»Magst sie schon bringen, dei' Madl ...« meinte er, etwas weicher

gestimmt. »Anschaug'n kann i sie ja. Aber das sell sag' i dir glei'

... deswegen übergib i no lang nit. Und wann sie aa no a so a schian's

Fötzl hermacht. Dassell rührt mi nit, sag' i dir. Schon gar nit!« ...

Es hat ihn aber dann doch umgestimmt, den Göd, als er die ehrliche

und fast kindliche Freude des Mädels über das Hoamatl sah. Völlig

gerührt war der alte Mann geworden, weil die Vef alles so schön fand

und die Gegend so lobte. Da wurde ihm der Blick feucht, und die Stimme

zitterte, und der zahnlose Mund zog sich noch mehr in die Breite und

wurde zum freundlichen Grinsen.

»Ah a so!« machte er. »Schian dunkt's di da, Madel! Wohl schian? Ist

freili schian. Freilich! Wann's aa nit extra groß ist. Zwoa Goaß und a

Kuah! Ist wohl epper z'wenig für enk zwoa, ha?«

Die Vef schüttelte den Kopf und lachte wie immer ihr strahlendes

lustiges Lachen.

»Ah sell tut's leicht!« meinte sie sehr zufrieden. »Und halten wollt'

i Enk, Göd ... wie mein' eigenen Vater!« sagte sie warm und nahm die

blutleere kalte Hand des Alten in ihre warme Hand. »Sollt's es recht

... recht fein haben bei uns!« versprach sie.

Der Alte blinzelte mit seinen kleinen Augen, die so tief in ihren

Höhlen lagen, erst auf den Wastl und dann auf die Vef, die vor ihm in

der Stube standen. Dann zog er die scharfe Adlernase ein paarmal in die

Höhe, als müsse er durch sie eine höhere Erleuchtung einschnuppern.

»Ist a toll's Mensch her ... dei' Madl!« lobte er dann befriedigt.

»Und aa a schian's Mensch her. Kannst a Freud' hab'n dermit. A recht a

saubers Mensch, dei' Vef!« murmelte er zufrieden vor sich hin. »Kann aa

ordentlich zugreifen bei der Arbeit ...« überlegte er. »Sölle Arm' wia

die dir herhat ... recht an ordentlich's Weibets, kam' mir amal für!«

nickte er immer wieder vor sich hin.

Damit war die Sache eigentlich gewonnen, und sie hatten nur mehr auf

die Gemeindebewilligung zu warten. Die ließ dann freilich noch ein

paar Jahre auf sich warten, und der alte Mann in der Gungl, der immer

gebrechlicher und kränker wurde, drängte schließlich selber zu der

Heirat und konnte es kaum mehr erwarten, bis das junge Paar in seine

Hütte einzog.

Ein kleines, enges Reich war das Gütl vom Göd. Die Heimat vom Regele

war im Vergleich ein großer Holzpalast.

Der Göd war in eine kleine Kammer neben der Stube gezogen. In der Stube

selbst schliefen die jungen Leute mit ihren Kindern, und in der Küche

wohnten sie zum großen Teil.

Da wiegte die Vef ihr jüngstes Kind und herzte ihren Erstgeborenen im

seligen Glück. Und innig und dankbar genoß sie die Liebe ihres Mannes,

der ihr wie ein treuer Knecht ergeben war.

Das Regiment im Haus aber hatte die Vef inne. Das war nun schon einmal

so. Auch der Alte fügte sich ihr gerne, brummte darüber und schmunzelte

dazu. War nicht mehr zu viel nutz auf der Welt, der alte Mann. Saß

fast den ganzen Tag steif und zittrig in der rauchgeschwärzten kleinen

Kuchel auf der Bank neben dem offenen Herd und wärmte sich. Blinzelte

in die Luft und brummte unverständliche Laute vor sich hin ...

Und wieder war's Sommer geworden in der Gungl. Die Vef hatte den Göd

mit der Aufsicht ihrer Kinder betraut und ging hinaus auf die Mahd,

ihrem Mann zu helfen. Der trug auf hochbeladener Kraxe das Heu in den

Stadel ein, und die Last war so schwer, daß der junge starke Körper bei

jedem Schritt zitterte und die Brust keuchte.

