Wer immer das Wasser, so wie ich es denke und wünsche, als Heilmittel

gebraucht, dem sind die +Anwendungen niemals Selbstzweck+, d. h. er

wird nie eine Anwendung vornehmen, weil es ihm jetzt gerade so gefällt;

er wird nie wie ein Tor Vergnügen daran haben, daß er mit recht vielem,

mit Dämpfen und Güssen und Wickeln, „hantieren und prahlen und wüten“

kann. Die Anwendungen werden einem Verständigen stets nur +Mittel zum

Zweck+ sein. Erreicht er diesen durch das gelindeste Wässerchen, er

wird glücklich sein; denn seine Aufgabe ist ja nur, der nach Gesundheit

d. i. nach selbsteigener und selbständiger Tätigkeit ringenden Natur

zu dieser Freitätigkeit zu verhelfen, die Krankheitsbande, die

Leidensketten zu lösen, auf daß sie ungehindert und frisch und freudig

alle Arbeit wieder allein tue. Nach Vollendung dieser Aufgabe zieht der

Heilende sofort und gerne seine Hand zurück.

Diese Bemerkung ist wichtig, noch wichtiger das Darnachachten. Gar

+nichts+ nämlich +bringt das Wasser als Heilelement so sehr

in Verruf und Mißkredit+ als indiskretes, maß- und vernunftloses

Anwenden, scharfes, strenges, schroffes Verfahren. Diejenigen, ja

allein diejenigen, ich kann es nicht oft genug wiederholen, welche sich

als Sachverständige im Wasserheilverfahren aufspielen, aber mit ihrem

endlosen Wickeln, ihren fast das Blut austreibenden Dämpfen u. a. jeden

Patienten abschrecken, richten den größten Schaden an, der nur überaus

schwer wieder gut zu machen ist. Ich heiße das nicht das Wasser zu

Heilzwecken gebrauchen, ich heiße solche Gewalttaten -- man verzeihe

den Ausdruck -- dem Wasser Schande antun.

Wer immer die Wirkungen des Wassers versteht und in seiner überaus

mannigfaltigen Art anzuwenden weiß, besitzt ein +Heilmittel+,

welches von +keinem anderen+, wie immer Namen habenden Mittel

+übertroffen+ werden kann. Keines ist mannigfaltiger in der

Wirkung, sozusagen dehnbarer als das Wasser. In der Schöpfung beginnt

es mit dem unsichtbaren Luft- oder Dampfkügelchen, setzt sich fort im

Tropfen und schließt ab mit dem den größten Teil der Erde erfüllenden

Weltmeer. Das muß jedem Hydropathen ein Fingerzeig sein und jedem

sagen, daß eine jede +Anwendung+, mag sie Wasser in tropfbar oder

dehnbar flüssiger Form erfordern, der +Steigerung von dem gelindesten

bis zum höchsten Grade fähig+ sei, daß in jedem Einzelfalle nicht

der Patient sich nach dem Wickel, dem Dampf usw., sondern jederzeit

jedwelche Anwendung sich nach dem Patienten zu richten habe.

+In der Auswahl+ der zu treffenden Anwendungen +zeigt sich der

Meister+. Der Heilende wird den zu Heilenden ohne jede Auffälligkeit

+streng prüfen+. Zuerst werden die +sekundären Leiden+ in

die Augen springen, d. i. die Nebenkrankheiten, welche wie Giftpilze

aus dem innern Krankheitsboden hervorschießen. Sie lassen in der Regel

schnell auf den Herd der Krankheit, auf das Hauptleiden schließen.

Man frägt und sieht nach, wie weit die Krankheit vorangeschritten,

welches Unheil sie bereits angerichtet. Dann schaut man den Patienten

an, ob er alt oder jung, schwach oder stark, mager oder korpulent, ob

er blutarm, nervös usw. sei. All diese Punkte und noch andere mehr

zeichnen in den Geist das richtige Krankenbild, und erst wenn dieses

klar und fertig ist, greift man in die Wasserapotheke und wendet an

nach dem Grundsatze: +Je gelinder, je schonender -- desto besser und

wirksamer.+

Im allgemeinen mögen an dieser Stelle noch folgende +Bemerkungen+ Platz

finden, welche die +sämtlichen Wasseranwendungen+ angehen.

