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[Illustration]
=RUDOLF GREINZ=
=Königin Heimat=
Roman
34. bis 39. Tausend
[Illustration]
L. Staackmann Verlag in Leipzig
Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig / 1939
=Copyright 1921 by L. Staackmann Verlag in Leipzig=
=Printed in Germany=
Erstes Kapitel
Nach einem ungewöhnlich warmen Vorfrühling war neuerdings der Winter
über Land gezogen. In toller Liebesfreude hatte der junge Lenz
verschwenderisch seine Gaben verschenkt. Im Tale standen nicht allein
die Aprikosenbäume schon in voller Pracht, sondern auch die Kirschbäume
hatten ihr Sehnen nach neuem Leben nicht länger zurückhalten können
und keimten und sproßten, bis ihre Blüten barsten und sie wie Bräute
festlich geschmückt des Geliebten harrten.
Aber es war ein rauher Geselle, dem sie arglos vertraut hatten.
Eisiger Wind durchbrauste nun das Tal und brachte Schnee. Viel Schnee,
wie mitten im Winter. Die blütengeschmückten Äste beugten sich
kummervoll unter der schweren Last, die ihre Herrlichkeit verdarb.
Die Berberitzensträucher an den Wegen neigten die zarten grünen Äste
tief der Erde zu, als strebten sie, voll Scham ihre karge Schönheit zu
verbergen vor dem Wüstling, der sie zu vernichten drohte.
Bang und beklommen schauten die Bauern des Tales zu dem bleischweren
Himmel empor. Wenn jetzt noch der Frost dazu kam, dann war's aus mit
dem Erntesegen. Dann mußten die Blüten erfrieren, und die Frühsaat, die
schon so prächtig aufgegangen war, mußte zugrunde gehen.
Und doch waren sie nicht unvorsichtig gewesen mit dem Anbau und hatten
mit einem Wettersturz gerechnet. Freilich, daß er sich so verheerend
einstellen würde, das hatten sie nicht erwartet.
Gar zu früh in der Jahreszeit war es ja auch nicht mehr. Karsamstag
war's und ging dem Wonnemonat Mai entgegen.
Die Glocken der spitzen Kirchtürme in dem Tal läuteten zur
Auferstehungsfeier. Hell und feierlich durchzitterte der Glockenton
die lautlose Stille der Winterlandschaft, schwang sich von Dorf zu
Dorf und kündete den Bewohnern des engen Tales die Botschaft von der
Auferstehung des Herrn.
Sogar die Schwalben hatten sich heuer geirrt und waren zu früh ins
nordische Land zurückgekehrt. Nun umkreisten sie aufgeregt schreiend
die Dächer der Häuser, unter denen sie ihr junges Heim aufgeschlagen
hatten.
Eine Bachstelze hüpfte über den Weg. Zierlich und äußerst vorsichtig
hüpfte sie von Zaun zu Zaun. Drehte das Köpfchen nach rechts und drehte
es dann nach links, als schüttelte sie unwillig ihr Haupt über solche
Art von Schnee und Frühlingslust.
Ein paar Spatzen hatten sich inmitten der kleinen Talstraße
niedergelassen und suchten in dem Schnee nach Körnern. Sie fanden auch
Futter in den Spuren eines Pferdehaufens, der noch dampfte.
Auf den Höhen der Berge jagte der Wind die grauen Wolken auseinander,
trieb sie in rasendem Lauf vor sich her und öffnete der Sonne einen
Spalt, so daß ihr warmer Strahl tröstend die vielen traurigen
Frühlingskinder küssen konnte.
Wie doch so ein Sonnenstrahl mit einem Male alle Unbill vergessen
machte! Ein Aufatmen durchwehte die Natur. Bachstelzchen reckte, so
hoch es konnte, sein zierliches Köpfchen der Sonne entgegen, neugierig
und mißtrauisch zugleich, als wollte es nicht daran glauben, daß seine
mächtige Freundin nun tatsächlich über Kälte und Schnee Siegerin
bleiben werde. Es plusterte sein Gefieder und wetzte das Schnäbelchen
an dem Holzzaun, auf dem es saß. Zu beiden Seiten schloß der Zaun die
kleine Talstraße von den Feldern ab.
Bachstelzchen sah neugierig und mit klugen Äuglein beobachtend umher
und gewahrte, daß der Schnee, der auf dem Zaune lag, zu glitzern anfing
und unter der milden Macht der Sonne sich langsam löste. Da ließ
Bachstelzchen einen frohen jubelnden Triller ertönen und flog davon,
hinauf zu den hohen Wipfeln der Obstbäume, und erzählte diesen, daß sie
nun nicht mehr zu bangen brauchten um den bräutlichen Schmuck.
Ein stämmiger, groß gewachsener Mann ging mit weit ausholenden
Schritten die Straße entlang. Wuchtig, eilig und selbstbewußt. Er sah
weder nach rechts noch nach links, als er das Dorf durchschritt, und
nickte nur flüchtig dankend für den Gruß, den man ihm bot.
Eine Gruppe von kleineren Kindern sah ihm nach. Etwas schüchtern und
verwundert; denn er war ihnen fremd. Sah auch nicht aus, als ob er aus
der hiesigen Gegend stammte; denn seine Kleidung war kein Bauerngewand.
Und doch wieder schien es, nach der sicheren Art seines Ganges zu
urteilen, daß er ein Kind der Berge war und auch hierher gehören mußte.
Außerhalb des Dorfes zweigte ein Seitenweg von der kleinen Talstraße
ab. Führte im schmalen Pfad zwischen Felsen hindurch und zu einem
steilen Bergwald empor.
Ein langsam feierliches Rauschen, an den vollen Ton einer Orgel
gemahnend, durchbrauste den mächtigen Dom des Hochwalds. So feierlich
und weihevoll war es, daß der stämmige Mann unwillkürlich lauschend und
in fast andächtiger Haltung stehen blieb.
Ein seliges Lächeln verschönte einen Augenblick lang das derbe Gesicht
und verlieh ihm schier einen knabenhaften Ausdruck. Aufatmend nahm
der Mann den dunklen Filzhut von dem Kopf, zog ein großes, farbiges
Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich, vom raschen Gehen
erhitzt, den Schweiß aus der Stirne.
Eine breite, brutal hohe Stirne bildete den Abschluß des großen, dicken
Kopfes. Das Gesicht war schwammig, braun und aufgedunsen, und die
dunklen, etwas hervorquellenden Augen hatten einen harten, energischen
Ausdruck.
Von festem, unbeugsamem Willen zeugte auch das kurze, massige Kinn und
der breite Mund, dessen auffallend wulstige Lippen nur spärlich durch
einen dunklen Schnurrbart bedeckt wurden. In das schüttere Haupthaar
hatte sich schon stark die graue Farbe gemengt. Wie der Mann jetzt
entblößten Hauptes dastand, konnte man deutlich gewahr werden, daß er
wohl schon über ein halbes Jahrhundert gesehen haben mochte.
Eine geraume Weile hindurch lauschte er reglos der feierlichen Sprache
des Waldes; dann aber entriß er sich gewaltsam dem Zauber, der ihn
gebannt hielt.
