.
Wir brauchen uns also unserer Sache nicht zu schämen.
~b~) Das kalte Vollbad für Kranke.
Bei Beschreibung der einzelnen Krankheiten (im dritten Teile) wird
genau angegeben werden, wann und wie oft es zur Verwendung kommen soll.
Nur einige Bemerkungen von mehr allgemeiner Natur mögen hier ihre
Stelle finden.
Eine kräftige Natur, ein gesunder Organismus ist imstande, die
Krankheitsstoffe, welche sich ansetzen wollen, selbst auszuscheiden.
Dem kranken und durch Krankheit geschwächten Körper muß man
beispringen, ihn unterstützen, daß er anfange, diese Arbeit selbst
wieder zu tun. Vielfach geschieht diese Unterstützung durch das kalte
Vollbad, das in solchem Falle als vortreffliche Krücke oder Stab, als
+Kräftigungsmittel+ dient.
Die +Hauptanwendung+ findet es indessen bei den sogenannten
„+hitzigen Krankheiten+“, d. h. bei all’ jenen Krankheiten, welche
als Vorboten und Begleiter heftige Fieber haben. Die Fieber von 39-40°
und darüber sind am meisten zu fürchten; sie rauben alle Kraft, brennen
die Hütte des menschlichen Körpers gleichsam elendiglich nieder.
Mancher, den die Krankheit verschont, wird ein Opfer der Schwäche.
Zusehen und Zuwarten, was sich aus einem so schrecklichen Feuerbrande
wohl entwickeln möge, scheint mir bedenklich und folgenschwer zu sein.
Was soll da „alle Stunden einen Eßlöffel voll“, was das teuere Chinin,
was das wohlfeile Antipyrin, was die giftige Digitalismixtur, deren
Folgen für den Magen wir alle kennen? Medikamente sind und bleiben bei
solchen Bränden doch recht schwache Hilfs- oder Fieberstillungsmittel.
Was sollen endlich jene künstlichen Berauschungsmittel, die man dem
Kranken eingibt oder einspritzt, die ihn in der Tat berauschen,
daß er nichts mehr weiß, nichts mehr fühlt, nichts mehr empfindet?
Ganz abgesehen vom moralischen und religiösen Standpunkte ist es
wahrlich erbärmlich, so einen halb eingeschlummerten, vielmehr
berauschten Kranken zu sehen, wie er daliegt mit entstellten Zügen, mit
verdrehten Augen. Wird das helfen? Bei solchem Fieberfeuer hilft gar
nichts als das Löschen. Feuer und Brände löscht man mit Wasser, den
allgemeinen Körperbrand, wo gleichsam alles in hellen Flammen steht,
am gründlichsten durch das Vollbad. Bei jedem neuen Aufflackern, d. h.
so oft die Hitze, die Bangigkeit groß wird, vielleicht im Anfange des
Fiebers jede halbe Stunde erneuert, wird es, früh genug angewendet,
bald Herr des Feuers sein (s. Entzündungen, Scharlach, Typhus u. a.).
Früher schon hörte ich, daß man in großen allgemeinen Krankenhäusern
für arme Kranke, welche das teuere Chinin nicht auftreiben konnten,
häufig die Badewanne gebrauchte, in den letzten Zeiten durchlief
manche Zeitungen die mir freudige Kunde, daß man besonders in
großen Militärspitälern Österreichs wieder angefangen habe, gewisse
Krankheiten wie den Typhus mit Wasser zu behandeln. Warum, so möchte
ich fragen, nur den Typhus? Warum nicht mit logischer Notwendigkeit
all’ jene Krankheiten, die als giftige Früchte aus den Fieberpilzen
hervorwachsen? Wer A sagt, muß B sagen. Mit Spannung warten viele auf
das B, darunter auch manche Leute vom Fach.
