Als sie ihrem Bruder Jackl, der schon ein paar Tage zuvor das Gütl

übernommen hatte, die Hand zum Abschied reichte und mit ihren Kindern

in den grauen Oktobermorgen hinaustrat, als ein scharfer Wind ihr rauh

und kalt ins Gesicht pfiff, da durchlief es den Körper des jungen

Weibes wie Eisesschauer.

Sie mußte gewaltsam an sich halten, um nicht das Klappern ihrer Zähne,

das von ihrem inneren Frost kam, hören zu lassen. Um keinen Preis

wollte sie ihre Schwäche den Wastl merken lassen. Sie ~mußte~ fest

bleiben und froh erscheinen, damit sein schwacher Wille sich an ihrem

starken stützen konnte. Eine innere Leere löste aber dann die Kälte ab

und machte sie gefühllos für alles, was um sie war.

Sie hörte es nicht, daß der kleine Bub, der ihr zur Seite lief,

plapperte und neugierige Fragen tat, und sie hörte auch nicht, daß er

mit weinerlicher Stimme über die Kälte zu klagen anhub, und sah nicht

die blaugefrorenen Händchen des Kindes.

Je länger sie gingen, desto höher stiegen die Nebel, wurden leichter

und wurden weißer. Nur oben über den jäh abfallenden Felswänden zu

beiden Seiten des schluchtartigen Tales ballten sich die Wolken noch im

finsteren Grau.

Mit keinem Blick hatten sie auf das Gütl zurückgeschaut, weder der

Wastl noch sein Weib. Gingen vorwärts ... immer vorwärts ...

Das Kind schlief in dem Arm seiner Mutter selig und sanft und

lächelte im unbewußten Traum. Aber die Vef achtete auch nicht auf den

schlafenden Säugling, so wenig wie auf das trippelnde Bübl an ihrer

Seite, das immer verzagter wurde und sich hilflos an der Mutter Rock

klammerte.

Das Weib schaute mit leeren, glanzlosen Blicken vorwärts ... dorthin,

wo ihr Mann gebückt und schwer mit seinen Kindern schritt. Sie sah

ihn aber nicht, den Wastl, und sah auch nicht das kleine blonde

Kinderköpfchen, das ab und zu sich von seinem hohen Lager neugierig

emporstreckte. Sie sah und hörte nichts, die Vef ... und fühlte auch

nichts. Schritt nur immer gleichmäßig weiter, fest und entschlossen und

mit ödem Herzen.

Fast erging es dem Wastl besser wie seinem Weib. Denn er erlebte in

seinem Innern wenigstens die Schwere dieser Stunde. Er fühlte das

unruhige Pochen seines Herzens, fühlte die Traurigkeit des Abschieds

von Heim und Kindern, fühlte die beklemmende Angst vor einem ungewissen

Schicksal und fürchtete sich vor dieser Zukunft. Und wenn es auch

traurig war, so war es doch ein inneres Erleben, das so stark und

überwältigend wurde, daß es sich dann in schweren Tränen löste.

Der Wastl weinte ... Warm rieselten ihm die dicken Tropfen über die

Wangen ... und waren wie Frühlingsregen, wohltuend und erlösend.

Auf diesem langen, schweigsam traurigen Weg überdachte der Wastl noch

einmal sein ganzes Leben. So einfach wie es war, rauh und hart und doch

auch schön. Ein kleines Bergbauernbübl war er gewesen, einer von vielen

Kindern, und konnte noch kaum richtig lesen und schreiben, als ihm die

Mutter begraben wurde.

Und deutlich war ihm in dieser Stunde jener erste heiße Schmerz seines

Lebens wieder gegenwärtig. Eine hitzige Krankheit hatte die Mutter

jäh dahingerafft. Etliche Tage bloß, und sie war tot. Doch ehe sie

starb, rief der Vater seine Kinder in die Kammer der Mutter, damit sie

Abschied von ihr nehmen konnten.

