grünen Kirchturmspitze mußten sie alle Halt machen. Denn bis hierher
nur ging der fahrbare Weg. Von dort aus übernahm der Florian Siegwein
den weiteren Transport zu seinem Alpengasthof. Und es war abermals der
Kramer Veit, der dem Florl da helfend zur Seite gestanden hatte.
Ohne die Umsicht dieses Mannes wäre das Werk wohl niemals so gut
gelungen. Bis in die kleinste Kleinigkeit hatte sich der Kramer Veit
bekümmert, und auf alles war er bedacht gewesen. Er hatte junge
Burschen gemietet, die mit Maultieren hinunter ins Tal zogen und das
Gepäck der Fremden hinauf ins Dörfl lieferten.
Fünf bis sechs solcher Burschen trieben alltäglich ihre Maultiere in
den Hauptort des Tales. Denn alles, Wein und Eßwaren und was es so gab,
mußte auf den Rücken der Maulesel auf den Berg geliefert werden. Und
wenn der Weg zum Dörfl den Fremden zu weit oder zu beschwerlich war,
so standen Sattel zum Reiten zur Verfügung, und von der kundigen Hand
ihrer Führer geleitet gingen die Maulesel dann ihren gleichmäßigen und
ungemein sicheren Trott.
Eine ganz neue Industrie hatte sich da den Bewohnern des Tales
eröffnet. Sie hatten jetzt alle zu arbeiten für die Fremden, die
Bäcker, die Fleischer, die Schuster, der Wagner, der Schmied und der
Sattler. Die Handwerker des stattlichen Dorfes hatten bis jetzt ein
recht beschauliches Dasein geführt. Nun hatten sie mit einem Male alle
Hände voll zu tun und nahmen unerwartet viel Geld ein. So viel Geld in
wenigen Monaten wie sonst wohl kaum in Jahren.
Kein Wunder, daß der Florian Siegwein gar bald ein hochgeachteter
Mann im ganzen Tale war, und daß man ihn grüßte wie einen feinen,
gebietenden Herrn. Aber auch die Bauern im Dörfl bekamen nun eine
andere Meinung von dem Florian und der Regina. Jetzt schalt man sie
nicht mehr Tagediebe, die dem Herrgott den Tag wegstehlen, jetzt zollte
man ihrem Unternehmen Achtung, und die Bauernweiber kamen vom Dörfl
herauf zur Regina, um sie zu begrüßen, und brachten ihr als »Grüß
Gott« Butter und Eier und Käse mit. Und die Regina fühlte sich als
Gebieterin in ihrem Reich, war freundlich und herablassend, bestellte
Milch und Butter und Eier und zahlte gut.
Sie hatten es bald heraußen, die schlauen Bäuerinnen, daß sie von der
Regina jeden Preis für ihre Waren verlangen durften. Denn wenn das Haus
voll von Leuten war, dann mußte die Regina eben bezahlen, was gefordert
wurde.
Diese geschäftlichen Verhandlungen spielten sich dann meistens in aller
Herrgottsfrühe und in der Küche des Gasthauses ab. Da saß die Regina
am großen Küchentisch, hatte eine färbige Schürze vorgebunden und
eine Schüssel voll Kartoffeln vor sich stehen, die sie putzen wollte.
Sie tat so, als schälte sie die Kartoffeln, kam aber nie sonderlich
vorwärts mit ihrer Arbeit. Die eigentliche Arbeit leistete die Zenz,
ihre jüngere Schwester. Die hatte sich die Regina zur Hilfe genommen,
und die schaffte und sorgte mit Lust und Ausdauer, wie sie es drüben im
Elternhaus seit Jugend auf gewohnt gewesen war.
Die Regina aber saß jetzt am liebsten in der Küche und leitete von
hier aus ihren Hausstand. Da sah und hörte sie alles, was vorging, und
sie naschte von den guten Speisen und achtete doch scharf darauf, daß
nichts vergeudet wurde. Diese Übersicht und ein gewisses Mißtrauen
gegen alles, was etwa zu ihrem Nachteil geschehen könnte, hatte sie
sich überraschend schnell angeeignet.
