Wie ein Vater zu seinem Sohn, so hatte Veit Galler, der Krämer, zu dem

Florl gesprochen. Voll Nachsicht und voll Güte. Aber er war nicht zu

bewegen gewesen, dem Florl auch nur einen Groschen für sein Unternehmen

vorzustrecken. Und das war die große Sorge, die den Florl jetzt Tag und

Nacht drückte.

Zwei Burschen und zwei Dirndeln wollten in diesem Herbst mit dem

Florian Siegwein und seiner Frau in die Welt hinausziehen, und von

nun ab würde der Florl für sechs Personen aufzukommen haben. Dies

erforderte Geld ... viel Geld. Alle Ersparnisse, die er und die Regina

in diesen Jahren gemacht hatten, würden daraufgehen und trotzdem bei

weitem nicht hinreichen, sein Unternehmen zu decken ...

Der Tag der geplanten Abreise rückte immer näher, und dem Florl wurde

es immer schwüler. Noch einmal nahm er sich ein Herz und wanderte mit

der Regina übers Bergl hinüber zum Dörfl und zum Kramer Veit.

Er sei gekommen, um Abschied zu nehmen und das Kind noch einmal zu

sehen, sagte er erklärend und nicht ohne Wehmut. Denn es war ihm, als

ob er Abschied nähme von einem guten Vater, der bis jetzt schützend

seine starke Hand über ihn und sein junges Weib gehalten hatte.

Der Florl und die Regina hatten sich in der Stube neben dem Kramer Veit

auf die Bank gesetzt und redeten lange kein Wort. Die Notburg saß wie

immer im Herrgottswinkel, tief über eine Näharbeit gebeugt, und der

kleine Anderl spielte mit dem Moidele und sah abwechselnd zum Fenster

hinaus. Er achtete nur wenig auf seine Eltern, war aber freundlich

und nicht mehr so trotzig zu ihnen wie im Anfang. Mit ernstem Sinnen

stierte der Florl eine Weile vor sich hin, und der Veit kannte gar wohl

die schwere Sorge, die auf dem jungen Mann lastete.

»Bua ...« brach der Kramer nun das Schweigen ... »i rat' dir no amal.

Lass' gut sein! Bleibt's daheim, du und 's Regele!« meinte er. »Schau,

i leih' enk a Geld. Baut's enk eppas! Arbeitet's! Schaut's, daß ös a

Wirtschaft gründen könnt's!« sagte er immer eindringlicher. »Gabst

kein' unebenen Wirt ab, du, und 's Regele war' ganz a saubere Wirtin.«

Mit einem Anflug seiner alten polternden Heiterkeit fletschte der Veit

die Raubtierzähne und schaute dabei fast zärtlich auf die beiden jungen

Leute, die geduckt und kleinlaut neben ihm auf der Bank saßen.

»Könnt's fein hausen miteinander ...« meinte der Kramer ... »und

könnt's no etline Kinder kriagen und ...«

Da lachte das Regele laut und geziert. »Könnt' mir einfallen! Sölle

Balgen aufziehn! I weiß mir was Besseres!«

Erschrocken hielt die Notburg mit ihrer Näharbeit inne und starrte

auf das junge Ding, das so gottlose Reden tat. Und als müsse sie den

kleinen Anderl vor dieser Mutter schützen, rief sie laut seinen Namen,

und das Kind sprang zu der Pflegemutter und schmiegte sich schmeichelnd

an sie. Fast hätte sich die Notburg bekreuzigt, so frevelhaft und

gottlos kam ihr die Rede des jungen Weibes vor.

Der Florl aber lenkte ein und entschuldigte das Regerl.

»Sie moant's nit so, 's Regele ...« sagte er beschwichtigend. »Leicht

... wenn wir a Heimatl hätten ... leicht wär's anders dann ... gelt,

Regele?«

Es lag etwas in dem Ton des Mannes, das den leichten Sinn der jungen

Frau bezwang. Etwas Inniges und Warmes, das sie längst nicht mehr bei

ihm kannte. Heiß schoß es ihr in die Augen, und ganz verlegen stammelte

sie: »Ja ... freilich ... siegst wohl ...« und jetzt wandte sie sich an

die Notburg ... »Unseroans kann do nit an Kinder denken, in der Fremd'

