Ringsum, wohin er schaute, Selbstsucht und Gier nach Geld. Gier nach

Lust und Vergnügen, wie bei den fremden Leuten droben im Hause seiner

Mutter. Und Sucht nach Geld und Gewinn, wie es die Bauern im Dörfl

machten, die mit jedem Jahr immer schlauer und gerissener wurden.

Und dann wieder hartnäckigster Eigensinn, aus übergroßer Selbstliebe

entsprungen, der die Schuldlosen traf, wie drüben beim alten Perlmoser

und seinem Sohn, dem Jackl. Denn die Perlmoserischen wollten nichts zu

tun haben mit den arm gewordenen Verwandten und sagten sich los von den

drei Buben der Vef. Und doch nur deswegen, weil der Bauernstolz des

Alten zu tiefst getroffen worden war. Das konnte er nicht verzeihen,

und das machte ihn hart und unchristlich.

Droben im Hotel tanzte und sang und spielte und liebte man und war voll

Lebenslust und toller Freude. Und der Anderl, der zum Mann geworden

war, dachte nach und verglich. Verglich aus seinem eigenen Leben; denn

er kannte gar wohl die Geschichte der jungen Liebe seiner Eltern.

Damals, als seine junge Mutter mit ihm schwanger ging, als sie, ein

halbes Kind, vor der Heimat und der drohenden Schande floh ... da

waren sie alle hart gewesen zu dem Mädchen. Keines hätte sich ihrer

angenommen, und hätten sie verderben lassen, wenn der Veit Galler nicht

gewesen wäre.

Der hatte das wahre Christentum erkannt und ausgeübt. Er und die

Notburg ... die schweigsame Frau mit dem tiefen Gemüte. Von ihr hatte

der Knabe das Sinnieren gelernt, von ihr das Träumen und auch das

gerechte Abwägen der Handlungen anderer Menschen.

Das ganze Tal hatte aus dem Unternehmen des Florian Siegwein Vorteil

gezogen. Eine neue Zeit hatte er damit ins Leben gerufen, und nun, da

er tot war, sprachen die Menschen übel von ihm.

Sie sprachen von seinem unverantwortlichen Leichtsinn und von

seiner wilden Spekulationsgier und von den vielen Schulden, die er

hinterlassen hatte, und auch davon, wie dumm und ungeschickt die Regina

jetzt wirtschaftete. Und viele gab es unter ihnen, die da schadenfroh

es sich an den Fingern abzählten, wie lange die Frau sich wohl noch

würde halten können, ehe die Flut des Unheils über sie mit Macht

hereinbrechen würde.

Sie alle waren Christen ... fromme, gläubige Christen. Wenn der Ruf

der Glocken erscholl, dann eilten sie zur Kirche und falteten die

Hände. Und ihre Lippen sprachen Gebete, von denen die Herzen nichts

wußten. Sie beichteten und gingen zum Tische des Herrn. Und begingen

doch wieder alle jene Sünden, die sie zu unterlassen gelobt hatten.

Sie duldeten die lockeren Sitten der Fremden, schlossen die Augen und

taten, als bemerkten sie es nicht. Denn sie erkannten den Vorteil, der

ihnen durch die Fremden wurde, und waren nur darauf bedacht, ihn auch

richtig auszunutzen.

Und der Anderl brütete und dachte nach. Dachte über die Ursachen,

weshalb die Fremden den Charakter seines Volkes verdarben.

Der wahre Geist des Christentums fehlte ihnen allen. War nicht

eingedrungen in ihre Herzen; denn sie beteten wohl, aber sie lebten

nicht nach der Lehre des Herrn. Wohl wetterten und eiferten die

Priester in den Kirchen gegen die Fremden. Sie eiferten aber gegen sie,

weil es Andersgläubige waren ... Ketzer ... die einem fremden Glauben

angehörten. In diesem Glauben sahen sie die Gefahr für das Volk,

und die Gefahr lag anderswo und nicht in dem von der Geistlichkeit

verurteilten ketzerischen Glauben. Die Gefahr erstand aus dem Innern

des Volkes in seiner Gier nach Geld und in der Gier nach Genuß.

Christi Lehre! Wie wenige erkannten sie ... wie wenige verstanden sie.

Und der junge Anderl glaubte nun seinen wahren Beruf entdeckt zu

haben. Ein Priester wollte er werden ... ein Priester des Herrn und ein

wahrer Diener seines Volkes ...