Allabendlich zog die Regina eines ihrer feinen städtischen Gewänder
an, belud sich überreich mit goldenen Ketten, Ringen, Broschen und
Armbändern und ging hinüber in das große Eßzimmer zu den Fremden. Dort
ging sie von Tisch zu Tisch, lachte und plauderte und scherzte mit den
Gästen und war wieder das liebe, sorglose Regele von einst.
Die Perlmoser Julie hatte als Kellnerin alle Hände voll zu tun. Ein
Glück, daß sie zwei Helferinnen hatte; denn allein wäre sie ihrer
Aufgabe wohl oft nicht gewachsen gewesen. Ihre Schwester, die Rosina,
und die Zeißler Anna, die auch mit auf Reisen gegangen war, halfen ihr
auf Geheiß des Florian Siegwein dabei.
»Müaßt's halt a bissl arbeiten helfen, ös zwei!« hatte der Florl schon
während des Winters zu ihnen gesagt. »Nachher g'halt' i enk bei mir im
Haus über'n Sommer, und ös braucht's nix zu bezahlen. Aber natürlich,
faulenzen, dös gibt's nit. Das kann i nit derlauben.«
Sie überanstrengten sich zwar nicht, die beiden Dirndeln mit ihrer
Arbeit. Sie spielten sich ein bissl zum Zeitvertreib und überließen der
Julie ruhig und ohne Gewissensbisse den Löwenanteil. Sie schliefen,
wie einst der Florl und das Regele, bis tief in den Morgen hinein und
durchsangen und durchtanzten die halben Nächte.
Es ging oft hoch her da oben in dem Alpengasthof. Und oftmals kamen die
Burschen vom Dörfl herauf, um zuzuschauen beim Tanz. Aber der Florl
gestattete ihnen das Zuschauen nicht. In seiner jovialen Art lud er sie
ein, mitzutun und ließ ihnen eine Maß Wein nach der andern vorstellen.
Das Wirt spielen, das verstand er großartig, der Florian Siegwein. Er
wußte ganz genau, daß ihm der Wein, den er den Burschen spendete, zum
Schluß etliche Flaschen Sekt eintragen würde. Denn erst dann, wenn auch
die Burschen da waren, kam die Unterhaltung richtig in Schwung. Dann
wurde nicht nur gesungen und getanzt, sondern auch tüchtig gezecht.
Auch der Stanis vom Alpl droben fand sich nun öfters hier ein und
erfreute sich an dem freien Wein. Er war immer noch ein ausgezeichneter
Schuhplattler, und wenn der kleine, haarige, schwarze Kerl mit seiner
tollen, affenartigen Behendigkeit zu tanzen anfing und dazu seine
frechen Witze riß, dann jubelten ihm die Fremden zu und freuten sich
an dieser derben Urwüchsigkeit. Und wäre der Stanis jünger gewesen, so
hätte er vielleicht noch manche Eroberung unter den feinen Stadtdamen
machen können.
Da waren der Tobias Scholl und der Simeringer Franzl, die beiden
Burschen, die mit dem Florian auf Reisen gegangen waren. Es war schwer
für diese beiden jungen Leute, eine Beschäftigung über Sommer zu
finden. Sie eigneten sich zu nichts mehr so recht, wollten nirgends
anpacken und verursachten dem Florian viel Kopfzerbrechen.
Beschäftigen mußte er sie, das wußte der Florian ganz genau; denn so
lange Zeit hindurch müßig im Haus herumzusitzen, das konnte bei diesen
starken jungen Männern zu nichts Gutem führen. So wies er sie denn an,
den Fremden als Führer in den Bergen zu dienen. Sie waren ja in den
Bergen aufgewachsen, kannten alle Wege und Fährnisse und vermochten
daher mit Leichtigkeit dieses Amt zu versehen.
Mit diesen Burschen gut auszukommen war für den Florian weit schwerer
als wie mit den beiden Dirndeln. Ganz besonders schwierig war es hier
in der Heimat, wo der Ton zwischen den Fremden und den Sängern ein viel
mehr ungezwungener war wie draußen in den Städten. Und der Florian
Siegwein hatte manchen harten Kampf mit den Burschen auszufechten.
