grad für einen Tag aufs Alpl hinauf auszubitten ... »weil wir's iatz
grad gar so viel gneatig hab'n und 's Grummet döcht aa no trocken einer
bringen möchten ...« da meinte die Bäurin etwas besorgt: »Ös werd's
epper nit grad alleweil arbeiten da oben. I moan völlig, ös tanzt's die
halben Nächt' durch, weil's Madel alleweil gar a so verschlafen ist,
bald's aber kimmt.«
»Tanzen tian mir freilich aa!« lachte die Vef ihr strahlendes Lachen.
»Zu was war'n wir denn jung? Beim Tag arbeiten, daß die Schwarten
krachen, und auf d' Nacht singen und aufspielen und tanzen.«
»Mei ...« machte die Bäurin mürrisch und stemmte nachlässig den Arm in
die breite Hüfte. »I vergunn's enk wohl. Aber 's Regele ist grad so
viel jung no. Die gang' aa g'scheiter schlafen.«
»Sell tut sie schon!« bestätigte das Mädel lebhaft. »Wir schlafen aft
schon aa, bald wir müd sein!« Sie lachte übermütig und zeigte dabei
ihre blendend weißen Zähne.
»Tust mir halt a bissel achten aufs Madel, gelt, Vef?« bat die Bäurin
besorgt. »Woaßt wohl, dö Löder ...«
»Wir sein alleweil beinand, wir Madeln!« beruhigte sie die Vef. »Da
g'schiecht nix. I schau' schon drauf. Und dö Löder haben wohl aa mehr
z' tian, als wie grad auf das Grispele aus zu sein.«
Das Grispele! Dieser Spitzname, den ihr der Wastl aufgebracht, der war
dem Regele geblieben. Und daß man sie noch immer nicht für voll gelten
ließ, das war's ja auch, was dem Florl die Liebschaft mit ihr so leicht
machte.
Niemand außer ihm selber schien das Regele als erwachsenes Mädel zu
betrachten. Das kam daher, weil sie so klein und zierlich war und ein
so kindliches Gesichtchen hatte.
In dem kindlichen Gesicht aber hatte das Regele einen kleinen,
kirschroten Mund, dessen volle Lippen immer leicht fragend offen
standen. Und diese leicht geöffneten Lippen erschienen dem Florl
sehnsüchtig und hungrig und lockten ihn, sie einmal gewaltsam mit den
seinen zu schließen.
Droben, wo das Feuerl heute abend zu höchst brannte, da war's gewesen,
wo der Bursch keck und übermütig das Regele um die Mitte nahm, ihr das
dunkle Köpfchen nach rückwärts bog und sie nach Herzenslust abküßte.
»Du ... lass' mi ...« wehrte sich das Mädel schwach. »I schrei ...«
»Schrei, wenn du kannst ... du ...« neckte sie der Florl übermütig und
zog das zarte Geschöpf zu sich ins Gras herab. Dann nahm er sie wie ein
Kind aufs Knie und busselte sie ab, daß ihr Hören und Sehen verging.
»Hätt' nit denkt, daß deine Busseln gar a so fein schmecken!« neckte er
sie dann. »Völlig nit g'nug kunnt oans kriag'n davon.«
Dem Regele schienen die seinen gleichfalls sehr zu munden. Wenigstens
machte sie keine Miene, sich aus seinen Armen loszureißen, sondern
hielt ihm immer wieder ihr kirschrotes Mäulchen entgegen.
So nahm sich denn der Florl, was ihm das Mädel nicht weigerte. Eine
richtige leichtsinnige Liebschaft war's. Das erste Erwachen der Sinne
zweier unreifer Menschen.
Eine heiße Liebe war's, die an nichts dachte, keine Folgen fürchtete
und nur dem seligen Augenblick sich hingab.
Am Alpl unten merkten sie von nichts. Die Vef konnte mit Recht die
Söllerbäurin beruhigen. Das Regele war abends immer bei ihr und ihren
beiden Schwestern, tanzte und sang mit ihnen und schlief mit ihnen in
der niedern Holzkammer bis zum Morgengrauen.
