belehrte der Kramer Veit eine jede einzelne der Kundinnen über die
Vorzüge der Gewürze und über deren Anwendung, und die Frauen kauften
die Ware und waren stolz auf den Besitz; aber sie benutzten sie nie.
Auch Gebetbücher waren vorhanden, und farbige Heiligenbildchen, lose
und in kleinen Rahmen, hingen in der Nähe der Türe. Blechlöffel,
Schüsseln aus Blech und Schüsseln aus Holz, Krüge und Töpfe und
buntfarbige Schalen standen aufgestapelt am Fußboden umher.
Weiße Zuckerröhrchen und grellrote Zuckerpfeifchen, auf denen man einen
richtigen schrillen Pfiff loslassen konnte, waren für die Kinderwelt
bestimmt. Herrliche Lebkuchen und bunte Zuckerln und ganz hervorragend
gute Biskotenherzen bildeten das Entzücken der bäuerlichen Jugend.
Auf rein gar nichts hatte der Kramer Veit vergessen, und mit allen
Bedürfnissen der Zeit hatte er sein kleines Lager versehen.
Von Zeit zu Zeit nahm der Veit seine Kraxe, belud sie schwer mit
Käselaiben und trug sie hinaus ins Inntal und bis hinauf nach
Innsbruck. Dort veräußerte er den Käs und füllte die Kraxe mit neuer
Ware für seinen Kramladen.
Die Notburg hantierte im Haus herum, pflegte die Blumen am neuen
Söller, pflegte das kleine Gartl am Haus, versorgte den Laden und nähte
in ihren freien Stunden Wäsche und Schürzen und Unterröcke zum fertigen
Verkauf.
Es war alles Glück und stiller Frieden in dem kleinen Häusl am
Kirchplatz. Der Veit und die Notburg hausten gut miteinander, und sie
schienen nur eines für das andere zu leben. Und trotzdem konnte die
Notburg innerlich nie so ganz froh werden. Eine geheime Sorge nagte an
ihr und trübte ihren Blick. Das war die Angst um ihren Mann, die sie
oft plötzlich überfiel und sie ruhelos und schlaflos machte.
Die Notburg fühlte es, noch ehe der Veit es selber so recht wußte, daß
ihn die Heimat anfing zu drücken und zu beengen. Und sie wußte: über
kurz oder lang würde es den Mann hier nicht mehr leiden, und er würde
fortziehen von ihr in eine Welt, die ihrem Sinne fremd war.
In ihrer bangenden Sorge fühlte sie deutlicher, wie er selber das tat,
das erste Wiedererwachen seiner Unrast.
Oft saß das junge Weib in einer der vielen schlaflosen Nächte aufrecht
in ihrem Bett und beobachtete bei dem fahlen Schein des Mondlichtes,
das in die enge Kammer fiel, mit ängstlicher Spannung jeden Zug in dem
Gesicht ihres Mannes, der an ihrer Seite schlummerte. Und angstvoll
sah sie die Unruhe in seinem Gesicht, hörte sie das schwere Atmen der
starken Brust und das rastlose Herumwälzen im Bette.
Sie sah, wie sich die kräftigen Hände zu Fäusten ballten und wie die
Glieder sich wie im Krampfe dehnten und reckten.
Und bei Tage sah ihr scharf beobachtender Blick, wie das Gesicht des
Mannes allmählich den Ausdruck sonnigen Glückes einbüßte, wie es von
Tag zu Tag finsterer und mürrischer wurde, und wie der Veit übellaunig
und wortkarg zu werden begann.
Und die Notburg wußte es mit Bestimmtheit: dies waren die Anzeichen
seiner neu erwachenden Unstetheit, und in heißer Angst betete sie zur
Schmerzensmutter am Seitenaltar der kleinen Dorfkirche mit aller
Inbrunst, deren sie fähig war ...
»Laß mir den Veit, Gottesmutter! Laß ihn nit fortziehen von mir! Laß
mich ein Kind haben, Muttergottes, dann bleibt er lieber bei mir!«
Denn das war der Schatten in der Ehe des jungen Paares. Jahr um Jahr
war vergangen, aber der Kindersegen war ihnen versagt geblieben.
Die Notburg hätte sich mit der Kinderlosigkeit weit eher abgefunden.
