fremder geworden. Denn auch die Vef machte den Mann für ein verfehltes
Leben verantwortlich. Sie fühlte sich durch ihn gebunden und lechzte
förmlich nach ihrer Freiheit. Was bedeutete ihr, der gefeierten Frau,
noch dieser einfältige Bauer, dem das Leben, das sie führten, eine
fortgesetzte Pein war? Was waren ihr die Kinder, die sie ihm geboren
hatte? Einmal ... ja, da hatte sie diese Kinder liebgehabt. Von ganzem
Herzen.
Und um dieser Kinder willen ... so redete sie sich ein ... war sie
in die Welt gezogen. Jetzt aber waren ihr die Kinder fremd geworden,
und sie fühlte wenig mehr, als einzig nur die Last, sie versorgen zu
müssen. Die Liebe, die sie einstmals mit dem Wastl verbunden hatte, war
erkaltet. Und mit dieser erstorbenen Liebe war auch die Zuneigung zu
ihren Kindern verschwunden.
Dem Kramer Veit machte das verstörte Wesen des Wastl ernste Sorge. Er
teilte auch der Vef seine Besorgnisse mit, und das war's, was die Vef
dazu brachte, einmal offen mit ihm über ihren Mann zu reden.
Es ging schon wieder gegen die Neige des Sommers, und droben im
Gasthaus traf der Florian Anordnungen für die neue Winterreise. In der
Villa des Kramer Veit, die er zum Teil selbst bewohnte, saßen sie im
Abenddämmer in der gut eingerichteten Wohnstube und warteten auf den
Wastl. Die Notburg und der Anderl und der Veit und die Vef.
Es war Zufall, daß die Vef sich einmal in der Wohnstube der Notburg
aufhielt. Für gewöhnlich mied sie den Umgang mit dieser Frau genau so,
wie ihr die andere auswich. Sie hatten sich herzlich wenig zu sagen,
diese beiden Frauen; und wenn sie jetzt scheinbar in voller Harmonie
nebeneinander saßen, so war das lediglich dem Umstand zu verdanken,
daß das Moidele, von der Notburg geschickt, die Vef vom Alpengasthof
heruntergeholt hatte.
Die kleine Toni, die bei den Kirchenmäuseln untergebracht war,
lag krank und hatte ein hitziges Fieber. Eines der beiden alten
verhutzelten Weiblein war noch am späten Nachmittag gekommen und hatte
der Notburg die Botschaft gebracht. Und diese hatte dann das Moidele
sofort zu der Vef geschickt, da der Wastl wieder einmal tagelang
fortgeblieben war.
Die Vef war zu ihrem Töchterchen geeilt und fand dieses glühheiß und im
Fiebertraum. Das erzählte sie jetzt, und der Kramer Veit erbot sich,
noch in dieser Stunde zu dem Arzt zu gehen, der draußen im Tal in dem
großen Dorf wohnte.
Es regnete in Strömen, und die Nebel legten sich dicht und schwer von
den Bergen herab. Die Notburg machte ein besorgtes Gesicht; denn sie
sah es nicht gerne, daß ihr Mann stundenlang der Unbill der Witterung
ausgesetzt war. Wenn er auch rüstig und noch ungebrochen war, der Veit,
der allerjüngste war er ja trotzdem nicht mehr und auch nicht mehr so
widerstandsfähig wie in früheren Jahren.
In der Vef regte sich das Gewissen, und sie war aufgeregt und sehr
beunruhigt. Dieser Erregung machte sie Luft, indem sie heftig über den
Wastl zu schimpfen anfing.
»A so a spinnet's Mannsbild!« brach die Vef über eine Weile die tiefe
Stille, die sich fast beängstigend über die Stube gelegt hatte ...
»Rennt grad' umadum und laßt nix sehen und nix hören von sich. Daß
grad' i an söllen Tolm hab' derwischen müssen!« sagte sie unwirsch und
voll Vorwurf.
Sie gaben ihr keine Erwiderung. Weder der Veit, noch die Notburg.
Hielten sich zurück und schauten schweigend vor sich hin. Der Anderl
aber, der ein halbwüchsiger Bursch war, schlank und schmächtig, konnte
sich nicht enthalten und erwiderte der Vef resolut und frech nach
Jungenart.
