Seit der Höfling aus Malmort verschwunden war, lastete auf den
schweren Mauern Schweigen und Kümmernis. Das Gesinde munkelte
allerlei, und Knechte und Dirnen steckten die Köpfe zusammen. Die
junge Herrin sei krank. Es sei ihr angetan worden. Irgendein
Zauber--ob sie einer Drude begegnet oder ein giftiges Kraut
verschluckt oder aus einem schädlichen Quell getrunken--habe die
Ärmste der Vernunft beraubt. Ihr mangle der Schlummer, sie weine
unablässig und lasse sich weder trösten noch auch nur berühren. Ihr
widerstehe Speise und Trank und sie schwinde zum Gerippe. Die Laute
und Wilde sei gar still und zahm und ihr Lebensfaden zum Reißen dünn
geworden. Die bekümmerte Richterin folge ihr auf Schritt und Tritt
und dürfe sie nicht aus den Augen lassen.
Zwei Mägde standen am Brunnen zusammen und flüsterten. Benedicta war
der jungen Herrin unversehens im Flur begegnet und wollte ihr
gebührlich die Hand küssen. Palma sei angstvoll zurückgewichen und
habe aufgeschrien: "Rühre mich nicht an!" Veronica hatte durch das
Schlüsselloch gespäht und was erblickt? etwas ganz Unglaubliches: die
stolze Frau Stemma vor ihrem Kinde niedergeworfen, ihm liebkosend die
Knie umfangend und um die Gnade flehend, daß es den Mund öffne und
einen Bissen berühre.
Die Mägde verstummten, hoben sich die Krüge zu Haupte und drückten
sich, eine hinter der andern, während langsam die Richterin mit Palma
aus der Pforte trat und die Stufen herunterschritt. Frau Stemma
stützte das Mädchen, das, elend und zerstört, sich selbst nicht mehr
gleichsah. Palma ging mit gebeugtem Rücken und unsichern Knien. Groß,
doch ohne Strahl und Wärme, traten die Augen aus dem vermagerten
Antlitz. "Komm, Kindchen", sagte Frau Stemma, "du mußt Luft schöpfen",
und sie öffnete ein Gatter, das auf eine zirpende und summende Wiese
führte, die einen weiten leicht geneigten Vorsprung der Burghöhe
bekleidete und über die Grenzlinie der unsichtbaren Tiefe hinweg in
eine lichte Ferne verlief.
Sie setzten sich auf eine Bank, und Frau Stemma betrachtete ihr Kind.
Da ergrimmte sie und weinte zugleich in ihrem Herzen über die
Verwüstung des einzigen, was sie liebte. Aber sie blieb aufrecht und
gürtete sich mit ihrer letzten Kraft. "Wie", sagte sie sich, "Mir
gelänge es nicht, dieses Gehirnchen zu betören, dieses Herzchen zu
überwältigen?"
"Mein Kind", begann sie, "hier sind wir allein. Laß uns noch einmal
recht klar und klug miteinander reden"--
"Wenn du willst, Mutter."--"miteinander reden von dem Wahne jener
Nacht. Ich wachte, du schliefest. Da lärmt es im Hofe. Ich gehe
hinunter, es war nichts, und ich lache über meinen leeren Schrecken.
Ich wende mich. Du stehst vor mir nachtwandelnd, mit offenen stieren
Augen. Ich ergreife dich und führe dich in das Haus zurück. Und du
erwachst aus dem abscheulichen Traume, der dich jetzt peinigt und
zugrunde richtet."
"Ja und nein, Mutter. Mich weckte ein Ruf, ich sehe dich hinauseilen
und folge dir auf dem Fuße. Du standest im Hofe vor den Steinbildern
und schaltest den Vater und erzähltest ihm"--sie hielt schaudernd inne.
"Was erzählte ich?" fragte die Richterin.
"Du sagtest"--Palma redete ganz leise--"daß ich nicht sein Kind bin.
Du sagtest, daß ich schon unter deinem Herzen lag. Du sagtest, daß du
und ich ihn getötet haben."
