auf seinem Sessel herausfordernd hin und her. Er war ein Mann in
mittleren Jahren, klein und schwammig, und sein kahler Kopf glühte
brennrot vom ungewohnten Weingenuß. »Da ... noch mehr?« Und abermals
flog ein Geldstück zur Vef hinüber, die es nicht beachtete.
»Hast wohl den Liebsten daheim? Wie?« gröhlte er zynisch.
Zornig schaute die Frau auf. Dann nahm sie schweigend ihren Hut und
Mantel und wollte an dem Fremden vorüber der Türe zu gehen. Der Fremde
stellte sich ihr mit seinem Stuhl in den Weg.
»Na ... wart' nur!« rief er polternd. »Erst will ich dich mal richtig
besehen ...« Er streckte ihr unversehens die Beine entgegen, so daß die
Vef zu stolpern kam und ihm, das Gleichgewicht verlierend, im Arme lag.
Der Fremde wieherte laut und trunken.
»Ha! Ha! Ha! Ha! So eine biste! So leicht machst du's einem?« gröhlte
er. »Na ... was kostet die Nacht, Schätzchen?«
Sie waren schon alle aufmerksam geworden auf die beiden, und eine
lautlose Stille war entstanden, so daß man jedes Wort deutlich
vernehmen konnte.
Und viele kicherten dann und stießen sich an, und wieder andere
munterten den Fremden zu weiteren Dreistigkeiten auf.
Eine fahle Blässe, die man trotz der Schminke sehen konnte, überzog das
Gesicht der Vef. Ihr alter Stolz erwachte. Beschimpfen, sich öffentlich
zur Dirne stempeln lassen, das ließ sie sich denn doch nicht bieten.
Und mit einem Anflug ihrer alten ehemaligen Energie hieb sie dem
Fremden eine so kräftige Ohrfeige herunter, daß es laut schallte.
»Auslassen!« fauchte sie zornig gleich einer Wildkatze. »Auslassen!«
»Nee ... nee ... Schätzchen ...« Der Fremde hielt sie fest mit der Hand
gepackt und wollte sie gewaltsam an sich pressen.
Unvermutet und mit einem jähen Satz war der Wastl der Vef beigesprungen
und hielt den Fremden von rückwärts fest umklammert, so daß sich dieser
nicht mehr rühren konnte.
»Heda! Sie!« Der Fremde wandte sich erstaunt dem Wastl zu und glotzte
ihm zornig ins Gesicht. »Was fällt Ihnen ein, Mann? Wollen wohl gar mit
mir kämpfen? Was? Wegen so einer ... Brrr!« Und er schüttelte sich wie
im Ekel.
Dem Wastl stieg das Blut schwer und heiß zu Kopf vor Wut und
unbändigem Zorn. »Was hast g'sagt?« keuchte er und beugte sich drohend
zu dem Fremden vor, so daß diesem sein Atem glühheiß ins Gesicht schlug.
»Sie sind ja betrunken, Mensch!« wollte der Fremde jetzt den Wastl
begütigen. »Machen Sie, daß Sie fortkommen! So 'ne Dirne ist das doch
nicht wert, daß wir Streit miteinander anfangen.«
»Dös nimmst z'ruck ... du!« keuchte der Wastl und ballte beide Fäuste.
»Dös nimmst z'ruck!«
»Nischt nehm' ich zurück!« schrie der Fremde jetzt gleichfalls zornig
gemacht. »Könnt' mir einfallen Wegen so 'ner alten Vettel!« höhnte er
verächtlich.
»Du!«
Wie ein Rasender hatte sich der Wastl über den Fremden geworfen und
würgte ihn.
»Du ... z'rucknehmen ... du ...« keuchte er sinnlos vor Wut. »Die Vef
...«
»'ne Dirne ist's!« schrie der andere zornig. »Sieht ja 'n jeder!«
Da packte ihn der Wastl am Halse und preßte ihm die Kehle zusammen.
Hatte Kräfte, der Mann, und ließ nicht los von seinem Opfer. Sie
schrien und riefen um Hilfe und wollten ihn gewaltsam von dem Fremden
trennen. Aber der Wastl war stärker in seiner rasenden Wut wie sie
alle. Hatte sich auf die Brust des unter ihm Liegenden gekniet und
würgte ihn.
