»Du ...« machte er leise und sah neugierig zu ihm auf ... »wart' a

bissl ... ha?«

Müde und gleichgültig blieb der Wastl stehen. »Willst eppas?« frug

er ihn und langte in seine Hosentasche nach Geld. Denn da der Stanis

wußte, daß der Wastl oft Geld bekam, pflegte er ihn häufig anzupumpen.

Der Stanis machte aber eine ablehnende Bewegung. »G'halt' dir's!« sagte

er verächtlich. »I hab' di lei eppas fragen wöllen ... di ...« fügte er

eindringlich hinzu.

»Mi ...« Leer und schwer kam das Wort aus dem Mund des Wastl.

»Ja.« Jetzt stellte sich der Stanis in Positur. Wie kampfbereit sah

er aus, so daß der Wastl unwillkürlich erstaunt auf das kleine, dürre

Manndl herabschaute.

»Hast g'hört, was i dir verzählt hab' ... ha?«

»Ja.«

Der Stanis spie, wie er das stets zu tun pflegte, bevor er zu raufen

anfing, ein paarmal verächtlich auf die Erde.

»Hast's begriffen aa ... du ...« frug er scharf und sah lauernd zu dem

andern auf.

»Ja!« nickte der Wastl. Es klang kalt und tonlos.

Jetzt brach die Empörung bei dem Stanis aus.

»Aft begreif' i di nit ... du Depp ... du ...« machte er zornig. »Ist

do dei' Bua ... dei' Kind ...«

»Ja!« sagte der Wastl. »Und nachher?«

»Nachher?« Zornig schaute der Stanis auf den Kameraden. »Nachher? Dös

fragst no ... du? Hast denn koa Bluat mehr ein? Koa G'fühl und koa Herz

mehr? Reißen müasset's di ... kimmt mir für ... an alle Knochen und an

alle Muskeln! Woaßt nit, daß dei' Bua iatz a Lump ist? Begreifst es

nit, daß er erst a richtiger werd', bald's ihn wieder außerlassen? A

Zuchthäusler ... so oaner wia du ... und i oaner bin ... den's alleweil

antreiben wird, Schlechtes zu tun. Oaner, den sie verachten ... dahoam

und in der Stadt ... oaner ...«

Mit einem wilden Schrei warf sich der Wastl über den Stanis und schmiß

ihn zu Boden.

»Stad bist ... du ...« keuchte er außer sich und mit vor Zorn und Wut

blutunterlaufenen Augen. »Stad ... sischt ...«

Der Stanis aber war noch immer so geschmeidig, daß er sich flink wie

ein Aal aus den fest zugreifenden Händen seines Gegners entwand und

dann rasch wieder auf die Füße zu stehen kam. Er war aber keineswegs

empört über den Überfall, sondern ganz im Gegenteil hoch befriedigt

davon. Wie ein naßgewordener Pudel schüttelte er sich die Erde von den

Kleidern und sagte dann sehr ruhig und sehr zufrieden: »Ah ... ah so!

Aft hast döcht no a Seel' ein ... du!«

Und trug dem Wastl nichts nach. Der Wastl hatte sich gleich wieder

beruhigt und war wieder ganz kleinlaut geworden, da er sich über seinen

aufbrausenden Zorn schämte. Sie gingen dann, ohne noch viel miteinander

zu reden, ganz einträchtig ins Haus hinein und zur Ruhe.

Aber der Wastl schlief nicht. Konnte kein Auge zutun in dieser Nacht

und mußte nur immer an den Michl denken und an die Schande, und daß der

Michl nun ein Zuchthäusler wurde.

Die ganze Nacht dachte der Wastl darüber nach und auch den

darauffolgenden Tag, bis es wieder gegen Abend ging und der Stanis

abermals zu ihm in die Gartenecke kam.

Klar und hell hoben sich die Berge im Hintergrund des Tales von dem

tiefblauen Himmel ab. In dieser einsamen Gartenecke hatte man einen

herrlichen Fernblick. Der hohe Zaun verbot den Blick aufs ebene Tal ...

aber weit, dem Süden zu, bauten sich die alten Bekannten des Wastls auf.

Da reckte der Berg, an dessen Lehne der Wastl das Alpl wußte, seine

kecke Waldnase empor, und das winzige Hochtal, in dem der Perlmoserhof

gelegen war, sah von hier aus gesehen einer frischgrünen Wiese ähnlich.