Immer mehr gewann die Sonne jetzt an Macht und leuchtete sieghaft und
strahlend über das Tal, vergoldete die schneeigen Spitzen der Berge und
zauberte glitzernde Tropfen von den Ästen der Bäume.
Die dunklen Fichten schüttelten unwillig die Schneelast von sich und
neigten dann ihre Wipfel freundlich einander zu, als erzählten sie sich
die Märe, daß zu ihren Füßen ein Mann ging, der ihnen wohl bekannt war,
den sie aber lange nicht mehr gesehen hatten.
Und lange war es auch her, seit Veit Galler diesen Weg zum letzten Male
geschritten war. Völlig noch jung war er damals gewesen und jung und
ungebrochen das Weib, das ihm zur Seite ging.
Wie der Veit so dastand inmitten der feierlichen Schönheit der Natur,
überkam ihn ein wehmütiges Erinnern an vergangene Tage, und ein
ungewöhnlich weicher Ausdruck milderte die Härte seiner Augen. Nur ganz
kurz und flüchtig. Dann setzte der Mann mit fester Hand den breiten
Filzhut auf den mächtigen Kopf und stieß wuchtig und hart die Spitze
des kurzen Stockes auf den steinigen Boden des Waldes. Der knirschende
Laut der eisernen Spitze des Stockes bewirkte, daß ein paar Krähen in
der Nähe aufgescheucht wurden und mißtönig kreischend davonflogen.
Vom Tal herauf, dort, wo der Wiesenpfad aufhörte und in den steinigen
Waldweg überging, erklangen im gleichmäßigen Abstand jugendlich
elastische Schritte. Ein helles Lied ertönte zweistimmig aus jungen
Männerkehlen.
Veit Galler hatte den Rand des Waldes erreicht. Ein kleines Wiesental,
eingeengt von Bergen, breitete sich in sanftem Anstieg vor ihm aus.
Sein Blick schweifte über das Tal, aus dem er soeben gekommen war. Da
lag, dem Norden zu, ein stattlich behäbiges Dorf.
Die weißen Mauern der Häuser leuchteten auf, vom Sonnenglanz getroffen.
Ein grüner Kirchturm wies, gleich einem spitzen Finger, gegen Himmel,
und das kleine, goldene Kreuz des Turmes funkelte wie ein goldener
Tautropfen.
Der schmale Gebirgsbach durchschlängelte wie ein smaragdenes Band in
anmutigen Windungen das Tal. Die samtbraunen Holzhäuser, die weich in
Wiesen eingebettet, einzeln und in Gruppen bis hoch hinauf die Berge
zierten, ließen ihre winzigen Fensterchen im Sonnenglanze gleich
Diamanten auf dunklem Grunde schimmern.
Ein ernster, düsterer Berg mit breitem Rücken schloß das Tal beinahe
hermetisch von der Außenwelt ab. Zackige Bergspitzen bauten sich im
Süden auf und lugten neugierig über die Höhe des kleinen Hochtales,
das Veit Galler mit weit ausholenden Schritten jetzt durchwanderte.
Ein regelrechtes Bergtal war es, mit schmalem Pfad und einem winzigen
Bächlein. Einige Bauernhöfe, alt, verwittert und aus Holz gebaut, lagen
verstreut umher. Abgesondert voneinander und nur durch einen schmalen
Fußsteig miteinander verbunden.
An einem dieser kleinen Holzhäuser mußte Veit Galler vorbeigehen. Das
lag zu tiefst im Tal und hatte einige Meter ebenen Bodens vor sich.
Ein paar Bretter querten das Bächlein, das im eiligen Lauf von dem
jäh ansteigenden Berg herablief. Eine hohe Felswand, zerklüftet und
zum Teil mit niederem Strauchwerk bewachsen, stand wie ein drohender
Wächter über diesen Ansiedelungen der Menschen.
Der Schnee zeichnete scharf und kantig die Risse des grauen Felsens,
und wie ein weiches, duftiges Schleierband fiel das Bächlein
silberfarbig über die hohe Felswand. Grub sich dann eiligst in die
Bergmatten, floß, geschäftig murmelnd, in rasendem Lauf bis herab
zu dem Holzhaus in der kleinen Ebene und trennte das Haus von dem
gleichfalls aus Holz gebauten Stadel.
Das Haus stand niedrig, wie erdrückt von der Größe seiner Umwelt. Es
war mehr breit als hoch; denn gleich über dem Erdgeschoß ragte schon
das mit Steinen beschwerte Schindeldach herein. Um das Haus, zu dem
ein paar holprige Steinstufen hinanführten, lief ebenerdig eine kleine
Holzaltane. Ohne Schmuck und Zier und nur von dem tief hereinhängenden
Dach schützend gedeckt.
Ein kleiner, blonder Bub, rotwangig und dickköpfig, saß auf der
Schwelle des Hauseinganges. Das hübsche Gesicht war ungewaschen, das
glatte Haar zerzaust und das Näschen feucht.
Der Bub steckte, als er Veit Galler erblickte, vor Verwunderung über
den fremden Mann gleich die ganze Faust in den Mund, glotzte ihn blöde
an und wußte nicht recht, sollte er jetzt davonlaufen oder lieber laut
zu schreien anfangen.
Der Ausdruck des Erstaunens in dem kleinen pausbackigen Gesicht war so
komisch, daß Veit Galler stehen blieb und das Bübl freundlich anredete.
»Wie hoaßt nacher du?« frug er gutmütig und in der Mundart dieser
Gegend.
Der Knirps, der ungefähr sechs Jahre zählen mochte, erhob sich,
spreizte die dicken, kurzen Beine, die in derben langen Hosenröhren
staken, auseinander, wischte sich mit dem Ärmel seiner grauen
Lodenjoppe den Rotz von der Nase und schwieg.
»Kannst nit reden, Bua? Wie du hoaßt, möcht' i wissen!« Veit Galler
schob den Filzhut aus der Stirn und stützte sich mit beiden Händen auf
seinen kräftigen Stock.
Freundlich lachend sah er auf den Kleinen herab, wobei sich die dicken
Lippen auseinander schoben und ein gesundes, raubtierartiges Gebiß
sehen ließen.
Die laute Stimme des Mannes lockte noch mehr Kinder aus dem Innern
des Hauses. Gleich zu viert kamen sie angerannt. Zwei Buben und zwei
Mädeln, bloßfüßig und nicht sehr sauber in ihrer Kleidung.
Veit Galler fletschte sein Raubtiergebiß und meinte anerkennend: »No
mehr Kinder? Wieviel seid's nachher?«
»Elfe!« sagte das größte Kind, ein Mädel mit strohblonden, dünnen
Zöpfen, zog die Schürze über das Gesicht und lief dann, erschrocken
über die eigene Kühnheit, in den dunklen, niedern Hauseingang zurück.
»Elfe! Und du bist der jüngste? Ha?« frug Veit Galler den kleinen
stämmigen Buben, der zuerst dagewesen war.
»Naa!« sagte sein älterer Bruder und rannte, über seine Heldentat
lachend, hinter der Schwester her.
»Tut's enk fürchten vor mir?« frug Veit Galler gutmütig und neigte
sich tief zu den drei Kindern, die wie Schafe eng aneinander gedrückt
dastanden und ihn mit neugieriger Scheu, jedoch sehr eingehend
betrachteten.
