Da Wulfrin am folgenden Tage erwachte, lag er unter den
schwarzschattenden Büscheln einer gewaltigen Arve, während die Matten
ringsum schon in der Mittagssonne schimmerten. Er hatte eben noch,
den würzigen Waldgeruch einatmend, heiter und glücklich geträumt von
dem Wettspiel in einer römischen Arena und im Speerwurf einen
Lorbeerkranz davongetragen. Sein Blut floß ruhig, und seine Stirne
war hell.
Nachdem er gestern Palma der Mutter in die Arme gelegt, war er ins
Dunkel zurückgewichen. Mit irren Füßen, in ruhelosem Laufe, kreuz und
quer, hatte er das Gebiet von Malmort durchjagt, bis weit über
Mitternacht hinaus, und war dann im Morgengrauen niedergestürzt und in
einen bleiernen Schlaf versunken.
Er fand sich auf einer von leichtgeschwungenen Hügeln umgebenen Wiese,
fernab von dem Geläute der Herdglocken, in tiefer Einsamkeit. Nur ein
Specht hämmerte, und zwei Eichhörner tummelten und neckten sich in der
Mitte ihres grünen Bezirkes. Wulfrin rieb sich den Schlummer aus den
Augen und schaute umher. Da entdeckte er über dem Hügelrande die
Giebel und Turmspitzen von Malmort. Er ließ sich auf dem Hange
gleiten, und sie verschwanden.
Allmählich schlich sich das Gestern an ihn heran, er wehrte es ab, er
mißtraute ihm, er wollte, er konnte es nicht glauben. War er nicht
der Starke und Freie, der Fröhliche und Zuversichtliche, der dem
Feinde ins Auge sah und das Irrsal mit dem Schwerte durchschnitt? Was
war denn geschehen? Eine rätselhafte Frau hatte ihn übermocht, zu
beschwören, was er nicht bezweifelte. Ein Mädchen, das sich in der
Langenweile eines Bergschlosses den vollkommensten Bruder ausgesonnen,
war ihm zugesprungen und hatte sich närrisch ihm an den Hals gehängt.
Ein tückischer Becher ungewohnten Weines oder das freche Bild einer
ausschweifenden Fabel oder der heiße Hauch des Föhnes oder was es
sonst gewesen sein mochte, hatte ihn betört und verstört. Und was er
an den Felsen geschleudert, war nicht die Schwester--wie hätte sie den
gähnenden Abgrund überschritten?--, sondern irgendein Blendwerk der
Gewitternacht.
"Und war es die Schwester und habe ich sie zerschmettert, so bin ich
ihrer ledig", trotzte er, und zugleich ergriff ihn ein unendliches
Mitleid und die inbrünstigste Liebe zu dem jungen Leben, das er
mißhandelt und vernichtet hatte. Er sah sie mit allen ihren Gebärden,
jedes ihrer süßen und unschuldigen Worte nahm Gestalt an, er schaute
in ihre seligen Augen und in ihre wehklagenden. Jetzt fühlte er sie,
die sich weinend und schmeichelnd mit ihm vereinigte, und wußte, daß
sie noch lebte und atmete. "Meine Seele! Blut meiner Adern!" rief er
und wieder: "Palma! Palma!"
"--Palma!" wiederholte das Echo.
"Palma mein Weib!" Das Echo entsetzte sich und verstummte.
Ein tödlicher Schauer durchrieselte sein Mark. Sich auf die Rechte
stützend, hob er sich halb von der Erde und langte mit der Linken nach
der blutenden Brust wie auf dem Schlachtfelde. "Es sitzt!" ächzte er.
"ich bin der Schrankenlose, der Übertreter, der Verdammte! Ich muß
sterben, damit die Schwester lebe! Doch womit habe ich den Himmel
beleidigt? wodurch habe ich die Hölle gelockt?" Rasch übersann er sein
Leben, er fand darin keinen Makel, nur läßlichen Fehl. "Nun, wen's
trifft, den trifft's! Ich habe eben das schlimme Los aus dem Helme
gezogen und verwundere mich nicht, kenne ich ja die Grausamkeiten der
Walstatt. Es geht vorüber!" Da schien ihm denn doch das Dasein ein
Gut, so leicht er es sonst wertete, jetzt da er, ob auch unter
grimmigen Schrecken, seinen tiefsten Reiz und seine geheimste
Lieblichkeit gekostet hatte. Er hob die starken Hände vor das
Angesicht und schluchzte...