Als sie endlich über den Wastl Herr geworden waren, lag der Fremde
blaurot im Gesicht am Boden ... mit stieren Augen und war tot.
Und aufgebracht und schreiend lieferten sie den Wastl, der zum Mörder
geworden war, der strafenden Gerechtigkeit aus.
Die Vef schlich unbeachtet, müde und gebrochen in das Dunkel der
Nacht hinaus. Schlich wie eine Verbrecherin durch die nur spärlich
erleuchteten Bogengänge der Altstadt, durchwanderte die kleinen Gassen
und Gäßchen, bis sie auf Umwegen zu dem breiten Fluß kam.
Dort stand sie lange und starrte auf die schwarzen Wasser des Inns. Und
dräuend baute sich am andern Ufer in dem Dunkel der Nacht die Bergwand
der Nordkette auf.
Weshalb noch weiter leben? Wozu?
Wenn sie doch den Mut zum Ende fände? Schwer und dumpf schlugen die
Glocken vom nahen Pfarrturm die frühe Morgenstunde.
Und langsam und ganz allmählich lichtete sich das schwere Wolkengebälk,
das den Himmel verdeckte, und wurde grau. Grau und freudlos.
Und ein kalter Wind wehte die welken Blätter eines frühen Herbstes von
den Bäumen herab, daß sie leise raschelnd zur Erde fielen.
Da wandte sich die Frau vom Flusse ab und ging langsam und müde in der
Richtung gegen die Stadt zurück.
Den Mut zum Sterben hatte sie nicht gefunden.
Siebzehntes Kapitel
Er war nun aber doch zu der Vef gekommen, der Erlöser, und ehe sie
starb, hatte sie noch eine Freude.
Ein junger Priester war an das Lager der todkranken Frau getreten.
Tröstend und milde, und hatte sie wieder beten gelehrt.
»I kann nimmer beten ...« klagte die Vef traurig. »Sein nur Worte ...
gar nix als Worte. Haben kein' Trost und kein' Inhalt nit.«
»Aber du glaubst, Vef? Glaubst an Gottes Barmherzigkeit?« Eindringlich
klangen diese Fragen und voll verstehenden Mitleids.
»Ja.«
»Und glaubst an seine Gerechtigkeit?«
»Ja.«
»Und ist dir von Herzen leid ... alles, was du Übles begangen ... alles
...«
»Ja.« Schwere Tränen fielen über die abgehärmten Wangen der Frau.
»Alles.«
Und der Priester sprach die Worte des Verzeihens. Segnete die Frau und
sprach sie im Namen Gottes von aller Schuld ledig.
»Hast nit noch einen Wunsch, Vef?«
Kaum merklich schüttelte die Frau ihren Kopf. »Nix mehr ...« sagte sie
leise. »Bin nur mehr müd. Todmüd ...« und schloß die Augen wie zum
Schlafe und hatte dabei ein friedlich seliges Lächeln.
»Nix mehr.«
»Und deine Buben ... Vef ...?«
Da schreckte das Weib zusammen. »Will sie nit sehen, Anderl!« sagte sie
mit einem Anflug ihrer alten Energie. »Nit sehen. 's ist hart ... aber
doch besser so ...« fügte sie leise und stockend hinzu. Und Andreas
Siegwein, der Priester, achtete diesen letzten Wunsch der sterbenden
Frau. Und blieb bei ihr, bis es zum letzten kam.
Und seine Nähe war ihr ein Trost und machte den Tod leicht. Denn
noch einmal durchlebte die Vef in diesen allerletzten Tagen ihres
Erdendaseins das, was das Schönste in ihrem Leben gewesen war. Noch
einmal war sie der Heimat nahe, hörte von allen, die sie gekannt und
lieb gehabt hatte, und fühlte sich wieder als die Vef vom Perlmoserhof,
die sie damals gewesen war.
Sie hörte von ihren Buben, daß sie hochgewachsene, stämmige junge
Männer geworden seien, die ein Heim gefunden hatten beim Kramer Veit.
Und noch ein letztes Mal erstand die Heimat in ihrer ganzen einsamen
und stolzen Pracht vor der sterbenden Frau. Der Perlmoserhof in dem
kleinen, waldumkränzten Hochtal und hoch droben das Alpl mit seiner
herrlichen Fernsicht auf die Bergspitzen und Gletscher im Hintergrund.