draußen.«

Der Kramer Veit war ein viel zu guter Menschenkenner, als daß er dem

Regele ihr vorlautes Reden weiter nachgetragen hätte. Er wußte: dieses

Weib war noch weich und zu biegen. Noch war sie unverdorben, und wenn

sie in die Heimaterde zurückversetzt wurde, konnte sie gedeihen wie

ehedem. Er sah dem Florl forschend ins Gesicht und wußte, daß der Sinn

des Mannes schwerer zu wandeln sei. Er sah den listig schlauen Ausdruck

in den hellen Augen und den eigenwilligen intelligenten Zug in dem

jungen Gesicht, der von Kraft und Zähigkeit sprach.

»Schlag' ein ... Florl ...« sagte der Kramer Veit über eine Weile und

hielt ihm seine Hand ausgestreckt entgegen. »Schlag' ein! I mach' an

Wirt aus dir! Magst?«

Fast war's wie damals droben am Alpl. Nur daß der Florl es jetzt

gelernt hatte, vorsichtig und genau alle Seiten einer Sache zu

überlegen, ehe er zusagte. Der Vorschlag des Kramer Veit gefiel

ihm nicht übel ... aber auf das Reisen mochte er doch nicht ganz

verzichten. Die große Welt da draußen lockte verführerisch mit ihrem

gleißenden Schimmer und mit ihrem süßen, betäubenden Gift. So suchte er

denn nach einem Ausweg und unterhandelte mit dem Kramer.

»Sag', Kramer, wo tat'st du's hinbauen ... die Wirtschaft?« frug er

ernst und nachdenklich.

»Wohin du willst. Wir da herinn' können überall a gut's Gasthaus

brauchen.«

Und wieder dachte der Florl nach und brauchte lange Zeit dazu. Und der

Kramer störte ihn mit keiner Silbe und keinem Blick.

»Eppar da aufi ...« frug der Florl dann, streckte den Kopf etwas zum

Fenster vor und zeigte mit der Hand auf die steile Wiese, die zu jener

Stelle führte, an welcher der Veit als Kind mit seiner Notburg so oft

gesessen hatte.

Nun war der Kramer doch etwas verblüfft; denn diesen Vorschlag hatte er

nicht erwartet.

»Da aufi?« frug er verständnislos. »Da geht dir do koa Mensch nit hin,

Florl!« sagte er kopfschüttelnd.

»Ah wohl! I moanet wohl!« sagte der Florl zuversichtlich. »Wenn du

baust ... sag'n wir bis in zwoa Jahr' ist die Sach' fertig ... und 's

Regerl und i fahr'n auf als Wirt und Wirtin. War's g'recht, Kramer?«

Noch immer verstand der Veit den Florl nicht.

»Ja und die Gäst' ...?« Seine dunklen runden Augen standen dem Kramer

Veit jetzt noch mehr hervor wie gewöhnlich, vor lauter Staunen.

»Die Gäst'? Die bring' i von draußen mit!« erklärte der Florl ganz

bestimmt.

»Von draußen ...?«

Der Florl nickte. »Ja. Sollst sehen, Kramer, daß das möglich ist. A

neu's Unternehmen.« Der Florl erhob sich, und jetzt war er es, der dem

Kramer aufmunternd auf die Schulter schlug. »Und da tust du mit, Veit.

Wirst's sechen ... 's geht.«

Und jetzt hielt er dem Kramer Veit die Hand zum Einschlag hin. Aber der

Kramer war genau so vorsichtig, wie es vorhin der Florl gewesen war,

und zögerte einzuschlagen.

»Du willst dö Fremden ins Land einerzügeln ... in unser Landl?« frug

er zögernd und fast so schwerfällig, als wie der Wastl in der Gungl

drinnen es getan haben würde.

»Ja. In unser Landl!« nickte der Florl. »Wir brauchen uns do nit

zu schamen damit. Sollen nur kommen die Fremden und sich die Augen

außerschaug'n, wenn sie unsere Berg' sechen. Schian ist's bei uns da,

Kramer ...« der Florl streckte die Arme in ehrlicher Begeisterung ...