»Naa!« schrien sie alle drei zugleich, und flugs eilten sie, eines
hinter dem anderen, in das Innere des Hauses zurück.
Nun kam ein junges Mädel zum Vorschein. Blutjung war sie und
bildhübsch. Klein und zierlich, mit auffallend blassem Gesicht, dunklem
Haar und leuchtenden blauen Augen.
Ein voller kirschroter Mund war wie zur Frage halb geöffnet. Zwei
dunkle Zöpfe umrahmten den feinen Kopf, und nur mühsam hielt das
schmale, schwarze Samtband die kleinen Löckchen zurück, die sich unter
der Haarkrone eigenwillig loslösen wollten und auf die niedere Stirne
des Mädels fielen.
Das Mädel war ärmlich, aber sauber gekleidet, trotzdem sie gerade von
der Arbeit weggelaufen sein mußte. Die dunkelfarbige Schürze war zum
Teil naß. Die Ärmel ihrer dunklen Jacke waren zurückgesteckt, und die
bloßen Arme glänzten rot und feucht und waren mit Seifenschaum bedeckt.
»Teufel!« nickte Veit Galler. »Das lass' i mir g'fallen!« Dabei strich
er sich mit der Hand über den Schnurrbart und reckte sich zu seiner
ganzen stattlichen Größe empor.
Eine tiefe Röte überzog das zarte Gesicht des Mädels unter den
bewundernden Blicken des Fremden.
»Sein das deine G'schwister?« Veit Galler deutete mit dem dicken Finger
seiner plumpen Hand gegen das Hausinnere, und als das Mädel bejahend
nickte, frug er weiter: »Wie hoaßt man's nacher bei enk da?«
»Mei' Vater ist der Söllerbauer!« antwortete das Mädel jetzt mit
heller, wohlklingender Stimme.
»Söllerbauer?« wiederholte der Fremde nachdenklich. »Den müsset i döcht
aa kennen.«
»Seid's nit von da?« frug jetzt das Mädel und sah forschend zu dem
Manne auf.
»Wohl!« nickte der Fremde. »Eigentlich schon. Wirst mi aber
nit kennen.« Sein breiter Mund zeigte noch mehr wie zuvor die
Raubtierzähne. »Vom Bergl drent bin i dahoam.« Er wies mit dem Stock zu
der Anhöhe, die den bewaldeten Abschluß des kleinen Hochtales bildete.
»Wirst schon g'hört haben vom Kramer Veit, ha?« grinste er.
»Der in Amerika ist?« forschte das Mädel neugierig.
»Dersell'!« nickte der Fremde bestätigend. »Der bin i!« fügte er
selbstbewußt hinzu.
Fast ängstlich drückte sich das Mädel an die braune Holzwand ihres
Vaterhauses.
»Brauchst di nit z'fürchten, Madel ...« begütigte der Kramer. »I friß
di nit!« lachte er dann mit seinem breiten, gutmütigen Grinsen.
»I fürcht' mi nit!« erwiderte das Mädel resolut. »I fürcht' mi
überhaupt nit!« wiederholte sie, und ein leichtes Zittern spielte dabei
um die Winkel des kleinen vollen Mundes.
»Na, na!« machte der Kramer Veit zweifelnd. »Wird nit a so weit her
sein mit der Kuraschi.«
»Wollt's nit einer giahn rasten?« lud ihn jetzt das Mädel ein. »Habt's
no a Stuck Weg bis hoam.«
Noch ehe Veit Galler der Aufforderung folgen konnte, bogen zwei
Burschen um die Ecke des Stadels.
»Ah, Regerl!« grüßte der größere von den beiden. »Magst mitgiahn aufi
aufs Alpl?«
Das Gesicht des Mädels verfinsterte sich, als sie mit flüchtigem Blick
die Ankömmlinge streifte und sich dann wie geärgert abwandte.
»Naa!« sagte sie kurz, und ohne auf die Burschen weiter zu achten, lud
sie den Kramer Veit nochmals ein, ins Haus zu kommen. »Kömmt's einer
in die Stuben, Kramer. A Glasl Schnaps ...«
»Du, Regerl, an Schnaps mögen mir aa. Gelt, Florl?« sagte der größere
und kräftigere der beiden jungen Männer lustig.
Sie mochten beide im gleichen Alter sein. Beide wohl kaum über zwanzig
Jahre, hübsch und schlank gewachsen. Nur war der Florl um beinahe einen
Kopf kleiner als sein Kamerad, aber biegsam wie ein junger Tannenbaum
und geschmeidig wie eine Gemse. Das Gesicht war zart und so fein wie
das Gesicht eines jungen Mädchens. Ein brauner, krauser Bart rahmte es
ein, und kleine, helle Augen sahen scharf und listig und unternehmend
zugleich in die Welt.
Die Burschen waren beide im Feiertagsgewand. Der hellgraue kurze
Lodenrock mit den schwarzen abgesteppten Sammetstulpen an den Ärmeln
brachte den jugendlich kräftigen Wuchs aufs vorteilhafteste zur
Geltung. Die dunklen Filzhüte waren mit Rosmarinzweiglein geziert und
saßen keck und schief, tief ins Gesicht gedrückt.
»Hast koa Nagele für'n Huat, Regele?« fragte der Florl und versuchte
dem Mädel in das abgewendete Gesicht zu schauen.
»Naa!« sagte das Mädel, ohne ihn anzublicken. »Wenn jetzt no nix blühen
tut. Weißt wohl.«
Ihr Ton war nun weniger barsch, jedoch ausweichend und leicht verlegen.
»Habt's ös zwoa so schön g'sungen da drunten?« erkundigte sich Veit
Galler und deutete mit dem Kopf in die Richtung des Haupttales, wo
in weiter Ferne das große, behäbige Dorf lag, mit den weißglänzenden
Häusern und der blaßgrünen Kirchturmspitze.
»Habt's uns wohl g'hört?« frug der Florl mit seiner hohen Tenorstimme
übermütig zurück und rückte sich den Hut weit aus der Stirn.
»'s war ja laut g'nug, daß i enk hab' hören können!« lachte der Kramer.
»Und du ...« wandte er sich an den größeren der beiden Burschen, »du
hast ja a sakrisch gute Stimm'! Könntest dir a schian's Geld verdienen
mit dera Stimm' ... wann d' möchtest.«
»Mei!« machte der Florl geringschätzig. »Er singt ja nur die zweite
Stimm'. I sing' die erste!« erklärte er wichtig und mit Stolz.
»Was ist's nacher mit dem Schnaps, Regerl?« gab sein Kamerad dem
Gespräch eine andere Wendung. »So a Stamperl können wir leicht
vertragen, bevor wir aufs Alpl aufi giahn, ha, Florl?« Scherzhaft
drängte er das Mädel vor sich her in das Haus hinein und zwängte es
übermütig an die braune, rohgezimmerte Holzwand des Eingangs.
»Wann i iatz koan Schnaps kriag, Madel, kriag i a Bussel!«
Wie ein junger Bär stand er vor ihr, groß und kräftig und voll von
tollpatschigem Übermut.
Die Arme hielt er ausgebreitet vor dem kleinen Mädel, das sich tapfer
gegen seine Zärtlichkeiten wehrte. Mit beiden Fäusten schlug sie
unbarmherzig auf ihn ein und stieß mit den Füßen um sich, ohne zu
achten, wohin sie ihn traf.