Mählich verlängerten sich die Schatten, und es wurde still über der
Wiese. Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Ohne das Haupt
zu wenden, sagte er: "Ich komme", und wollte sich erheben, denn er
wußte, es war der Tod, der zu ihm trat, um ihn an den jähesten Abgrund
zu führen.
"Bleibe, Wulfrin!" sprach weich die Stimme der Richterin, "ich setze
mich zu dir", und Frau Stemma ließ sich neben ihn auf das Moos gleiten
in einem weiten langen Gewande, das selbst die Spitzen der Füße
verhüllte.
"Berühre mich nicht!" schrie er und warf sich zurück. "Ich bin ein
Unseliger!"
"Ich suchte dich lange", sagte sie. "Warum bliebest du ferne? Dir
ist bange für Palma? Die wurde nur leicht verwundet, hat aber in
tiefer Ohnmacht gelegen. Erwachend hat sie erzählt, wie euch gestern
das Gewitter in der Schlucht überraschte, wie sie glitt und die
Besinnung verlor. Auf deinen Armen hast du sie getragen."
Wulfrin blieb stumm.
"Oder redete sie unwahr, und du warfest sie an den Felsen, um sie zu
zerschmettern?"
Er nickte.
Sie schwieg eine Weile, dann hob sie die Hand und berührte wiederum
seine Schulter. "Wulfrin, du hassest deine Schwester oder--du liebst
sie!" Sie fühlte, wie der Höfling vom Wirbel zur Zehe zitterte.
"Es ist entsetzlich", stöhnte er.
"Es ist entsetzlich", sagte sie, "aber unerklärlich ist es nicht. Ihr
seid ferne voneinander erwachsen, wurdet eurer Angesichter und
Gestalten nicht gewöhnt, und so waret ihr euch frisch und neu, da ihr
euch fandet, wie ein fremder Mann und ein fremdes Weib. Mutig! Rufe
und rufe es deinen Gedanken und Sinnen zu. Palma und Wulfrin sind
eines Blutes! Sie werden schaudern und erkalten und nicht länger die
himmlische Flamme der Geschwisterliebe verwechseln mit dem
schöpferischen Feuer der Erde."
Er antwortete nicht, kaum daß er ihre Worte gehört hatte, sondern
murmelte zärtlich: "Warum hast du sie Palma novella getauft? Das ist
ein gar seltsamer und schöner Name!"
Stemma erwiderte: "Ich habe sie die junge Palme genannt, weil sie aus
dem Schutte des Grabes frisch und freudig aufsprießt, und, bei meinem
Leben! wer an dem schlanken Stamme frevelt, den richte und töte ich!
Noch ist Palma unschuldig. Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein
Härchen der Wimper, nicht den äußersten Saum des Kleides versengt.
Unglücklicher, wie ist ein solches Leiden über dich gekommen?"
"Wie eine Seuche, die aus dem Boden dampft! Aber mein Schutzengel
warnte mich vor Malmort. Da du mich riefest, verschloß ich das Ohr.
Ich bog ab und fiel in die Hände der Lombarden. Warum hast du den
Pfeil des Witigis gehemmt?" Er starrte vor sich nieder. Dann schrie
er verzweifelnd auf und ergriff und preßte den Arm der Richterin, die
finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend: "Bei dem Haupte
Gottes--"
"Bei dem Haupte Palmas", sagte sie.
"Ist sie meine Schwester?"
"Wie sonst? Ich weiß es nicht anders. Was denkst du dir?"
"Dann ist mein Haupt verwirkt und jeder meiner Atemzüge eine Sünde!"
Er sprang auf, während sie ihn mit nervigen Armen umschlang, so daß er
sie mit sich emporzog.
"Wohin, Wulfrin? In eine Tiefe? Nein, du darfst diesen starken Leib
und dieses tapfere Herz nicht zerstören! Nimm dein Roß und reite!
Reite zu deinem Kaiser! Mische dich unter deine Waffenbrüder! Ein
paar Tagritte, und du bist gesundet und blickst so frei wie die andern!"
"Das geht nicht", sagte er jammervoll. "Wir leiden nicht den
geringsten Makel in unserer Schar, und ich sollte verräterisch die
Schande unter uns verstecken?"
"So stachle dein Roß, reite Tag und Nacht, über Berg und Fläche,
springe in ein Schiff, bringe ein Meer und ein zweites zwischen sie
und dich, und wenn dich Delphin und Nixe umgaukelt, tauchen vor dir
aus der Bläue Inseln und Vorgebirge, verwegenes Abenteuer und die
Schönheit als Beute!"
"Was hülfe es?" sagte er. "Sie zöge mit mir, die Nixe trüge ihr
Angesicht, und ich umarmte sie in jedem Weibe! Denn ich bin mit ihr
vermählt ewiglich. Nein, ich kann nicht leben!"