Und dann die Gungl und das kleine halbverfallene Hüttl vom alten Göd.
»Anderl ...« Die Vef hauchte das Wort kaum hörbar, so daß der Priester
sich tief über die Kranke beugen mußte, um sie zu verstehen.
»Kennst die Gungl?«
»Nein, Vef.«
Und lange keine Antwort. Mit geschlossenen Augen lag die Frau da
und träumte. Träumte ihren letzten irdischen Traum. Träumte von den
Schrofen und Bergmahden, von dem tobenden Wildbach und den haushohen
Felsen in seinem Bett, welche die smaragdgrünen Wasser zornig brausend
umspülten. Sie hörte sein brodelndes Getöse und hörte dann wieder in
weiter Ferne sanftklingenden Glockenton. Es war als wie das Läuten der
Schellen von weidendem Almvieh.
Das klang so weich und friedlich und brachte innere Ruhe. Und die Frau
lächelte in ihrem Traum. Jetzt war's ja überwunden ... alle Unrast ...
alles Böse ... und alle Sehnsucht. Nun war sie wieder in der Heimat ...
sah die Heimat und fühlte ihren erquickenden Hauch ... wie wohl das tat
... so kühl und feucht ...
So sanft wie die Vef schlummerte! Andreas Siegwein hatte noch nicht
viele Menschen sterben gesehen, aber er fühlte die Nähe des Todes und
betete voll Inbrunst am Lager der Frau.
»Gott schenke ihr einen leichten Tod! Herr! Richte sie nicht nach
Deiner Gerechtigkeit, sondern nach Deiner Barmherzigkeit!«
Kalter Schweiß stand auf der bleichen Stirn des Weibes, das die Hände
wie zum Gebet gefaltet hielt und lächelte. Da entzündete der Priester
das Totenlicht.
»Herr, sei ihrer armen Seele gnädig und barmherzig!« sprach er mit
lauter, wohltönender Stimme.
Die Vef richtete sich noch einmal mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte
empor. Schaute mit ihren großen, sprechenden Augen verwundert und
erschrocken in dem kleinen, einfach ausgestatteten Mietzimmer umher.
»Dort ... siegst ... die Frau ...« sagte sie stockend und wies mit
matter Hand in die Richtung des Fensters, durch das der helle Schein
der späten Nachmittagssonne fiel. »Siegst ... Anderl ... wie schön ...
und ... leuchtet ... voll ... Gold ... und ... Sonn' ...«
Und dann starb die Vef. Ließ den Kopf wie wohlig ermattet auf das
Kissen ihres Bettes zurücksinken ... seufzte und lächelte. Hatte noch
einmal ihre Königin sehen dürfen, die Perlmoser Vef ... strahlend und
gewaltig und voll Gold ...
Andreas Siegwein, der Priester, aber hatte, nachdem die Vef gestorben
war, noch eine Pflicht zu erfüllen.
Als der Kramer Veit von dem Unglück hörte, das den Wastl zum Mörder
hatte werden lassen, da war er in den Pflegesohn gedrungen. Hatte ihn
gehen heißen, um dem Wastl beizustehen.
»Anderl ... geh' und sag's ihnen ... wie's gangen ist mit'n Wastl!«
hatte er ihn gebeten. »Ist ja do alleweil a braver Mensch g'wesen.
Mußt'n beistehen ... dem Wastl.« Die Stimme des alten Mannes, der nun
zum Greise geworden war, bebte vor innerer Erregung.
Daß das hatte kommen müssen ... Dazu hatte kommen müssen ... Wie ein
Unglück war es dem Kramer, das ihn selber betroffen hatte.
Und keinen wärmeren Fürsprecher hätte der Wastl finden können wie
diesen jungen Priester. Vor den Richtern des Volkes, die zu Gericht
saßen über den Sebastian Hagspiel, sprach Andreas Siegwein und
schilderte den Mann, wie er ihn kannte. Schilderte seine Treue und
große Liebe zu seinem Weibe und schilderte sein Glück und Unglück. Und
die Richter verhängten die mildeste Strafe über den Wastl, die nur
zulässig war.
