»Kann nimmer mittun mit junge Leut'!«
»Er derleid't's nit, daß i mi a bißl schian außerputz'!« machte das
Regele schnippisch und mit gekränkter Miene.
Der Wastl sah das Regele verständnislos an. »Ah nit?« frug er dann, nur
um etwas zu sagen.
»Die Sach' ist nämlich so!« erklärte der Florl wichtig. »Wenn man an
Unternehmen in die Höh' bringen will, dann muß man sich aa a bißl an
den G'schmack von die Leut' anpassen. Verstehst?«
»Naa!« sagte der Wastl, und die Vef hörte schweigend zu.
Die Julie hatte es nun doch fertiggebracht, daß sie den kleinen Neffen
dem Wastl abnehmen durfte, und das hellblonde, pausbäckige Büabl saß
jetzt ganz gefügig, aber doch noch mit lauerndem Mißtrauen auf ihrem
Schoß und duldete es, daß sie ihm liebkosend mit ihrer Arbeitshand über
den kleinen Lockenkopf fuhr.
»Anpassen, dös heißt, man muß den Leuten erstens zeigen, daß wir
richtige Bauersleut' sein. Das haben's nämlich gern, weil sie's nit
kennen und aa nit verstiahn. Und das Jodeln, das hören sie ganz
besonders gern und unsere Sprach' aa. Völlig derkugeln tun sie sich,
wenn wir so richtig zu reden anfangen. Und haben aa a Freud' mit uns.
A richtige Freud'. Kann's nit anders sagen. Aber siehst, Wastl, so wia
wir iatz da sitzen in dem G'wand, das paßt nit ganz zu dem G'schmack
von die herrischen Leut'. Das muß man verstehn, und das versteht der
Kramer Veit nit. Das G'wand ist zu armselig und sieht nach nix aus. Dös
muß man a bißl herrichten, damit's wirkt.«
»Woaßt ...« verfiel nun das Regele in ihrem Eifer wieder in die alte
ursprüngliche Mundart ... »der dunkle Kittel da geht do absolut nit für
an feinen Konzertsaal. Der muß a bißl kurz sein, daß man die Schuh'
g'siecht und a bißl was von die Strümpf' aa ... und's Miederleibl,
dös g'hört aa a bißl tiefer ausg'schnitten ... woaßt ... so bis a so
daher.« Und sie zeigte wichtig mit der Hand den Ausschnitt des Halses
an, der einen schönen Teil der Büste enthüllte.
»Was? A so tief? Und all's nacket?« rief die Vef verwundert. »Da tat' i
mi amal schamen!« erklärte sie energisch. »Als a Halbsnacketer vor alle
Mannsbilder so dazustiahn!«
Das Regele lachte geziert. »Mei ... dös g'wöhnt man schon ...« meinte
sie leicht verlegen ... »und nachdem, weißt, man schaut aa wirklich
viel schöner aus a so.«
Die Julie riß ihre Augen auf, so weit es nur anging, und der Mund blieb
ihr offen stehen vor Staunen. Der Wastl aber meinte langsam und sehr
schwerfällig: »Und dös derlabst du, Florl? Dei' Weib und ...«
»Mei' lieber Wastl!« Der Florl lachte laut und polternd. Es klang
beklommen, dieses Lachen und nicht so urwüchsig und befreiend, wie
dasjenige vom Kramer Veit. »Wann's a Geld ... viel Geld eintragt ...
warum nit? Das derlabest du aa.«
»I tat's schon nit! So a Fackerei!« entrüstete sich die Vef und sprang
in hellichtem Zorn von ihrem Sitz auf. Den Säugling übergab sie jetzt
ihrem Mann und machte sich am offenen Herd zu schaffen. Blies das Feuer
an und holte die Muspfanne von der rauchgeschwärzten Wand herab, und
an dem geräuschvollen Geklapper mit der Pfanne erkannte der Wastl, daß
die Vef innerlich sehr zornig war. Und das freute ihn, und es freute
auch den Alten, der regungslos dasaß und leise und unverständlich mit
zahnlosem Munde vor sich hin murmelte.
Eine Weile herrschte eine beklemmende Stille in der kleinen Küche.