Von steiler Halde trug er das Heu, und langsam und vorsichtig, aber

sicher setzte er die nackten Füße auf den schlüpfrigen Boden. Ein

Fehltritt nur, und der Wastl wäre ausgerutscht, hätte sich, da er

nirgends einen Halt hätte finden können, überkugeln müssen und wäre

abgestürzt.

Ein mühsam schweres Ernten war das hier hinten in der Gungl. Zu

Lasttieren wurden die Menschen, und im mühseligen, nimmer rastenden

Fleiß mußten sie dem spröden Erdreich schier jede Kartoffel abringen.

Die Felswände, mit langen Gräsern bewachsen, die wie Schleier

darüberfielen, ragten glatt und mächtig oberhalb der Mahd zum steilen

Berg empor. Hie und da hatte auf brüchigem Felsvorsprung ein Strauch

oder Bäumchen sich eingenistet, und seine Wurzel gedieh und sog an dem

spärlichen Erdreich, das ihm hier Nahrung bot.

Im engen Tal brauste der Bach. Wild und ungebärdig. Haushohe Felsblöcke

lagen darin und hielten den Wellen Widerpart. Das brodelte und schäumte

und bäumte sich auf in wildem Grimm, formte sich zum Kessel und

spritzte in weißem Gischt zornig empor.

Große und kleinere Felsblöcke lagen auch verstreut in den grasigen

Halden und in unmittelbarer Nähe der Hütte. Ein windschiefer Zaun

grenzte das kleine Besitztum ab und machte es als Anwesen kenntlich.

Sogar eine kleine Gasse führte hier vorbei. Die war so steil und

steinig, daß nur die abgehärteten Füße dieser Bergmenschen ohne

Schmerzen sie gehen konnten. Dieser steinige Weg führte tiefer ins Tal

hinein, bis zu dem Rand des Gletschers. Almen lagen da drinnen, auf

denen zur Sommerszeit das Vieh aufgetrieben wurde.

Die Vef hatte ein hellfärbiges Tüchl schützend gegen den Sonnenbrand

über den Kopf gebunden, die Ärmel ihrer dunklen Jacke weit

zurückgeschoben und den Rock vorne hochgeschürzt. So stand sie auf der

Mahd und zog mit dem Rechen das Heu zu einem Haufen zusammen.

Ziemlich hoch oben auf der Halde arbeitete sie, dort wo die Felswände

anfingen und die Luft schwer zu drücken schien durch die Macht der

emporragenden Wände. Der Wastl trug gerade wieder seine gefährliche

Heulast zum Stadel herab, der knapp hinter seinem Häusl stand.

Im Gassl unten trieb ein Mann etliche Schweine vorbei. »Tschöh ...

tschöh ... tschöh ...« lockte er; denn die Tiere, eigenwillig wie sie

nun einmal sind, wollten nicht vorbei an der Hütte. Offenbar witterten

sie gutes Futter in der Nähe und wünschten Einkehr hier zu halten.

»Tschöh ... tschöh ... tschöh ...« lockte der Mann, und ungeduldig

hieb er mit seinem Stock auf die Schweine ein, daß sie grunzend und

schreiend vorwärts liefen.

Die Vef hielt mit der Arbeit inne und schaute von ihrer Höhe aus

neugierig zu dem Wanderer herab, der sich kleinwinzig ausnahm. Sie

hielt die Hand vor die Augen, um besser zu unterscheiden, wer der

Wanderer sei.

»Weit aus?« rief sie ihm mit ihrer weittragenden vollen Stimme zu.

»Nimmer gar weit!« rief er zurück.

An dem Klang der Stimme erkannte sie ihn.

»Jessas! Der Stanis!« rief sie freudig herunter. »Grüß di Gott, Stanis!«

Und dann warf sie den Rechen beiseite und kam, so schnell sie es

vermochte, über die Halde heruntergelaufen, um den alten Bekannten vom

Alpl zu begrüßen.

»Muaßt schon einer giahn, Stanis ...« lud sie ihn ein. »A Maulvoll

Milch kosten und a Brot und an Butter essen. Hab' erst heut' in der

Fruah frisch gekübelt!« erzählte sie.

»Ja ... und meine Facken?« wies der Stanis ärgerlich mit dem Stock auf

die Schweine, die schon wieder ihren eigenwilligen Weg laufen wollten.

»Dö locken wir einer da und geben ihnen an Trank. Wart', i hilf dir!«

Und resolut wie sie war, half sie dem Stanis die Schweine in den Stall

treiben.

