Es redete, es rief, es dröhnte: "Gottesurteil!"

Da sprach die Richterin feierlich: "Erstorbenes Gift, erstorbene Tat!

Lebendige Tat, lebendiges Gift!" und hatte den Kristall aus dem Busen

gehoben und geleert.

Eine Weile stand sie, dann tat sie einen Schritt und einen zweiten

wankenden gegen Wulfrin. "Sei stark!" seufzte sie und brach zusammen.

Rudio neigte sich über die Tote, hob sie auf seine Arme und trug sie

zu Faustinen. Dort saß sie am Grabe, die Hörige aber neigte sich und

legte das Antlitz in den Schoß der Herrin.

Jetzt enthüllte der Kaiser das Mädchen, das einen jammervollen Blick

nach der Mutter warf, faltete die Hände und gebot. "Oremus pro magna

peccatrice!" Alles Volk betete.

Dann sagte er mit milder Stimme: "Was wird aus diesem Kinde? Ich

ziehe nicht, bis ich es weiß. Wie rätst du, Alcuin?"

"Sie tue die Gelübde!" rief der Abt.

"Ehe sie gelebt hat?" schrie Wulfrin angstvoll.

"Dann weiß ich ein anderes. Graciosus"--der Abt hielt ihn an der

Hand--"dieser hier, ein frommer Jüngling, hat ein Wohlgefallen an der

Ärmsten"--

"Herr Abt", unterbrach ihn der aufgeregte Gnadenreich, "das geht über

Menschenkraft. Mir graut vor dem Kinde der Mörderin. Alle guten

Geister loben Gott den Herrn!"

Wulfrin sprang in die Mitte. "Kaiser und ihr alle", rief er, "mein

ist Palma novella!"

Da redete Karl: "Sohn Wulfs, du freiest das Kind seiner Mörderin?

Überwindest du die Dämonen?"

"Ich ersticke sie in meinen Armen! Hilf, Kaiser, daß ich sie

überwältige!"

Karl hieß das Mädchen knien und legte ihr die Hände auf das Haupt.

"Waise! Ich bin dir an Vaters Statt! Begrabe, die deine Mutter war!

Dieser folge mir ins Feld! Gott entscheide! Kehrt er zurück und

stößt er ins Horn, so freue dich, Palma novella, fülle den Becher und

vollende den Spruch! Dann entzündet Rudio die Brautfackel und

schleudert sie in das Gebälke von Malmort!"

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Richterin, von Conrad

Ferdinand Meyer.

Die Richterin · 第 13 / 13 题