und war, als sie sich damals dann ausgesprochen hatten, doch eine
kreuzbrave Frau geworden. Und dieser gute Kern steckte sicher trotz
allem immer noch in ihr. War halt jetzt durch das üppige Leben ein
bissl arg verwöhnt und halt auch noch launischer wie ehedem.
So redete sich's der Wastl immer wieder ein. Und wenn die Vef hörte,
wie es um ihn stand, wie die alte Liebe zu ihr gleich stark und mächtig
in ihm war wie damals am Alpl droben, wie er jetzt sogar hungerte
und fror und um sie litt, dann würde das Mitleid für ihn sicher die
Oberhand gewinnen. Und weiß Gott, vielleicht ging sie dann doch mit ihm
in die Heimat zurück ...
Ein nebliger, naßkalter Wintertag war's, ohne Schnee und mit feinem,
rieselndem Regen. Einer jener öden, grauen Tage, die in der Großstadt
so trostlos traurig sind. Düster und schwer ist die Luft, und die
Straßen sind glitschig vom feinen Regen, der dünn und unablässig
niederträufelt.
Das ist das Wetter, wo die Menschen, innerlich erstarrt, sich nach
Licht und Sonne und Wärme sehnen. Und alle, die da Frohsinn suchen und
Glück, eilen ... Nachtfaltern gleich ... die das Licht umschwärmen, in
festlich geschmückte Räume. Sie eilen zu Tanz und Spiel und Konzerten
und Theatern und suchen Vergessen vor der inneren Leere ihrer Herzen.
Der Florian Siegwein hatte mit seinen Leuten schon etliche Wochen in
der großen Stadt gastiert. Allabendlich sangen die Tiroler, und die
Säle waren von Gästen gefüllt wie immer. Und sieghaft schön wie immer
stand die Vef vor ihrem Publikum und sang ihre lockenden Lieder. Aber
ihre Stimme klang nicht mehr so frisch und so innig, und die blühenden
Farben des Gesichts wurden durch Schminke ersetzt.
Der Florian rechnete es sich im geheimen aus, wie lange die Vef wohl
noch als Lockvogel zu gebrauchen sein würde. Kaltblütig, ohne Illusion
und ohne Mitleid mit ihr. Denn er wußte, daß sie dann arm sein würde
und sich kümmerlich durchbringen müßte.
Sie hatte keine Ersparnisse gesammelt, die Vef, hatte im wilden
Taumel gelebt und das Geld, das sie verdiente, mit vollen Händen
hinausgeschmissen. Daß sie einmal arm und unbrauchbar sein würde, das
erfüllte den Florian Siegwein mit einer Art boshafter Genugtuung.
Sie hatte ihm viel zu viel Ärger bereitet, diese Frau, und hatte
ihn ihre Macht immer wieder fühlen lassen, so daß alles menschliche
Mitgefühl mit ihr einem geheimen Rachedurst gewichen war. Jetzt war sie
ihm nur mehr ein Rechenexempel, und mit scharfem Ohr und unnachsichtig
scharfem Blick gewahrte der Florian Siegwein alle Mängel ihrer Stimme
und ihrer Erscheinung, und insgeheim hielt er Umschau in der Heimat
nach einer Nachfolgerin für die Vef.
Der Wastl aber bemerkte keinerlei Veränderung an der Vef. Wenn die Vef
sang, so fehlte er nie unter den Zuhörern, und ihre Stimme hatte für
ihn nach wie vor den süßen, einschmeichelnden Zauber, den sie stets
gehabt hatte. Und gleich begehrenswert erschien ihm das Weib, das
seine Schönheit so verführerisch zur Schau zu stellen wußte. Dieser
herrliche, blendend weiße Nacken und die volle Büste, ihre stolze,
vornehme Haltung, welche der einer Königin gleichkam. Voll und reich
war das blonde Haar und drückte das feine, etwas schmal gewordene
Gesicht gleich einer schweren Krone.
Dem Wastl gefiel sein Weib mit jedem Abend, an dem er sie sah, immer
nur noch besser. Kein Wunder, daß sie so viele Verehrer besaß und daß
man sie mit vielen schönen Blumenspenden ehrte. Da war auch nicht eine
einzige Frau im Saal, die es der Vef an Schönheit hätte gleichtun
können.
