schielten die kleinen Augen auf den jungen Burschen.
»Mir scheint, der Stanis hat eppar schon z' lang nimmer g'rafft!« sagte
da die Rosina sehr ruhig mit ihrer dunklen, weichen Stimme.
Das sagte sie, weil der Stanis so ab und zu einmal ganz gerne einen
Streit vom Zaune brach, um dabei seine überschüssige Kraft auszulassen.
Der Stanis war schon ein guter Vierziger, war klein und mager und
über und über im Gesicht und am Körper haarig wie ein Aff. Aber er
hatte Muskeln, die so sehnig waren wie Stricke, und die lederfarbige
Haut spannte sich straff über die groben, herausgearbeiteten Muskeln.
Sein dunkles, schmales Gesicht war gefurcht und so hart wie aus Holz
geschnitzt. Die kleinen schwarzen Augen hatten die Schärfe eines Adlers
und zeugten von einem ungewöhnlich heftigen Temperament.
Dieses Temperament mußte ab und zu einmal zum Durchbruch kommen, und
wenn es den Stanis besonders juckte, dann stieg er vom Alpl herunter
ins Tal, ging ins Wirtshaus und soff sich einen tüchtigen Rausch an.
Ohne Rauferei lief die Sache dann niemals ab, und der kleine, sehnige
Melcher blieb fast immer Sieger, auch wenn er seine Kraft mit den
stärksten Burschen messen mußte.
So kam es, daß der Stanis weitum als Raufer gefürchtet war, und die
Burschen am Alpl vermieden es für gewöhnlich, ihn aufzuziehen. Sie
mochten ihn aber sonst gerne leiden, den Stanis; denn er konnte wie
kein zweiter Witze erzählen und boshafte Bemerkungen über andere
machen. Im Schuhplatteln war er allen über, sogar dem Florl und
dem Wastl, und er entwickelte in diesem Tanz eine fast affenartige
Behendigkeit.
Der Florl kam jetzt meist erst später zu den abendlichen Versammlungen
vor der Almhütte der Perlmoserischen und blieb nie lange. Er wußte,
daß es ohne kleine Anzüglichkeiten wegen seiner G'spusi mit dem Regele
nicht abging. Das liebte der Bursch nicht sehr und vermied es daher,
länger als nötig mit den andern zusammen zu sein.
»Könnt' mir einfallen, daß i mit auf Amerika ging'! Gang' mir grad' ab
und a Loch im Kopf. Sischt nix!« sagte da die Perlmoser Vef, um die
beginnende Plänkelei zwischen dem Stanis und dem Wastl abzulenken.
Sie wußte, daß sich der Wastl schon einige Male eine blutige Nase
vom Stanis geholt hatte. »I woaß mir eppas besser's!« fuhr sie fort
und sah auf das halbe Dutzend Mannderleute, die um die Hütte herum
lagerten. Teils hockten sie auf Steinern, teils standen sie auch an
die Balkenwände der Hütte angelehnt. Nur mit Hose und Hemd waren sie
bekleidet, und das Hemd hing lose wie eine Bluse, da es durch keinen
Gurt oder Hosenträger eingeengt war. »Soll'n ja all's Heiden sein, dö
Amerikaner!« fügte die Vef verächtlich hinzu.
»Ja ... und die Madeln tian sie als Sklaven verkaufen!« erzählte der
Wastl wichtig. »Oaner hat's amal verzählt im Dorf draußen. Dersell'
hatt's als ganz g'wiß wahr in an Buach g'lesen.«
Sie waren dem Florl und dem Regele gar nicht neidisch, die Leute vom
Alpl heroben. Nur die Rosina vielleicht, die hatte eine unbestimmte,
leise Neugierde. Sie hätte ganz gerne gewußt, wie es in dem fremden
Lande eigentlich aussah, aber sie hütete sich, irgend etwas von dieser
Neugierde verlauten zu lassen, aus Furcht, von den übrigen ausgelacht
und verhöhnt zu werden.
Die Rosina war die mittlere der drei Perlmoser Mädeln und so
grundverschieden von ihren beiden Schwestern, als ob sie gar nicht zu
ihnen gehört hätte. Schon allein ihrem Äußern nach.