Eine Bemerkung, die vielleicht besser bei den Waschungen stünde, möge
gleichwohl hier sich anreihen. Nicht alle Kranken sind imstande, die
Vollbäder zu benützen; manche sind vielleicht schon derart geschwächt,
daß sie weder selbst sich heben und wenden, noch aus dem Bette gehoben
werden können. Müssen solche Kranke der Kaltwasseranwendung verlustig
gehen? Durchaus nicht. Unsere Wasser-Anwendungen sind so mannigfaltig,
und jede einzelne Anwendung hat wieder so viele Grade und Stufen, daß
der Gesündeste wie der Schwerkranke das für ihn und seinen Zustand
Passende finden kann. Nur darum handelt es sich, die Anwendung gut
auszuwählen.
Für einen +Schwerkranken+, der wegen zu großer Schwäche unfähig
ist, die kalten Vollbäder zu gebrauchen, dienen als Ersatz die Voll-
oder Ganzwaschungen, die bei jedem, auch dem schwächsten Kranken leicht
im Bette vorgenommen werden können. Wie sie zu geschehen haben, sehe
man bei den Waschungen. Sie werden wie die Vollbäder so oft wiederholt,
als der Hitze- oder Bangigkeitszeiger einen hohen Grad, eine hohe
Ziffer aufweist.
Gerade bei solchen ans Bett gefesselten Schwerkranken hüte man sich
doppelt vor dem großen Fehler einer zu schroffen Anwendung. Man würde
stets das Übel ärger machen.
Ich könnte jemanden nennen, der elf Jahre bettlägerig und ebensolange
Zeit in ärztlicher Behandlung war. Auch Wasser-Anwendungen waren
versucht worden; alles scheiterte. Nach der Heilung dieser Person, die
in sechs Wochen erfolgte, erklärte der Arzt selbst, die Sache komme
ihm wie ein Wunder vor. Er besuchte mich persönlich und wollte wissen,
was denn geschehen. Der ganze Hergang sei ihm um so unbegreiflicher,
als nach seinem Dafürhalten nicht mehr die geringste Tätigkeit in dem
Körper vorhanden war und seine sämtlichen Anwendungen mit Wasser ohne
Erfolg blieben. Ich nannte dem Herrn den einfachen Hergang und die
noch einfacheren Wasserübungen. Wir beide sahen ein, einen glimmenden
Kienspan löscht man nicht mit der Feuerspritze aus; sein Wasser war zu
schroff, das meinige sachte, langsam, den Fassungskräften des elenden
Körpers entsprechend zur Anwendung gekommen.
Mich hat es oft erbarmt, daß man hören und lesen muß, wie in manchen
Anstalten und Häusern Leute zehn, zwanzig und mehr Jahre das Bett nie
mehr verlassen können. Das sind bedauernswürdige Geschöpfe. So etwas
begreife ich übrigens nicht und habe es nie begriffen, ganz wenige
Ausnahmefälle abgerechnet; es hat ja auch die heilige Schrift ihren
38jährigen Kranken. Ich bin der festen Überzeugung, daß gar vielen
dieser Betthüter und Betthüterinnen durch die einfachsten, mit Ausdauer
und Pünktlichkeit fortgesetzten Wasseranwendungen wieder auf die Beine
zu helfen wäre.
2. Das warme Vollbad
dient wie das kalte für Gesunde und Kranke.
Die Art und Weise, wie es +genommen+ wird, ist eine
+zweifache+.
[Illustration: Fig. 5.]
Man steigt +einmal+ in die mit Warmwasser so hoch angefüllte
Badewanne (~a~), daß das Wasser den ganzen Körper überspült, kein
Teil bloß, d. i. über Wasser, liegt. In dem Bade verweilt man 25-30
Minuten, dann geht man rasch in eine danebenstehende Wanne (~b~),
die kaltes Wasser enthält, und taucht bis an den Kopf, nicht mit dem
Kopfe, unter, oder in Ermangelung dieser zweiten Badewanne wäscht man
den ganzen Körper möglichst rasch kalt ab. In einer Minute muß das
kalte Bad, die kalte Waschung fertig sein. Schnell, ohne abzutrocknen,
wirft man sich in die Kleider und macht bis zur völligen Trocknung
und Erwärmung Bewegung (mindestens eine halbe Stunde) im Zimmer
oder im Freien. Landleute können ruhig und sofort wieder zur Arbeit
zurückkehren. Das Badewasser hat bei diesem ersten Bade eine Temperatur
von 26-28°, bei älteren Personen von 28-30° ~R.~ Ich rate, mit
einem Thermometer, das man leicht bekommt, mit Vorsicht und genau zu
messen. Es genügt nicht, das Quecksilberröhrchen hineinzustecken ins
Warme und sofort wieder herauszuziehen, dasselbe muß einige Zeit im
Wasser belassen werden. Erst das Ruhigstehen des flüssigen Silbers
gibt an, daß gut und lange genug gemessen sei. Wer immer +das Bad
bereiten mag, nehme es mit der Bereitung und der damit verbundenen
Verantwortung+ ernst. Gleichgültigkeit und Schlendrian sind nirgends
weniger am Platze als bei derart wichtigen Diensten der Nächstenliebe.