»wia nirgends in der Welt, kimmt mir für. I und mei' Weib, wir hab'n

nit viel Rar's derlebt da, seit wir wiederkömmen sein. Aber ~eins~

hab'n wir derlebt, und dös war das G'fühl, daß wir ~da~ und

nirgends sonst dahoam sein. Und desweg'n, Kramer, wenn du Wort halt'st

und baust ... daß wir aa a eigenes Dach kriegen ... i schwör' dir's ...

daß i's heilig halten will und rechtschaffen wirtschaften.«

Es war lange her, seit der Florl dem Kramer Veit so gut gefallen hatte

wie in dieser Stunde. Und trotzdem überlegte er noch, ehe er auf den

Vorschlag einging.

»Wann wollt's denn fort ... Bua?« frug der Kramer nach einer kleinen

Pause, in der er tief nachdenklich dasaß und den Kopf schwer in die

Hand gestützt hielt.

»Morgen in einer Woche.«

»Und du nimmst die andern mit?«

»Ja!« kam es sehr bestimmt zurück. »I nimm sie mit und bring' sie

wieder, wie sie iatz sein. I versprich dir's, Veit.«

Da schüttelte der Kramer Veit den Kopf. »Dös kannst nit halten ... dös

Versprechen!« sagte er fast tonlos. Dann aber gab er sich einen Ruck,

so daß seine kernige, kräftige Gestalt zur vollen Geltung kam. »Aber

dös andere ... dös mit der Wirtschaft ... dös will i mir überleg'n und

dir no Botschaft bringen, eh' du fortziehst. Kann sein, daß i die Sach'

mach' ... kann sein aa nit.« ...

Und in einigen Tagen darauf ging der Kramer Veit übers Bergl hinüber

zum Söllerbauer und fragte nach dem Florl. Und sagte diesem in seiner

geraden, offenen Weise, daß er die Sache mit dem Bau machen wolle.

»Soll a schian's Häusl abgeben ... Florl ... daß du a Freud' hast. Nit

zu groß und nit zu klein. Grad g'recht für enk und etliche Fremde, die

ihr mit einerbringen wollt's. Aber nacher, Florl ... dös versprichst

mir ... nacher steckst es auf ... dö Singerei ... gelt?« Treuherzig und

wie abbittend schaute der Kramer Veit in die Augen des Florl.

Der Florl sah eine Weile zu Boden, ehe er antwortete.

»Wann wir a Heimat haben ... 's Regele und i ... und uns halten können

... i mein' ... wann sich die Sach' aa rentiert ... nacher glaub' i's

selber, daß i kein Verlangen mehr hab' ... mi Abend für Abend vor

die Leut' hinzustellen und ihnen eppas vorzusingen!« sagte der Florl

zögernd. »Aber rentier'n muß sich's halt ordentlich ... dös verstehst

wohl, gelt, Kramer?« -- -- --

Ganz zufrieden war der Kramer Veit ja nicht mit dieser Antwort.

Aber er baute trotzdem. Er baute, weil ihn das neue Unternehmen

interessierte und seinen regen Geist beschäftigte. Auf diese Weise ging

ihm der erste Winter, den er wieder in der Heimat verlebte, rasch und

abwechslungsreich dahin. Er hatte einen Plan und spann ihn aus. -- -- --

Kaum waren zwei Jahre verflossen, da zogen der Florian Siegwein und

seine Frau Regina als Wirtsleute in das Haus, das der Kramer Veit hoch

droben überm Dörfl mit dem Blick auf die drei Hochtäler und die Berge

und Gletscher im Hintergrund erbaut hatte.

Achtes Kapitel

Der Winter war lang und schwer in der Gungl. Wenn draußen im Tal an

den geschützten Stellen der Schnee den warmen Strahlen der Sonne zu

weichen begann und die Hänge der Berge ab und zu ihr weißes Kleid

mit dem grünen vertauschten, dann merkte man hier drinnen im engen,

schluchtartigen Hochtal nur wenig von dem werdenden Frühling.

Ein einsames, abgeschlossenes Dasein war es eigentlich schon hier

herinnen. Dieser letzte Winter ganz besonders erschien der Vef endlos

und lange. Wenn sie nicht ihre drei Kinderchen gehabt hätte, die ihr

vollauf zu schaffen machten, dann hätte sie wohl oftmals Heimweh

verspürt nach dem Perlmoserhof. Denn so weltabgeschieden war man dort

oben doch nicht wie hier in der Gungl.