»Kümmerst di ja sischt aa blutswenig um ihn. Brauchst iatz aa nit grad'
schimpfen anz'heben.«
»I schimpf' ja nit!« meinte die Vef ruhiger. »Aber hergehn soll er,
bald man ihn braucht.«
»Braucht'n koa Mensch nit!« erklärte der Anderl. »Kann do nit helfen.
Und an Doktor derholen wir aa no fürs Tonele.«
»Könnt' ja oaner von oben abi giahn ins Dorf!« meinte die Notburg
über eine Weile. »Sein ja g'nuag sölle junge Löder oben. 's Kind kann
man nit ohne Hilf' lassen über Nacht!« fügte sie bedenklich und voll
Mitleid hinzu.
Der Anderl war schon bei der Tür draußen und lief so rasch er konnte in
dem strömenden Regen hinauf zum Alpengasthof. Ein warmherziger Bub war
der Anderl, voll Mitgefühl für das Leid der andern.
Die Vef war doch recht unruhig über ihr krankes Kind. Je dunkler es
wurde, desto ungemütlicher wurde es ihr. Sie hielt das ruhige Sitzen
und Herwarten nicht mehr aus. Stand auf und schaute durchs Fenster. Sah
die schweren, dunklen Wolken, die sich beklemmend und drückend übers
Tal senkten, und schwer legte sich ihr die Angst aufs Herz.
»Wird wohl nit g'fährlich krank sein ... 's Tonele?« frug die Vef über
eine Weile. Heiser und stockend kam ihr die Frage über die Lippen. Sie
erschrak über den Klang ihrer eigenen Stimme. So fremd und hohl und
ungewöhnlich laut kam er ihr vor.
Und wieder erhielt sie keine Antwort. Weder vom Veit, noch von der
Notburg. Die saßen am Tisch in der Wohnecke, und der Veit stützte seine
Arme schwer auf die Platte. Es war unerträglich für die Vef, dieses
Schweigen. Daß diese beiden alten Leute auch gar nicht reden wollten.
Und daß der Wastl gar nicht herging, wenn sie einmal wirklich Verlangen
nach ihm trug.
»Meinst, Notburg ... 's Tonele wird wieder?« wandte sich die Vef mit
ihrer Frage direkt an die Frau, die reglos an der Seite ihres Mannes
saß. Ihr schlohweißes Haar hob sich hell ab in dem Dämmer der Stube, so
daß es beinahe leuchtete.
Die Notburg zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie trocken und ohne
Mitgefühl.
Sie empfand auch nur wenig Mitleid mit der Vef. Geschah ihr schon
recht, wenn sie es auch einmal mit der Angst zu tun bekam und mit dem
Gewissen. Ganz recht geschah ihr. Sollte nur leiden ... das Weib!
So dachte die Notburg und schaute hart und strenge auf das ruhelose
junge Weib, das in ihrer Stube, von innerer Qual getrieben, unruhig
umherging.
Und wieder herrschte Schweigen in der Stube. Und immer ruheloser ging
die Vef in dem Zimmer herum und schaute dann wieder abwechselnd zum
Fenster hinaus.
»Könnt's koa Licht nit machen?« frug sie über eine Weile in ihrer
herrischen Art. »Man g'siecht ja nix mehr.«
Schweigend stand die Notburg auf und zündete eine schöne Lampe an,
die über dem Tische hing. Es machte alles in der Stube den Eindruck
von Behagen und bürgerlicher Wohlhabenheit. Ohne Prunk, schlicht und
einfach hatte es der Kramer Veit eingerichtet, so wie es zu diesen
Leuten und ihrer Umwelt paßte.
Die Vef trug nun für gewöhnlich nicht mehr die Tracht ihrer Heimat,
sondern hatte städtische Gewänder angelegt. Im Gegensatz zur Regina
aber wählte sie stets dunkle, unauffällige Farben und war ohne
Schmuck und Zier. Auch heute trug die Vef ein einfaches, aber elegant
geschnittenes Kleid, das ihre volle Figur zur besten Geltung brachte.
Ihr Gesicht war bleich, und dunkel und aufgeregt flackerten die
hellen, sonst so strahlenden Augen. Das blonde Haar trug sie wie immer
zur Krone um den Kopf gelegt, und weich schmiegten sich vereinzelte
Löckchen um ihre feine Stirn.