Und war doch eine jahrelange Zuchthausstrafe und hat den Mann an
Seele und Leib gebrochen. Trotzdem er schon nach wenigen Jahren
begnadigt wurde, kam er als ein kranker Mann in das Siechenhaus seines
Heimatstales zurück.
Oft hatte Andreas Siegwein, der Priester, den Gefangenen aufgesucht.
Hatte ihn getröstet und zur Reue ermahnt. Aber die Reue für seine Tat
fehlte dem Wastl.
»Gib dir koa Müh' nit, Anderl ...« hatte der Wastl immer wieder
erklärt, ruhig und schwerfällig, wie es seine Art war. »I tat's no
amal. Und i hab's tun ~müassen~. 's ist gleich iatz!« fügte er
dann traurig hinzu.
Daß die Vef schon bald nach jener Tat gestorben war, das hatte der
Priester dem Wastl erzählt. Und ruhig und sehr gefaßt hatte ihm der
Mann zugehört. Es war, als empfände er den Tod seiner Frau wie eine
Erlösung. Er sprach nie über sie und war überhaupt noch schweigsamer
wie zuvor. Stierte nur immer so vor sich hin und redete und deutete
nichts.
Andreas Siegwein, der Priester, tat alles, was in seinen Kräften stand,
um dem Wastl zu helfen. Seinen Bemühungen war es in erster Linie zu
verdanken, daß der Wastl anläßlich einer Amnestie schon nach wenigen
Jahren wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.
Und dann brachte er ihn in das Siechenhaus, das gleichzeitig auch als
Versorgungshaus diente und in dem großen, stattlichen Dorf im Tal
gelegen war. Das geschah auf ausdrücklichen Wunsch des Wastls. Denn er
wollte wohl in seine Heimat zurück, jedoch nicht im Dörfl selber leben,
aus Rücksicht für seine Söhne. Seine Buben, das war noch der letzte
Stolz und die letzte Liebe, die dem Wastl geblieben war.
Wenn der Wastl den Priester von seinen Söhnen erzählen hörte, so
lauschte er, ohne ihn zu unterbrechen und beinahe andachtsvoll zu. Er
sah sie im Geiste vor sich, die drei Buben, obwohl er sie seit vielen
Jahren nicht mehr gesehen hatte ... sah, wie sie groß und schlank und
biegsam und so blond waren, wie es die Vef gewesen war. Und mußten der
Mutter ähnlich schauen, die drei. Es konnte doch auch gar nicht anders
sein, als daß sie brave, tüchtige und brauchbare Menschen geworden
waren, die Buben. Ein Leuchten verklärte das welkgewordene Gesicht des
Mannes, so oft er an seine Söhne dachte.
Andreas Siegwein aber verschwieg es dem Wastl, und er hatte es auch der
Vef verschwiegen, daß mit den Buben viel Sorge in das Haus des Kramer
Veit eingezogen war. Der Martl, welcher der älteste von den dreien
war, der wäre schon recht gewesen. War ganz nach der Art seines Vaters
geraten. Fleißig und arbeitsam und auch etwas langsam und schwerfällig
von Begriff. Ein Bauer durch und durch, der nichts Schöneres kannte,
als in Gottes herrlicher Natur zu schaffen und zu ackern.
Aber die beiden jüngeren Söhne des Wastl und der Vef ... mit diesen
hatten die alten Kramersleute sich ihr liebes Kreuz eingetan. Hatten
große Rosinen im Kopf, die beiden, und dünkten sich zu gut, um Bauern
zu werden. Natürlich, sie hatten ja auch schon einige Jahre hindurch
eine gute Schule besucht und wären von Rechts wegen dazu bestimmt
gewesen, einmal gebildete Herren zu werden. Daß man sie dann, als
sich die Eltern nicht mehr um sie bekümmert hatten, einfach der
Heimatsgemeinde zustellte, das erfüllte die beiden halbwüchsigen
Burschen mit Empörung.
Ein wilder Haß gegen die Eltern keimte in den jungen Seelen und
vergiftete sie. Man hatte sie willkürlich aus ihrem Erdreich
verpflanzt, und kaum hatten sie anderswo Wurzel gefaßt und sich ihrer
veränderten Lage angepaßt, hatte man sie abermals rauh in eine neue
Umwelt versetzt, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle und ihren Geschmack.