Keines sprach ein Wort. Der Florl und das Regele fühlten: diese
Menschen hatten kein Verständnis für ihren Geschäftsgeist. Gerade so
wenig wie der Kramer Veit, der nicht mehr mittun wollte.
Das Regele schaute angelegentlich durch die winzige Fensterscheibe,
um ihre Verlegenheit zu verbergen. Draußen hatten sich schwere
Gewitterwolken zusammengezogen, und dicke Tropfen prallten heftig ans
Fenster. Dicht ballten sich die Nebel und zogen, vom Sturm gejagt, im
eiligen Flug schwarzgrau durchs Tal heraus.
»Schau, Florl ...« brach das Regele die Stille ... »wia's da schiach
außerkimmt. So schiach!« sagte sie etwas furchtsam.
Da hob der Alte auf der Herdbank den Kopf horchend empor. »Schiach?«
frug er mit seiner zittrigen, hohlen Stimme. »Schiach? Mensch ... was
die Natur fürer bringt ... dös ist niemals schiach. Ist schian und
gewaltig. Weil's von unserm Herrgott selber kimmt.«
Ein greller Blitz leuchtete im scharfen Zickzack durch das Dunkel der
Küche, in der jetzt auf dem Herd das Feuer loderte. Und mächtig krachte
der Donner. Majestätisch und gewaltig war diese Sprache der Natur und
hallte wider im vielfachen Echo von den nahen Felswänden der Berge.
Und zornig schäumten die Wasser im Wildbach drunten und brausten so
grimmig, daß ihr Toben in der kleinen Hütte deutlich vernehmbar war.
»A Hochwetter!« sagte der Wastl und sah besorgt durch eine andere der
winzigen Fensterscheiben. »'s werd do koa Muhr nit niedergiahn.«
»Tian wir beten!« mahnte die Vef.
Sie knieten alle wie sie waren auf den rauhen, holprigen Holzboden der
kleinen Küche nieder. Auch der Florl und das Regele. Und der Göd war
aufgestanden, steif und hager, und nahm den Hut vom Kopfe und betete
laut und mit zittriger Stimme den Wettersegen.
Und das Regele deckte die Augen mit ihren Händen; denn sie fürchtete
sich vor den zuckenden Blitzen und hatte Angst vor den Gewalten der
Natur, die so mächtig waren.
Und es war doch die Sprache der Heimat, die zu diesen Menschen redete
in den Donnern des Hochwetters, im brausenden Tosen des Wildbaches, im
Heulen des Sturmes, im gewaltigen Niederrauschen des Regens, im Ächzen
und Krachen und Stöhnen der vom Sturm gerüttelten Bäume. Die Heimat
sprach zu ihnen in ihren Schrecknissen und in ihren Segnungen ... die
heilige Heimat.
Mit ihrer strahlenden Sonne sah sie in ihre Hütten. Mit ihren Schauern
machte sie ihre Herzen erbeben ... die heilige Heimat. Sie gab ihnen
Obdach und Nahrung. Mit ihren Bergen ragte sie über ihren Freuden und
über ihrem Leid. Ihre Erde durchpflügten sie. Aus ihr wuchs Korn und
Frucht. Und sie dankten es ihr gläubigen Herzens ... der heiligen
Heimat.
Und Gott, der Allmächtige, Allgütige und Allbarmherzige, hatte
in seiner ewiglichen Fürsorge die Heimat im Ratschluß seines
unerforschlichen Willens über sie alle gesetzt als Herrscherin
und Mutter, als Sachwalterin seiner unerschöpflichen Güter, als
Statthalterin seiner Macht, als eine Königin von Gottes Gnaden.
Über alle Menschen ist sie gesetzt im Namen Gottes, mächtiger und
unvergänglicher als jegliches Herrschergeschlecht dieser Erde ... die
Königin Heimat. Sie segnet alle und sorgt für alle und hat alle in Eid
und Pflicht genommen und straft alle, die ihr die Treue brechen. Wir
sind in ihrer Macht ... Kinder und Untertanen zugleich ... Wer fern von
ihr stirbt, dessen Seele sehnt sich nach ihrer Erde ...