Ihr war der Veit alles; aber sie wußte, daß ihr Mann die Kinder liebte.
Und hätten sie nur ein Kind ihr eigen nennen dürfen, wer weiß, ob nicht
doch alles anders für sie gekommen wäre.
So aber kam es, wie es die Notburg in bangen Stunden vorausgeahnt
hatte. Eines Tages war der Veit vor sein Weib hingetreten, hatte ihr
die Hand gereicht und mit scheuem Blick zu Boden geschaut.
»Notburg ...« fing er dann zu reden an, und der Klang seiner sonst
lauten, polternden Stimme war ungewöhnlich weich und innig. »Nimm
mir's nit verübel ...« sagte er stockend und im abbittenden Ton. »I
kann nit anders. I muß fort von da. Von Tag zu Tag hab i's immer mehr
eing'sehen. I pass' nimmer einer da zu enk. Es ist mir alles viel zu
eng umadum ... so eng ... daß i oft mein', i muß dersticken. Lang
hab' i ang'kämpft dagegen ... Notburg ...« fuhr er leise redend fort.
»Kannst mir's glauben oder nit. Weil i dir's nit hab' antun wollen.
Aber jetzt halt' i's nimmer aus, Notburg. I ~muß~ fort.«
Käseweiß im Gesicht war das junge Weib dagestanden, mit hochklopfendem
Herzen und schmalen Lippen. Die preßte sie fest zusammen; denn sonst
hätte sie bei der Rede des Mannes vor Schmerz laut aufgeschrien.
Da sie ihm keine Antwort gab, glaubte der Veit, daß die Notburg es auf
ihre ruhige Art hinnähme und sich gleichmütig damit abfinde. Er faßte
Mut und schaute in das todblasse Frauengesicht.
»Nimm's nit hart, Notburg!« bat er weich und versuchte ihr die eiskalte
Hand zu streicheln. »Nimm's nit hart. Schau ... i kimm ja bald wieder
zu dir zurück. Im Langes bin i wieder da und bleib' bei dir bis zum
Winter. Schau ... grad' der Winter, wenn nit wär'. Der bringt mi um da
bei uns herin. Tag für Tag 's gleiche. Koan Abwechslung und koan Mensch
außer dir, mit dem man a vernünftig's Wörtl dischkurieren könnt'. Und
koa richtige Beschäftigung aa nit. Schau, Notburg, das ist völlig 's
Härtigste für mich. I bin jung und stark, und i ~muß~ arbeiten. I
muß was sehen und derleben, sonst komm' i um. I will arbeiten für dich,
Notburg! Reich sollst sein, wie weit umadum koa zweite mehr, und a
gut's Leben sollst haben. Aber laß mi jetzt fort von da und mach' mir's
nit hart!« -- -- --
Der einsame Mann, der da im Schnee saß und schwer den Kopf in seine
Hände stützte und in der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht
über sein Leben nachdachte, erinnerte sich deutlich an jene erste
Abschiedsstunde. Sie war ihm hart geworden, so hart, wie nichts mehr
seither.
Wohl war die Notburg tapfer geblieben und hatte mit keinem Wort
verraten, wie tief er sie getroffen hatte. Ein Stück des Weges hatte
sie ihn noch begleitet und ihm dann die Hand zum Abschied gereicht.
Es war, als ob der Veit Eis gehalten hätte, so kalt und leblos lag
die Hand der Notburg in der seinen. Und noch viele Wochen hindurch
verfolgte ihn der wehe Blick aus den hellen Augen seines Weibes.
In jener ersten Nacht, in der die Notburg mutterseelenallein in ihrem
Häusl zurückgeblieben war, schrie das Weib wie ein todwundes Tier. Sie
preßte den Mund in das Kopfkissen, um die wilden Schreie ihrer Not zu
dämpfen. Niemand sollte hören, wie sie litt, und kein Mensch sollte
ahnen, wie es innerlich um sie stand.
Ein scharfer Zug um die Winkel ihres Mundes prägte sich seit jener
Nacht in dem hübschen Gesicht ein. Er machte sie um Jahre älter und
ließ sie bitter und vergrämt erscheinen. Aber äußerlich blieb sie
dieselbe, die sie vordem war. Aufrecht und stark, nur wortkarg und so
stolz, daß den Leuten die neugierigen Fragen nach dem Veit im Munde
stecken blieben.
