schon aushalten in Regen und Kälte. Zitternd drückte sie sich an die
Mauer eines kleinen Hauses, dessen vorspringendes Dach einigen Schutz
gegen den Anprall des vom Wind gepeitschten Regens gewährte.
Vielleicht führte ihr doch der Zufall wieder einen mitleidigen Menschen
in den Weg, der sich ihrer dann annehmen würde!
Und das Regele zog fröstelnd das Tuch enger an sich, preßte die Arme
fest zusammen und horchte ängstlich auf Tritte, die vielleicht näher
kommen würden. Aber Stunde um Stunde verrann, und kein Mensch kam an
dem Häuschen vorbei, an dem das Regele zusammengekauert saß.
Wer wohl in dem Haus wohnen mochte? Wenn sie sich nun doch ein Herz
faßte und an der Tür pochte? Man würde ihr auftun und sie ausfragen.
Vielleicht hielt man sie auch für eine Diebin und jagte sie davon.
Der Regen, vom Wind getrieben, schlug ihr immer unerträglicher ins
Gesicht. Das vorspringende Dach, das sie bis jetzt vor Nässe geschützt
hatte, bot nun gegen Wind und Regen keinen Schutz mehr. So sehr sich
das Regele auch an die Mauer drückte, sie wurde doch immer nässer. Die
Zähne klapperten vor Kälte, und die Füße und Hände wurden ihr steif.
Da fiel es dem Regele ein, daß unten bei der großen Kirche, in der sie
heute war, lange Arkadengänge um den Friedhof führten. Die würden ihr
für den Rest der Nacht Schutz gegen die Unbill des Wetters gewähren.
Der Friedhof lag knapp neben der mächtigen alten Kirche, und das Regele
hielt die Arkaden für kleine Kapellen. Sie wußte nicht, daß unter jedem
dieser Bogengänge eine Grabgruft sich wölbte. Sie dachte auch in ihrer
Sehnsucht nach einem Stückchen trockenen Bodens nicht an die Nähe der
Gräber und freute sich nur auf den Schutz gegen Regen und Sturm, den
sie nun finden sollte.
Knapp hinter der Kirche führte eine niedere Pforte über etliche
Steinstufen in den Gottesacker. Einen Augenblick zögerte das Mädchen,
weiterzugehen. Es schauerte sie, als sie ringsum Gräber sah. Die weißen
Marmorsteine leuchteten in der Dunkelheit. Gespenstisch quiekten
morsche Holzkreuze in dem Sturmwind.
Ängstlich und behutsam ging das Regele durch die Arkaden und spähte im
Finstern nach einem Platz, der ihr den Ausblick auf den Friedhof etwas
verdeckte.
Gräber, überall Gräber. Sie gewöhnte sich schon allmählich an den
Anblick. Fühlte gar keine Angst mehr und ging weiter. Suchte nach einem
Ruheplatz für die Nacht in dem Arkadengang.
Hier und da leuchtete ein kleines Öllicht in einer Mauernische. Das
Flackern der kleinen Flamme im Windzug war unheimlich und gespenstisch.
Wenn sie doch nicht hierher gekommen wäre! Jetzt beim Scheine eines
heller flammenden Öllichtes sah sie es erst, daß auch die Arkaden
Gräber waren. Sie sah hinab in eine dunkle Gruft, die mit einem Gitter
zugedeckt war. Nun fing sie zu laufen an, wollte fort von hier, hinaus
ins Freie, und wußte in ihrer Aufregung nicht mehr, welchen Weg sie
gekommen war.
Durch den Lärm ihrer eigenen Schritte erschreckt, hielt sie inne und
lauschte. Es kam ihr vor, als hörte sie gedämpft stöhnende Laute in
ihrer Nähe. Vom Turm der nahen Kirche schlug die Glocke. Ob wohl am
Ende doch eine Kirchentüre offen geblieben war?
Behutsam schlich das Regele jetzt den dunklen Säulengang entlang.
Endlos kam ihr dieser vor, und weit entfernt erschien ihr auf einmal
die Kirche, die am Ende des Friedhofs stand. Es war ihr, als erweiterte
sich das Feld der Toten, und es erschien ihr nicht mehr still und
lautlos, sondern es war, als regte sich's an allen Ecken und Enden.