Groß und schlank gewachsen war sie und hatte die tiefbraune Farbe einer
Zigeunerin. Weich und samtartig war der Teint ihres feinen, ovalen
Gesichtes, das verschlossen und streng schaute. Tiefrote Wangen und ein
brennroter kleiner Mund, über dessen vollen Lippen der matte Schatten
eines Schnurrbärtchens sichtbar war. Die kräftigen, schwarzen Brauen
stießen an der Nasenwurzel zusammen, und die dunklen, nicht sehr großen
Augen schauten finster, leuchteten aber strahlend auf, wenn die Rosina,
was selten genug geschah, einmal lachte. Die schwarzen Zöpfe waren viel
zu schwer und massig für den feinen Kopf und drückten die niedere Stirn
wie eine Dornenkrone.
Die Rosina saß meist schweigend da und beobachtete. Hielt auch nie viel
Freundschaft mit ihren Schwestern, war aber gleich diesen eine tüchtige
Arbeitskraft.
Ohne seine drei Mädeln hätte sich der Perlmoser recht schwer getan. Sie
schufteten wie Knechte, so daß er es jetzt wenigstens etwas leichter
hatte und an seiner drückenden Schuldenlast abzahlen konnte. Bis dann
die kleineren Buben herangewachsen waren. Dann würde es auch wieder
besser gehen ...
So oft die Sprache von der bevorstehenden Abreise des Florl ging,
beschlich den Wastl immer ein leises Unbehagen. Er konnte es sich
selbst nicht erklären, weshalb. Auch wenn die Vef noch so übermütig
darüber spottete und witzelte, sah er ihr doch immer nur mit Angst in
die Augen, als traute er ihr nicht so ganz.
Er wußte, daß es um Haus und Hof beim Perlmoser schlecht stand, und
daß der Bauer wiederholt schon hatte alles aufbieten müssen, um sein
Anwesen vor der Gant zu bewahren. Wäre also gerade kein Wunder gewesen,
wenn sich die Vef ins Ausland hätte locken lassen ...
Einmal, da nahm sich der Wastl ein Herz und stellte die Vef zur Rede.
Das war, wie die Perlmoser Mädeln oben am Alpl mit der Grummetmahd
fertig waren und wieder auf etliche Wochen hinunter mußten auf den Hof.
Die Julie und die Rosina waren schon vorausgegangen. Die Vef aber
stand, den plumpen, unförmlichen Korb auf dem Rücken, vor der niedern
Hüttentüre und sah recht angelegentlich ins Tal hinab. Das tat sie
zum Schein, denn in Wirklichkeit hoffte sie, daß sich der Wastl noch
blicken lassen würde, um von ihr Abschied zu nehmen.
Wenn auch die Vef manchmal recht barsch zu dem Burschen war, heimlich
hatte sie ihn lieb. Sie ließ es ihn aber nicht merken, daß ihr keiner
von allen Burschen so gut gefiel wie gerade der Wastl.
So oft auch einer sich dem Mädchen genähert hatte und mit ihr anbandeln
wollte, sie hatte bis jetzt immer einen jeden abfahren lassen. Lachte
die Burschen aus auf ihre übermütige Weise und ließ sich mit keinem ein.
Der Wastl wußte es nie so recht, wie er eigentlich mit der Vef daran
war. Tat er ihr schön, so gab sie ihm eine schnippische Rede, und wenn
er sie dann einige Tage nicht beachtete, dann führte sie geschickt ein
Gespräch mit ihm herbei und war fein und gefügig wie ein Lamberl. So
daß der Wastl wieder dreister wurde und von Liebe sprach. Holte sich
aber dann sofort wieder eine tüchtige Abfuhr von ihr.
»Daß du di grad' nit schamst!« sagte das Mädel dann herrisch. »I sag'
dir's do alleweil, was i denk. Oaner, der umadum nix ist und nix hat
... den mag i nit. Und iatz erst recht nit, weil i wieder dös Unglück
siech mit'n Regele.«
Vor zwei Tagen erst war die Vef mit dem Burschen wieder recht
abscheulich gewesen und hatte es erreicht, daß der Wastl innerlich
recht niedergeschlagen und zerknirscht ihr auf Weg und Steg auswich.
Jetzt aber, da es zum Fortgehen war, stand die Vef schon weit über eine
Viertelstunde vor der Hütte und wartete auf den Wastl. Vielleicht würde
er doch noch kommen, um ihr ein liebes Wörtl zu sagen.