Oft dehnten sich die Zechgelage bis in die ersten Morgenstunden, und
es geschah, daß der Franzl und der Tobias wiederholt nicht mehr ganz
nüchtern waren. Gerade das, was der Florl auf seinen Reisen so strenge
zu verhüten gewußt hatte, passierte ihm in der Heimat und bereitete ihm
schlimme Stunden der Sorge.
Seine Interessen als Wirt verboten es ihm, mit jener unnachsichtigen
Strenge dagegen vorzugehen, wie das in der Stadt der Fall gewesen war.
Hier konnte er nur durch Güte und Zureden dagegen einwirken. Der Erfolg
war, daß die Burschen immer wieder rückfällig wurden, so sehr sie dem
Florian auch Besserung versprochen hatten ...
Eines Tages war der Wastl zu dem Florian gekommen und hatte ihm sein
Anliegen vorgetragen. Gerade mitten im Hochsommer war's, wo ein Bauer
nur schwer von seiner Arbeit fort konnte. Der Florian war daher nicht
wenig verwundert, als er den Wastl in der Bauernstube seines Gasthauses
sitzen sah. Im Feiertagsgewand war der Wastl und schaute ziemlich
gedrückt und kleinlaut drein.
Als der Florian hörte, um was es sich handelte, hatte er zuerst das
Gefühl, als müsse er den Wastl mit aller Macht von seinem Vorhaben
abbringen. Er tat ihm leid, dieser Mann, der so mit allen Fasern seines
Herzens in der Heimaterde wurzelte. Ein Unrecht war's, ihn fortzunehmen
von hier. Das wußte und erkannte der Florian. Und deshalb zögerte er,
auf den Vorschlag des Wastl einzugehen.
»Weißt was, Wastl ...« sagte der Florian und pflanzte sich breitspurig
vor dem schlichten Bauersmann auf ... »i nahmet di und dei' Weib gern
mit. Vom Herzen gern. Dös woaßt. Aber ... eigentlich ... i muß dir's
döcht sagen, Mensch ... die Sach' paßt do nit für di! Sollst dir's
do no gründlich überlegen. Schau ... a Hoamatl legt man nit weg wia
an alt's G'wand. Überleg' dir's no ... Wastl!« riet ihm der Florian
eindringlich.
Der Wastl saß schwerfällig und ungeschickt auf dem Holzsessel und
fühlte sich äußerst unbehaglich in der ganzen Umgebung. Er zog den Kopf
ein und starrte nachdenklich zu Boden.
»Hab's schon überlegt, Florl ...« sagte er dann traurig. »Die Vef
will's a so haben. Kannst nix machen. Sagt, unser Güatl ist zu kloan
für uns alle. Wir sollen Geld verdienen, damit wir a größeres Güatl
kaufen können!« erklärte er dem Florl entschuldigend.
Da überkam den Florian Siegwein ein ehrliches Mitleid mit dem
Jugendfreund. Er wußte es bestimmt: ein Bauerngut würden die beiden,
waren sie erst draußen gewesen, niemals erwerben. Und der Florl sagte
ihm das auch ehrlich ins Gesicht. Aber der Wastl glaubte es nicht. Er
dachte, daß er für seinen Teil die Sehnsucht nach der Bauernschaft
niemals im Leben würde verlieren können. Und so wie er es fühlte,
glaubte er es auch von seinem Weibe.
Der Florian Siegwein sah, daß der Sinn des Jugendfreundes nicht zu
wandeln war. Schließlich hatte er ja seine Pflicht erfüllt und den
Wastl gewarnt. Wenn der es nicht anders haben wollte, weshalb sollte
er, der Florian, seinem eigenen Glück hindernd im Wege stehen?
Denn der Florian wußte: es war ein Glück für ihn, wenn sich das Ehepaar
Sebastian und Genovefa Hagspiel seiner kleinen Künstlertruppe anschloß.
Solche Sänger, wie diese beiden, fand der Florian Siegwein so schnell
nicht wieder. So sagte er denn, innerlich freudig erregt, dem Wastl zu
und gab ihm den Handschlag. Der Handschlag aber bedeutet für den Bauer
dieser Gegend sein Ehrenwort und gilt ihm heilig.
Und der Wastl leerte seinen Wein hastig und ging mit seinen
ungeschlachten Beinen so schnell als er nur konnte von dem Hause fort.
