kleinen Hütte und brauchten die Stube nicht mehr als Schlafraum zu
benutzen. Sie hatten jetzt, wie andere Bauersleute auch, ihre richtige
Wohnstube, und die Vef hätte eigentlich recht zufrieden und glücklich
sein können, wenn sie eben noch dieselbe gewesen wäre wie ehedem. So
aber nagte der Neid an ihr und machte sie unzufrieden und launisch. Sie
gestand es dem Wastl aufrichtig ein, an jenem Abend, als er müde vom
Holzhacken noch eine Weile bei ihr in der Stube saß.
»Weißt, Wastl ...« begann die Vef zögernd ... »amal muß i döcht an
offenes Wörtl mit dir reden.«
Die jungen Eheleute saßen allein in ihrer kleinen Stube. Seite an
Seite auf der Bank im Herrgottswinkel. Die Kinder schliefen bereits
in der Kammer nebenan. Ein Talglicht brannte am Tisch und warf seinen
matten Schein gespenstig durch die niedrige braune Balkenstube.
Und draußen plätscherte der Regen einförmig und unaufhörlich, wie
jetzt schon seit vielen Tagen. Der Wastl sah müde und schläfrig aus
und gähnte laut und ausgiebig von Zeit zu Zeit. Die Vef, in ihrem
einfachen Arbeitsgewand, mit der dunkelfärbigen Schürze, hatte die
Ärmel aufgestülpt und ihre nackten, schöngeformten Arme auf den Tisch
gelegt und stützte ihren Kopf schwer mit der rechten Hand.
»Wenn man's so recht bedenkt ...« fuhr die Vef zu reden fort ... »so
haben wir zwei do eigentlich a recht's Hundeleben da herinnen. Schinden
und rackern uns und bringen's unser Lebtag auf kein' grünen Zweig.«
Jetzt hielt die Vef mit reden inne und wartete, was ihr Mann darauf zu
sagen hätte.
Der Wastl aber sagte gar nichts. Er gähnte nur und bereitete sich
vor, nun baldmöglichst in die Schlafkammer zu verschwinden. Denn nun,
wußte er, würde der gemütliche Plausch, den er heute abend mit der Vef
gehabt hatte, wieder in einer Schimpferei über die Gungl und die hier
herrschende Öde und Langeweile enden. Das war jetzt immer so gewesen
in der letzten Zeit, und da konnte man eben nichts dagegen tun, als
schleunigst die Flucht zu ergreifen.
Die Vef beobachtete mit festen, forschenden Blicken ihren Mann, wie sie
so in nachlässig bequemer Haltung auf den Tisch gestützt neben ihm saß.
»Wastl ...« fing sie dann neuerdings zu reden an, und ihre Stimme klang
sanft und mild wie schon lange nicht mehr ... »ist dir nit schon selber
der Gedanken kömmen ... daß wir's uns eigentlich aa besser einrichten
kannten? Schau ... wir waren do no nit alt ... sein all's beide junge
Leut', und's ist völlig schad' um uns, daß wir uns da herinn lebendig
eingraben tian. Wenn wir halt do eppas Besseres finden taten ... eppas
... i moan ...« Und jetzt stockte sie, leicht verwirrt, und sah fast
hilfesuchend zu ihrem Mann auf, der an die Holzwand zurückgelehnt dasaß
und die Arme verschränkt unter dem Kopf hielt.
Der Wastl sagte noch immer kein Wort, starrte mit leeren, schläfrigen
Augen in die Luft und schwieg. Er war klug und vorsichtig geworden, der
Wastl, und wollte nicht durch irgend eine Unvorsichtigkeit den Zorn
seines Weibes erregen. Und dann begriff er es überhaupt nicht, auf was
die Vef mit ihrem Gerede eigentlich hinauswollte.
Sie mußte also schon deutlicher werden. Das sah sie ein, und die
Schwerfälligkeit und Begriffstützigkeit ihres Mannes brachte ihr das
Blut in Wallung, so daß sie sich geärgert erhob und mit der flachen
Hand zornig auf die Tischplatte schlug.
»Stell' di nit a so deppat!« fuhr sie ihn an. »Du weißt recht gut, was
i moan! Verkaufen sollst dö Lotterhütt'n ... dö elendige! I mag nimmer
bleib'n da herin!«
Der Wastl war über den jähen Ausbruch seines Weibes zu tiefst
erschrocken.
