Viertes Kapitel

Da Wulfrin am folgenden Tage erwachte, lag er unter den

schwarzschattenden Büscheln einer gewaltigen Arve, während die Matten

ringsum schon in der Mittagssonne schimmerten. Er hatte eben noch,

den würzigen Waldgeruch einatmend, heiter und glücklich geträumt von

dem Wettspiel in einer römischen Arena und im Speerwurf einen

Lorbeerkranz davongetragen. Sein Blut floß ruhig, und seine Stirne

war hell.

Nachdem er gestern Palma der Mutter in die Arme gelegt, war er ins

Dunkel zurückgewichen. Mit irren Füßen, in ruhelosem Laufe, kreuz und

quer, hatte er das Gebiet von Malmort durchjagt, bis weit über

Mitternacht hinaus, und war dann im Morgengrauen niedergestürzt und in

einen bleiernen Schlaf versunken.

Er fand sich auf einer von leichtgeschwungenen Hügeln umgebenen Wiese,

fernab von dem Geläute der Herdglocken, in tiefer Einsamkeit. Nur ein

Specht hämmerte, und zwei Eichhörner tummelten und neckten sich in der

Mitte ihres grünen Bezirkes. Wulfrin rieb sich den Schlummer aus den

Augen und schaute umher. Da entdeckte er über dem Hügelrande die

Giebel und Turmspitzen von Malmort. Er ließ sich auf dem Hange

gleiten, und sie verschwanden.

Allmählich schlich sich das Gestern an ihn heran, er wehrte es ab, er

mißtraute ihm, er wollte, er konnte es nicht glauben. War er nicht

der Starke und Freie, der Fröhliche und Zuversichtliche, der dem

Feinde ins Auge sah und das Irrsal mit dem Schwerte durchschnitt? Was

war denn geschehen? Eine rätselhafte Frau hatte ihn übermocht, zu

beschwören, was er nicht bezweifelte. Ein Mädchen, das sich in der

Langenweile eines Bergschlosses den vollkommensten Bruder ausgesonnen,

war ihm zugesprungen und hatte sich närrisch ihm an den Hals gehängt.

Ein tückischer Becher ungewohnten Weines oder das freche Bild einer

ausschweifenden Fabel oder der heiße Hauch des Föhnes oder was es

sonst gewesen sein mochte, hatte ihn betört und verstört. Und was er

an den Felsen geschleudert, war nicht die Schwester--wie hätte sie den

gähnenden Abgrund überschritten?--, sondern irgendein Blendwerk der

Gewitternacht.

"Und war es die Schwester und habe ich sie zerschmettert, so bin ich

ihrer ledig", trotzte er, und zugleich ergriff ihn ein unendliches

Mitleid und die inbrünstigste Liebe zu dem jungen Leben, das er

mißhandelt und vernichtet hatte. Er sah sie mit allen ihren Gebärden,

jedes ihrer süßen und unschuldigen Worte nahm Gestalt an, er schaute

in ihre seligen Augen und in ihre wehklagenden. Jetzt fühlte er sie,

die sich weinend und schmeichelnd mit ihm vereinigte, und wußte, daß

sie noch lebte und atmete. "Meine Seele! Blut meiner Adern!" rief er

und wieder: "Palma! Palma!"

"--Palma!" wiederholte das Echo.

"Palma mein Weib!" Das Echo entsetzte sich und verstummte.

Ein tödlicher Schauer durchrieselte sein Mark. Sich auf die Rechte

stützend, hob er sich halb von der Erde und langte mit der Linken nach

der blutenden Brust wie auf dem Schlachtfelde. "Es sitzt!" ächzte er.

"ich bin der Schrankenlose, der Übertreter, der Verdammte! Ich muß

sterben, damit die Schwester lebe! Doch womit habe ich den Himmel

beleidigt? wodurch habe ich die Hölle gelockt?" Rasch übersann er sein

Leben, er fand darin keinen Makel, nur läßlichen Fehl. "Nun, wen's

trifft, den trifft's! Ich habe eben das schlimme Los aus dem Helme

gezogen und verwundere mich nicht, kenne ich ja die Grausamkeiten der

Walstatt. Es geht vorüber!" Da schien ihm denn doch das Dasein ein

Gut, so leicht er es sonst wertete, jetzt da er, ob auch unter

grimmigen Schrecken, seinen tiefsten Reiz und seine geheimste

Lieblichkeit gekostet hatte. Er hob die starken Hände vor das

Angesicht und schluchzte...