Der Florian stellte sich auf die Veranda seines Hauses und schaute
ihm nach, wie er schwerfällig und doch rasch den Berg zum Dörfl
hinuntersprang und dann plötzlich unschlüssig stehen blieb und die
Richtung gegen das kleine Hochtal zu einschlug.
Er war in diesen Jahren, seit er in der Gungl hauste, ein richtiger
Bergbauer geworden, der Wastl. Schon etwas steif in den Gliedern und
ungelenkig beim Gehen. Die harte Arbeit bringt es mit sich, daß sie
rasch altern, die Bauern. So dachte der Florian Siegwein. Und wünschte
in seinem Herzen, daß der Wastl heute doch nicht zu ihm gekommen wäre.
Zehntes Kapitel
Das war ein trauriger Auszug aus der Heimat. Am Vorabend des
Rosenkranzfestes war es, das in die zweite Hälfte des Oktobers fällt.
In aller Herrgottsfrühe zogen sie aus. Der Tag begann sich kaum zu
lichten, und dicht und schwer hingen noch die weißen Nebel ins Tal
herab. Naßkalt und unlustig war der Morgen. Einer jener Herbstmorgen,
an dem es noch unentschieden ist, ob er sich zum schönen oder
schlechten Tag auswächst.
Weiß glitzerte der Reif, und die langen Fäden des Grases, die von den
glatten Felswänden herabfielen, hingen welk und müde und zeugten davon,
daß die Natur im Sterben begriffen war.
Die Vef hatte ihr bestes Feiertagsgewand angelegt und trug ihr jüngstes
Kind im Arm, während der Älteste in langen und unförmigen Höschen und
mit einem Hut am Kopf, der das Gesichtchen fast ganz verdeckte, tapfer
neben seiner Mutter einherlief und sich an ihrem hochgesteckten Rocke
festhielt.
Voran ging der Wastl und hatte die wenigen Habseligkeiten auf seine
Kraxe geladen. Obenauf steckte ein blondes Büblein sein Köpfchen
heraus und guckte mit ängstlichen Augen umher, während der Vater den
Zweitjüngsten auf dem Arme trug.
Er hatte gleichfalls sein bestes Gewand angelegt, der Wastl, weil es
ihn die Vef so hieß. Die Vef hatte in diesen letzten Tagen, die sie
noch in der Gungl hausten, mehr denn je das Regiment geführt. Mit dem
Wastl war nicht viel anzufangen. Wie einer, der im Traume wandelt, war
er gewesen. Hatte geduldig alles getan, was ihm die Vef gebot, ohne
Widerspruch und ohne zu murren. Aber sein müdes, trostlos trauriges
Gesicht reizte die Vef mehr, als wenn er sich ihr widersetzt hätte ...
und mehr denn je schrie sie in dieser Zeit im Hause herum.
Vielleicht wollte sie durch ihr zornig herrisches Gehaben den inneren
Vorwurf niederkämpfen, der leise mahnend an ihr Gewissen klopfte. Sie
wollte nicht gemahnt werden, die Vef, wollte nicht daran denken, daß
ihre Kinder nun obdachlos sein würden, und sie betäubte ihr Gewissen
damit, indem sie sich einredete, nur eben diesen Kindern zuliebe
geschehe alles, was sie vorhatte.
Ihr Bruder Jakob, derselbe, der früher droben am Alpl als Senner tätig
war, hatte sich mit dem Schwager geeinigt und das kleine Gütl in der
Gungl in Pacht genommen. Ein Glücksfall war das für den Jackl, genau
so wie damals für den Wastl. Denn nun konnte er seinen längst gehegten
Wunsch erfüllen und heiraten.
Der Vater Perlmoser war noch rüstig beim Zeug und dachte ... trotzdem
er sich noch immer recht hart mit der Wirtschaft tat ... gar nicht
daran, seinen Hof dem Sohn zu übergeben. Leicht hätte der Jackl alt und
grau werden können, bis es dem Perlmoser einmal eingefallen wäre, seine
Herrschaft abzutreten.
So war denn der Jackl voll Dankbarkeit und versprach dem Wastl gern
alles, was dieser haben wollte. Der Wastl hatte aber nur eine Bedingung
gemacht, und diese war, daß der Jackl den Martl zu sich nehmen sollte,
sobald er verheiratet war.