»Schlagt dir guat an, die Gungl!« neckte der Stanis, als er in der

Küche beim Tische saß und aus der hölzernen Milchschüssel trank.

»Ausgezeichnet!« Vom Fuß bis zum Kopf musterte er sie dreist und

frech. »Hast no mehra sölle Fratzen?« meinte er dann, auf die beiden

Kinderchen deutend.

»Bis iatz grad lei dö zwoa!« sagte die Vef und hielt dem Stanis voll

Stolz das nackte dicke Bübl entgegen, damit er es gebührend bewundern

solle.

»Wia alt bist aft'n du?« frug der Stanis und beugte sich zu dem

größeren Kinde, das nur mit dem färbigen Hemdchen bekleidet am Boden

saß.

»Der? Der ist zwoa Jahr auf Martini und der kloane acht Monat. Aber

so viel a braver! So viel a braver Bua!« lobte sie und putzte das

kleine Stumpfnäschen mit ihrer Schürze. »Gelt, Ahndl, brav ist er, der

Luisele?«

Der Alte auf der Herdbank, im Lodenrock und mit dem Hut am Kopf,

brummte mit seinem zittrigen, zahnlosen Mund unverständlich vor sich

hin. Die Vef war aber ganz zufrieden mit dem, was sie für eine Antwort

hielt. Gleich wandte sie sich wieder dem Stanis zu. »Gelt, und toll ist

er?« frug sie voll Mutterstolz.

»Was geiht's aft eppar iatz ab? Zwilling?« frug der Stanis boshaft.

»Von mir aus aa. Je mehr Kinder, desto liaber!« lachte die Vef.

Da mußte der Stanis laut herauslachen über das ehrliche Geständnis.

»Wo hast aft dein' Alten, den Wastl?«

»Werd' glei kömmen.« Sie öffnete die Türe und rief mit ihrer schönen

dunkeln Stimme den Namen ihres Mannes.

»Wastl! Einer giahn! Der Stanis ist da!«

Es dauerte eine Weile, bis der Wastl kam. Der Stanis aber erzählte

indes, was sich in der Heimat draußen in der letzten Zeit ereignet

hatte.

»Der Kramer Veit ist wieder kömmen!« berichtete er nach einer kleineren

Pause.

»Ah wohl!« machte die Vef interessiert und setzte sich mit dem jüngsten

Kind am Schoß zu dem Stanis auf die Bank hin, während das größere auf

allen Vieren am Boden herumkroch. »Wohl wieder kömmen?« frug sie. »Hat

er was verzählt vom Regele und vom Florl? Sein's iatz verheirat' ... dö

zwoa?« forschte sie neugierig.

»Freilich verheiratet. Sein aa mitkömmen dö zwoa!« berichtete der

Stanis und schnitt sich mit seinem großen Taschenmesser ein gewaltiges

Stück Brot ab, das er dann fingerdick mit Butter bestrich.

»Was du nit sagst? Da sein's?« verwunderte sich die Vef.

Da kam der Wastl zur Stubentür herein und mußte sich tief bücken, damit

er nicht an den Balken anstieß. »Grüaß di Gott, Stanis!«

»Grüaß Gott aa!«

Er sah gealtert aus, der Wastl, mitgenommen von der harten Arbeit, und

tiefe Furchen hatten sich vorzeitig in dem jungen, wetterharten Gesicht

eingegraben.

»Horch, Wastl, was der Stanis verzählt!« rief die Vef wichtig. »Der

Florl und 's Regele sein hoamkömmen mit'n Kramer Veit.«

»Wohl kömmen? Ah so!« sagte der Wastl und setzte sich aufatmend neben

sein Weib. Sein Gesicht war noch aufgedunsen und hochrot von der

schweren Arbeit, und dicke Schweißtropfen standen auf der Stirn und

machten das hereinhängende schwarze Haar feucht glänzen. »Was machen's

nacher, dö zwoa?« erkundigte sich der Wastl ziemlich gleichgültig.

»Faulenzen tian's!« sagte der Stanis scharf. »Und nobel sein dir dö

zwoa g'worden! Am hellichten Werktag laufen's im Sonntagsg'wand umadum!«

»Haben's Kinder?« forschte die Vef interessiert.