»Aber Vef ...« stammelte er und sah ihr mit seinen guten, treuen Augen
ins Gesicht. »Aber Vef!«
»Ja ... freilich! Dös ist wohl alles, was du kannst!« höhnte das Weib.
»Aber Vef! Aber Vef! Aber nix da ... sag' i ... i mag nimmer! Tu, was
du willst ... aber no an Winter in dem Sauloch da herinnen halt' i
einfach nit aus!« schrie sie ihn aufgebracht und zornig an.
»Ist dös dei' Ernst, Vef?« brachte der Wastl sehr langsam und mit
gepreßter Stimme hervor. »'s ist döcht unser Hoamatl. Hast's do amal
gern g'habt ... Vef ... 's Hoamatl ...« sagte er innig und mit Wärme.
»Freilich. Weil i nix Besseres kennt hab' ... Aber iatz bin i nimmer
so dumm!« Das Weib stemmte ihre vollen Arme in die üppigen Hüften und
stellte sich resolut vor ihrem Mann auf. »Moanst, dös wurmt mi nit,
daß i alloan so dumm g'wesen bin und g'heirat' hab'? Reu'n tuat's
mi, soviel i Haar' am Kopf hab' ... daß d' es woaßt. Verkümmern
und versauern kann i da herin und bin döcht nix als wia an arm's
Lotterweib. Und die Rosina und die Julie haben's schianste Leben! Und
wenn iatz aa no die Julie an Haufen Geld verdient, aft kannst mi gern
hab'n!« schrie sie wütend. »Aft renn' i dir davon, so wie i bin ... und
geh'aa no singen. Daß d' es woaßt!«
So zornig und aufgebracht war die Vef, daß sie sich nicht mehr anders
helfen konnte und beide Hände vors Gesicht hielt und laut zu weinen
anfing. Ratlos saß der Wastl da und wußte nicht, was reden und deuten.
Er fühlte nur, wie eine schwere Traurigkeit über ihn kam, die sich
ihm beklemmend aufs Herz legte. Und sagte kein Wort, der Wastl. Nur
das Atmen kam ihn hart an, war schwerer, als wenn er draußen die
Zentnerlast auf der Kraxen von den Schrofen herabtrug.
Allmählich beruhigte sich die Vef wieder, und ihr Weinen wurde leiser
und weniger leidenschaftlich.
»Vef ...« bat da der Wastl leise ... »kann dös wirklich dei' Ernst
sein? Unser Hoamatl ... und die Kinder ...« Er brachte nichts mehr
hervor. Die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und es würgte ihn
und stieg ihm heiß und bitter in die Augen.
Da wurde das Weib wieder ganz ruhig. Sie hatte ihn ja doch lieb, ihren
Wastl, und auch die Kinder. Und wollte ihm gewiß nicht wehe tun. Nur,
daß der Hunger nach Leben und Genuß in ihr erwacht war, daß sie sich
jetzt unzufrieden fühlte und innerlich elend.
»Schau ... Wastl ...« fing die Vef nun neuerdings zu reden an und legte
ihren vollen Arm um den Hals des Mannes. »Schau ... i will di ja nit
kränken. Tu mir's nit verübeln. 's hat außer ~müssen~! Siegst ...
wann nit alleweil der Vergleich da war' ... wann i nit alleweil an die
Rosina und an die Julie denken müaßat ... aft war' i nit so g'worden.
Wann dös mit die zwoa nit kömmen war' ... meiner Seel' und Treu ... i
war' zufrieden g'wesen mit unserm Hoamatl. Woaßt wohl selber, wia i mi
g'freut hab' drauf, gelt? Und siegst, Wastl, seit der Göd nimmer ist
... ist's grad, als wenn unser guter Schutzgeist dahin war'. Siegst ...