Schließlich war sie ja noch jung, die Vef, und hätte manchmal ganz gern

einen Hoangart mit Nachbarsleuten gehabt. So aber war außer dem Wastl

und dem Göd rein gar niemand vorhanden, mit dem man hätte diskurieren

können. Und der Göd zählte schon bald nicht mehr. Von Tag zu Tag

schwand seine Kraft, und der Vef war oft recht bange davor, daß der

alte Mann just in der allerschlimmsten Zeit dahinsterben könnte. So

mitten im Winter, wenn sie oft wochenlang von aller Welt abgeschlossen

lebten und der Schnee so hoch vor ihrer Hütte lag, daß sie kaum zu den

Fensterscheiben hinausschauen konnten.

Mit vieler Müh' mußte da der Wastl den Schnee rings um die Hütte und

bis zum Stadl hinüber wegschaufeln, eine Arbeit, die ihm fast keinen

Tag erspart blieb. Denn täglich erneuten sich die Massen des Schnees

und fielen dicht und unaufhörlich und hüllten neidisch jeden Ausblick,

auch den nächsten, in ein undurchdringlich weißes, wirbelndes und

flatterndes Tuch.

Wenn der Alte von der Gungl justament in so einer bösen Zeit

dahingegangen wäre, dann hätte es geschehen können, daß man die Leiche

vielleicht gar etliche Wochen im Haus hätte behalten und unter Dach

einfrieren lassen müssen. Wie dies in abgeschlossenen Hochtälern

bei strengen Wintern vorzukommen pflegt. In der engen Hütte, wo

buchstäblich eines über das andere stolperte, auch noch eine Leiche

zu beherbergen, dieser Gedanke allein machte das junge Weib in

abergläubischer Furcht schaudern.

Es war ein weiter Weg zurückzulegen bis zum nächsten Kirchdorf. So an

die vier Stunden rechnete man im Sommer, wenn die Wege gut und gangbar

waren. Im Winter aber, bei Schnee und Eis, wo man sich jeden Schritt

erst bahnen mußte, konnte man völlig die doppelte Zeit rechnen.

Eigentlich war's ja nicht zum verwundern, wenn die Vef manchmal recht

übellaunig war und mehr schimpfte, als gerade notwendig gewesen wäre.

Manchen Tag hatte sie in diesem letzten Winter, an dem ihr der Wastl

rein gar nichts recht machen konnte. Denn daß ihre üble Laune in der

Hauptsache ihr Mann zu fühlen bekam, das war eigentlich nur natürlich.

Und der Wastl gewöhnte sich auch daran und sah es ein, daß sein junges,

lebensprühendes Weib eben doch oft unter der Einsamkeit litt. Ein

Glück, daß sie die Kinder hatte, die ihren Sinn ablenkten.

Als es draußen im Tal schon wieder zu sprossen und blühen anhub und

herinnen in der Gungl die dichte, festgefrorene Schneedecke unter

der warmen Frühlingssonne allgemach dahinschmolz, da war es mit der

Lebenskraft des alten Göd auch zu Ende.

Ohne Schmerzen und ohne eigentliche Krankheit war der Alte

dahingegangen. Ausgelöscht wie ein Licht, das kein Öl mehr hatte.

Auf seinem gewöhnlichen Platz auf der Bank am Herd war der alte Mann

eingeschlummert. Am Nachmittag, als es zu dunkeln anfing und sie alle

in der Küche waren. In seinem gewöhnlichen Anzug, den Hut am Kopf und

in dem grauen kurzen Lodenrock mit den schwarzen Samtstulpen, so war er

dagesessen, hatte sich nur mühsam aufrecht halten können und hatte wie

immer unverständlich und leise vor sich hingemurmelt.

Und auf einmal war er ganz still geworden. Und die Vef, die am Herd

herumhantierte, glaubte, er sei eingeschlafen, wie das schon öfters der

Fall gewesen war. Die Kinder spielten und kreischten, und der Wastl

wiegte das Jüngste in der Wiege.

Sie war wieder einmal recht übellaunig gewesen heute, die Vef, und der

Wastl vermied es, viel mit ihr zu reden. Würde schon wieder besser

werden mit dem Humor, wenn erst der Schnee ganz dahin war und man

wieder mehr hinaus konnte ins Freie.