Tagsüber jedoch, wenn sie das Dirndl bei der Arbeit glaubten, da fand
das Regele immer einen Vorwand, sich von den übrigen abzusondern. Und
die andern achteten nicht weiter auf sie. Was konnte man denn beim
hellichten Tag anders tun als arbeiten?
Der Florl war keck genug und kam nun auch zu seinem Mädel, wenn sie
drunten war im Elternhaus. Schlich zu ihr auf Umwegen und in der
Dunkelheit der Nacht, trotz Wind und Wetter. Und im Winter machte er
den weiten Weg zu ihr vom Tal herauf. Stapfte durch Schnee und Eis, und
der Söllerbauer wunderte sich oftmals in der Frühe, wenn er die Haustür
öffnete und den angefrorenen Schnee gewaltsam mit den Füßen von den
Pfosten stieß, über die frischen Spuren.
»Wer ist denn grad wieder in der Nacht bei all'n Wind und Wetter da
aufergangen? A so a damischer Loder ... a damischer!«
Und der Söllerbauer schüttelte unwillig seinen Kopf. »Dö jungen Leut'
von heutzutags ...« und dann brummte er etwas in seinen struppigen,
leicht ergrauten Bart hinein.
Sein Verdacht lenkte sich auf den Nachbarshof und auf die
Perlmoserischen mit den drei bildsaubern Töchtern. Daß das Regele es
war, die den Fensterlbesuch in der Nacht erhalten hatte, an das dachte
kein Mensch am Hof, am wenigsten der Söllerbauer.
Die Sorge der Mutter um das Dirndl war behoben, sowie sie das Regele
unter dem Schutz des väterlichen Daches wußte. Und gar so tief war die
Sorge auch nicht gewesen. Die Bäurin hatte an mehr zu denken den lieben
langen Tag, wie an das Regele.
Da schrie ein Kind und wollte betreut sein, und dort balgte sich ein
anderes. Da hatte ein Bub ein Loch in die Hose gerissen, und dort stand
eine Schüssel nutzlos herum und war im Wege. Da mußte man schimpfen
und zanken und zwischendurch auch wieder ein bissel arbeiten und dann
wieder nach dem Regele schrein, daß es helfe, die Schäden zu heilen.
In dem täglichen Ärger über Nichtigkeiten eines einförmigen Lebens
kam die Frau gar nicht dazu, sich viel um ihre älteste Tochter zu
bekümmern. Sie war bei ihr, und das genügte ihr. So bemerkte sie es
auch gar nicht, daß das Mädel von Tag zu Tag blässer wurde und mager
und schlecht auszusehen anfing.
Denn nun hatte es das Regele mit der Angst zu tun. Die Folgen ihres
Leichtsinns waren nicht ausgeblieben, und lange dauerte es nicht mehr,
dann würde ihre Schande offenkundig werden.
Das Regele wußte, daß der Vater sie in seinem Zorn halbtot schlagen
würde, und sie fürchtete sich vor dem Ausbruch seiner Wut. So gutmütig
der Söllerbauer für gewöhnlich war, so maßlos heftig konnte er im Zorne
sein. Und das Regele wußte auch, daß sie von nun ab keine gute Stunde
mehr bei der Mutter haben würde. Geächtet und verachtet würde sie
herumgehen, wie damals die Mena.
Wenn das Regele dran dachte, daß sie nur mehr wenige Wochen ihre
Schande würde geheimhalten können, dann überlief es sie eiskalt. Nur
noch ein paar Wochen, und sie wußten es alle, wie es um sie stand ...
Fröstelnd hüllte sich das junge Mädchen in ihr warmes Tuch und starrte
mit großen, ängstlichen Augen in die Tiefe.
Wenn sie nur den Mut aufbrächte, jetzt über den Steg zu springen. Das
Geländer der Brücke war ja so nieder! Obwohl das Regele klein war, so
reicht das Geländer doch kaum bis zur Hälfte ihres Körpers herauf. Sie
brauchte sich also nur ein ganz klein wenig nach vorne zu beugen ...
dann verlor sie das Gleichgewicht. Nur ein ganz ... ganz klein wenig,
und es war geschehen.
Das Regele beugte sich weit nach vorne, hielt sich aber gleichzeitig
ängstlich und krampfhaft mit beiden Händen an dem morschen Holze fest.