Waldumsäumt und von der ragenden, schroffen Felsenwand des Berges

bewacht. Und ganz putzig nahmen sich die paar Bauernhäuser aus. Dunkel

und braun und die Dächer so eingeschrumpft wie Hüte, die das Gesicht

verstecken sollen.

Ganz zu oberst, am Waldessaum ... das war der Perlmoserhof, und der

Wastl sah mit seinen scharfen Augen ganz deutlich die Zickzacklinie des

Weges, der herab zum Söllerbauer führte und noch weiter herunter gegen

das Haupttal zu.

Wie oft und oft war der Wastl diesen Weg gewandert, jung und frisch und

jauchzend und singend. Damals ... als er noch das ganze Leben vor sich

hatte. Damals ...

Und jetzt sprach der Wastl zu dem Stanis, der schweigend und abwartend

neben ihm saß ... »Hab' denkt, daß alles aus ist ...« fing er

schwerfällig zu reden an ... »daß mi nia nix mehr treffen kunnt. Hab'

denkt ... die Buben sein versorgt und rechtschaffene Menschen. Hab'

nia nit denkt, daß oaner auf so eppas kömmen kunnt ... da bei uns

herinnen!« sagte er, und dumpf und klanglos und todtraurig war seine

Stimme.

»Bei uns herinnen?« Scharf frug es der Stanis. »Z'wegen was denn

nachher nit bei uns herinnen, ha? Ist denn da koa Versuchung nit, ha?

Ausg'rechnet bei uns herin, wo's oaner alleweil vor Augen hat, wia

fein 's Leben sein könnt', wenn man Geld g'nug hat. Kann mir's leicht

fürstellen, wia's den Michl anpackt hat. Ist halt no jung und dumm. Und

im Hotel droben ist a fein's Leben. Sein noble Leut' dort und lassen

sich nix abgehen, woaß man wohl. Woaß wohl selber, wia's mir gangen

ist. Hat mi hinzochen als wia an Falter zum Liacht. Und war' nimmer a

so jung g'wesen wie dei' Bua. Und mehra hab' i kennt ... dö aa alleweil

aufi sein, derweil der Florl no g'lebt hat. Und koan' hat's guat tan.

Koan' oanzigen. G'soffen haben's und g'spielt und g'sungen und g'tanzt.

Haben die Hanswürst' abgeben für dö Fremden ... dö Tuifl ... dö

verfluachten!«

Kräftig spie der Stanis auf den Erdboden des Gartens; denn nun war

er in seinem Element und konnte seinem Haß, den er von jeher schon

immer gegen die fremden Gäste hegte, ungehemmten Lauf lassen. Und

ganz besonders war dieser Haß genährt worden, seitdem er hatte eines

Fremden wegen ins Zuchthaus wandern müssen. Hartnäckig und ohne

Selbsterkenntnis machte er dafür nur die Fremden verantwortlich,

und jetzt, da er mit dem Wastl sprach, teilte er diese einseitige

Ansicht auch diesem mit und brachte den schwerfälligen Mann zu seiner

Überzeugung.

»Wann i derfet, wia i möcht' ... Wastl ...« sagte der Stanis voll

ingrimmigen Hasses ... »woaßt, was i tat'?«

Wortlos und ohne Verständnis schaute ihm der Wastl in die unruhig

flackernden Augen.

»Anzünden tat' i die Bud'n da droben ... dö verdammte ...« flüsterte

der Stanis mit heiserer Stimme. »Alles müsset verbrennen ... nix mehr

derfet man sechen davon. Damit koa Schaden mehr kömmen könnt' ... von

denen da oben.« Er ballte ingrimmig die dürren, knochigen Fäuste in

der Richtung des kleines Hochtales, auf dessen anderer Seite er das

große Fremdenhotel wußte. »Grad' wegen dö ist alles kömmen. Wegen dö

alloan. War'n wir blieb'n, wia wir amerst g'wesen sein ... hatten wir

nix Bess'res kennen g'lernt ... aft warst du mit dein' Weib no alleweil

a Bauer in der Gungl drein. Moanst nit aa, Wastl?«

Der Wastl sagte kein Wort zur Erwiderung, und der Stanis wußte nicht

recht, ob er seinen Haß begriffen und seine Rede auch aufgefaßt hatte.