Nun sollten sie wieder Bauern werden, jenem Stand angehören, den die
Kameraden in der Schule verlacht hatten, so daß sie sich gar oftmals
darob schämten. Kein Wunder, daß Haß und Groll gegen die Erzeuger
ihres Lebens in ihnen wucherte, und kein Wunder, daß sie nur wenig Dank
fanden für die Wohltaten der alten Kramersleute.
Sie waren von Haus aus liebe, gutherzige Burschen und wollten dem Veit
und seiner Notburg nicht wehe tun. Sie gaben sich auch Mühe, den alten
Leuten zu gefallen, und verletzten sie nie durch eine grobe Rede.
Aber sowohl Veit Galler wie die alte Mutter Notburg merkten es gar
bald, wie es in den Herzen der beiden jungen Leute aussah. Sie mochten
nicht arbeiten, nicht Knechtesdienste leisten. Hockten mürrisch herum
und fühlten sich überall überflüssig.
Da brachte Veit Galler, der Krämer, sie vom Dörfl fort, hinunter
ins Tal und zu einem Handwerker in die Lehre. Sollten ordentliche
Arbeitsleute werden, wenn die Bauerschaft sie nicht freute. Und hatten
trotzdem und zu jeder Zeit eine Heimat droben beim Kramer Veit.
Es tat aber auch das auf die Dauer kein gut. Die beiden wechselten den
Meister und wechselten das Handwerk, und nichts wollte ihnen so recht
gefallen. Bis das Unglück mit dem Vater kam und er zum Mörder wurde. Da
zogen sie beide fort, wurden Sänger, wie es die Eltern gewesen waren,
und reisten in fremden Landen herum. Und kamen dann wieder in die
Heimat zurück und zogen abermals fort. Fahrende Leute ... ohne Rast und
ohne Liebe zur Scholle.
Umsonst war die Fürsorge der Mutter Notburg, umsonst die Warnungen des
alten Kramers. Der Lois, der ältere der beiden, blieb schließlich ganz
fern. Das Predigen der alten Leute hatte er satt. Endlich war er ja alt
genug, um sich das Leben nach seinem Geschmack einzurichten.
Der Michl aber war doch anhänglicher. Der blieb oft viele Monate
hindurch daheim und versuchte es, so zu leben, wie es die Pflegeeltern
von ihm wünschten. Dauerte aber nicht lange, das Bravsein, trotz aller
guten Vorsätze. Und wenn er sich's noch so fest vornahm, seinem Bruder
Martl bei der Arbeit zu helfen, so hielt er es nie länger als etliche
Stunden draußen am Felde aus. Da brannte die Sonne so heiß und stach
ihn und verursachte ihm Durst. Und oben in dem großen Alpenhotel, das
einmal den Siegweins gehört hatte, da lockte die Freude, und da lockte
der Genuß.
Und der Michl war bald mehr droben wie herunten in der Villa vom Kramer
Veit. War ein gern gesehener Gast oben, ein guter Sänger, liebenswert
und dazu noch bildhübsch. Hatte die Augen seiner Mutter, so strahlend
und froh und voll Jugendmut und auch voll Leichtsinn. Und dieser
Leichtsinn brachte ihm Verderben.
Ein paarmal schon hatte ihm der Kramer Veit aus einer bösen Sache
herausgeholfen. Hatte Schulden für ihn bezahlt, die er leichtsinnig
gemacht hatte, und hatte dann ernst mit dem Michl geredet.
»Bua ... auf die Weis' geht's nit. Das tut a Lump und koa ordentliches
Mannsbild. Arbeit' oder geh' auf Reisen ... aber Schulden machen ...
das leid' i nit!« hatte der Kramer in sehr bestimmtem Ton erklärt. War
ein arges Kreuz für den alten Mann, der Michl.
Man konnte ihm nicht feind sein, dem Burschen; und wenn der Veit kein
Geld mehr hergab, dann hatte halt doch die Mutter Notburg immer noch
einen Groschen für den Pflegesohn. Und steckte es ihm heimlich zu.
»Aber g'wiß 's allerallerletzte Mal!« sagte dann die alte Frau schwer
seufzend.