Der Wastl sah alles wieder deutlich vor seinen Augen. Bleich und

abgezehrt lag die Mutter in der düsteren kleinen Kammer, welche die

Kinder und den Vater kaum fassen konnte. Dumpf und stickig war die

Luft. Ein Wachsstock brannte in der Nähe des Bettes, und eine alte Dirn

betete laut und mit klagender Stimme. Und der Vater kniete mit seinen

Kindern an dem Lager der sterbenden Frau.

Die Kinder schluchzten laut und herzzerbrechend. Und alle kamen sie,

vom Größten bis zum Kleinsten, zur Mutter und baten um den Segen, den

die schwache Hand kaum mehr zu geben vermochte.

Das war hart gewesen ... Viel schwerer eigentlich als das, was nachher

folgte. Härter, als da man die Tote zu Grabe trug, und härter als jene

Zeit, in der nach Jahresfrist die Stiefmutter ins Haus zog.

Eines nach dem andern hatten sie dann fortgemußt vom Vaterhaus. Als

Kinder noch waren sie zu fremden Leuten in Dienst gekommen und hatten

arbeiten müssen wie die Erwachsenen.

Wie schwer das ist für Kinder, dieser Frondienst ums tägliche Brot!

Die schwachen jungen Glieder tagtäglich im Morgengrauen vom harten

Strohlager erheben, wo es noch so schön gewesen wäre zu schlafen! Bei

Wind und Regen und in der Kälte viele Stunden am Acker zu arbeiten,

bloßfüßig und mit nackten Beinen und blaurot vor Frost; denn man war

ja zu arm, um warmes Zeug zu besitzen, und auch zu arm, um sich ein

zweites Paar Schuhe anzuschaffen. Und dieses eine, das man besaß, mußte

man schonen für den Kirchgang am Sonntag.

Ein karger Lohn war's, der für die Leistung dieser Kinder bezahlt

wurde. Kaum ausreichend im Jahr für ein neues Gewand. Und in all der

Armut, all der harten Arbeit, die viel zu schwer für die weichen

Muskeln der Kinder war, noch die große, brennende Sehnsucht in den

jungen Herzen nach dem eigenen Heim. Diese heiße Sehnsucht, die den

Wastl niemals verlassen hatte von jener Stunde an, da er aus dem

Vaterhaus hatte fort müssen ... bis zu der Zeit, als er mit seiner Vef

in das Gütl vom Göd eingezogen war.

Und jetzt ... Jetzt hatte er sein Heim abgebrochen, ohne Zwang und ohne

innern Trieb ... nur weil sein Weib es so hatte haben wollen ...

Immer weiter entfernten sich die Wanderer von ihrer Heimat. Und immer

lichter und heller wurde es um sie her, bis die Sonne siegreich

und strahlend durch das Gebälke der Wolken brach und die weißen

aufsteigenden Nebel im silbrigen Schimmer leuchteten.

Majestätisch war das ... dieses langsame Ansteigen der hellglänzenden

Nebel ... und war wie ein Vorhang, der einen unendlich großen,

herrlichen Raum zu verhüllen hatte.

Und in all der tiefen Traurigkeit seines Herzens erinnerte sich der

Wastl an die Worte, die sein Weib damals zu ihm gesprochen hatte.

Erinnerte sich an die Vorstellung, die ihr oft gekommen war, wenn

durch die weißen aufsteigenden Wolken die Sonne sieghaft leuchtete.

Wie die Vef sich in ihrem einfachen Sinn einbildete, daß hinter diesem

Wolkengebälk ein schönes, glänzendes Weib sich verborgen hielte ...

eine Königin ... voll Pracht und Glanz.

Eine Königin ... Und hieß Königin Heimat ... Königin Heimat ...

Leise kamen die Worte über die Lippen des Mannes.

Königin Heimat ...

Und noch einmal sprach er sie leise vor sich hin ... voll inniger

Andacht ... wie ein Gebet ...

Und dann überquerte er mit schweren, aber sicheren Schritten die

schmale Brücke, die über den Bach hinüberführte, und lenkte auf den Weg

ein, der von der Gungl abbog und zu dem Teufelssteg hinaufging. Denn

dieser Weg war kürzer. Und hinter dem Wastl folgte sein Weib mit ihren

Kindern. Schweigend und mit leeren, geradeaus gerichteten Blicken und

mit einem toten Herzen.