Und sie läßt uns ziehen ins fernste Land ... und lächelt dazu ... die
Königin Heimat ... Ein Würzelein hat sie heimlich eingegraben in unsern
Herzen. Das gräbt sich bei Tag und gräbt sich bei Nacht immer tiefer
und tiefer und wächst zum Baum, zum mächtigen Baum und trägt wehe
Frucht. Trägt bittersüße Frucht. Wer davon gekostet, will zurück dahin,
wo seine Wiege stand, wo er die ersten Lieder hörte, den ersten Boden
trat, das erste Brot aß. Ihre Untertanen sind wir allzumal. Keine Macht
ist größer auf Erden, weil keine Macht uns so weithin erreicht wie ihre
Macht, die über uns gesetzt ist im Namen Gottes ...
Und der Göd betete mit gefalteten, knochigen Händen, mit den sehnigen
Händen, die ein langes Menschenalter gearbeitet hatten in ihrem Dienst,
treu und unermüdlich, und die in Ehren zittrig geworden waren in ihrem
Dienst ... betete gläubig ... Herr Jesu Christ in Deinem Himmelreich
... Schütz' uns vor Dunnder, Blitz, Hagel und Wetterstreich ... Schütz'
uns, unser Vieh und unser Korn ... Such' uns nit heim mit Deinem
Zorn ... Laß Wetters G'walt vorübergehn ... Wollen allzeit in Deinem
heiligen Dienste stehn ... Wollen nit wanken und weichen von Deiner
Himmelstür ... Sind selber zu schwach, drum sorg' Du in Deiner Allmacht
für ... Vater unser, der Du bist in dem Himmel, geheiliget werde Dein
Name!
Siebentes Kapitel
Als der Florl und das Regele zum erstenmal ihr Kind aufsuchten,
hatten beide ein etwas beklommenes Gefühl. Etwas wie Scham und eine
innere Verlegenheit war es, diesem Kinde gegenüberzutreten, das ihr
eigen Fleisch und Blut war und dem sie bis jetzt so fremd und fast
interesselos gegenübergestanden hatten.
Ohne elterliche Liebe und Fürsorge war es bisher aufgewachsen, und die
Notburg hatte ihm Vater und Mutter ersetzen müssen, und wahrlich, die
Frau hatte getreulich ihre Pflicht erfüllt.
Der kleine Anderl hatte nur eine große Liebe, und das war die zu seiner
Pflegemutter. Und die Notburg hätte ein eigenes Kind nicht lieber haben
können und nicht besser betreuen können, wie das fremde Kind vom Regele.
Sie pflegte und wartete den kleinen Anderl, hätschelte ihn und
verwöhnte ihn auch, so daß sich die Nachbarsleute gar oft darüber
aufhielten. Sie werde keinen Dank dafür ernten, die Notburg, meinten
sie; und die Notburg erwiderte scharf, daß sie wegen des Dankes
überhaupt nichts tue und daß die Leute vor ihren eigenen Türen kehren
sollten, ehe sie sich in ihre Angelegenheiten mischten. Sie war noch
immer die alte Notburg, nur etwas älter geworden und auch etwas milder
in ihrem Wesen.
Ein schmächtiges, lang aufgeschossenes Kind war der kleine Anderl, der
nun schon das erste Jahr zur Schule ging und recht fleißig lernte. So
erzählte wenigstens die Notburg und lobte ihn sehr und konnte sein
Talent und seinen Eifer nicht genug rühmen. Er war ein aufgeweckter,
bildhübscher kleiner Kerl, der Anderl, der, wie es schien, das Mundwerk
von der Mutter und die Frechheit vom Vater her geerbt hatte.
Seine Eltern betrachtete der Anderl keineswegs mit liebenswürdigen
Augen. Zeigte überhaupt gar keine Freude über den elterlichen Besuch,
so daß ihn die Notburg wiederholt strenge ermahnen mußte, doch
freundlich zu sein und schön das Handerl zum Gruß zu geben.
»Jatz, Anderl, wer bin denn epper i?« frug der Florl und griff dem
Kleinen unters Kinn. »Kennst mi nit, gelt?«
Der Anderl spreizte, wie er das vom Kramer Veit abgeguckt hatte,
breitspurig die magern Beinchen, die in langen Hosenröhren staken,
auseinander, verzog schmollend das Mäulchen und sah trotzig zu Boden.
»Hast koa Zung', Anderl?«
Der Anderl streckte unartig seine Zunge heraus, so weit er nur konnte,
aber redete kein Wort.