Der Veit hielt Wort. Als sich die ersten Anzeichen des erwachenden
Frühlings zeigten, kam er zurück, frisch und fröhlich wie in den ersten
Jahren ihrer Ehe und laut polternd vor Freude über das Wiedersehen mit
der Notburg.
Aber die Frau war eine andere geworden. Ruhig und schier gleichgültig
empfing sie ihn und zeigte keine Freude. Sie hatte auch keine Freude
über das Geld, das er ihr brachte und mit strahlendem Gesicht ihr
vorzählte. Was war ihr das Geld, nachdem sie ihr Glück dafür hatte
hergeben müssen?
Es war etwas geborsten in der Seele des Weibes. Was weich und hingebend
in ihr gewesen war, das war in den Stunden einsamer Sehnsucht
allmählich erstorben. Und die innere Kälte der Frau war so groß, daß es
den Veit zu frieren anfing in ihrer Gegenwart.
Als der Veit das zweite Mal auf die Wanderschaft ging, fiel ihm der
Abschied leicht. Er war froh, daß er das stille, kalte Gesicht seiner
Frau nicht mehr zu schauen brauchte, das eine fortwährende Anklage für
ihn war.
Und der Veit blieb länger und immer länger von der Heimat fern. Bis er
dann gar nach Amerika gegangen war und im Dörfl als verschollen galt.
Doch immer, wenn der Mann im fremden Lande weilte, verblaßte das Bild
seiner Frau mit dem kalten, reglosen Gesicht, und die Notburg seiner
Jugend erstand ihm aufs neue. Ihr liebes, sanftes Gesichtchen und ihr
hingebendes Wesen war ihm stets gegenwärtig, und der starke Mann, der
im rücksichtslosesten Kampf ums Dasein stand, bangte sich nach ihr und
sehnte sich nach einem guten Wort aus ihrem Munde.
Durch die räumliche Trennung war ihm sein Weib innerlich viel näher
gekommen; er vergaß ihre harte Art und entschuldigte sie.
Er begriff die Schwere ihres Schicksals und nahm sich vor, wieder den
Weg zu ihr zurückzufinden. Bis er dann wieder bei ihr war. Da jagte ihn
ihre abweisende Kälte förmlich von der Heimat fort.
Kein gutes, verzeihendes Wort, kein warmer Blick ... Die Notburg war
grausam geworden zu dem Manne, der stets aufs neue wieder bei ihr seine
Heimat suchte ...
Ein dumpfes, schweres Stöhnen rang sich aus der Brust des einsamen
Mannes.
Grausam! Hatte er ein Recht, sein Weib grausam zu schelten? Hatte er
nicht auf die grausamste Art das Lebensglück der Frau vernichtet?
Veit Galler fühlte die Schwere seiner Schuld, und doch ... er bereute
nichts.
Dem innersten Trieb seiner Natur war er gefolgt. Der Mann mit dem
festen, unbeugsamen Willen gehörte in die Welt hinaus. Dort hatte er
seine Kraft stählen können und hatte es zu etwas gebracht.
Es war ihm nicht immer leicht geworden in der großen Welt da draußen,
dem Veit Galler. Das Leben hatte ihn gar oftmals hart angefaßt; aber
mit zäher Energie und einem eisernen Willen war er stets Sieger im
Kampf geblieben.
Und war ein reicher Mann geworden ...
Wohl kaum einer im ganzen Tale konnte solchen Reichtum aufweisen. Und
das Bewußtsein des erworbenen Besitzes machte den Veit stolz und
selbstbewußt und half ihm immer wieder über die trüben Stunden hinweg,
die auch ihn nicht verschonten.
Der Veit wußte es wohl. All sein Reichtum machte auf die Notburg nur
geringen Eindruck. Mit kalten, gleichgültigen Augen wird sie auch heute
wieder auf das Gold schauen, das er ihr mitgebracht hatte und das er
jetzt spielend in den weiten Taschen seines Rockes klirren ließ.