Denn alle Liebe, die sie einstmals zu der Heimat gehabt hatte, war in

ihr erstorben.

Elftes Kapitel

Ein leuchtender Stern war mit Genovefa Perlmoser, verehelichter

Hagspiel aufgegangen. Fast über ganz Europa leuchtete dieser Stern, und

sieghaft erklang ihre herrliche weiche Frauenstimme nicht nur in den

feinen Sälen der großen Städte, sondern auch vor Fürsten und Königen

und Königinnen.

Florian Siegwein hatte, als er die Vef für seine kleine Gesellschaft

gewann, wirklich einen Haupttreffer gemacht. Sie wurde der glänzende

Stern seiner Sängerschar und verdunkelte alle, die um sie waren.

Fünf Jahre waren vergangen seit jenem traurigen Auszug aus der Gungl.

Fünf Jahre! Dem Wastl erschienen sie endlos lange, und er erlebte sie

wie einer, der in Verbannung schmachten mußte. Der Vef aber war es nur

wie ein kurzer, rauschender Traum.

Es war staunenswert, wie diese Jahre die Vef gewandelt hatten.

Ein üppig schönes Weib war sie geworden, voll Reife und hungriger

Lebenslust. Ihr sonniges Wesen, ihr strahlendes Lachen und ihr

urwüchsiger Humor bewirkten, daß ihr wie im Sturme alle Herzen zuflogen.

Es verehrten sie nicht nur die feinen Herren der Stadt, sondern auch

hochgeborene Damen von Rang und Stand liebten und schätzten sie und

nahmen sie gleich einer ebenbürtigen Freundin gastlich in ihrem Hause

auf.

Und staunenswert war es, wie rasch die Vef sich diesem neuen Leben

anzupassen verstand. Wohl blieb sie ihrem Wesen nach die bäuerliche

Frau aus den Tiroler Bergen, aber gerade das bildete einen ihrer

Hauptreize, der sie so schätzenswert und anmutig zugleich machte.

Während ihre beiden Schwestern und ganz besonders die Regina die feinen

Damen der Stadt krampfhaft nachzuäffen suchten, gab sich die Vef

nicht die geringste Mühe, eine andere zu scheinen, als die sie war.

Unverändert blieb sie ihrer Sprache treu, und wenn man ihre Ausdrücke

nicht verstand, dann erklärte sie dieselben in ihrer lustigen,

ungekünstelten Weise. Und hatte dann immer die Lacher auf ihrer Seite.

Es war ein bewußtes Bauerntum, das die Vef zur Schau trug. Sie schämte

sich nicht darob, daß sie ungebildet und unwissend war, daß ihre Art,

sich zu geben, auffiel ... im Gegenteil betonte sie immer wieder ihre

Abstammung und war stolz darauf. Und gerade das war es, was sie frei

und ungezwungen machte und ihr jene selbstverständliche Leichtigkeit

im Benehmen verlieh, die sonst nur den Gebildeten von guter Abkunft

auszeichnet.

Als die Vef zum erstenmal aus ihren Bergen kam und vor die große

Öffentlichkeit trat, da fühlte sie wohl ein leises Unbehagen. Eine

Schüchternheit und Angst vor dem Ungewohnten, die ihr das Blut zu Kopfe

trieb und den Schmelz ihrer Stimme beeinträchtigte.

Die Vef erkannte mit der ihr angeborenen Intelligenz, daß ihre

Schüchternheit ihr zum Verhängnis werden konnte, und kämpfte mit aller

Macht dagegen an. Niemand, der sie jetzt sah und hörte, hätte geahnt,

daß dieses sieghaft stolze Weib, das da auf der Bühne stand und die

Lieder ihrer Heimat mit einer süßen Innigkeit und Hingabe sang, trotz

allem noch immer mit einer inneren Scheu zu kämpfen hatte.

Wie keine der andern verstand sie es gar bald, sich eine ungezwungene

Haltung zu geben, und wie keine der andern trug sie voll Anmut und

Würde die Tracht ihres Landes.

