Konnte nicht begreifen, wie sein Leben sein würde ohne dieses Weib, das
ihn nach wie vor in allen seinen Sinnen gefangen hielt. Je abweisender
die Vef mit ihm gewesen war, desto treuer und unterwürfiger war er
ihr. Und je heftiger und glühender seine Sehnsucht nach ihr war, desto
widerwärtiger wurde er ihr.
Auch der Tod ihres Kindes hatte da keine Änderung in ihren Gefühlen
bewirkt. Folternde Gewissensbisse hatten das Weib in jener Nacht zu
Füßen der Notburg getrieben. Reue und ein übermächtiges Mitleid mit
dem kleinen Wesen, dem sie nie eine Mutter war. Aber ihr Durst nach
Erleben, ihre Sehnsucht, zu genießen ... ein freies, unabhängiges Weib
zu sein, waren so gewaltig und stark in ihr, daß sie jede andere Regung
niederrangen und ertöteten ...
Als der Wastl und der Kramer Veit wieder aus der Gungl ins Dörfl
zurückkamen, da hörten sie, daß die Vef mit ihren beiden Schwestern
abgereist war. Und die Notburg überbrachte dem Wastl die Botschaft
seines Weibes: er möchte ihr nicht folgen und ihr auch nichts verargen.
Aber hierher zurückkehren würde sie nie mehr wieder.
Trotz aller guten Vorsätze, die der Wastl in der Gungl drinnen gefaßt
hatte, traf es ihn doch recht hart. Er duckte sich, als ihm die Notburg
in ihrer ruhigen und guten Art die Worte der Vef sagte, wie unter
Peitschenschlägen und schaute die Notburg verstört und aus todwunden
Augen an.
Aber dann blieb er doch daheim und arbeitete und schuftete für den Veit
wie ein Knecht und suchte Vergessen in seiner Arbeit ...
Und als der Frühling den Florian Siegwein mit seiner kleinen
Sängerschar wieder in die Heimat brachte, da fehlte die Vef und mit ihr
ihre Schwester, die Rosina.
Es hieß, daß die Rosina geheiratet habe. Irgend einen vornehmen Herrn,
der in einem fernen Lande wohnte. Aber der Florian wich allen Fragen
nach der Vef aus. Und auch die Julie und die andern wußten nichts zu
berichten, als daß die Vef mit ihrer Schwester gezogen sei und nicht
mehr in die Heimat zurück wollte.
Dreizehntes Kapitel
Er hatte die Lust am Reisen völlig verloren, der Florian Siegwein.
Am liebsten wäre er jetzt daheim geblieben bei der Regina und seinem
kleinen Töchterchen. Der Ärger, den er fortwährend mit der Vef und auch
mit den übrigen Mitgliedern hatte, verleidete ihm die Freude an seinem
Unternehmen.
Aber der Florian brauchte Geld, und zwar viel Geld, denn sein Geschäft
in der Heimat dehnte sich immer mehr aus und verschluckte große Summen.
Der Florian hatte bauen müssen; denn das Gasthaus war viel zu klein
geworden für all die fremden Besucher, die nun aus aller Herren Ländern
in immer reicherer Zahl herbeiströmten.
Ein stattlicher, großer Neubau erhob sich jetzt neben dem alten
Haus und war mit allem Behagen eines vornehmen Hotels ausgerüstet.
Bescheiden und unansehnlich wirkte das Holzhaus, das der Kramer Veit
errichtet hatte, neben dem großen Mauerblock, der weiß und protzig
dastand und so gar nicht in diese Alpengegend hereinpaßte.
Mit jedem Jahr vermehrten sich die Fremden, und die Bauern im Dörfl
verstanden ihren Vorteil und richteten sich nach den Bedürfnissen
der fremden Besucher ein. Wer nur eine überflüssige Stube hatte,
der verwendete sie als Fremdenzimmer, und drunten im Hauptort des
Tales hatte sich ein ganz besonders lebhafter Verkehr entwickelt.
Postkutschen fuhren und Wägen, zweispännige und vierspännige; und
vornehme Leute hielten sich oft wochenlang in dem Dorfe auf.