Der Kramer Veit war alt geworden in diesen Jahren. Alt und sorgenvoll,
aber aufrecht und noch immer kraftstrotzend. Viele Furchen durchzogen
die breite, etwas brutale Stirn, und das derbe, dröhnende Lachen kam
jetzt nur selten mehr über seine Lippen. Er hatte eine nachdenkliche
Art, der Veit, und war schweigsamer und viel zurückhaltender wie in
früheren Zeiten.
Jetzt, nachdem das Licht entzündet war und sein heller Schein das
geräumige Zimmer angenehm erleuchtete, saßen die drei Menschen wieder
schweigend beisammen. Die Vef zwang sich dazu, ruhig zu scheinen, und
doch pochte ihr das Herz fast hörbar und raubte ihr beinahe den Atem.
Immer wieder sah sie ihr krankes Kind, wie es fiebernd in seinem
armseligen Bettchen lag, die Wangen hochgerötet und die großen dunklen
Augen glänzend und angstvoll. Hatte wenig Liebe in seinem jungen
Leben genossen, das Tonele ... und wußte nichts von Muttersorge
und Zärtlichkeit. Wenn die Vef zu ihr kam, so wich ihr das kleine
fünfjährige Mädele scheu aus wie einer Fremden; denn sie hatte Angst
vor der Mutter, die so nobel war und ganz anders gebietend und anders
in ihrem Wesen wie alle die Bäuerinnen, die sie kannte.
Der Kramer Veit schaute unverwandt und scharf beobachtend auf die Frau
mit dem blassen Gesicht und den angstvollen Augen. Dann hub er auf
einmal zu reden an. Ruhig und sachlich, wie es seine Art war.
»Vef!«
Das Wort schreckte die Frau aus ihrer quälenden Nachdenklichkeit auf.
»Kimmt dir nit für, Vef ... du g'hörest jetzt wo anders hin?« frug
der Veit langsam und eindringlich, aber in dem gütigen Ton eines
nachsichtigen Vaters.
Einen Augenblick war es, als senkte die Frau reuevoll ihren schönen,
fein geformten Kopf. Nur einen kurzen Augenblick. Dann schaute sie
gleich wieder herrisch wie immer auf den Mann, der diese vorwurfsvolle
Frage an sie gewagt hatte.
»Wie meinst?« frug sie scharf und sah mit herausfordernden Blicken auf
Veit Galler.
»I mein' ...« sagte der Kramer sehr gelassen ... »daß eine Mutter ...
und wenn sie auch die vielbewunderte Vef ist ... zu ihrem kranken Kind
g'hört. Und i mein' no mehr!« setzte er mit Nachdruck hinzu. »Willst
hören, Vef ... was i no mein'?«
Der Kramer hatte sich erhoben, breit und wuchtig, und pflanzte sich
vor der Frau auf. Mit ruhigen, kalten Augen schaute die Vef zu ihm
empor. Hatte die Hände lässig in den Schoß gelegt und die Lippen fest
aufeinander gepreßt.
»Vef ...« fing der Kramer abermals zu reden an, und seine Stimme klang
gut und weich. »Leicht nutzt's eppas ... wann i heut' zu dir red'.
Kann sein, daß die Angst um dei' Kind dich zur Besinnung bringt. Kann
sein aa nit. Aber siegst ... so wie du jetzt bist und lebst ... bringst
euch ins Unglück. Hast kein Haus und kei' Dach und kein' Mann und kei'
Kind mehr. Kennst nur mehr eins ... dich selber! Das ist's, Vef! Grad
das allein! Die Lieb zu dir selber. Ist alles g'schwunden bei dir,
kommt mir für ... alles ... nur nit die Eigenlieb. Und siegst, Vef ...
wann eins aufhört, für andere Menschen zu leben und ein's nur alleweil
sich selber zum Mittelpunkt im Leben macht ... aft ist's grob g'fahlt.
Das ist koa Glück nit ... das ist a Rausch. 's Glück schaut anders aus,
Vef. Frag' mei' Weib ... die Notburg ... was Glück ist. Die kann dir's
sagen. Hat lang warten müssen drauf ... die Haut ... bis es kommen ist
zu ihr. Aber es ~ist~ kommen. Weil sie gedient hat dafür. Und
kommet aa zu dir, Vef ... wann du möchtest!«
Der Kramer Veit hielt eine Weile mit reden inne und fuhr sich mit der
Hand über die Stirne, als müsse er eine böse Erinnerung aus seinen
Gedanken verscheuchen. Unverwandt und wie hypnotisiert schaute ihm
die Vef in die Augen, preßte die blassen Lippen fest aufeinander,
unterbrach ihn aber mit keinem Wort.