Mählich verlängerten sich die Schatten, und es wurde still über der

Wiese. Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Ohne das Haupt

zu wenden, sagte er: "Ich komme", und wollte sich erheben, denn er

wußte, es war der Tod, der zu ihm trat, um ihn an den jähesten Abgrund

zu führen.

"Bleibe, Wulfrin!" sprach weich die Stimme der Richterin, "ich setze

mich zu dir", und Frau Stemma ließ sich neben ihn auf das Moos gleiten

in einem weiten langen Gewande, das selbst die Spitzen der Füße

verhüllte.

"Berühre mich nicht!" schrie er und warf sich zurück. "Ich bin ein

Unseliger!"

"Ich suchte dich lange", sagte sie. "Warum bliebest du ferne? Dir

ist bange für Palma? Die wurde nur leicht verwundet, hat aber in

tiefer Ohnmacht gelegen. Erwachend hat sie erzählt, wie euch gestern

das Gewitter in der Schlucht überraschte, wie sie glitt und die

Besinnung verlor. Auf deinen Armen hast du sie getragen."

Wulfrin blieb stumm.

"Oder redete sie unwahr, und du warfest sie an den Felsen, um sie zu

zerschmettern?"

Er nickte.

Sie schwieg eine Weile, dann hob sie die Hand und berührte wiederum

seine Schulter. "Wulfrin, du hassest deine Schwester oder--du liebst

sie!" Sie fühlte, wie der Höfling vom Wirbel zur Zehe zitterte.

"Es ist entsetzlich", stöhnte er.

"Es ist entsetzlich", sagte sie, "aber unerklärlich ist es nicht. Ihr

seid ferne voneinander erwachsen, wurdet eurer Angesichter und

Gestalten nicht gewöhnt, und so waret ihr euch frisch und neu, da ihr

euch fandet, wie ein fremder Mann und ein fremdes Weib. Mutig! Rufe

und rufe es deinen Gedanken und Sinnen zu. Palma und Wulfrin sind

eines Blutes! Sie werden schaudern und erkalten und nicht länger die

himmlische Flamme der Geschwisterliebe verwechseln mit dem

schöpferischen Feuer der Erde."

Er antwortete nicht, kaum daß er ihre Worte gehört hatte, sondern

murmelte zärtlich: "Warum hast du sie Palma novella getauft? Das ist

ein gar seltsamer und schöner Name!"

Stemma erwiderte: "Ich habe sie die junge Palme genannt, weil sie aus

dem Schutte des Grabes frisch und freudig aufsprießt, und, bei meinem

Leben! wer an dem schlanken Stamme frevelt, den richte und töte ich!

Noch ist Palma unschuldig. Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein

Härchen der Wimper, nicht den äußersten Saum des Kleides versengt.

Unglücklicher, wie ist ein solches Leiden über dich gekommen?"

"Wie eine Seuche, die aus dem Boden dampft! Aber mein Schutzengel

warnte mich vor Malmort. Da du mich riefest, verschloß ich das Ohr.

Ich bog ab und fiel in die Hände der Lombarden. Warum hast du den

Pfeil des Witigis gehemmt?" Er starrte vor sich nieder. Dann schrie

er verzweifelnd auf und ergriff und preßte den Arm der Richterin, die

finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend: "Bei dem Haupte

Gottes--"

"Bei dem Haupte Palmas", sagte sie.

"Ist sie meine Schwester?"

"Wie sonst? Ich weiß es nicht anders. Was denkst du dir?"

"Dann ist mein Haupt verwirkt und jeder meiner Atemzüge eine Sünde!"

Er sprang auf, während sie ihn mit nervigen Armen umschlang, so daß er

sie mit sich emporzog.

"Wohin, Wulfrin? In eine Tiefe? Nein, du darfst diesen starken Leib

und dieses tapfere Herz nicht zerstören! Nimm dein Roß und reite!

Reite zu deinem Kaiser! Mische dich unter deine Waffenbrüder! Ein

paar Tagritte, und du bist gesundet und blickst so frei wie die andern!"

"Das geht nicht", sagte er jammervoll. "Wir leiden nicht den

geringsten Makel in unserer Schar, und ich sollte verräterisch die

Schande unter uns verstecken?"

"So stachle dein Roß, reite Tag und Nacht, über Berg und Fläche,

springe in ein Schiff, bringe ein Meer und ein zweites zwischen sie

und dich, und wenn dich Delphin und Nixe umgaukelt, tauchen vor dir

aus der Bläue Inseln und Vorgebirge, verwegenes Abenteuer und die

Schönheit als Beute!"

"Was hülfe es?" sagte er. "Sie zöge mit mir, die Nixe trüge ihr

Angesicht, und ich umarmte sie in jedem Weibe! Denn ich bin mit ihr

vermählt ewiglich. Nein, ich kann nicht leben!"