»Aus laßt mi!« schrie sie, hochrot vor Zorn. »Lackel, damischer!«
Der Bursch lachte ihr gutmütig ins Gesicht und beugte sich zu ihr
herab. Ihre Püffe und Schläge machten offenbar nicht den geringsten
Eindruck auf ihn.
»Da schaug oaner an, was dös für a wilder Teufel sein kann!« neckte er
sie. »Magst aufpassen, Florl! Die hat Haar' auf die Zähnd!«
»Laß mi in Fried', du!« Das Regerl wehrte sich noch immer gegen den
starken Griff des Burschen, der sie wie mit Eisenschrauben fest
umklammert hielt.
»An Schnaps oder a Bussel?« fragte der Bursch und machte Miene, sich
das letztere gewaltsam zu nehmen.
Unvermutet stieß ihm der Florl kräftig seinen Fuß in den Rücken.
»Au ... du!« machte der andere, ließ von dem Mädel ab und ballte die
Fäuste gegen den Florl.
»Laß 's Madel in Fried', Wastl!« sagte der Florl drohend und mit
finsterem Gesicht.
»Wöllt's raffen?« lachte der Kramer Veit breit und dröhnend.
»Naa!« machte der Wastl gutmütig. Er hatte jetzt gar keine Absicht
mehr böse zu werden, sondern begriff, daß er in seinem Übermut zu weit
gegangen war.
»Sein wir wieder gut, Regerl?« Freundlich und beinahe bittend hielt er
dem Mädel seine große, breite Arbeitshand entgegen.
»I sag's der Vef!« schmollte das Regerl schon halb versöhnt und
rieb sich mit der flachen Hand die Oberarme, die der Wastl so fest
umklammert hatte. »Völlig blaue Fleck' hat er mir druckt ... der Ruach
... der ungute!« schimpfte sie geärgert.
»Bist schon du ungut!« lachte der Wastl und zeigte zwei Reihen gesunder
Zähne, die blendend weiß in dem dunklen, bartlosen Gesicht leuchteten.
»Hast du jetzt alleweil an Grant ...« wollte er ihr Vorwürfe machen,
aber der Florl zog ihn am Rockärmel gewaltsam mit sich fort, hinein in
die Stube, wo der Kramer Veit bereits im Herrgottswinkel breitspurig
Platz genommen hatte.
»Fein habt's es!« lobte der Kramer, streckte die Füße weit von sich
und lehnte sich so behaglich an das braune Holzgetäfel, als wäre es
eine weichgepolsterte Sofalehne. »Tut das gut!« machte er aufatmend. »I
sag's ja! Schian ist's auf der Welt! Aber am allerschönsten ist's döcht
bei uns in Tirol herin.«
Die beiden jungen Burschen setzten sich zu ihm, jeder an eine andere
Tischecke, und sahen mit leichter Verlegenheit auf ihn. Sie wußten
nicht recht, was sie mit dem Fremden reden sollten.
Der gelbe, unförmliche Kachelofen, der gleich neben der Tür in der Ecke
stand und einen großen Teil des freien Raumes einnahm, sprühte eine
wahre Gluthitze.
Den beiden Burschen wurde es schwül in ihren lichtgrauen Lodenröcken,
und sie zogen dieselben aus und warfen sie in kühnem Schwung seitwärts
über die Achsel, so daß nur die eine Hälfte der Schulter davon bedeckt
wurde, während man auf der andern Seite der Achsel das blühweiße
Leinenhemd mit den langen Ärmeln sehen konnte.
Die Stube war ein mäßig großer, niederer und düsterer Raum. Vier
winzige Fenster, an zwei Seiten des Eckzimmers verteilt, ließen
nur wenig von dem hellen Tageslicht eindringen. Die Fenster waren
vergittert und ohne Vorhang, und die Scheiben waren trübe und
ungeputzt.
Ein viereckiger, rohgezimmerter Tisch stand in der Stubenecke. Kleine
Heiligenbilder in grellbunten Farben zierten die Ecke nebst dem großen,
unschönen Kruzifix. Eine Holztaube, das Sinnbild des heiligen Geistes,
die einmal weiß gewesen sein mochte, jetzt aber schmutziggrau aussah,
hing von der rauchgeschwärzten Stubendecke herab und baumelte an einem
dünnen Faden über dem Tisch.
Eine Holzbank lief längs der Wände entlang und endigte dann als
Ofenbank. Es gab weder Stuhl noch Hocker in der Stube. Nur zwei Bänke
ohne Rückenlehne standen an dem Tisch, und auf ihnen hatten sich die
beiden Burschen niedergelassen.
In einem Holzgehäuse, zur rechten Seite der Türe, war eine alte Wanduhr
eingebaut. Das Gehäuse war wurmstichig, und die bunt gemalten Blumen
waren arg verblaßt.
An der Spitze dieser Uhr aber standen in weißen Farben zwei Namen
geschrieben. Es waren offenbar die Namen der Eltern des jetzigen
Besitzers; denn die Ziffern, welche die beiden Namen trennten, wiesen
eine Jahreszahl auf, die beinahe fünfzig Jahre zurücklag.
In der Stube roch es unangenehm nach saurer Milch und ausgelassenem
Butterschmalz, ein Geruch, der augenscheinlich von der daneben
gelegenen Küche hereindrang. Ein kleines Schubfenster, das offen stand,
gewährte den Ausblick in die rußige, beinahe ganz dunkle Küche mit dem
offenen Herd, auf dem ein Feuerchen lustig flackerte.
Eine Frau in mittleren Jahren streckte neugierig ihren Kopf durch das
Schubfenster.
»Grüß Gott, Bäurin!« grüßte sie der Florl, der gerade mit dem Gesicht
ihr zugewendet dasaß und so der erste war, der sie gewahr wurde.
»Grüß Gott aa!« kam es etwas mürrisch und verdrossen zurück. »Geht's
Feuer machen aufi?« erkundigte sie sich dann mit lässiger Neugierde.
»Ja. Aufs Alpl aufi!« bestätigte der Florl.
Die Kinder hatten sich in die Stube hineingedrängt. Ein halbes Dutzend
an der Zahl und wie die Orgelpfeifen in allen Größen. Sie waren alle
mangelhaft gekleidet, bloßfüßig und sahen schmutzig und ungewaschen aus.
Ein paar der größeren Buben kletterten auf die Ofenbank und liefen
barfüßig, wie sie waren, die Bank entlang, flüsternd und kichernd und
einer über den andern stolpernd.
Die kleineren Kinder drückten sich langsam in die Nähe des Tisches und
starrten mit offenem Munde auf den Fremden, über dessen Anblick sie
sich ersichtlich noch immer nicht beruhigen konnten.
Die Mutter schimpfte mit schriller Stimme aus dem Küchenfenster.
»Werd's aber giahn von der Bank oder nit! Wart' ... i kimm enk!«
Diese Drohung hatte aber nur die Wirkung, daß sie in offenbarem
Ergötzen über den Ärger der Mutter sich mutwillig und polternd von
der Bank herabfallen ließen und sich in einem Haufen am Boden balgten
und ausgelassen Purzelbäume schlugen. Dies wieder bereitete den
andern Kindern ein solches Vergnügen, daß sie sich mit Geschrei und
Gelächter gleichfalls an der Balgerei am Boden beteiligten und so einen
Höllenspektakel verursachten.