»'s war' no nit zu spat für enk ...« sagte der Kramer eindringlich und
legte seine derbe Arbeitshand schwer auf die Schulter der Frau ...
»wann du grad wollen tatest, Vef. Schau dein' Mann an, den Wastl! Kann
sein, daß du koa Lieb mehr hast für ihn. Aber er ... ~er~ hat di
gern, Vef! Kennt ... kimmt mir für ... koan Herrgott und koan Heiligen
nit ... als grad sei' Weib.« Und jetzt erhob der Kramer Veit seine
Stimme, und sie klang drohend und mahnend zugleich. »Vef! A söllene
Liab wirft man nit fort. Weil's eppas Seltenes ist und fast heilig. Und
oans sag' i dir! Schau ... daß es anders wird zwischen dir und dein'
Mann. Besinn' dich, daß du sei' ~Weib~ bist und die Mutter von
seine Kinder. Könnt' sein, daß er ein schlecht's End' nimmt ... der
Wastl ... könnt' sein ... daß dir dann die Reu' kimmt ... bald's zu
spat ist.«
Die Vef hatte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, zugehört.
Reglos saß sie vor dem Mann und war noch blässer wie zuvor.
Und einen Augenblick lang schaute sie dann nachdenklich zu Boden. Und
dann erhob sie sich, und stolz und aufrecht stand sie vor dem Kramer
Veit und sah ihm ernst in die Augen.
»Soll wohl wieder Bäurin machen, meinst?« frug sie ruhig, aber ohne
Schärfe.
»Braucht nit zu sein.« Der Veit hob die Schultern leicht. »Könnt' aa
sein ...«
»Veit ...« Die Vef ließ ihn nicht ausreden. »Gib dir koa Müh' nit. Grad
du solltest es besser verstehn, wie mir ist. Grad du! Glaubst wirklich,
daß a Weib wie ich noch g'schaffen ist für an Bauersmann? Glaubst nit
... daß es besser wär' ... besser für mi ... und aa für ihn ... wenn er
mich meine Weg' allein gehn ließ'? War' hart für ihn ... i gib's zu
... aber nur für a kurze Zeit. So hängt er sich an mich wie a Kletten
und lebt a Leben, das ihn umbringt. Das Leben aber ist Leben für
mich .. ich brauch's, und er verdirbt dabei. Veit ...« sagte die Vef
entschlossen ... »wann du dem Wastl wirklich was Gut's tun willst ...
dann bring' ihn dazu ... daß er wieder a Bauer wird. Soll mich lassen
und die Kinder zu sich nehmen. 's war' aft nit viel anders ... als wenn
i g'storben wär'. Und wenn er's tät', aft war's a wirkliche Liab ...
kimmt mir für.« --
Noch in später Nacht kam der Wastl nach Hause. Müde und bis auf die
Haut durchnäßt. Und ging noch in derselbigen Stunde mit seinem Weib ins
Dörfl hinein, wo das Tonele zum Sterben lag.
Zwölftes Kapitel
Sie blieben die ganze Nacht bei dem kranken Kinde und wachten bei ihm.
Der Doktor kam zu später Stunde, untersuchte das Kind sorgfältig und
sprach ihm das Leben ab.
Eine schwere Halsbräune hatte das Tonele befallen, und mühsam rang
das Kind nach Atem. Die beiden alten Weiblein, die bisher das Tonele
betreut hatten, machten verzagte Gesichter. Sie verstanden nicht
viel von Krankenpflege und standen den Anordnungen des Arztes völlig
verständnislos gegenüber.
Dumpf und schwer war die Luft in der länglich schmalen Kammer, in der
das kranke Kind lag, und die Vef riß Türe und Fenster auf, um dem Kind
Erleichterung zu verschaffen.