"Das ist Feigheit!" sprach sie leise.

Der Schimpf trieb ihm wie ein Schlag das Blut ins Angesicht. Er

bäumte sich auf. "Du hast recht, Frau!" schrie er. "Ich darf nicht

als ein Feigling umkommen, du selbst sollst mich richten und

verurteilen. Am lichten Tag, unter allem Volke, will ich den Greuel

bekennen und die Sühne leisten!" So rief er in zorniger Empörung, dann

aber besänftigte sich sein Angesicht, denn er hatte die Lösung

gefunden, die ihm ziemte.

"Unsinn!" sagte sie. "Solche verborgene Dinge bekennt man nicht dem

Tage, denn du bist ein Verbrecher nur in deinen Gedanken. Die Tat

aber und nur die Tat ist richtbar."

"Frau, das wird sich offenbaren! Vernimm, was ich tue. Ich wandere

zu dem Kaiser und spreche zu ihm: Siehe, Wulfrin der Höfling begehrt

das eigene Blut, das Kind seines Vaters! Es ist so, er kann nicht

anders. Schaffe den Sünder aus der Welt! Und spricht der Kaiser: Die

Tat ist nicht vollbracht, so antwortet Wulfrin: Ich vollbringe sie mit

jedem Atemzuge!"

"Auf sündiger Geschwisterliebe", drohte Frau Stemma, "steht das Feuer."

Wulfrin lachte.

"Und du willst vor dem ganzen Volke dastehen in deiner Blöße?"

"Ich will dastehen", sagte er, "als der, welcher ich bin."

"So mangelt dir der Verstand und die Kraft, das Geheimnis der Sünde zu

tragen?"

"Das ist Weibes Art und Weibes Lust", sagte er verächtlich.

"Und du wirst mit dem Kaiser kommen, und ich soll dich richten?"

"Du!"

"Das werde ich!" sagte sie und entfernte sich langsam.

Jetzt da Wulfrin sein Schicksal entschieden und vollendet glaubte, kam

die Ruhe des Abends über ihn. Er blieb unter seiner Arve, bis die

Sonne niederging und der Tag ihr folgte. Und wie sie mit gebrochenen

Speeren sich legte und ihr Blut am Himmel verströmte, erlosch er mit

ihr und sah sich die Schwester, wie das Spätlicht, im grünen Gewande

und auf stillen Sohlen nachschreiten. Das aufgegebene Schwert reute

ihn nicht. "Sie werden drüben einen Krieger brauchen", sagte er sich

und wandelte schon unter den seligen Helden.

Wie es Nacht war und der Mond leuchtete, ging er sachte bergab, denn

er gedachte ein Seitental zu gewinnen und seinen Kaiser zu erreichen,

ohne daß er Malmort und die Stapfen der Schwester berühre. Beide

wollte er nur am Gerichtstage wiedersehen. Er gelangte an den Strom,

der hier ohne Gewalt und Sturz Klippen und Felsen breit überflutete.

Das Mondlicht verlockte ihn, sich auf ein Felsstück zu lagern und

wunsch- und schmerzlos mit den Wellen dahinzufließen. Er wurde sich

selbst zum Traume.

Da sah er Elb oder Elbin tauchen. Es schwamm weiß im Strome, ein

Nacken schimmerte, und jetzt hob der blanke Arm ein Hifthorn in die

Höhe, das der Mond versilberte. Er erkannte sein entwendetes Erbteil

und trat ohne Hast und Erstaunen dem freundlichen Wunder nahe.

"Herr Wulfrin", jubelte eine Knabenstimme, "freue dich! Glück über

dir! Ich halte dein Horn!", und Gabriel, der sein Hirtenhemde wieder

umgeworfen hatte, sprang zu ihm empor.

"Schon heute mittag", erzählte er, "sah ich es beim Fischen auf dem

Grunde. Ich kannte es gleich, doch war ich nicht allein und mußte die

Nacht erwarten. Hat es schon lange gelegen?" Er schüttelte das Horn

und ließ das Wasser sorgfältig aus der Bauchung abtropfen. "Wenn es

nur nicht verdorben ist!" Er hob es an den Mund und stieß darein, daß

die Berge widerhallten. "Hier, Herr!" sagte er. "Wahrhaftig, es hat

ihm nichts getan. Ein wackeres Schlachthorn!"