Jetzt kam das Regerl in die Stube. Sie trug eine große Schnapsflasche
in der Hand und stellte sie auf den Tisch hin. Dann holte sie aus
einem Seitenkästchen, das in der getäfelten Wand seitwärts des Tisches
angebracht war, ein paar kleine derbe Gläser und goß Schnaps in jedes.
»G'sundheit, Kramer!« sagte sie freundlich und stellte ein volles Glas
vor ihn hin.
»B'scheid tun!« meinte der und hielt ihr das Glas zum Antrinken
entgegen.
Das Mädel nippte leicht und stellte das Glas dann wieder auf den Tisch.
»G'sundheit, Regerl!« stießen nun auch der Florl und der Wastl mit ihr
an.
Die Bäurin trat jetzt mit gemächlichem, etwas schleppendem Gang in die
Stube. Die Neugierde hatte sie hereingetrieben; denn sie wollte den
fremden Besucher doch etwas genauer betrachten.
Sie war nicht allein, sondern hatte ein unförmlich dickes, zappelndes
Kind, das kaum laufen konnte, an ihrem Rocksaum hängen. Die Bäurin war
nicht viel größer wie das Regerl, aber kräftiger als die Tochter und
sah sehr bequem und etwas verdrießlich zugleich aus.
Das Gesicht war sonnverbrannt und schon voll Furchen, war aber trotzdem
noch immer hübsch und sah der Tochter auffallend ähnlich. Die Bäurin
war aber nicht so sauber und ordentlich gekleidet wie das Regerl,
und ihre dunklen Zöpfe, die sie gleichfalls zur Krone gewunden um
den Kopf trug, bekundeten immer eine starke Neigung, ihren Halt zu
verlieren, und mußten von Zeit zu Zeit festgesteckt werden. So hatte
die Bäurin, während sie sich neben dem Fremden auf die Bank niederließ
und ihn seitwärts eingehend und sehr genau musterte, eine fortwährende
Beschäftigung für ihre Hände.
Das unförmig dicke Kind im langen dunklen Kittelchen saß ihr zu Füßen
und bemühte sich vergeblich, unter den Rock der Mutter zu kriechen.
Es hatte offenbar Angst vor dem Fremden und wollte sich vor ihm
verstecken. Da ihm das nicht gelang, fing es in langgezogenen Tönen zu
schreien an.
»Kinder habt's amal g'nug, Bäurin!« lachte Veit Galler und hielt ihr
einladend sein Schnapsglas hin.
»'s tut si schon!« machte die Bäurin gleichgültig, nachdem sie
getrunken und sich mit der flachen Hand den Mund abgewischt hatte.
Dann setzte sie gleich wieder die Beschäftigung mit ihrer Haarkrone
fort. »Können nia z'viel sein zu der Arbeit. Weißt wohl!« fügte sie
erklärend hinzu.
»Jatz aber machen sie amal Arbeit, stell' i mir für!« meinte der Kramer.
»'s tut si schon!« sagte die Bäurin achselzuckend. »Wir machen's nit a
so hoakel. Weißt wohl ...«
»Die Arbeit tut halt 's Regerl!« warf der Florl boshaft ein.
Ein unfreundlicher Blick der Mutter traf den Burschen.
»Geht's di was an?« frug sie scharf.
Das Regerl hatte das schreiende Kind vom Boden aufgenommen und sich mit
ihm auf die Bank zum Ofen gesetzt. Da saß sie nun und spielte mit ihm
und achtete nicht weiter auf die Gäste.
»Ist der Bauer nit dahoam?« erkundigte sich jetzt der Kramer.
»Naa!« Das Weib schüttelte verneinend den Kopf. »Ist Kirchen gangen
mit'm Franzl.«
»Und der Seppl und der Hannes sein mit die Perlmoserischen aufs Alpl
gangen zum Feuer anzünden!« berichtete jetzt einer von den Buben, die
am Boden lagen, wichtig und schob sich näher an den Tisch heran.
»Ist die Vef aa derbei?« forschte der Wastl interessiert.
»Woaß nit!« meinte der Bub achselzuckend. »Kann leicht dabei sein.«
»Mir werd'n iatz giahn müssen, Florl!« mahnte der Wastl zum Aufbruch.
»Hast es so eilig?« frug die Bäurin spitz.
Der Florl kam seinem Kameraden zu Hilfe. »Wir müssen ja no Holz
sammeln, und a Stuck Weg ist's aa no aufi.«
Als sich die Burschen erhoben, schloß sich ihnen der Kramer an. »A
Stückl hab'n wir no den gleichen Weg!« sagte er sich entschuldigend zu
der Bäurin.
»Wo bleibst nacher du?« erkundigte sich die Bäurin, die bis jetzt eine
direkte Frage nach der Herkunft des Fremden vermieden hatte.
»Im Dörfl enten bin i dahoam!« erwiderte dieser. »Der Kramer Veit bin
i!« fügte er breit und selbstbewußt hinzu.
»Dersell'?« Unfreundlich und neugierig zugleich sah die Bäurin zu dem
hochgewachsenen Manne auf. »Bist lang ausg'wesen!« meinte sie dann.
»Die Notburg wird di völlig nimmer kennen.«
»I werd' mi ihr schon zu derkennen geben!« lachte der Kramer Veit laut
und polternd und fletschte sein Roßgebiß. »Die Notburg ist dös schon
g'wöhnt von mir.«
Die Bäurin erhob sich nun gleichfalls von der Bank, auf der sie
gesessen hatte.
»Wie lang ist's her, daß du fort bist auf Amerika?« frug sie und machte
sich neuerdings mit ihren Zöpfen zu schaffen.
»So an die zehn, zwölf Jahr' werden's sein!« lachte der Kramer Veit.
»Oder no länger!« sagte die Bäurin nachdenklich. »I moan, 's Regerl hat
damals no nit amal recht laufen können. I denk's no, als ob's gestern
g'wesen wär'. Bin mit ihr damals im Ladele g'wesen bei der Notburg.
Da bist g'rad a paar Wochen dahin g'wesen, und die Notburg hat mir
recht derbarmt. Und dem Regele hat sie so a schian's Bischkotenherz
g'schenkt. Mir ist völlig fürkömmen, sie hat g'reart g'habt. Aber woaßt
wohl! Fragen hat man die Notburg nia nix derfen. Dös war' alleweil
g'fahlt g'wesen. So an Stolz wia sie g'habt hat.«
Ganz gesprächig war jetzt die Bäurin mit einem Male geworden und auch
ganz zutraulich, während dem Manne, der da vor ihr stand, bei der
Erzählung der Frau offensichtlich immer schwüler und unbehaglicher
wurde. Sein dicker roter Kopf schien noch röter. Das gutmütige Lachen
verschwand vollständig aus seinem Gesicht, das wieder hart und roh
erschien.
»Weiß die Notburg, daß Ihr kommt's?« mischte sich jetzt das Regerl in
das Gespräch. Sie war mit dem Kinde auf dem Arm zu der kleinen Gruppe
getreten, die sich nun verabschiedete.
Veit Galler schüttelte den Kopf.