Der Mond stand nun in seiner kaltsilbrigen Pracht am Firmament, und
viele Tausende von Sternen glitzerten und funkelten am Himmel. Die
Bergfeuer der Karsamstagsnacht flammten zu Hunderten im Tal und an den
Bergen, die mit Lichtern besät bis hoch an den Rand der Almweiden waren.
Veit Galler, der Krämer, genoß die stille Feier, und es kam ihm beinahe
vor, als hätte sich die Heimat heute für ihn geschmückt.
Wie im leichten Silbernebel lagen die drei Hochtäler im Mondenschein.
Die schneeigen Bergkonturen erstanden traumhaft schön wie in einem
Feenland.
Veit Galler, der Krämer, erhob sich von seinem unwirtlichen Sitz,
dehnte und reckte die schweren Glieder und faltete einen Augenblick die
Hände wie zum Gebet.
Dann schüttelte er das Trübe dieser Stunde von sich und ging mit
festen, sicheren Schritten bergabwärts, seinem Heimatsdörfl zu.
Drittes Kapitel
Hoch droben am Berg, an der Seite, wo Veit Galler gesessen war, ohne
zu dessen Höhe hinaufsehen zu können, leuchteten ganz besonders große
Feuer ins Tal hinab.
Fünf Holzstöße brannten da droben in regelrechten Abständen. Fast an
der Spitze des Berges aber loderte in hellen, lustigen Flammen ein
einzelner, mächtiger Holzstoß. Das war das Feuerl, von dem der Florl
seinem Mädel gesprochen hatte.
Der Florl hatte schon seit etlichen Wochen Pech gesammelt und es in
einer der fünf Almhütten, vor denen heute die fünf Höhenfeuer brannten,
aufbewahrt.
Das Pech hatte er sich heute geholt und es mit auf die Höhe genommen,
um es in den mächtigen Scheiterhaufen zu werfen. Denn das Pech machte
den Schein des Feuers ganz besonders hell und die Flammen auflodernd.
Das allerschönste und allergrößte und noch dazu das allerhöchste, das
war das Feuerl von dem Florl.
Das Regele hatte einen weiten Weg tun müssen, um ihr Feuerl auch
richtig sehen zu können.
Sie hatte, nachdem der Veit Galler fortgegangen war, rasch ein
dunkles Tuch übergeworfen und war mit flüchtigen Schritten von daheim
fortgelaufen.
Ganz in unmittelbare Nähe, wo der Krämer saß, war das Mädel in
atemlosem Lauf gekommen, ohne daß der Mann sie bemerkt hätte. Sie hatte
ihn wohl erkannt, huschte aber rasch und lautlos und auf Umwegen an ihm
vorbei, hinunter dem Bergtal zu, wo ein hölzerner, schmaler Steg in
schwindelnder Höhe den brausenden Bach überspannte und zu der andern
Seite des Berges führte.
Bei jedem Schritt, den man da tat, zitterte und krachte das
morsche Holz. Die Brücke schwankte und bog sich, als wollte sie
zusammenbrechen. Man mußte schon ganz schwindelfrei sein, um den engen
Steg, der kaum Raum für eine Person bot, zu überqueren.
Bogenförmig überspannte die Brücke den Bergbach. Ein kleines, niedriges
Geländer zu beiden Seiten sollte Schutz gewähren gegen einen Fall in
die Tiefe. Wohl an die fünfzig Meter ging es hier in den Abgrund, und
brausend tobte der Wildbach in der engen Bergschlucht.
Dieser Steg war der Teufelssteg, und ältere Leute mieden ihn in
abergläubischer Furcht. Nur jene benutzten ihn, welche die Bergmahd
jenseits des Baches zu mähen hatten, oder jene, welche den Weg kürzen
wollten, der zum Nachbarhochtal führte. Die meisten Leute aber gingen
den allgemein üblichen Talweg, wenn er auch zumindest um eine Stunde
länger war.
»Weil's soviel schiach ist über'n Teufelssteg ...« sagten sie. »Und man
kann's doch nit wissen, ob nit amal a Unglück g'schiecht.«
Vor etlichen Jahren war hier auch ein Unglück geschehen, und seither
mied man den Steg noch mehr wie zuvor.
Das war, als die Philomena Abfalter hier ihrem Leben ein Ende gemacht
hatte.