Bei jedem ächzend knarrenden Laut eines Grabkreuzes zuckte das Mädel
in abergläubischer Angst zusammen und bekreuzigte sich. Kalter Schweiß
stand ihr auf der Stirn, und sie faltete betend die Hände.
»Heilige Muttergottes, hilf mir! Nimm mich in deinen Schutz!«
Es war das erste Gebet, welches das Regele seit ihrer Flucht gesprochen
hatte.
Wenn nur diese Nacht schon vorüber wäre ...
Das Regele dachte jetzt nicht mehr an ihr Unglück und weshalb sie von
daheim weggelaufen war. Dachte nicht an Schlaf und Hunger, der sie
quälte, sondern fühlte sich nur namenlos verlassen.
Auf den Steinfließen kniete sie im Säulengang und rang betend ihre
Hände.
»Heilige Mutter Maria, hilf mir!«
Und dann ein Schrei, wild und wie in Todesnot.
Dort ... dort drüben ... ganz in ihrer Nähe, hinter einem der
unheimlich weiß schimmernden Marmorsteine sah sie es wieder ... das
bleiche Gesicht der toten Mena ... und es war, als käme es immer näher
heran ... schwebte ihr zu ... näher ... immer näher ... so greifbar
nahe, daß das Regele den eisigen Hauch des Grabes zu fühlen glaubte.
Das war so unheimlich und schauerlich, daß sie gellend in die Nacht
schrie.
»Heilige Muttergottes, hilf!« ...
Am Morgen fand der Mesner, als er das Kirchentor zu öffnen kam, ein
blutjunges, fremdes Bauernmädchen besinnungslos im Arkadengang auf.
Man brachte das Regele ins Spital zu den Barmherzigen Schwestern.
Wochenlang lag sie schwer krank und im Fieber.
Und gebar einen Buben ...
Mit dem Kinde im Arm ging sie dann, als man sie wieder gesund aus dem
Spital entließ, aus der großen Ortschaft fort.
Wußte nicht wohin und kümmerte sich nur wenig darum. Es war ja auch so
gleichgültig. Ein herber, scharfer Zug hatte sich um die Winkel des
kirschroten Mundes eingegraben, den der Florl so gern geküßt hatte. Das
Regele dachte jetzt nicht mehr an den Florl. Sie dachte an nichts und
wollte auch an nichts denken.
Hartnäckig hatte sie im Spital ihren Namen verschwiegen und nicht
gesagt, wer der Vater ihres Kindes sei. Nichts erzählte sie den
Schwestern. Gar nichts. Und wenn sie auch noch so teilnehmend fragten.
Die Schwestern hielten sie für verstockt und ließen sie ziehen. Gaben
ihr noch fromme Lehren mit auf den Weg und ermahnten sie, brav zu
bleiben.
Das Regele schaute einen Augenblick verwundert auf. Brav! Sie war doch
immer brav gewesen. Hatte gebetet und gearbeitet, und das bißchen
leichtsinniger Liebe hatte sie hart genug büßen müssen ...
Das Mädel schaute nachdenklich auf das kleine Bündel, das sie im warmen
Tuche eingewickelt im Arme trug. Was sie nur mit dem Kinde anfangen
sollte! Wo würde sie denn Arbeit finden mit der kleinen Last?
Die Sonne brannte heiß auf die staubige Landstraße. Das Regele fühlte
keine Hitze, sie war nur müde und verzagt. Am Rande des Weges setzte
sie sich ins Gras und weinte still in sich hinein.
So fand sie Veit Galler, der Krämer, und nahm sich ihrer an.
»Tuifl, Madel, i moan, di kenn i!« sagte er in seiner lauten,
polternden Art und fletschte die Raubtierzähne.
Ein freudiges Erkennen kam in das verhärmte Gesicht des Mädels.
»Bist ja 's Regele vom Söllerbauer, ha?« fragte der Kramer laut
und pflanzte sich in seiner ganzen Größe vor dem schmächtigen Ding
auf. »Und dös ist g'wiß a Bua und g'hört dem Sakra, dem Florl, ha?«
erkundigte er sich und wies mit seinem plumpen Finger auf das kleine
Bündel. »Hat wohl alles b'standen, der Teufelskerl ...« erzählte er
dann weiter. »Völlig verzweifelt ist er g'wesen, weil sie di nirgends
aufg'funden haben!« berichtete der Kramer, setzte sich zu dem Mädel am
Wegrand hin und brachte sie zum reden.