Der Martl, das war der älteste Sohn des Wastl und der Vef, das kleine
blonde Bübl, das heute, trotzdem es noch nicht einmal fünf Jahre
zählte, so tapfer wie ein Erwachsener in dem kalten Oktobermorgen
neben der Mutter herlief. Gerne hatte der Jackl diese Verpflichtung
übernommen und es dem Schwager in die Hand hinein versprochen, das Kind
wie ein eigenes zu halten.
Die Vef verstand diese Forderung ihres Mannes nicht so ganz. Erst, als
sich der Wastl näher erklärte, begriff sie.
»Woaßt ...« sagte der Wastl in seiner schwerfälligen Weise zu dem
Schwager ... »'s kam' mi halt so viel hart an, wann i mir fürstellen
müaßet ... fremde Leut', und wann's aa der Bruder von mein' eigenen
Weib ist ... hauseten in mein' Hoamatl. Wann i aber woaß, daß a
meiniger Bua no herinnen ist ... aft ist's mir völlig a bissl leichter.
Aft stell' i mir für, daß du und dei' Weib 's Güatl ... mei' Güatl ...
für mein' Buab'n halten tatet's. Woaßt, Jackl, aft ist's do no alleweil
unser Hoamatl, und sell ist leichter zu tragen, wenn man dran denkt,
als wia's war, wenn koaner mehr von uns da herin hauset.«
So traurig und gedrückt sagte das der Wastl, daß der Vef die hellichten
Tränen in die Augen schossen. Sie überwand aber diese Schwäche und
suchte rasch nach einer Ausflucht, um wieder zornig schreien zu können.
Dem Wastl war es recht schwer geworden, seine Kinder unterzubringen.
Völlig darum betteln hatte er müssen. Zuerst war er zu den
Schwiegereltern in das kleine Hochtal hinaufgegangen. Da war er aber
schlecht angekommen, als er sein Anliegen vorbrachte.
Der Perlmoser schrie und tobte, als er von dem Entschluß des Wastl
hörte. Was? Jetzt wollte auch noch seine dritte Tochter diesen
Narrenturm mitmachen und auf Reisen gehen? Wollte gar ihre Kinder im
Stich lassen und sie den Großeltern aufhalsen?
»Recht kommod ... so eppas!« rief der Perlmoser zornig. »Aber da wird
nix draus ... daß d' es woaßt. Wann schon du koa Ehr' und G'wissen mehr
hast ... i hab' oans. Und für so eppas gib i mi nit her! Ös habt's
dahoam zu bleiben! Verstanden?« schrie der alte Mann erbost.
Er war ein harter Bauernschädel, der Perlmoser, und nur schwer von
einer einmal vorgefaßten Meinung abzubringen. Der Perlmoser war wohl
fast der einzige Bauer im ganzen Umkreis, der seine Ansicht über den
Florl und die Regina auch jetzt noch beibehalten hatte. Und so erzürnt
war er noch immer über diese beiden, daß er sie, wenn er zufällig
einmal mit ihnen zusammentraf, hartnäckig übersah und ohne Gruß an
ihnen vorüberging.
Und unversöhnlich war der Bauer auch mit seinen Töchtern, der Rosina
und der Julie. Als die Rosina im Frühling heimgekommen war und auf
den Perlmoserhof zu den Eltern kam, da war der Alte genau so grob mit
der Tochter wie damals mit dem Florl und der Regina. Sie habe nichts
verloren auf seinem Hof, sagte er ihr klipp und klar, und es sei ihm
lieber, wenn sie ihm überhaupt nicht mehr unter das Gesicht käme.
Die Rosina war schwer beleidigt, um so mehr, da sie viel Geld
mitgebracht hatte, das sie der Mutter heimlich zustecken wollte. Aber
keinen Knopf durfte die Bäurin von der Rosina annehmen. Bei Heller und
Pfennig mußte sie's der Tochter zurückbringen, als der Bauer hinter die
Sache kam.