Der Steg ächzte und schaukelte in schwingender Bewegung, und unten
spiegelte sich das Mondlicht in dem dunklen Wasser. Dem Regele war es,
als sähe sie aus dem brausenden Gischt ein todblasses Mädchengesicht
auftauchen. Das zwinkerte mit den Augen und winkte ihr zu.
Jetzt, wenn sie die Hände losließ und sich weiter nach vorne beugte ...
Ein Ruck nur, und alles ... alles wäre vorbei.
Und dann?
Daß sie immer wieder sich dieselbe Frage stellen mußte, was dann wohl
kommen würde. Sie mußte die Sache zu Ende denken, ob sie wollte oder
nicht.
Alles, was sie in der Schule gelernt hatte, vom Himmel und von der
Hölle, von der ewigen Verdammnis und endlosen Pein, vom Teufel und von
Verfolgung und Qual, alles fiel ihr in dieser Stunde ein.
Wenn sie jetzt da hinuntersprang, dann würde ihr junger Leib an den
Felsen aufprallen und zerschellen. Das Leben war dann zu Ende und war
doch so schön gewesen. Trotz allem, es war schön, und sie lebte gern.
Sie fürchtete sich jetzt nur vor den Folgen ihres Leichtsinns, aber
sie wollte nicht sterben. Sie hing an dem Leben mit allen Fasern ihres
Herzens. Das fühlte sie jetzt erst so richtig, wie sie mit entsetzten
Augen in die Tiefe starrte.
Mochte das bleiche Gesicht der toten Mena auch locken da unten. Das
Regele würde ihr nicht folgen. Das vorhin war nur so eine Anwandlung
gewesen. Gott sei Dank ... das war nun glücklich überstanden.
Von abergläubischer Furcht gepackt, flüchtete das Mädel jetzt von der
schmalen Brücke fort und achtete in ihrer Angst gar nicht, daß der Steg
in allen Fugen ächzte und krachte und sich heftig schaukelnd bog.
Nur fort ... fort von da! Es war doch nicht ganz geheuer mit dem
Teufelssteg ... Bei einem Haar, und sie hätte sich in den Abgrund
gestürzt. Und das Gesicht der toten Mena hatte sie ganz deutlich aus
dem Wasser aufsteigen sehen ...
Zitternd vor Kälte und Aufregung wickelte sich das Mädel fest in das
warme Tuch ein.
Die Lichter auf den Bergen und im Tal waren nun verglommen, und auch
das Feuerl des Florl war nur mehr ein schwach leuchtender Punkt, gleich
einem verblassenden Stern.
Was der Florl wohl dazu sagen würde, wenn das Regele verschwunden war?
Denn nun stand es in der Einsamkeit dieser Stunde bei dem Mädel fest,
daß sie nicht mehr nach Hause zurückkehren würde. Sie wollte und konnte
sich nicht aus dem Leben schaffen, aber sie wollte sich auch nicht der
Schande preisgeben.
Allmählich hatte das Regele ihren atemlosen Lauf eingedämmt und ging
jetzt, ruhiger geworden, fast langsam die mondbeleuchteten Bergwiesen
hinan, dem Dörfl zu.
Wohin sie jetzt wohl ihre Schritte lenken sollte? Zu dem Florl flüchten
in ihrer Not?
Das hätte wenig Zweck gehabt. Der Florl konnte ihr ja nicht helfen und
sie nicht schützen. Wenn er auch immer wieder versichert hatte: »I
verlass' di nit, Madel. Ganz g'wiß nit. Und wie i 's Geld beinander
hab', heirat' i di ...«
Jetzt konnte er sie ja nicht heiraten. Und bis er das Geld dazu
aufbringen würde, bis dahin konnten sie beide alte Leute werden.
Daß das Leben einen Fehltritt so hart bestrafen mußte! Ob es denn
wirklich vor Gott eine so schwere Sünde war, wenn sich zwei junge
Menschenkinder in Liebe zueinander fanden?
Immer wieder stellte sich das Mädel die gleiche Frage und konnte keine
Antwort darauf finden. Sie schritt nur immer vorwärts, ganz langsam
und bedächtig, als machte sie einen Spaziergang zu ihrem Vergnügen.