Einmal sprach Veit Galler, der Kramer, davon, daß er mit dem Anderl das

Grab des Florian Siegwein aufsuchen wollte, das so weit und verlassen

in fernen Landen lag. Wie einen Sohn hatte Veit Galler den Florl

geliebt ... trotz allem Groll, den er oftmals gegen ihn hegte. Und

trauerte redlich und aufrichtig um ihn.

Es kam ihn hart an, das Reisen; denn der Kramer Veit war alt und

gebrechlich geworden. Und die Notburg machte ängstliche, besorgte

Augen. Der Veit aber wußte sie zu trösten.

Es war ja, wie man erzählte, nun nicht mehr so beschwerlich, das

Reisen. An vielen Orten hatten sie eine neue Erfindung eingeführt.

Wagen, die auf Eisenschienen rollten und von einer Maschine gezogen

wurden. Da ging's schon leichter und auch rascher, das Reisen ...

Und als die schöne Jahreszeit kam, da wanderte der Kramer Veit mit

seinem Pflegesohn hinunter ins Tal. Ging schon recht nach vorne

gebeugt, der Veit, und nicht mehr so wuchtig und selbstherrlich wie

einst. Und neben ihm der junge Anderl, schlank und biegsam und voll

Jugendkraft. Und hatte im Rucksack drinnen eine sonderliche Gabe für

den toten Vater. Einen großen Topf voll Heimaterde und ein junges

Fichtenbäuml. Das sollte Wache halten auf dem Grabe des Tirolers ...

Auf dieser langen Fahrt, die sie gemeinsam unternommen hatten, gestand

der Anderl dem Kramer Veit den heißen Wunsch seines Lebens.

Und Veit Galler neigte sein schneeweißes Haupt und redete lange kein

Wort. Und dann: »Ist mir recht, Anderl. Und wird der Muatter Notburg aa

recht sein. Ist was Gutes und Braves. Aber Anderl ...« voll schauten

die großen erkennenden Augen des Alten auf den jungen Mann ... »die

Menschen machst aa du nit anders. Kannst mir's glauben. Die bleiben,

wie sie sein. Aber lass' di's deswegen nit verdrießen, Bua. Gutes tun

kann man überall ... und aa als Bauer und als Geistlicher. Ist mir

recht ... Bua ... Ganz recht.«

Aber lieber wäre es dem alten Kramer doch gewesen, wenn der Anderl

geheiratet hätte und ein Bauer geblieben wäre. Aber er sagte kein Wort

davon. -- -- --

Und nun hausten sie daheim schon übers Jahr ohne den Anderl, und die

Notburg freute sich, daß ihr die Augen feucht wurden, wenn sie daran

dachte, daß ihr Anderl ... ihr Kind ... das sie aufgezogen hatte und

das so ganz nach ihrem Sinn geworden war ... die heiligen Weihen

empfangen sollte.

Die Regina nahm die Nachricht von der Berufswahl ihres Sohnes

ziemlich gleichgültig entgegen. Es interessierte sie nur wenig. Sie

war mürbe geworden in dem harten Kampf um ihre und ihrer Tochter

Existenz. -- -- --

Und Jahre vergingen. In jenem Sommer, da man den Anderl zum Priester

weihte, trieben die Gläubiger die Regina und ihre Tochter von Haus und

Hof.

Ein wahres Glück, daß der Veit Galler noch lebte und die Notburg. Denn

die Regina war bettelarm geworden.

Sechzehntes Kapitel

Die reisenden Tiroler Sänger waren nach dem Tode des Florian Siegwein

nach allen Windrichtungen hin zerstreut worden. Eine Zeit hindurch

leitete zwar die Vef die kleine Truppe, aber sie verstand diese Sache

genau so schlecht, wie die Regina die Führung daheim loshatte.

Kein halbes Jahr dauerte die Herrlichkeit, und die ganze Truppe hatte

sich aufgelöst. Und neue Gesellschaften schossen auf wie Pilze im Wald.

Reisten mit Erfolg und auch ohne Erfolg, aber jene Höhe des Ansehens,

die der Florian Siegwein einmal errungen hatte, war niemandem mehr von

ihnen beschieden.