Der Wastl hatte aber doch auch seinen Stolz und war trotzig und kam
nicht. Heimlich beobachtete er sie aber mit gespannter Aufmerksamkeit.
Stand auf dem Heuboden der Tenne, die hinter seiner Aste etwas erhöht
gelegen war, und spähte durch eine Holzritze. Wandte kein Auge von ihr,
und das Herz hämmerte und pochte und war ihm schwer.
Das Warten dauerte dem Mädel nun doch zu lang. Jetzt ging sie, langsam
und bedächtig. Ohne Hut und ohne Kopftuch. Der dunkle, farblose Rock
war hochgeschürzt, so daß man den grellroten Unterrock sah und die
weiße Haut der bloßen Füße. Kräftig und voll setzte die Wade an, und
beim Gehen wiegte sich die üppige Gestalt weich im elastischen Schwung.
Die Sonne sandte noch die letzten Strahlen auf die hellblonde Haarkrone
des Mädchens und ließ sie im goldenen Glanze schimmern. Etwas wie
Enttäuschung spiegelte sich in dem hübschen, rosigen Gesicht ab. Hatte
sie den Wastl nun wirklich endgültig vertrieben? Das hatte er doch noch
nie getan und wenn sie noch so garstig zu ihm gewesen war. Zum Abschied
war er immer gekommen und hatte ihr treuherzig in die Augen geschaut.
Es lag etwas rührend Gutes in diesen Augen und erinnerte an den
demütigen Ausdruck eines treuen Hundes. Gerade diese großen, dunklen
Augen des Burschen, die so schwärmerisch schauen konnten, waren es, die
der Vef so gut gefielen.
Die Vef mußte an der Aste des Wastl vorbeigehen, ehe sie zu dem Abstieg
kam. Vielleicht steckte er doch da drin verborgen und kam dann zu ihr
heraus.
Das Mädel mit dem leeren Rückenkorb ging nun, den einen Arm lässig in
die Hüfte gestemmt, langsamen Schrittes an der Aste vorüber. Sprang,
als sie zu dem sumpfigen Morast kam, der jede dieser Hütten schmückte,
gewandt von Stein zu Stein, die spitz und nicht groß herumlagen und
einen Fußweg darstellen sollten, auf dem man halbwegs trocken gehen
konnte.
Geradeaus sah das Mädel, den blonden Kopf verächtlich erhoben und die
vollen Lippen leicht zum Gesang geöffnet. Ein Liedchen summte sie vor
sich hin und hatte keinen Blick für die Hütte, in der sie den Wastl
vermutete.
Als die Vef schon ein ziemliches Stück zurückgelegt hatte, litt es den
Wastl nicht länger in seinem Versteck. Behend wie eine Gemse kletterte
er über die steile Leiter, die von außen angelehnt zum Heuboden
führte und bei jedem Tritt, den er tat, ganz gefährlich wackelte. Von
rückwärts kletterte er, sich mit den Händen an den Spreißeln haltend,
und dann sprang er bloßfüßig und ohne Kopfbedeckung dem Mädel nach. In
wenigen Minuten hatte er sie eingeholt und rief sie an.
Die Vef blieb stehen und tat verwundert. »Ah ... du bist's?« machte sie
dann gleichgültig. »I hab' mir denkt, du bist mit'n Stanis auf Streb
(Streu) aus?«
»I geh' aft schon!« sagte der Bursch, von ihrem kühlen Ton schon wieder
abgeschreckt. »Hab' dir lei B'hüat Gott sagen wollen.«
Die Vef reichte ihm die Hand hin. »Also, Pfiat Gott nachher und
wohlaufleben!« sagte sie gleichgültig. Der Wastl hielt ihre Hand fest
in der seinen.
»Sag', Vef ...« bat er dann und senkte den Blick scheu zu Boden ...
»aber sag' mir's auf Ehr' und G'wissen, wia's eigentlich steht. I halt'
das einfach nimmer länger aus!« stieß er gequält hervor.
»Was soll i dir sagen? Daß was steht?« frug die Vef resolut.
»I moan ... i will sagen ...« stotterte der Wastl ... »du sollst mi nit
a so schinden, Vef!« brach er los und fuhr sich mit der Hand über die
heiße Stirn.
»I?« heuchelte die Vef verwundert. »I schind' di ja nit. Bist wohl
völlig ganz rapplig worden, moan i!« spottete sie dann.