Etwas von dem Geiste der Vef, wie sie vordem gewesen, war in dieser
Nacht wieder in der Frau wach geworden. Jetzt war sie mit einem Male
wieder die umsichtig sorgende Mutter, die sie drinnen in der Gungl
gewesen war. Sie hieß die beiden alten Weiblein, die ihr im Wege waren,
aus der Kammer sich entfernen. Freundlich, aber sehr bestimmt sagte sie
es ihnen. Sie sollten ausruhen, und wenn sie ihrer bedürfte, dann würde
sie sie holen kommen. Und sie und ihr Mann würden bei dem Kinde bleiben
bis zuletzt.
Wie hart das war, dieses Sterben des Kindes. Der Wastl saß in einem
Winkel und verdeckte sich die Augen. Er konnte den Todeskampf nicht mit
ansehen. Das Tonele bäumte sich und rang nach Luft, und dann wieder
faltete es betend die kleinen rauhen Hände und konnte doch nicht
sprechen. Und war blaurot im Gesichtchen und röchelte und wehrte sich
verzweifelt gegen den Erstickungstod.
Und doch wieder mußte der Wastl aufschauen ... hinüber zu dem Bettchen
des Kindes ... zu seinem Weibe ... das in dieser Stunde wieder zur
Mutter geworden war. Als ob sie all die Jahre, in denen sie dieses
Kind vernachlässigt hatte, einbringen müßte, so zärtlich und liebevoll
umsorgte sie es.
Sie kniete an dem Bett des Kindes, bleich und ernst, und starrte
unverwandt auf das zermarterte Gesichtchen. Und wenn die Not des Kindes
sich steigerte und es sich bäumte und wand und die kleinen Hände sich
hilflos in der Luft krampften ... dann nahm die Vef mit starkem Arm
ihr Kind zu sich und barg es an ihrer Brust. Fand kein Trosteswort
und kein Gebet ... und keine Träne. Aber die Hand, mit der sie die
glühheiße Stirn des Kindes liebkoste, war lind und weich und beruhigte
es. Die Todesqual in den Augen des Kindes linderte sich, und es schaute
verwundert und beinahe froh. Zum ersten Male in ihrem jungen Leben
fühlte das Tonele die Nähe einer Mutter ... fühlte ihre Liebe und ihre
Sorge.
Und das machte ihr den Tod leichter ... denn als er kam ... lag sie im
Arm der Mutter, und ihr zuckender, kleiner Körper krampfte sich Schutz
suchend an ihrer Brust.
Und die Vef hielt die Leiche ihres Kindes ... solange, bis die Wärme
aus ihm gewichen war ... wortlos und mit trockenen Augen. Und dann
legte sie das Tonele auf sein armseliges Bettchen, kniete vor ihm hin
und schluchzte laut auf, aber ohne Tränen.
Ein kleines Öllicht brannte auf der Kommode, die in der Nähe des
Bettchens stand. Und eine geweihte Wachskerze ... die hatte der Wastl
angezündet, als es zum Sterben kam. Und jetzt stand der Wastl neben
seinem Weib am Bett des toten Kindes und versuchte sie zu trösten.
»Vef!« Mehr brachte er nicht heraus; denn es würgte und stieß ihn, und
wie ein wundes Tier warf er sich über die Leiche des Kindes und weinte
laut. Weinte seinen ganzen Schmerz sich von der Seele ... sein ganzes
Leid und das Elend seines Lebens.
Und als die Vef diesen elementaren Ausbruch tiefster Herzensnot
vernahm, der so unbändig wild war und fast nichts Menschliches mehr
an sich hatte, da trieb es das Weib fort. Sie floh ... wie von Furien
gepeitscht von der Seite ihres Mannes ... hinaus ins Freie ... in den
Regen und die Kälte eines frühen Herbstmorgens. Und lief hinüber zu
der Notburg und warf sich zu Füßen der Frau und barg den Kopf in ihren
Schoß.
»Notburg! Notburg!«
Das war alles.
Und die Frau erkannte die Not dieser Stunde und war gut zu der Vef.
Beugte sich über die Verzweifelte und streichelte ihr weich wie einem
Kinde über das blonde Haar. Sie sagte kein Wort, aber ihre innere Güte
legte sich warm auf das Herz des hart ringenden Weibes ...
Sie hatten das Tonele schön aufgebahrt in der Stube der beiden alten
Jungfern. In einem weißen Kleidchen, das die Notburg genäht hatte,
lag das Kind da, und ein weißes Kränzlein schmückte das dunkle Haar.