Mit der Vef aber ging es von dieser Zeit an immer mehr abwärts. Jenem

tollen Sinnestaumel, dem sie sich hingegeben hatte, folgte der Ekel und

Abscheu der Übersättigten. Sie war unfroh und unglückselig geworden und

verfluchte sich und ihr ganzes Leben.

Und jetzt nach dem Tode des Florian Siegwein trat die Sorge um

ihre Zukunft immer drohender an sie heran. Eine Zeit, nachdem die

Gesellschaft, die sie zu führen versucht hatte, in Brüche gegangen war,

lebte die Vef ganz nach ihrem Geschmack. Und fühlte sich frei und aller

Fesseln ledig. Bis der Überdruß begann und die Not dräuend vor ihr

stand.

Da sank sie zur Dirne herab, liebte ohne innere Neigung und ließ

sich erhalten. Sie wechselte die Männer wie die Kleider, halb aus

ungezähmter Sinnenlust und teilweise aus Berechnung. Bis sie erkannte,

daß diese Art von Leben sie vollends an den Abgrund bringen würde. Da

machte die Vef eine innere Wandlung durch. Raffte den letzten Rest

ihres besseren Menschen mit einem Anflug ihrer alten Energie zusammen

und versuchte es noch einmal, ein anderer Mensch zu werden.

Aber es war zu spät für sie geworden. An Seele und Leib war das Weib

gebrochen, und ihre weiche, volle Stimme, die so edel geklungen hatte

wie Metall, war rauh und hart geworden. Mit Mühe und Not konnte die Vef

noch eine Stellung als Sängerin erreichen.

Der Simeringer Franz nahm sie halb aus Mitleid in seine Truppe auf.

Schließlich hatte die Vef ja einmal einen großen Ruf besessen und

konnte mit ihrem Namen noch als Lockvogel gelten. Das Publikum, vor dem

sie nun in minderen Lokalen zu singen hatte, gröhlte ihr freudig zu und

überschüttete sie mit Beifall. Und lächelnd dankte die Frau und litt

doch schwer unter ihrem gedemütigten Stolz.

Eine welke, früh gealterte Frau war die Vef geworden und trug den Keim

eines schweren Siechtums in sich. Sie wußte und fühlte es genau, wie es

um sie bestellt war, und sehnte in manchen bangen Stunden den Erlöser

Tod herbei. Aber der Tod kommt nicht, wenn er als Erlöser dienen soll.

Läßt sich Zeit denn sein Opfer ist ihm sicher.

Der Glaube, in dem die Vef aufgewachsen war, verbot den Selbstmord. Und

inmitten ihres Unglücks hatte die Frau diesen Glauben nicht vergessen

und war wieder gläubig geworden. Sie fürchtete sich vor dem, was nach

dem Tode kommen würde, und ertrug ein Leben, das ihr mit jedem Tage nur

zur vermehrten Qual wurde.

Von stolzer Höhe war sie herabgesunken, mußte froh sein, daß man sie

vor einem anmaßenden, frechen Publikum singen ließ, mußte lachen und

scherzen und schamlose Witze erdulden. Und heiß brannte ihr der Kopf,

und der Rest eines Stolzes, der ihr immer noch geblieben war, empörte

sich in ihr. Ganz war sie denn doch noch nicht zur Dirne geworden.

Hatte noch Scham in sich trotz allem.

Die Reue kam ... die Reue über ihr verfehltes Leben, das sie allein

verschuldet hatte. Wie anders ... ganz anders hätte es doch für sie

kommen können! Nur nicht daran denken ... nicht an das Vergangene

denken! Nicht an die Heimat und nicht an ihr stilles Glück in der Gungl

... das einmal so jauchzend groß und so rein gewesen war ... nicht an

den Wastl, ihren Gatten, und nicht an die Kinder.

Die Kinder ... ihre blonden Buben ... Jetzt nach den langen Jahren

einer selbstgewollten Trennung überkam sie oft eine brennende Sehnsucht

nach ihren Kindern und auch nach dem Wastl.

Nie mehr wieder war er ihr nach jener Züchtigung in den Weg getreten.

Aber die Vef hatte gehört, daß er ein Säufer geworden war und arg

verkommen sei.

Eine Verworfene war sie geworden ... ausgestoßen von allem, was ihr

einstmals heilig war, und mußte tot sein für die Ihren.