+Keine+ wie immer Namen habende +Anwendung kann schaden, wenn dieselbe

in der vorschriftsmäßigen Weise genommen wird+.

Die +meisten+ derselben geschehen +mit kaltem Wasser+, sei es

Brunnen-, Quell-, Flußwasser o. a. In allen Fällen, in denen nicht

extra warmes Wasser verordnet ist, gilt der Ausdruck „Wasser“ stets

nur von kaltem Wasser. Dabei folge ich dem Erfahrungsgrundsatze: +je

kälter, desto besser+. Zur Winterszeit mische ich für Gesunde in das

zu Güssen bestimmte Wasser noch kältenden Schnee. Man werfe mir nicht

Schroffheit vor; denn man bedenke die überaus kurze Dauer meiner

Kaltwasseranwendungen. Wer es einmal gewagt hat, hat es für immer

gewonnen, alle Vorurteile sind ihm benommen. Indessen bin ich nicht

unerbittlich.

+Anfängern+ in der Wasserkur, +schwächlichen+, insbesondere +ganz

jungen+ und +älteren, hochbetagten Personen+; +Kranken+, welche

das Kalte zurückschreckt; Leuten, welche wenig Naturwärme haben;

+Blutarmen+ und +Nervösen+ gönne ich namentlich zur Winterszeit zum

gewärmten Bad- und Gießraume (14-15° ~R.~) mit Freuden für den Beginn

laues, „+abgeschrecktes+“ Wasser zu einer jeden Anwendung. Die Fliegen

locke ich ja auch mit Honig, nicht mit Salz oder Essig.

Die +warmen Anwendungen+ erhalten in jedem einzelnen Falle bezüglich

der +Wärmegrade+, der +Dauer+ usw. genaue, +spezielle Vorschriften+.

Die Wärmegrade, mit ~R.~ bezeichnet, bedeuten stets Réaumur.

Betreffs der +kalten Anwendungen+ schulde ich (im dritten Teile ist

dieser Punkt oftmals betont und des weitern erörtert) in Kürze noch

einige Winke, welche das +Verhalten vor+, +während+ und +nach der

Anwendung+ regeln.

+Niemand wage es, bei Kältegefühl, Frösteln usf. irgend eine kalte

Anwendung+ vorzunehmen, wenn dieses an der betreffenden Stelle nicht

extra erlaubt ist. Die Anwendung soll +tunlichst schnell+ (jedoch ohne

Angst und Hast) vorgenommen werden; auch beim +Aus-+ und +Ankleiden+

sollen durchaus +keine Verzögerungen+ eintreten, z. B. durch langsames

Zuknöpfen, Binden. All diese Nebenarbeiten können geschehen, wenn der

ganze Körper einmal ordentlich bedeckt ist. Ein kaltes Vollbad soll, um

ein Beispiel anzuführen, zum Auskleiden, Baden und Ankleiden die Zeit

von 4-5 Minuten nicht übersteigen. Es bedarf dazu nur einiger Übung. So

oft bei einer Anwendung steht: „1 Minute,“[1] soll damit die +kürzeste

Zeitdauer+ ausgedrückt werden; wenn es heißt 2-3 Minuten, so soll die

Kälte wohl nachhaltiger, aber doch nicht länger einwirken.