Die +zweite+ Art, dieses Bad zu nehmen, ist folgende:
Die Badewanne wird gefüllt wie das erstemal, das Badewasser aber hat
die höhere Temperatur von 30-35° ~R.~ Über die Zahl 35 sollen bei
dieser Art Bäder die Wärmegrade nie steigen (wann, in welchen Fällen
sie zur Anwendung kommen soll, muß stets extra gesagt sein), unter die
Zahl 28 nie fallen; durchschnittlich rate und bereite ich sie selbst
mit 31-33° ~R.~
Bei diesem Bade geht man nicht einmal, sondern dreimal ins Warme, nicht
einmal, sondern dreimal ins Kalte. Es ist dieses Bad das sogenannte
+warme Vollbad mit dreimaligem Wechsel+. Das ganze Bad dauert
akkurat 33 +Minuten+; die verschiedenen Wechsel verteilen sich auf
diese Zeit also (man lege die +Uhr+ auf ein Stühlchen neben die
Wanne und zähle gut):
10 Minuten in das Warme,
1 Minute in das Kalte,
10 Minuten in das Warme,
1 Minute in das Kalte,
10 Minuten in das Warme,
1 Minute in das Kalte.
Mit Kalt muß ohne Ausnahme stets abgeschlossen werden. Gesunde,
kräftige Leute setzen sich in die Wanne mit kaltem Wasser und tauchen
langsam bis an den Kopf unter. Empfindsame Personen setzen sich und
waschen rasch Brust und Rücken[9] ab, ohne unterzutauchen. Eine
Ganzwaschung tut jedem, der die kalte Wanne zu sehr fürchtet, dieselben
Dienste. Der Kopf wird nie naß gemacht. Sollte er naß geworden sein, so
trockne man ihn ab; ebenso trockne man beim letzten Heraussteigen aus
der kalten Wanne von allen Körperteilen die Hände allein, damit selbe
beim Anziehen der Kleider diese nicht naß machen.
Bezüglich des Weiteren, insbesondere bezüglich der nach dem Baden
notwendigen Bewegung gilt genau das beim ersten Bad Gesagte.
Ich schulde hier einige Bemerkungen.
+Warme Bäder allein+, d. i. ohne darauffolgende kalte Bäder oder
kalte Waschungen, verordne ich +niemals+. Die erhöhte Wärme,
zumal wenn sie längere Zeit andauert und einwirkt, stärkt nicht, sie
schwächt und macht den ganzen Organismus schlaff; sie härtet nicht
ab, sie macht die Haut gerade noch empfindsamer gegen alle Kälte; sie
schützt nicht, sie bringt Gefahr. Das Warmwasser öffnet die Poren;
es dringt kalte Luft ein, und die Folgen zeigen sich schon in den
nächsten Stunden. Sämtlichen Übelständen helfen die auf die warmen
Bäder folgenden +Kaltbäder oder Kaltwaschungen+ (ich kenne keine
warme Wasser-Anwendung ohne die darauffolgende kalte) gründlich ab;
das frische Wasser stärkt, die erhöhte Wärme herunterdrückend; es
erfrischt, die überflüssige Hitze gleichsam wegwischend; es schützt,
die Poren schließend und die Haut fester machend.