Er saß noch lange ... lange Stunden in seinem Winkel im Garten, der

Wastl, auch noch, nachdem ihn der Stanis verlassen hatte. Er saß und

starrte in weite Ferne, hinüber zum Hochtal und zum Perlmoserhof. Aber

sein Blick war nicht leer, und die dunklen Augen leuchteten wie seit

langem nicht mehr.

Tagelang wurde der Wastl den bösen Gedanken nicht los. Er verfolgte ihn

bei Tag und Nacht und weckte ihn aus unruhigem Schlummer. Immer nur der

eine Gedanke ... die Rede des Stanis ... sein wilder, unbändiger Haß

und dessen Ursache.

Sollte der Stanis recht haben? Hatten diese fremdländischen Neuerungen

das Unglück in seine Heimat gebracht? Und wieder besprach er's mit dem

Stanis ... lange und eingehend, bis es ihm zur fixen Idee wurde.

Dann wieder kam der Zweifel in seine Seele und eine Unruhe, und er

kämpfte gegen das Böse, das Macht zu werden begann in seinem Herzen. Er

zwang ihn nieder ... den bösen, gewaltsamen Gedanken. Bezwang ihn, bis

er triumphierend wieder aufs neue erstand.

Wenn der Wastl jetzt in seinem Gartenwinkel saß, so brachte ihm

der Blick in die nahen Heimatsberge keine Ruhe mehr und keine

Zufriedenheit. Er sah mit Angst hinüber in die Gegend des kleinen

Hochtals ... mit Angst und nagender Unruhe.

Da drüben ... auf der andern Seite des kleinen Jochberges ... da war

das Dörfl, und in diesem wohnte sein Ältester. Sollte ein tüchtiger

Bauer sein, der Martl, hatte ihn der Anderl immer wieder gelobt. Ob das

aber auch Tatsache war? Der Anderl hatte es ihm ja auch verschwiegen,

daß der Michl ein Lump geworden war und der Lois fern und verschollen

lebte in fremden Landen. Jetzt hatte er es ja alles erfahren, haarklein

und genau erfahren, der Wastl. Und jetzt traute er dem Anderl auch

nicht mehr, wenn er den Martl lobte. Ob der wirklich ein ehrlicher

Bauer war oder auch schon hinaufging in das große Gasthaus und dort zum

Lump wurde?

Er konnte oft gar nicht mehr stille sitzen, der alte Mann, wenn ihn die

Angst um den Martl anpackte. Mußte immer umhergehen, immer auf und ab

und seine Gedanken niederkämpfen ... seine bösen Gedanken ...

Waren sie böse? Wirklich böse? Der Stanis sagte, es wäre eine Wohltat

für das ganze Tal, wenn die Lahn käme oder ein Blitz einschlüge und

alles da droben zugrunde richten würde ... Dann wäre die Luft erst

wieder rein ... so köstlich und unschuldsvoll wie damals, als da droben

nur grüne Wiesen waren und ganz vereinzelt kleine Felsblöcke darin

umherlagerten.

Und wenn das wirklich eine Wohltat war fürs ganze Tal, weshalb führte

der Stanis den Plan nicht aus? Hatte es doch ganz genau und haarklein

ausgeheckt ... wie's gemacht werden müßte ... damit alles da droben ...

das alte und das neue Haus und was noch dazu entstanden war ... von

Grund aus vernichtet würde.

War ein gescheiter Mensch, der Stanis! Schade, daß er so feig war und

sich immer betrank! Er, der Wastl, trank jetzt nie mehr. Hatte keinen

Rausch mehr gehabt, seit damals ... seitdem er die Vef wiedergesehen

hatte.

Die Vef! Und immer wieder die Vef! Er konnte sie halt doch nicht

vergessen, die Vef! Wie schön sie gewesen war ... wie lustig und

jugendfrisch und arbeitsam ... und hatte ihm Kinder geschenkt ... drei

Buben und ein Mädel ... und war dann verkommen ... war eine geworden

... eine ... wie hatte der gesagt ... der Schuft ... den er dann

erwürgt hatte? ... eine Dirne ... die Vef ...