Und friedlich, wie schlafend sah das Tonele aus, hatte die Händchen
gefaltet und einen glückseligen Zug in dem wachsbleichen Gesichtchen.
Zwei Kerzen brannten zu ihren Häupten, und Blumen waren über die weiße
Decke gelegt. Und die Nachbarn kamen, um an der Leiche des Kindes zu
beten und sie zu ehren.
Die alten verhutzelten Jungfern gingen im Hause umher, so lautlos und
still, als sie es nur vermochten. Hielten den Rosenkranz in den welken
Händen, aber machten verzagte, hilflose Gesichter und hatten feuchte
Augen. Und dankten allen, die gekommen waren, das tote Tonele zu ehren.
Armes Tonele! Wenn sie's doch erlebt hätte, diese Ehrung! Unbeachtet
war sie herumgeschlichen ... überall und allen im Wege ... und überall
und bei allen überflüssig.
Sie waren immer gut mit dem Kinde gewesen, die beiden Kirchenmäuseln,
und hatten ihr nie ein böses Wort gegeben. Und doch fühlte es das
kleine Mädele mit dem feinen Gefühl des verlassenen Kindes, daß sie
nur eine überflüssige Last für alle bedeutete. Scheu drückte sie
sich in den Winkeln des Hauses herum, spielte einsam in dem kleinen
Garten und wich allen aus. Sah alle, die sie ansprachen, mit großen,
furchtsamen Augen an und blieb meistens die Antwort auf die Fragen
schuldig, die man an sie gerichtet hatte. Zu niemandem faßte das Kind
Zutrauen, und für niemanden hatte sie eine herzliche Liebe.
Und nun, da sie gestorben war, da war sie zu Ehren gekommen. Ihr Vater
weinte um sie, und ihre Mutter und die Großeltern vom Perlmoserhof. Und
die Julie kam und die Rosina und brachten ihr Blumen, und hatten doch
so selten ein gutes Wörtl übrig gehabt für das einsame Kind ...
Der Kramer Veit hatte sich des Wastl angenommen. Nachdem sie die
Kleine begraben hatten, hatte Veit Galler, der Kramer, den Wastl am
Arm genommen und war mit ihm hineingegangen in die Gungl. Er wußte gar
wohl, was dem Mann jetzt not tat.
Ein paar Tage sollte der Wastl wieder drinnen leben in der alten Heimat
und sich an seinem ältesten Buben freuen. Der Martl gedieh und blühte
und wuchs, daß es eine Freude war. Und war so ganz das lebfrische
Bauernbübl, wie es der Wastl und auch der Veit einmal selber gewesen
waren.
Und drinnen in der Gungl, in dem Heim des alten Göd, da sprach der
Kramer Veit mit dem Wastl. Redete ernst mit ihm, wie ein Mann zum
andern.
»Schau, Wastl ...« sagte er, als die beiden eines Abends allein vor der
Hüttentür saßen ... »i mein' dir's gut. Lass' jetzt die Vef ... leicht
wird's wieder alles gut zwischen enk zwoa. Bleib' du daheim. Geh'
nimmer außi in die Welt. Du paßt nit dafür. Kimmt mir für ... sie hat
no alleweil an guten Kern ein, die Vef. Hat's halt, wie i's selber amal
g'habt hab', an Unruh' ... die sie forttreibt. Bin aa anders g'worden
mit die Jahr' und wieder a ganz seßhafter Mensch. Überwind' di, Wastl,
und bleib' bei uns da. I hab' Arbeit g'nug für di, und nachher ...
in an Jahr a zwoa übernimmst a Gütl und nimmst deine Buben zu dir.
Probier's halt, Wastl ... Bleib' daheim!«
Es war eine herrlich stille Nacht. Eine jener festlich hellen
Septembernächte, in denen auf sammetdunklem Teppich die Milliarden
Sterne unruhig fiebrig glitzern und funkeln, und der Mond sein kaltes
und doch so prunkvolles Silberlicht über die Berge verschwenderisch
ausgießt.
Man konnte alles deutlich unterscheiden, und alles schien in kalter
Pracht verklärt in dem hellen Schein des Mondes. Die kleine Hütte mit
ihrem windschiefen, steinbeschwerten Schindeldach ... die ragenden
Felswände und nahen Felsblöcke, die steilen Mahden und der brausende,
weißschäumende Bergbach. Sein Rauschen und Brodeln hatte in der
heiligen Stille der Nacht etwas Feierliches, und doppelt friedlich und
fast weihevoll lag ringsum die Natur.