Der Göd ... der Alte in der Gungl ... der kam ihr in einsamen Stunden

auch öfters in den Sinn ... Was der wohl sagen würde ... wenn er sie

jetzt so sehen könnte? Hatte große Stücke auf sie gehalten, der Göd ...

Warum sie wohl in letzter Zeit so häufig an den Alten denken mußte? Und

auch an das Tonele, ihr kleines, verlassenes Töchterchen, das so früh

hatte sterben müssen! ... Müssen? ... Dürfen! ... Die Vef wäre froh

gewesen, wenn sie an Stelle ihres Kindes zu tiefst unter der Erde hätte

liegen dürfen ...

Auch die Schminke vermochte den raschen Verfall ihrer körperlichen

Schönheit nicht mehr zu verdecken. Hohläugig war sie nun geworden, und

ihr strahlendes, sonniges Lachen war für immer geschwunden. Dickes,

aufdringliches Rot milderte die fahle Blässe ihrer eingefallenen

Wangen, und um den vollen, sinnlichen Mund, der so glühheiß und

versengend zu küssen verstanden hatte, gruben sich tiefe Falten des

Leides ein.

In diesen Zeiten innerer Wandlung tat die Vef etwas, das sie lange ...

endlos lange nicht mehr getan hatte. Sie suchte die Kirchen auf und

murmelte Gebete. Sie besann sich auf die Gebete ihrer Jugend ... allein

sie waren ihrem Gedächtnis entschwunden. Nur immer ein paar Sätze von

jedem wußte sie, und an viele erinnerte sie sich überhaupt nicht mehr.

Das war qualvoll und ließ keine Andacht in ihr aufkommen.

Sie besuchte die Gottesdienste ... ohne inneren Trost. Denn sie

lauschte nicht den Worten des Predigers, sondern suchte in den

Gesichtern des Volkes. Sie suchte nach den Spuren, die das Leben in

den Gesichtern eingegraben hatte. Und verstand zu lesen. Sah viel Leid

... endloses Leid ... und sah hinter manchem andächtigen Gesicht das

Laster lauern. Sah Heuchelei und Geiz und Lieblosigkeit, aber wenig

Frömmigkeit.

Und angewidert verließ die Frau die überfüllten Kirchen der Städte. Sie

konnten ihr keinen Trost geben, konnten ihr die Gebete ihrer Jugend

nicht wiederbringen. Es war alles hohl ... öde ... und liebeleer in dem

fremden, flachen Land.

Je kränker sich die Frau fühlte, desto mehr überkam sie die brennende

Sehnsucht nach ihrer Heimat. Nur wieder einmal die Berge sehen ... ihre

Berge ... Es kam ihr vor, als könnte die frische Bergluft alles Üble

von ihr fortfegen. Als könnte sie wieder rein werden in der geheiligten

Luft.

So wollte sie nicht ins Heimatstal zurück. So viel Stolz besaß sie. Man

sollte sie dort nicht sehen in ihrer Schande. Ihr Land war groß und

beschränkte sich nicht allein auf ihre engere Heimat. Überall ragten

die gleichen Berge, überall war dieselbe herzerfrischende Alpenluft.

Dorthin wollte sie gehen, wo sie unerkannt leben konnte, und wollte

trachten, sich noch einmal Arbeit zu verschaffen.

Einen letzten Rest von goldenem Geschmeide besaß die Vef noch.

Geschenke aus ihren besten Zeiten, da man sie mit Schmuck überhäuft

hatte. Gab eine stattliche Summe ab, als sie es verkaufte. Und deckte

vollauf die Reisekosten, und blieb noch was übrig, daß sie wohl eine

geraume Zeit davon leben konnte. Wenn sie recht sparsam war, wohl auch

ein Jahr.

Da konnte sie's schon wagen, dem Simeringer Franz zu kündigen, ehe er

sie vor die Türe setzte. Denn daß er dies über kurz oder lang doch tun

würde, das wußte die Vef genau.

Er war ein grober Patron, der Franz, und ohne jedes Zartgefühl. Etliche

Male hatte er ihr in seinem Rausch die Kündigung schon angedroht; denn

er ärgerte sich, daß die Vef alt geworden war und seinem Publikum nicht

mehr recht gefallen wollte. So war's ihm denn recht, daß die Vef ihn

verließ, und er kümmerte sich nicht weiter um ihr Schicksal. Sollte

halt schauen, wie sie sich weiter durchbrachte, die alte Vettel!