Nach +keiner+ wie immer Namen habenden +kalten Anwendung+ wird

(außer dem Kopfe und den Händen bis zur Handwurzel -- letzteres, um

beim Anziehen der Kleider diese nicht naß zu machen) +der Körper je

abgetrocknet+. Den nassen Körper bedeckt man sofort mit dem trockenen

Hemde und den andern Kleidungsstücken; man tut dieses möglichst

schnell, wie gesagt wurde, um tunlichst bald alle nassen Stellen

luftdicht abzuschließen. Dieses Verfahren erscheint manchen, ja den

meisten eigentümlich, da sie meinen, sie müßten jetzt den ganzen

Tag „naß herumlaufen“. Bevor sie ein Urteil fällen, mögen sie es

nur +einmal probieren+. Sie werden es alsbald fühlen, wozu das

Nichtabtrocknen taugt und gut ist. Das Abtrocknen ist ein Reiben und

erzeugt, da es unmöglich an allen Stellen auf ganz gleichmäßige Weise

geschehen kann, ungleichgradige Haut- und Naturwärme, was bei Gesunden

wenig, bei Kranken und Schwachen oft sehr viel zu bedeuten hat. Das

Nichtabtrocknen verhilft zu der geordnetsten, gleichmäßigsten und

schnellsten Naturwärme. Es geschieht gleichsam, wie wenn man Wasser

ins Feuer spritzt. Die innere Körperwärme benützt das am äußeren

Körper anklebende Wasser als Material zu rascher Bildung intensiverer,

größerer Wärme. Wie gesagt, nur auf +eine+ Probe kommt es an.

Dagegen verordne ich strenge, daß der Angekleidete nach +jeder

Wasseranwendung+ sich +Bewegung+ mache (geschehe es durch Arbeit oder

Spazierengehen), welche +so lange+ dauere, +bis alle Teile des Körpers

vollkommen trocken und normal warm+ sind. Im Beginne der Bewegung kann

man etwas rascher gehen, nach Eintritt der Wärme langsamer. Man fühlt

selbst am besten, wann die normale Körperwärme eingetreten ist und die

Bewegung, das Gehen aufhören kann. Solche Patienten, welche schnell

erhitzt sind und leicht in Schweiß kommen, sollen gleich von Anfang

an langsamer und eher etwas länger gehen und ja nicht schwitzend oder

erhitzt sich setzen, selbst nicht im warmen Zimmer. Ein Katarrh wäre

die unausbleibliche Folge.

Als Regel für alle kann gelten, daß die +Minimalzeit+, die kleinste

Zeit der +Bewegung+ nach einer Anwendung +stets eine Viertelstunde+

betragen soll. Wie dieselbe ausgefüllt werde (durch Gehen, körperliche

Arbeit usw.), bleibt sich, wie gesagt, gleich.

Diejenigen +Anwendungen+, welche +das Bett vorschreiben+, vornehmlich

die Aufschläger und die Wickelungen, enthalten diese Notiz an Ort und

Stelle, ebenso das einer jeden besonderen Übung Eigenartige. Wer bei

einer solchen Anwendung einschläft, den soll man im Frieden schlafen

und ruhen lassen, selbst wenn die vorgeschriebene Zeit vorüber ist.

Wie beim kleinsten und größten Bedürfnis, versieht auch hier die Natur

selbst die besten und genauesten Weckuhrdienste.

Sind +Tücher+ notwendig, so verstehe ich darunter niemals feine

Leinwand, sondern +körniges+, wo möglich +gröberes Reisten+. Wenn

einfache arme Leute statt dessen nur +abgenützten Zwillich+ (Zwilch),

einen +hänfenen Kaffeesack+ oder noch Ärmere einen weichen „Rupf“ o.

a. zur Hand haben, so sind sie nicht im Nachteil. Zum Abwaschen des

Körpers, was oft vorkommt, taugt ebenfalls am besten ein ziemlich

grobes, linnenes oder hänfenes Tuchstück.

Aus Gründen, welche ich in der Einleitung kurz andeutete, bin ich gegen

die Wolle als Kleidungsstück auf bloßer Haut. Dagegen dient mir der

+Wollstoff vorzüglich als Umhüllung+, z. B. des eiskalten Wickels. Er

entwickelt rasche und reichliche Wärme und steht in dieser Beziehung

unübertroffen da. Aus dem gleichen Grunde empfehle ich bei solchen

Anwendungen das +Federbett als Zudecke+.

Das sogenannte +Frottieren+, ob es nun durch Reiben oder Bürsten oder

sonst einen Gewaltakt geschehe, findet bei meinen Anwendungen +keine

Stelle+. Den einen Zweck desselben, der im Erwärmen besteht, erfüllt

bei mir gleichmäßiger und egaler das Nichtabtrocknen; den andern,

nämlich die Öffnung der Poren, die Steigerung der Hauttätigkeit usw.,

besorgt das grobe Linnen- oder Reistenhemd, wieder mit dem Vorteile,

daß dieses nicht wie die Bürste minutenlang, sondern bei Tag und bei

Nacht, ohne Opfer von Zeit und Kraft arbeitet. Wenn an manchen Stellen

von +kräftiger+ Abwaschung die Rede ist, so verstehe ich darunter

lediglich ein schnelles Abwaschen der ganzen zu behandelnden Stelle.