Der Wastl gab sich den Anschein, als bemerke er die schlechte Laune

seines Weibes gar nicht, obwohl die Vef alles tat, um nur ja recht

viel Lärm zu verursachen. Sie klapperte in überflüssiger Weise mit der

Pfanne und warf die Deckel auf dem Fußboden herum, und als sie endlich

mit der Kocherei fertig war, rief sie laut und mit zorniger Stimme:

»Essengiahn!«

Sie mußte ein Ventil haben, die Vef, um jeden Preis, und wenn ihr

schon kein Mensch den Gefallen erwies, sie zu ärgern, dann mußte sie

eben ohne Ursache schreien. Der Wastl folgte gehorsam und schweigend

dem zornigen Ruf, ließ den Säugling in der Wiege liegen und ging

mit schwerfällig langsamen Schritten zu dem Tisch, wo die Muspfanne

aufgetragen stand.

»Essengiahn!« wiederholte die Vef scharf, als sich der alte Mann noch

immer nicht von seinem Platze rührte. Der Göd aber hörte ihren Ruf

nicht mehr ...

Bis ins Innerste ihres Herzens war die Vef erschüttert, und ihr ganzer

Unmut war mit einem Male verflogen.

»Wastl ... der Göd ...« Das war alles, was sie herausbrachte, als

sie die regungslose Gestalt des alten Mannes sah, der tief in sich

zusammengesunken war und den Kopf hängen ließ. Die Augen lagen starr

und gebrochen in den tiefen Höhlen.

»Jessus Maria!«

Es war ihnen beiden doch recht überraschend gekommen, dieses jähe

Ende des Alten. Und so sehr sich die Vef den Winter über vor dem Tod

gefürchtet hatte, so bitter griff es ihr jetzt ans Herz, da er nun

wirklich Einkehr hielt in ihre kleine Hütte.

Noch nie war ihr ein naher Verwandter gestorben, und niemals noch hatte

sie einen Menschen sterben sehen. Um den eigenen Vater hätte das junge

Weib nicht mehr und nicht ehrlicher weinen können wie um den Göd ihres

Mannes. Sie schüttelte den Alten und rüttelte ihn und wollte es gar

nicht glauben, daß er nun wirklich dahingegangen war.

»Göd! Göd!« schluchzte sie laut und fassungslos.

Der Wastl zog sie sanft von dem Toten fort. »Laß gut sein, Vef! Den

weckst du nimmer auf.«

Einige Tage später luden sie die Leiche des Alten von der Gungl auf

einen Schlitten und brachten ihn zum nächsten Kirchdorf. Der Wastl

hatte bitten gehen müssen, daß Leute vom Tal hereingekommen waren, um

ihm bei dieser traurigen Pflicht zu helfen.

Es kam der Vef recht hart an, daß sie nicht einmal beim Begräbnis dabei

sein konnte. Sie hatte ihn lieb gehabt, den Alten. Das fühlte sie jetzt

erst. Recht lieb ... Und eine Leere war da plötzlich um sie, eine Leere

und Kälte, daß sie sich in dem kleinen Raum fast zu fürchten anfing.

Doppelt einsam und verlassen kam sie sich jetzt vor. Daß man so gar

keinen Menschen um sich hatte, der einem ein wenig beigestanden wäre!

Die Vef mußte bei ihren Kindern zurückbleiben, während sie draußen im

Tal den toten Göd in die geweihte Erde betteten.

Er fehlte der Vef an allen Ecken und Enden, der alte Mann. Die Leute in

der Einsamkeit der Berge gewöhnen sich mehr aneinander und hängen auch

mehr aneinander. Und immer wieder mußte die Vef an den Alten denken,

wie gut er gewesen war und wie er nie ein anderes Wörtl als wie ein

liebes für sie übrig hatte.

»Jetzt hat man gar kein' Menschen mehr, mit dem man a Wörtl reden

könnt' ...« sagte das junge Weib, wenn sie abends noch eine Weile

mit ihrem Mann in der spärlich erleuchteten Küche saß; und der Wastl

stimmte ihr dann traurig bei.

»Gar kein' Menschen. Freilich. Aber wir haben ja no uns selber, Vef,

und aa no die Kinder!« tröstete er dann ...