Freilich ... diese Tracht, die der Florian Siegwein für die Damen

seiner Truppe ersonnen hatte, besaß nur mehr geringe Ähnlichkeit mit

den schlichten Gewändern der Heimat. Aber sie war geschickt gewählt

und wirkte in dem strahlenden Licht der großen Säle. Auch die Männer

hatten auf Geheiß des Florian Siegwein ihr Gewand ändern müssen. Aber

sie waren weitaus echter und waren im Vergleich zu den Damen auch

ungezwungener und echter in ihrem ganzen Gebaren.

Der Wastl ganz besonders hatte sich gar nicht verändert. Er blieb der

gleiche ungeschlachte Bauersmann in Rede und Gebärde, der er drinnen

in der Gungl war, etwas schwerfällig von Begriff und langsam und sehr

bedächtig in seinen Äußerungen.

Sich auf ebener Erde zu bewegen fiel ihm schwer. Die Glieder, die

von Jugend an nur das Steigen gewohnt waren, wollten sich nicht mehr

gelenkig abbiegen lassen, und er fühlte sich auf dem glatten Boden der

Straßen so unbeholfen wie ein Kind, das erst das Gehen lernen mußte.

Und rührend unbeholfen war er in den glänzenden, hellerleuchteten

Festsälen, wo die Spiegel an den Wänden glitzerten und die Kleider

und der Schmuck der Damen ihn blendeten. Da wurde es ihm so wirbelig

im Kopf, daß er, der nie in seinem Leben selbst auf den höchsten

Bergspitzen einen Schwindel gekannt hatte, umzufallen vermeinte. Denn

alles drehte sich mit ihm im Kreise, und die Luft und der Lichterglanz

beklemmten ihn, und er fühlte sich tief unglücklich. Er machte gar

keine gute Figur, der arme Wastl, und manchmal sang er in seiner

Verwirrung so falsch und schlecht, daß es den Florian fast gereute, ihn

mitgenommen zu haben.

Aber die Vef brachte ihn dann schon wieder zurecht. Die schimpfte und

greinte mit ihm nach einer jeden solchen Entgleisung so energisch und

zornig, wie sie es in der Gungl drinnen getan hatte.

Völlig wohl tat es dem Wastl, dieses Schimpfen. Das war doch wieder

seine alte Vef, ~sein~ Weib, nicht die gewandte, schöne Frau,

welche all die fremden Leute so verehrten.

Daß diese strahlend schöne Frau ausgerechnet einen solchen Bauer zum

Manne haben mußte, konnten sie alle nicht begreifen. Und wie eine

Klette klammerte sich der Wastl an die Vef, wich nie und für keinen

Augenblick von der Seite seiner Frau, und hatte doch weder Eifersucht

noch Mißtrauen gegen sie. Er vertraute seinem Weibe unbedingt und war

von ihrer großen, unwandelbaren Liebe zu ihm felsenfest überzeugt.

Die Vef hatte einen andern Ton in die kleine Sängertruppe gebracht.

Der Florian Siegwein war jetzt nicht mehr wie ehedem unumschränkter

Herr und Gebieter; denn die Vef widersetzte sich ihm in allen Dingen,

die ihr nicht unbedingt einleuchteten. Ihr starker, ausgeprägter

Wille wollte sich einer Bevormundung, und wenn dieselbe auch in der

besten Absicht geschah, nicht unterordnen. So kam es, daß es jetzt oft

Uneinigkeiten gab ... wo sonst nur Harmonie und Disziplin geherrscht

hatten.

Der Florian Siegwein hatte oft einen harten Stand mit der Vef und

recht viel Arger. Ihr hochmütiger Sinn vertrug es absolut nicht, daß

der Florian der Regina eine Sonderstellung einräumte. Daß die kleine,

unbedeutende Regina Herrin sein sollte, das vertrug die Vef nun einmal

gar nicht.

Es kam oft zum Streit zwischen den beiden Frauen, und die Lage wurde so

unerquicklich, daß es die Regina vorzog, überhaupt nicht mehr mit auf

Reisen zu gehen, solange die Vef dabei war.