»Und ehnder verreck' i ... als daß i mir von so oaner eppas schenken
lasset!« rief der Perlmoser zornig. »Soll arbeiten ... das Mensch ...
wia amerst ... aft war' uns g'holfen. Aber so a Lottergeld brauch' i
nit!« erklärte er energisch und ohne einen Widerspruch zu dulden.
Der Perlmoser war in jeder Hinsicht unversöhnlich geblieben. Um keinen
Groschen durfte dem Florian Siegwein für seinen Gasthof etwas geliefert
werden. Er wußte es wohl, der Bauer, daß der Florian hohe Preise für
Butter, Milch und Rahm bot, und für den Perlmoser wäre es recht bequem
gewesen, wenn er seine Produkte gleich hätte herabliefern können, statt
sie den zeitraubenden Weg ins Tal hinaus zum Verkauf tragen zu lassen.
Sein harter Bauernschädel ließ das aber nicht zu. Nie und nimmer, so
hatte er geschworen, würde er der »Bande« da drüben etwas liefern,
und hatte sich deswegen sogar mit den Nachbarsleuten verfeindet. Der
Söllerbauer hatte gleich den übrigen Bauern seine Meinung über den
Florian geändert und war stolz auf seinen Schwiegersohn geworden.
Gleich den andern umschmeichelte er jetzt den Mann, der neues Leben und
viel Geld ins Land hereinbrachte ...
Der Wastl dachte daran, wie er jetzt mit seiner Last am Rücken und
dem Knaben im Arm gebückt durchs Tal herausschritt, wie hart das
damals gewesen war, für seine Kinder ein Unterkommen zu finden. Die
Perlmoserin hatte sich endlich ins Zeug gelegt und für die Enkelkinder
ein gutes Wörtl bei dem Großvater geredet.
Die Perlmoserin war eine robuste, etwas vierschrötige Person, anfangs
der Fünfzig. Ein Arbeitstier und von unermüdlichem Fleiß, wie es selten
zu finden war. Von dieser Mutter hatten die drei Perlmosermädeln wohl
die Lust an der Arbeit gelernt, die für sie früher nur ein frohes
Spiel gewesen war. Sie war mittelgroß, die Perlmoserin, und hatte
ein gutmütiges, beschränkt dummes Gesicht. Es war stark gerötet und
mochte in der Jugend wohl einmal so zart und rosig gewesen sein wie das
ihrer beiden blonden Töchter. Jetzt aber war es schwammig und etwas
aufgedunsen, und die hellen Augen hatten ihren Glanz eingebüßt. Das
blonde Haar war dünn und farblos geworden, und die Zöpfe reichten kaum
mehr aus, sie um den breiten Kopf zu legen. Nur mühsam konnten sie
noch zum Kranz geordnet werden; aber das schmale schwarze Samtband,
das die Perlmoserin gleich den übrigen Bäurinnen als Abschluß am
Haarscheitel trug, verdeckte zum Teil den spärlichen Wuchs und erhöhte
zugleich den Eindruck der Sauberkeit und Ordnung, den die Bäurin stets
zu machen pflegte.
Von jeher war der Perlmoser unumschränkter Herr und Gebieter im Hause
gewesen, und sein Weib hatte nie auch nur den leisesten Versuch gewagt,
sich gegen ihn aufzulehnen. Und als die Bäurin jetzt auf einmal sich
auf die Seite des Schwiegersohnes stellte und gegen ihren Mann auftrat,
war dieser zuerst so erstaunt über diese Kühnheit, daß es ihm einfach
die Rede verschlug.
Lange hatte es die Bäurin mit angehört, wie der Vater auf den Wastl
einschrie, zornig und ohne Gerechtigkeit, und hatte wie immer kein Wort
darein geredet. Bis ihr Mitleid für die Kinder die Oberhand gewann und
sie sich gegen ihren Mann auflehnte.
»Jatz bist aber amal stad ... du ...« fuhr sie den Bauer an ...