Und immer wieder die gleichen Gedanken ... immer wieder ... wie ein

Mühlrad in seinem Kopf ... drehte sich im rastlosen Kampfe des Guten

mit dem Bösen.

Was war gut und was böse? War er, der Wastl, auch feig wie der Stanis?

Sollte er zugeben, daß auch sein letzter Bub verkam und der Versuchung

unterlag? Wenn er doch nur wüßte, ob ihn der Anderl nicht anlog, ob der

Martl wirklich noch ordentlich war?

Und immer größer die Unrast in der Seele des Mannes, immer größer der

Zwiespalt in seinem Innern, bis er's nicht mehr aushielt und hinging

und sich doch wieder betrank. Toll, wütend und sinnlos. Hatte ja Geld

genug, mehr wie genug vom Kramer Veit. Konnte sich schon etliche

Räusche leisten, der Wastl, und brauchte dann nicht immer nachzudenken

... Das Denken machte ihn ja noch ganz verrückt. War nichts für einen

so alten, einfältigen Menschen ...

Sinnlos wie ein Tier war der Wastl besoffen. Und kehrte dann auch

nicht zurück ins Siechenhaus, sondern verkroch sich in einem Heustadel

außerhalb des stattlichen Dorfes. Wollte sich nicht so zeigen den

Schwestern. Und wollte überhaupt nicht mehr da hinein. Zu was auch? War

doch viel freier und schöner außerhalb des Spitalgartens. Konnte viel

besser draußen herumwandern, der Wastl.

Es war Spätherbst, und der Stadel, in dem der Wastl für diese Nacht

Unterschlupf gefunden hatte war vollgepfropft mit köstlich duftendem

Heu.

Wie das gut tat, wieder einmal im Heu schlafen zu dürfen! Völlig

gesund konnte einen der Duft machen. Und ganz ernüchtert war der Wastl

mit einem Male und gar nicht mehr betrunken. Wühlte sich in das weiche

Heubett ein, tief und wohlig, und schlief.

Und andern Tags schlich er sich heimlich aus dem Stadel, schaute umher,

ob ihn wohl niemand sähe. Wollte nicht mehr zurück ins Siechenhaus,

sondern fort ... tiefer ins Tal hinein ... und noch einmal den Weg

gehen, den er so oft gegangen war, hinauf zum Perlmoserhof und beim

Söllerbauer vorbei und dann hinüber zum Dörfl, um seinen Buben

aufzusuchen, den Martl, und auch den Kramer Veit.

Fühlte sich ganz kräftig und gesund genug zum gehen, der Wastl. So

eine Nacht im Heu kann Wunder tun. Macht einen völlig wieder jung. Und

schnell brauchte er ja nicht zu gehen. Hatte Zeit genug, der Wastl, und

auch Geld genug, wenn ihn hungern sollte.

Und als es Abend wurde, kehrte er in einem Gasthaus ein und aß und

trank. Trank ein Viertele Rotwein um das andere, bis er abermals

betrunken ward. Dann schlich er sich fort und nächtigte wieder in einem

Heustadel. Am zweiten Tage aber erreichte er das Dörfl, wo der Martl

war, sein Bub.

War völlig fremd geworden im Dörfl. Niemand erkannte den alten Mann.

Barhäuptig, auf einen Stock gestützt, schlich der Wastl umher und

merkte es nicht, daß sein Atem keuchte und die kranke Brust schmerzte.

Und der Kopf war ihm dumpf und wirbelig.

Machte am kleinen Gottesacker halt, der Wastl, und betete am Grabe

seines Kindes ein Vaterunser und ging dann in die Kirche. Er getraute

sich nicht zum Kramer Veit und wagte es auch nicht, seinen Buben

aufzusuchen. Wollte warten, bis es dunkel geworden war und dann

heimlich durch die Fenster schauen, um den Martl zu sehen.

Dauerte recht lange bis zum Abend, und der Wastl hatte Hunger und

Durst. Argen Durst, und die Kehle brannte ihm. Konnte nicht so lange

warten bis zum Abend, sondern mußte den Durst löschen gehen, denn er

hatte viel Geld. Geld genug, wenigstens für diese eine Nacht, und

morgen würde dann schon der Kramer Veit für ihn sorgen. Morgen ...

Langsam, müde und geduckt kroch der Wastl, mehr als er ging, den Berg

zu dem großen Hotel hinan.