Wulfrin ergriff es und hing es sich um. Als er sich aber einen

Goldring--irgendein Beutestück--von der Hand ziehen wollte, um den

Knaben abzulohnen, wehrte Gabriel. "Nein, Herr, lege lieber ein Wort

für mich ein, daß mich der Kaiser mitreiten läßt! Doch jetzt muß ich

heim! Ich habe noch in den Ställen zu tun. Kommst du mit? Ich weiß

Stapfen an dem Felsen empor, und wir gelangen durch ein

Hinterpförtchen noch einmal so rasch in den Hof als auf dem Burgwege."

Und Wulfrin folgte. Die Handlichkeit und Herzlichkeit des Buben hatte

seine Sinne und Geister erwärmt. Der Wiedergewinn seines Erbes weckte

das Bild des Vaters und die kindliche Gesinnung auf. Und obwohl aus

dem Elben ein Menschenknabe geworden war, zitterte doch über dem Strom

ein Schimmer von Geisterhilfe. "Am Ende ist es der Vater", sagte er

sich, "und er wird mir beistehen, wenn er kann. Wenn er noch irgend

da ist, läßt er mich nicht elend umkommen. Ich will ihn rufen.

Vielleicht antwortet er. Es ist ein Glaube, daß der Tote aus dem

Grabmal mit seinen Kindern redet. Ich wage es! Ich blase ihn wach!

Dann frage ich nichts als: Vater, ist Palma dein Kind? Redet er nicht,

so nickt er wohl oder schüttelt das Haupt." Obschon der Höfling an

Stemma nicht zweifelte, deren Wesen über ihn Gewalt hatte, focht ihn

doch der Widerspruch zwischen dem Glauben an die Lebendige und der

Frage an den Toten wenig an. Er fühlte einfach, daß er den

Vater--wenn dieser zu erreichen sei--befragen und beraten müsse, ehe

er sich anklage und sich richten lasse. Aber seine Ruhe war weg, sein

Geist gespannt, und er hörte kein Wort von dem, was der Knabe

unterweges plauderte.

Ebenso unruhig schritt Stemma hinter dem erhellten Fenster, das der

Emporklimmende über dem Burgfelsen aufsteigen sah. Aus der Ferne und

Tiefe war ein Ton zu ihr hergedrungen, den sie haßte und den sie

vernichtet zu haben glaubte. Während ihr Kind auf dem Lager

schlummerte, ging sie rastlos auf und nieder. Sie vergegenwärtigte

sich Wulfrin, wie er vor Kaiser und Volk eines seltenen, ja

unglaublichen Frevels sich beschuldigte, und ihr wurde bange, daß sie

und wie sie über ihn richten werde.

War es denkbar, daß sich die Natur so verirrte? daß ein so lauterer

Mensch in eine solche Sünde verfiel? War es nicht wahrscheinlicher,

daß hier Irrtum oder Lüge Bruder und Schwester gemacht hatte? So

hätte die Richterin ohne Zweifel geforscht und untersucht, wäre sie

nicht Stemma und Palma nicht ihr Kind gewesen. Aber sie durfte nicht

untersuchen, denn sie hätte etwas Vergrabenes aufgedeckt, eine,

zerstörte Tatsache hergestellt, ein Glied wieder einsetzen müssen, das

sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte.

Jetzt begann es mit einem Male vor ihr aufzutauchen, die Sünde des

Unschuldigen sei das gegen sie selbst heranschreitende Verhängnis.

"Gilt es mir? Wird ein Plan gegen mich geschmiedet? Ist eine

Verschwörung im Werke?" rief sie ins Dunkel hinein.

Da hatte sie ein Gesicht. Sie erblickte mit den Augen des Geistes

durch die dämmernde Wand, weit in der Ferne und doch ganz nahe, ein

gewaltiges Weib von furchtbarer Schönheit. Diese saß in langen,

blauen Gewanden, eine Tafel auf das übergelegte Knie gestützt, einen

Griffel in der Hand, schreibend oder zählend, irgendeine Lösung

suchend. Nach einigem Sinnen ging ein stilles langsames Lächeln über

den strengen Mund und schien zu sagen: So ist es gut und siehe, es ist

so einfach!

Da glaubte die Richterin eine Feindin sich gegenüber zu sehen und

trotzte ihr, Weib gegen Weib. "Das bringst du nicht heraus! Du

findest keine Zeugen!" Die Fremde aber hob die Tafel mit beiden Händen

empor über die sonnenhellen Augen und verschwand. "Du hast keine

Zeugen!" rief ihr die Richterin nach. Ihr antwortete ein

erschütternder Ruf, der aus allen Wänden, aus allen Mauern drang, als

werde die Posaune geblasen über Malmort.