Oft spähte der Wastl heimlich im Saal herum. Und musterte mit
kritischem Auge die Frauen, die zugegen waren. Aber die Vef ... seine
Vef ... war und blieb doch immer die Schönste von allen.
So stolz war der Wastl auf sein Weib! Und wenn am Schluß des Konzertes
reicher Beifall die Sänger lohnte, dann raste der Wastl wie toll vor
Begeisterung und riß die andern stürmisch mit. Er vergaß, wie sehr er
unter dieser Frau zu leiden hatte, vergaß seine Entbehrungen und seine
Sehnsucht nach ihr und war nur noch stolz auf sie. Und dieser Stolz
erhob ihn über sich und seine Not und machte ihn widerstandsfähig und
steigerte nur immer brennender sein Verlangen nach ihr.
Und heute abend, als sie die Vef wieder einmal ganz besonders stürmisch
gefeiert hatten, da lauerte der Wastl am Ausgang des Saales, um mit der
Vef zu sprechen. So hatte er der Vef oft aufgepaßt, und sie war, je
nach ihrer zufälligen Laune, gut oder auch abweisend gegen ihn gewesen.
Anfangs freilich war sie nur hart zu ihm gewesen. Hatte ihn gehen
heißen und zornig mit dem Fuß aufgestampft. Als sich aber der Wastl
dann doch immer wieder einfand und sich durch gar nichts abschrecken
ließ, da siegte die Gutmütigkeit in dem Herzen des Weibes, und sie
duldete es, daß er sie nach Hause begleitete und ihr von den Kindern
sprach. Und oftmals gab sie ihm auch Geld für die Kinder, aber sie trug
kein Verlangen, sie zu sehen oder in die Heimat zurückzukehren.
War die Vef aber übel gelaunt, dann schnappte sie den Wastl ab, resolut
und grob, und zankte mit ihm, weil er sie nicht in Ruhe ließ, und der
Wastl schlich dann mit eingezogenem Kopfe und schwerem Herzen gedrückt
davon, um schon am nächsten Abend sich wieder bei ihr einzufinden.
Sie war nicht gut gelaunt heute, die Vef, als sie den Wastl sah. Im
Dunkel der Nacht stand er an der Ausgangstüre, und die Laterne der
Straße warf einen schrägen Schein auf das Pflaster. Das Licht spiegelte
sich in den Pfützen und zitterte verlöschend auf dem glitschigen
Gehsteig.
Mit aufgestülptem Kragen und in Pelze gehüllt eilten die Leute in die
Dunkelheit der Nacht. Die Vef kam am Arme eines Verehrers, in kostbares
Pelzwerk gekleidet, zu dem Wagen, der für sie bereit stand. Große
Diamanten funkelten in ihren Ohren, und zornig zog sie die Stirn in
Falten, als der Wastl auf sie zukam.
»Grüß dich, Vef!« Er streckte ihr mit glücklichem Lachen seine große,
derbe Hand entgegen. »Grüß dich, Vef!« wiederholte er.
Die Vef achtete nicht darauf. »Bist schon wieder da?« sagte sie
unwirsch. »I kann di heut' nit brauchen. Wir feiern Abschied!« erklärte
sie mit Bestimmtheit und wollte an dem Mann vorübergehen und in den
offen gehaltenen Wagen steigen.
Der Wastl aber vertrat ihr den Weg. »I hätt' zu reden mit dir, Vef ...«
stieß er heiser hervor. Sein Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Zornig
stampfte die Vef mit dem Fuße auf.
»Pack' dich!« zischte sie. Und der Herr an ihrer Seite hob sie rasch in
den Wagen und warf den Schlag zu.
»Schnell!« befahl er dann dem Kutscher. Und die Pferde zogen mit jähem
Ruck an, stampften und wieherten vor Freude, daß sie nun laufen durften.
Das alles geschah so eilig, daß der Wastl beinahe unter die Räder
gekommen wäre. Denn als er das giftige, herrische Wort der Vef hörte,
traf es ihn wie Peitschenschlag ins Gesicht. Und einen Augenblick
taumelte er ... nur einen kurzen Augenblick, dann schoß ihm das Blut
heiß und schwer zu Kopf.