War ein recht geducktes, schlohweißes Mutterl jetzt, die Notburg, und
fiel ihr schwer, etwas hinter dem Rücken ihres Mannes zu tun. Aber der
Bursch erbarmte ihr halt gar zu sehr. Hatte nie Mutterliebe gekannt,
der Häuter, und wär' doch so liebebedürftig gewesen. Und wie er
schmeicheln konnte und so zart und weich und schön mit ihr tat. Immer
wieder glaubte ihm die Notburg, wenn er ihr Besserung versprach und
alle heiligen Eide schwor.
Und als dann die heimliche Kasse der alten Frau nicht mehr ausreichte,
um die Schulden des jungen Mannes zu decken, verfiel er aufs
Schwindeln. Wurde immer dreister und immer raffinierter und machte arge
Lumpereien.
Und eines Tages holte ihn der Gendarm mitten aus einer lustigen
Gesellschaft vom großen Hotel herunter und brachte ihn ins Gefängnis,
das in dem Hauptort des Tales war.
Dieser Schlag traf den Wastl bis ins Innerste seines Herzens, als er
davon hörte. Seit Jahr und Tag lebte der Wastl nun schon im Siechenhaus
und war völlig abgeschlossen von der Außenwelt und ganz zufrieden
mit seinem Dasein. Er hätte es nicht gedacht, daß er noch einmal so
zufrieden werden könnte. Er lebte in der Heimat und doch verborgen vor
allen; er sah täglich die Berge, die er von Jugend auf gekannt hatte,
und genoß den heiligen Frieden dieses schönen Tales.
Was er brauchte, das hatte er, und mehr als das. Denn der Kramer
Veit ließ ihm viel Gutes zukommen durch den Andreas Siegwein. Die
barmherzigen Schwestern, welche die Obhut hatten über das Siechenhaus,
waren gut und liebevoll zu ihm, voll Nachsicht und Verständnis, und
ließen ihm alle Freiheit. Er nützte sie aber nur wenig aus, seine
Freiheit. Hielt sich nur selten außerhalb des Spitalsgartens auf und
war zufrieden, wenn man ihn dort allein auf einer Holzbank sitzen ließ.
Eine hohe Bretterwand umzäunte diesen Garten und schloß ihn gegen
neugierige Blicke von außen ab. Gemüsebeete, von einfachen Blumen
umgeben, waren in dem Garten. Die Schwestern arbeiteten unermüdlich
darin, und Erholungsbedürftige ergingen sich langsam und wohlig
im prallen Sonnenschein. Ab und zu spendete ein Obstbaum mit
weitausragenden Ästen den ersehnten Schatten, und an den Bretterwänden
des Zaunes rankten sich früchtetragende Aprikosenbäume empor.
In einer Ecke des Gartens, hart an der Bretterwand, stand die Bank,
auf welcher der Wastl für gewöhnlich zu sitzen pflegte und sich von
der lieben Sonne bescheinen ließ. Saß oft viele ... viele Stunden da,
einsam und ohne sich eine Gesellschaft zu wünschen.
Er war ein gebrochener, alter Mann geworden, der Wastl, und hatte
eine kranke Brust. Das Gesicht war grau, der Kopf kahl, und der Bart
wucherte üppig und lang und war schneeweiß. Und groß und leer schauten
die dunklen Augen aus dem eingefallenen, schwer durchfurchten Gesicht.
Manchmal gesellte sich ein Kamerad zu dem einsamen alten Manne und
sprach mit ihm. War ein guter Bekannter vom Wastl aus seiner Jugendzeit
und vom Alpl droben. Der Stanis, den sie damals eingesperrt hatten,
weil er dem Fremden die Nase abbiß. Als der Stanis frei kam, war nichts
mehr Rechtes mit ihm anzufangen. Einen gewesenen Zuchthäusler nehmen
die Bauern nur ungern in Dienst, und wenn er auch noch so tüchtig
arbeitet. Und der Stanis war auch recht bockbeinig geworden, und Kraft
hatte er wohl auch nimmer gar viel.