Die Mena ... An die Mena mußte das Regele jetzt lebhaft denken, wie sie
inmitten des leicht schaukelnden Steges stand und in das tobende Wasser
tief drunten schaute.
Ob es bei der Mena wohl auch so gegangen war wie bei ihr?
Das Regele erinnerte sich noch deutlich an die Mena. Ein dickes,
dralles, junges Ding, mit hochroten Backen und lustigen, dunklen Augen.
Und hatte ein Kind gehabt, die Mena.
Das Regele erinnerte sich noch, als ob es gestern gewesen wäre. An
einem Sonntagmorgen war es gewesen vor der Frühmesse. Da hatte die
Mena vor der Kirchentüre knien müssen, einen Strohkranz auf dem Kopf,
und hatte nicht hinein dürfen in das Gotteshaus, bis der Priester kam
und sie aussegnete. Dann erst war die Schuld von ihr genommen und sie
würdig befunden worden, den heiligen Raum zu betreten.
Die Mena war auf den Steinstufen der kleinen Dorfkirche gekniet
und hatte den Kopf fest an die Kirchentüre gedrückt. Das Gesicht
geschwollen und die Augen entzunden von vielem Weinen. Und alle Leute,
die da in die Kirche gingen, mußten an dem gebrandmarkten Mädel
vorbeigehen und sie in ihrer Schande sehen.
Die Burschen schlichen, so schnell sie konnten, an ihr vorbei und zogen
die Köpfe ein. Die Kinder blieben neugierig bei ihr stehen, bis ältere
Leute sie mit barschen Worten gehen hießen.
Die Bäuerinnen und älteren Weiber rafften die Röcke, um nicht
anzustreifen an der Ausgestoßenen. Die Männer taten, als sähen sie das
schluchzende Mädel nicht, und die Altersgenossinnen der Mena machten
schadenfrohe Gesichter oder gaben harte Reden.
Da war nicht einer, der ein gutes Wort für die Gefallene gehabt hätte,
nicht einer, der sich an Christi Wort von der Sünderin erinnert hätte.
Jeder von ihnen wäre sofort bereit gewesen, den ersten Stein zu heben
und ihn auf die arme Sünderin zu schleudern.
Und doch, was hatte die Mena anders verbrochen, als daß sie einen
Burschen lieb gehabt hatte, der sie, weil sie beide arm waren, nicht
heiraten konnte.
Freilich, der Schande hatte er sie dann allein preisgegeben. War
davongezogen, hinaus ins Tal, und hatte sich dort auf einem der
Berghöfe als Knecht verdingt.
Die Mena aber hatte das ganze Leid allein tragen müssen. Gleich einer
mit der Pest Behafteten war man dem Mädel ausgewichen, seit ihre
Schande offenkundig geworden war. An den Sonntagen mußte sie allein
den Kirchgang antreten und sich dann scheu in einem dunklen Winkel der
Kirche verstecken. Jung und Alt höhnte sie laut und wies mit Fingern
nach ihr. Die Bäuerin, bei der sie diente, war hart und ohne Mitleid
bis zu ihrer schweren Stunde.
Alles hatte die Mena ertragen, geduldig und ohne zu murren. Sie wußte
ja, daß sie sich der schwersten Sünde schuldig gemacht hatte und
nun ehrlos geworden war. Aber das Allerhärteste, das war doch die
öffentliche Schaustellung mit dem Strohkranz.
Das Regele war damals noch ein Kind gewesen, und neben der Scheu und
der Aufregung über das außergewöhnliche Ereignis hatte sie doch ein
inniges Mitleid mit dem gebrandmarkten Mädel. Sie getraute sich's
nur nicht merken zu lassen. Aber während der ganzen Messe konnte sie
kein Vaterunser beten und mußte nur immer an das laut und krampfhaft
schluchzende Mädel draußen vor der Kirchentüre denken.
Die Mena hatte diese öffentliche Schande auch nicht überleben können.
Ein paar Tage noch war sie in dem Bauernhof, in dem sie diente, scheu
herumgeschlichen, hatte nichts gegessen und nichts gearbeitet und
nichts geredet. Bis dann der Bauer mit harten Worten sie an die Arbeit
gehen hieß.
Da war das Mädel davongelaufen, und kein Mensch hatte sie mehr zu sehen
gekriegt.