»Pack' dich!«
Und der andere hatte sie ... sein Weib in den Wagen gehoben und war mit
ihr davongefahren.
Der Wastl lief, was er laufen konnte. Ohne Besinnen. Durch die Straßen
und Gassen und Gäßchen und über die Plätze der großen Stadt lief er.
Nur nach. Immer nach! Nur nicht den Wagen aus den Augen verlieren.
Er mußte es wissen, wohin die Vef in der Nacht fuhr. Mit ihm ... dem
anderen.
Er merkte es nicht, wie ihm die Leute scheu auswichen und ihm
mißtrauisch nachschauten. Er sah nichts als nur den Schein der beiden
Wagenlichter in der Ferne und verfolgte ihn mit Anspannung seiner
ganzen Kräfte. Mitten durch das Gewühl der Menschen zwängte er sich und
folgte jeder Straßenbiegung, die das Gefährt nahm.
Ließ es nicht aus den Augen ... keine Minute lang ... und sah von
ferne, wie der Wagen Halt machte und der fremde Herr mit der Vef unter
dem Torbogen eines hohen Hauses verschwand.
Er durfte nicht in das Haus hinein, der Wastl. Sein Klopfen blieb
ungehört, und niemand kam, der ihm Auskunft über die Bewohner des
Hauses gegeben hätte.
Daß die Vef nicht in diesem Hause wohnte, das wußte der Wastl bestimmt.
Denn der Florian Siegwein hatte es bis jetzt immer durchgesetzt, daß
die Mitglieder seiner Truppe gemeinsam mit ihm unter einem Dache
lebten. »Sein oa Familie ... wir Tiroler ...« pflegte der Florian noch
immer zu sagen und wußte es doch genau, daß das alles nur mehr Schein
war und das Wort zur Phrase geworden war.
War eine Eifersucht in dem Wastl. Quälend und brennend. Der fremde Herr
... die Vef ... sein Weib ... und war da drinnen in dem düstern, hohen
Haus.
Bis zum Erwachen des neuen Tages stand der Wastl auf seinem Posten am
Eingang des Hauses. Er fühlte nicht Kälte und Frost und hatte doch die
Glieder starr vor Frost. Es tobte und brannte ihm der Kopf ... Daß er
an nichts anderes denken konnte, nur immer wieder den einen Gedanken
... die Vef ... da drinnen mit dem fremden Herrn ... Und pack' dich!
hatte sie zu ihm gesagt.
Wie langsam die Stunden in dieser Nacht verrannen! Irgendwo schlug
eine Kirchturmuhr in der Ferne. Anfangs zählte der Wastl die Schläge
mechanisch ... ohne zu denken. Eins ... zwei ... drei ... Dann aber
achtete er nicht mehr darauf. Stand nur immer Posten in der Einsamkeit
der Nacht.
Menschenleer und verlassen war die Gasse. Mußte ziemlich entfernt sein
von dem Innern der Stadt. Er kannte sie nicht, die enge Gasse, und
wußte auch nicht, wo er sich befand. Es interessierte ihn auch gar
nicht. Nur eines interessierte ihn, und nur eines dachte er ... die Vef.
So düster, wie die Gasse war, und so hoch die Häuser. Hatten dicke
graue Mauern und hohe, vergitterte Fenster. Häßlich war's und unlustig,
fast zum Fürchten. Der Wastl hätte nicht hier wohnen mögen. War weit
schöner und freier gewesen sein Heimatl in der Gungl, und war dort
nicht so schwer zum Atmen wie hier, und wenn die Nebel auch noch so
dicht und schwer über die Felsenwände herabhingen.
Die Gungl und der Göd und die Kinder ... das Tonele, das gestorben
war ... und die Vef ... An alle mußte der Wastl in dieser langen
Nacht denken. Gar an alle. Und war ihm, als wären sie bei ihm ...
Bis die Gedanken dann wieder wie ein toller Reigen in seinem Kopf
herumwirbelten und er an nichts mehr denken konnte als: die Vef ... und
da drinnen ... ehrlos ...