"Liebe Törin", lächelte Frau Stemma, "nimm all dein Denken zusammen
und verliere keines meiner Worte. Ich hätte mit einem Steine geredet?
als eine Abergläubische? oder eine Närrin? Kennst du mich so? Und du
wärest nicht das Kind des Comes? Mit wem war ich denn sonst vermählt?
Habe ich dir nicht erzählt, daß ich eine Gefangene war auf Malmort,
bis mich der Comes freite? Und ich hätte den Gatten getötet? Ich,
die Richterin und die Ärztin des Landes, hätte Gifte gemischt? Kannst
du das glauben? Hältst du das für möglich?"
"Nein, Mutter, nein! Und doch, du hast es gesagt!"
"Palma, Palma, mißhandle mich nicht! Sonst müßte ich dich hassen!"
Palma brach in trostlose Tränen aus und warf sich gegen die Brust der
Mutter, die das schluchzende Haupt an sich preßte. "Du bringst mich
um mit deinem Weinen", sagte sie. "Glaube mir doch, Närrchen!"
Palma hob das Angesicht und blickte um sich. "Weidet hier am Rande
ein Zicklein, Mutter?"
"Ja, Palma."
"Läutet dort Maria in valle?" Sie wies ein im Tale schimmerndes
Kloster.
"Ja, Palma."
"Ebenso wahr, als ich jetzt nicht träume und das Zicklein weidet und
das Kirchlein läutet, ebensowenig habe ich geträumt, daß du vor
Wulfrins Vater gestanden und ihn angeredet hast. Es war so, es ist so.
Du sprächest immer die Wahrheit, Mutter."
"Ich sage dir, Palma, es ist ein Traum. Und ich will, daß es ein
Traum sei."
Palma erwiderte sanft: "Belüge mich nicht, Mutter! Habe ich doch
vorhin, da du mich an dich preßtest, den scharfen Kristall empfunden,
welchen du aus dem Busen gezogen und dem Comes gezeigt hast."
Die Richterin schnellte empor mit einem feindseligen Blicke gegen ihr
Kind, glitt aber langsam auf die Bank zurück, und nachdem sie eine
Weile in den Boden gestarrt, sagte sie: "Wäre es so und hätte ich so
getan, so wäre es deinetwegen."
"Ich weiß", sagte Palma traurig.
"Habe ich es getan", wiederholte Stemma, "so tat ich es dir zuliebe.
Ich tötete, damit mein Kind rein blieb."
Palma zitterte.
"Warum hast du dich in mein Geheimnis gedrängt, Unselige?" flüsterte
Stemma ingrimmig. "Ich hütete es. Ich verschonte dich. Du hast es
mir geraubt! Nun ist es auch das deinige, und du mußt es mir tragen
helfen! Lerne heucheln, Kind, es ist nicht so schwer, wie du glaubst!
Aber wo sind deine Gedanken? Du bist abwesend! Wohin träumst du?"
"Was ist aus Wulfrin geworden?" fragte sie leise, und eine schwache
Röte glomm und verschwand auf den gehöhlten Wangen.
"Ich weiß nicht", sagte die Richterin.
"Jetzt verstehe ich, daß er mich verabscheut", jammerte Palma. "O ich
Elende! Er stößt mich von sich, weil er Mord an mir wittert. Mir
graut vor meinem Leibe! Läge ich zerschmettert!"
"Ängstige dich nicht! Wulfrin hat keinen Argwohn. Er ist gläubig und
er traut."
"Er traut!" schrie Palma empört. "Dann eile ich zu ihm und sage ihm
alles wie es ist! Ich laufe, bis ich ihn finde!" Sie wollte
aufspringen, die Mutter mußte sie nicht zurückhalten, erschöpft und
entkräftet sank sie ihr in den Schoß.
"Ich verrate dich, Mutter!"
"Das tust du nicht", sagte Stemma ruhig. "Mein Kind wird nicht als
Zeugin gegen mich stehen."
"Nein, Mutter."
Die Richterin streichelte Palma. Diese ließ es geschehen. Darauf
sagte sie wieder: "Mutter, weißt du was? Wir wollen die Wahrheit
bekennen!"