Veit Galler aber hatte seinen Kramladen verkauft. Wie der Florian
Siegwein die Freude am Reisen verloren hatte, so hatte der Kramer die
Lust an den Fremden eingebüßt. Denn sie brachten einen Ton ins Land,
der dem Kramer nicht gefallen wollte.
So sehr er früher stolz gewesen war, wenn Fremde die Schönheit
seiner Heimat staunend bewunderten, so wenig gefiel ihm die tolle
Ausgelassenheit, der sich manche der Fremden hingaben. Er empfand es
wie die Entweihung eines Heiligtums, daß man droben im Gasthaus nur
Tanz und Trunk zu kennen schien, statt sich, wie es vordem doch der
Fall gewesen war, dem stillen Zauber der Einsamkeit und der Berge
hinzugeben.
Freilich, jene ersten Fremden waren auch andere Menschen gewesen.
Vornehme Leute, während es jetzt in der Hauptsache junge, genußsüchtige
Menschen waren, die hier eine Abwechslung ihrer Lebensweise suchten
und auch fanden. Und der Florian, der sich mit seinem Neubau in große
Schulden gestürzt hatte, betrachtete jetzt seine Sängerreisen nur mehr
als ein Geschäftsunternehmen, um für seinen Alpengasthof fürs erste
immer neue Gäste anzuwerben und zweitens, damit er eher seine Schulden
daheim abzahlen konnte.
Mit der Lust an der Sache entglitten ihm auch die Zügel, an denen
er vordem seine kleine Truppe so stramm geleitet hatte. Schon der
fortwährende Kampf mit der eigenwilligen Vef hatte den Florian
mürbe gemacht. So strenge er einstmals über Sitte und Moral seiner
anvertrauten Schar gewacht hatte, so nachsichtig war er mit der Zeit
geworden.
Der Florian wußte es, und es wußten auch die andern, daß sowohl die Vef
wie die Rosina einen lockeren Lebenswandel führten. Aber sie sprachen
nicht darüber; denn sie schämten sich, daß es in der Heimat bekannt
würde.
Noch hatten sie die Scheu vor der Heimat, diese reisenden Leute;
wollten nicht gering geachtet werden und empfanden es wie eine eigene
Schande, daß die beiden Perlmoser Schwestern sich über die herkömmliche
Sitte hinwegsetzten. Denn die Rosina war wohl einem Manne in ein
fremdes Land gefolgt, aber nicht als dessen ehelich angetrautes Weib.
Und die Vef war mit der Schwester gegangen, nicht als Schutz für diese,
sondern um ungehindert ihr eigenes Leben führen zu können.
Wild und schäumend war dies Leben und voll Genuß und brachte das Weib
körperlich und seelisch herab. Denn bis zu jener Stunde, da der Wastl
sie freigab, war sie als Weib rein geblieben. Voll innerlicher Gier
nach Lust und Genuß und trotzdem rein. Jetzt, da sie sich frei fühlte,
überkam es sie wie ein wirbelnder Rausch. Nicht einer Liebe allein
frönte sie, sondern nahm ... völlig toll geworden, was sich ihr bot.
Kannte keine Schranke und kein Gesetz. Kannte nur eines: leben und
genießen.
Dies alles wußte der Florian ganz genau, und es verdroß und schmerzte
ihn, und er war doch ohnmächtig dagegen. Die Verhältnisse waren stärker
geworden, als er selber war. Mehr denn je war er gerade jetzt auf die
Vef angewiesen; denn er brauchte Geld. Und dieses Geld konnte ihm nur
die sieghaft lockende Stimme der Vef verschaffen.
Den ganzen verbissenen Ingrimm, den der Florian Siegwein sowohl gegen
die Vef wie gegen die Rosina empfand, ließ er letztere entgelten. Mit
der Rosina hatte der Florian kurz vor seiner Rückkehr in die Heimat
noch einen heftigen Auftritt gehabt. Und hatte sie mit barschen Worten
fortgehen heißen. Sie solle sich nicht unterstehen und wieder zu ihm
kommen, sagte er. Dirnen könne er nicht gebrauchen. Und höhnisch
herausfordernd hatte ihn die Rosina gefragt: »Aber die Vef? Gelt ... da
denkst anders? Die darf wiederkommen, ha?«
Der Florian hatte sich wortlos abgewendet und sich so heftig auf die
Unterlippe gebissen, daß sie blutete. Die Vef ... ja, die war die
Mächtige und Starke und hielt ihn in der Hand.