Einige Tage nachher, als man auf die Suche ging, fand man den leblosen
Körper des Mädels zerschellt im Bache auf. Von der Teufelsbrücke war
sie herabgesprungen, und ohne Priester und ohne Gebet war sie in
ungeweihter Erde begraben worden.
Zwei alte und einschichtige Bauersleute, ledige und ehrsame Jungfrauen,
hatten sich um Gotteslohn ihres Kindes angenommen. Das Moidele hieß
es und war ein scheues kleines Mädel mit einem dummen, ausdruckslosen
Gesichtchen.
Hatte nicht viel Pflege, das Moidele, aber genug zu essen. Denn alte
Jungfern, das weiß man wohl, können mit so kleinem Zeug nicht gut
umgehen. Aber sie waren gut zu dem Kind; und wenn es böse Worte waren,
die das Moidele zu hören bekam, dann waren es die Kinder aus der
Nachbarschaft, die sie ihr nachriefen ...
Das Regele beugte sich vor über den Steg, so daß er stark schaukelte
und sie ein leichter Schwindel überfiel.
Wenn sie es jetzt nun auch so machen würde wie die Mena? Ob es wohl
sehr wehe tat ... ein Sprung da hinab ... und alles wäre zu Ende ...
Das Regele aber hatte den Mut dazu nicht. Sie hatte aber auch den Mut
nicht, das auf sich zu nehmen, was die Mena auf sich genommen hatte.
Da droben, dort, wo der Florl das hoch emporlodernde Feuer entzündet
hatte, das jetzt langsam zu verlöschen begann ... dort droben war es
angegangen zwischen ihnen beiden.
Dort, wo heute abend die fünf Holzstöße flackerten, da standen fünf
Almhütten. Eine regelrechte Siedelung war es, und die Leute hierzulande
nennen diese Hütten nicht Almhütten, sondern Asten. Die Aste dient als
Zwischenstation vom Tal zur Alpe. Wenn es am Joch noch zu kalt ist,
dann weidet das Vieh auf der Aste. Das Heu der Almwiesen wird auf der
Aste eingelagert.
Ein lustiges, reges Leben ist da mitunter im Frühjahr und im Herbst auf
den Asten. Und gar erst da droben, wo fünf Asten in enger Nachbarschaft
vereinigt waren. Da wird gesungen und getanzt und auf der Ziehharmonika
oder Zither Musik gemacht.
Der Florl und der Wastl waren beide auf je einer der Asten bedienstet.
Den ganzen Sommer über waren sie da droben. Ein jeder von ihnen hatte
etliche Stück Vieh zu betreuen und nebenbei Käse und Butter zu machen.
Arbeit gab's genug, und der Tag dauerte ihnen niemals lang. Ab und zu
kam Besuch vom Tal herauf. Das waren die Knechte von den Bauern, welche
die Butter und den Käse abzuholen hatten.
Aber noch andern Besuch bekamen die Burschen manchmal, der ihnen lieb
war und den Tag verschönte.
Die Perlmoserischen von dem kleinen Hochtal unten, in dem das Regele
daheim war, besaßen auch eine der fünf Asten.
Gerade zwischen dem Florl und dem Wastl seiner war die von den
Perlmoserischen. Und da hauste der Jackl, der älteste Sohn des
Perlmoser.
Da die Perlmoserischen keine fremden Dienstboten anstellten, mußten die
Töchter, die dem Jackl im Alter am nächsten waren, diejenigen Arbeiten
verrichten, die sonst von Rechts wegen eigentlich den Männern zukamen.
Sie trugen in schwerbeladenen Kraxen Käse und Butter ins Tal und
mähten mit kräftigen Armen, weitausholend das Gras der Almenmahd ihres
Vaters.
Sie waren robuste, kernkräftige Mädeln, die drei Perlmoserischen. Ganz
besonders aber die Genovefa Perlmoser, kurz Vef genannt.
Das war eine Freude, der bei der Arbeit zuzusehen. Wie die schaffen und
tragen konnte mit ihren neunzehn Jahren! Hochgewachsen und üppig war
sie, hatte hellblondes Haar mit dicken Zöpfen, ein zartrosiges Gesicht
und hellblaue, lachende Augen. Lachen tat sie überhaupt gern, die Vef.