Von ferne hörte der Wastl das Rollen eines Wagens. Es kam immer näher
und näher. Einförmig und gemächlich trabten die Hufe der Pferde auf dem
steinigen Pflaster. Hatten es gar nicht eilig und kamen dann doch immer
näher und näher und hielten vor dem großen Hause, wo der Wastl Posten
gestanden hatte.
Er drückte sich, um nicht gesehen zu werden, hinter einen Pfeiler
des hohen Eingangsportales und starrte, die Hände fest in seinen
Manteltaschen haltend, unverwandt auf die Türe, durch die sein Weib
kommen mußte.
Die Pferde stampften unruhig, und der Wastl wagte jetzt kaum mehr zu
atmen.
Lang dauerte das Warten, so lange, daß der Kutscher, der anfangs vor
dem Wagen auf und ab gegangen war, sich in das Wageninnere setzte und
dort zu schlafen schien.
Und wieder schlug die Uhr am Turm der fernen Kirche. Ein leiser Lärm
regte sich entfernt und ganz allmählich. Die Großstadt erwachte und mit
ihr die Melodie des Alltags. Milchgefährte rasselten, und vereinzelte
Fußgänger kamen. Und alles hatte noch den Flüsterton der Nacht. Und
die Dunkelheit der Nacht wich von der Gasse wie ein schweres Tuch und
machte einem leichteren schwarzgrauen Schleier Platz.
Der Kutscher stieg fröstelnd aus dem Wagen, rieb sich die Hände und
schritt stampfend und ärgerlich auf und ab. Und unruhig scharrten die
Pferde und neigten die Köpfe einander zu, als wollten sie miteinander
heimlich bereden, weshalb sie im Grauen des frühen Morgens hier zu
warten hatten.
Fest lehnte sich der Wastl an den Pfeiler, hinter dem er versteckt
stand. Starrte mit brennenden Augen auf die Tür und krampfte die Fäuste
in den Taschen des Mantelrocks.
Und dann öffnete sich die Tür mit leisem Krachen ganz leise und
sacht ... und noch ein Flüstern hinter der Türspalte ... ein matter
Lichtschein ... und der Schatten eines Weibes.
Und der Wastl stand und horchte und sah ... klar und deutlich, wie sich
ein Männerarm um den Nacken seines Weibes legte ... sah, wie sich ihr
Kopf zurückbeugte, und sah, wie ihre vollen Lippen sich dem fremden
Herrn lüstern darboten. Und knirschend preßte er die Zähne aufeinander
und klammerte sich mit beiden Händen an den Pfeiler, um nicht wie ein
gereiztes Tier auf das Weib zu springen.
Leichtfüßig wie ein junges Mädchen lief die Vef, ohne den Wastl zu
sehen, über den Gehsteig zu dem Wagen hinüber. Der Kutscher schlug den
Schlag zu und stieg auf den Bock.
»Hü!« Die Pferde zogen an, und mit einem wilden Satz sprang der Wastl
auf den Tritt des Wagens und öffnete die Wagentüre. Ein erschreckter
Schrei aus Frauenmund ... Der Kutscher hörte ihn nicht; denn der Lärm
der rollenden Räder auf dem Steinpflaster übertönte ihn.
Wie ruhig und kalt überlegend der Wastl mit einem Male geworden war.
Redete und handelte, als ob er ein Fremder sei und nicht er selber.
Wie selbstverständlich setzte er sich der Vef gegenüber, die sich fest
in die weichen Polster schmiegte. Kalkweiß war sie im Gesicht und hatte
Angst.
»Brauchst dich nit zu fürchten, Vef. I tu' dir nix!« sagte der Mann
sehr ruhig, aber seine großen, dunklen Augen, die immer so gut
schauten, hatten einen fremden, wilden Blick.
»I schrei ...« stieß die Vef geängstigt hervor. »I ...«
Da lachte der Wastl rauh und hart. »Tu's ...« höhnte er boshaft. »Damit
die Leut' kommen und mich von mein' Weib trennen?«
Und dann beugte er sich weit zu ihr hinüber, so daß sein Gesicht das
ihre fast berührte, und preßte ihre beiden Hände so fest in den seinen,
daß es sie heftig schmerzte.