Der Florian Siegwein war verdrossen und verschlossen in diesem Sommer
und vermied es, wenn er konnte, sowohl mit dem Kramer Veit als mit dem
Wastl zusammenzutreffen. Er hatte genug zu tun droben in dem Gasthof
und nur wenig Zeit übrig für die alten Freunde. Der Kramer Veit suchte
ihn auch nicht auf. War unwirsch und sehr wortkarg, der Kramer, in
dieser Zeit. Aber der Wastl machte sich auf den Weg und ging zu dem
Florian hinauf. Kam zu ihm ein über das andere Mal und bat und flehte.
»Nimm mi wieder mit, Florl ...« sagte er in dem treuherzig bittenden
Ton eines hilflosen Kindes. »I halt's nit aus dahoam.« Aber der Florian
blieb hart. Er wußte, daß die Vef die Trennung von ihrem Manne wünschte
und wagte es nicht, ihr entgegen zu sein, so sehr ihm auch der Wastl
innerlich erbarmte.
»Schau, Wastl ... verlang' dir's nimmer, das Leben!« versuchte der
Florian den alten Freund zu trösten. »Hast's ja viel schöner daheim.
I tauschet glei' mit dir, wenn i könnt', und hänget die verflixte
Singerei auf'n Nagel!« redete er ihm gut zu. Aber der Wastl wollte
keinen Trost.
»Du ... ja ... Du hast dei' Weib dahoam. Das ist anders!« sagte er
einfach, aber der Ton schnitt dem Florl ins Herz.
Völlig aufdringlich war der Wastl dem Florian geworden, je näher der
Tag der Abreise herankam. Wollte absolut mit und lungerte und lauerte
um den Alpengasthof herum und bat und flehte, sowie er den Florl zu
Gesicht bekam. Schließlich wurde der Florl grob gegen ihn. Konnte sich
nicht anders helfen.
»Wenn i dir's sag' ... daß i di nit brauchen kann!« fuhr er den Wastl
unwirsch an. »Sei do koa Lapp nit! Die Vef will di nit, und i brauch'
di nit. Hast ja überhaupt koa Stimm' mehr!« sagte er brutal.
Da ging der Wastl, aber nicht hinunter zum Kramer Veit und der Notburg,
sondern hinaus in das stattliche Dorf im Tal. Dort wußte er von einem
Mann, der ihm das Gütl vom Göd abzukaufen wünschte. Und der Wastl
verkaufte sein Heimatl und bekam Geld dafür. Der kleine Martl aber
mußte hinaus, Bauernknecht machen auf einem fremden Hof, wie es der
Vater in der Jugend gemußt hatte. Und der Jackl und sein Weib fluchten
dem Wastl; denn der Wastl hatte ohne Rücksicht gehandelt und sie alle
obdachlos gemacht.
Der alte Perlmoser wetterte und schrie. Verfluchte alle, die Töchter
und den Schwiegersohn und den Florian Siegwein und den Kramer Veit.
Denn dieser war der eigentliche Urheber an allem Leid, das über den
Perlmoserhof gekommen war.
Ein rüstiger alter Mann, verbissen und innerlich mit allen zerfahren,
das war der Perlmoser. Und sein Weib, die Perlmoserin, alt und
gebrochen, legte sich nieder zum sterben. Sie war ehrlich müde geworden
am Leben und verstand die Zeit und ihren Wandel nicht. War gut für das
Weib, daß es sterben durfte.