Das war in jenem ersten Jahr gewesen, nachdem die Rosina mit dem Florl

und dem Regele in die Welt hinaus gewandert war. Die Vef hatte oft an

diese Schwester denken müssen an den langen, düstern Winterabenden. Was

die Rosina wohl treiben würde, und ob sie auch Sehnsucht empfand nach

der Heimat?

Es war merkwürdig. Je länger die Zeit verging, desto mehr sehnte sich

die Vef fort von der Gungl. Und der erste Winter nach dem Tod des Göd

war noch schlimmer wie der vorhergehende. Da überkam es die Vef mit

seltsam starker Macht, die Sehnsucht nach der alten Heimat und die

Sehnsucht nach dem Alpl hinauf, wo man so unbändig toll und lustig

sein konnte.

Die Vef sprach auch mit dem Wastl darüber. Der kannte diese Sehnsucht

nicht, hatte kein Verlangen nach den Menschen, war glücklich und

zufrieden mit seinem Schicksal und freute sich an seinem Weib und

seinen Kindern.

Zu Lichtmeß schon sollte der vierte Sproß ihrer Ehe kommen, und gleich

nach Weihnachten traf die Julie in der Gungl ein, um abermals bei der

Schwester auszuwarten. Die Julie brachte wenigstens ein bissl Leben in

das einförmige Dasein, und die Vef atmete förmlich auf, als die Julie

fröhlich und lachend den Kopf zur Hüttentür hereinsteckte.

Was die Julie aber auch für Neuigkeiten mitbrachte! Schon in

diesem Frühjahr, so erzählte sie, werde der Neubau vom Kramer Veit

fertiggestellt sein. Ein großes, zweistöckiges Haus sei das und ganz

aus Holz gebaut.

Wahre Wunder wußte die Julie darüber zu berichten. Alle Leut' sagten es

weitum: »So eppas schian's, wie die Wirtschaft vom Kramer Veit, könnt'

man do völlig nur in der Stadt finden. Und da kennet man's halt do, daß

der Veit eppas von der Welt g'sechen und erfahren hat.«

»Du ... Wastl ... dös muß i mir anschaug'n giahn!« sagte die Vef ganz

begeistert, und ihre Augen, die jetzt immer etwas trübe und matt

schauten, leuchteten aufgeregt bei den Schilderungen der Julie, wie die

Augen eines Kindes vor der Christbescherung.

»Die Julie kann derweil bei die Kinder bleiben, und i geh' auf a Woch'n

hoam außi. Gelt, Wastl?« sagte die Vef bittend und in beinahe demütigem

Ton.

Der Wastl nickte gutmütig. »Freilich. Bleib' nur glei a paar Wochen

draußen!« meinte er in seiner schwerfälligen Art. »Nachher g'freut's

di da herin wieder um so besser!« setzte er hinzu und stopfte sich in

aller Behaglichkeit seine Pfeife.

»Ja!« machte da die Julie etwas gespreizt. »Aber i werd' enk halt

nimmer einer kommen können.«

»Nit?« frug die Vef verwundert. »Ja, warum denn nit?«

»I bin halt ang'stellt im Fruahjahr, woaßt wohl. Muß Kellnerin machen

in der neuen Wirtschaft draußen!« antwortete die Julie und spielte

recht angelegentlich mit ihrem Schürzenband.

»Beim Florl?« frug der Wastl gedehnt und nicht ohne Interesse.

»Freilich. Der Kramer Veit hat mi aufg'nommen dafür. Und ... damit

ihr's aa gleich wißt's. I geh' enk überhaupts nimmer da einer in enkere

Daxhöhl'n ... wann ihr leicht wieder a Kloans kriagen sollt. I siech

nit ein, zu was grad i alleweil daheim herhocken soll. Und wo die

Rosina so a fein's Leben hat.«

»Du willst do nit aa no mit'm Florl mitgiahn?« fragte die Vef jetzt

ehrlich erschrocken.

Die Julie lachte geziert und laut. »Ja ... warum denn nit? Was die

Rosina kann ... kann i döcht aa no. Möcht' grad wissen, wer mir dös

verbieten soll?«

»Ja ... und dei' Vater?« frug der Wastl sehr ernst nach einer kleinen

Weile.