Es war, als ob alles Schwere mit einem Male von dem Mädel genommen
worden sei. Mit leuchtenden Augen sah sie zu dem großen Manne auf, der
aus ihrer Heimat gekommen war und ihr von daheim erzählte.
Eine große innere Ruhe überkam das Regele. Voll Vertrauen war sie und
voll froher Hoffnung. Sie fühlte Zutrauen zu dem Kramer, fühlte die
warme Menschengüte trotz der groben, polternden Art seines Wesens.
»Ja ... und iatz, Madel? Was iatz?« Ernst und forschend sah der Kramer
Veit in das blasse Gesicht. »Bist völlig a bissl schmal g'worden, kimmt
mir für ...« meinte er mitleidig und fuhr ihr behutsam streichelnd mit
der Hand über die Wangen.
Das Regele zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie leise und tonlos.
»Wohin nachher mit dem Fratz'n, ha?« frug der Kramer Veit über eine
Weile und schaute neugierig in das verdeckte Bündel, das im Arm des
Regele lag. »Ist völlig a braver Bua, ha?« erkundigte er sich dann.
»Weil er nit amal rearen tut.«
»'s tut sich schon!« machte das Regele gleichgültig. Man sah, sie hatte
wenig Freude an dem Kind.
»Hast dir schon was ausdenkt, Madel?« forschte der Kramer Veit weiter.
»Naa.«
»Nit? Ja ... und nachher?«
»Woaß nit!« sagte das Regele gleichgültig.
Veit Galler maß das Mädel, das ihm zur Seite saß, mit scharfen Blicken.
»Ist dir hart gangen, Madel?« forschte er.
Das Regele nickte bejahend, und heiße Tränen fielen ihr über die
Wangen. Dann erzählte sie alles ... alles, was sie erlebt hatte, dem
Kramer Veit.
Ohne sie mit einem Wort zu unterbrechen, hatte der Kramer zugehört.
Als das Regele zu Ende war, herrschte eine Weile tiefes Schweigen.
»Ja ... und iatz?« wiederholte der Kramer seine Frage von vorhin.
»Woaß nit!« erwiderte das Regele. Es klang aber weniger traurig und
weniger mutlos wie zuvor.
Der Veit dachte nach. Lange ... lange Zeit. Und ruhig saß das Mädchen
an seiner Seite und schaute ihm zuweilen ängstlich fragend in das
derbe, kraftvolle Gesicht.
»Woaßt was ...« brach da der Veit das Schweigen. »Gib mir den Buab'n.
I tausch ihn aus. Bring ihn ins Dörfl eini zur Notburg und bring dir
dein' Florl dafür. Und ös zwoa tut's heiraten. Das bitt i mir aus! Nit
da bei uns herin. Da geht's nit. Wir sein no nit so weit. Aber i nimm
enk mit. Außi in die Welt. Da, wo enk koa Mensch fragt, ob's a Geld
habt's zum heiraten. Seid's jung, ös zwoa, und könnt's, wenn's brav
bleibt's, enker Glück machen. Magst, Dirndl? Schlag ein!«
Gutmütig hielt er dem Mädel seine große Hand hin. Und das Regele schlug
ein. Voll Dankbarkeit. Fragte nicht lange, was sie und der Florl wohl
würden tun müssen in der Welt da draußen. War zufrieden und voll
Vertrauen auf den Kramer Veit.
Veit Galler aber nahm das kleine, zappelnde Bündel, lud es auf seine
Kraxe, auf der er von Innsbruck kommend wieder einmal Waren für das
Ladele besorgt hatte, und brachte es der Notburg zu.
Viertes Kapitel
In der kleinen, behaglich ausgestatteten Stube, die an den Kramladen
anstieß, saß die Notburg und arbeitete. Einen ganzen Stoß Wäsche hatte
sie vor sich auf dem Tisch aufgestapelt, und neben ihrem Sitz auf
der Holzbank, die rings um die getäfelten Wände lief, lag noch ein
ansehnlicher Pack zum Ausbessern. Socken und Unterhosen und weiße und
farbige Hemden lagen da hübsch säuberlich gewaschen und geordnet zur
Flickarbeit hergerichtet.