Und sie brachte sich durch. Schlecht und recht. In Innsbruck, der

Hauptstadt ihres Landes, hatte sie sich niedergelassen mit allen guten

Vorsätzen. Wollte ehrliche Arbeit suchen, die Frau ... aber wer gibt

einem kranken Weibe Verdienst? Und das Rackern und Schuften, wie sie es

in ihrer Jugend gekannt hatte, das hatte sie auch gründlich verlernt.

Wäre auch zu schwach gewesen dazu, um als Taglöhnerin zu dienen.

Etwas war ihr ja noch geblieben. Ihre Zither. Und mit dieser zog die

Vef von Schenke zu Schenke und spielte auf. Sang Lieder dazu ... mit

rauher, hohler Stimme, halbe Nächte lang, und verdiente sich auf diese

Weise ihren Unterhalt.

Man warf ihr Geldstücke auf den Teller, wenn sie von Tisch zu Tisch

absammeln ging, machte schlechte Witze und wurde oft auch dreist. Denn

dieses Publikum bestand zumeist aus derben Männern. Taglöhner und

Dienstmänner, die ihren Spaß haben wollten. Waren gutmütige Leute,

die ihr auch etwas vergönnten und sie nicht schalten wie jene harten

Menschen der Großstädte, weil sie alt und reizlos für sie geworden war.

Diese hier waren wohl derbe Männer, aber ohne Laster, und freigebig

zahlten sie der Frau oft Wein und Schnaps oder Käse und Bier. Und die

Vef nahm es, dankte, lächelte ihr fahles Lächeln und spielte und sang.

Abend für Abend.

Bis ihr einmal der Wastl, ihr Gatte, wieder in den Weg kam.

Hatte ein recht unstetes Leben geführt, der Wastl, in all diesen

Jahren. War daheim gewesen und hatte sich irgendwo als Knecht verdingt.

Hielt aber nicht lange aus daheim. Mußte wieder trinken ... sein

Elend zu vergessen suchen. Aber Trunkenbolde können die Bauern nicht

gebrauchen.

Es fiel dem Wastl mit der Zeit schwer, einen neuen Dienst in der Heimat

zu finden. So wanderte er von Ort zu Ort, arbeitete und versoff dann

wieder das Geld, das er sich verdient hatte. Bis er nach Innsbruck kam.

Dort wurde er Taglöhner und schuftete und rackerte sich wie in alten

Zeiten und kam dann wieder ganze Tage hindurch nicht mehr aus seinem

Rausch heraus.

Dann war er womöglich noch gutmütiger wie im nüchternen Zustand. Lud

alle ein, die um ihn saßen, daß sie seine Gäste sein sollten, und

kriegte zum Schluß immer das besoffene Elend. Heulte wie ein Kind und

ließ sich dann ruhig von den Kameraden aus der Schenke führen. Und wenn

das Geld zu Ende war, dann arbeitete er wieder. Das war das Leben, das

der Wastl in diesen letzten Jahren geführt hatte.

Sie kannten ihn alle in den Innsbrucker Schankwirtschaften, in denen er

verkehrte, und mochten ihn gut leiden.

Jemand hatte es erfahren und herumgesprochen. In einer Weinkneipe in

der Altstadt spielte und sang allabendlich eine Frau, die einmal eine

gefeierte Sängerin gewesen war. Und hieß Genovefa Hagspiel.

Das Gerücht kam dem Wastl zu Ohren und traf ihn wie ein Schlag.

Die Vef ... und hier ... und wieder in der Heimat.

Wie ein Kreisel wirbelte dieser Gedanke den ganzen Tag im Kopfe des

Mannes.

Die Vef ... und wieder in der Heimat ... Er mußte sie sehen ... die Vef

... mußte hingehen, dort, wo sie war und spielen sollte ... Ob sie sich

wohl recht verändert hatte ... die Vef ...

Endlos lange dauerte ihm heute der Tag, und er bekam völlig

Herzklopfen, als es endlich Abend wurde.

Die Vef ... und wieder in der Heimat ...

Alles Leid hatte er vergessen ... vergessen, daß sie treulos war und

zur Dirne herabgesunken ... dachte gar nicht daran ... dachte nur immer

wieder das eine ... daß sie wieder hier war ... und in seiner Heimat

weilte.