Auf die Vef aber konnte der Florian nicht mehr verzichten. Und als ihm

die Vef im dritten Winter ihres Beisammenseins nach einem heftigen

Wortkampf mit der Regina die Alternative stellte, entweder sie oder die

Regina müsse weichen, da entschied sich der Florian im Interesse seines

Unternehmens zugunsten der Vef.

Zum Glücke fügte er seiner Frau keinen sonderlichen Schmerz dadurch zu.

Der Regina gefiel das Wirtin spielen so ungemein gut, daß sie auch in

den Wintermonaten recht gerne daheim blieb.

Der Florian und die Regina hatten nach einer kinderlosen Ehe jetzt

die Aussicht auf Familienzuwachs. Und seit das Kleine da war, blieb

die Regina doppelt gerne zu Hause. Es war ihr doch mit der Zeit etwas

unbequem geworden, so unstet von Ort zu Ort zu wandern und immer, ob

man wollte oder nicht, zu singen. Jetzt, da sie ihr eigenes Heim hatten

und da sie geachtet waren in der Heimat, gefiel es ihr wieder so gut in

den Bergen wie in ihrer Jugend.

Sie verlangte sich gar nicht mehr fort und freute sich innig an dem

Kinde, das ihnen nun doch noch beschert worden war. Alle Zärtlichkeit,

die in ihrem weichen Gemüte vorhanden war, verschwendete sie an ihr

Töchterchen. Spielte mit ihm wie mit einer Puppe und freute sich in den

langen Wintermonaten auf den Frühling, der den Florian brachte und die

Menge fremder Gäste.

Für die Heimat war die Regina also doch wieder zurückgewonnen worden.

Der Kramer Veit sah dies und freute sich von ganzem Herzen darüber und

besprach es auch mit der Notburg. Und er und die Notburg und der kleine

Anderl kamen oft zu der Regina hinauf und plauderten mit ihr.

Ein ehrliches, freundschaftliches Verhältnis war es, das den Kramer

Veit und seine Frau mit der Regina verband, und die Notburg sorgte und

kümmerte sich um die Regina wie eine Mutter um ihre Tochter. Nur der

Anderl, der konnte sich für seine junge Mutter immer noch nicht recht

erwärmen. Die Mutter Notburg sei ihm lieber, erklärte er lachend, aber

mit Bestimmtheit, und es tat der Regina nun auch gar nicht wehe, und

sie warb auch nicht mehr um seine Liebe, da sie einsah, daß sie diese

ja doch nie würde erreichen können.

Die Zenz, die Schwester der Regina, regierte im Haus und tat alle

Arbeit. Sie hatte sich in diesen fünf Jahren zur eigentlichen Leiterin

des Alpengasthofes herangebildet und war unermüdlich tätig von

frühmorgens bis in die späte Nacht hinein.

Die Regina war für eine richtige Arbeit wohl für immer verloren. Von

Jahr zu Jahr wurde sie bequemer und rührte sich nur noch wenig aus der

geräumigen Gasthausküche. Hier schien es ihr ganz besonders gut zu

gefallen, und sie saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln. Hatte eine

große färbige Schürze vorgebunden, die ihr feines städtisches Gewand

verdeckte, und schälte unermüdlich ihre Kartoffeln. Eine nach der

andern. Das war die leichteste Arbeit und befriedigte sie vollkommen.

Sie trug jetzt nur mehr die Kleider der feinen Damen und wählte sich

solche in möglichst bunten Farben aus. Je bunter und greller sie waren,

desto größere Freude hatte sie daran. Der Florian brachte ihr, so oft

er heimkam, gleich eine ganze Auswahl von Kleidern und Stoffen mit, und

er kannte den Geschmack seiner Frau und richtete sich danach.

Mit der Zeit büßte die Regina ihre zierliche, schlanke Figur ein, und

das Fett setzte sich, da sie nur wenig Bewegung machte, aber gut und

viel aß, reichlich bei ihr an. Sie wurde rund und schwerfällig, blieb

aber das gutmütige, etwas beschränkte Ding, das sie immer gewesen war.

Sie keifte nicht und zankte nicht und plagte ihren Mann auch nicht

durch ihre Eifersucht.