~der~ hat einerpaßt in die Gungl. Und du paßt aa einer ... Aber i
... i pass' nimmer her! Der Göd ... dersell hat nix Schianeres kennt
als wie die Schrofen und Berg' und dös Rauschen vom Bach drunten. I
hab'n oft zuag'schaut, wia er dag'standen ist vor der Hütt'n. Z'morgens
in der Fruah, wenn die Sonn' ang'hebt hat zu leuchten droben auf die
Wänd'! Völlig an Andacht ist dös g'wesen. Und wia a Heiliger ist er
mir oft fürkömmen ... wia oaner, der die Berg' anbeten tut. Und er hat
betet, der Göd! I hab's g'sechen. In koaner Kirch' hätt' dös schianer
sein können, als wenn der alte Mann, der's kaum mehr derstanden hat,
vor der Hütt'n g'wesen ist, den Huat abertan hat und die dürren Händ'
g'faltet hat. Aft ist mir fürkömmen, da droben in die Wänd' ...
zuhöchst auf die Gipfel oben ... da müsset der Gottvater selber sein
und aberschaun. Und oftmals hab' i mir vorg'stellt ... wenn in der
Fruah die weißen Wolken aufg'stiegen sein und die Sonn' durchg'leuchtet
hat, daß alles nur oa Silberglanz g'wesen ist vor lauter Pracht ...
daß die Wolken a Vorhang wären und das Allerschianste, das es gibt,
versteckt halten taten. Siegst, Wastl ...« die Vef lachte leise und
träumerisch ... »a so bin i g'wesen. Fast kindisch ... kannst mir's
glauben!« beichtete sie. »I hab' mir fürg'stellt ... dös Allerschianste
hinter den silbrigen Wolkenglanz ... dös müaßet a Königin sein. Woaßt
... so ... wie si halt unseroans a Königin vorstellt. Auf und auf
voll Glanz und Gold. Hatt' nit viel g'fahlt, und i hatt' sie am End'
wirklich no g'sechen ... dö Königin!« lächelte das junge Weib wehmütig.
»Weil's mir so ans Herz g'riffen hat, wenn i den alten Göd in aller
Herrgottsfruah zum Himmel aufi hab' beten sechen.«
Die Vef hielt einen Augenblick inne und fuhr sich mit der Hand
nachdenklich über die Stirne. »Siegst, Wastl ...« fuhr sie dann leise
zu reden fort ... »da ist mir g'wesen ... wenn i grad a so wie der Göd
fromm sein kunnt und so wie er die gewaltige Liab zur Heimat hätt'. I
hab' alleweil g'moant, i hätt' die richtige Liab zu unsere Berg'. Aber
naa, Wastl, iatz woaß i's erst ... i kenn' sie gar nit. Der Göd ... ja
... dersell hat sie g'habt. Aber er war halt aa alt, und i bin jung.
Kimmt mir für ... wir haben a neue Zeit kriagt. 's muß wohl a so sein!
Ganz g'wiß! Weil's uns junge Leut' forttreibt von der Heimat.« Traurig
neigte das junge Weib ihren Kopf und machte eine kleine Pause, ehe sie
mit ihrer Beichte weiterfuhr.
»'s will mir nimmer g'fallen da herin, Wastl!« sagte sie beinahe
tonlos. »So fein's mi amerst dunkt hat ... völlig schiach kimmt's mir
iatz zeitenweis für.«
Es war ganz still in der kleinen Stube. Nichts regte sich wie draußen
vor den Fenstern das monotone Rieseln des Regens. Und ab und zu der
schwere Atem des Mannes, der regungslos an der Seite seines Weibes saß
und mit tieftraurigen Augen vor sich hinstarrte.
»Z'erst ist's angangen ...« fuhr die Vef über eine Weile mit ihrem
Bekenntnis fort ... »wia der Florl und die Regina da herin g'wesen
sein. Da hab' i ang'hebt zu sinnieren. Hat mir nit eing'leuchtet,
daß iatz gar aa mei' eigene Schwester auf die Wanderschaft geht.
Hab' alleweil an sie denken müssen. Und meiner Seel' ... oft ist mir
fürkömmen in denselbigen Winter ... i muß auf und davonrennen. Grad ...
daß der Göd no g'lebt hat. Und vor densell hatt' i mi g'schamt. Woaß
nit, was es war! Hätt's nia nit verlauten lassen können vor ihm, daß
mir eppas nit passen tat' in der Gungl. Leicht war's ... weil i a Scheu
g'habt hab' vor seiner heiligen Liab zu die Berg' ... Kann sein, daß es
dös war!« sagte sie leise und sehr nachdenklich. »Aber ... i hab' die
Liab nimmer, Wastl. Hab' an Unrast in mir und möcht' außi ... grad fort
und in die Welt außi.« Das junge Weib hatte sich erhoben und breitete
sehnsuchtsvoll die Arme aus.