Frau Stemma brütete mit finstern Blicken. Dann sprach sie: "Foltere
mich nicht! Auch wenn ich wollte, dürfte ich nicht. Dieser wegen!",
und sie deutete auf ihr Gebiet. "Würde laut und offenbar, daß hier
während langer Jahre Sünde Sünde gerichtet hat, irre würden tausend
Gewissen und unterginge der Glaube an die Gerechtigkeit! Palma! Du
mußt schweigen!"
"So will ich schweigen!"
"Du bist meine tapfere Palma!" und die Richterin schloß ihr den Mund
mit einem Kusse. "Aber Kind, Kind, wie wird dir?" Palmas Augen waren
brechend, und das Herz klopfte kaum unter der tastenden Hand der
Mutter. Diese bettete die Halbentseelte und eilte verzweifelnd in die
Burg zurück.
Sie kam wieder mit einer Schale Wein und einem Stücklein Brot. Sie
kniete sich nieder, brach und tunkte den Bissen und bot ihn der
Entkräfteten. Diese wandte sich ab.
Da bat und flehte die Richterin: "Nimm, Kind, deiner Mutter zuliebe!"
Jetzt wollte Palma gehorchen und öffnete den entfärbten Mund, doch er
versagte den Dienst.
Stemma sah eine Sterbende. Da starb auch sie. Ihr Herz stand stille.
Ein Todeskrampf verzog ihr das Antlitz. Eine Weile kniete sie starr
und steinern. Dann verklärte sich das Angesicht der Richterin, und
ein Schauer der Reinheit badete sie vom Haupt zur Sohle.
"Palma", sagte sie zärtlich, und dieser warme Klang, hob die Lider des
Kindes, "Palma, was meinst du? Ich lade den Kaiser ein nach Malmort.
Wir treten vor ihn Hand in Hand, wir bekennen und er richtet." Da
freuten sich die Augen Palmas, und ihre Pulse schlugen.
"Nimm den Bissen", sagte die Richterin und speiste und tränkte ihr
Kind.
Sie führte die Neubelebte in den Hof zurück. In der Mitte desselben
stand Rudio, noch keuchend vom Ritte. "Heil und Ruhm dir, Herrin!"
frohlockte er. "Ich melde den Kaiser! Der Höchste sucht dich heim!
Er naht! Er zieht mächtig heran und mit ihm ganz Rätien!"
"Dafür sei er gepriesen!" antwortete die Richterin. "Komm, Kind, wir
wollen uns schmücken!"
Da Kaiser Karl mit allem Volke den Burgweg erstiegen hatte, hieß er
Gesinde und Gefolge vor dem Tore zurückbleiben und betrat allein den
Hof von Malmort. Stemma und Palma standen in weißen Gewändern. Die
Richterin schritt dem Herrscher entgegen und bog das Knie. Palma
hinter ihr tat desgleichen. Karl hob die Richterin von der Erde und
sagte: "Du bist die Frau von Malmort. Ich habe deine Botschaft
empfangen und bin da, Ordnung zu schaffen, wie du gefordert hast.
Hier ist Freiheit in Frevel und Kraft in Willkür entartet. Ich will
diesem Gebirge einen Grafen setzen. Weißt du mir den Mann?"
"Ich weiß ihn", antwortete die Richterin. "Es ist Wulfrin, Sohn Wulfs,
dein Höfling, ein treuer und tapferer Mann, zwar noch leichtgläubig
und unerfahren, doch die Jahre reifen."
"Ich führe ihn mit mir", sprach der Kaiser, "aber als einen, der sich
selbst anklagt und dein Gericht begehrt, sich so großen Frevels
anklagt, daß ich nicht daran glauben mag. Frau, heute ist mir unter
diesem leuchtenden Berghimmel ein Zeichen begegnet. Vor deiner Burg
hat mein Roß an einer Toten gescheut, die mitten im Wege lag. Ich
ließ sie aufheben. Es ist deine Eigene. Sie harrt vor der Schwelle."
Er dämpfte die Stimme: "Frau, was verbirgt Malmort? Wärest du eine
andere, als die du scheinest, und stündest du über einem begrabenen
Frevel, so wäre deine Waage falsch und dein Gericht eine
Ungerechtigkeit. Lange Jahre hast du hier rühmlich gewaltet. Gib
dich in meine Hände. Mein ist die Gnade. Oder getraust du dich,
Wulfrin zu richten?"