»Naa, no nit. Aber es könnt's oaner schon no werden mit dir!« sagte der
Wastl kleinlaut.
Das Mädchen tat, als verstünde sie ihn nicht, und schüttelte lachend
den Kopf.
»Jatz sag' mir grad' amal, was du eigentlich willst von mir!« befahl
sie und entzog ihm mit kräftigem Ruck ihre Hand, die er noch immer
festhielt.
»Gern hab' i di ... Madel ...« preßte er gedrückt hervor und wischte
sich mit dem Ärmel seines dunkelfärbigen Hemdes über die feuchte
Stirne. »Gern ...«
»Ja ... und von der Liab alloan wird man nit fett!« unterbrach sie ihn
grausam.
Da sah der Wastl auf und sein weher Blick aus seinen großen,
ausdrucksvollen Augen traf sie ins Innerste. Etwas wie Mitleid regte
sich in ihr und ließ sie sanfter werden.
»Bist ja a dummer Bua ...« fügte sie leise hinzu. »Wia oaner nur a so
dumm sein kann!«
»Also, magst mi do a bissl, Vef?« frug der Wastl mit leiser Hoffnung.
Die Vef schob die vollen Schultern gleichgültig in die Höhe.
»Was nützet's aa, wenn i di möcht'?« frug sie zurück. »I hab' dir's ja
oft und oft schon g'sagt. Zu nix Guten tat' das amal nit führen. Kannt'
sein, daß es mir ging' wia 'n Regele!« Hart preßte sie den vollen,
sinnlichen Mund zusammen und schaute dem Burschen ernst in die Augen.
»'s ist besser a so, Wastl ...« sagte sie jetzt weich ... »Besser für
mi und aa für di!«
»Vef?« Der Wastl hielt jetzt beide Hände des Mädels umklammert. »'s
hoaßt, du habst den Glöschl Hias abg'wiesen. Ist das wahr?«
»Ja!« nickte sie. »I mag ihn nit.«
»Und hätt' do a Güatl unten im Dorf ...« sagte der Wastl sinnend, und
seine tiefe, volle Stimme klang weh und bitter. »Kann vier Küh' halten
und an Ochsen ...« preßte er hervor.
»Von mir aus!« sagte die Vef. »Von mir aus zwölfe! I mag'n nit!«
Da leuchtete es in den Augen des Burschen auf.
»Vef! Auf Ehr' und G'wissen! Hast an andern gern?«
»Geht's di was an?« frug sie scharf zurück und wollte sich gewaltsam
von seinem festen Griff befreien. »Lass' mi ... du ...« gebot sie
energisch.
»Naa, Vef. No nit!« stieß der Wastl hervor. »I will die Wahrheit
wissen!«
»Und nachher?«
»Nachher ...« Der Wastl schöpfte tief Atem. »Nachher ... nachher sag' i
mein' Dienst auf und ...«
»Und?«
»Und geh' ins Tal außi, so weit i derkimm ... grad' fort von da, damit
i di nit alleweil siech!« preßte er heiser hervor.
»So!« Hart kam das Wort aus dem hübschen Mund des Mädels. »Aft gehst,
bald es da nit aushalten kannst!« stieß sie zornig hervor und stampfte
mit dem Fuß auf. »Lettfeig'n, elendige!«
Ihr Zorn machte ihn kühner.
»Aft ist's dir nit recht, Vef ...« jubelte er auf. »Aft soll i bleib'n
...«
»Geh'!« wiederholte sie ... »wenn di g'lustet. I brauch' di nit.«
»Nit?« Zweifelnd sah er ihr in die Augen und wurde auf einmal ganz
zuversichtlich ... »Schau, Vef ... wann du mi grad' a kloans ... kloans
bissele gern haben könntest ... i moan, i wisset an Ausweg, daß wir
zwoa do z'sammenkömmen taten!« sagte er bittend.
»Möchtest amend gar aa auf Amerika ummi?« spöttelte sie schon wieder.
Der Wastl schüttelte den Kopf. »Sell war' nix für mi!« sagte er
schwerfällig. »Könnt' mi nit entschließen dazu. I g'hör' in die Berg'
und du aa ... Madel!« fügte er warm hinzu. »Hab' alleweil an Zweifel
g'habt in die letzten Wochen, ob's di nit do amend ansiecht, dö Sach'
... ob du ...«
Die Vef ließ ihn nicht ausreden, sondern lachte ihm hellauf ins Gesicht.