Es war noch viel feiner jetzt hier oben, so erschien es wenigstens dem

Wastl, als wie es seinerzeit unter dem Florl gewesen war.

Beinahe hätte ihm der Mut gefehlt zum hineingehen. So fein und nobel

sah es von draußen aus. Heller Lichtschein überall ... gerade so wie in

den großen Städten, wo sie gesungen hatten ... zuerst er und die Vef

und dann die Vef allein. Das war damals ... ehe sie eine ...

Er wollte das Wort nicht zu Ende denken. Durst hatte er, nur Durst und

keinen Hunger mehr.

Trinken ... nur trinken ...

Mißtrauisch und argwöhnisch und sehr von oben herab besah sich die

Kellnerin den alten, geduckten Mann in den ärmlichen Kleidern, ehe sie

seinen Auftrag entgegennahm. Ob der wohl zahlen konnte? Und als sie ihm

dann doch mit herablassender Miene die Halbe Rotwein hinstellte, da

forderte sie ihm gleich das Geld dafür ab.

Der Wastl zahlte gelassen und gab ein nobles Trinkgeld. Und trank. Saß

allein in der großen Glasveranda an einem blühweiß gedeckten Tische

und trank. Trank ... wie ein Verdurstender und stierte hinaus in die

einfallende Dämmerung des Herbstabends. Sah mit matten, verschwommenen

Blicken die dunklen Wälder jenseits der drei Hochtäler, sah, wie

sie sich schwarz und düster und gewaltig aufbauten, und hörte das

majestätische Rauschen des nun einsetzenden Abendwindes. Er kam von

drüben her ... dort, wo schon ganz im grauen Dämmer die Gungl lag.

Und der Wastl trank ... trank und bezahlte gewissenhaft und sehr ruhig

alles, was man von ihm forderte. Bis er kein Geld mehr hatte und man

ihn gehen hieß.

Er wollte aber nicht gehen, der Wastl, wollte hier sitzen und noch mehr

trinken. Und noch einmal hieß man ihn gehen, und der Hausknecht kam und

stand in nächster Nähe des Wirtes, bereit, den lästigen Gast an die

Luft zu befördern.

Es war ziemlich leer in dem großen Gasthof; denn Zeit und Stunde waren

spät. Die wenigen, die noch vereinzelt herumsaßen, machten empörte und

angewiderte Gesichter. Den Wirt packte der Zorn, als ihm der Wastl so

hartnäckigen Widerstand entgegenstellte. Gereizt wendete er sich an die

Kellnerin.

»Und überhaupt ... solches Gesindel gehört doch nicht hier herein!«

sagte er scharf. »Das hätten Sie wissen müssen!«

»Gesindel!« Heiß stieg dem Wastl der Schimpf ins Gesicht und

ernüchterte ihn etwas. »Gesindel!« Er ... der Wastl ... ein Bauer ...

einer, der ins Tal herein gehörte ... hier aufgewachsen war und kein

Fremder!

»Gesindel!« Schwerfällig und trunken griff der alte Mann nach seinem

Stock, um ihn dem fremden Wirt ins Gesicht zu schlagen. Die Bewegung

wirkte komisch, so daß die Kellnerin und auch der Wirt unwillkürlich

lachen mußten, und ohne jede Mühe entledigte sich der Hausknecht seines

Amtes. Schob den Wastl, wie der Metzger ein widerspenstiges Kalb vor

sich her schiebt, einfach zur Tür hinaus und verriegelte sie von innen.

Und drinnen im Haus lachten sie über ihn ... roh und unbarmherzig.

Lachten ihn aus, den Wastl ... er hörte ihr Lachen, wie es laut und

höhnisch ihm nachklang.

»Gesindel!«

Wer war hier Gesindel? Er oder die da drinnen? Den Michl, seinen

Jüngsten, hatte doch der Gendarm von hier herausgeholt, erzählte der

Stanis. »Gesindel!«

In dunkler Nacht stand der Wastl vor dem großen Haus und hob drohend

den Stock. »Gesindel!« wiederholte er leise und ingrimmig mit den

Zähnen knirschend. »Gesindel!« Der da drinnen ... der Fremde ... der

hatte kein Recht, ihn das zu heißen. Wußte nichts von ihm ... wußte

nicht, daß er im Zuchthaus gesessen hatte ... wußte nicht, daß die

Vef ...