Vorwärts ... immer vorwärts, und wußte nicht wohin.
Zu fast mitternächtiger Stunde kam das Regele an dem Haus des Kramer
Veit vorüber. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden sah sie
zu ebener Erde Licht schimmern.
Wenn sie da anklopfte? Die Notburg würde aufmachen und sich vielleicht
verwundert nach ihrem Begehr erkundigen. Das Regele sah im Geiste das
gleichgültige Gesicht und die kalten Augen der Frau, und sie fühlte
es deutlich, daß sie der Notburg nicht würde beichten können und auch
nicht dem fremden Manne, der heute heimgekehrt war aus der fernen
Welt. Was würden die beiden wohl verstehen von der Not des kleinen,
leichtsinnigen Mädels?
Sie mußte schon weiter wandern, das Regele. Hinaus aus dem Dörfl und
die Bergstraße hinunter ins Haupttal.
Es war auch gar nichts dabei, in der mondhellen Nacht durchs Tal zu
wandern. So still war's ringsum und so schön. Und je länger sie ging,
desto wärmer wurde ihr, und auch die innere Kälte, die sie frösteln
gemacht hatte, wich von ihr. Allmählich überkam sie eine ruhige
Zuversicht.
Weit, weit fort wollte das Regele ziehen, dorthin, wo kein Mensch sie
kannte. So wie sie war, ohne Geld und ohne Lebensmittel. Wenn sie auch
hungerte. Macht nichts. Das hielt sie schon aus. Nur fort von der
Heimat und der drohenden Schande!
In der Fremde, da würden gewiß gute Menschen sein, die sich ihrer
erbarmten. Und voll Vertrauen auf die Güte unbekannter Leute schritt
das Mädchen mutig fürbaß.
Als das Regele in das Haupttal kam, hinaus in das große Dorf mit den
stattlichen weißen Häusern und der grünen Kirchturmspitze, das sie
von ihrer Heimat aus täglich in der Ferne liegen sah und in dem sie
noch nie gewesen war, da krähte gerade ein Hahn, und ein Nachbarhahn
antwortete ihm in langgezogenen, aufgeregten Tönen. Das Regele aber
wußte, daß es jetzt die dritte Morgenstunde war und daß sie noch weit
gehen mußte, bis der neue Tag zu grauen anfing.
Mechanisch und gleichmäßig ausschreitend durchwanderte das Mädel das
Tal. Alles wär ihr hier fremd und unbekannt, und die Berge, die sich
dunkel und hoch am nächtlichen Himmel aufbauten, waren ihr neu.
Sie ging durch Dörfer und Weiler, hörte das Bellen eines wachsamen
Hundes und hörte wie im Traume das Klingen der Kirchenglocken im
Morgendämmer.
Viele ... viele Stunden ging sie, ohne zu rasten. Sie fühlte keinen
Hunger und keine Müdigkeit. Hatte nur immer das eine Ziel: Fort! Fort
von der Heimat, so weit als möglich.
Die Sonne war mit Pracht aufgegangen und hatte neues Leben in der Natur
erweckt. Leute, die im festlichen Gewand zur Kirche gingen, starrten
verwundert auf das fremde Mädchen. Das Regele grüßte kurz und schritt
rüstig weiter.
Sich nur nicht verhalten im Tal! Leicht konnte man sie daheim schon
vermissen und ihr jemand nachschicken.
Unwillkürlich mußte das Regele über diese Vorstellung lächeln. Kein
Mensch von daheim würde sie jetzt mehr erreichen können, selbst wenn
sie gewußt hätten, wohin sie gegangen war.
Was die wohl sagen würden daheim? Ob sie die Ursache ihres
Verschwindens errieten und ob sie glaubten, daß sie der toten Mena
gefolgt war?
Und der Florl? Wenn das Regele an den Florl dachte, dann schoß es ihr
heiß in die Augen. Sie hatte ihn doch recht ... recht lieb, ihren
Buben, obwohl sie in der letzten Zeit garstig zu ihm gewesen war und
ihm kaum mehr ein gutes Wort vergönnt hatte. Mit Vorwürfen hatte
sie ihn überhäuft und ihm alle Schuld allein beigemessen. Der Florl
war immer gleich gut und zart geblieben, hatte sich mit keinem Wort
verteidigt und hatte ihr nur tief in die Augen geschaut.