So mühte sich der Stanis nicht lange um einen Dienst. Fand er zufällig
eine Arbeit, so tat er sie im Taglohn, und wenn nicht, dann bettelte
er sich eben durch. Hatte er Geld, dann vertrank er es, und hatte er
keines, dann focht er die Fremden darum an. Lebte so richtig und ohne
Sorgen in den lieben Tag hinein, lieferte ab und zu Räusche und wurde
dann stänkerisch und unangenehm, wie er es ehedem gewesen war.
Schließlich hatte er Aufnahme gefunden im Versorgungshaus, und die
Schwestern mochten den kleinen, beweglichen Kerl, der so gern Scherze
machte, genau so gut leiden, wie ihn seinerzeit die jungen Melker
droben am Alpl gut leiden konnten.
War ganz anstellig, der Stanis, und tat den Schwestern auch manchen
Dienst. Und aus Dankbarkeit gewährten sie ihm dann wieder seine volle
Freiheit. Von dieser machte der Stanis nun allerdings den ausgiebigsten
Gebrauch. Besonders zur Sommerszeit, wenn die Fremden wieder im Tal
waren. Da trieb's den Stanis aus dem Spitalsgarten hinaus und unter
die Fremden, die er dann regelmäßig in der unverschämtesten Weise
anbettelte.
Er umlauerte die Fremden und heuchelte ihnen Demut vor und Achtung,
bis er seine Gabe erhielt. Dankte dann aber kaum dafür; denn er haßte
sie alle, die nicht herein gehörten ins Tal, und sah ihnen mit boshaft
schielenden Augen nach.
So war der Stanis immer in steter Fühlung mit der Außenwelt und wußte
ganz genau, was sich im Ort und in der Umgebung ereignete. Vom Stanis
erfuhr es der Wastl denn auch, daß man heute seinen jüngsten Sohn ins
Gefängnis eingeliefert hatte.
Recht anschaulich schilderte der Stanis den Vorgang. Er hatte es selbst
gesehen, wie der Gendarm mit aufgepflanztem Gewehr hinter dem Michl
einhergegangen war. Und der Michl habe den Kopf eingezogen gehalten
und zu Boden geschaut.
»Weil er si halt g'schamt hat, der Mensch. Woaß man wohl!« schloß der
Stanis kaltblütig seinen Bericht und ahnte nicht, wie tief ins Herz er
damit den Wastl getroffen hatte.
Es war am späten Nachmittag, zur Hochsommerszeit, und die sinkende
Sonne leuchtete rot auf die Bergspitzen des Tales. Ein frischer Wind
zog erquickend über die heißerwärmte Erde, und weit im Norden hinten
ballten sich die ersten Boten eines heranziehenden Gewitters.
Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen auf der Holzbank im
Gartenwinkel, die beiden alten Männer. Und keiner sprach ein Wort,
nachdem der Stanis ausgeredet hatte.
Es wunderte den Stanis nun doch, daß das alles den Wastl anscheinend so
kalt und gleichgültig ließ. Schließlich war's ja doch sein Sohn, den
man heute eingeführt hatte. War ihm eigentlich leid um den Michl, dem
Stanis. Denn gebessert, das wußte er aus Erfahrung, kam keiner aus dem
Zuchthaus heraus.
Als es zu dunkeln begann und der Wastl noch immer kein Wort redete,
da riß dem Stanis die Geduld. Etliche Male schon hatte er nach seiner
Schnupftabaksdose gegriffen und energisch auf den Deckel geklopft, ehe
er sich eine Prise nahm. Und hatte dann auch dem Wastl davon angeboten.
Der aber achtete nicht darauf, saß und stierte schweigend vor sich hin.
Boshaft schielte der Stanis aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem
Manne hinüber, der weit nach vorn gebeugt neben ihm auf der Bank saß.
»Werden eini müassen ins Haus!« brach er dann endlich das Schweigen.
»'s wird spat!« mahnte er in unfreundlichem Tone.
Der Wastl erhob sich gehorsam und wollte in der Richtung nach dem
großen Gebäude hingehen. Es war jetzt leer geworden im Garten, und von
der Hauskapelle hörte man das gedämpfte Murmeln des Rosenkranzgebetes.
Der Stanis, der noch immer trotz seines vorgerückten Alters erstaunlich
beweglich war, trat rasch an die Seite des alten gebeugten Mannes und
zupfte ihn energisch am Arm.