Stemma erbebte. Sie sprang an das Lager ihres Kindes, um es fest in

den Armen zu halten, wenn Malmort unterginge. Palma war nicht erwacht,

sie schlief ruhig fort. Die Richterin besann sich. Hatte der

grauenhafte Ton in Tat und Wahrheit diese Luft, diese Räume, diese

Mauern erschüttert? Müßte Palma nicht aus dem tiefsten Schlummer

aufgefahren sein? Es war unmöglich, daß der gewaltige Ruf sie nicht

geweckt hätte. Frau Stemma war nicht unerfahren in solchen

unheimlichen Dingen: sie kannte die Schrecken der Einbildung und die

Sprache der überreizten Sinne. Sie hatte es erfahren an den

Schuldigen, die sie richtete, und an sich selbst. "Das Ohr hat mir

geklungen", sagte sie, die noch am ganzen Leibe zitterte.

Hätte sie durch Dielen und Mauern blicken können, so sah sie den

bleichen Wulfrin, der an der Gruft des Vaters kniete, ins Horn stieß,

ihn rührend beschwor, ihm herzlich zusprach, Rede zu stehen. Sie

hätte gesehen, wie Wulfrin, da der Stein schwieg, das Horn zum andern

Male an den Mund setzte und endlich verzweifelnd über die Mauer sprang.

Wieder schütterte Malmort in seinen Tiefen, stärker noch als das

erstemal. Da war kein Zweifel mehr, es war das Wulfenhorn, das sie

mitten in Gischt und Sturz geschleudert und in unzugängliche Tiefen

hatte versinken sehen. Sie sann an dem ängstlichen Rätsel und konnte

es nicht lösen. Sie sann, bis ihr die Stirnader schwoll und das Haupt

stürmte.

Da fiel ihr zur bösen Stunde der Comes ein, wie er murmelnd im Schilfe

sitze und mit dem schweren Kopfe unablässig daran herumarbeite, ob

Frau Stemma ihm ein Leides getan. "Er besucht sein Grabmal und stößt

in sein Horn! Er stört die Nacht! Er verwirrt Malmort! Er schreckt

das Land auf! Das leide ich nicht! Ich verbiete es ihm! Ich bringe

den Empörer zum Schweigen!" Und der Wahn gewann Macht über diese Stirn.

Ohne sich nach Palma umzusehen, stürzte sie zornig die Wendeltreppe

hinab und betrat den Hof, wo der Comes und ihr eigenes Bild auf der

Gruft lagen. Darüber webte ein ungewisser Dämmer, da eine leichte

Wolke den Mond verschleierte. Der Comes ließ sein Horn zurückgleiten,

und die steinerne Stemma hob die Hände, als flehe sie: Hüte das

Geheimnis!

Aufgebracht stand die Richterin vor dem Ruhestörer. "Arglistiger",

schalt sie, "was peinigst du mein Ohr und bringst mein Reich in

Aufruhr? Ich weiß, worüber du brütest, und ich will dir Rede stehen!

Keine Maid hat dir der Judex gegeben! Ich trug das Kind eines andern!

Du durftest mich nie berühren, Trunkenbold, und am siebenten Tage

begrub dich Malmort! Siehst du dieses Gift?" Sie hob das Fläschchen

aus dem Busen. "Warum ich leben blieb, die dir den Tod kredenzte?

Dummkopf, mich schützte ein Gegengift! Jetzt weißt du es! Palma

novella unter meinem Herzen hat dich umgebracht! Und jetzt quäle mich

nicht mehr!"

So grelle und freche Worte redete die Richterin.

Durch ihr lautes Schelten zu sich selbst gebracht, betrachtete sie

wieder den Comes, der jetzt im klarsten Mondenlichte lag. Die

furchtbare Geschichte kümmerte ihn nicht, er lag regungslos mit

gestreckten Füßen. Jetzt sah sie, daß sie zum Steine gesprochen, und

schlug eine Lache auf. "Heute bin ich eine Närrin!" sagte sie. "Ich

will zu Bette gehen."

Sie wandte sich. Palma novella stand hinter ihr, weiß, mit

entgeisterten Augen, das Antlitz entstellt, starr vor Entsetzen. Der

zweite Hornstoß hatte sie geweckt, und sie war der Mutter auf

besorgten Zehen nachgeschlichen.

Zwei Gespenster standen sich gegenüber. Dann packte Stemma den Arm

des Mädchens und schleppte es in die Burg zurück. Sie selbst hatte

ihrem Geheimnisse einen Mund und einen Zeugen gegeben, und dieser

Zeuge war ihr Kind.

Die Richterin · 第 11 / 13 题