Ob sie ihn wohl je wiedersehen würde, ihren Florl? Und ob sie wohl
jemals wieder in die Heimat zurückkehren würde?
Je höher die Sonne am Himmel stand, desto fremder und verlassener kam
sich das Mädel vor. In der Dunkelheit der Nacht war sie tapfer und
mutig gewesen. Nun wurde sie mit jedem Schritt, den sie tat, immer
kleinmütiger und verzagter. Sie fing an, sich vor den Menschen, die ihr
begegneten, zu fürchten, und wich scheu vor ihnen aus. Rannte, ohne
auf die Müdigkeit, die sich nun bei ihr einstellte, zu achten, von der
Straße fort, querfeldein, und schlich gleich einer Diebin den Waldsaum
entlang.
Die Zeit dehnte sich, und der Weg wurde dem Mädel immer beschwerlicher.
Allmählich aber neigte sich auch dieser Tag dem Abend zu. Die Glieder
des Mädchens wurden schwer, und arger Hunger quälte sie.
Das Regele aber fand nicht den Mut, bei einem der zahlreichen
Bauernhöfe anzuklopfen und um Obdach oder Essen zu bitten. Wie eine
Bettlerin wäre sie sich vorgekommen, und die Menschen, von denen sie
Güte und Barmherzigkeit erhofft hatte, erschienen ihr jetzt hart und
grausam.
Ein schönes, weites Tal breitete sich am Ausgang ihres Heimatstales
vor ihren Augen. Ein mächtiger, kahler Berg stand blockartig da.
Rötliche Felsen, von dem Schein der sinkenden Sonne noch röter gefärbt,
erhoben sich drohend über dem Tal. Ein breiter Fluß durchzog in ruhigem
Lauf das Tal und nahm den grünen Waldbach ihrer Heimat sanft kosend in
sich auf.
Eine tiefe Sehnsucht nach der Enge ihrer Hochtalheimat überkam das
einsame Mädchen. Es gefiel ihr nicht hier draußen. Der kahle Berg, an
dem weder Höfe noch Felder und Bäume standen, erschien ihr häßlich,
und sie fürchtete sich beinahe vor ihm. Ausgestoßen und von aller Welt
verlassen fühlte sie sich hier. Und war müde und so hungrig.
Am Rand eines Waldes, abseits von Weg und Häusern, setzte sich das
Regele nieder, barg das dunkle Köpfchen in ihr Tuch und weinte. Sie
wagte sich jetzt auch gar nicht mehr fort von da. Wollte hier ausruhen
und im Freien nächtigen.
Zwei junge Mädchen, die vorübergingen, blieben stehen und sprachen
das Regele an. Wer sie sei und woher sie komme? Das Regele schaute
verwundert zu ihnen auf. Die beiden Mädeln mochten um einige Jahre
älter sein wie sie selber und sprachen in einer Mundart, die ihr fremd
und schwer verständlich war.
Schöne Kleider trugen sie, prächtige Hüte mit breiten Krempen, goldenen
Quasten an der Seite und goldener Stickerei an der Innenseite. Und
schwarze Seidenbänder hingen bis fast zum Rocksaum herunter. Noch nie
hatte das Regele eine so kostbare Tracht gesehen; denn jene ihrer
engern Heimat war weit schlichter.
Die hellen Seidenschürzen und das schwarze Sammetmieder, die silbernen
Kettenschnüre um den Hals mit der großen steinbesetzten Schließe, das
alles gefiel dem Regele so ausnehmend gut, daß sie, obwohl sie mühsam
verstand, was die Mädeln zu ihr sagten, doch gleich Zutrauen zu ihnen
faßte.
Allmählich verständigten sich die drei; denn auch den beiden Mädchen
war die langgezogene, singende Sprache des Regele ungeläufig. Aber sie
fanden doch heraus, daß das Regele von weit her gekommen war, müde und
hungrig sei und kein Obdach für die Nacht habe.
»Wohin willst nachher?« erkundigte sich die eine von ihnen mit leichtem
Mißtrauen und musterte das Regele eingehend vom Kopf bis zu den Füßen.