»Mei! Soll amal übergeb'n, der Vater, wenn er sich nit anders

aussiecht.« Die Julie hob gleichgültig ihre vollen Schultern in die

Höhe. »Der Jackl wartet eh' schon hart und möcht' alleweil gern

heiraten. Und i bin mir aa zu gut dazu, lei alleweil grad in Mistkorb

am Buckel zu tragen!« erklärte das Mädel entschlossen. »Und wo der

Florl a so gute G'schäft' macht und 's Regele a so a nobles Weibets

ist. Naa ... i bleib' nimmer dahoam. Dessell' woaß i g'wiß. Glei' wenn

der Florl kimmt, sag' i's ihm!« erklärte die Julie sehr energisch. In

diesem Augenblick erinnerte sie ganz an die resolute Art der Vef, nur

daß sie trotz allem nicht so temperamentvoll und auch nicht so hübsch

war wie diese.

»Du solltest halt heiraten ... Julie ...« mahnte die Vef nach einer

kleinen Pause, in der sie nachdenklich und sinnend dagesessen war.

»Heiraten? Moanst?« Die Julie lachte laut heraus. Es klang schrill und

häßlich, dieses Lachen. »Und in a söller Daxhöhl'n leben wia du und oa

Kind ums andere hab'n?« frug sie spöttisch. »Naa, mei' Liabe! I tat' mi

bedanken dafür! Die Rosina ... ja ... die hat an anders Leben wie du.

Geld g'nuag und schiane G'wander und braucht nix zu arbeiten und sich

um nix zu kümmern. War' oans ja dumm, wenn's nit aa mittat'« ...

Seit jener Unterredung mit der Julie wurde die Vef noch launenhafter.

Jetzt schrie sie nicht allein den Wastl an, sondern auch die Kinder

waren ihr überall im Wege, und sie teilte Püffe und Schläge aus, ohne

eine wirkliche Ursache dafür zu haben.

Als dann nach Lichtmeß das Kleine kam, zeigte die Vef nur wenig Freude

an diesem Kind. Es war ein Mäderl und hatte die dunklen Augen und

das dunkle Haar vom Wastl. Die ersten drei waren Buben und blond und

helläugig wie ihre Mutter.

Die Vef hatte in diesem einen Jahr, nachdem der Göd gestorben war, ihr

übermütiges Lachen eingebüßt. Wenn's so weiter ging mit ihr wie bisher,

dann würde sie früh altern und ein böses und zänkisches Weib werden.

Dieses Gefühl hatte wenigstens der Wastl, und es drückte ihn schwer,

daß er so gar nichts dagegen zu tun vermochte. In ruhigen Stunden

der Überlegung sagte sich die Vef das auch selber, und sie war

ehrlich genug, die Ursachen dieser inneren Wandlung zu erforschen und

schonungslos einzugestehen ...

Das war im Frühsommer, und die Julie war längst wieder daheim und

wahrscheinlich schon in ihrer neuen Stellung als Kellnerin tätig. Da

fügte es sich, daß die Vef und der Wastl wieder einmal wie in früheren

Zeiten ruhig und vertraulich miteinander sprachen.

Seit Wochen hatten sie arges Regenwetter gehabt in der Gungl. Naßkalt

war es und unlustig wie mitten im Winter, so daß sie in der Stube

hatten heizen müssen. Die Nebel hingen dicht und schwer ins Tal herab

und kürzten die langen Sommertage und machten sie grau und bleiern. Die

Heumahd hatte zurückstehen müssen, und teilweise war ihnen das Heu

während der Arbeit verfault.

Zu solchen Zeiten konnte man hier drinnen nicht viel anderes anfangen,

als trübselig in der Stube hocken und geduldig die besseren Zeiten

abwarten, die ja doch wieder kommen mußten.

Der Wastl hatte die Zeit aber doch genützt. Hatte draußen vor der

Hütte den ganzen Tag hindurch Holz gespalten und den Vorrat dann

fein säuberlich an die Wände der Hütte aufgeschlichtet. Das weit

vorspringende, mit Steinen beschwerte Schindeldach schützte das Holz

vor Nässe, und die Luft trocknete es aus, und bis zum Winter würde der

Vorrat rings um das Haus und bis nahezu unter das Dach hinaufreichen

und das Häusl so gleich einer zweiten Mauer wärmend umgeben.

Königin Heimat · 第 9 / 19 段