»Wo bist g'wesen ... Vef?« stieß er heiser und gebieterisch hervor. »Wo
bist g'wesen?«
Die Vef schauderte in ihrem kostbaren Pelzwerk vor innerer Angst und
Kälte. Aber sie war nicht feig.
»Aus lass' mich! Du!« befahl sie resolut und sah ihn mit zornfunkelnden
Augen an.
Aber der Wastl ließ nicht los, sondern zog das Weib immer näher an
sich heran, bis sie vor ihm auf den Knien zu liegen kam. Wie mit
Eisenklammern hielt er sie und beugte sich über sie.
»Du ...« keuchte er wild und zornig. »Du ... und a söllene bist! Und
mei' Weib!«
»Lass' mich, du!« fauchte ihn die Vef wie eine Wildkatze an und wand
und krümmte sich unter seinem festen Griff.
»Bin dir g'folgt wia a Hund ...« keuchte der Wastl außer sich ... »hast
mi um alles bracht ... und jetzt no um mei' Ehr! Du ...«
»Lass' mich!« zischte die Vef in ohnmächtiger Wut. »Lass' mich ... mi
graust vor dir!«
Da war's geschehen. Ein wilder Schrei des Mannes, und dann hieb er
auf das Weib ein. Brutal und unbarmherzig. Schlug auf sie ein, ohne
zu denken, wohin er traf. Und unter seinen Hieben kamen ihr die
Tränen. Stolze Tränen ... denn sie verbiß den Schmerz und ertrug die
Züchtigung. Krümmte sich lautlos und ohne Gegenwehr unter der Wucht
seiner Kraft.
Und als der Wagen sein Ziel erreicht hatte, sprang der Wastl heraus.
Und die Vef folgte langsam und gebrochen. Breitspurig ... ganz Bauer
... trotz des städtischen Gewandes, das er trug, stellte er sich vor
ihr auf. Und spie zur Erde. Und die Vef wandte sich, ohne ein Wort zu
sagen, dem Hause zu, in dem sie wohnte, aschfahl und müde und gebeugt.
Und in ihren hellen, sonst so sonnigen Augen lauerte ein tiefer Haß
gegen den Mann, der sie gezüchtigt hatte und der ihr Gatte war.
Aufrecht, wie lange nicht mehr, ging der Wastl seines Weges. Ging durch
die Straßen der Stadt, die sich im frühen Wintermorgen immer mehr
belebten, ging achtlos und ohne Gedanken ... viele ... viele Stunden.
Wie ein Traumwandelnder ... Fühlte nichts und empfand nichts. Nur leer
war's in ihm ... trostlos leer.
Der rieselnde Regen des Vortages hatte sich in einem feinen Schneefall
aufgelöst. Und ein scharfer Wind blies eisig dem Wandernden ins
Gesicht. Unermüdlich ging er ... ohne Nahrung und ohne Trunk ... Bis es
ihn am späten Nachmittag zu frieren anhub. So heftig, daß ihm wie einem
Kranken die Zähne klapperten.
Da kehrte der Wastl in eine Schenke ein. Und trank ... trank sinnlos
und ohne Wahl ... und trank, bis er wie ein Tier betäubt unter dem
Tisch der Schenke lag.
Fünfzehntes Kapitel
In seinen besten Jahren hatte der Tod den Florian Siegwein
dahingerafft. Ohne Krankheit und ohne Vorbereitung. Ein Schlaganfall
war's, und sie hatten ihn tot in seinem Bette gefunden.
Die Regina erfuhr es erst nach Wochen, als er schon in dem fremden
Erdreich schlummerte. Und das war ihr das Allerhärteste. Daß er so weit
von der Heimat entfernt hatte sterben müssen und daß sie nicht einmal
zu seinem Grabe konnte. Auch daß sie nicht hatte bei ihm sein dürfen
und ihm vielleicht doch noch einen Liebesdienst hätte erweisen können.
Sie hatten immer gut miteinander gehaust, die Regina und ihr Florian.
Und viel zu früh hatte der Tod dem Wirken dieses Mannes ein Ziel
gesetzt.