»A so a Tolm ... a narreter. Ich sag's do alleweil, daß i nit narrisch
bin.«
»Ah nit?« machte der Wastl erleichtert.
»Naa. Aber schon gar nit. Hast mir iatz no a sölle Verrucktheit zu
sagen? I muß iatz hoamgiahn!« sagte sie barsch.
»Zu sag'n hatt' i freili no eppas ...« kam es langsam über die Lippen
des Burschen. »Kann ja a Stückl mit dir giahn, wann's dir recht ist?«
»Von mir aus.«
So gingen die beiden jungen Leute die steile Berghalde hinunter dem
Perlmoserhof zu, der drunten im Tälchen stand. Die sinkende Sonne
leuchtete im feurigen Schein über die Bergspitzen der drei Hochtäler
und übergoß die Gletscher mit ihrem rosenroten Licht.
Da sprach der Wastl von dem Plan, den er in seinem schlichten Sinn
ausgeheckt hatte. Und bei jedem Wort, das er sagte, wurde ihm leichter
und freier ums Herz.
»Siegst, Vef ... wann du mi wirklich gern haben könntest ... grad' a
bissele ... i moan, i könnt's do machen, daß wir a Hoamatl kriagen
taten, wir zwoa!« sagte er weich. »War' freilich nur a kloanwinzig's
Gütl ... aber a Hoamatl war's döcht. Und siegst, Madl ...« fing er
dann über eine Weile wieder zu reden an, da ihn die Vef mit keiner
Silbe unterbrochen hatte ... »die Sach' ist a so. A Bruder von meiner
Mutter's Vater, dersell', der Göd (Taufpate) zu mir g'standen ist ...
der hat a Güatl. Ist an oanschichtig's Mannsbild und ist aa alm a
bißl oanzoachet g'wesen. In der Gungl enten hat er's Güatl. Ganz weit
hinten, wo man sich im Winter völlig nimmer halten kann vor lauter
Schnee und Eis. Bist schon amal drein g'wesen in der Gungl, Vef?«
»Naa.« Die Vef schüttelte verneinend den Kopf, und ihre stets lachenden
blauen Augen bekamen einen ernsten, weichen Schimmer. »Einig'sechen
hab' i wohl oft in die Gungl ...« sagte sie sinnend. »Man sieht ganz
gut eini vom Alpl droben.«
Der Wastl nickte. »Ja!« bestätigte er. »Aber in dö Gegend kannst nit
sechen, wo's Güatl ist. Dös liegt no tiefer drein im Tal. Völlig in a
Schlucht ist's drein, und wia auf der Alm schaut's dir aus da drinnen!«
berichtete er weiter.
»Dös machet nix!« kam es leise über die Lippen des Mädchens.
»Gelt, nit?« frohlockte der Bursch und faßte nach der Hand des Mädels.
»Gelt, a Hoamatl war's döcht?«
Ernst sah das Mädchen vor sich hin.
»Moanst, er übergibt's ... dei' Göd?«
»Wann i zu ihm geh' und 's ihm derklär' und sagen könnt', wia's steht
zwischen uns zwoa ... könnt' sein, daß er's tat'!« meinte er langsam
und schwerfällig. »Und i wollt' arbeiten und schaffen, und nix war' mir
zu viel von der Fruah bis spat. Wann i di nur hätt', Vef!« versprach er
schlicht und innig.
Nun gingen die beiden ein großes Stück des Weges bergab, und keines
sagte ein Wort. Unten sah man schon die grünen Wiesen des Tälchens
liegen und den schwarzgrünen Fichtenwald, der es fast wie ein Kranz
umsäumte. Hand in Hand gingen sie, und es geschah zum ersten Mal, daß
die Vef den Druck des Burschen warm erwiderte.
»Wann i amal wissen tat, wohin i g'höret, aft hatt' i nix dagegen ...«
brach das Mädel dann das Schweigen. »Wann's aa no so kloan war' 's
Hoamatl ...«
Da konnte sich der Wastl nimmer halten. Ganz wild war er vor lauter
Freude.
»Also, hast mi do gern, Madel?« Er schrie die Frage jubelnd heraus, so
daß das Echo von den Felswänden des Berges widerklang.