Und dann sah er sie.

Sie saß allein an einem kleinen Tische in einer Fensternische und

spielte die Zither. In einem dunkeln Gewande war sie, ohne Schmuck und

ohne Zier. Nur in den Ohren trug sie schwere Goldgehänge. Die wirkten

auffallend und im seltsamen Kontrast zu der fast ärmlichen Kleidung der

Frau und zogen an den kleinen Ohren, daß es aussah, als müßten sie ihr

wehe tun.

Die Vef hatte sich von dieser allerletzten Erinnerung an eine glänzende

Vergangenheit noch nicht trennen können. Der Wastl kannte diesen

Schmuck sehr wohl. Er war selber dabei gewesen, als eine Fürstin,

hingerissen von dem innigen Ton ihrer Stimme, eigenhändig der Vef die

Ringe in den Ohren befestigte.

Sah recht elend aus, die Vef, und war mager und schmal geworden. Hatte

die stolze, sieghafte Haltung völlig eingebüßt und zog ... wie im

Schmerze ... die Schultern ein. Die blonde Haarkrone, die noch immer

in üppiger Fülle prangte, drückte schwer auf das leidende Gesicht, und

müde und mit leerem Blick schauten die hellen großen Augen.

Das war also die Vef ... seine Vef ... die er im hohen Zorn gezüchtigt

hatte. Jetzt reute es ihn, da er sie so elend sah, und er schämte

sich, daß er jemals die Hand gegen sie erhoben hatte.

Ob sie ihm wohl noch böse war, die Vef?

Ganz scheu verkroch sich der Wastl in eine Ecke des Lokales. Es war

ein gemütlicher, nicht sehr großer Raum, und die Gäste wurden von

einer einzigen Kellnerin bedient. Dick lag der Tabaksqualm über dem

rauchgeschwärzten Getäfel der Stube, und matt leuchteten die Lampen,

die von der Überdecke herabhingen. Große und kleinere runde Tische

standen umher, und grellrote Vorhänge verdeckten die Fensterscheiben

und wehrten den Ausblick auf die schmale Gasse.

Es gab guten Wein hier drinnen, echten Traminer und Kaltererseewein,

und das Lokal war besser als jene Wirtschaften, in denen der Wastl für

gewöhnlich zu verkehren pflegte.

Mit einem Kameraden war der Wastl hierhergekommen, und die Vef hatte

ihn nicht bemerkt. Unverwandt starrte der Wastl zu der Fensternische

hinüber, wo die Vef saß und spielte.

Und dann sang sie Lieder ... Lieder, die sie in der Heimat schon

gesungen hatte. Dem Wastl war es, als seien die Jahre seit damals

verschwunden ... als überbrückte die Gegenwart alles Böse der

Vergangenheit.

Wie in einem Traum saß er da, trank nichts und sprach nichts und

lauschte nur. Schloß die Augen und ließ die Stimme seiner Frau auf sich

wirken.

Er hörte es wohl, daß der Schmelz dieser Stimme geschwunden war,

und trotzdem übte sie auf ihn doch die gleiche Zauberkraft aus wie

damals, als sie so seltsam berückend, süß und innig erklungen hatte.

Und so sehr war der Wastl diesem Zauber verfallen, daß er es gar nicht

bemerkte, wie die Vef mit ihrem Lied zu Ende war. Saß da und schloß die

Augen und träumte im Wachen.

»Du ...« Sein Kamerad, der ihm zur Seite saß, stieß ihn unsanft mit

dem Ellenbogen in die Rippen. »Zum schlafen hab' i di weiter nit mit

da einer g'nommen. Geh' halt hoam, wann's dir nit g'fallt!« fügte er

geärgert hinzu.

Er war ein älterer Mann, derb und ungeschlacht in seinem Äußeren

und von gedrungener Gestalt. Der rötliche Bart stand ihm wirr im

Gesicht, und buschige rotblonde Brauen verdeckten zum großen Teil die

dunkeln Augen. Seit einiger Zeit arbeiteten sie gemeinsam in einer

Zimmermannswerkstätte und wußten nur wenig voneinander. Vertrugen sich

gut, waren aber keine Freunde.