Recht zerlumpt war er eigentlich wieder heimgekommen, der Veit. So viel
Wäsche und Zeug er auch mitgebracht hatte, überall fehlte etwas.
Zwei große Holzkoffer hatte der Bote, der einmal in jeder Woche seinen
mit Blachen überspannten Wagen hinaus ins Inntal fuhr, für den Veit
Galler mitgebracht. Bis zu dem stattlichen Dorf, dem Hauptort des
Tales, lieferte der Bote das Gepäck. Von dort aus mußte es abgeholt
werden; und da die beiden Koffer zum Aufladen für einen Maulesel
viel zu unbequem und schwer gewesen wären, mußte sich der Veit einen
Leiterwagen und ein Pferd ausborgen und sein Gepäck selber ins Dörfl
hinaufbringen.
Das gab ein Geschau, als der Kramer Veit mit den großen, dunkel
angestrichenen Holzkoffern angerückt kam. Und ein neugieriges Fragen
von allen Seiten war es, was für schönes, wertvolles Zeug denn wohl in
dem Gepäck verborgen sein würde.
»Mei ...« machte die Notburg und hob die Achseln gleichgültig. »Halt
aa grad' Wäsch' und a bissel a G'wand. Muß halt erst z'sammg'flickt
werden, weil's aa grad' umadum z'rissen ist.«
»Freilich! Freilich!« pflichtete ihr die Fragerin, eine ältere Bäuerin
aus dem Nachbarhause, bei. »An oanschichtig's Mannsbild ... woaß man
wohl! Hat aa koan Mensch nit, der ihm eppas antat'! Wirst eppar gar
nimmer fertig werd'n mit der Arbeit, bis er wieder fort geht, der Veit,
ha?« fragte sie mit lauerndem Blick.
»Ah wohl. I dermach's leicht no!« erwiderte die Notburg kurz und
schroff.
»Freilich! Freilich! Derweil hast aa leicht. Woaß man wohl!« stimmte
die Nachbarin eifrig zu.
Sie hätte gar zu gerne etwas von dem Inhalt der beiden Koffer gesehen
und war herüber gekommen, der Notburg ihre Hilfe beim Auspacken
anzubieten. Die Notburg aber ließ die Koffer inmitten der kleinen
Wohnstube stehen, wie sie waren, und klappte nur noch rasch die Deckel
zu, ehe sie sich gegen die Besucherin wandte.
Die blieb unter der Türe stehen und getraute sich nicht weiter
hereinzukommen und auch nicht mehr weiter zu fragen. Die Notburg
machte ein so entschiedenes, abweisendes Gesicht und war so gar nicht
zugänglich für kleine nachbarliche Vertraulichkeiten.
Wenn man's so recht betrachtete, war der Veit gerade auch nicht zu
neiden mit seinem mürrischen Weib, dachte die Bäuerin bei sich. Dann
kehrte sie wieder langsam in ihr eigenes Haus zurück und sah von dort
aus noch eine Weile neugierig durch das kleine Gitterfenster hinüber
zum Kramer.
Geschah der Notburg eigentlich doch ganz recht, der Z'widerwurzen, wenn
ihr der Mann bald wieder durchging. Es war kein freundlicher Blick,
den die Nachbarin hinüber warf zur Notburg, deren Gestalt für einen
Augenblick am Hauseingang zu sehen war.
Das glaubte einmal kein Mensch der Notburg, daß der Veit weiter nichts
als Wäsche und Kleider in den Koffern hatte! War ein recht ungut's
Ding, die Notburg! Hätte doch auch ein bissl was reden und deuten
können, was in den beiden Koffern steckte!
Gar nicht mehr loskommen konnte die Nachbarin von den Koffern.
So geheimnisvoll und fremdländisch wie die aussahen! Und sollten
ordentlich schwer gewesen sein. »Völlig nit zum derlupfen ...«
erzählten die beiden Burschen, die dem Kramer Veit beim Abladen der
Koffer behilflich gewesen waren.
Und der Veit hatte gar so viel lustig und selbstzufrieden
dreingeschaut. War in Hemdärmeln vor der Türe gestanden und hatte grad'
kommandiert. Und aus vollem Halse gelacht hatte er, weil ihm der eine
Koffer beinahe aus den Händen gerutscht war.