Und wieder dachte der Wastl den Gedanken nicht zu Ende.

»Gesindel!« hatte der fremde Mann gesagt. »Gesindel!« Er kam nicht los

von dem Wort und wiederholte es immer und immer wieder.

Langsam und scheu umschlich der Wastl in dunkler Nacht den großen Bau.

Halb betrunken und halb wirbelig im Kopf. Denn nun mußte er wieder zu

denken anfangen, der Wastl. Wie ein Mühlrad drehten sich die Gedanken

in seinem Kopf.

Die Vef und der Stanis ... und der Michl ... den sie eingesperrt hatten

... und drunten im Dörfl der Martl ... der vielleicht auch schon ein

Lump geworden war ... weil er der Versuchung nicht widerstehen konnte

und immer in das feine Gasthaus ging ... Und Gesindel hatte der Mann,

der nicht einmal ins Tal gehörte, zu ihm gesagt. Gesindel!

Er murmelte das Wort immer wieder vor sich hin. »Gesindel! Gesindel!«

Und der Stanis ... der hatte gesagt, daß es eine Wohltat wäre für die

ganze Gegend ... eine Wohltat ... wenn ...

War ein gescheuter Mensch, der Stanis. Aber feig! Feig ... weil er sich

betrank und Räusche lieferte. Er, der Wastl, lieferte keine mehr. Nie

mehr wollte er einen liefern. Nie mehr! War jetzt schon wieder ganz

nüchtern, der Wastl ... nur der Kopf ... der war schwer und wirbelte

ihm vom vielen Denken.

Der Wastl umkreiste das Haus und besah es sich von allen Seiten und

schlich dann zum Nebenbau hinüber, zu dem Haus, das der Kramer Veit

damals für den Florl erbaut hatte. Und umkreiste auch das, langsam und

vorsichtig. War ihm gut bekannt ... das Haus. War oft drinnen gewesen

... damals noch, als die Vef lebte.

Und jetzt durfte er nicht mehr hinein. Hatten ihn vor die Türe gesetzt

in stockdunkler Nacht, die da drinnen, und ihm nichts mehr zu trinken

gegeben. Er wollte aber trinken ... er mußte trinken ... um nicht

immer denken zu müssen ... nur nicht immer denken ... an nichts mehr

denken ...

Ein Hund schlug warnend an und zerrte an der Kette. Drohend und zornig.

Und wollte sich nicht beruhigen. Der Wastl setzte sich auf eine der

Bänke, die herumstanden, und horchte. Machte ein pfiffiges Gesicht, der

Wastl ... ganz pfiffig ...

Ging ein Brausen durchs Tal ... von jenseits der Berge kommend, wo

die Wetter sich ansagen. Und war schwarz und schwer und kein Stern am

Himmel und kein Licht mehr drunten im Dörfl.

Dunkel und vornehm und still lag der weiße Block des großen Hotels.

Konnte ihn gut sehen, der Wastl, sehr gut. Trotz der großen Dunkelheit

... Und der Wastl lauschte mit eingezogenem Atem und hörte, wie sich

die Tür auftat und jemand aus dem großen Haus kam und zu dem Hunde

ging, um ihn zu beruhigen.

War zornig, der Hund, und heulte gellend in die Nacht hinein. Und der

Wastl kicherte leise und schadenfroh. Hat schon recht der Hund! Soll

nur heulen. Ganz recht hat er. Sollen alle heulen ... die da droben ...

alle ...

Und wieder schwang der Wastl voll ingrimmigen Hasses seinen Stock gegen

das große Haus.

»Gesindel!« sagte er leise und mit verhaltener Wut. »Gesindel! Alle

seid's Gesindel! Ös da droben! Alle miteinander!«

Sie mußten den Hund ins Haus bringen und einsperren, weil er so zornig

tat. Und der Wastl hörte mit scharfem Ohr, wie er dann trotzdem wieder

zornig knurrte, leise und grollend.

Er hatte ein feines Ohr, der Wastl, und auch noch gute Augen. Waren

scharf und ungetrübt geblieben und konnten gut sehen im Dunkel. Und

hatten erspäht ... wo der große Schupfen war, in dem sie das Futter für

die Maulesel und den Holzvorrat fürs Hotel untergebracht hatten.