»Naa. Haben koane.«

»Nit?« meinte sie verwundert und drückte ihr kleines Bübl, das vor

Wonne krähte und sie aus hellen runden Augen anlachte, innig an ihre

volle Brust. »Koane Kinder?«

»Aber dös oane ... dös Büabl ... dös hat die Notburg no alleweil?« frug

der Wastl.

»Dös hat die Notburg no alleweil!« bestätigte der Stanis. »Laßt's aa

nit her, die Notburg, und recht hat sie!« erzählte er weiter. »Söllene

zwoa, wie dir dö sein!« sagte er verächtlich und kaute laut schmatzend

sein Butterbrot.

»Ja ... und haben's aft döcht a Geld verdient mit der Singerei?« frug

die Vef weiter.

»Freilich! A woltern a Geld haben's verdient, sagt der Kramer Veit.

Söllene zwoa, wie dir dö sein!« entrüstete er sich weiter. »Wöllen iatz

no a paar Madeln und Buab'n mitlocken zu dera Singerei Aber dem Kramer

Veit ist die Sach' nit ganz g'recht. Er tu' da nimmer mit, hat er

erklärt.« Verächtlich spuckte der Stanis im weiten Bogen zur Seite.

»Dös sell glab' i schon!« meinte der Wastl schwerfällig, äußerte sich

aber in keiner Weise, wieso er zu dieser Ansicht kam.

»Ja, und was sagt aft der Söllerbauer dazu?« frug die Vef interessiert.

»Nix'n sagt er. Was soll er aa sag'n? Aber dei' Vater larmt dir anders,

Vef!«

»Mei' Vater?«

»Freili ... dei' Vater.«

»Ja ... z'wegen was denn?« frug die Vef betroffen. »Was geht denn dös

mein' Vater an?«

»Wann die Rosina aa mittuan will, bei dera Singerei.«

»Dö Rosina?« Die Vef war aufgesprungen und legte den Säugling achtlos

in die Wiege hinein. Dann stemmte sie beide Hände in die Hüften. War

ein stattlich schönes Weib geworden, die Vef, trotz der ärmlichen

Kleidung und trotz des Kindersegens. »Jatz bin i's do nimmer! Die

Rosina? Ja ... was sagst aft iatz du, Wastl?« frug sie ihren Mann

scharf, als ob dieser Schuld an der Sache trüge.

»Nix sag' i. Soll halt giahn, wenn sie's g'lustet.«

»Kimmst du bald amal zur Rosina, Stanis?« erkundigte sich die Vef.

»Kann leicht sein.«

»Sag' ... sie soll einer giahn zu mir in die Gungl. Lang dauert's ja

do nimmer, bis das Kloane kommt, und da mag sie mir auswarten. Und dö

Flausen, dö treib' i ihr aft aus, dös woaß i!« erklärte das junge Weib

resolut ...

Die Rosina hat sich aber bei der Vef nicht blicken lassen. Die Julie

war statt ihrer gekommen zum Auswarten, und der Florl und das Regele

waren auch mitgekommen, um die alten Freunde aufzusuchen.

Die Vef und der Wastl rissen da freilich beide Augen auf, als sie das

Regele und den Florl wiedersahen. So verändert, wie die waren, und

kamen ihnen so fremd vor, daß sich der Wastl und auch die Vef anfangs

wirklich hart taten mit reden.

Das Regele tat ganz besonders geziert und redete eine Sprache, wie man

sie in dieser Gegend herum nicht gewohnt war. Und fein angezogen war

sie! Hatte ein schwarzsamtenes Miederleibchen und ein helles Seidentuch

darein gesteckt, und ihr Hals guckte blühweiß und schlank daraus

hervor. Eine große goldene Brosche hielt das Tüchl ziemlich tief am

Halsausschnitt zusammen, und in den zierlichen Ohren hatte sie ein Paar

goldene Ohrgehänge, die viel zu lang und schwer waren für die feinen

Läppchen und sie unnatürlich in die Länge zogen.

Aber dem Regele schienen die schweren Ohrringe ganz besonders gut zu

gefallen; denn sie drehte und wendete das feine Köpfchen nach allen

Seiten, um sie ja recht zur Geltung zu bringen. Wie ein kokettes

verliebtes Kanarienvogerl war sie und lachte lieb und zutraulich, wenn

sie mit dem Wastl sprach. Und wenn sie mit der Vef sprach, dann war

es, als ob ein ganz klein wenig Herablassung in ihrem Blick läge. Und

eine helle Seidenschürze hatte das Regele, die so kostbar war wie jene,

welche die reichen Bäurinnen nur an den allerhöchsten Festtagen zu

tragen pflegten.