Gar nichts hatte sich in der Gungl verändert, war alles ganz genau
so, wie es der Wastl damals hinterlassen hatte. Das Holz war als
Wintervorrat rings um die Hütte aufgeschichtet wie ehemals, nur waren
die Leute jetzt andere, die in der Hütte hausten. Und führten genau
dasselbe Leben, das der Wastl und die Vef auch geführt hatten. Etliche
kleine Kinder schrien und kreischten und krabbelten in der Stube und
Küche herum. Und das junge Weib des Jackl drinnen in der Hütte betreute
ihre Kinder und hantierte in der Küche herum, und zankte dann und wann
mit ihnen und dem Mann. Genau so wie damals des Wastls Weib, die Vef.
Wie in einem wachen Traum kam sich der Wastl vor, als er jetzt mit
dem Kramer Veit vor der Hütte saß. Mußte sich Mühe geben, um daran zu
glauben, daß es jetzt anders war, daß er hier als ein Fremder zu Besuch
weilte, und daß die schreienden und zappelnden Kinderchen in der Hütte
drinnen nicht die seinen waren.
Wie ausgelöscht erschienen ihm diese letzten fünf Jahre, ausgetilgt aus
seinem Leben, und es war ihm, als sei es erst gestern gewesen, daß er
als Bauer hier gearbeitet hatte. So innerlich ruhig und gefaßt war der
Wastl lange ... lange nicht mehr gewesen wie in diesen letzten Tagen.
Und die gute Rede des Kramer Veit fiel heute auf einen fruchtbaren
Boden. Wohl viel mehr, als es der Fall gewesen wäre, wenn die Vef ihre
Absicht hätte zur Ausführung bringen können, mit dem Wastl über ihre
Zukunft zu sprechen.
Der Wastl dachte tief und lange darüber nach. Vielleicht hatte der
Kramer recht. Wenn er sich trennte von der Vef ... vielleicht rief er
dann die Sehnsucht nach ihm in ihr wach. Denn trotz ihrer abweisenden
Kälte, trotz der Gleichgültigkeit, die sie für ihre Kinder bis jetzt
gehabt hatte ... alle Liebe zu ihnen war doch nicht erstorben. Das
hatte der Wastl durch den Tod des kleinen Tonele erfahren.
Und der Wastl dachte und hoffte, daß vielleicht doch noch ein kleiner
Rest von der alten Liebe zu ihm in dem Herzen seines Weibes vorhanden
sein könnte. Fand sich nur schwer zurecht mit seinem Gedankengang, der
Wastl, und war froh, daß der Kramer Veit so wortlos still an seiner
Seite saß und ihn mit keinem Wort aus seiner Nachdenklichkeit störte.
Und endlich hub der Wastl zu reden an.
»Moanst ... Kramer ...« begann er langsam und schwerfällig ... »'s
könnt' der Vef lieb sein ... wann i bei die Kinder bleiben tat'?«
»I moanet schon!« bestätigte der Kramer gleichfalls sehr ernst und
nachdenklich. Und wieder versenkte sich der Wastl in seine eigenen
Gedanken.
»Leicht war's ... weil sie sich g'schamt hat mit mir?« fing er dann
neuerdings zu reden an, und mit bangen Blicken schaute er auf den
Kramer, um in dessen Gesicht die Antwort abzulesen.
»Kann sein!« bestätigte der Kramer kurz und hüllte sich leicht
fröstelnd in den dunklen städtischen Überrock, den er auch hier noch
immer zu tragen pflegte. »Kann sein.«
Der Wastl stützte die Arme schwer aufs Knie und verdeckte sich die
Augen mit seinen beiden Händen. Und sagte lange nichts mehr.
»Wann i's wisset ...« hub er dann neuerdings sehr langsam zu reden an
... »ganz bestimmt wisset ... daß sie wieder kommet zu mir ...« heiser
und gepreßt kam jedes Wort aus der Kehle des Mannes, so daß es war, als
müsse er den Laut gewaltsam hervorstoßen ... »i bringet dös Opfer ...
i tat's, Veit. War' hart ... aber i tat's!« wiederholte er dann noch
einmal.