»Naa!« sagte er und hatte schon wieder den gutmütig freundlichen
Gesichtsausdruck. »I geh' und i komm' g'rad wie's mir paßt. Bin aa
koaner, der viel schreibt. Und bis so a Brief amal zu uns einer kimmt,
da ist man völlig schneller von Amerika herenten!« lachte er.
»Wie lang habt's nacher ummer braucht, Kramer?« erkundigte sich der
Florl interessiert.
»Mei!« Der Kramer zuckte die Achseln. »All's in allen a paar Monat. Man
zählt's gar nimmer, so lang kommt's einem vor.«
»Geh, Florl, geh'n wir!« drängte der Wastl, dem die Erzählung schon
viel zu lange gedauert hatte und der schon die ganze Zeit hindurch den
Florl durch Zeichen zum Aufbruch gemahnt hatte.
»Mei, hast du an Eil!« höhnte das Regele schnippisch. »Wirst's wohl no
epper dermachen, ha?«
Man war jetzt vor die Haustüre getreten. Der Wastl zog, ohne auf das
Regele weiter zu achten, eilig seinen lichtgrauen Lodenrock an und
rückte den schwarzen Filzhut tief ins Gesicht herein.
Dann übersprang er kühn die holprigen Steinstufen und wollte so schnell
er konnte zur Anhöhe hinanlaufen, zu welcher der schmale Wiesensteig
vom Hause weg emporführte.
Das Regele aber ritt der Bosheitsteufel. Sie wußte, weshalb es der
Wastl so eilig hatte, und rächte sich jetzt für seine Neckereien von
vorhin.
»Holla!« rief sie energisch. »Dableiben! An Schnaps habt's kriagt.
Jetzt müßt's oans singen!« befahl sie.
»Natürlich singen!« stimmte der Kramer Veit bei. »Dös g'hört dazu.«
Der Wastl sträubte sich ein wenig.
»An anders Mal singen wir!« meinte er lachend und stieß den Florl, der
ihm nachgekommen war, mit dem Ellbogen an. »Renn'!« flüsterte er ihm zu.
Aber dem Florl war gar nicht um das Rennen zu tun, und er suchte jetzt
dem Regerl einen Gefallen zu erweisen.
»Singen müssen wir schon eins!« meinte der Florl nachdenklich. »Das ist
schon amal so der Brauch, weil wir an Schnaps aa g'habt haben.«
Die Bäurin, umringt von ihrer Kinderschar, stand, die Hände lässig in
die Hüften gestemmt, vor der Haustüre, im Glanze der scheidenden Sonne.
Der Kramer Veit hatte sich breitspurig und erwartungsvoll auf die Bank
vor dem Hause niedergelassen, während das Regele mit dem Kind am Arm zu
den beiden Burschen herabgestiegen war.
»Regerl ...« flüsterte der Florl ganz leise und nur für sie hörbar.
»Laß mi ... du ...« sagte das Mädel unfreundlich und machte sich mit
dem Kinde zu schaffen, das den Florl mit seinen großen, dunkeln Augen
blöde und unverwandt anstarrte und an seinem dicken, roten Fäustchen
lullte.
»Mußt mitsingen, Regerl!« forderte sie der Wastl auf. »Dann gehen wir's
an.«
»I hab' heut' koa Stimm' nit!« sagte das Mädel ausweichend.
»Weil d' nit magst!« widersprach der Wastl geärgert.
Das Mädel zog die Achseln hoch. »Kann aa sein!« meinte sie
gleichgültig.
»Wird's bald?« erklang da die scharfe Stimme der Bäurin vor dem Hause.
Die Burschen sahen ein, daß sie jetzt singen mußten, und einigten sich
rasch durch ein paar Worte über das Lied, das sie zum besten geben
wollten.
Dann stellten sie sich wie regelrechte Sänger in Positur, kehrten
ihre Rückseite den Zuhörern zu, offenbar um ihre eigene Verlegenheit
zu verbergen, und ließen ein helles, fröhliches Lied erklingen. Das
tönte hinaus in den heiligen Frieden der Natur und erzählte von
jugendfrischer Liebe und von der Schönheit ihrer Heimat.
Die steile Felswand, über die sich das silberfarbige Band des kleinen
Baches zog, gab das Echo zurück.
Als das Lied verklungen war, herrschte einen Augenblick lang tiefes
Schweigen. Sogar die Kinder waren ruhig geblieben und wagten sich nicht
zu rühren.
Jetzt meinte der Kramer Veit: »Schön könnt's singen, Buben! Sehr schön.
So was könnt' ein' grad no's Herz auffrischen.«
»Singt's no oans, ös zwoa!« sagte die Bäurin ermunternd.
»I nimmer!« lachte der Wastl und lief jetzt mit weit ausholenden
Schritten seinem Kameraden davon und die sanft ansteigende Wiesenanhöhe
hinauf.
Der Florl suchte verstohlen die Hand des Mädels.
»Wann d' halt do mitgangst, Regerl!« bat er leise und fast demütig.
Jetzt schaute das Mädel zu ihm auf. Es war ein kurzer, flüchtiger
Blick und doch voll von Vorwurf und tiefem Weh.
»Daß du grad so daherreden magst!« sagte sie dann unwirsch und wandte
sich, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern, von ihm ab und dem Hause
zu.
Aber der Florl war so leicht nicht loszukriegen. Gewaltsam hielt er
sie zurück. »Aber Feuerlen schaug'n gehst auf d' Nacht, gelt, Regerl?«
flüsterte er innig. »Und das höchste Feuerl ... weißt, ganz droben ...
du kennst ja 's Platzl ... dös ist's meinige. Und i zünd's für di an,
Dirndl! Daß d' es woaßt.«
Nun konnte das Mädel doch nicht anders als lieb sein, und dankbar sah
sie zu dem Burschen auf. Ihre blauen Augen leuchteten, und eine dunkle
Röte übergoß das zarte, auffallend blasse Gesicht.
Der Florl drückte ihr noch rasch die Hand.
»Morgen auf die Nacht, Regerl ...« flüsterte er, und dann eilte er
gewandt und geschmeidig wie eine Gemse dem Wastl nach, der schon einen
tüchtigen Vorsprung gewonnen hatte.
»Sein das zwei Sakramenter!« schimpfte der Kramer Veit gutmütig mit
lautpolternder Stimme. »So a Lungl, wie die haben! Und können nit
amal warten auf unseroans! Ha, Regerl?« Freundlich hielt er dem
kleinen, zierlichen Mädel seine mächtige Hand zum Abschied hin. »Und
vergelt's Gott für'n Schnaps. Und wenn du aufs Dörfl ummikimmst .. a
Bischkotenherz kriagst von mir aa!« lachte er laut und dröhnend.
Mit wuchtigen, weit ausholenden Schritten ging der Kramer Veit jetzt
der Anhöhe des kleinen Bergtales zu.
Die Bäurin und die Kinder vor dem niedern braunen Holzhause sahen ihm
nach, solange sie ihn sehen konnten. Dann, als die massige Gestalt des
Mannes von der Anhöhe verschwunden war, kehrten sie ins Haus zurück.
Das Regele aber, mit dem Kind am Arm, blieb noch lange sinnend stehen.