Die Vef konnte sich im Anfang gar nicht satt sehen an dem Regele. So

gut gefiel sie ihr. So fein und nobel wie sie aussah und so hübsch und

jung dabei. Wie ein junges Dirndl von zwanzig Jahren war das Regele und

sah gar nicht aus wie eine verheiratete Frau.

Der Florl erzählte lachend, wie man das Regele draußen in der Welt

immer für ein Fräulein halte, und wie es kein Mensch wisse, daß das

bildhübsche Tiroler Mädel seine rechtlich angetraute Gattin sei.

»Fräulein Regina sagen die Leut' zu mein' Grispele!« lachte der Florl

überlaut, und es klang doch etwas erzwungen, wenn man mit feinem

fühlendem Ohr zu hören verstand. Wenigstens erschien das dem Wastl

so, der, die Arme auf die Knie gelegt, vornüber geneigt dasaß und

aufmerksam zuhorchte.

»Und Verehrer hat dir die ...« prahlte der Florl weiter und legte

seinen Arm um die zierliche Figur der kleinen Frau ... »könnt' eins

völlig eifersüchtig werden, wie dö fremden Mannderleut' damit tun ...«

meinte er.

Die Vef schlug die vollen Arme über den Kopf zusammen.

»Und dös derlabst du, Florl?« frug sie voll Verwunderung. »Und bist nit

amal eifersüchtig?«

Hellauf lachte da der Florl und zog das Regele eng an sich. »Ist ja do

~mei'~ Weibl!« sagte er stolz. »Und g'hört koan als mir alloan.

Und dös andere, dös g'hört mit zum G'schäft!« erklärte er.

»Was g'hört mit zum G'schäft?« frug da der Wastl auf seine

schwerfällige Art und runzelte bedenklich die Stirn. »Wann i mei' Weib

...«

»Bua, das verstehst du nit!« erklärte ihm der Florl mit herablassender

Miene. »Dös ist dir ganz an andere Sach' und nit a so wie bei uns

herinnen. Siehst, wann sich so a frisches Tiroler Dirndl hinstellt

und zu jodeln anfangt, dann ist's aa jedesmal, als ob ihr alle Herzen

zufliegen taten. Aber das Jodeln und schian singen allein tut's nit.

Kannst mir's glauben. Da muß aa a bißl a Aufmachung dabei sein. Eppas

fürs Aug'. Und zu der Aufmachung g'hört's aa, daß wir's nit an jeden

auf die Nas'n binden, daß wir verheirat' sein. A ledig's Dirndl wirkt

besser als wie a verheirat's Weib. Kannst mir glauben.«

Selbstbewußt und energisch hatte der Florl gesprochen, und die Vef

und der Wastl hatten ihm in lautloser Stille zugehört. Sie saßen

in der düstern Küche am Tisch und bewirteten ihre Gäste mit Milch

und Butterbrot. Am Boden rutschte das älteste Bübl in seinem grauen

Flanellhemdchen, und das jüngste strampelte in der Wiege und schrie

gebieterisch nach der Mutter.

Die Vef eilte zu ihm und nahm es auf ihren Schoß. Der Göd saß auf der

Herdbank, den Hut am Kopf und wie immer in seinem grauen, abgetragenen

Lodenrock mit den schwarzen Samtaufschlägen an den Ärmeln, und murmelte

leise und unverständlich vor sich hin und bezeigte keinerlei Interesse

an den fremden Besuchern.

Die Julie hatte sich schon heimisch gemacht; denn sie sollte ja nun

etliche Wochen bei der Schwester bleiben. Sie hatte das Werktagsgewand

angezogen und versuchte nun eine kleine freundschaftliche Annäherung

mit dem kleinen blonden Buben am Fußboden herbeizuführen. Der wich ihr

aber standhaft aus, rutschte so weit er konnte von ihr weg und zu dem

Alten hinüber, der auf der Herdbank saß.

Von da aus betrachtete er die Julie neugierig, aber mit ausgesprochenem

Mißtrauen; und als die Julie ihre Annäherungsversuche so weit trieb,

daß sie den Kleinen auf ihren Arm nahm, da brüllte der Wicht ganz

ungebärdig und wollte sich gar nicht mehr beruhigen lassen.