+Das Naßwerden, nicht das Geriebenwerden ist die Hauptsache.+

Ein Punkt möge hier noch erwähnt werden. Die +Anwendungen am Abende+,

in der Zeit vor dem Schlafengehen, behagen den meisten Menschen nicht,

sie werden dadurch aufgeregt, gleichsam aus dem beginnenden Schlafe

gerüttelt. Andere dagegen wiegt eine gelinde Abendanwendung in sanften

Schlaf. Ich empfehle solche Anwendung im +allgemeinen+ nicht, rate

indessen einem jeden, er möge in diesem Stücke nach seinem Gutdünken,

nach seinen Erfahrungen handeln, da ja er allein auch die Folgen zu

tragen haben wird.

Bezüglich der speziellen Kenntnisse für eine jede besondere Anwendung

verweise ich auf den ganzen ersten Teil, bezüglich des Gebrauches

derselben für Kranke insbesondere auf den dritten Teil dieses

Büchleins. Daselbst ist auch angegeben, welche Anwendungen für sich

allein als sogenannte +ganze+, und welche nur als +Teilanwendungen+,

d. h. als solche, welche nur in Verbindung mit anderen auftreten, zu

gelten haben, ebenfalls, welche der Anwendungen (Dämpfe) besondere

Vorsicht erheischen.

Ich schließe diesen allgemeinen Teil mit dem Wunsche, daß durch die

Wasserübungen recht viele Gesunde noch mehr erstarken und recht viele

Kranke genesen mögen, und beginne vorerst mit einer kurzen Aufzählung

der Abhärtungsmittel, sodann mit der eigentlichen Abhandlung über die

bei mir im Gebrauche stehenden Wasseranwendungen.

[Illustration]

Abhärtungs-Mittel.

Als Abhärtungsmittel nenne ich:

1. das Barfußgehen;

2. „ Gehen im nassen Grase;

3. „ „ auf nassen Steinen;

4. „ „ im neugefallenen Schnee;

5. „ „ im kalten Wasser;

6. „ Kaltbaden der Arme u. Beine (Füße);

7. den Knieguß (mit oder ohne Oberguß).

=1.= Das natürlichste und einfachste Abhärtungs-Mittel besteht im

=Barfußgehen=.

Dieses kann entsprechend den verschiedenen Ständen und Lebensaltern auf

die +mannigfaltigste Weise+ geübt werden.

+Ganz kleine Kinder+, welche noch gänzlich auf die Hilfe anderer

angewiesen und in die Windeln, ins Tragkissen, ans Zimmer gebannt sind,

sollen wo möglich +nie eine Fußbekleidung+ tragen. Könnte ich doch

dieses allen Eltern, besonders den allzubesorgten Müttern, als Kanon,

als feststehende, unumstößliche Regel tief einprägen! Mit Vorurteilen

behaftete Eltern, die sich dazu nie verstehen wollen, mögen sich

der kleinen Unbeholfenen erbarmen und zum mindesten für eine solche

Fußbekleidung sorgen, durch welche die frische Luft leicht auf die Haut

dringen kann.

+Kinder, welche bereits stehen und gehen können, wissen sich schon

selbst zu helfen.+ Ohne alle Menschenrücksichten werfen sie die

lästigen, die Füße quälenden Schuhe und Strümpfe von sich und sind

ganz glückselig, besonders zur Frühjahrszeit, wenn man sie sich frei

herumtummeln läßt. Manchmal blutet eine Zehe; doch das hält sie nicht

ab, bald wieder barfuß zu gehen. Die Kinder tun dieses ganz instinktiv,

einem gewissen Naturtriebe folgend, den wir Alte auch verspüren würden,

wenn die überfeinerte, schablonierende, Schraubstockdienst tuende,

alles Natürliche wegdrechselnde Bildung uns nicht vielfach allen

gesunden Sinn genommen hätte.