So hatte denn der Jackl wieder ein Heim für sich und die Seinen; denn
der Vater übergab ihm nun den Hof und ging in den Austrag. Stellte nur
die eine Bedingung. Niemals dürfe der Jackl den Siegweinischen drüben
auch nur ein Ei abliefern. Und niemals dürfe er einen Verkehr haben
mit den Schwestern und mit des Siegweins Leuten. Das versprach der
Jackl und hielt es auch. -- -- --
Und abermals waren etliche Jahre vergangen, und droben im Alpengasthof
feierte man ein Fest. Die Perlmoser Julie hielt Hochzeit, heiratete,
aber keinen der feinen Herren, die ihre Verehrer waren, sondern einen
der Sänger, die mit dem Florian gereist waren. Und wollten in der
Heimat bleiben, die jungen Leute, einen Gasthof auftun, drunten in der
Nähe der Schlucht, wo die drei Wildbäche ineinanderflossen.
Es ging hoch her bei der Hochzeitsfeier der Julie. War ein halb
städtisches und halb ländliches Fest. Mehr ein Theater, um den fremden
Gästen einmal die Gebräuche einer Bauernhochzeit vorzuführen. Es
fehlten die Verwandten und nächsten Freunde der Braut, und der Florian
mußte Brautvater und die Regina Brautmutter machen.
In langem Zug zogen sie vom Gasthof herab in die kleine Dorfkirche, und
die Bauern des Dörfels schauten bei dem eigenartigen Schauspiel zu und
lachten darüber. Sie lachten über den koketten Aufzug der Braut, die
sich in ihrer Bühnentracht zur Kirche begab, und viele empörten sich
über den schamlosen Ausschnitt des schwarzen, samtenen Miederleibchens.
Aber den Fremden, die in der Hauptsache das Kirchlein füllten, gefiel
es, und sie hielten die pomphafte Aufmachung für echten Bauernbrauch.
War eigentümlich, wie wenig die Fremden in Wirklichkeit von dem wahren
Bauerntum in sich aufnahmen. Sie lebten oft wochenlang unter den
Bauern, sahen ihre Arbeit und hörten ihre Sprache. Aber von ihren
wirklichen Sitten, von ihren Gebräuchen und ihrer Art ahnten sie
nur wenig. Die Bauern blieben verschlossen und mißtrauisch gegen
alles Fremde und nützten nur ihren Vorteil aus. Waren freundlich und
erwiderten die Anreden, aber sie sprachen anders wie sonst und über
Dinge, die dem Bauer eigentlich gleichgültig sind.
Am Abend der Hochzeit hielt der Florian Siegwein zu Ehren des
Brautpaares einen großen Bauernball ab. Und alle, die da wollten,
konnten kommen, um mitzutanzen. Es tanzte das Stadtfräulein mit dem
Melcherknecht vom Alpl droben und der feine Stadtherr mit der derben
Bauernmagd, und bis zum frühen Morgengrauen dauerte das Fest.
Auch der Stanis hatte sich eingefunden und wirbelte mit affenartiger
Behendigkeit im tollen Tanz. Es war erstaunlich, wie geschmeidig der
Melcher trotz seiner vorgerückten Jahre noch geblieben war. Konnte es
im Schuhplatteln noch immer mit den jüngsten Burschen aufnehmen und war
rauflustig trotz seines stark ergrauten Bartes wie in jungen Jahren.
Sie vermieden es noch immer, die jungen Burschen, mit dem Stanis
anzubandeln; denn sie fürchteten sich, eine Niederlage zu erleiden.
Und heute hatte der Stanis wieder einmal weit über den Durst getrunken.
War aber trotzdem immer noch standfest auf den Beinen, der kleine Kerl,
und ließ auch nicht einen einzigen Tanz aus. Und just die feschesten
Tänzerinnen wählte er sich. Er machte Witze, daß die Damen erröteten
und die Burschen vor Vergnügen laut gröhlten.
Die Herren aber, die es hörten, ärgerten sich über den ausgelassenen
alten Kerl und verlangten von dem Florian Siegwein, daß er ihn
entferne. Dem Stanis gefiel es jedoch so ausgezeichnet auf dem Ball,
daß er gutwillig gewiß nicht ging. Das wußte der Florian ganz genau und
war einigermaßen in Verlegenheit, wie er den Stanis losbringen sollte.
Es fand sich keiner der Burschen, der den Stanis mit Gewalt
hinausgeschmissen hätte. Sie wollten es nicht verderben mit ihm; denn
sie mochten ihn alle gut leiden und fürchteten seine Rache. Aller List,
die sowohl der Florian wie auch die Regina anwandten, widerstand der
Stanis.