»Aber Anderl!« sagte die Notburg entsetzt. »Wo hast denn iatz dös
wieder her?«
»Vom Moidele!« sagte der Bub triumphierend und mit dem strahlenden
Augenaufschlag seiner Mutter. »Vom Moidele!«
Das Regele in ihrem feinen Staat machte sich jetzt an den Buben heran
und wollte ihn von der Notburg, zu der er sich geflüchtet hatte,
wegziehen. Der Anderl aber steckte seinen Kopf in die dunkle Schürze
seiner Pflegemutter und schlug abwehrend mit den Beinen um sich.
»Laß mi ... du ...« schrie er ungebärdig.
Die Notburg fuhr dem Kinde mit linder Hand über den dunklen Lockenkopf.
»Muaßt brav sein, Büabl ...« mahnte sie mit guter Stimme. »'s ist dei'
Muatter!«
»Naa!« wehrte sich der kleine Bursch energisch. »I mag nit.«
»Magst mi nit, Anderl?« schmeichelte das Regele. Sie versuchte, so
gut sie konnte, den richtigen Ton zu ihrem Kinde zu finden. Es war
aber doch schon lange her, seitdem das Regele in der Kinderstube
ihrer Mutter herumhantiert hatte, und sie schien die Art, mit Kindern
umzugehen, gründlich verlernt zu haben. Zum mindesten gelang es ihr
hier nicht bei dem kleinen Anderl. Der blieb störrisch und abweisend
und widerstand hartnäckig ihren Koseworten, und ihre Verlegenheit nahm
zu, je mehr sie sich um den Kleinen mühte.
»Schau ... Anderl, i hab' dir was mitgebracht!« lockte das Regele
neuerdings.
Der Anderl zog für einen Augenblick das Gesicht aus der Schürze der
Notburg hervor und sah neugierig auf das Geschenk, das ihm das Regele
jetzt aus einem Päckchen wickelte. Eine schöne silberne Uhr war es,
mit einer dicken Kette daran, viel zu groß und schwer noch für den
Knirps.
»Schau, Anderl ... g'hört dir!« lockte das Regele den Buben an sich
heran, während sie sorgfältig Papier um Papier von Uhr und Kette löste,
in dem beides verpackt war, und die schönen Sachen dann dem Kinde zum
Bewundern hinhielt.
»G'halt' dir's!« machte das Büabl und versteckte sich abermals unter
der Schürze der Pflegemutter. »I brauch' nix von enk zwoa.«
»Aber Anderl ... Anderl ...« mahnte die Notburg ehrlich bestürzt. »Wer
wird denn a so sein.« Und hilflos sah sie auf das Kind, das ungebärdig
jeden Annäherungsversuch seiner Eltern von sich wies.
»Brauchet halt a Tracht Prügel, der Bua!« konstatierte der Florl
unmutig. »Ist arg verzogen, kommt mir vor.«
»Der ist ja völlig aufg'hetzt gegen uns!« sagte das Regele beleidigt.
»Dös hätt's ja grad aa nit braucht!« setzte sie schnippisch hinzu.
Die Notburg zog den Kopf des Anderl gewaltsam aus ihrer Schürze hervor
und fuhr ihm mit der Hand leicht und beruhigend über das erhitzte
Gesichtl.
»Aufg'hetzt hab' i den Buben nit!« erwiderte sie sehr ruhig. »Er tut
halt a bißl fremden, der Bua!« fügte sie entschuldigend bei. Und dann
fragte sie ihn weich und gut, und das Regele neidete ihr für einen
Augenblick diese mütterlich gütige Nachsicht ... »Sag', Anderl ... für
wen hast denn alle Abend beten müssen?«
Man hätte es dieser ernsten, wortkargen Frau niemals zugemutet, wie
zart und innig ihre Stimme klingen konnte. Und das Regele fühlte in
dieser Stunde keine Dankbarkeit für die Güte dieser Frau, sondern nur
wütendblinde Eifersucht. Sie war ihr neidig um die Liebe dieses Kindes,
das ihr eigen war, und fühlte sich innerlich hilflos und beraubt.
»Für wen hast gebetet, Anderl?« wiederholte die Notburg ihre Frage von
vorhin.
»Für di!« erklärte der Bub trotzig.