Nur einen wunden Punkt hatte die Regina, und der war die Sucht nach

Geld. Diese Gier artete beinahe in Geiz aus und überfiel sie oft heftig

wie eine Krankheit. Bei solchen Geizanfällen konnte die Regina höchst

ungemütlich werden, und wenn die Zenz nicht gewesen wäre, die immer

wieder vermittelnd eingegriffen hätte, dann hätte es wohl geschehen

können, daß der Regina oft mitten in der Hauptsaison alle Dienstboten

auf und davon gelaufen wären.

Nichts vergönnte sie dann den Dienstboten und zählte ihnen buchstäblich

jede Kartoffel und jedes Stück Brot in den Mund. Aber die Zenz war der

versöhnende Ausgleich, und da sie und nicht die Regina die eigentliche

Regentin des Hauses war, wachte sie darüber, daß jedes zu seinem Rechte

kam.

Das Alpengasthaus, das der Kramer Veit dem Florl erbaut hatte, war

jetzt schon viel zu klein geworden, um alle die fremden Gäste fassen

zu können, die nun jeden Sommer wiederkehrten. Der Florian hatte schon

einen großen Teil seiner Schuld an den Kramer Veit abgezahlt, und Veit

Galler sann nach neuen Mitteln, um seine noch immer rege Schaffenskraft

zu betätigen.

Er fühlte, es war an der Zeit, das Unternehmen, das er gemeinsam

mit dem Florian Siegwein ins Leben gerufen hatte, zu vergrößern. So

erbaute er denn eine schöne Villa, in der Nähe des Dorfes. Ein feines,

gemauertes Haus, das weiß leuchtete wie die Häuser draußen in dem

stattlichen Dorf. Und hier sollten jene Fremden wohnen, denen es droben

im Gasthof zu lärmend war.

Viel Ruhe fanden ja die Gäste nicht da oben während der Hauptsaison;

denn fast jede Nacht dauerten die Gesänge mit Lautenspiel und die Tänze

bis in den frühen Morgen hinein.

Die Notburg machte Hauswirtin in der Villa, und das Moidele, das Kind

der toten Mena, half ihr bei dieser Arbeit. So unruhig es droben im

Gasthof war, so friedlich und still war es hier unten in der Villa. Und

hatte auch einen wundervollen Ausblick, das Haus des Kramer Veit.

Außerhalb des Dorfes, dort, wo der Weg hinunterführte zu dem

Teufelssteg, stand es. Man hörte das Rauschen und Brodeln des wilden

Gebirgsbaches, und die Luft hier war besonders frisch, und abends pfiff

es eisig von den Fernern herüber.

Es war seltsam, wie gut sich die Notburg in all den Jahren erhalten

hatte. Wohl war ihr Haar jetzt schlohweiß geworden, aber ihr ernstes

Gesicht war noch immer schön, und die hellen Augen hatten einen warmen,

mütterlichen Ausdruck. Der herbe, festgeschlossene Mund war milder und

weicher geworden, und ein zufriedenes, stilles Glück ging von dieser

Frau aus.

Veit Galler, der Krämer, hatte recht getan, als er damals das fremde

Kindl seinem Weibe heimgetragen hatte. Es hatte ihnen beiden das

Glück gebracht und jene Wärme, die der Mann so sehr hatte entbehren

müssen. Man fühlte sich jetzt wohl in der Nähe dieser Frau, und ihre

mütterliche Sorge umgab alle, die um sie waren.

Einen großen Schatz von Liebe und Fürsorge barg dieses Frauenherz und

hatte nur einmal verkümmern müssen, so daß es erstorben schien. Jetzt

aber, da das Schicksal ihr ein spätes Glück beschieden hatte, da sie

für den Mann und auch für ein Kind sorgen durfte, jetzt erst erschloß

sich der ganze Reichtum dieses Herzens und wuchs von Jahr zu Jahr.

Auch das Moidele hatte in dem Haus des Kramer Veit eine Heimat gefunden

und in der Notburg eine Mutter, die sie belehrte und für sie sorgte.

In der Villa des Kramer Veit wohnten auch der Wastl und seine Frau. Es

war merkwürdig, wie wenig die Notburg mit der Vef anzufangen wußte.