Erst als die Vef den Buben nahm und ihn mit einem tüchtigen Klaps

dem Wastl aufs Knie setzte, hörte er zu schreien auf. Er sah aber

unausgesetzt und mit zornigem Gesichtchen zu der neuen Tante hinüber,

stets bereit, bei dem geringsten Annäherungsversuch von ihrer Seite in

ein erneutes Gebrüll auszubrechen.

»Der hat a Stimm'!« meinte der Florl anerkennend, und das Regele

schnitt ein so wehleidiges und zimperliches Gesicht, daß man es ihr

wohl anmerken konnte, wie unleidlich und zuwider ihr Kindergeschrei

geworden war.

»Gibt amal an guten Sänger ab ... mit der Lungl!« erklärte der Florl

mit Bestimmtheit.

»Möchtest ihn leicht mitnehmen auf deine Reisen?« lachte die Vef und

schaukelte ihren Jüngsten unaufhörlich im Arm hin und her.

»Den? Naa. Der ist mir no zu jung!« sagte der Florl lachend. »Aber enk

zwoa, di und den Wastl! Enk könnt' i gut brauchen.«

Dem Wastl war, seit der Florl und die Regina zu Besuch hier weilten,

etwas beklommen zumute. Er wußte nicht recht, was es war, aber es

freute ihn durchaus nicht, daß die beiden zu ihnen gekommen waren. Er

fühlte: diese beiden paßten nicht mehr zu ihnen und auch nicht mehr in

die Einsamkeit dieser Berge.

Aus dem Florl war ein Herr geworden. Ein viel feinerer Herr wie aus

dem Kramer Veit, der sich trotz jahrelanger Abwesenheit von der Heimat

in Sprache und Art doch immer gleichgeblieben war. Der Florl aber fand

nicht mehr den richtigen Ton, wenn er mit seinen Landsleuten sprach. Es

war etwas Fremdes in seinem Wesen, etwas, das sowohl den Wastl wie auch

die Vef von ihm abstieß.

Ein selbstbewußter und selbstsicherer Mann war der Florl geworden. Die

elastische, biegsame Figur von ehedem hatte er eingebüßt, war voll und

breitschultrig geworden, und die Tracht der Heimat, die er trug, paßte

so wenig zu ihm, daß es aussah wie eine Verkleidung und als habe er sie

nur zum Spaß angezogen.

Das feine, beinahe mädchenhafte Gesicht, das dem Florl früher eigen

war, sah jetzt schwammig und aufgedunsen aus und zeugte vom gesättigten

Genuß. Er hatte das Zarte und Frische eingebüßt und auch den übermütig

verwegenen Ausdruck, und etwas Bestimmtes, berechnend Schlaues war an

dessen Stelle getreten. Der kurze, braune Krausbart, der das Gesicht

umrahmt hatte, war jetzt nach städtischer Mode zugestutzt, und die

hellen Augen schauten herausfordernd und etwas frech in die Welt.

Als der Florl jetzt die Antwort gab, schaute der Wastl bis ins Innerste

erschrocken auf sein Weib. Die Vef aber lachte nur, laut und übermütig,

wie sie es stets getan hatte, und küßte ihr blondes Bübl, das auf ihrem

Schoße jauchzte und lachte, leidenschaftlich.

»So a Tolm ... a narrischer!« schimpfte sie dann lustig darauf los.

»Wir sollten da mittian? Nit zwanz'g Ross' bringeten mi amal außi aus

der Gungl!« erklärte sie mit Bestimmtheit.

Erleichtert schaute der Wastl zu dem Göd hinüber, der noch immer

teilnahmslos dasaß und nur leise mit dem Kopfe nickte.

»Könnt ihr zwei nimmer singen?« frug da das Regele in ihrer gezierten

Sprache, die sie sich zugelegt hatte. »Habt's es ganz verlernt bei

enkerer Arbeit?« Eine leise Geringschätzung lag in dieser Frage. Die

Vef parierte aber kräftig den Hieb.

»Ah wohl!« sagte sie resolut. »Singen können wir no gut. I und mei'

Wastl. Leicht besser wia ös zwoa!«

»Geht's, singt's amal oans!« forderte die Julie auf um dem Gespräch,

das jetzt peinlich zu werden drohte, eine andere Wendung zu geben.