»Wastl!« sagte sie warm und voll inbrünstiger Sehnsucht. »Wenn's oan
so forttreibt wia mi ... aft ist koa Halten mehr. 's Bluat pumpert
mir oft in Kopf, daß i moan, er muß derspringen. Und 's hilft koa
Denken mehr und koa Überlegen. Und aa die Kinder ... dö können mi aa
nimmer halten. Siegst, Wastl, wann i's bedenk' ... oans nach'n andern
kimmt ang'ruckt bei uns. Dauert nimmer lang, und wir derfuttern's
nimmer. 's Güatl ist zu kloan dazu. 's sein Lotterkinder aft ... koane
Bauernkinder mehr. Und wenn du no so schuftest und rackerst und i no a
so alle Fleck' fürer such' zum flicken und ausbessern ... 's hilft nix.
Wann die Fleck' für die G'wander größer werden, aft haben wir koa Geld
mehr zum kaufen. Und dös ist's. Da stell' i mir für: grad an etline
Jahrln vielleicht ... und wir hatten 's Geld beinand und könneten uns
an ordentlich's Gütl kaufen. Etline Jahrln lei ... so lang wir jung
sein ... dös tun, was der Florl tut und 's Regele und die Rosina. Wir
zwoa ... du und i, Wastl ... wir singen besser, wie die alle mitnander.
Und wann's uns a Geld eintragt ... z'wegen was sollen grad wir a so
dumm sein und 's nit aa tian. Sag' ... Wastl ... moanst nit aa ... 's
war' besser, wir sperreten die Hütt'n zua und holen uns das Geld für a
schianer's Hoamatl?«
So weich und innig und so voll Liebe konnte das Weib sprechen. Ganz
Hingebung war sie jetzt und ganz demutsvoll. Fest umschlang ihr
weicher Arm den Nacken ihres Mannes, und ihr Mund küßte den seinen so
glühend und leidenschaftlich wie nur in der ersten Zeit ihrer jungen,
genießenden Liebe.
Wie ein Rausch überkam es den Mann. In den Händen dieses Weibes war
er Wachs, fügte sich nach ihrem Willen, welcher der weitaus stärkere
war. Unter ihren schmeichelnden, glühenden Küssen schwanden ihm die
Bedenken. Das Schwere, Beklemmende, das ihm auf der Seele lag, wich
vor der Seligkeit ihrer hingebenden Leidenschaft. Wohl dachte er an die
Trennung von seinen Kindern ... doch die Liebe zu seinem Weibe überwog
die Liebe zu den Kindern. An eine Trennung von ihr hätte er niemals zu
denken vermocht.
In dieser Stunde aber wurde der Wastl seiner Heimat untreu. Und treulos
wurde das Weib, das einstmals nichts Schöneres, Herrlicheres und
Heiligeres gekannt hatte wie ihre Kinder und das bescheidene Hüttl vom
alten Göd in der Gungl.
Neuntes Kapitel
Der Florian Siegwein und seine Frau Regina waren aufgezogen mit ihrem
ganzen Staat in das große Gasthaus, das der Kramer Veit hoch überm
Dörfl droben mit dem Ausblick auf die drei Hochtäler erbaut hatte.
Seit der Florl auf eigene Faust auf Reisen gegangen war, duldete er
es nicht mehr, daß man das Regele für ein lediges Fräulein hielt. Vor
aller Welt galt sie nun als seine Gattin, und der Florl hielt strenge
auf Sitte und Zucht bei seinen Leuten.
Man mußte es dem Florian Siegwein lassen. Er war ein anderer, besserer
geworden in diesen letzten beiden Jahren. Der leichtsinnige Zug von
einst war aus seinem Gesicht vollständig verschwunden und hatte einem
berechnenden Ernst Platz gemacht.
Der Florian hatte, gleich dem Kramer Veit, jetzt die Gefahren erkannt,
die ihn und seinesgleichen in der Welt draußen bedrohten. Und er war
mit sich strenge ins Gericht gegangen. Hatte überlegt, daß er nur durch
eiserne Selbstzucht und großen sittlichen Ernst sein Unternehmen vor
moralischem Untergang würde bewahren können.