»Für mi? Und für wen no?« frug die Notburg leise.
»Für mein' Vater!« sagte der Bub eigensinnig. Man sah es deutlich,
daß er damit nicht den Florl meinte, von dem er sich immer noch im
kindlichen Trotz abwandte.
Das Regele verzog spöttisch den Mund. »Für'n Kramer Veit, gelt?« frug
sie schnippisch.
»Ja. Für densell!« erklärte der Anderl frech. »Weil i den mag!« sagte
er eigensinnig.
»Und uns magst nit?« frug der Florl unmutig und mit zusammengezogenen
Brauen.
»Naa. Enk mag i nit!« sagte der Bub sehr bestimmt.
»Und warum magst uns nit?« forschte der Florl weiter. »Wir haben dir ja
nix getan.«
»'s Moidele hat g'sagt, so zwoa wie ös seid's, soll man nit mögen!«
erzählte der Kleine.
»So zwoa wia ös seid's ...« Der Hieb saß fest. Wiederholt hatten sie,
seit sie nun in der Heimat weilten, diese Rede der Geringschätzung
gehört. Zuerst vom Söllerbauer, dem Vater der Regina, und dann vom
Perlmoser, und jetzt hörten sie sie aus dem Munde ihres Kindes.
»Ös habt's enk ja nia nit bekümmert um mi ...« fuhr der Kleine altklug
zu reden fort. »Wie soll denn i enk mögen?« Und eigensinnig stampfte
der Bub mit beiden Füßen und hatte jetzt mit seinem frechen Gesichtl
eine so auffallende Ähnlichkeit mit dem Florl von einst, wie er noch am
Alpl droben war, daß der Florl ungeachtet seines Ärgers hellauflachen
mußte.
»Ist ja recht nett von dir!« meinte er dann trocken, spitzte die Lippen
und pfiff leise vor sich hin.
»Wer ist denn das Moidele, das dich so aufg'hetzt hat?« frug das Regele
über eine Weile, in der eine peinliche Stille in der kleinen Wohnstube
der Notburg geherrscht hatte.
»Das ist halt sei' G'spielin!« erklärte die Notburg. »Schon woltern
alt für ihn, aber a bissele schwach da oben.« Die Notburg tupfte mit
dem Finger auf die Stirn. »Ist schon bald ausg'schult, 's Madl, spielt
aber mit'n Anderl, als ob sie erst sieben oder acht Jahr' alt wär'. Du
kennst sie epper wohl no ...« wandte sie sich dann an das Regele. »'s
Kind von der Mena ist's ... woaßt wohl ... die sell, die ins Wasser
gangen ist.«
Da wurde das Regele ganz still und in sich gekehrt und sagte kein Wort
mehr. Sie mahnte ihren Mann aber bald zum Aufbruch; denn es wurde ihr
auf einmal schwül in der kleinen, sauber hergerichteten Stube.
Sie mochte nicht gerne erinnert werden an jene harten Stunden
seelischen Erlebens, welche die schwersten waren in ihrem jungen
Dasein. Wozu auch? Diese Zeiten gehörten ja nun, Gott sei Dank, der
Vergangenheit an, und sie brauchte nicht mehr daran zu denken. Und sie
dachte auch nie mehr daran, wenn sie draußen war in der großen Welt,
die voll Glanz und Erfolg für sie war.
Seitdem sie aber wieder in der Heimat weilte, lebten die alten
Erinnerungen mächtig in ihr auf. Das Regele wäre eigentlich froh
gewesen, wenn sie nur wieder bald hätte fort dürfen. Es gefiel ihr im
Grunde alles nicht mehr so recht in der Heimat. Die Leute sahen sie
mit scheelen Augen an, das fühlte sie gar wohl, und ihr und des Florl
nobles Auftreten schien ihnen nicht viel Eindruck zu machen.
Auch bei ihren Angehörigen fand sie nur wenig Entgegenkommen und
Verständnis. Dem Söllerbauer gefiel es zwar, daß der Florl viel Geld
aufzuweisen hatte; denn für Geld hat der Bauer immer ein Verständnis.
Daß aber die jungen Leute nur durch ihr Singen allein das Geld
erworben hatten, das wollte dem schwerfälligen Dickschädel nicht recht
einleuchten.