Die Leute munkelten im Dörfl, daß dieser Koffer bestimmt voll Gold
gewesen war; denn ein paar Weiber, die beim Abladen ganz in der Nähe
gestanden waren, hätten darauf schwören können, daß sie deutlich etwas
darin hatten herumrollen hören, das wie Gold geklungen habe.
Die Notburg hätte es weiter auch nicht nötig gehabt, so g'sparig zu
tun und den ganzen lieben langen Tag über ihrer Flickerei zu hocken.
Natürlich! Von reichen Leuten konnte man sparen lernen, und geizig
waren sie beide ganz gleich, die Notburg und der Veit.
Kaum daß sich der Kramer etliche Wochen daheim ausgerastet hatte, war
er schon wieder auf und davon gegangen. Hatte seine Kraxen auf die
Schulter genommen und war damit nach Innsbruck hinauf gewandert. Ganz
wie in früheren Jahren, da er noch kein so wohlhabender Mann gewesen
war.
Nur war die Kraxe, die er aus dem Tal hinaustrug, diesmal leer gewesen
und nicht mit Käselaiben schwer beladen wie in früheren Zeiten, so daß
man oft vor lauter Gewicht den Kopf des Trägers kaum mehr sehen konnte.
Ein bißchen bequemer und leichter hatte sich's der Kramer Veit also
doch jetzt eingerichtet.
Die Leute im Dörfl sahen und belauerten ganz genau, was bei dem Kramer
vorging. Und die Notburg hatte jetzt oft auch an Werktagen einen ganz
regen Geschäftsverkehr im Ladele. An den Sonntagen aber, gleich nach
der Frühmesse, da gab's im Ladele jetzt Hochbetrieb. Aus den Berghöfen
der Nachbartäler kamen die Bauern und kauften ein. Sie mußten sich doch
mit eigenen Augen überzeugen, wie der Kramer Veit eigentlich jetzt
ausschaute, und was er zu erzählen wußte.
Die Weiber kamen ins Ladele, kauften ein paar Kleinigkeiten und fingen
an, der Notburg ausführlich über ihr eigenes Leben und Treiben zu
berichten. Dabei spähten sie neugierig durch die Türe, die ins Innere
des Häuschens führte, ob sie den Veit nicht doch zu sehen kriegten.
Und wenn er sich nicht zeigte, dann fragten sie nach ihm. Wenn sie
schon einmal da herinnen waren, dann wollten sie ihn wenigstens auch zu
Gesicht kriegen.
Es war sonderbar, wie rasch die Kunde von der Heimkehr des Kramer Veit
nach überallhin gedrungen war. Eine Neuigkeit benötigt weder Post noch
andere Verbindungsmittel. Sie fliegt förmlich durch die Luft, eilt von
Mund zu Mund bis in die entlegensten Berghöfe. In der Einsamkeit sind
die Menschen hungrig nach Ereignissen. Es berichtet der eine dem andern
ungefragt, was er gehört hat und was sich im Umkreis ereignet hat.
Auch die Männer kamen an den Sonntagen nach der Frühmesse ins Ladele.
Standen mit ihren steifen, ungelenken Beinen breitspurig herum,
entzündeten sich umständlich ihre Pfeifen oder klopften die Asche
heraus und redeten dabei auf ihre Weise mit dem Kramer Veit. Sie
sprachen mit ihm ganz wie in früheren Zeiten, als ob er nie von ihnen
fortgewesen wäre, und sie lobten ihn untereinander, weil er sich immer
gleich geblieben war, gar nicht stolz geworden war und Anteil nahm an
ihren Interessen ganz so wie in früheren Jahren.
Auch die Weiber sprachen sich leicht mit dem Veit. Viel leichter
wie mit der Notburg, der man ja jedes Wörtl förmlich aus dem Mund
herausziehen mußte.
Das war beim Veit anders. Der erzählte ihnen frisch und lustig, was sie
wissen wollten, und lachte mit ihnen ... laut und polternd, daß es eine
Freude war, ihn anzusehen.
Das gab oft einen Spektakel ab im Ladele! Die Notburg war an den vielen
Lärm gar nicht mehr gewöhnt und bekam einen ganz wirbligen Kopf davon.