»Freilich hab' i di gern!« lachte die Vef jetzt und zeigte ihre weißen
Perlenzähne. »Moanst, i hätt' sonst den Glöschl Hias abg'wiesen? Ist ja
a feiner Mensch her.«
»Aber i bin dir der lieber, ha?« Der Wastl wartete die Antwort gar
nicht erst ab. Schaute in die strahlenden Augen des Mädels, die innig
und verheißungsvoll aufleuchteten.
»Madel ... Madel ...« stieß er hervor und zog sie kräftig in seine
jungen, starken Arme und küßte sie.
Freilich, der Korb, den sie am Rücken trug, bildete ein großes
Hindernis für seine stürmischen Gefühle. Der mußte fort. Die Vef war
damit einverstanden, daß er ihr den Korb vom Rücken nahm und im weiten
Bogen gegen das Tälchen hinabwarf. War mit einem Male ganz gefügig, die
Vef, und duldete es sogar, daß der Wastl sie ganz gehörig abbusselte.
Sie setzte sich sogar zu ihm hin ins Gras und schmiegte sich fest und
weich in seinen Arm.
»Hab' di ja alleweil gern g'habt, du Bua, du deppeter! Grad' verstanden
hast mi nit!« gestand sie ihm dann. »Und daß i dir's glei' sag'. Es
bleibt beim busseln ... verstehst mi? Bis wir verheirat' sein und dei'
Göd übergeb'n hat. Jetzt weißt es.«
Ganz resolut war sie nun wieder und so ernst, daß sich der Wastl nimmer
getraute, ihr noch ein Bussel zu geben. Da lachte ihn das Mädel mit
ihren strahlenden blauen, übermütigen Augen an. Schlang ihren vollen,
weichen Arm um seinen Hals und preßte ihren Mund innig und heiß auf den
seinen.
»I bin ja so froh, wenn i di kriag ... Wastl ... so froh ...« flüsterte
sie.
Und lange ... lange saßen die zwei jungen Menschenkinder im Abenddämmer
und hielten sich fest umschlungen. Bis dann die Mondsichel silbern am
Firmament stand und weißer Nebeldunst vom Tal herauf zu den Bergen
stieg. Da erst trennten sie sich, die Vef und ihr Wastl.
Sechstes Kapitel
War das ein jauchzendes Glück in dem kleinen Berghöfl in der Gungl!
Drei Jahre hausten sie nun schon da, der Wastl und die Vef und
zwei kleine halbnackte Kinderchen strampelten in der engen Stube,
quietschten vergnügt und gaben der Vef alle Hände voll zu tun.
Glückselig lachte die Vef und sang und schmetterte ihre Lieder hinaus
in die Alpenwelt. Sie schaffte und arbeitete und küßte dann wieder die
kleinen nudeldicken, blonden Buben. Und jeder Tag erschien ihr zu kurz
für das große Glück, das sie genoß. So schön war's auf der Welt und so
herrlich hier hinten im Tal und in dem engen Hüttl, das ihre Heimat
geworden war.
Der Wastl arbeitete wie ein Ackergaul für Weib und Kinder und hatte
keinen anderen Gedanken wie sein junges Weib. Und hohe Zeit war es nun
wieder, daß das zweite Kindl aus der alten, wurmstichigen Holzwiege
kam; denn das dritte hatte schon seine Ankunft angekündigt, und wenn's
mit der Verliebtheit dieser beiden jungen Leute so weiter ging, dann
konnte das kleine Hüttl bald nicht mehr den reichen Kindersegen fassen.
Sie hatten noch etliche Jahre aufeinander warten müssen, die Vef und
der Wastl. Sie seien noch zu jung zum heiraten, hatte die Gemeinde
erklärt; denn so junge unerfahrene Menschen läßt man nicht heiraten.
Die hausten meistens schlecht, brächten ihr Besitztum herunter und
fielen dann der Gemeinde zur Last.
Das konnte man nicht dulden, und deshalb mußte die Liebe der beiden
noch ein wenig gebändigt werden. Bis der Wastl mündig geworden war ...
dann erst übergab ihm der Göd das Gütl und ging in den Austrag.