Jedenfalls ahnte der Mann nicht, daß die Sängerin die Frau des

Wastl war. Sie nannten sich beide nur bei den Vornamen und kannten

gegenseitig nicht einmal ihre Familiennamen. Daß der Wastl, den der

Mann in seiner Gutmütigkeit aufgefordert hatte, mit hierher zu kommen,

jetzt gar zu schlafen anfing, das ärgerte ihn ganz gewaltig, und er

schämte sich für ihn.

Der Wastl schrak bei den Worten des Mannes jäh zusammen. Und starrte

hinüber zu der Fensternische, aber das Lied war verklungen, und die Vef

war aufgestanden und schritt nun langsam, den Teller in ihren Händen

haltend, von Tisch zu Tisch.

Sie mußte nun gleich in seiner Nähe sein. Schon war sie am Nebentische,

und der Wastl hörte das Klingen der Münzen auf dem Teller und hörte,

wie sie mit gedämpfter Stimme sich für die Gaben bedankte. Und sein

Herz klopfte laut, und seine Schläfen hämmerten.

Jetzt ... jetzt mußte sie hinter ihm stehen ... er fühlte es förmlich,

wie sie hinter ihm stand ... glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren

... Ob sie ihn wohl erkannte ... ob sie sich noch vor ihm grauste ...

wie damals ...

Und abermals weckte ihn sein Nachbar aus dem aufgeregten Gedankengang,

indem er ihn unwillig anstieß.

»Du ... wird's bald? Ha? Freigebig bist ja grad' aa nit!« sagte er

ärgerlich.

Da zog der Wastl, ohne auf die Vef zu schauen, schwerfällig und

umständlich seine Geldbörse aus der Tasche und entnahm derselben ein

großes Geldstück Das größte, das er finden konnte. Und er legte es auf

den Teller der Vef, und seine Hand zitterte stark.

Klirrend rollte das Stück auf dem Teller umher, so daß es beinahe zu

Boden gefallen wäre. Die Vef beugte sich nach vorn, um es zu fangen,

und der Wastl starrte hilflos und erschrocken zu ihr empor. Da

begegneten sich ihre Augen zum ersten Male wieder.

Ein Zittern und Beben ging durch den Körper der Frau und ein tiefes

Erschrecken, und klirrend brach der Teller, den sie fallen ließ, in

viele Scherben ...

Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, der Wastl und die Vef.

Nicht an jenem Abend und nicht an den Abenden, die diesem einen folgten.

Der Wastl fehlte nun nie mehr in dieser Weinschenke. Kam und lauschte

voll stiller Andacht der Stimme seiner Frau und blieb immer nüchtern.

Und wenn sie Geld einsammelte, dann hatte er das größte Stück, das er

besaß, für sie bereit. Und mit abgewendetem Gesichte stand die Vef da

und dankte ihm mit keinem Wort und keinem Blick. Und war doch innerlich

froh, daß der Wastl in ihrer Nähe weilte, fühlte sich geborgen und von

seiner Treue behütet; denn sie wußte, der würde, wenn es zum letzten

kam mit ihr, sie nicht verlassen.

Der Wastl aber konnte den Mut nicht finden, sich seiner Frau zu nähern.

Er litt nur immer unter der einen Vorstellung, daß er die Frau einmal

gezüchtigt hatte, roh und brutal, und schämte sich dessen.

Das dauerte Wochen hindurch, und die Vef spielte und sang unermüdlich

und an jedem Abend.

Und einmal kam ein Fremder in die Schenke. Ein reisender Handwerker,

der vom Ausland in die Stadt gekommen war. Der Wein mundete ihm

vorzüglich, und er trank mehr, als ihm gut tat. Er hörte die Lieder

der Vef und hörte das Spiel der Zither, und alles war ihm ungewohnt

und gefiel ihm ausnehmend wohl. Und da er viel Geld bei sich hatte und

sich einen recht vergnügten Abend machen wollte, warf er es der Vef

achtlos und in reichlicher Menge zu und hieß sie im herrischen Ton

weitersingen, als sie zur gewohnten Stunde Schluß machen wollte.

»Sing' ... Alte!« rief er aufgeregt und polternd. »Sing'! Ich will's!«

Und abermals warf er ihr Geld zu ... brutal ... wie man einem Tier

einen Brocken Fleisch zuwirft.

Das ärgerte die Frau, und sie schob das Geld, ohne es zu berühren,

beiseite und packte ruhig und schweigend ihre Zither ein.

Königin Heimat · 第 16 / 19 段