In der Heimat wenigstens war er unersetzlich. Alles, was er hier ins
Leben gerufen hatte, war unfertig und benötigte die starke Hand eines
fähigen Mannes. In keiner Weise aber war die Regina dieser Sache
gewachsen.
Eine kleine Kolonie von Häusern war da oben neben dem großen
Alpengasthof erstanden, und alle gehörten sie dem Florian Siegwein.
Er hatte, ganz nach dem Vorbild der großen Städte, ein Kaffeehaus
errichtet, wo es feines Backwerk gab und ein eigener Zuckerbäcker
während der Sommermonate seines Amtes waltete. Eine Kramerei mit
großen Schaufenstern hatte er gleichfalls hier oben aufgetan, die alle
Bedürfnisse der verwöhnten Großstädter decken sollte.
Und alles war aus Holz gebaut, im ländlichen Stil mit Schindeldächern
und Altanen, von denen hochrote Nelken üppig herunterhingen. Nur der
Block des neuen Hotels, das der Florian neben dem alten Bau des Kramer
Veit hatte erstehen lassen, leuchtete grellweiß und störte in seiner
Aufdringlichkeit die ganze Gegend.
Die Regina hatte sich nach dem Tod ihres Mannes ihre beiden jüngeren
Brüder, den Seppl und den Hannes zur Stütze eingetan, und die taten
redlich, was sie konnten, um der Schwester zu helfen. Wohl hatten
sie beide schon zu Lebzeiten des Florian etliche Jahre unter diesem
gearbeitet, aber es fehlte ihnen beiden an der nötigen Übersicht, das
groß angelegte Unternehmen richtig zu leiten.
In der Hauptsache mußten sie sich auf fremde Leute verlassen, und diese
geschickt auszuwählen oblag von nun ab der Regina. Sie, die seit Jahren
nicht mehr aus dem Tal herausgekommen war, mußte, so schwer es ihr auch
wurde, nun wieder in die Stadt fahren, um neues Personal anzuwerben.
Und so geschickt und treffsicher der Florian stets seine Leute zu
finden wußte, so ungeschickt machte es die Regina.
Wohl war sie stets von ihrer Schwester, der Zenz, begleitet, die noch
immer wie ein guter Geist ihr zur Seite stand. Aber in der Stadt fühlte
sich das einfache Bauernmädel so unbehaglich, daß sie bestrebt war, so
schleunigst, als sie nur konnte, wieder nach Hause zu gelangen.
Und Menschenkennerin war die Zenz ebensowenig eine, wie es die Regina
war. Die beiden Frauen trafen ihre Wahl in der Hauptsache nach den
Empfehlungen schlauer, gewinnsüchtiger Dienstvermittlerinnen und zogen
auf diese Weise Menschen in ihr Heimatstal, die besser nie dorthin
gekommen wären.
Die Moral mancher dieser Leute war auf solchem Tiefstand, daß sie
viel Unheil stifteten und der Kramer Veit mit Recht in immer größere
Empörung geriet. Und völlig machtlos war dem allen gegenüber die
Regina. Sie schwamm wie eine Ertrinkende in dem reißenden Strom des
großen Unternehmens und hatte nur immer dagegen anzukämpfen, daß nicht
doch noch alles zu guter Letzt in Brüche ging.
So gut sie es verstand, kämpfte sie dagegen, aber ihr Kampf war
einseitig und unklug und bestand hauptsächlich darin, immer wieder die
Preise für die Fremden zu erhöhen. Und dann zu knausern. Das Knausern
betrieb die Regina so gründlich und so unvernünftig, daß ihren beiden
Brüdern schließlich die Geduld riß und sie die geizige Frau im Stiche
ließen.
Auf eigene Faust gründeten die beiden nun Unterkunftshäuser für die
Fremden in einem der naheliegenden drei Hochtäler, heirateten und
blieben zum Teil Bauern und zum Teil Gastwirte.
Der Kramer Veit und die Notburg hatten sich mit der Zeit gänzlich von
der Regina zurückgezogen. Sie verstanden sich nicht mehr mit der Frau,
die habgierig und dumm und doch wieder zu faul für rührige Arbeit war.