»Dös ist a Faulenzerei und a Lotterei!« erklärte er mit Bestimmtheit.
»Und so eppas tuat a rechtschaffener Mensch nit. Handeln ... ja ...
dös lass' i gelten ... und nebenbei singen ... wia dös der Kramer Veit
macht. Aber lei so umananderziechen und 's Maul aufreißen und singen
... dös ist koa Arbeit nit!« sagte er mißbilligend.
Die Söllerbäuerin hatte ihre ganze Überredungskunst aufbieten müssen,
daß der Vater überhaupt die jungen Leute unter sein Dach aufnahm. Gar
nicht wollte er sich dazu verstehen. Bis die Bäurin zornig wurde und
ihn anschrie. Da gab er nach; denn der Gewalt dieser Stimme unterwarf
er sich. Aber innerlich grollte er noch immer über »dö elendige
Faulenzerei« und brummte darüber, »daß man sich vor die Leut' schamen
muaß, wia dö zwoa Tagdieb' nix tian wia umananderziagen.«
Der Florl und das Regerl waren recht niedergeschlagen und betraten das
elterliche Heim mit geduckten Köpfen und mit dem demütigenden Gefühl,
hier bloß geduldet zu sein.
Es war ein recht bescheidenes Kämmerlein, welches das junge Paar
bewohnte, und niemand im Haus achtete sonderlich auf sie. Sie gingen
alle ihrer Arbeit nach wie sonst und hatten, da es Sommer war, alle
Hände voll zu tun.
Und es war schon wirklich so, wie es der Söllerbauer in seinem Zorn
hinausschrie. Arbeiten mochten sie nimmer, die beiden. Das schienen sie
gründlich verlernt zu haben. Etliche Wochen waren sie nun schon daheim
und hätten sich vom Faulenzen und Nixtun eigentlich schon erholt haben
können, meinte der Söllerbauer.
Wenn die andern, ja sogar die Bäurin, jetzt im Morgengrauen an die
Arbeit gingen, dann schliefen der Florl und das Regele bis tief in den
Tag hinein. Sogar eine eigene Bedienung beanspruchten sie; denn dem
Regele fiel es nicht im Traum ein, auch nur einen Stiefel zu putzen,
geschweige denn ihre Kammer aufzuräumen.
Dazu hatte sie sich ihre jüngere Schwester, die Zenz, abgerichtet. Denn
das Regele mußte die Pfötchen hübsch weiß und zart erhalten für den
Winter, wo sie wieder auf Reisen mit dem Florl gehen wollte.
Was aber den Söllerbauer am meisten gegen die jungen Leute erboste, das
war, daß ihnen jeder Sinn für bäuerlichen Fleiß und bäuerliche Arbeit
abhanden gekommen war. Denn nicht ein einziges Mal hatten sie mit
zugegriffen bei der Feldarbeit. Und wenn alle am Hof, auch die Bäurin
und das jüngste der Kinder, das noch kaum einen Rechen ordentlich
halten konnte, draußen bei der Heumahd waren und im Sonnenbrand
schufteten, daß ihnen der dicke Schweiß von der Stirne perlte, da
spazierten der Florl und das Regerl in ihren feinen Gewändern müßig
herum, besuchten Bekannte oder machten Ausflüge in die Nachbartäler.
Sie fühlten es gar wohl, die jungen Leute, daß man sie in der
Heimat als Müßiggänger verachtete und ihnen nur wenig Freundschaft
entgegenbrachte. Sie merkten es, wenn sie zum Nachbar hinüber auf dem
Perlmoserhof zum »Hoangart« kamen, daß ihnen der Perlmoser am liebsten
die Türe vor der Nase zugeworfen hätte.
Und als es gar erst aufkam, daß sie die Rosina zu der verflixten
Singerei beredet hatten, da war es bei dem Perlmoser aus und vorbei.
Wie zwei Vagabunden wies er ihnen grob die Türe. Und sie sollten sich
nicht mehr unterstehen und sein ehrliches Haus betreten. Das sei zu
schade »für söllene zwoa ... wia ös seid's!« schrie er sie an.
Überall, wohin sie kamen, fühlten sie offen oder versteckt das gleiche
Mißtrauen. Nur ein paar von den ganz jungen Leuten schlossen sich ihnen
an und lauschten gierig auf die Erzählungen aus der Fremde.