Er wünschte diese tolle Nacht voll auszunützen und blieb ... allen
Bemühungen zum Trotz ... fest auf seinem Posten. Hüpfte und tollte und
gröhlte und wurde den Damen immer aufdringlicher. Er küßte sie beim
Tanz ganz ungeniert auf den Mund, gerade so, als ob es eine Bauerndirn
gewesen wäre; und ganz verliebt tat er mit einer kleinen blonden Frau,
die ihm besonders gut zu gefallen schien.
Wie eine Klette hing er sich an ihr an, umarmte sie mit tolpatschiger
Zärtlichkeit und ließ sie nicht mehr los. Und alles Wehren der jungen
Frau war vergeblich. Auch als sich der Florian, von dem Gatten der Dame
aufgestachelt, dem Stanis energisch in den Weg stellte, half es nichts.
Der Stanis parierte dem Florian einfach nicht, frech und unverschämt
wie ein Junger.
»Mach' di ... du ...« warnte der Stanis und schob den Florian mit einem
seiner kunstvollen Rauferkniffe, die ihn so unüberwindlich machten,
beiseite, so daß der stämmige Mann in weitem Bogen in den Saal flog.
»Hast g'nuag iatz ... Florl ... oder magst no oane fangen?« höhnte er
ihn dann.
Sie standen alle im Kreise um den Rauflustigen, der die junge Frau mit
dem einen Arm fest umklammert hielt, so daß sie ihm nicht entfliehen
konnte. Und da viele der Burschen stark angetrunken waren, belustigten
sie sich über den witzigen alten Kerl, lachten ihm zu und forderten ihn
noch zum Widerstand auf.
»Recht, Stanis! G'halt dir's lei dei' Weibl!« rief einer.
»Gib ihr a Bussl!« munterte ihn ein anderer auf. Niemand schien ein
Gefühl für die Lage der Dame zu haben, die ganz verzagt zu weinen
begann. Daß dieser Spaß so enden würde, das hatten sie sich denn doch
nicht vorgestellt.
Die meisten Herren und Damen hatten, als die Situation ungemütlich
wurde, den Saal fluchtartig verlassen, so daß zuletzt nur die
Bauernburschen mit ihren Dirndeln übrig blieben. Der Gatte der Dame sah
sich allein und verlassen dem Stanis gegenüber.
»Lassen Sie meine Frau los ... unverschämter Kerl!« sagte er zornig.
Er war jung, stattlich und groß und von vornehmer Herkunft.
Boshaft blinzelte der Melcher aus seinen kleinen schwarzen Augen zu dem
Herrn empor.
»Ist's leicht dei' Weibl?« höhnte er.
Der Herr gab dem frechen Kerl statt jeder Antwort eine schallende
Ohrfeige. Das half. Mit einem so jähen Ruck ließ der Stanis sein Opfer
los, daß die junge Frau taumelnd nach rückwärts fiel und von einigen
hilfsbereiten Burschen aufgehoben werden mußte.
Der Stanis aber sprang, einer Wildkatze ähnlich, seinen Gegner an.
Umklammerte ihn und würgte ihn am Hals. Der Fremde wehrte sich mit viel
Geschick, und der Florian eilte zur Hilfe herbei, dazu noch einige der
Burschen. Aber der Stanis klammerte sich an den Fremden und hing ihm
am Halse. Die Püffe und Stöße, die der Stanis nun von allen Seiten
erhielt, reizten ihn zur höchsten Wut.
Noch nie war es vorgekommen, daß er bei einer Rauferei unterlegen wäre.
Und daß sie nun alle gegen ihn waren, empfand er als Heimtücke und
Niedertracht. Er kannte keinen Unterschied des Standes, der Stanis.
Rauferei blieb Rauferei. Wer auf dem Tanzboden anwesend war, mußte sich
seine Späße eben gefallen lassen. Und wer das nicht wollte, mit dem
raufte er halt. Aber die andern sollten ihn in Ruhe lassen und sich
nicht einmischen. Mit dem hearrischen Tolm wollte er allein fertig
werden.