Auch der Anderl kam nur wenig mehr zu seiner Mutter hinauf und sie
hegte auch kein Verlangen nach ihm. War nun schon ein gestandener
junger Mann, der Anderl, und sah, auf den ersten Blick, dem Florl zum
Sprechen ähnlich, so wie er in seiner Jugend gewesen war am Alpl droben.
Frisch und keck war der Anderl und geschmeidig von Gestalt. Und doch
war es etwas ganz Eigenes um den Anderl. War ein sinnender junger
Mensch, ein Träumer und Schwärmer, und hatte keine rechte Freude zur
Bauerschaft und keine zum Handelsmann.
Das war das Leid des Kramer Veit und seiner Notburg. Sie wußten
nicht recht, was sie mit dem Burschen machen sollten. Jetzt wäre er
eigentlich in dem Alter gewesen, wo andere Burschen ans Heiraten
denken. Aber der Anderl, blitzsauber wie er war, machte sich nichts
aus den Mädeln. Er neckte sie wohl und scherzte mit ihnen, aber für
keine einzige zeigte er ein tieferes Interesse. Und so schön wie es der
Anderl gehabt hätte. Er brauchte nur zu wollen, und gleich hätte ihm
der Kramer Veit die schmucke Villa übergeben.
Neben seiner Villa hatte Veit Galler schon seit etlichen Jahren einen
großen Stall erbaut. Zehn Kühe standen darin, und viel Grund, Felder
und Äcker ringsum hatte er erworben. Das wäre so sein Herzenswunsch
gewesen. Ein richtiger Bauer sollte der Anderl werden, einer, wie es
der alte Perlmoser war, der nichts Schöneres auf der Welt kannte als
die Scholle, auf der er stand und arbeitete.
Der Anderl kannte freilich auch nichts Schöneres wie seine Heimat, aber
er diente ihr anders, als es der Veit für ihn erwünschte. Er diente ihr
mit seinem jungen, starken und sehnenden Herzen, ehrfurchtsvoll und
erschaudernd vor ihrer Pracht und Größe.
Schon als er noch ein kleiner Bub war, gab es für ihn nichts Höheres,
als barfüßig in Hemd und Hose draußen zu liegen im Feld, die Hände
unterm Kopf und den Himmel anstarrend. Einsame Plätze suchte er aus,
dort, wo selten der Fuß eines Fremden sich hinverirrte. Und lag und
träumte viele ... viele Stunden. Aber die Liebe zur Bauerschaft,
die fehlte ihm. Wohl arbeitete er fleißig und unablässig, aber der
Veit merkte es gut, er arbeitete aus Pflichtgefühl und nur, um den
Pflegeeltern Freude zu bereiten.
Der Martl, der älteste Sohn des Wastl und der Vef, hatte jetzt auch ein
Heim gefunden beim Kramer Veit. Er diente dort als Knecht und war treu
und fleißig.
Ein Heim für die Verlassenen und Unglücklichen war das Haus des Kramers
und seiner Frau geworden. Als der Wastl sich immer mehr dem Trunke
ergab und ein richtiger Lump geworden war und sich nur mehr selten in
der Heimat blicken ließ und die Vef sich auch nicht mehr um ihre beiden
Buben kümmerte, da brachte man die Kinder von der Stadt zurück und zum
Kramer Veit.
»Veit ...« sagte der Gemeindevorsteher ... »du und dei' Weib ...
ös zwoa vermögts es. Nehmt's enk an drum ... damit sie nit aa no
verlottern.«
Und sie nahmen sich an um die beiden blonden Buben der Vef und waren
nun in ihrem Alter mit Kindern reich gesegnet. Der Anderl und das
Moidele, die das Kind der toten Mena war, und dann der Martl und seine
beiden Brüder. Und alle hatten sie ein Heim und Liebe und Sorgfalt
gefunden.
Daß es wirklich eine so echte christliche Nächstenliebe geben konnte,
wie die alten Kramersleute sie aufbrachten?
Wenn der Anderl so stundenlang in seinen Wiesen lag und in den blauen
Himmel hinein träumte, dann sinnierte er sich's aus in seinem Kopf und
verglich.