»An Dienst suchen.«
»In Innsbruck oder in Schwaz?« fragte die andere.
Das Regele hatte bis jetzt überhaupt nicht daran gedacht, wohin sie
gehen würde. Sie fragte daher, um einer direkten Antwort auszuweichen,
etwas verlegen zurück: »Wie weit ist's nachher noch hin?«
»Auf Schwaz, meinst?«
»Ja!« antwortete das Regele aufs Geratewohl.
»Heut' kommst amal nimmer hin!« erklärte ihr das eine der Mädeln
resolut. »Heut' bist überhaupt zu müd' dazu. Kannst mit uns geh'n, wenn
d' willst. Wir haben schon a Platzl für dich über Nacht. Und a warm's
Essen kriagst aa. Brauchst nit zu rearen deswegen!« setzte sie tröstend
hinzu, da sie sah, daß dem Regele schon wieder die hellen Tränen in die
Augen schossen.
Ein Obdach für die Nacht und ein warmes Essen hatte sie also. War aber
doch heilsfroh, das Mädel, als sie am nächsten Morgen wieder ihren Weg
fortsetzen konnte. Sie sah das Mißtrauen in den forschenden Blicken der
Leute und fürchtete ihre neugierigen Fragen. Und immer wieder mußte sie
lügen und neue Ausflüchte ersinnen. Durfte ja nicht sagen, daß sie das
Regele war vom Söllerbauer und von daheim fortgelaufen war.
Eine warme Milchsuppe zum Frühstück hatten sie ihr auch noch gegeben
im Bauernhof. Waren gute Menschen, aber es gefiel ihnen nicht, daß das
Regele allen Fragen nach ihrer Herkunft hartnäckig auswich.
Eines wußte nun das Regele. Daß sie sich im Unterinntal befand und daß
sie nur mehr etliche Wegstunden bis nach Schwaz zu gehen brauchte.
Das mußte eine große, ansehnliche Ortschaft sein! Die Leute sprachen
davon mit Stolz, und das Regele bekam völlig Angst vor den vielen
Häusern, die es dort geben sollte.
Es war Ostermontag und ein Feiertag. Das Regele hatte tags zuvor
mit keinem Gedanken daran gedacht, daß Ostertag war. Wohl sah sie
die sonntäglich gekleideten Menschen zur Kirche gehen und hörte das
feierliche Läuten der Glocken. Aber sie achtete nicht darauf, war viel
zu beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken und ihrem Unglück.
Jetzt, da sie ausgeruht und neu gestärkt war, da war sie auch wieder
zuversichtlicher geworden. Nun sah sie den stattlichen Ort vor sich
liegen. Sacht ansteigend lehnte er sich hingebreitet zu Füßen eines
Berges.
Eine große Kirche mit grünlich schillerndem Kupferdach erhob sich aus
dem Gewirr großer und kleiner Häuser. Und noch ein paar andere Kirchen
gab es da, Kirchen mit spitzen Türmen, wie sie in ihrem Heimatstal zu
sehen waren. Und Häuser standen da in engen Gassen und in Straßen und
Häuser inmitten blühender Gärten.
Die Häuser in den Straßen erschienen ihr hoch, und die Enge der Gassen
bedrückte sie so, daß sie kaum atmen konnte. Ratlos stand das Mädel auf
dem Hauptplatz des Ortes und wußte nicht, was anfangen.
Wie am Tage zuvor gingen auch hier festlich geschmückte Menschen an ihr
vorbei und der Kirche zu. Die war grau und mächtig und sah düster und
vornehm aus. Und die Glocken des Turmes läuteten langsam, feierlich und
dumpf.
Die Menschen hier hatten es eiliger wie draußen am Land. Waren mehr
beschäftigt mit sich und schauten weniger verwundert auf das fremde
Mädel in seinem ärmlichen Aufzug.
Das Regele hatte noch niemals so viele Menschen gesehen und drückte
sich beklommen und scheu in eine der stillen Seitengassen in der Nähe
der Kirche. Sie wartete, bis die Glocken verstummt waren und die
Straße, die zur Kirche führte, leer geworden war. Dann schlich sie
aus dem dämmrigen Gäßchen hervor und ging zur Kirche. Vorsichtig und
unbeholfen setzte sie Schritt für Schritt, denn sie schämte sich, daß
ihre grobgenagelten Bergstiefel auf dem Pflaster der stillen Straße
mißtönigen Lärm verursachten.