Es hatte viel Überreden gebraucht, bis sich der alte Mann dazu
verstand. Aber schließlich, alt war er ja genug und auch nimmer ganz
fest mit'n G'sund. Der Winter war hart, rauh und lang in der Gungl
drinnen, und wenn man da jemand bei sich hatte, der einem ein bissl
Arbeit abnahm und auch ein bissl auf einen schaute, so wäre das gerade
ja auch nicht zu verachten, dachte er schließlich bei sich. Aber bis so
ein Bauer die Herrschaft über sein Reich ... und wenn es auch noch so
klein und unansehnlich ist ... aufgibt, braucht's einen gar gewaltigen
Entschluß.
Als der Wastl das erste Mal zu dem Göd kam, um ihm sein Anliegen
vorzutragen, hatte er nur geringen Erfolg.
Der Göd war ein großer, hagerer Mann. Schier Haut und Knochen war
der Alte und gemahnte an einen starken Baum im Hochwald, dessen Mark
verdorrt war. Aber die Knochen waren stark und die Adern straff wie
Stricke. Sein Gang war steif, denn die Beine wollten sich nicht mehr
recht in den Gelenken abbiegen. Der Rücken senkte sich leicht nach
vorne, aber der Göd hielt ihn mit aller Kraft aufrecht.
Er ließ sich nicht so leicht unterkriegen von der Last der Jahre, der
alte Mann! Eisgrau war der Kopf, schmal und knochig, und eine gewaltige
Adlernase ragte kühn aus dem scharfgefurchten, bartlosen Gesicht.
Die kleinen hellen Augen lagen tief in ihren Höhlen, sahen aber scharf
wie die Augen eines Adlers. Und mit diesen scharfen Augen schaute der
Alte jetzt streng und abweisend auf den Wastl, der bittend zu ihm
gekommen war.
»Kannst nit warten, Bua ... bis i hin bin?« frug er mit seiner heiseren
Stimme, die davon zeugte, daß der Göd mit 'm G'sund nit ganz richtig
war. »Aft kriagst alles. Bist ja mei' Godlkind!« fügte er hinzu.
Der Wastl zog den Kopf ein und schaute gedrückt zu Boden.
»Dös kann aa no zwanz'g Jahr' sein!« meinte er. »Und 's Madl ...«
»Mei! 's Madl!« machte der Alte verächtlich. »'s Madl! Dös heirat' halt
derweil an andern.«
»Dös soll sie aber nit!« brach der Wastl leidenschaftlich aus. »Dös
derleid' i nit.«
Der Alte im derben, schäbiggrauen Lodenrock mit den plumpen,
bodenscheuen Hosen und unförmlichen Holzschuhen, saß eine Weile
beobachtend neben dem Burschen auf der Ofenbank der kleinen Stube. Die
flache Hand stützte er schwer auf die Bank, weil ihm das Aufrechtsitzen
hart ankam. Den grünlich schwarzen, spitzen Filzhut hatte er fast bis
über die Augen gerückt, und das rote Halstüchl, das er lose um den
dürren, adrigen Hals geschlungen trug, schien ihm auf einmal viel zu
eng zu werden. Sein zahnloser Mund mit den farblosen Lippen zitterte
leicht und unaufhörlich.
»Dös derleidest nit!« wiederholte der Göd über eine Weile und machte
sich an seinem Halstüchl zu schaffen. »Dös derleidest nit!« brummte er
ein paarmal leise vor sich hin. »Ah a so! Wohl nit!« machte er dann
nachdenklich.
»Naa.«
Langsam und bedächtig nickte der Alte mit dem zittrigen Kopfe. Dann
meinte er schwerfällig: »Unseroans hat aa manches nit derlitten.
Unseroans! 's ist aber aft do aa gangen. Guat ist's gangen. Recht
guat!« wiederholte er.
»Göd!« Gequält sah der Bursch dem Alten in die Augen, die ihn mit einem
Male hart und grausam dünkten. »Seid's iatz an alter Mann, Göd! Und
könnt's Euch leicht nimmer vorstellen, was a junger empfindet. Wenn oan
a Madel alles ist auf der Welt. Himmel und Herrgott und ...«
Da hob der alte Mann den Zeigefinger seiner knochigen rechten Hand
warnend in die Höhe. So steif und ungelenk war der und zitterte
bedenklich.
»Tua nit freveln, Bua!« warnte er. »Der Herrgott ist mehrar wia a Weib!
Tua nit freveln! Nit freveln!« wiederholte er mit seiner heiseren
Stimme. Aber dann gab er doch wenigstens seine Einwilligung, daß der
Wastl die Vef zu ihm bringen durfte.