+Die Kinder der Armen+ werden in ihrem Vergnügen selten gestört.

Weniger vom Glücke begünstigt sind die +Kinder der Vornehmen und

Reichen+, und sie fühlen wahrlich das Bedürfnis nicht weniger als ihre

Kameraden aus armem Stande. Ich sah einst die Knaben eines hohen,

angesehenen Beamten. Kaum glaubten sie sich aus der Schußweite der

durchdringenden Augen des gestrengen Herrn Papa, da flogen auch schon

die feinen Schühchen und die noch feineren roten, gelben, weißen

Strümpfchen über alle Hecken, und fort ging’s im Galopp über die saftig

grüne Wiese. Die Mama, eine Frau mit gesundem Sinne, sah dies nicht

ungern; erblickte aber zufällig der Papa seine Prinzen in solchem

ungehörigen Aufzuge, dann gab es lange Strafpredigten und noch längere

Standesunterweisungen über Unbildung und Bildung und Standesgefühl und

Standesehre. Das ging den Kleinen so zu Herzen, daß sie anderen Tags

noch munterer barfuß im Grase hüpften. Nochmals sage ich: lasse man

wenigstens den noch nicht verbildeten Kindern ihre Freude!

Einsichtige +Eltern+, welche solches gern gestatten wollten, aber +in

der Stadt+ leben und keinen einsamen Garten oder Rasenplatz besitzen,

können den Kleinen das Barfußgehen zu gewissen Zeiten +in irgendeinem

Zimmer+, +auf irgend einem Gange+ usw. gestatten, wenn nur die Füße wie

Gesicht und Hände zuweilen einmal frei aufatmen, nach Fußeslust frische

Luft einsaugen, sich in ihrem Elemente bewegen können.

+Erwachsene Leute der ärmeren Klassen+, insbesondere auf dem Lande,

brauche ich nicht zu ermahnen; dieselben gehen viel barfuß und beneiden

nicht den reichsten Städter um seine vornehmen, ausgeschnittenen

oder nicht ausgeschnittenen, lackierten oder geschnürten Fußfoltern,

die pressenden und die Füße fesselnden Schuhe und Strümpfe. Törichte

Landleute mit städtischen Manieren, die sich schämen, es den

Ihrigen gleichzutun, sind durch ihren Eigendünkel gestraft genug;

die altmodischen Konservativen sollen an der guten Tradition treu

festhalten. In meiner Jugendzeit ging auf dem Lande alles barfuß:

Kinder und Erwachsene, Vater und Mutter, Bruder und Schwester. In die

Schule, zur Kirche waren die Wege stundenweit; die Eltern gaben uns

ein Stück Brot und einige Äpfel zur Reisezehrung, so auch Schuhe und

Strümpfe als Fußbekleidung. Doch diese hingen wir bis zum Eintritt in

die Schule oder in die Kirche über die Arme oder über die Achsel, nicht

allein zur Sommers-, sondern auch in der kälteren Jahreszeit. Kaum

machte im beginnenden Frühling auf der Höhe meiner Heimat der Schnee

Miene, sich zurückzuziehen, da traten unsere bloßen Füße schon ihre

Spuren in den mit seinem Wasser getränkten Boden, und wir fühlten uns

froh, heiter und gesund dabei.

+Erwachsene in den Städten+, gar solche, welche besseren, ja

den vornehmen Ständen angehören, können dieser Übung sich nicht

unterziehen, das ist klar. Wenn sie in ihrem Vorurteile bereits soweit

gekommen sind, daß sie meinen, sie könnten, wenn ihre zarten Füße

beim Aus- und Ankleiden nur einen Augenblick auf dem bloßen Boden des

Salons, nicht auf warmen, weichen Teppichen stehen, Rheumatismus,

Katarrh, Halsleiden oder ähnliches sich zuziehen, so lasse ich sie

vollkommen ungestört. Wenn aber manche doch etwas tun und sich abhärten

wollten, was hindert sie, abends unmittelbar vor dem Schlafengehen oder

in der Frühe beim Aufstehen 10 Minuten, ¼ Stunde, ½ Stunde lang eine

derartige Promenade zu machen? Dieselbe könnte die ersten Male, damit

der plötzliche Beginn nicht zu stark empfunden wird, in den Strümpfen,

später mit bloßen Füßen und noch später barfüßig also geschehen, daß

vor dem Zimmer-Spaziergange die Füße bis über die Knöchel einige

Augenblicke in kaltes Wasser getaucht werden.