Der Stanis brüllte, außer sich vor Zorn, wie ein wildes Tier, als man
ihn gewaltsam von dem Herrn zu trennen versuchte. Seine Füße baumelten
in der Luft, und seine Hände umklammerten den Hals seines Gegners, daß
dieser blaurot im Gesicht wurde und hart nach Luft rang.
Und in dieser Angst stieß er den Stanis mit den Füßen und brachte ihn
zu Fall. Fiel aber über ihn, denn der Kerl ... toll vor Wut ... ließ
nicht von ihm ab. Und pfauchte und pfiff vor sinnlosem Zorn. Und würgte
den Hals des Fremden, der schwer über ihm lag. Und der Stanis fühlte,
wie seine Finger, die sich in den Hals des Gegners gleich Eisenklammern
einkrallten, gewaltsam gelöst wurden, und in seiner sinnlosen Wut, die
tierisch und nicht menschlich war, öffnete er den Mund und biß in das
Fleisch des Gegners.
Ein weher Schrei und dann ein pfauchender Laut und noch ein Biß, und
Blut quoll aus dem Gesicht des fremden Herrn.
Der Stanis aber ließ von seinem Opfer ab. Er hatte dem Gegner die
Nase abgebissen, und mit der Tat kehrte ihm die Ruhe wieder und das
Bewußtsein. Er fühlte aber keine Reue, sondern stolze Genugtuung. Denn
nun war er trotz der Überzahl der Gegner doch nicht unterlegen.
Und gleich einem Sieger schaute er im Kreise herum, schaute auf die
angstvoll erschrockenen Gesichter und auf das entstellte blutige
Antlitz des Fremden. Und lachte ... Lachte ... und ließ sich willig
und ohne Gegenwehr hinabführen in das stattliche Dorf, wo der Gendarm
wohnte ...
Als ihn die Richter für seine rohe Tat zu einigen Jahren Zuchthaus
verurteilten, da lachte der Stanis nicht mehr. Es war das Schlimmste,
was ihm widerfahren konnte, diese jahrelange Freiheitsberaubung. Und
es schürte nur noch mehr den Haß, den er in seinem Innern stets gegen
die fremden Leute gehabt hatte. Aber er bereute seine Tat trotz allem
nicht.
Vierzehntes Kapitel
Ohne Rast und Ruh' folgte der Wastl seiner Frau. Wie eine fixe Idee war
es, die ihn nicht mehr los ließ. Umsonst bat und warnte der Kramer Veit.
»Wastl, vertu' dei' Geld nit. Wirst no a Lump auf die Weis' ...« Es
half nichts. Er dachte nicht mehr an die Heimat und nicht mehr an
die Kinder. Hatte nur immer den einen Gedanken: die Vef. Und oftmals
überkam ihn eine große brennende Angst um sie. Ein Unglück könnte ihr
widerfahren, wenn er nicht bei ihr wäre. Er müsse sie schützen, müsse
in ihrer Nähe weilen.
Dann ließ er die Arbeit in der Heimat, zu der er doch immer wieder
zurückkehrte, und folgte der Vef von Stadt zu Stadt und von Land zu
Land, solange ihm das Geld ausreichte.
Die Glanzzeit des Florian Siegwein und seiner Sängerschar hatte längst
ihren Höhepunkt erreicht, und es ging allmählich, aber stetig abwärts
mit ihnen. Wohl sangen sie nach wie vor in den großen Sälen der Städte
und nur vor gutem Publikum. Aber jene ersten vornehmen Kreise, die sich
ehedem für die reisenden Tiroler interessierten, hatten sich langsam
zurückgezogen.
Sie erhielten keine Einladungen mehr auf die Schlösser der Fürsten und
durften auch nicht mehr vor gekrönten Häuptern singen. Der Florian
hatte in den letzten Jahren arges Pech gehabt. Der Simeringer Franz,
der vom Anfang an eine Hauptstütze seiner Gesellschaft gewesen war,
hatte sich immer mehr dem Trunke ergeben, so daß er schließlich seine
Stimme einbüßte und durch eine andere Kraft ersetzt werden mußte.
Nun reiste der Simeringer Franz auf eigene Faust, warb etliche Leute
in der Heimat an und verursachte dem Florian Siegwein manchen Verdruß.