»Bei dem müsset man zuerst anfangen!« hatte der Stanis gesagt. War

gescheut, der Stanis! Aber feig!

Ein Sturm hatte sich erhoben in der schwer dunkeln Nacht. Brauste eisig

von den Fernern herüber und kündete wohl frühen Schneefall an.

Es fror den Wastl. Aber er wartete noch. Trotz der Kälte. Wollte ganz

sicher gehen ... bis sie alle schliefen ... und ihn nicht stören

konnten.

Dann erst schlich er sich hinüber. Tat ... wie's der Stanis ausgekopft

hatte. Zuerst der Stadel ... Nein ... das war falsch ... Zuerst das

große Haus ... dann der Nebenbau vom Kramer Veit und dann der Stadel

... So war's recht.

Hatte Mühe, der Wastl, bis er vom Schupfen her das Holz zusammentrug

... Dauerte lange die Arbeit ... und der Sturm brauste und der Hund

knurrte ab und zu und heulte auf in langgezogenen Tönen.

Und dunkel war's ringsum! Stockdunkel. Nichts mehr konnte man

unterscheiden. Gar nichts mehr. Keinen Berg und keine Felder und

auch kein Haus vom Dörfl unten. Würde bald hell werden hier oben und

leuchten. Und der Wastl lächelte vor sich hin, still und vergnügt.

Leise knisterte das Feuer und züngelte sich zur Flamme. Sorgfältig

hatte es der Wastl angelegt ... unter der großen Holzveranda ... wo es

so guten Durchzug hatte und bald hell aufschlug. Wie das brannte! Schön

war's und würde bald ganz hell werden und lichterloh brennen.

Und der Wastl ging zum Nebenbau hinüber ... langsam und sehr vorsichtig

... und zündete dort das Feuer an. Wartete, bis die Flamme loderte, und

lächelte schadenfroh.

»Gesindel!« hatte der fremde Mann ihn beschimpft. »Gesindel! Selber

Gesindel ... spottschlechtes! Zugrund sollt's gehen ... alle

miteinander!«

Und dann zündete der Wastl den Stadel an. Der fing das Feuer, daß es

eine Freude war. Hellauf schlugen die Flammen, vom Winde umtobt.

Schön war das! Herrlich schön. Dieser helle Schein in der dunkeln

Sturmnacht. Und leuchtete so hell, daß der Wastl jetzt alles sehen

konnte. Das Dörfl unten mit der kleinen Kirche und drüben die düster

drohende Bergwand.

Sorgsam ... wie eine heilige Pflicht ... hegte der Wastl die Feuer an

den großen Häusern, trug Holz herüber vom Schupfen und legte zu. Aber

sie brauchten die künstliche Nahrung nicht mehr, sondern fanden von

selbst ihr Futter, die Flammen. Züngelten gierig zum Dachstuhl empor

und nach allem, was morsch und holzig war, und brannten lichterloh und

brausend im Sturmwind.

Er hatte sein Werk gründlich besorgt, der Wastl so wie es immer seine

Art gewesen war. Und durfte nun gehen und sich ausruhen.

Als sie im Hause das Feuer bemerkten, war es zu spät. Nur das Leben

konnten die Bewohner retten und nur wenig von den Habseligkeiten.

Ein Flammenmeer war es im rasenden Sturm, der sich dem Riesenbrand

verbündet hatte. Weithin leuchtete der Feuerschein, die dunkle Nacht

erhellend. Und es krachte und zischte und brauste, und eine ganze

feurige Hölle der Vernichtung war entfesselt. Menschliche Hilfe? ...

Umsonst! Retten, löschen? ... Wer vermochte es, den sturmgepeitschten

Flammen Einhalt zu tun? ... Wehklagend klangen die Glocken im Dörfl

drunten und riefen um Hilfe. Sie riefen vergebens ... Die entfesselten

Elemente waren Herr ... Sturm und Feuer ... und Feuer und Sturm ...

beide verbrüdert und verschworen zur furchtbaren Vernichtung ...

Zu Schutt und Asche war alles niedergebrannt, was da droben stolz

gethront hatte. Alles ausgebrannt, was nicht Stein und Mauer war. Stand

dampfend und rauchend und qualmend ... Ruinen ...

Königin Heimat · 第 18 / 19 段