Fast war's wie Mißtrauen und schlecht verhehlte Abneigung, welche die

Notburg gegen diese Frau empfand.

Sie konnte es nun einmal nicht fassen, daß eine Mutter ihre Kinder

im Stiche ließ, um Gold und Ehren nachzujagen. Am liebsten hätte sie

der Vef das Obdach verweigert, aber das konnte sie nicht wegen der

Freundschaft mit dem Florian Siegwein. Die Vef hatte sich mit der Zeit

zu einer Machtstellung emporgearbeitet und war für den Florian jetzt

völlig zu einer Tyrannin geworden. Sie war sich ihres Wertes für ihn

vollkommen bewußt und handelte auch danach.

Der Wastl ging in der Heimat geduckt und gequält einher. Er war wohl

der einzige der kleinen Sängerschar, der das Arbeiten nicht nur

nicht verlernt hatte, sondern dem die Arbeit auch noch ein Bedürfnis

geblieben war. All die Zeit, die sie in der Heimat weilten, fühlte

sich der Wastl doch wieder wie von einem schweren Alpdruck befreit.

In dieser Luft konnte er wieder leichter atmen und fast so gut und

traumlos schlafen wie vor Jahren.

Er half dem Kramer Veit, wo er nur immer konnte, griff ungeheißen bei

jeder Arbeit zu und scheute vor nichts zurück. Wie ein Knecht schuftete

der Wastl von früh bis spät für den Kramer, bis es dann wieder mit

einem Male über ihn kam. Jenes alte Elend, unter dem er immerwährend

litt ... die Sehnsucht nach dem eigenen Herd und die Sehnsucht nach

seinen Kindern.

Das überfiel den Mann so jäh und heftig wie eine Krankheit, so daß er

an allem die Lust verlor und tagelang nur vor sich hinbrütete ... mit

keinem Menschen sprach und auch nichts arbeitete.

Dann strich er einsam über die Wiesen und starrte stundenlang in die

Richtung, wo in der Ferne die Berge aus der Gungl herübergrüßten. Und

dann wieder wanderte der Wastl und legte weite Wege zurück. Und kein

Mensch wußte, wohin er ging.

Kein Mensch ... außer dem Kramer Veit. Der ahnte, daß der Wastl

Ausschau hielt nach einem neuen Heim ... aber er wußte genau, daß alle

Mühe, je wieder einen eigenen Herd zu gründen, vergebens sein würde. Er

wußte: die Vef hatte die Lust an der Bauernschaft für immer verloren

... und er wußte: sie hatte auch die Liebe zu ihren Kindern eingebüßt.

Wie wenig sich diese Frau überhaupt um ihre Kinder kümmerte! Mit

Ingrimm sah es die Notburg und besprach es auch mit ihrem Manne.

Die Vef schämte sich ihrer Kinder vor den vornehmen Fremden, schämte

sich, daß sie so derb und unwissend waren, und bestand mit der ihr

eigenen Energie darauf, daß der Wastl die beiden Buben von den

Großeltern fortnahm und sie in ein Institut brachte. Dort sollten sie

Bildung lernen und Städter werden. Und als der Wastl, gehorsam wie

immer, ihr auch diesen Willen tat, da nahm sich die Vef fest vor, ihrem

Manne einmal klipp und klar zu erklären, wie sie sich ihre Zukunft von

nun ab vorstellte.

Das war, als der Wastl wieder einmal seinen trübsinnigen Anfall hatte

und sich tagelang nicht sehen ließ. Er ging der Vef absolut nicht ab,

der Mann, und sie machte sich auch keine Sorgen um ihn. War froh, daß

sie ihn ein bissl los hatte und sie sich droben im Gasthaus ungestört

mit ihren Freunden unterhalten konnte.

Daß sich ihr Mann gar so getreulich an ihre Fersen heftete, das paßte

der Vef schon längst nicht mehr. Er hinderte sie in ihrer Freiheit,

und seine traurige, stille Art reizte sie. Sie fühlte seinen stummen

Vorwurf und wußte, an welcher Sehnsucht er krankte.

Königin Heimat · 第 12 / 19 段