Er hatte erkannt, daß diese jungen Menschen, die sich seiner Führung
anvertrauten, mit fester, straffer Hand geleitet werden mußten. Er
war sich der großen Verantwortung, die er übernommen hatte, bewußt
geworden und wurde ein strenger, aber umsichtiger Führer seiner kleinen
Truppe.
Der Florian Siegwein hatte das Versprechen, das er damals dem Kramer
Veit gab, getreulich eingehalten. So wie er die jungen Leute übernommen
hatte, so brachte er sie wieder in die Heimat zurück. Und trotzdem
hatte der Kramer Veit doch auch recht behalten. Sie waren doch, eines
wie das andere, von Grund aus verändert. Unverdorben in Sitte und
Moral, das waren sie zwar alle geblieben, und das war einzig und allein
dem starken, ernsten Willen des Florian Siegwein zu verdanken.
Sie wußten es nicht und erkannten es auch nicht. Waren wie Kinder, die
sich willenlos einem Lehrer fügen mußten. Und murrten wie Kinder und
lehnten sich oftmals auf gegen seine Anordnungen. Und doch folgten und
gehorchten sie.
Der Florian Siegwein war in diesen Jahren innerlich zu einer
Persönlichkeit herangereift. Er überragte sie alle weitaus an Verstand
und Willen und leitete sie klug und weise und führte sie von Erfolg zu
Erfolg.
Was für ein schwaches, hilfsbedürftiges Kind war dagegen seine Frau
geblieben! Die Regina war ihrem Manne keine Gefährtin, kein guter
Kamerad, der Freud' und Sorge mit ihm teilte. Sie war eine zierliche
Puppe, eitel und gefallsüchtig und mit dem Verstand eines lieben
kleinen Vögelchens.
Dem Florl war sie aber recht, gerade so wie sie war. Er hätte sie gar
nicht anders haben mögen. In ihrer naiv kindlichen Art, so harmlos und
unbefangen, war sie für ihn noch immer dasselbe Regele vom Alpl droben,
das Regele seiner Jugend und seiner erwachenden Sinne; und in ihr
liebte er nicht allein das Weib, sondern sein ganzes Jugendidyll und
seine engere Bergheimat.
Mit rührender, fast ritterlicher Aufmerksamkeit sorgte er dafür, daß
sie die Stellung voll einnahm, die ihr als seiner Gattin gebührte. Das
vertrauliche »Du«, das unter den Landsleuten üblich war, hatte der
Florian beibehalten. Nur war jetzt aus dem Florl der Florian und aus
dem Regele die Regina geworden.
Dieser feine Unterschied, so unbedeutend er an sich war, brachte
es doch mit sich, daß eine gewisse Distanz zwischen ihm und seinen
Mitgliedern gewahrt wurde. Der Florian und die Regina waren eben doch
andere wie der Florl und das Regele, die ihnen von Jugend auf so
vertraut waren.
Der Florian Siegwein verstand sein Geschäft, das mußte man ihm lassen.
In diesem Unternehmen war er sicher dem Kramer Veit überlegen. Einen
wahren Siegeszug durch deutsche Länder hatte er mit seiner kleinen
Truppe unternommen und redlich mit ihnen den Gewinn geteilt. Und
das war es wohl auch, was ihm so viel Achtung und Autorität unter
seinen Mitgliedern eintrug. Seine unbedingte Ehrlichkeit und sein
großer Gerechtigkeitssinn. Er duldete auch nicht die geringste
Ungerechtigkeit. Und wenn ein Streit oder eine Verstimmung unter
seinen Leuten herrschte, so war stets er das versöhnende und
ausgleichende Element.
Daß der Florian Siegwein aber auch die sittlichen Gefahren, welche die
schlichten Bauersleute in den großen Städten bedrohten, erkannte und
mit starker Hand zu verhüten wußte, das war wohl sein allergrößtes
Verdienst und zeugte von seiner außergewöhnlichen Intelligenz.
Die hübschen Tirolerinnen in der schmucken Tracht ihrer Heimat erregten
nicht nur Aufsehen, sondern auch das ganz besondere Wohlgefallen
junger, reicher Herren. Und wenn der Florl damals, als er noch mit dem
Kramer Veit gereist war, leichtsinnig darüber hinwegkam, daß man sein
Regele so umschwärmte, so erkannte er jetzt die Gefahr und stemmte sich
mit der ganzen Kraft seiner Bauernnatur dagegen.