Der Florl biß die Lippen zusammen, und zwei eigensinnige Falten
prägten sich in seine glatte, junge Stirne ein. Er litt unter der
Mißachtung seiner Landsleute weit mehr als das Regele, die wie ein
eitles Pfauenweibchen leichtsinnig und geputzt herumging. Sie achtete
scharf auf die neidischen Gesichter ihrer Geschlechtsgenossinnen;
denn sie wußte genau: neidig waren sie ihr ... trotz allem. Der Florl
aber schwor es sich, daß sie ihn und sein Weib einmal noch weit mehr
beneiden sollten wie den Kramer Veit.
»Platzen soll'n 's no vor Neid!« sagte er oft wütend zu dem Regele
und ballte die Fäuste. »I werd' ihnen den Faulenzer und Tagdieb schon
geben! Wenn i erst mehr Geld hab' ... die soll'n Augen machen. Nachher
kriechen's vor mir, das weiß i!«
Das Regele dachte nicht viel darüber nach, auf welche Weise denn der
Florl noch mehr Geld zusammenbringen wollte. Sie war zufrieden, daß er
das mit ihr überhaupt besprach, und hatte volles Vertrauen zu ihm, daß
er es auch erreichen würde.
Sie teilte auch nicht die Sorgen ihres Mannes um die allernächste
Zukunft, die ihn jetzt oft arg bedrückten. Und diese Sorgen waren
eigentlich recht schwer und verursachten dem Florl viel Kopfzerbrechen.
Aber er wußte: durchhalten müsse er um jeden Preis. Feig durfte er
nicht sein, sondern er mußte das Angefangene mit Energie vertreten.
Der Kramer Veit hatte sich, das stand unwiderruflich fest, von dem
Florl losgesagt. Er tue bei dem neuen Unternehmen nicht mehr mit, hatte
er ganz entschieden erklärt.
»Denn siegst, Florl ...« meinte der Veit, als sie wieder einmal
zusammen über die Sache sprachen ... »eigentlich hab' ich's oft schon
bereut, daß i dich und 's Regele damals mit auf meine Reisen g'nommen
hab'. I hätt's nit tun sollen ... dös ist mir klar g'worden!« sagte er
sehr ernst. »Ös zwei seid's ... nimm mir's nit verübel, Florl, aber i
muß es sagen ... andere Menschen g'worden da draußen. Die Luft hat enk
g'schadet ... dö habt's nit vertragen.«
Schwer und wuchtig legte der Kramer Veit seine Hand auf die Schulter
des Florl, der vor ihm in fast demütiger Haltung stand. Gegen die
urwüchsige, bodenständige Kraft dieses Mannes kam der Florl nicht auf.
Beinahe wie ein Schulbub nahm er sich gegen den Veit aus, und der Florl
wußte es auch, daß ihm der Kramer in jeder Hinsicht weitaus überlegen
war.
»Und i mag's nit verantworten, Florl ...« fuhr der Kramer Veit zu reden
fort, und seine Stimme klang ungewöhnlich weich ... »daß jetzt no
andere junge Leut' in dös fremde Erdreich verpflanzt werden. 's tuat
ihnen nit gut!« sagte er mit einem Anflug seiner gewöhnlichen Energie.
»I weiß es bestimmt. 's geht wie mit 'n Edelweiß. Wie schön blüht der
am Joch droben. Aber Bua ... tua'n aber vom Joch und pflanz' ihn im Tal
herunten ein ... wia sieht er nachher aus? Ist a Edelweiß und do keiner
mehr. A traurige Blüah ... daß oan 's Herz schwer werden könnt', wenn
man ihn siecht.«
Schier traurig sah der Kramer Veit auf den Florl herab, den er weitaus
überragte. »Grad a so wie du und 's Regele. Seid's Bauern und do keine
mehr. Und, desweg'n sag' i mi los von enk!« fuhr er leiser sprechend
fort. »Verantwort' du's ... wenn du kannst, Florl ... was du aus die
jungen Mannder und die Dirndeln machst. Und i rat' dir's gut ...«
beinahe drohend kam es über die Lippen des Kramer Veit ... »lass' die
Händ' weg davon! 's geht nit gut aus, das was du sinnst und planst.«