Und zeigte dabei gesunde weiße Zähne und entzückende Grübchen in beiden
Wangen.
Kein Wunder, daß dem Wastl die Vef so gut gefiel und daß er allen
Ernstes daran dachte, sie zu heiraten.
Als der Wastl der Vef dies zum erstenmal sagte, da lachte das Mädel,
daß man's weithin hören konnte.
»Möcht' wissen, von was wir zwoa heiraten sollten! Du nix und i nix
... Das gab' a nette Wirtschaft ab! Nua ... i amal nit! Zuerst muß i
wissen, wohin i nacher g'hör' ... sonst lass' i mi nit ein mit dir.«
Und dabei blieb's. Sie war viel vorsichtiger in der Liebe, die Genovefa
Perlmoser, wie das kleine, dumme Regele. Freilich, das Regele war auch
noch jünger, ein halbes Kind und daß der Florl so ungestüm war und
es beim Küssen allein nicht bewenden ließ, das hatte sie wirklich zu
Anfang ihrer Liebschaft nicht wissen können.
Aber schön war's doch gewesen!
Wenn das Regele genauer darüber nachdachte, wie das eigentlich alles
so hatte kommen können, dann mußte sie immer wieder der verflixten
Singerei die Schuld geben. Die und nichts anderes trug die Hauptschuld.
Denn hätte die Perlmoser Vef das Regele nicht immer wieder geholt, daß
sie mit ihr singe, dann hätte der Florl nicht die Gelegenheit gefunden
für seine Annäherung.
Die Perlmoser Vef und das Regele konnten nämlich gar so schön zusammen
singen. Und taten es auch gern. Schon von Kindheit auf übten die beiden
Nachbarskinder die schönsten Lieder und Jodler ein. Das Regele sang
mit glockenheller Stimme und nahm auch den höchsten Ton mit spielender
Leichtigkeit, und die Vef hatte einen weichen, vollen Alt, der warm und
innig klang wie der Ton einer Glocke aus edlem Metall.
An den langen Winterabenden saßen sie gar oft in der überhitzten Stube
beim Perlmoser und sangen. Dann griff die Vef in die Saiten ihrer
Laute, und oft spielte das Regele die Begleitung auf der Zither.
Die schönsten musikalischen Abende hatten sie da oben in ihrem einsamen
Bergtal. Die Vef und das Regele waren so aneinander gewöhnt, daß sie
vermeinten, die eine könne ohne die andere gar nicht so recht singen.
So war es denn auch die Vef gewesen, die das Regele immer wieder
mit hinauf aufs Alpl nahm. Der Mutter war's freilich nicht immer
recht gewesen. Man tut ja gern eine Gefälligkeit und erst gar den
Nachbarsleuten; aber schließlich, das Regele war die Hauptarbeitskraft
zu Hause, und daheim blieb dann die Arbeit liegen. Denn oft kam das
Mädel tagelang nicht vom Alpl herunter.
Daß es da droben oft bis spät in die Nacht hinein lustig zuging, das
wußte die Bäurin sehr wohl. Gar so lang war's ja schließlich nicht her,
seitdem sie selber jung gewesen war. Und sie gönnte ihrem Mädel ja gern
ein bissel Unterhaltung.
Singen und Zitherspielen und auch ab und zu ein bissel Tanz, was war da
viel dabei. Die Mädeln gaben ja acht aufeinander, und das Regele konnte
ja kaum noch als ein richtiges ausgewachsenes Dirndl gelten. Wenigstens
sah die Mutter immer noch das Kind in ihr.
Aber auch die andern Leute nahmen das Regele nicht ernst. So hatte der
Wastl das Regele mehr als einmal mitleidig ein Grispele geheißen, an
dem nichts sei wie Haut und Knochen.
Der Wastl wäre also nicht zu fürchten gewesen. Dem Florl freilich, dem
traute die Bäurin nicht über den Weg. Der hatte ein so übermütiges
Spitzbubengesicht, und die Bäurin konnte ihn überhaupt nicht leiden.
Wenn er einmal beim Söllerbauer zukehrte, dann war sie immer mürrisch
und unfreundlich zu ihm und maß ihn mißtrauisch von der Seite.