Denn er war nicht wählerisch, der Simeringer Franz, sang in Weinkneipen
und rauchigen Bierlokalen und achtete nicht auf den Ruf seiner Leute.
Das ärgerte den Florian, da oft durch eine Verwechslung seine eigene
Truppe in Mißkredit geriet. Mit dem Simeringer Franz zu reisen erschien
verlockender wie mit dem Florian Siegwein. Denn der Florian kämpfte
tapfer und mit zäher Energie, um seiner Truppe den vornehmen Ruf, den
sie einmal besessen hatte, wieder zu erobern.
Es gab viel Zank und Streit, und schließlich trennte sich auch der
Tobias Scholl von dem Florian und ging zu dem Simeringer Franz über.
Die Zeißler Anna, die auch von allem Anbeginn mit dem Florian reiste,
war in der Fremde gestorben. Lungenkrank, stellten die Ärzte fest,
die sie monatelang in dem Spital einer Großstadt pflegten. Und einsam
und von allen verlassen betteten sie die junge Tirolerin ins fremde
Erdreich.
Es war nur noch die Vef übrig von den alten Kräften des Florian
Siegwein, und auch ihre sieghaft schöne Stimme hatte nachgelassen und
war im Verblassen. Der Lebenswandel, den die Vef führte, war nicht ohne
Folgen für ihre Gesundheit geblieben. Das üppig schöne Weib welkte
dahin und alterte in wenigen Jahren. Mit allen Mitteln der Kunst
erhielt sie sich nun. Sie wußte, daß ihre Schönheit ihr einziger Besitz
war.
Die Vef hatte keine Freude über die Anhänglichkeit ihres Gatten. Für
sie war die Vergangenheit erloschen, und sie hatte gebrochen mit allem,
was ihr einst lieb und teuer gewesen war.
Sie wies den Wastl von sich, hart und schroff. Aber ohne Erfolg.
Wie mit Blindheit war der Mann geschlagen. Ahnte nichts von ihrem
Lebenswandel und wollte vielleicht auch nichts ahnen. Nach wie vor
blieb sie für ihn die Vef, die er einstmals geliebt hatte. Die resche,
resolute Frau mit dem guten und keuschen Herzen. Und niemand war, der
den Mut gehabt hätte, ihm die Augen zu öffnen. Bis er selbst dahinter
kam.
In diesem letzten Winter war die Not an den Wastl herangetreten. Er war
nun endgültig fertig mit dem Gelde, das er für sein Gütl in der Gungl
erlöst hatte, und mußte knausern und sparen. Noch etliche Wochen würde
es ihm reichen, und dann mußte er, wollte er nicht verhungern, sich um
einen Verdienst umtun.
Die Arbeit scheute er nicht, der Wastl. Wäre selig gewesen, wenn er nur
wieder hätte arbeiten dürfen. Aber arbeiten war gleichbedeutend mit
der endgültigen Trennung von seinem Weibe, und diese, das wußte er aus
Erfahrung, konnte er auf die Dauer nicht ertragen.
Er hungerte und darbte und schlief in den elenden Schlafstellen der
großen Städte, nur um sein Geld zu strecken, und suchte sich dann
und wann einen Gelegenheitsverdienst. Aber gut bezahlte Arbeit war
nur selten zu finden, und wenn sich der Wastl als Taglöhner gar zu
sehr herunterkommen ließ, dann wurde es ihm noch schwerer gemacht wie
bisher, sich seiner Frau zu nähern. Das wußte er bestimmt.
Als die Not ganz groß geworden war, da nahm sich der Wastl ein Herz,
um mit seinem Weibe zu reden. Fast kam's ihm vor wie damals droben am
Alpl, als er um die junge Vef geworben hatte.
Dasselbe wochenlang währende Hangen und Bangen und genau dieselben
quälenden Zweifel, ob er ihr doch noch gefallen könnte ... und doch
wieder das feste, überzeugte Zutrauen zu ihr. Genau wie in jener fernen
Zeit, so redete er auch jetzt sich tagelang zu, ehe er den Mut fand,
die Vef zu stellen.