"Das ist Feigheit!" sprach sie leise.
Der Schimpf trieb ihm wie ein Schlag das Blut ins Angesicht. Er
bäumte sich auf. "Du hast recht, Frau!" schrie er. "Ich darf nicht
als ein Feigling umkommen, du selbst sollst mich richten und
verurteilen. Am lichten Tag, unter allem Volke, will ich den Greuel
bekennen und die Sühne leisten!" So rief er in zorniger Empörung, dann
aber besänftigte sich sein Angesicht, denn er hatte die Lösung
gefunden, die ihm ziemte.
"Unsinn!" sagte sie. "Solche verborgene Dinge bekennt man nicht dem
Tage, denn du bist ein Verbrecher nur in deinen Gedanken. Die Tat
aber und nur die Tat ist richtbar."
"Frau, das wird sich offenbaren! Vernimm, was ich tue. Ich wandere
zu dem Kaiser und spreche zu ihm: Siehe, Wulfrin der Höfling begehrt
das eigene Blut, das Kind seines Vaters! Es ist so, er kann nicht
anders. Schaffe den Sünder aus der Welt! Und spricht der Kaiser: Die
Tat ist nicht vollbracht, so antwortet Wulfrin: Ich vollbringe sie mit
jedem Atemzuge!"
"Auf sündiger Geschwisterliebe", drohte Frau Stemma, "steht das Feuer."
Wulfrin lachte.
"Und du willst vor dem ganzen Volke dastehen in deiner Blöße?"
"Ich will dastehen", sagte er, "als der, welcher ich bin."
"So mangelt dir der Verstand und die Kraft, das Geheimnis der Sünde zu
tragen?"
"Das ist Weibes Art und Weibes Lust", sagte er verächtlich.
"Und du wirst mit dem Kaiser kommen, und ich soll dich richten?"
"Du!"
"Das werde ich!" sagte sie und entfernte sich langsam.
Jetzt da Wulfrin sein Schicksal entschieden und vollendet glaubte, kam
die Ruhe des Abends über ihn. Er blieb unter seiner Arve, bis die
Sonne niederging und der Tag ihr folgte. Und wie sie mit gebrochenen
Speeren sich legte und ihr Blut am Himmel verströmte, erlosch er mit
ihr und sah sich die Schwester, wie das Spätlicht, im grünen Gewande
und auf stillen Sohlen nachschreiten. Das aufgegebene Schwert reute
ihn nicht. "Sie werden drüben einen Krieger brauchen", sagte er sich
und wandelte schon unter den seligen Helden.
Wie es Nacht war und der Mond leuchtete, ging er sachte bergab, denn
er gedachte ein Seitental zu gewinnen und seinen Kaiser zu erreichen,
ohne daß er Malmort und die Stapfen der Schwester berühre. Beide
wollte er nur am Gerichtstage wiedersehen. Er gelangte an den Strom,
der hier ohne Gewalt und Sturz Klippen und Felsen breit überflutete.
Das Mondlicht verlockte ihn, sich auf ein Felsstück zu lagern und
wunsch- und schmerzlos mit den Wellen dahinzufließen. Er wurde sich
selbst zum Traume.
Da sah er Elb oder Elbin tauchen. Es schwamm weiß im Strome, ein
Nacken schimmerte, und jetzt hob der blanke Arm ein Hifthorn in die
Höhe, das der Mond versilberte. Er erkannte sein entwendetes Erbteil
und trat ohne Hast und Erstaunen dem freundlichen Wunder nahe.
"Herr Wulfrin", jubelte eine Knabenstimme, "freue dich! Glück über
dir! Ich halte dein Horn!", und Gabriel, der sein Hirtenhemde wieder
umgeworfen hatte, sprang zu ihm empor.
"Schon heute mittag", erzählte er, "sah ich es beim Fischen auf dem
Grunde. Ich kannte es gleich, doch war ich nicht allein und mußte die
Nacht erwarten. Hat es schon lange gelegen?" Er schüttelte das Horn
und ließ das Wasser sorgfältig aus der Bauchung abtropfen. "Wenn es
nur nicht verdorben ist!" Er hob es an den Mund und stieß darein, daß
die Berge widerhallten. "Hier, Herr!" sagte er. "Wahrhaftig, es hat
ihm nichts getan. Ein wackeres Schlachthorn!"