Bei guter Einteilung, bei gutem Willen, bei wahrem Streben nach

Erhaltung seiner Gesundheit wird ein jeder, selbst der Vornehmste,

selbst der in seinem Berufe Angestrengteste noch so viel Zeit gewinnen,

um sich selbst diese Wohltat zu spenden.

Ein mir sehr gut bekannter Priester ging jedes Jahr auf mehrere Tage

zum Besuche eines guten Freundes, welcher einen größeren Garten besaß.

Der Morgenspaziergang galt stets diesem Garten, dessen durch Tau

genäßtes Gras so lange die bloßen Füße labte und den Körper erquickte,

als der Geist mit dem Breviergebet beschäftigt war. Gar oft hielt

dieser Herr Lobreden auf die vortrefflichen Wirkungen des Barfußgehens.

Eine Reihe Namen von Personen der höheren und höchsten Stände stünde

mir zu Gebote, die den wohlmeinenden Ratgeber nicht verachteten und

zu guter Jahreszeit bei Morgengängen im einsamen Walde oder auf

abgelegener Wiese durch Barfußgehen sich abzuhärten suchten.

Einer aus dieser verhältnismäßig noch immer sehr kleinen Zahl gestand

mir, er habe im Jahre selten eine Woche erlebt, ohne einen wenn auch

nur kleinen Katarrh. Diese überaus einfache Übung habe ihn für immer

von dieser Empfindsamkeit und Empfänglichkeit befreit.

Den +Müttern+ widme ich an dieser Stelle noch ein besonderes Wort. Es

kann kurz sein; denn an anderer Stelle habe ich versprochen, ihnen,

wenn Gott mir Leben und Gesundheit schenkt, später einmal einige

praktische Winke für eine gute, hauptsächlich den Leib betreffende

Erziehung zu geben. Die Mütter sind in erster Linie dazu berufen, für

die Heranbildung eines stärkeren, widerstandsfähigeren Geschlechtes zu

sorgen, die wuchernde, so arge Lücken in die menschliche Gesellschaft

reißende Verweichlichung, Entkräftung, Blutarmut, Nervosität und wie

alle die Lebenssauger und Lebensabkürzer heißen, beseitigen zu helfen.