Denn all die Jahre her, wo sie einsam hier gehaust hatte, war der
Geschäftsbetrieb nur flau gewesen. Auch an Sonntagen. Da kamen wohl
auch die Bäurinnen, aber sie hielten sich nicht lange auf im Ladele.
Denn ratschen und sich miteinander unterhalten, das konnte man am
Dorfplatz draußen weit besser, als in dem engen Raum drinnen.
Jetzt aber, da der Veit hier war, jetzt war's völlig unterhaltsam
da drinnen. Der erzählte mit seiner lauten, polternden Stimme, und
die Weiber brauchten sich keinen Zwang anzutun, um ihre Stimmen
einzudämmen, sondern konnten auch mitreden, wie ihnen der Schnabel
gewachsen war.
Reden aber, besonders wenn es recht freundlich klingen soll, bedeutet
bei den Bergbauern, daß sie sich gegenseitig mit der ganzen Kraft,
deren ihre Lungen fähig sind, anschreien. Das Schreien, das sind sie so
gewohnt und merken es gar nicht. Würden es auch arg verübeln, wenn man
sie darauf aufmerksam machte.
Sie wohnen entlegen und oft stundenweit entfernt voneinander und
begegnen sich nur selten. Sehen sie einmal einen zufällig des Weges
kommen, dann grüßen sie ihn von ferne. Bieten ihm die Tageszeit und
halten für eine Weile mit der Arbeit im Feld inne. Und er ruft ihnen
den Gruß zurück und fügt wohl auch ein scherzhaftes Wörtl hinzu.
Oft können sie die Gesichter gegenseitig kaum richtig unterscheiden
und sehen nur von ferne, ob es ein Bekannter ist, und ob er jung oder
alt sei. Aber sie hören gegenseitig ihre Stimmen und rufen sich die
Neuigkeiten aus der Ferne zu.
So ein Geschnatter am Sonntagmorgen, wenn sich Bergbäurinnen
zusammenfinden, muß man gehört haben! Das schreit und lärmt in
langgezogener, etwas singender Mundart. Lauter gute, freundliche Worte,
die aber ungeübten Ohren unverständlich und rauh vorkommen.
Veit Galler, der Krämer, aber verstand sie, und ihn störte der Lärm
der schreienden Stimmen nicht im mindesten. Er freute sich über den
heimischen Klang wie ein Kind, und dieser erschien ihm wohltönend und
schöner wie Musik.
Völlig beliebt hatte sich der Kramer Veit seit seiner Rückkehr bei den
Bergbauern gemacht. Von allen Seiten lud man ihn ein, doch auch einmal
zu ihnen zu kommen und einen Schnaps bei ihnen zu trinken.
Die Leute im Dörfl waren nicht so zuvorkommend wie die Bergeler. Das
kam daher, weil sie den Veit doch für einen ihnen Fremdgewordenen
hielten, für einen, der sich von ihnen zum Teil losgesagt hatte und
besser geworden war wie sie. Es war hauptsächlich Neid und Mißgunst,
die da keine richtige Freundschaft zu ihm aufkommen ließen ...
Der Kramer Veit keuchte die kleine, sonnige Bergstraße vom Tal herauf
ins Dörfl. Hochbeladen war die Kraxe, und obenauf hatte er ein
sonderbares Bündel geschnürt.
Aus den Türen und Fenstern guckten die Weiber und Kinder verstohlen auf
den Kramer und rieten, was wohl in dem Bündel sein würde. Ein junger
Bursch stand am Dorfplatz beim Brunnen und tränkte eine Kuh.
»Hast schwar aufg'laden, Kramer?«
»Ja. 's tut sich.«
Weiter ging der Kramer bis vor sein Haus hin. Dort machte er auf der
Holzbank Rast und stellte die Kraxe nieder. Wischte sich umständlich
mit dem rotgeblumten Taschentuch den triefenden Schweiß von dem Gesicht
und klopfte dann an das Fenster der Stube, wo die Notburg in einer Ecke
über ihre Arbeit vertieft dasaß.
»Notburg!«
Die Notburg sah von ihrer Arbeit in der Stubenecke auf, legte dieselbe
langsam aus der Hand, ging gemächlich und ohne Aufregung zu dem
Fenster hin, öffnete es und versuchte den Kopf durch das vergitterte
Fensterkreuz zu stecken. Sie sah die Kraxe auf der Bank unten vor dem
Fenster stehen, sah, daß der Veit wieder einmal schwer aufgeladen
hatte, und schaute in sein erhitztes, fröhliches Gesicht.