Sie achtete nicht darauf, daß das Kind unruhig wurde, sondern sah
unverwandt in die Richtung, in der die beiden Burschen den Berg
hinangestürmt waren.
Die Sonne leuchtete nur noch matt auf die höchsten Spitzen der Berge.
Das stattliche Dorf draußen im Haupttal lag schon im Dämmerschein, und
seine weißen Häuser sahen grau und düster aus.
Zweites Kapitel
Es dämmerte stark, als der Kramer Veit zum ersten Male seit langen
Jahren sein Heimatsdörfl wiedersah.
Jenseits des kleinen Hochtales fiel der Berg steil ab, und tief drunten
lag auf einem hügeligen Wiesenvorsprung ein winziges Dörflein. Wohl
kaum ein Dutzend Häuser waren es, kleine, braune Holzhäuser, eng um die
Kirche geschart, die keck ihren spitzen Turm gegen Himmel reckte.
Ganz der Sonne ausgesetzt, ohne Wald und mit nur wenigen Obstbäumen,
lagerte das Dörfl auf steilem Wiesenabhang, hart am Ausgang eines
Hochtales, das sich viele Stunden weit bis an die Gletscher erstreckte.
Tief unten im Tal, dort, wo der Wiesenabhang, auf dem das Dörfl war,
aufhörte und steile Felsen eine Schlucht bildeten, brauste der Wildbach.
Drei Hochtäler mündeten hier mit ihren Wildbächen in enger
Nachbarschaft und schluchtartig in das Haupttal ein. Zornig schlugen
die Wellen an die Steine und Felsblöcke, die dem rasenden Lauf der
Wasser hemmend entgegenstanden, und weißer Schaum sprühte jählings in
die Höhe.
Smaragdgrün und sanft leuchtete der Fluß des Haupttales und lud die
drei wildbrausenden Berggesellen ein, ihr Schicksal von nun ab seiner
besseren, milderen Leitung anzuvertrauen.
Veit Galler, der Krämer, blieb, ehe er von der Anhöhe des Berges zu
dem Dörfl herabstieg, überwältigt von dem Ausblick, der sich ihm bot,
stehen.
Beinahe gespensterhaft baute sich die Gebirgswelt der drei Hochtäler in
der Abenddämmerung auf.
Draußen im Haupttal brannten an den Hängen der Berge schon die ersten
Karsamstagsfeuer. Im Dörfl drunten blitzte vereinzelt ein Licht auf.
Im dämmrigen Grau lagen die engen, schluchtartigen Täler, und nur
die Umrisse der gigantischen Bergriesen, zu deren Füßen sie sich
hindehnten, waren noch deutlich zu erkennen.
Veit Galler aber wußte, daß man am hellen Tage von hier oben in eine
wunderbare Welt der Alpen schauen konnte. Kulissenartig schob sich
da Berg an Berg und Wald an Wald, baute sich empor bis zu den kahlen
Felsen und Schrofen, über welche die Spitzen der mit ewigem Eis
bedeckten Ferner ragten.
Vereinzelt standen kleine Hütten in den Tälern und sahen aus wie
winzige Spielzeuge, schier erdrückt von den gewaltigen Bergriesen.
In sehnsuchtsvollen Stunden, in denen das Heimweh mit voller Macht
den Krämer oft befiel, hatte er immer nur dieses eine Bild vor Augen
gehabt, das er jetzt in hereinbrechender Abenddämmerung zum ersten Male
wiederschaute. Das war der Blick von dieser Anhöhe aus, hinein in die
drei Hochtäler mit ihren wildschäumenden Bächen, ihren dunkeln Wäldern
und ihren hohen Bergriesen. Dieser Blick verkörperte seine Heimat und
blieb sein Sehnen in all den langen Jahren, da er in der Fremde weilte.
Veit Galler vergaß die späte Stunde und vergaß, wie nahe er dem Heime
war, in dem sein Weib einsam hauste und wohl auch seiner harrte.
Und sein Herz hämmerte stärker, und seine Füße wurden ihm schwer. Es
war, als ob ihn, da er nun so nahe am Ziel war, die Kräfte verlassen
wollten und eine große Müdigkeit ihn zusammenbrechen ließe.
Das überkam ihn so jäh und gewaltsam, daß der starke Mann, ohne auf den
schneeigen Boden zu achten, sich wie gebrochen niederließ und schwer
den Kopf auf die Arme stützte.
In dieser einsamen Stunde, da er sich seinem Weibe und seinem Heim
so nahe wußte, flammte die Erinnerung an sein vergangenes Leben
übermächtig in ihm auf.
Die Wanderlust hatte den Kramer Veit schon als ganz jungen Burschen
aus der Heimat getrieben. Es gärte in dem jungen Blut und drängte nach
Taten. Die Welt wollte er kennen lernen, wollte sehen, wie es draußen
aussah im Land, in den Dörfern der großen Täler und in den Städten, von
denen er erzählen gehört hatte.
Zu jener Zeit, in der diese Begebenheiten spielen, gab es noch keine
Eisenbahnen, und wer Lust zum Reisen verspürte, mußte entweder wandern
oder sich der Postkutsche anvertrauen. Kein Wunder also, daß die Leute
von damals seßhafter waren wie heutzutage, und daß einer, dem's in der
Heimat zu enge wurde, unangenehm auffiel.
Der Kramer Veit war früh verwaist, ein armes, aber fleißiges und
aufgewecktes Bübl. Als der Metzger draußen von dem stattlichen Dorf
mit den behaglichen, weißen Häusern und dem grünen, spitzen Kirchturm
einmal ins Dörfl heraufkam, um nach Schlachtvieh Umschau zu halten,
fand er Gefallen an dem Veit und nahm ihn mit zu sich in die Lehre.
Von diesem Metzger hatte der Veit das Wandern abgelernt, sagten die
Leute. War ein unruhiges Blut, der Metzger, und hatte nirgends Rast.
Wanderte immer im Lande herum und handelte mit Vieh. Kam bis ins
Salzburgische und hinein nach Südtirol, und einmal war er sogar in Wien
unten gewesen.
Als der Veit älter und verständiger geworden war, da nahm ihn der
Metzger manchmal mit hinaus ins Land. Da mußte er das Vieh auftreiben
zu den Jahrmärkten, die abgehalten wurden.
Dem Veit paßte das Viehtreiben auf die Dauer aber gar nicht, und auch
der Metzgerei konnte er keinen Geschmack abgewinnen.
Resolut und mutig, wie er war, ergriff er die erste Gelegenheit, die
sich ihm bot, und eröffnete einen Handel auf eigene Faust. Er hausierte
mit Waren, handelte mit Schnaps, den die Bauern seiner Heimat im Herbst
aus Obst und Beeren brannten, und er handelte mit feinem Wildleder, aus
dem dann Handschuhe erzeugt wurden.
Der Veit hatte Glück mit seinem Handel und kam auch weit im Land
herum und bis nach Deutschland hinaus. Bald hatte es der Veit so weit
gebracht, daß er ein kleines Gütl in seinem Heimatsdörfl von einer
alten Base übernehmen konnte.
Dann heiratete er die Notburg und richtete einen kleinen Kramladen im
Dörfl ein.