"Herr", antwortete sie, "ich werde ihn und mich richten unter deinen
Augen nach der Gerechtigkeit." Karl betrachtete sie erstaunt. Sie
leuchtete von Wahrheit. "So walte deines Amtes", sagte er.
Dann ging er auf das kniende Mädchen zu. "Palma novella!" sagte er
und hob sie zu sich empor. Sie blickte ihn an mit flehenden und
vertrauenden Augen, und sein Herz wurde gerührt.
"Rudio", gebot die Richterin, "bringe Faustinen her!" Der Kastellan
gehorchte und trug die Bürde herbei, die er an den Grabstein lehnte.
"Jetzt tue auf das Tor und öffne es weit! Alles Volk trete ein und
sehe und höre!"
Da wälzte sich der Strom durch die Pforte und füllte den Raum. Die
Höflinge scharten sich um den Kaiser, Alcuin und Graciosus unter ihnen,
während die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm,
ein dichter und schweigender Kreis, in dessen Mitte die Gestalt des
Kaisers ragte, in langem, blauem Mantel, mit strahlenden Augen. Neben
ihm Stemma und ihr Kind. Vor den dreien stand Wulfrin und sprach, den
Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet: "Jetzt richte mich!"
"Gedulde dich!" sagte sie. "Erst rede ich von dieser", und sie wies
auf die entseelte Faustine, die mit gebrochenen Augen und hängenden
Armen an der Gruft saß.
"Räter", sprach sie, und es wurde die tiefste Stille, "ihr kennet jene
dort! Sie hat unter euch gewandelt als eine Rechtschaffene, wofür ihr
sie hieltet. Nun ist ihr Mund verschlossen, sonst riefe er: Ihr irret
euch in mir! Ich bin eine Sünderin. Ich, die das Kind eines andern
im Schoße barg, habe den Mann gemordet"--
"Frau", schrie Wulfrin ungeduldig, "was bedeutet die Magd! Mich laß
reden, meinen Frevel richte, damit ein Ende werde!"
"Nun denn! Aber zuerst, Wulfrin--nicht wahr, wenn diese hier"--sie
zeigte Palma--"nicht das Kind deines Vaters, nicht deine Schwester,
sondern eine andere und Fremde wäre, dein Frevel zerfiele in sich
selbst?"
"Frau, Frau!" stammelte er.
"Kaiser und Räter", rief Stemma mit gewaltiger Stimme, "ich habe getan
wie Faustine. Auch ich war das Weib eines Toten! Auch ich habe den
Gatten ermordet! Die Herrin ist wie die Eigene. Hört! Nicht ein
Tropfen Blutes ist diesen zweien gemeinsam!" Sie streckte den Arm
scheidend zwischen Wulfrin und Palma. "Hört! hört! Kein Tropfen
gleichen Blutes fließt in diesem Mann und in diesem Weibe! Zweifelt
ihr? Ich stelle euch einen Zeugen. Palma novella, das Kind Stemmas
und Peregrins des Klerikers, hat das Geheimnis meiner Tat belauscht.
Sie glaubt daran und stirbt darauf, daß ich wahr rede. Gib Zeugnis,
Palma!"
Aller Augen richteten sich auf das Mädchen, das mit gesenktem Haupte
dastand. Palma bewegte die Lippen.
"Lauter!" befahl die Richterin.
Jetzt sprach Palma hörbar den Vers der Messe: "Concepit in
iniquitatibus me mater mea..."
Da glaubte das Volk und entsetzte sich und stürzte auf die Knie und
murmelte: "Miserere mei!" Wulfrin streckte die Arme und rief gen
Himmel: "Ich danke dir, daß ich nicht gefrevelt habe!" Karl aber trat
zu Palma und hüllte sie in seinen Mantel.
"Nun richte du, Kaiser!" sprach Stemma.
"Richte dich selbst!" antwortete Karl.
"Nicht ich", sagte sie, wendete sich zu dem Volke und rief:
"Gottesurteil! Wollt ihr Gottesurteil?"