Er hatte sich eine eigene, fast ritterliche Art im Verkehr mit seiner
Frau angewöhnt. Er wußte: nur wenn Mann und Frau einig waren ... wenn
die Frau dem Manne heilig blieb und er ihre Reinheit schützend hütete,
konnten sie bei ihrer Truppe vorbildlich wirken.
Und der Florian Siegwein wünschte es vom ganzen Herzen, vorbildlich
zu wirken. Es war richtig. Er wollte Geschäfte machen und viel Geld
verdienen. Aber nichts Unreines und Unehrenhaftes durfte an diesem
Gelde kleben. Das mußte ~rein~ erworben werden; denn der Florian
Siegwein wollte in der Heimat als ein ganzer Kerl und ein ehrlicher
Mann dastehen.
Niemals duldete er es, daß eines seiner Mitglieder allein zu Gast
geladen wurde. Wenn junge Kavaliere sich an die Mädchen heranmachten
und sie zu Gastmählern einladen wollten, dann winkte der Florian in
seiner jovialen, gemütlichen Art, der man nichts übelnehmen konnte, ab.
»Ah naa!« sagte er dann wohl. »Dös geht nit. Die Rosina kann da nit
alloan hingehn. Da gehn wir glei' alle mit. Sein oa Familie ... wir
Tiroler und haben halt Zeitlang ohne einander!« Und dann lachte er laut
und übermütig, so daß die andern unwillkürlich mitlachen mußten. Gegen
diese Art war nicht aufzukommen, und der Florian war schlau und pfiffig
genug und auch jeder List gewachsen.
So kamen denn die Tiroler immer wie eine Herde zu den Einladungen, mit
denen man sie überhäufte. In die feinsten Kreise wurden sie geladen,
auf Schlösser und Burgen, und ganz besonders war es die Rosina, die
manchen Träger von uraltem Adel zu ihren Verehrern zählte.
Sie ließ sich umschwärmen, wie das früher das Regele getan hatte,
mit einer kindlichen Freude darüber und mit der Gefallsucht eines
Kanarienweibchens.
Vor der eigenartigen dunklen Schönheit der Perlmoser Rosina hatte die
kleine zierliche Regina in den Hintergrund treten müssen. Und das war
dem Florian sehr recht; denn jetzt hätte er es nicht mehr ertragen,
so wie einstens seine Frau von einem Schwarm von Verehrern umgeben zu
sehen.
Noch eines hatte der Florian in dieser Zeit verstehen gelernt. Das war
jene Erkenntnis, die der Kramer Veit besaß, vom echten Bauerntum, das
in fremdes Erdreich versetzt verderben mußte. An das Verderben glaubte
er zwar nicht, aber er sah es an sich selbst und sah es an den andern
und erkannte es auch, daß sie alle andere Menschen geworden waren.
Menschen mit der Sprache und mit dem Gehaben von Bauern, die sich
aber doch besser dünkten wie diese und die Arbeit ihrer Jugend gering
schätzten oder gar verachteten.
Und der Florian Siegwein sagte sich: wenn ein Unglück über einen dieser
Menschen hereinbräche, daß er seine Stimme oder sein gutes Aussehen
einbüßte, so würde er lieber betteln gehen als arbeiten wie ehedem.
Und der Florian wußte: darin lag die schwere Schuld, die er auf sich
geladen hatte. Ein müßiges, faules Leben hatte er sie gelehrt, ein
Leben des Scheinglanzes und der Üppigkeit. Und wenn er jetzt an die
bösen Worte vom Perlmoser und vom Söllerbauer dachte, dann mußte er ...
wollte er gerecht bleiben ... ihnen beistimmen. Diese Schuld konnte er
nur dadurch mildern, indem er trachtete, daß sie Geld ... viel Geld
einnahmen.
Ein wahrer Hunger nach Geld war in dem Florian, und diese Gier nach
Geld teilte auch seine Frau, die Regina. In diesem Punkt verstanden und
fanden sich die Eheleute ganz genau.
Die Regina verstand nicht viel von der inneren, seelischen Entwicklung,
die ihr Mann in diesen Jahren genommen hatte. Sie bemerkte sie wohl
kaum und kümmerte sich auch nicht darum. Sie sah nur, daß das
Unternehmen auch ohne den Kramer Veit gedieh, und sie war stolz auf
ihren Florl, der seine Sache so gut machte.