Er und die Notburg hatten einander schon als Kinder gekannt. Hier
oben, an der Stelle, an der er jetzt im Schnee saß und über sein Leben
nachdachte, da hatten er und die Notburg gar oft gesessen, hatten
miteinander geplaudert und gespielt und auch gesungen. Und die hohen
Felswände der Berge jenseits des Baches gaben das Echo ihrer hellen
Kinderstimmen wieder.
Ein Hüterbub war der Veit gewesen, und die Notburg war die Tochter
einer Witwe, die sich bei den Bauern als Schneiderin verdingte.
Schon als Kind mußte die Notburg den Haushalt fast ganz allein
besorgen. Ärmlich und klein genug war er ja. Eine windschiefe Hütte,
baufällig und zerlattert, ein kleines Gärtchen davor und zwei Ziegen im
Stall.
Die Ziegen des Dörfels wurden dem Veit in der schönen Jahreszeit zum
Hüten anvertraut. Mit ungefähr zwanzig Ziegen zog der Bub frühmorgens
aus dem Dörfl, hinauf aufs Joch, dort, wo es die würzigen Alpenkräuter
gab. Und abends kehrte er dann mit seinen Schützlingen wieder zurück.
Wenn die Notburg die Schellen der Ziegen nur von ferne hörte, dann lief
sie, flink wie ein Reh, dem Veit entgegen, um sich ihre Ziegen bei
ihm abzuholen. Dann spielten die beiden Kinder immer erst eine Weile
zusammen und erzählten sich wohl auch die kleinen Erlebnisse des Tages.
Als der Metzger den Veit als Lehrling mit sich fortnahm, da weinte
das kleine Mädel und wollte auch gar keine rechte Liebe mehr für die
zwei Ziegen aufbringen. Sie mochte auch gar nicht mehr zu der Anhöhe
hinaufgehen, wo sie so oft mit dem Veit gesessen war und in die Täler
hinabgesehen hatte. Es gefiel ihr nicht mehr da droben, und sie blieb
lieber im Dörfl herunten und machte sich in der Hütte zu schaffen.
Der Veit aber hatte die einstige Spielgefährtin nicht vergessen, und
obwohl der Weg zu ihr nun stundenweit war, so machte er ihn doch, so
oft er nur konnte.
Und es war immer das gleiche mit den beiden. Obschon oft Monate
dazwischen lagen, bis sie sich wiedersahen, so waren sie sich doch
niemals fremd geworden. Plauderten wie einst als Kinder und vertrauten
einander ihre Zukunftspläne, ihre Wünsche und ihre Sorgen an.
So war aus der Kinderfreundschaft eine regelrechte Jugendliebe
geworden. Bis dann die Unruhe über den Burschen gekommen war und er in
der weiten Welt allein herumzuwandern anfing.
Da sorgte sich die Notburg sehr um ihn und zweifelte, ob er wohl je zu
ihr kommen und sie, wie er gesagt hatte, als sein Weib heimführen würde.
Ein prächtiges, dralles Bauernmädel war die Notburg geworden. Groß und
üppig gewachsen, die dicken, aschblonden Zöpfe um den Kopf gewunden,
und mit einem braungebrannten, bildhübschen Gesicht. Nur die Augen
wollten nicht recht hineinpassen in das frische Bauerngesicht. Die
waren hell und schauten ernst und lachten selten.
Die Notburg war Näherin geworden wie ihre Mutter und ging mit ihr Tag
für Tag zu den Bauern auf die Stöhre.
Bald nähten sie im Dörfl und bald auf den einsamen Berghöfen der
Nachbardörfer. Man hatte sie überall gerne, und wenn die Notburg nicht
gar so abweisend gewesen wäre, dann hätte sie schon öfters Bäuerin auf
einem Berghof werden können.
Es war aber nichts zu machen mit dem Mädel. Sie war einmal zu ernst,
und die Leute fingen an ihr nachzusagen, daß sie hochmütig und stolz
sei.
Als die Mutter starb, hauste die Notburg ganz allein in der baufälligen
Holzhütte. Kümmerte sich nicht viel um die Leute, tat ihre Arbeit und
ging auf Stöhren.
Veit Galler hatte nun so viel Geld aufgebracht, daß er an die Gründung
eines eigenen Heimes denken konnte. Die Leute staunten nicht wenig,
als der Veit das Gütl von der alten Base übernahm, sich den Kramladen
einrichtete und seine Notburg heiratete.
In unmittelbarer Nähe der Kirche war das Heim des jungen Paares.
Lange Zeit hindurch handwerkerte der Veit selber an dem Häusl herum,
das er übernommen hatte. Da gab es viel, was er daran auszubessern und
zu verschönern fand. Mit Lust und Liebe war der junge Kramer bei der
Arbeit und schmückte sein und seiner Notburg Heim von innen und außen.
Neue Fensterläden machte der Veit, strich sie mit grüner Farbe an
und malte bunte Blumen darauf. Die Kinder des Dörfels standen mit
aufgerissenen Augen und Mäulern um ihn herum und bewunderten seine
Kunst.
Das mußte man dem Veit ja lassen. Geschickt war er. Das sagten sie alle
im Dorf. Was der Veit einmal in die Hand nahm, das konnte er auch. Kein
gelernter Maler hätte die Fensterläden schöner machen können, wie der
Kramer Veit das tat.
Als er mit den Fensterläden fertig war, machte er sich daran, einen
schönen Söller rund um das erste Stockwerk seines kleinen Hauses
zu bauen. Strich ihn braun an und schnitzte als Mittelpunkt in das
hölzerne Gitterwerk eine Gemse in Lebensgröße.
Blumenstöcke prangten zur Sommerszeit auf dem Söller, blühende Nelken,
die, in kleine Holzkistchen gesetzt, üppig gediehen und weit über das
braune Gebälk herabfielen. Tiefrote Geranien, grüner, wohlriechender
Rosmarin, Pelargonien und Hortensien in allen Farben, sie alle zierten
und schmückten das Heim des jungen Paares.
Es hieß, daß man weitum gehen müsse, bis man wieder ein so schönes
Häusl fand wie das vom Kramer Veit.
Auch den Kramladen hatte der Veit mit viel Umsicht und Geschick
eingerichtet. So klein er war, so reichhaltig war sein Warenlager.
Da gab es Nägel und Hacken und Zwirn und Strickwolle, Kleiderstoffe und
Stoffe für seidene und baumwollene Schürzen, Bänder und Tücher in allen
Farben und Stoffe für Hemden und Unterröcke. Es gab Kaffee und Zucker,
und ganze Stöße von Seife standen aufgeschichtet herum. Wohlriechende
Seifen waren vorrätig und verlockten die Bäuerinnen zum Einkauf.
Ganze Reihen von Hosenriemen hingen von der niedern Bodendecke
herab. Rosenkränze, aus bunten Glasperlen angefertigt, baumelten
über der Ladenbudel. Es gab Soda und Öl, Bürsten und Besen, und der
durchdringende Geruch von Erdöl schwängerte die Luft des winzigen
Kramladens.
Kerzen aus Talg und Wachsstöcke in allen Größen lagerten in der
Nähe der Eingangstüre, die mit einem kleinen Fensterchen versehen
gleichzeitig als eine Art Auslagekasten diente. Pfeffer und Zimmet gab
es und allerhand fremdartige Gewürze, mit denen die Bäuerinnen nur
wenig anzufangen wußten.