Wulfrin ergriff es und hing es sich um. Als er sich aber einen
Goldring--irgendein Beutestück--von der Hand ziehen wollte, um den
Knaben abzulohnen, wehrte Gabriel. "Nein, Herr, lege lieber ein Wort
für mich ein, daß mich der Kaiser mitreiten läßt! Doch jetzt muß ich
heim! Ich habe noch in den Ställen zu tun. Kommst du mit? Ich weiß
Stapfen an dem Felsen empor, und wir gelangen durch ein
Hinterpförtchen noch einmal so rasch in den Hof als auf dem Burgwege."
Und Wulfrin folgte. Die Handlichkeit und Herzlichkeit des Buben hatte
seine Sinne und Geister erwärmt. Der Wiedergewinn seines Erbes weckte
das Bild des Vaters und die kindliche Gesinnung auf. Und obwohl aus
dem Elben ein Menschenknabe geworden war, zitterte doch über dem Strom
ein Schimmer von Geisterhilfe. "Am Ende ist es der Vater", sagte er
sich, "und er wird mir beistehen, wenn er kann. Wenn er noch irgend
da ist, läßt er mich nicht elend umkommen. Ich will ihn rufen.
Vielleicht antwortet er. Es ist ein Glaube, daß der Tote aus dem
Grabmal mit seinen Kindern redet. Ich wage es! Ich blase ihn wach!
Dann frage ich nichts als: Vater, ist Palma dein Kind? Redet er nicht,
so nickt er wohl oder schüttelt das Haupt." Obschon der Höfling an
Stemma nicht zweifelte, deren Wesen über ihn Gewalt hatte, focht ihn
doch der Widerspruch zwischen dem Glauben an die Lebendige und der
Frage an den Toten wenig an. Er fühlte einfach, daß er den
Vater--wenn dieser zu erreichen sei--befragen und beraten müsse, ehe
er sich anklage und sich richten lasse. Aber seine Ruhe war weg, sein
Geist gespannt, und er hörte kein Wort von dem, was der Knabe
unterweges plauderte.
Ebenso unruhig schritt Stemma hinter dem erhellten Fenster, das der
Emporklimmende über dem Burgfelsen aufsteigen sah. Aus der Ferne und
Tiefe war ein Ton zu ihr hergedrungen, den sie haßte und den sie
vernichtet zu haben glaubte. Während ihr Kind auf dem Lager
schlummerte, ging sie rastlos auf und nieder. Sie vergegenwärtigte
sich Wulfrin, wie er vor Kaiser und Volk eines seltenen, ja
unglaublichen Frevels sich beschuldigte, und ihr wurde bange, daß sie
und wie sie über ihn richten werde.
War es denkbar, daß sich die Natur so verirrte? daß ein so lauterer
Mensch in eine solche Sünde verfiel? War es nicht wahrscheinlicher,
daß hier Irrtum oder Lüge Bruder und Schwester gemacht hatte? So
hätte die Richterin ohne Zweifel geforscht und untersucht, wäre sie
nicht Stemma und Palma nicht ihr Kind gewesen. Aber sie durfte nicht
untersuchen, denn sie hätte etwas Vergrabenes aufgedeckt, eine,
zerstörte Tatsache hergestellt, ein Glied wieder einsetzen müssen, das
sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte.
Jetzt begann es mit einem Male vor ihr aufzutauchen, die Sünde des
Unschuldigen sei das gegen sie selbst heranschreitende Verhängnis.
"Gilt es mir? Wird ein Plan gegen mich geschmiedet? Ist eine
Verschwörung im Werke?" rief sie ins Dunkel hinein.
Da hatte sie ein Gesicht. Sie erblickte mit den Augen des Geistes
durch die dämmernde Wand, weit in der Ferne und doch ganz nahe, ein
gewaltiges Weib von furchtbarer Schönheit. Diese saß in langen,
blauen Gewanden, eine Tafel auf das übergelegte Knie gestützt, einen
Griffel in der Hand, schreibend oder zählend, irgendeine Lösung
suchend. Nach einigem Sinnen ging ein stilles langsames Lächeln über
den strengen Mund und schien zu sagen: So ist es gut und siehe, es ist
so einfach!
Da glaubte die Richterin eine Feindin sich gegenüber zu sehen und
trotzte ihr, Weib gegen Weib. "Das bringst du nicht heraus! Du
findest keine Zeugen!" Die Fremde aber hob die Tafel mit beiden Händen
empor über die sonnenhellen Augen und verschwand. "Du hast keine
Zeugen!" rief ihr die Richterin nach. Ihr antwortete ein
erschütternder Ruf, der aus allen Wänden, aus allen Mauern drang, als
werde die Posaune geblasen über Malmort.