Ein mächtiger, altehrwürdiger und düsterer Bau war diese Kirche. Und
war gesteckt voll Menschen. Lange Zeit konnte das Regele überhaupt
nichts ausnehmen in dem Dämmer des hohen Gewölbes und hörte nur, daß
ein Priester von der Kanzel herab predigte. Wie aus weiter Ferne
hallten die Worte an ihr Ohr, Worte, deren Sinn sie nicht verstand.
Am Hochaltar brannten dicke Wachskerzen auf hohen Leuchtern. Und
mächtig durchbrauste die Orgel den heiligen Raum. Ein prunkvolles
Hochamt wurde abgehalten, mit Priestern in kostbar gestickten Gewändern
und mit Ministrantenbuben, die große silberne Rauchfässer schwangen.
Der Duft des Weihrauchs war stark und dem Mädchen ungewohnt, so daß sie
eine leichte Übelkeit befiel. Ein altes Weiblein, das betend in ihrer
Nähe stand, nahm sie bei der Hand und führte sie vor die Kirchentüre in
die frische, laue Frühlingsluft.
»Bist wohl fremd da, Madel, gelt?« frug sie das Regele teilnehmend und
sah ihr forschend in das blasse, müde Gesicht. Das Regele nickte stumm,
konnte aber kein Wort hervorbringen.
»Wo bleibst denn?« erkundigte sich das Weiblein weiter.
Erschrocken und furchtsam schaute das Mädel auf. Sie hatte sich auf der
Steintreppe der Kirche niedergelassen und schwer den schmerzenden Kopf
in die Hand gestützt.
»Wo du bleibst?« wiederholte die Alte ihre Frage.
Das Regele wies mit der Hand vor sich hin. »Da!« sagte sie tonlos. Sie
fand auch jetzt den Mut nicht, die Wahrheit einzugestehen.
»Hast Verwandte da, ha?«
Wieder nickte das Mädel und barg den Kopf in beide Hände. Daß es ihr so
schwer fiel, mit den Menschen zu reden, die es vielleicht gut mit ihr
meinten!
Die Alte sah, daß das fremde Mädel keine Auskunft geben wollte und
plagte sie nicht weiter mit ihren Fragen.
»Ist dir schon wieder besser, gelt?«
Das Regele nickte bestätigend. In Wahrheit aber fühlte sie sich schwach
und krank.
Die Alte war wieder in die Kirche zurückgegangen, und das Regele
schleppte sich müde und elend von dem Kirchenportal fort und schlich
langsam und demütig durch stille, einsame Gäßchen bis hinauf zu den
letzten Häusern, die zu Füßen eines alten Turmes lagen. Hier oben in
freier Höhe mit dem weiten Blick ins Inntal wurde ihr leichter.
Es war schön da oben. Grüne Felder und Wiesen im Tal und blühende Bäume
und schöne alte Gärten, vielfach von grauen Mauern abgeschlossen. Kein
Schnee lag mehr im Tal, nur die Höhen der Berge bedeckte er noch, und
warmer, milder Sonnenschein verschönte die altersgrauen Häuser des
Ortes.
An der grauen Mauer eines Gartens hatte sich das Mädel niedergelassen
und sah mit den Augen blinzelnd in den lachenden Sonnenschein. Hier
blieb sie bis zum Abend. Kein Mensch störte sie hier, und kein Mensch
sah sie.
Als es dämmerte, ballten sich schwere Wolkenmassen, und ein heftiger
Wind, vom Oberland kommend, brachte Regenschauer.
Nun mußte das Regele sich doch um ein Obdach umsehen. Sie erhob sich
schwerfällig, zog das warme Tuch über den Kopf und ging weiter. Aber
so sehr sie sich auch vornahm, an einer der nächstgelegenen Türen
anzuklopfen, fand sie doch nie den Mut dazu. Ihr Herz hämmerte heftig,
und die Angst vor fremden, unbekannten Menschen steigerte sich fast von
Minute zu Minute.