Sie begriff es auch nicht, weshalb der Florian so strenge mit den
beiden Dirndeln war und ihnen so gar keine Freiheit gestatten wollte.
Und der Florian gab sich auch keine Mühe, sie darüber aufzuklären. Er
verlangte von ihr, wie von den übrigen, unbedingten Gehorsam, auch in
solchen Sachen.
»Denn,« sagte er, »wo mehrere Leut' beinander sind, muß einer da sein,
der leitet. Und das bin jetzt amal ich. Und wann i a Sach' vorwärts
bringen soll, nacher heißt's parieren ... grad wie beim Kaiser.
Da heißt's einfach: I schaff' an, und du folgst. Und so mach' i's
aa!« erklärte der Florian mit einer Energie, die keinen Widerspruch
erwartete und auch nicht geduldet hätte.
Die Regina freute sich schon seit vielen Monaten auf das neue Haus
in der Heimat und brannte förmlich darauf, sich als Wirtin zeigen
zu können. Der Florian hatte auch in diesem Unternehmen eine große
Geschicklichkeit bewiesen, und wenn nicht alle Berechnungen trogen,
dann würden die jungen Pächtersleute schon in diesem allerersten Sommer
ihr Haus voll von Fremden haben.
Beinahe ein kleiner Hofstaat war es, den der Florian Siegwein und seine
Ehefrau mit in die Heimat brachten. In drei zweispännigen Kutschen
kamen sie draußen in dem stattlichen Dorf angefahren. In der ersten saß
der Florian mit seiner Frau ganz allein, und nur mächtige Koffer waren
rückwärts und auf den Kutschbock aufgeladen.
In dem zweiten Wagen fuhren die Perlmoser Rosina und die drei andern
Mitglieder der kleinen Sängertruppe. In dem letzten Wagen aber saß das
Personal des neuen Gasthofes, das der Florian draußen in deutschen
Landen aufgenommen hatte.
Da war eine tüchtige Köchin, eine ältere Person, die schon viel
Erfahrung auf ihrem Gebiete besaß, und ein jüngeres Stubenmädchen und
ein Hausdiener. Mit diesen drei gewandten Gehilfen getraute sich der
Florian seinen Gasthof zur Zufriedenheit der Gäste zu führen.
Vor allem hatte der Florian Siegwein großes Zutrauen in die Umsicht der
Köchin, der er die Rechte einer Leiterin einräumte und die noch dazu
die etwas schwierige Aufgabe übernahm, die junge Frau Siegwein mit den
Obliegenheiten einer Wirtin bekannt zu machen.
Die Regina hatte sich ihre Pflichten nun allerdings ganz anders
vorgestellt. Sie glaubte, daß es genügen würde, wenn sie mit einem
zierlichen weißen Spitzenschürzchen von Zimmer zu Zimmer huschte und
sich dann hauptsächlich in dem geräumigen Speisezimmer bei den Gästen
aufhielte. Aber die Leiterin, die der Florian gemietet hatte, bestand
darauf, daß die Frau Siegwein auch den Pflichten einer Wirtin allen
Ernstes nachkam.
Ein stummer Kampf spielte sich nun täglich zwischen diesen beiden
Frauen ab. Die Regina schraubte sich, wo sie nur konnte, von ihren
Verpflichtungen, mußte aber doch allmählich dem starken Willen ihrer
Köchin unterliegen ... und je mehr sich das Haus mit Gästen füllte,
desto anstrengender wurde die Tätigkeit der jungen Wirtin.
Der Florian hatte gleich den richtigen großen Zug in die Sache
gebracht. Die Gäste, die ins Tal kamen, waren ausschließlich reiche
und vornehme Leute. Menschen, die es trieb, diese reisenden Bauern
in ihrer eigenen Heimat zu sehen und dabei ein Land, das bisher dem
Fremdenverkehr so gut wie verschlossen geblieben war, kennen zu lernen.
In großen vierspännigen Reisewagen kamen die Fremden ins Land.
Durchfuhren zuerst die breiten Täler und zweigten dann von der gut
gepflegten Heerstraße auf die steinige, holprige Straße des Tales ab.