Stemma erbebte. Sie sprang an das Lager ihres Kindes, um es fest in
den Armen zu halten, wenn Malmort unterginge. Palma war nicht erwacht,
sie schlief ruhig fort. Die Richterin besann sich. Hatte der
grauenhafte Ton in Tat und Wahrheit diese Luft, diese Räume, diese
Mauern erschüttert? Müßte Palma nicht aus dem tiefsten Schlummer
aufgefahren sein? Es war unmöglich, daß der gewaltige Ruf sie nicht
geweckt hätte. Frau Stemma war nicht unerfahren in solchen
unheimlichen Dingen: sie kannte die Schrecken der Einbildung und die
Sprache der überreizten Sinne. Sie hatte es erfahren an den
Schuldigen, die sie richtete, und an sich selbst. "Das Ohr hat mir
geklungen", sagte sie, die noch am ganzen Leibe zitterte.
Hätte sie durch Dielen und Mauern blicken können, so sah sie den
bleichen Wulfrin, der an der Gruft des Vaters kniete, ins Horn stieß,
ihn rührend beschwor, ihm herzlich zusprach, Rede zu stehen. Sie
hätte gesehen, wie Wulfrin, da der Stein schwieg, das Horn zum andern
Male an den Mund setzte und endlich verzweifelnd über die Mauer sprang.
Wieder schütterte Malmort in seinen Tiefen, stärker noch als das
erstemal. Da war kein Zweifel mehr, es war das Wulfenhorn, das sie
mitten in Gischt und Sturz geschleudert und in unzugängliche Tiefen
hatte versinken sehen. Sie sann an dem ängstlichen Rätsel und konnte
es nicht lösen. Sie sann, bis ihr die Stirnader schwoll und das Haupt
stürmte.
Da fiel ihr zur bösen Stunde der Comes ein, wie er murmelnd im Schilfe
sitze und mit dem schweren Kopfe unablässig daran herumarbeite, ob
Frau Stemma ihm ein Leides getan. "Er besucht sein Grabmal und stößt
in sein Horn! Er stört die Nacht! Er verwirrt Malmort! Er schreckt
das Land auf! Das leide ich nicht! Ich verbiete es ihm! Ich bringe
den Empörer zum Schweigen!" Und der Wahn gewann Macht über diese Stirn.
Ohne sich nach Palma umzusehen, stürzte sie zornig die Wendeltreppe
hinab und betrat den Hof, wo der Comes und ihr eigenes Bild auf der
Gruft lagen. Darüber webte ein ungewisser Dämmer, da eine leichte
Wolke den Mond verschleierte. Der Comes ließ sein Horn zurückgleiten,
und die steinerne Stemma hob die Hände, als flehe sie: Hüte das
Geheimnis!
Aufgebracht stand die Richterin vor dem Ruhestörer. "Arglistiger",
schalt sie, "was peinigst du mein Ohr und bringst mein Reich in
Aufruhr? Ich weiß, worüber du brütest, und ich will dir Rede stehen!
Keine Maid hat dir der Judex gegeben! Ich trug das Kind eines andern!
Du durftest mich nie berühren, Trunkenbold, und am siebenten Tage
begrub dich Malmort! Siehst du dieses Gift?" Sie hob das Fläschchen
aus dem Busen. "Warum ich leben blieb, die dir den Tod kredenzte?
Dummkopf, mich schützte ein Gegengift! Jetzt weißt du es! Palma
novella unter meinem Herzen hat dich umgebracht! Und jetzt quäle mich
nicht mehr!"
So grelle und freche Worte redete die Richterin.
Durch ihr lautes Schelten zu sich selbst gebracht, betrachtete sie
wieder den Comes, der jetzt im klarsten Mondenlichte lag. Die
furchtbare Geschichte kümmerte ihn nicht, er lag regungslos mit
gestreckten Füßen. Jetzt sah sie, daß sie zum Steine gesprochen, und
schlug eine Lache auf. "Heute bin ich eine Närrin!" sagte sie. "Ich
will zu Bette gehen."
Sie wandte sich. Palma novella stand hinter ihr, weiß, mit
entgeisterten Augen, das Antlitz entstellt, starr vor Entsetzen. Der
zweite Hornstoß hatte sie geweckt, und sie war der Mutter auf
besorgten Zehen nachgeschlichen.
Zwei Gespenster standen sich gegenüber. Dann packte Stemma den Arm
des Mädchens und schleppte es in die Burg zurück. Sie selbst hatte
ihrem Geheimnisse einen Mund und einen Zeugen gegeben, und dieser
Zeuge war ihr Kind.