»Kommst nit einer?« fragte sie den Mann.
»Naa!« lachte der Veit breit zu ihr hinauf und zeigte fletschend seine
gelbweißen Zähne, über die sich die wulstige Oberlippe weit nach oben
schob. »Komm' du z'erst außer!« forderte er sie auf und machte dabei
ein ganz pfiffiges Gesicht.
»Zu was denn?« frug sie mürrisch zurück.
Die Notburg war im Lauf der Jahre etwas dick und schwerfällig geworden
und liebte es nicht, unnötigerweise von ihrer bequemen Ruhe aufgestört
zu werden.
»I hab' dir was mitbracht, Notburg ...« sagte der Veit und dämpfte
seine Stimme geheimnisvoll. »Geh' nur her da. Kimm ...« lud er sie ein
und winkte ihr mit dem Finger seiner plumpen Hand. »Du kannst besser
umgehen mit dem Zeug wia i. Bin froh, wenn i's abg'laden hab'!« fügte
er erleichtert aufatmend hinzu und runzelte leicht die Stirne.
Da kam die Notburg aus der Ladentüre heraus. Langsam und gemächlich und
gar nicht neugierig. Groß und stattlich stand sie unter der Türe im
prallen Sonnenschein des Hochsommertages, und trotz ihrer vorgerückten
Jahre war sie noch immer eine hübsche Frau.
Die schweren Zöpfe, die sie zur Krone gewunden um den Kopf trug, waren
jetzt freilich viel dünner geworden, und das helle Aschblond ihrer
Haare schimmerte im matten Grau. Das schwarze, schmale Samtband, das um
den Scheitel gelegt war und über das sich die Haarkrone aufbaute, stand
gut zu der grauen Farbe und verlieh dem Haar ein äußerst sauberes und
ordentliches Aussehen.
Das einst sonngebräunte Gesicht der Frau war jetzt zart und beinahe
weiß vom vielen Stubenhocken und sah ernst und so strenge aus, als
hätte das Weib niemals im Leben das Lachen gekannt.
Die Notburg hatte es gar nicht eilig mit dem Herauskommen und
war auch nicht im mindesten neugierig auf das, was der Veit ihr
mitgebracht hatte. Sie war nur herausgekommen, um ihm den Willen
zu tun. Freude hatte sie ja doch mit nichts. Es war ihr alles so
furchtbar gleichgültig, und sie gab sich auch gar keine Mühe, ihre
Gleichgültigkeit zu verbergen.
»Wirst Augen machen!« lachte der Veit und sah die Frau listig von der
Seite an, während er die Gurten von der Kraxe zu lösen begann. »Geh'
nur aber da von die Staffeln und schau dir's an!« Und dabei hielt er
der Notburg das Kind vom Regele entgegen, das er oben auf die Kraxe
geschnürt hatte.
Mit ungeschickten Händen hielt er das kleine Bündel, aber doch zart
und fürsorglich. Und seine runden, etwas vorstehenden Augen hatten
einen etwas ängstlichen Ausdruck, als fürchtete er, das winzige
Wesen mit seinen derben Händen zu zerdrücken. Das Kind, das in dem
schwarzwollenen Tuch fest eingewickelt war, wimmerte leise und kläglich.
»Hat Hunger!« sagte der Veit grinsend. »Mußt ihm gleich a Milchele
sieden, Notburg.«
Die Notburg stand wie erstarrt auf der kleinen Treppe, die vom Ladele
herabführte. Beide Hände hatte sie in die Hüften gestemmt. Stand reglos
da und schaute abwechselnd mit ihren hellen Augen auf ihren Mann und
dann wieder auf das schwach wimmernde Bündel in seinen Händen.
»Ha?« frug der Veit lustig. »Hab' i's nit g'sagt, daß du Augen machen
wirst? Gelt, das hättest nit erwartet?« meinte er laut und polternd.
Die Notburg schüttelte langsam den Kopf. Aber sie sagte kein Wort.
Hielt den Mund fest zusammengepreßt, damit ihr ja kein Wörtl auskam,
und schaute nur immer auf den Veit und dann auf das Kind in seinem Arm.