»und laßt mi aa amal a Wörtl reden.« Die Bäurin stand in der Mitte
der Stube, stemmte den einen Arm in die breit ausladende Hüfte und
gestikulierte, während sie sprach, aufgeregt mit der rechten Hand. »Und
i moanet amal so!« sagte sie resolut. »Grad gar a so unrecht hat ja die
Vef nit mit dem, was der Wastl verzählt. Siegst es wohl selber, wie wir
zu fretten haben mit unserer Kutt' Kinder. Und 's Geld soll man nia nit
verachten, kimmt's von woher derwill. Und gar a so g'fahlt kann dös ja
weiter aa nit sein ... wenn der Mann mit sein' Weib in die Welt ziacht
... weil draußen a Geld zu holen ist. Und wenn dös wahr ist, was du
sagst ...« jetzt wandte sich die Frau mit Energie an den Schwiegersohn
und sah ihn herausfordernd und fast böse an ... »und ös nachher,
bald's ös das Geld beinander habt's, a rechtschaffen's Güatl kauft's
und wieder christliche Bauersleut' werden wollt's ... aft nimm i enk
meintswegen oans oder zwoa Kinder!« erklärte sie mit Bestimmtheit.
»Mehr wia zwoa kann i nit haben. Muaßt halt schaug'n, wo du sie
unterbringst, die andern zwoa. Und 's allerkloanste nimm i aa nit!«
sagte sie und wandte sich wieder gleichgültig ihrer Arbeit zu. »Will
mein' Fried' haben bei der Nacht. Hab' g'nug Kinderg'schrei g'habt in
mein' Leben ...« setzte sie bissig hinzu und schaute den Wastl dabei
so böse und vorwurfsvoll an, als ob ihn eine Schuld an dieser Tatsache
träfe.
Ein echtes, warmfühlendes Frauenherz war dieses derbe Bauernweib
trotz ihrer scheinbaren Rauheit und ihrer groben Worte. Der Wastl war
heilsfroh und vom Herzen dankbar, daß er nun wenigstens zwei seiner
Kinder gut untergebracht wußte. Der Perlmoser zankte wohl noch eine
Weile mit seinem Weib und schimpfte noch tüchtig über den Wastl und die
Vef, schließlich aber war er doch damit einverstanden, und der Wastl
machte sich daran, ein gutes Platzl für seine andern beiden Kinder zu
finden.
Niemand wollte sie nehmen im Dörfl, die Kleinen, bis sich der Wastl
schließlich an die zwei alten Jungfern erinnerte, die das Kind
der toten Mena aufgezogen hatten. Das Moidele diente, seitdem sie
ausgeschult war, bei der Notburg. Das hatte der Kramer Veit so haben
wollen, und so waren die beiden alten Weibsleute wieder allein.
Zwei eingetrocknete kleine, verhutzelte Weiblein waren die beiden
alten Jungfern, und man hieß sie allgemein die Kirchenmäuseln. Sie
hatten nicht viel zu tun in ihrem armseligen Hüttl, und diese wenige
Arbeit kam ihnen oft recht hart an. Da sie aber vom Herzen fromm und
gottesfürchtig waren und nicht allein zur Kirche liefen und mit den
Lippen beteten, sondern auch nach Christi Gebot zu leben strebten,
handelten sie nach dem Worte des Herrn: »Und wer eines dieser Kleinen
in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf.«
So ungelegen ihnen die kleine Einquartierung auch kam, so sagten sie
doch nicht nein. Der Martl und die kleine Toni sollten also der Obhut
der alten Weiblein übergeben werden ... der Martl nur so lange, bis ihn
der Onkel wieder mit in die Gungl hinein nahm.
Und heute sollten die vier Kinder zu ihren Pflegeeltern geliefert
werden. Ein Glück nur, daß sie so klein waren und noch nicht begriffen,
um was es sich handelte. Auch der Martl verstand es nicht, daß es ein
Abschied werden sollte. Er war nur freudig erregt, daß er heute mit den
Eltern fortgehen durfte, hinaus ins Tal und zu den Großeltern, die er
nicht kannte. Noch nie war er aus der Gungl herausgekommen, und auch
bei der Vef war es lange her, seitdem sie zum letztenmal im Kirchdorf
gewesen war.
Es war ein eigenes Gefühl, das die Vef beherrschte. Jetzt, da ihr Wille
erfüllt war, da sie vor dem ersehnten Ziele stand, schien es fast,
als hätte sie die Freude an der Sache verloren. Ohne Schmerz und ohne
Traurigkeit war sie, aber sie fühlte auch keine Erlösung und keine
Hoffnungsfreudigkeit in sich.