Das geschieht durch Abhärtung, durch weise Abhärtung des Kindes vom

zartesten Alter an. Luft, Nahrung, Kleidung sind Bedürfnisse, welche

der Säugling ebenso notwendig braucht als der Greis. Sie bilden

zugleich das Gebiet der Abhärtung. Je reiner die Luft ist, welche das

Kleine einatmet, desto besser das Blut. Um dieses schwache Geschöpflein

recht schnell an den Aufenthalt in frischer Luft zu gewöhnen, tun

diejenigen Mütter gut, welche nach den täglichen warmen Bädern das

Kleine 2-3 Sekunden in kälteres, wie von der Sonne erwärmtes Wasser

tauchen oder es rasch kalt abwaschen. Das warme Wasser allein macht

schlaff und verweichlicht, die abschließende kalte Waschung stärkt,

härtet ab und sichert eine gesunde Körperentwicklung. Die anfänglichen

Zeichen einer weinerlichen Empfindsamkeit werden bei der dritten

oder vierten Anwendung von selbst ausbleiben. Diese Abhärtung stählt

die noch ganz kleinen Kinder gegen die so häufigen Erkältungen und

deren Folgen und erspart den Müttern, welche diesen Übelständen

vorbeugen wollen, die jeden denkenden Menschen wahrhaft entsetzenden

Einmummungen und Einhüllungen in Wolle und andere schwere, jeden

Luftzutritt hindernde Stoffe. In diesem Stücke wird furchtbar gegen

die kleinen Gesundheiten gesündigt. Die zarten Körperchen stecken in

förmlich verbrennenden Wollöfen: der kleine Leib keucht unter der

Last der Binden und Decken, das Köpfchen ist eingepuppt, daß ihm

Hören und Sehen vergehen müssen, der vor allem abzuhärtende Hals

trägt außer den allgemeinen noch besondere Wärmemittel, die ihn gegen

die äußere Luft vollends abschließen. Schon wenn der oder die Kleine

auf dem Arme des Kindsmädchens ruht, um ausgetragen oder ausgefahren

zu werden, sieht die verzärtelnde Mama nochmals nach, ob ja jedes

Winkelchen und jede Ecke sorglichst verschlossen sei. Wem darf es

bei solchen Umständen, bei diesem gänzlichen Mangel der leisesten

Spur von rationellem Abhärtungssinne wundern, wenn Diphtheritis,

Halsbräune usw. jährlich eine unzählbare Schar der kleinen, ich möchte

sagen jedem Windhauche erliegenden Wesen hinwegraffen? wenn viele

Familien von Schwächlingen gleichsam wimmeln? wenn die Mütter über

hektische, krampfhafte und andere, früher fast unbekannte Zustände,

insbesonders bei den Mädchen, tägliche Klage führen? Und wer erst

vermöchte die geistigen Gebrechen zu zählen, diese tauben Blüten und

faulen Früchte eines Körpers, welcher vor der normalen Entwicklung

und Kräftigung schon sein langsames Siechtum beginnt? ~Mens sana in

corpore sano.~ Eine gesunde Seele wohnt nur in einem gesunden Körper.

Eine Hauptvorbedingung der Entwicklung einer ausdauernden Gesundheit

bildet die frühzeitigste Abhärtung. Daß alle Mütter ihre diesbezügliche

Aufgabe und Verantwortung früh genug und tief erfaßten und keine

Gelegenheit versäumten, aus guten Quellen sich guten Rat zu holen!

* * * * *

=2.= Eine besondere, überaus wirksame Art des Barfußgehens ist das

=Gehen im nassen Grase=,[2] gleichviel, ob dieses durch Tau, Regen

oder Wasseraufguß genäßt sei. Im dritten Teile wird man dieser

Abhärtungsübung sehr oft begegnen, und ich kann dieselbe jung und alt,

Gesunden und Kranken, unbehindert jeder anderen Anwendung, bestens

empfehlen.

Je nässer das Gras ist, je länger die Übung fortgesetzt und je öfter

dieselbe wiederholt werden kann, desto vorzüglicher wird der Erfolg

sein. In der Regel dauert der Graslauf 1-3 Viertelstunden.

Nach vollendeter Fußpartie werden alle nicht an die Füße gehörigen

Anhängsel, wie Laubgras oder Sand, rasch abgewischt, die Füße indessen

nicht abgetrocknet, sondern ~in statu quo~ d. i. naß wie sie sind,

sofort mit trockener Fußbekleidung versehen. Auf das Gehen im Grase

folgt jetzt ein Gehen mit bekleideten Füßen auf trockenem, mit Sand

oder Stein bedecktem Wege, im Beginne etwas schneller, allmählich im

gewöhnlichen Tempo. Die Dauer des Gehens hängt ab von dem Trocken- und

Warmwerden der Füße und dürfte eine Viertelstunde nicht übersteigen.

Ich ermahne dringend, die Worte „+trockene Fußbekleidung+“ wohl zu

bemerken und niemals sich nach dieser Anwendung nasser, angefeuchteter

Strümpfe zu bedienen. Die Folgen würden sich in Kopf und Hals bald

schon melden; das hieße nicht aufbauen, sondern einreißen. Es dürfte

angemessen sein, junge, schnelle, unbesonnene Leutchen an die Vorsicht

zu mahnen, die ausgezogenen Schuhe und Strümpfe nicht ins nasse Gras

zu werfen, sondern im Trockenen bereitzuhalten, daß sie später die

naßkalten Füße warm empfangen und bald wieder in die gehörige Wärme

bringen. Diese Übung, wie das Barfußgehen überhaupt, kann vorgenommen

werden, selbst wenn die Füße kalt sind.

* * * * *

Meine Wasser-Kur Durch mehr als 40 Jahre erprobt und geschrieben zur Heilung der Krankheiten und Erhaltung der Gesundheit · 第 2 / 36 段