Da sangen die Vef und ihr Wastl, und der Florl und das Regele hörten

zu. Schönheit und unverbrauchte Kraft lag in ihren Stimmen und eine

Wärme und Innigkeit, wenn sie von der Heimat sangen, daß es dem Florl

ganz eigen ums Herz wurde.

~Diese~ Innigkeit, das wußte er, die brachte weder er noch das

Regele mehr auf, wenn sie den fremden Menschen draußen die Lieder ihrer

Heimat sangen. Und beifällig nickte er immer wieder mit dem Kopfe, und

als die beiden geendigt hatten, da jubelte es in ihm auf, und übermütig

sprang er empor, hob sein Regele wie ein Kind in die Luft und wirbelte

sie im Tanz in der Küche herum.

Er pfiff und klatschte dazu mit den Händen, schlug sich aufs Knie und

auf die Fußsohlen und führte einen regelrechten und ausgelassenen

Schuhplattler auf. Und es war so befreiend frisch und ungezwungen, so

voll Lebensfreude und toller Lebenslust, ein Tanz voll von Naturkraft

und echtem Triebgefühl, wie er nur in Gottes herrlicher Bergwelt

entstehen kann und nur hier vollendet in seiner echten, ungekünstelten

Wirkung getanzt werden kann.

Das Regele wiegte sich geschmeidig und neckisch in ihren Hüften und

jauchzte und lachte, da sie den Florl so übermütig sah, und freute

sich wie ein Kind. Und jetzt erst, nachdem das Echte, Ursprüngliche in

diesen beiden jungen Menschen wieder zum Durchbruch gekommen war, jetzt

war auch die alte Herzlichkeit zwischen den Freunden wiederhergestellt.

Jetzt wurden der Wastl und die Vef zutraulicher und redeten mit ihren

Besuchern wie in alten Tagen. Erzählten ungezwungen von sich und

berichteten Nichtigkeiten ihres täglichen Lebens, die sie erfüllten

und die ihnen wichtig erschienen. Und das Regele und der Florl hörten

ohne zu unterbrechen zu, und es war ihnen, als wäre alles, was sie von

diesem schlichten Leben getrennt hatte, verschwunden ... als lebten

sie selber wie zuvor dieses schlichte Leben der Heimat, in dem sie

wunschlos glücklich waren.

Da der Wastl und die Vef fertig waren mit ihren Berichten, erzählten

der Florl und das Regele alles, wie es ihnen ergangen war in der

fremden Welt da draußen. Und je mehr sie ins Erzählen kamen, desto

fremder wurden sie wieder diesen schlichten Bergleuten, die ihnen

zuhörten.

Sie erzählten, wie sie zu Beginn ihrer Reisen hatten in kleinen

Wirtschaften singen müssen; und das Regele hatte dann einen

Teller nehmen müssen und war von Tisch zu Tisch gegangen, um Geld

einzusammeln. Aber dann war es ihnen besser und immer besser ergangen.

Man lobte ihren Gesang und drängte sich, um sie zu hören. Und

jetzt sangen der Florl und das Regele nur mehr in großen Sälen mit

weißgedeckten Tischen und mit großen Spiegelscheiben, von denen viele

Kerzenlichter ihren Schein zurückwarfen.

Die Leute, die kamen, um ihren Gesang zu hören, trugen herrliche

Kleider aus Samt und Seide und die Frauen funkelnde Edelsteine im Haar

und an den Hälsen, und ehe sie in den Saal zu dem Regele und dem Florl

durften, mußten sie Geld bezahlen, und das Geld wurde dann zu gleichen

Teilen geteilt und gehörte dem Florl, dem Regele und dem Kramer Veit.

»Ja ... aber iatz tut er ja nimmer mit, der Kramer Veit?« frug die

Vef neugierig. »Z'wegen was eigentlich?« Sie hatte mit leuchtenden

Augen zugehört, und ihre Wangen flammten; denn alles, was der Florl

und das Regele erzählten, kam ihr so wunderbar und herrlich und schier

unglaublich vor.

Der Florl runzelte leicht geärgert die Stirn und schob sein graues

Lodenhütl mit dem auffallend großen Gamsbart weit gegen den Hinterkopf

zurück.

Königin Heimat · 第 7 / 19 段